ESOTERIK

   

 

 

Im Wunsche, viele zu werden und aus sich zahllose Formen zu machen, erschuf er alle Dinge. Er ward das Begrenzte und das Unbegrenzte, das Gegründete und das Grundlose, das Bewußte und das Unbewußte, das Grobe und das Zarte. Er ward zu allem, was es gibt, weshalb die Weisen ihn das Wirkliche nennen. Über diese Wahrheit steht geschrieben: Vor aller Schöpfung war Brahman das Nichtoffenbarte. Aus dem Nichtoffenbarten ward das Offenbare. Aus sich selber brachte er sich selbst hervor. Der Selbstseiende wird er seitdem genannt. (Taittiriya-Upanischaden).

 

Vatermutterkind%203

Esoterik%201
       

 

Verfasserhinweise im Redaktionswegweiser

 

Was ist das ‚Große Arcanum’?

Das Arcanum (lat. Geheimnis, Geheimfach) war ein zentrales und mit einer mystischen Kraft versehenes Mittel der Alchemie. Da deren Rezepturen streng hermetisch waren und nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitervermittelt wurden, existiert keine direkte Überlieferung des Begriffs. Im Hintergrund stand dabei offenbar die Suche nach dem „Stein der Weisen“.

Der Grüne Mann

  Grner Mann 1
   

Die Darstellung eines zumeist männlichen Kopfes, dessen Haupt- und Barthaare die Gestalt von Blättern haben, die außerdem aus seinem Mund hervorwachsen. Obwohl seine Bedeutung offenbar früher eine bestimmte Überlieferung gehabt haben muß, ist diese jedoch heute verlorengegangen. In der jüngeren Literatur lebt sie aber wieder auf. Es scheint so, als gebe es ein latentes Bedürfnis zur Wiederbelebung des darin zum Ausdruck kommenden alten Mythos.

Schamanismus

Mit der archaischen Vorstellung vom Schamanen ist eigentlich immer der Zustand der Trance verbunden, der sowohl durch Halluzinogene als auch durch eine besondere ekstatische Autosuggestion erreicht werden kann. In der Trance verändert sich der Bewußtseinszustand des Schamanen, und er tritt dadurch in eine andere Wirklichkeit, in der er zu paranormalen Fähigkeiten gelangt.

Der Vaudou (Woodoo)

Die im ekstatischen Tanz sich vollziehende Zeremonie des Vaudou bringt die Bereiche der Unterwelt und des Himmels zu einer Einheit, so daß die finstersten und abgründigsten Dinge dabei unmittelbar neben den höchsten zum Ausdruck kommen. Diese Religion steht jenseits von gut und böse; sie bringt das gesamte Leben in eine höhere Wirklichkeit. Insofern gibt es hier keine eindeutige offizielle Moral, sondern alles scheint möglich zu sein, wenn es nur richtig gemacht wird: man muß seine tieferen Anlagen richtig nutzen.

Evokationen

Ende des 19. Jahrhunderts war der Okkultismus große Mode. Besonders bekannt geworden ist der englische magische Orden 'Golden Dawn'. Waren das nur überspannte Menschen oder hatten sie recht, wenn sie davon ausgingen, daß es eine unmittelbare Wechselwirkung zwischen geistigem und physischem Aspekt des Universums gibt? Vielleicht ist unsere uns so sehr vertraute raum-zeitliche Kausalität in Wirklichkeit nur eine Unterscheidung der synchronistischen Beziehungen aller Phänomene. So gesehen sind also alle uns als kausal erscheinenden Abläufe und Manifestationen nur infolge 'geistiger' Abläufe zustande gekommen.

Zahlenmystik

Die Zahlenmystik geht davon aus, daß Zahlen nicht nur geistige Werkzeuge zum Abzählen bestimmter in einer Mehrzahl vorkommender Objekte sind, wie sie beim Rechnen und in der Mathematik verwendet werden, sondern daß sie selbst ursprüngliche Phänomene mit einem eigenen hinter ihnen verborgenen Sinn sind. Insofern werden mehrfach in Erscheinung tretende Dinge als eigenständige Gruppen oder Mengen aufgefaßt, deren Gruppierung nicht zufällig ist und nicht nur aus gleichartigen Elementen besteht, die als solche auch beliebig ergänzt oder vermindert werden können.

Sterberlebnisse 'Out-of-Body' und Reinkarnation

Sind im Weltgeist bzw. der sog- ‚Akasha-Chronik’ alle Erfahrungen und alles Wissen jenseits von Raum und Zeit gespeichert, aus dem das individuelle Bewußtsein lediglich herausgebündelt wurde und in das es dann wieder zurückkehrt, wenn es sich nach Verlassen des körperlichen Gehirnes wieder zurückstülpt? So jedenfalls scheint es sich aus den altindischen Upanishaden und der Lehre des Brahman und Atman zu ergeben. Wenn das Bewußtsein aber in den physischen Körper hineingezogen wird, so wird es damit gleichzeitig vom Weltgeist abgeschnürt, und das hat sicherlich einen evolutionären Grund: es wäre auch für einen Schauspieler wenig ratsam, wenn er sich auf der Bühne ständig an seine früheren Sorgen erinnerte, die ihn momentan nicht interessieren dürfen.

 

Seelenwanderung 1

 

 

Sterbeerlebnisse, ‚Out-of-Body’ und Reinkarnation

 

Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einem Mal nimmt er ein ungeahntes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl, daß er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor. Als ob er ein Beobachter wäre, blickt er nun aus einiger Entfernung auf seinen eigenen Körper. In seinen Gefühlen zutiefst aufgewühlt, wohnt er von diesem seltsamen Beobachtungsposten aus den Wiederbelebungsversuchen bei. Nach einiger Zeit fängt er sich und beginnt, sich immer mehr an seinen merkwürdigen Zustand zu gewöhnen. Wie er entdeckt, besitzt er noch immer einen 'Körper', der sich jedoch sowohl seiner Beschaffenheit als auch seinen Fähigkeiten nach wesentlich von dem physikalischen Körper, den er zurückgelassen hat, unterscheidet. Bald kommt es zu neuen Ereignissen. Andere Wesen nähern sich dem Sterbenden, um ihn zu begrüßen und ihm zu helfen. Er erblickt die Geistwesen bereits verstorbener Verwandter und Freunde, und ein Liebe und Wärme ausstrahlendes Wesen, wie er es noch nie gesehen hat, ein Lichtwesen, erscheint vor ihm. Dieses Wesen richtet - ohne Worte zu gebrauchen - eine Frage an ihn, die ihn dazu bewegen soll, sein Leben als Ganzes zu bewerten. Es hilft ihm dabei, indem es das Panorama der wichtigsten Stationen seines Lebens in einer blitzschnellen Rückschau an ihm vorüberziehen läßt. Einmal scheint es dem Sterbenden, als ob er sich einer Art Schranke oder Grenze näherte, die offenbar die Scheidelinie zwischen dem irdischen und dem folgenden Leben darstellt. Doch wird ihm klar, daß er zur Erde zurückkehren muß, da der Zeitpunkt seines Todes noch nicht gekommen ist. Er sträubt sich dagegen, denn seine Erfahrungen mit dem jenseitigen Leben haben ihn so sehr gefangengenommen, daß er nun nicht mehr umkehren möchte. Er ist von überwältigenden Gefühlen der Freude, der Liebe und des Friedens erfüllt. Trotz seines inneren Widerstandes - und ohne zu wissen, wie - vereinigt er sich dennoch wieder mit seinem physischen Körper und lebt weiter. Bei seinen späteren Versuchen, anderen Menschen von seinem Leben zu berichten, trifft er auf große Schwierigkeiten. Zunächst einmal vermag er keine menschlichen Worte zu finden, mit denen sich überirdische Geschehnisse dieser Art angemessen ausdrücken ließen. Da er zudem entdeckt, daß man ihm mit Spott begegnet, gibt er es ganz auf, anderen davon zu erzählen. Dennoch hinterläßt das Erlebnis tiefe Spuren in seinem Leben. Es beeinflußt namentlich die Art, wie der jeweilige Mensch dem Tod gegenübersteht und dessen Beziehungen zum Leben auffaßt. (R.A. Moody)

Dieses sind die üblichen und immer wiederkehrenden Berichte von Menschen, die nur kurze Zeit an der Schwelle des Todes standen. Der Autor R.A. Moody führt auch weitere Erlebnisse von Menschen auf, deren Begegnung mit dem Tod ungewöhnlich lange gedauert hatte. Dabei kommt es zu weiteren sehr interessanten Erfahrungen. Moody nennt vor allem folgende Erfahrungen: 'Die Vision des Wissens', 'Lichtstädte', und 'Das Reich der verwirrten Geister'. Während ihrer Begegnung mit dem Tod, so berichten viele Menschen übereinstimmend, hätten sie auch einen Blick in einen Bereich geworfen, in dem ihnen alles Wissen - alles vergangene, gegenwärtige und zukünftige - in einem zeitlosen Zustand vorhanden und zugänglich war. Jemand äußerte sich darüber so, daß ihm alle Antworten auf seine Fragen, wenn er sie nur im Geiste stellte, im Handumdrehen zugeflogen kamen. Die Befragten bezeichneten diesen Moment als einen Zustand der Erleuchtung, in denen sie über alles Wissen der Welt zu verfügen schienen, doch waren sie später nicht fähig, ihre diesbezüglichen Erfahrungen in Worte zu fassen, die eben nur zur Darstellung irdischer Erlebnisse geschaffen wurden. Auch dauerte ihr Gefühl des umfassenden Wissens nach ihrer Rückkehr ins Leben nicht fort. Moody äußert, daß er das Gefühl hatte, daß allen diesen Berichten ein und derselbe Bewußtseinszustand zugrunde lag. Als jedoch feststand, daß die Betreffenden wieder ins Leben zurückkehren sollten, seien sie zuvor veranlaßt worden, alles dieses Wissen wieder zu vergessen, und demnach könnten sie sich nur noch an diesen Tatbestand als solchen, nicht aber an die betreffenden Bewußtseinsinhalte selbst mehr erinnern.

Sind im Weltgeist bzw. der sog- ‚Akasha-Chronik’ alle Erfahrungen und alles Wissen jenseits von Raum und Zeit gespeichert, aus dem das individuelle Bewußtsein lediglich herausgebündelt wurde und in das es dann wieder zurückkehrt, wenn es sich nach Verlassen des körperlichen Gehirnes wieder zurückstülpt? Wenn das Bewußtsein aber in den physischen Körper hineingezogen wird, so wird es damit gleichzeitig vom Weltgeist abgeschnürt, und das hat sicherlich einen evolutionären Grund: es wäre auch für einen Schauspieler wenig ratsam, wenn er sich auf der Bühne ständig an seine privaten Sorgen erinnerte, die ihn momentan nicht interessieren dürfen. Das Lebensspiel - wenn wir es einmal so nennen wollen - soll auch dazu dienen, wie wir noch sehen werden, etwas hinzuzulernen, und das geht nur dadurch, daß man zuvor jede Theorie vergißt, die bekanntlich bestimmt, was wir erkennen. Die Aussage, daß das betreffende Wissen einem in dem Moment zugeflogen käme, wenn man die bestimmte Frage auch nur dächte, weist zudem wieder auf die analogische und synchronistische Struktur jenseits von Zeit und Raum hin, die wir bereits als Sprache des Universums bezeichneten. Ich möchte hier aber eine allgemeine Bemerkung einfügen: Natürlich ist es methodisch angebracht, allen solchen Berichten zunächst mit Skepsis zu begegnen und nach ganz rationalen Erklärungen zu suchen. So könnte man diese Sterbeerlebnisse gewissermaßen als ein Notprogramm des Gehirnes deuten, das den Sterbenden aus seiner psychischen Not befreien soll. Aber andererseits müßte man, wenn man schon so argumentiert, fragen, warum sich denn die Natur diese Mühe machen sollte, da sie doch auch sonst so grausam ist und es für diese Dinge keine evolutionäre Notwendigkeit mehr gibt, weil die Sterbenden bereits ihrer Fortpflanzungspflicht genügt haben. Dennoch will ich bei allen Vorträgen, die ich auch weiterhin bringe, diese gewissermaßen vorerst ungeprüft ansammeln und am Ende fragen, wie sich alles in ein Gesamtschema einfügen läßt. Erhärtet sich eine bestimmte Vermutung dabei nicht, so gerät ein Vortrag deshalb von ganz alleine in Vergessenheit. Dennoch werde ich aus Gründen, die sich aus der Gliederung des Stoffes ergeben, bisweilen bestimmte Anmerkungen machen, wie sich die Dinge in unser bereits erahntes Bild einordnen lassen könnten, wobei ich mich allerdings von bestimmten Informationen leiten lasse, die ich erst in den folgenden Kapiteln darlegen kann.

Kommen wir noch einmal auf das Tunnelerlebnis zurück. Wir erinnern uns an Moodys Berichtauszug: "...nimmt er ein ungeahntes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl, daß er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers..." Auch die Schamanenreisen werden von den Schamanen als außerkörperliche Reisen aufgefaßt. Sie gelangen während ihrer Trance zu Kenntnissen, die sie eigentlich nur gewinnen konnten, wenn sie sich inzwischen an ganz anderen Orten aufgehalten haben. Hier zeigt sich eine tiefe Beziehung zu der wie auch immer beschaffenen Realität der Sterbeerlebnisse. Die Schamanentunnel wurden als sehr enganliegend und wie angegossen beschrieben, und genauso beschreiben auch Moodys Gesprächspartner jenen Tunnel, durch den die Sterbenden gezogen werden: ein langer dunkler Gang, ein Rohr... "Ich bewegte mich hin und her, vibrierte die ganze Zeit im Rhythmus dieses Geräuschs..." - "Trat ich mit dem Kopf voran in einen ungemein dunklen Durchgang ein, in den ich offenbar haargenau hineinpaßte. Ich begann hindurchzugleiten, tiefer und immer tiefer." Und auch die merkwürdigen Geräusche passen sehr zu den Trommelrhythmen, die die Tunnelreise des Schamanen einleiten und begleiten. Hat hier ein reines Kulturprodukt seinen Abdruck im Jenseits hinterlassen oder kommt umgekehrt die halluzinogene Wirkung des Trommelklanges aus einer geistigen Welt? Wir haben es hier ganz offensichtlich mit dem Henne-Ei-Problem zu tun, das auch zweifellos ganz ähnlich beantwortet werden muß - ja, dieses Problem scheint auf ein absolutes Grundmotiv des Universums zu verweisen. Es kehrt immer und in allem wieder, weil im Universum alles aus einer gemeinsamen Urquelle entstanden ist und es grundsätzlich nichts später erst neu Hinzugetretenes gibt. Alle Emergenzen sind somit nur eine Illusion. Vermutlich gilt das auch für das Geburtserlebnis, obwohl das doch scheinbar erst bei den Säugetieren zum ersten Mal aufgetreten sein kann. In Wirklichkeit hat sich hier aber wohl ebenfalls eine physische Realität aus einer präexistenten geistigen ergeben und umgekehrt.

Welches Realitätserlebnis haben die Verstorbenen? Jemand berichtet: "Ich dachte, jetzt bin ich tot. Nicht, daß ich das bedauert hätte, doch konnte ich einfach nicht darauf kommen, wohin ich denn jetzt eigentlich gehen sollte. Mein Denken und Bewußtsein waren absolut dasselbe wie im Leben, aber ich konnte mir das Ganze nicht erklären..." Die Verstorbenen hatten nicht das Gefühl, sich in einem wie auch immer gearteten Körper aufzuhalten, sondern nahmen sich als reines Bewußtsein wahr. Niemand konnte seinen 'Leib' wirklich beschreiben, wenn er auch hin und wieder davon sprach, aber wohl mehr im Sinne einer Erinnerung oder einer Denkgewohnheit.


 

 

Übereinstimmende Erfahrungen

Ein wichtiges Erlebnis ist die Begegnung mit einem hellen Licht. Beim ersten Auftreten ist es noch nicht sehr hell, steigert aber bald seine Helligkeit so weit, daß es als weiß und klar beschrieben wird. Aber für alle Verstorbenen war klar, daß dieses Licht in Wirklichkeit ein lebendes Wesen war, ein Lichtwesen. Es hatte einen personalen Charakter und ein persönliches Gepräge. Es strömte große Liebe und Wärme aus, der Sterbende fühlt sich davon vollkommen umschlossen und geborgen. Obwohl diese Erscheinung in dieser Hinsicht von niemandem abweichend beschrieben wird, wird es jedoch je nach religiöser Überzeugung abweichend benannt. Die Christen identifizieren es als Christus, Juden als Engel, ein Atheist einfach nur als Lichtwesen. Alle hielten das Wesen für einen Abgesandten oder Führer. Dieser nahm mit dem Sterbenden oder gerade Verstorbenen auf offenbar telepathische Weise Verbindung auf, wobei Mißverständnisse und Lügen völlig unmöglich waren. Der Sinn wurde augenblicklich vermittelt, und zwar jenseits jeder Muttersprache. Der Sterbende wird dabei gefragt, ob er bereit sei zu sterben und was er in seinem Leben getan habe, das er jetzt vorweisen könne. "Was hast du mit deinem Leben angefangen, das bestehen kann?" Aber diese Frage wird keineswegs vorwurfsvoll gestellt. Gleichgültig, wie auch immer die Antwort ausfällt, geht doch nach wie vor die gleiche uneingeschränkte Liebe und Bejahung von dem Lichtwesen aus. Der Sinn der Frage scheint vielmehr darin zu liegen, das eigene Leben offen und aufrichtig zu durchdenken. Dem Sterbenden soll geholfen werden, auf dem Weg der Wahrheit voranzuschreiten. Ein weiteres Grunderlebnis im fortgeschrittenen Todesnähestadium ist das einer Lichtstadt. Jemand berichtet:

Aus der Ferne klangen Töne zu mir herüber. Die ganze Zeit über war ich bei vollem Bewußtsein und bekam alles mit, was um mich herum geschah. Ich hörte, wie der Herzmonitor aussetzte. Ich sah, wie die Schwester ins Zimmer kam und ans Telefon ging, wie die Ärzte, Schwestern und Pfleger hereinkamen. Als die Umgebung zu verblassen begann, hörte ich ein Geräusch, das ich nicht beschreiben kann. Es klang ungefähr so wie ein sehr schneller Trommelwirbel(!), ein rauschendes Tosen, wie ein Gebirgsbach in einer engen Schlucht. Und ich erhob mich und blickte aus einiger Höhe hinab auf meinen eigenen Körper. Da lag also ich selbst, und Leute arbeiteten an mir herum. Ich hatte keine Angst. Keine Schmerzen. Nur Frieden und Ruhe. Das dauerte wahrscheinlich nur eine Sekunde oder zwei, und schon fühlte ich mich herumgedreht und emporgehoben. Zuerst war alles dunkel, man könnte sagen: es war ein lichtloser Gang oder ein Tunnel. Und dann kam so ein helles Licht. Es wurde heller und heller. Und ich schien durch dieses Leuchten hindurchzuschweben. Urplötzlich befand ich mich in einer ganz anderen Umgebung. Es herrschte ein golden funkelndes Leuchten überall. Wunderschön war das. Nirgendwo konnte ich die Lichtquellen entdecken. Die Helligkeit erfüllte einfach alles und kam von überall her. Und Musik war zu hören. Ich sah mich in eine liebliche Landschaft versetzt mit Bächen und Wiesen, Bäumen und Bergen. Aber wenn ich mich umschaute - sozusagen, nicht wahr? - dann waren das gar keine Bäume oder andere Naturdinge, wie wir sie bei uns hier kennen. Das Seltsamste an der ganzen Sache war für mich, daß es dort Menschen gab. Nicht in irgendeiner Gestalt oder Körperlichkeit, wie wir es gewohnt sind, sondern sie waren eben einfach da, sie existierten. Es herrschte dort eine Stimmung wunschlosen Friedens und grenzenloser Liebe. Und es war, als ob ich ein Teil davon gewesen wäre. Dieses Erlebnis kann die ganze Nacht gedauert haben oder auch nur eine Sekunde, ich weiß es nicht.

Eine Frau berichtete folgendes:

Da war zunächst so etwas wie eine Schwingung. Das Schwingen umgab mich, kam auf meinen Körper zu von allen Seiten. Mein Körper wurde gleichsam in Schwingungen versetzt, aber woher diese Schwingungen kamen, das weiß ich nicht. Als nun das Vibrieren anhielt, wurde ich auseinandergetrennt. Danach konnte ich meinen eigenen Körper sehen. Ich verweilte eine Zeitlang und schaute zu, wie der Arzt und die Schwestern sich an meinem Körper zu schaffen machten, und ich wartete gespannt, was nun wohl kommen würde. Ich befand mich am Kopfende meines Bettes, während ich ihnen zusah und meinen Körper betrachtete. Da streckte zu einem bestimmten Zeitpunkt eine der Schwestern die Hand nach der Sauerstoffmaske an der Wand über meinem Kopfende aus, und sie hat dabei durch meinen Hals hindurchgegriffen! Nachdem ich in die Höhe geschwebt war, ging es mit mir durch so einen dunklen Tunnel. Ich verschwand in dem schwarzen Tunnel und kam dann in eine strahlende Helligkeit. Nicht lange danach umgaben mich meine Großeltern und mein Vater und mein Bruder, die schon früher gestorben waren. Ringsherum leuchtete ein wunderschönes, strahlendes Licht. Und auch die Umgebung war schön. Farben gab es da, leuchtend hell, nicht wie hier auf der Erde, sondern eben ganz unbeschreiblich intensiv. Es gab dort Menschen, glückliche Menschen. Menschen waren in der Nähe, einige bildeten Gruppen. Einige waren mit Studieren beschäftigt. In der Ferne, da konnte ich eine Stadt liegen sehen. Bauwerke standen da, einzelne Gebäude. Sie schimmerten hell herüber. In ihrem Inneren weilten glückliche Menschen. Wasser blinkte auf, Springbrunnen sprühten, eine Lichtstadt, so kann man es vielleicht noch am besten bezeichnen. Es war wundervoll. Herrliche Musik ertönte. Alles erstrahlte in wunderbarem Glanz. Aber wenn ich nach dort hinübergegangen wäre, ich wäre wohl nie wiedergekehrt. Es hieß, wenn ich erst einmal dort hingegangen sei, dann könnte ich nicht mehr zurück, die Entscheidung liege bei mir.

Ein Mann berichtete, wenn man hinüberginge auf die andere Seite, käme zuerst ein Fluß. Und auf die Frage, wie er dort hinübergelangt sei, antwortete er, er sei einfach hinübergelaufen. Andere Personen berichteten, sie seien auf ihrem Wege auch durch einen Bereich gekommen, in dem sich Wesen aufgehalten hätten, die offenbar in einem höchst unglücklichen Zustand gefangen waren. Diese Personen seien absolut unfähig gewesen, ihre Bindungen an die physikalische Körperwelt aufzugeben, sie konnten wohl noch nicht auf die andere Seite gehen, weil ihr Geist noch im Diesseits verhaftet war. Sie hätten abgestumpft gewirkt, und ihr Bewußtsein sei irgendwie eingeengt gewesen, doch sie hätten sich in diesem Bereich nur so lange aufgehalten, bis sie ihre besondere Problematik, die sie in diesem Zustand gefangen hielt, überwunden hätten. Dem Aussehen nach seien diese Menschen viel menschenähnlicher gewesen als alle anderen, bei denen man in diesen Kategorien nicht mehr denken könnte, doch hätten sie dennoch nicht mehr ganz so ausgesehen wie die irdischen Menschen. Was man für ihren Kopf hätte halten sollen, das hätten sie tief gesenkt gehalten, ihre Züge seien voller Trauer und Verzweiflung gewesen, sie hätten sich nur schleppend bewegt, wie ein Sträflingszug in schweren Ketten, doch erkennbare Füße hätten sie nicht besessen. Sie wirkten wie ausgemergelt, und es habe so ausgesehen, als würden sie immer und ewig so herumtrotten und wüßten nicht, wohin sie gehen und was sie tun sollten. In ihrem Verhalten habe nur die absolute Hoffnungslosigkeit gelegen, und sie hätten auch nicht gewußt, wer oder was sie waren. Sie schienen zwischen der Körper- und der Geisterwelt festzusitzen und ewig herumzuirren, ohne je zur Ruhe zu kommen.

Für die Buddhisten sind die geschilderten Sterbeerfahrungen so selbstverständlich, daß sie den Sterbenden dabei mit Handlungsanweisungen begleiten, die sie ihm ins Ohr flüstern. Diese Anweisungen sind in dem berühmten 'Bardo Thödol' enthalten, das wir als das 'Tibetanische Totenbuch' kennen. Dieses Buch sollte nicht nur von Menschen studiert werden, die sich auf den Tod vorbereiten, sondern durchaus auch von noch sehr jungen Menschen, um eine bewußtere Einstellung zu diesen Dingen zu gewinnen, mit der man nicht frühzeitig genug beginnen kann. Denn zum einen hilft uns das, auch unser diesseitiges Leben bewußter und wesentlicher zu gestalten, anstatt uns mit Dingen aufzuhalten, die wir später lange genug als kostbare vergeudete Zeit empfinden, und zum anderen haben wir im Jenseits nichts anderes als unseren geistigen Körper, also unsere geistige Identität, die allein durch die konstanten geistigen Inhalte bestimmt wird, die uns im Diesseits beschäftigten und erfüllten und die dann darüber entscheiden, wohin wir verschlagen werden und was uns weiter geschieht. Dieses scheint zumindest ein wesentlicher Mechanismus zu sein, der sogar in vieler Hinsicht unserer bereits im Diesseits gewonnenen Lebenserfahrung entspricht, wenn es sicher auch noch andere Mechanismen gibt.

Das Bardo Thödol hat eine ganz bestimmte formale Gestalt und befremdet ein wenig in seiner Konventionalität. Da wir aber nicht zuletzt aus dem Bereich der Kunst wissen, daß Form und Inhalt niemals zu trennen sind und sich gegenseitig bedingen, daß also ohne Form kein Inhalt möglich ist, und da auch bestimmte Zeremonien gerade wegen ihrer Konventionalität als 'Wegbahnungen' geistiger Ereignisse und Manifestationen dienen, sollte man ihren tieferen Sinn nicht in Frage stellen. Das Bardo Thödol gibt also ganz bestimmte Anweisungen, wie mit dem Sterbenden zu verfahren ist. Nach längerer Einführung kommen dann die Anweisungen für die Dinge, die man ihm ins Ohr zu sagen hat, wobei ebenfalls genau geschildert ist, wie das zu geschehen hat. Wenn der Sterbende zu schlafen versucht, sollte dies unterbrochen werden, damit er ganz bewußt(!) seinen Weg ins Jenseits beschreitet und dabei auch alles richtig(!) macht, entsprechend den ihm zugeflüsterten Anweisungen. Man sollte ihm zum Beispiel die Schlagadern zudrücken, heißt es, damit die Lebenskraft nicht aus dem 'Mittelnerv' zurückkehren kann und sicher durch die 'brahmanische Öffnung' austritt. Wenn dann der entscheidende Augenblick gekommen ist, beginnt man mit der Rede so:

O Edelgeborener ..., jetzt ist die Zeit gekommen, wo du den Pfad suchst. Dein Atem hört gleich auf. Dein Guru hat dich zuvor von Angesicht zu Angesicht gesetzt mit dem Klaren Licht, und du bist jetzt im Begriff, es in seiner Wirklichkeit im Bardo-Zustand zu erfahren, worin alle Dinge wie der leere wolkenlose Himmel sind, und der nackte fleckenlose Geist wie ein durchsichtiges Vakuum ohne Umkreis oder Mittelpunkt. In diesem Augenblick erkenne dich selbst und verharre in diesem Zustand. Auch ich - zu dieser Zeit - setzte dich von Angesicht zu Angesicht...

Nachdem dieses gelesen worden ist, so lautet die Anweisung, soll man es viele Male in das Ohr des Sterbenden wiederholen, sogar schon bereits bevor die Atmung aufhört, damit es sich dem Sinn des Sterbenden einprägt. Zu dieser Zeit kann der Verstorbene sehen, daß sein Anteil an Nahrung beiseite gesetzt wird, daß man den Körper seiner Kleider entledigt, daß der Platz seines Schlafteppichs gereinigt wird, er kann alles Weinen und Wehklagen seiner Freunde und Verwandten hören, und obgleich er sie sehen und sie nach ihm rufen hören kann, können sie sein Rufen nach ihnen nicht hören, weshalb er unzufrieden weggeht. Dann wird wieder in der Anrufung fortgefahren:

O, Edelgeborener, das, was man Tod nennt, ist jetzt gekommen. Du scheidest von der Welt, aber du bist nicht der einzige: der Tod kommt zu allen. Klammere dich nicht aus Liebe oder Schwäche an dieses Leben. Auch wenn du dich aus Schwäche daran klammerst, du hast doch nicht die Kraft, hier zu bleiben. Du gewinnst nichts davon, außer dem Herumirren in diesem 'Samsara' (das ist der Kreislauf der Wiedergeburten). Hänge nicht an dieser Welt, sei nicht schwach...

So wird dem Verstorbenen empfohlen, alle Bilder, die ihm erscheinen, als Spiegelbilder seines eigenen Bewußtseins zu erkennen:

O, Edelgeborener, als sich dein Körper und Geist trennten, mußt du einen Schimmer der Reinen Wahrheit erfahren haben, sanft, sprühend, hell, blendend, wunderbar und strahlend, ehrfurchterregend, anzusehen wie eine Fata Morgana, die über eine Landschaft im Frühling in einem ununterbrochenen Strom von Vibrationen dahinzieht. (Wir erkennen hier alle vorerwähnten Motive wieder!) Laß dich nicht davon anfechten, nicht erschrecken, nicht einschüchtern. Das ist die Strahlung deiner eigenen wahren Natur. Erkenne sie! Aus der Mitte dieser Strahlung kommt der natürliche Klang der Wirklichkeit, widerhallend wie tausend Donner, die zugleich erschallen. Das ist der natürliche Klang deines eigenen wirklichen Selbst. Laß dich nicht davon anfechten, nicht erschrecken, nicht einschüchtern. Der Körper, den du jetzt hast, wird der Gedankenkörper der Neigungen genannt. Da du keinen materiellen Körper von Fleisch und Blut hast, können, was auch kommen mag - Klänge, Lichter oder Strahlen -, dir nichts anhaben: du bist unfähig zu sterben. Es genügt vollends, daß du weißt, daß diese Schemen deine eigenen Gedankenformen sind. Erkenne dies als dein Bardo (Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt). O Edelgeborener, wenn du jetzt nicht deine eigenen Gedankenformen erkennst - was du auch an Meditation oder frommen Übungen in der Menschenwelt verrichtet haben magst -, wenn dir diese jetzige Lehre nicht begegnet ist, werden die Lichter dich aufhalten, die Klänge dir Furcht einjagen und die Strahlen dich erschrecken. So du nicht diesen allerwichtigsten Schlüssel zu den Lehren hast - und damit nicht fähig bist, die Klänge, Lichter und Strahlen zu erkennen -, wirst du in den Samsara zu wandern haben.


 

 

 

Karmatechniken

Auf diese Weise werden dem Verstorbenen auch die folgenden Heimsuchungen, denen er begegnet, genau erklärt und ihm geraten, wie er sich dabei verhalten muß. Ganz besonders wird ihm wiederholt geraten, sich nicht von einem auftauchenden wunderbaren blauen Licht blenden und einschüchtern zu lassen, nicht davor zu fliehen und nicht stattdessen Zuneigung zu einem trüben weißen Licht zu fassen, denn das blaue Licht ist die Weisheit, während das trübe Licht ihn in einen Bereich zieht, der ihn auf dem Pfad der Befreiung vom Samsara aufhält: "Sieh es nicht an! Sieh auf das helle blaue Licht in tiefem Glauben!" Später begegnet dem Verstorbenen ein trübes rauchfarbiges Licht, das das Licht der Hölle ist. Auch dieses sollte er natürlich meiden, denn es soll ihn wegen seines bösen Karmas (das Gesetz der nachwirkenden Taten: jede Willenstendenz formt nämlich unseren Charakter und bestimmt damit unsere Zukunft im Diesseits und Jenseits, also unser Handeln und unser Schicksal) empfangen. Wenn er sich davon anziehen läßt, wird er unerträgliches Leid zu dulden haben, und es ist ganz ungewiß, so heißt es, wann er daraus wieder herauskommt. Natürlich könnte man sich fragen, in wieweit es möglich sein kann, durch derartige Ratschläge einem göttlichen Gesetz zu entgehen, aber gerade hierin sind die Buddhisten sehr nüchtern: sie sehen das karmische Gesetz wie auch alle Jenseitsphänomene und sogar die Gottheiten und Dämonen gewissermaßen wie Bestandteile eines mechanischen Ablaufes, in den man durchaus eingreifen kann - am besten allerdings durch diesseitige Taten. So gesehen könnte man den Buddhismus sogar als atheistische Religion bezeichnen (da ja alle Gottheiten als jenseitige Manifestation diesseitiger Glaubensinhalte erkannt werden), jedenfalls in seinem esoterischen Aspekt, der allerdings in der exoterischen Praxis kaum so gesehen wird. Aber bisweilen können die besten Hinweise nicht helfen: dann nämlich, wenn das Karma einfach zu schlecht ist. Nochmals erfolgt die Warnung:

Liebe nicht jenes trübe, bläuliche Licht aus der Menschenwelt. Das ist der Pfad deiner angehäuften Neigungen von überwältigendem Ich-Dünkel, der dich da empfängt. Wenn du dich von ihm anziehen läßt (und es ist umso stärker, je schlechter das Karma ist!), wirst du in der Menschenwelt geboren werden und Geburt, Alter, Krankheiten und Tod zu leiden haben, ohne Möglichkeit, aus dem Morast weltlichen Daseins herauszukommen. Das ist eine Unterbrechung, die dich auf dem Pfad der Befreiung aufhält. Achte deshalb nicht auf sie und gib deinen Ich-Dünkel auf, gib Neigungen auf, laß dich nicht davon anziehen, sei nicht schwach.

Wenn man so von Angesicht zu Angesicht gesetzt wird, heißt es weiter in den Ausführungen, erreicht man, wie schwach auch die geistigen Fähigkeiten sein mögen, sicherlich Befreiung. Dennoch gibt es Menschen, die, obgleich oft von Angesicht zu Angesicht gesetzt, so viel böses Karma geschaffen oder ihre Gelübde nicht gehalten haben, oder deren Los (für höhere Entwicklungen) völlig fehlt, trotzdem nichts erkennen können: ihre Verdunkelungen und ihr schlechtes Karma aus Begehren und Geiz erzeugen Schauer vor den Klängen und Strahlungen, sodaß sie fliehen.

Wir werden hier unmittelbar zum Kernpunkt der buddhistischen Lehre geführt: es geht vor allem darum, dem Samsara zu entfliehen, also gerade nicht wiedergeboren zu werden, sondern von dem irdischen Sein erlöst zu werden, wozu man (gewissermaßen aus rein technischen Gründen) sein Karma möglichst verbessern muß. Die Ethik erscheint uns hier plötzlich als ein absolut logisches Prinzip: ein individuelles Bewußtsein, das sich allzu sehr vom Weltgeist abkoppelt, egoistisch handelt und in eine Ich-Illusion verfällt, handelt damit gegen das Weltgeist-Prinzip und muß damit zwangsläufig als fehlerhaft und einer weiteren Lehrzeit bedürftig erscheinen, was demnach heißt, daß es nochmals in das Leben zurück muß. Mangelhafte Ethik wird hier ganz zwangsläufig mit mangelhafter Erkenntnis gleichgesetzt, was nicht gerade westlichem Denken entspricht, obwohl jeder etwas nachdenkliche Mensch eigentlich fühlen müßte, daß es so ist und es auch durch allgemeine Menschenkenntnis so erfährt: Niedertracht und Dummheit kommen immer aus der gleichen Quelle. Für den Buddhismus ist mangelhafte Erkenntnis gleichzusetzen mit mangelhafter Ethik, und deshalb geht es ihm eigentlich in erster Linie um das Ziel wachsender Erkenntnis, was alles andere stillschweigend beinhaltet.

Jeder ist also der Architekt seines eigenen Schicksals, aber man hat kurzfristig nicht die Macht, daran etwas wesentliches zu verändern, denn dieses ändert an dem Gesamtpaket nichts, dessen Lauf gewissermaßen dem physikalischen Trägheitsgesetz folgt. Wir können uns unser Karma als eine schwere Lokomotive vorstellen, deren Gestalt und Richtung wir während ihrer Fahrt ständig verändern, aber selbstverständlich immer nur ein wenig. Und je schlechter die Gegend ist, durch die ihre Fahrt geht, desto schlimmer sieht sie hinterher aus. Doch ständige Arbeit verbessert allmählich ihre Richtung und damit auch den Bereich, durch den ihre Fahrt geht, der dabei besser und besser werden kann. Aber immer ist unser Schicksal mit dem Lauf dieser Lokomotive identisch, und selbst die Auffassung, daß das im Diesseits wenigstens nicht gelte, beruht auf einem zu kurzen Denken und einer falschen Wertgebung. Man verfügt somit nur jeweils über die Möglichkeiten, die aus der Mitte des eigenen Karmas kommen, mit dem die eigene Existenz im Jenseits völlig identisch ist, da dort der physische Körper nicht mehr vorhanden ist. Es gibt dafür eine analoge Alltagserfahrung, die das bestätigt: die Art und Weise, wie man in einer bestimmten Situation reagiert, ist auch nicht durch den unmittelbaren Willen bestimmt, sondern durch die eigene Persönlichkeit, die erst allmählich zuvor aufgebaut wurde und sich nun holistisch zu einer Einzelreaktion komprimiert. Das Karma ist somit die einzige Kraft, die einen im Bardo leiten kann, und Ethik ist deshalb kein Luxus, sondern dient zur Stabilisierung der eigenen Persönlichkeit.

Der Sterbende ist dringend im Bardo auf sein Karma angewiesen, denn er hat keine andere Waffe gegen die vielen Dämonen, die ihm begegnen und die als Archetypen aus der Tiefe seines Selbst aufsteigen. Immer aber wird durch die Hinweise des Totenbuches eine Belehrung gegeben, die dem Jenseitswanderer helfen soll, aus seinen Verstrickungen doch noch einen Ausweg zu finden und erlöst zu werden, indem er über die eigentliche Natur der Visionen aufgeklärt wird, deren Bildersprache natürlich nicht nur individuell ist. Im Gegensatz zu der christlichen Religion werden die Götter und Dämonen also niemals als absolut und völlig objektiv gegeben gesetzt, sondern sie sind Manifestationen geistiger Vorgänge, was allerdings ihrer Realität insofern keinen Abbruch tut, als man mit ihnen zu rechnen hat. Dieses ist eine Sicht der Dinge, die sich dem Bereich bloßen Glaubens entzieht und auch dem skeptischen Logiker und Ungläubigen keinen Ausweg läßt. Es geht hier nicht um Glauben oder Unglauben, sondern um Wissen oder Nichtwissen. Es ist nicht wirklich nötig, an die Götter und Dämonen zu glauben, es genügt zu wissen, daß man mit ihnen zu rechnen hat. Niemand kann sich selbst entfliehen.

C.G. Jung sagt dazu:

Das Bardo Thödol gibt dem Toten die letzte Wahrheit mit, daß auch die Götter Schein und Licht der eigenen Seele sind. Damit ist dem östlichen Menschen keine Sonne untergegangen, wie dem Christen, welchem Gott dadurch geraubt würde, sondern seine Seele selber ist das Licht der Gottheit, und die Gottheit ist die Seele... Es ist sinnvoll, dem Toten in allererster Linie den Primat der Seele klarzumachen, denn das Leben macht einem eher alles andere klar. Im Leben sind wir in eine Unzahl von sich stoßenden, bedrückenden Dingen eingezwängt, wo man schon gar nicht dazu kommt - vor lauter 'Gegebenheiten' - daran zu denken, wer eigentlich 'gegeben' hat: Der Geber aller Gegebenheiten wohnt in uns selber, eine Wahrheit, die trotz aller Evidenz in den größten sowohl wie in den kleinsten Dingen nie gewußt wird, wo es doch nur zu oft nötig, ja unerläßlich wäre, es zu wissen... Das animalische Wesen des Menschen sträubt sich dagegen, sich als den Macher seiner Gegebenheiten zu empfinden. Deshalb waren Versuche dieser Art immer Gegenstand geheimer Initiationen, zu denen in der Regel ein figürlicher Tod gehörte, der den totalen Charakter der Umkehr symbolisierte. Tatsächlich bezweckt auch die Belehrung des Thödol, die Initiationserlebnisse oder die Lehren des Guru dem Toten wieder in Erinnerung zu rufen, denn die Belehrung ist im Grunde nichts anderes als eine Initiation des Toten ins Bardo-Leben, wie auch die Initiation der Lebenden nichts anderes ist als eine Vorbereitung auf das Jenseits. Das 'Jenseits' ist aber zunächst - bei der Initiation der Lebenden - keineswegs ein Jenseits des Todes, sondern eine Umkehr der Gesinnung, ein psychologisches Jenseits also. Christlich ausgedrückt: eine 'Erlösung' aus den Banden der Welt der Sünde. Die Erlösung ist eine Ablösung und Befreiung aus einem früheren Zustande der Finsternis und Unbewußtheit zu einem Zustande der Erleuchtung, Losgelöstheit, Überwindung und des Triumphes über 'Gegebenheiten'...

Über die eigentümliche Sprache des Bardo Thödol und seine Hinweise hätten wir sicher noch vor kurzer Zeit gelächelt und sie wie die sonstigen Aussagen der Mystiker in den Bereich mittelalterlichen Aberglaubens oder jedenfalls einer vorwissenschaftlichen kulturellen Phase eingeordnet. In der Tat hat sich die buddhistische Kultur nicht in unserem westlichen 'wissenschaftlichen' Sinne hochentwickelt, aber wie gesagt müssen wir heute davon einen ganz ähnlichen Eindruck haben wie hochmodern ausgerüstete Bergsteiger, die zum ersten Mal einen vermeintlich noch nie bestiegenen Berggipfel erreicht haben und dort eine schon seit ewig langer Zeit gehißte Fahne vorfinden, die offenbar von barfuß heraufgestiegenen Leuten dorthin gebracht wurde.

Vorerst wollen wir es bei diesen Sterbeerlebnissen belassen. Ein Hinweis aber erscheint dazu wichtig: alle diese körperlichen Exkursionen sind insofern verifizierbar, als das dabei Gesehene von anderen Menschen später bestätigt werden kann. So haben die Ärzte etwa bestätigt, ganz genau die geschilderten Maßnahmen ergriffen zu haben, von denen später der Patient berichtete, daß er sie dabei beobachtet habe, obwohl er - oder sein physischer Körper - doch zugleich in einem tiefen Koma lag oder bereits für tot gehalten wurde! Schon diese Tatsache sollte uns darauf verweisen, daß es sich bei diesen Schilderungen nicht nur um bloße Geistesprojektionen handeln kann. Aber worum handelt es sich dann?

Der Autor C. Berlitz berichtet übrigens von einem Sterbeerlebnis, bei dem der Patient bereits nach dem Verlassen seines Körpers über das Dach des Hauses hinausgeschwebt war und dabei verwundert in einer Dachrinne einen Tennisschuh liegen sehen hatte, der dort seiner Meinung nach nichts zu suchen hatte und gewissermaßen seinen Ordnungssinn störte. Nachdem er ins Leben zurückgekehrt war, ging er später auf den Dachboden und blickte durch ein kleines Dachfenster in die Rinne. Und tatsächlich: da lag der Tennisschuh! Solche Berichte lassen sich häufen und zeigen uns, daß wir es hier mit einer wie auch immer gearteten Realität zu tun haben - oder richtiger gesagt, daß unsere Vorstellungen von einer handfesten und harten Realität außerhalb der Welt des Geistes revisionsbedürftig sind. Wir sollten immer daran denken, wie mühsam wir uns diese Vorstellungen als Säuglinge aufgebaut und konstruiert haben!


 

 

Astralreisen

Wir kommen damit zu dem aus esoterischen Schriften sehr bekannten Thema der sogenannten 'Astralreisen', also Reisen außerhalb des Körpers. Schon die alten Ägypter gingen von der Tatsache dieser Möglichkeit aus, wie wir aus bestimmten Wandbildern in Grabkammern entnehmen können, und sehr verbreitet ist auch die Auffassung, daß wir alle während des Schlafes zumindest in bestimmten Phasen, die wir später als Traumerlebnisse interpretieren, falls wir uns an sie zurückerinnern, in Wirklichkeit auch unseren Körper verlassen hatten. Bei Naturvölkern mit schamanischer Kultur ist die 'Seelenwanderung' eine sehr geläufige Sache, und lediglich aus unserem heutigen positivistischen Weltbild sind solche Dinge völlig verdrängt worden, womit wir allerdings wieder sehr alleine stehen. Wir sollten uns nach allem nicht mehr allzu sehr auf die Richtigkeit dieses Weltbildes verlassen und uns auf die Unbequemlichkeit bestimmter Umdenkungsprozesse einrichten, wenn wir nicht alle möglichen Dinge weiterhin verdrängen wollen, die tatsächlich außerordentlich dicht bezeugt werden. Wir wollen damit nicht für eine unkritische Haltung eintreten, sondern lediglich eine offenere, die zunächst einmal Informationen sammelt und später darüber entscheidet, ob sich diese in irgendeiner sinnvollen Weise anderen Dingen zuordnen lassen oder nicht. Nur ein solches Vorgehen erscheint als aufrichtige Erkenntnismethode.

Hier sollten wir auch die merkwürdigen Berichte des Amerikaners Robert A. Monroe erwähnen, der seinem eigenen Bekunden nach auch über die Fähigkeit zu Astralreisen in einigermaßen gewöhnlichem Bewußtseinszustand, also ohne Todesnähe-Erfahrungen, Drogeneinnahmen oder meditative Versenkungen verfügt. Seine Berichte gehen deshalb sehr weit und sind äußerst ausführlich, weil er über seine diesbezüglichen Erfahrungen jahrelang Protokolle angefertigt hat. Viele seiner Außerkörper-Erfahrungen wurden dabei in ähnlicher Weise wie das erwähnte Tennisschuh-Erlebnis später bestätigt, vielfach durch fremde Zeugen, die tatsächlich zu dem Zeitpunkt, zu dem Monroe sie 'astral' besucht hatte, den Tätigkeiten nachgingen, bei denen Monroe sie beobachtet hatte. Ursprünglich war Monroe zu seiner Fähigkeit rein zufällig gekommen, als er von einem Tonbandgerät ein bestimmtes Schwingungssignal abhörte und sich dabei sehr intensiv darauf konzentrierte. Dieser Bericht erinnert übrigens stark an das monotone Trommeln, durch das man in schamanische Bewußtseinszustände versetzt werden kann: man begegnet immer wieder bestimmten Parallelen in allen derartigen Berichten, und bestimmte Schwingungen tauchten ja auch schon in einem der vorerwähnten Todesnäheberichte auf. Die von Monroe erwähnten Schwingungen brachten ihn zu seinen ersten ungewöhnlichen Erfahrungen, die später schrittweise dazu führten, daß er seinen Körper verlassen konnte. Übrigens hatte er angeblich später ein Gerät konstruiert, das systematisch derartige Schwingungen erzeugte und mit dessen Hilfe er auch anderen Personen zu Astralreisen verhelfen konnte. Die bekannte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross soll bei ihm gewesen sein und so ebenfalls Astralreisen unternommen haben. Natürlich wissen wir nicht, was an diesen Berichten stimmt, aber sie können uns zumindest ein gutes Denkmodell darüber liefern, wie es im 'Jenseits' - also im Weltgeist, aus der Perspektive eines gebündelten 'individuellen' Bewußtseins betrachtet - aussehen könnte und welche Gesetzmäßigkeiten dort gelten.

Monroes Fähigkeiten steigerten sich nur allmählich. Während er zunächst während der Schwingungen nur ein vages Gefühl empfand, daß sein Körper dabei auf ungewöhnliche Weise geschüttelt wurde, stellte er wenig später fest, daß er, während er so auf der Couch lag, mit einer seiner Hände bis zum Teppich hinunterreichte und dann plötzlich durch diesen und durch die Betondecke hindurchfassen konnte! Bei aller Skepsis gegenüber solchen Berichten und unter Berücksichtigung der Möglichkeit, daß das vielleicht nur auf Einbildung beruhte, sollten wir uns dazu unser Wissen über den Aufbau der Materie vergegenwärtigen. Demnach beruht alles auf geistigen Vorgängen: die Frage lautet also nicht, ob derartige Dinge grundsätzlich möglich sind, sondern ob derartige Schwingungen wirklich geeignet sind, 'physikalische' Gegebenheiten außer Kraft zu setzen. Oder anders gefragt: kommt es dadurch zu dominanten geistigen Vorgängen? Monroes Bericht zufolge lernte er so systematisch im Laufe der Zeit die richtige Technik, während der Schwingungen seinen Körper zu verlassen und war später auch ohne diese dazu in der Lage. Allmählich gewöhnte er sich an diese neue Möglichkeit und Erweiterung seiner Erfahrungen. Er unternahm sogar sehr gezielte Reisen und stellte fest, daß dazu der bloße Wunsch oder die intensive Vorstellung eines Zielortes genügte, um sich an diesen begeben zu können. So besuchte er auch einmal eine Bekannte, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade mit zwei ihm unbekannten Mädchen unterhielt, die er aber später sehr genau beschreiben konnte. Als er die Frau ansprach, antwortete sie ihm auf anscheinend telepathische Weise, ohne dabei zu ihm zu sehen und ohne ihre gleichzeitige Unterhaltung mit den Mädchen zu unterbrechen. Auf seine ausdrückliche Frage, ob sie sich später an diese Unterhaltung mit ihm erinnern können würde, bejahte sie dieses mit Bestimmtheit. Er wollte sich jedoch nicht darauf verlassen und kniff sie, was sie veranlaßte, schmerzvoll und erschrocken aufzuschreien. Er war an sich erstaunt, daß er in seinem Zustand überhaupt in der Lage war, derartige physische Einwirkungen vorzunehmen, aber die Frau wies später tatsächlich Kneifspuren auf. Jedoch konnte sie sich an kein Gespräch mit ihm erinnern, während ihr das Schmerzerlebnis deutlich bewußt blieb.

Dieser Bericht erscheint insofern interessant, als er darauf hinzuweisen scheint, daß wir über mehrere Bewußtseinsebenen verfügen und auf einer uns unserem Tagesbewußtsein entziehenden Ebene möglicherweise ein Doppelleben führen könnten, vielleicht auch mehrere gleichzeitig. Vielleicht wissen wir auf einer anderen Ebene sehr viel mehr, als für unser Alltagsleben förderlich für uns sein könnte. Dazu bringen uns auch bestimmte Experimente mit Gehirngeschädigten (Kommissurotomie – siehe den Essay ‚Das menschliche Gehirn’ ), bei denen die eine Gehirnhälfte nicht weiß, was die andere tut. Wir kommen damit zu der Frage, wie die Beziehung zwischen Körper und Geist tatsächlich beschaffen sein könnte. Wenn wir uns allen Ernstes mit dem Gedanken vertraut machen, daß in unserem physischen Körper noch ein Astralleib existiert, der sich unter Umständen sogar von diesem lösen kann, kommen wir in der Tat zu ganz neuen Erklärungsmodellen. So ließe sich zum Beispiel auch die Tatsache erklären, warum unser Gedächtnis nicht in unserem physikalischen Gehirn zu lokalisieren ist. Es wäre demnach tatsächlich in unserem Astralleib gespeichert, der sich unseres Körpers lediglich wie ein Autofahrer seines Autos bedient. Wir wissen, daß alle Gedächtnisspeicherungen tatsächlich über das Gehirn erfolgen, und zwar über den Hippocampus - der linke für das Speichern verbaler Erinnerungen und der rechte für bildliche und räumliche - doch ist dieses nur die Stelle, die für den Input und das Kurzzeitgedächtnis zuständig ist, während die längerfristig gespeicherten Erinnerungen nirgendwo lokalisiert werden können. Während der Astralleib den Körper verlassen hat, liegt dieser wie leblos und in komatischer Bewußtlosigkeit da und verfügt demnach auch über keine Erinnerungen, die auf irgendeine Art abrufbar wären, denn diese befinden sich nun - wenn man allen diesen Berichten Glauben schenken darf - im Astralleib. Das Gedächtnis und eigentliche Bewußtsein wäre demnach eben im Weltgeist gespeichert, oder seiner individuellen Unterabteilung: wenn die Gehirne wirklich nur Bündelungsapparate präexistenten Bewußtseins sind, so liegt eben der Gedanke nahe, daß dieses auch vorübergehend wieder heraus gebündelt werden kann. Es gab den Fall einer nach der Einnahme bestimmter Medikamente jahrelang im Koma liegenden jungen Amerikanerin, der durch die Presse ging. Man war sich nicht einig, ob das Mädchen als tot zu betrachten war, doch da man es nicht mehr zum Leben erwecken konnte, wurden schließlich die Apparate, mit deren Hilfe der Körper biologisch am Leben erhalten wurde, abgeschaltet. Wir erleben immer wieder, wie oft die Schulmedizin am Ende ihrer Weisheit steht, und vielleicht hätte man in diesem Fall am besten eine Spiritistin (meistens sind Frauen dafür besonders begabt) zu Hilfe ziehen sollen, um auf diese Weise zu versuchen, den Astralleib zurückzurufen, der sich möglicherweise irgendwo verirrt hatte. Eben hierin lagen auch Monroes größte Befürchtungen, daß er eines Tages den Weg nicht zurückfinden könnte, und er berichtet über einen sehr dramatischen Fall, in dem er in einen nicht näher zu spezifizierenden Käfig geraten war, aus dem er nur unter Schwierigkeiten wieder in seinen Körper zurückkehren konnte, während dazu normalerweise der bloße Wunsch genügte. Ein andermal war er zufällig in einen falschen Körper geraten, in denjenigen eines alten Mannes, der offenbar todkrank war und ebenfalls schon seit langem in seinem Bett im Koma lag. Als er sich plötzlich wieder belebte, wurden die an seinem Bett sitzenden Verwandten darauf aufmerksam und versuchten ihn vollends zum Leben zurückzurufen. Sie machten dann sogar mit dem alten Mann verschiedene Gehversuche, aber Monroe fühlte sich in dieser Rolle natürlich fremd und wußte auf die an ihn gestellten Fragen keine oder nur falsche Antworten zu geben(!), was zu erheblicher Konfusion führte, sodaß er diesen Schauplatz und die darüber trauernden Verwandten schnell wieder verließ: ebenfalls ein Ereignis, das uns in unseren hypothetischen Betrachtungen sehr viel weiterhelfen kann - besonders auch bezüglich der Frage, wieso das Gedächtnis trotz physischer Gehirnschäden weiterexistiert!


 


Verschiedene Schauplätze

Monroe unterscheidet bei seinen Exkursionen zwischen zwei Schauplätzen, die er als Schauplatz I und II bezeichnet. Bei dem ersteren handelt es sich um eine Welt, die unserer alltäglichen Wirklichkeit entspricht, in der sich lediglich der Astralkörper frei bewegt und sogar über begrenzte Einwirkungsmöglichkeiten verfügt. Schauplatz II ist eine Welt, die er eines Tages zusätzlich kennenlernte und die von da an dominierte. Er berichtet darüber wie folgt:

Schauplatz II ist eine nichtmaterielle Welt, deren Bewegungs- und Materiegesetze nur in entfernter Verbindung mit denen der sinnlich wahrnehmbaren Welt stehen. Es ist eine Unermeßlichkeit, deren Grenzen unbekannt sind und deren Tiefe und Dimension dem endlichen bewußten Geist unverständlich bleiben. In dieser Grenzenlosigkeit liegen all die Aspekte, die wir Himmel und Hölle zuschreiben, die nur einen Teil von Schauplatz II bilden. Er ist bewohnt (wenn das das rechte Wort ist) von Wesen mit Intelligenz verschiedenen Grades, mit denen Kommunikation möglich ist... Die Zeit nach den Maßstäben der sinnlich wahrnehmbaren Welt ist nicht vorhanden. Es gibt eine Folge der Ereignisse, eine Vergangenheit und Zukunft, aber keine zyklische Trennung. Beide dauern an und fallen zeitlich mit dem 'Jetzt' zusammen. Messungen von Mikrosekunden bis zu Jahrtausenden sind sinnlos. Andere Maßeinheiten könnten vielleicht diese Faktoren im abstrakten Rechnen darstellen, aber das ist ungewiß. Die Gesetze der Erhaltung der Energie, Kraftfeldtheorien, Wellenmechanik, Schwerkraft; Materiestruktur - das alles bleibt von denen noch zu beweisen, die auf diesen Gebieten beschlagener sind.

Ein Hauptgesetz scheint allen anderen übergeordnet zu sein: Schauplatz II ist ein Seinszustand, wo das, was wir als Denken bezeichnen, der Urquell des Daseins ist. Es ist die lebenswichtige schöpferische Kraft, die Energie erzeugt, 'Materie' zu Form zusammensetzt und Wege zur Wahrnehmung und Kommunikation bietet. Ich vermute, daß das Selbst oder die Seele auf dem Schauplatz II nicht mehr ist als ein organisierter Wirbel(!) oder eine Windung in diesem Grundprinzip. Wie man denkt, so ist man.

In dieser Umgebung gibt es keine mechanischen Ergänzungen. Keine Autos, Schiffe, Flugzeuge oder Raketen sind für den Transport notwendig. Man denkt die Bewegung, und sie ist Tatsache. Weder Telefon, Radio, Fernsehen noch sonstige Kommunikationshilfen werden gebraucht. Die Kommunikation ist augenblicklich da. Keine Bauernhöfe, Gärten, Viehranchen, Verarbeitungsbetriebe oder Verkaufsstellen sind zu finden. Bei all meinen experimentellen Besuchen gab es keinen Hinweis auf irgendwelche Nahrungsbedürfnisse. Wie die Energie ersetzt wird - falls sie sich wirklich verbraucht, ist unbekannt. Bloßes Denken ist die Kraft, die jedes Bedürfnis, jeden Wunsch befriedigt, und was man denkt, ist die Matrix des Tuns, der Situation und der Position in dieser größten Wirklichkeit. Das ist im wesentlichen die Botschaft, die Religion und Philosophie durch die Jahrtausende zu verkünden versucht haben, wenn vielleicht auch weniger offen und meistens verzerrt. Ein Aspekt, den ich in diesem Medium des Denkens gelernt habe, erklärt vieles: Gleiches zieht Gleiches an(!) Ich hatte nicht begriffen, daß es eine solche Regel gibt, die so spezifisch wirkt. Für mich war es nicht mehr als eine Abstraktion gewesen. Projiziert man dies nach außen, dann beginnt man die unendlichen Variationen abzuschätzen, die sich auf Schauplatz II finden lassen. Das Schicksal des einzelnen scheint völlig im Rahmen seiner innersten konstanten Motivierungen, Emotionen und Wünsche begründet zu sein. Vielleicht will man nicht bewußt dorthin 'gehen', aber man hat keine Wahl. Der Übergeist (die Seele?) des einzelnen ist stärker und trifft die Entscheidungen für ihn. Gleiches zieht Gleiches an.

Der interessante Aspekt dieser Gedankenwelt (oder dieser Denkwelten) des Schauplatzes II ist, daß man sowohl das wahrnimmt, was solide Materie zu sein scheint, als auch die in der physischen Welt üblichen Artefakte. Diese werden offenbar von drei Quellen zur 'Existenz' gebracht. Erstens sind sie das Produkt des Denkens jener, die einmal in der physischen Welt gelebt haben und deren Bilder und Muster erhalten bleiben. Das wird ganz automatisch erreicht, ohne bewußte Absicht. Die zweite Quelle sind jene, die gewisse materielle Dinge in der physischen Welt gern hatten und die sie anscheinend nachgeschaffen haben, um ihre Umgebung auf dem Schauplatz II zu verschönern. Die dritte Quelle ist, wie ich vermute, eine höhere Ordnung intelligenter Wesen, die sich ihrer Umgebung auf dem Schauplatz II stärker bewußt sind als die meisten Bewohner. Ihr Ziel dabei scheint es zu sein, die physische Umwelt - mindestens zeitweilig - zugunsten jener zu stimulieren, die nach dem 'Tode' gerade aus der physischen Welt herüberkommen. Das geschieht, um Traumata und Schocks für die 'Neuankömmlinge' zu vermindern, indem vertraute Formen und Umgebungen in den frühen Wandlungsstadien eingeführt werden

Wenn man so weit ist, kann man bereits etwas von dem Verhältnis des Zweiten Körpers zum Schauplatz II begreifen. Der Schauplatz II ist die natürliche Umwelt des Zweiten Körpers. Die seinen Handlungen, seiner Zusammensetzung, Wahrnehmungsfähigkeit und Kontrolle zugrundeliegenden Prinzipien entsprechen sämtlich denen auf Schauplatz II. Deshalb führte mich die Mehrzahl meiner experimentellen Exkursionen ohne meinen Willen irgendwohin auf dem Schauplatz II. Der Zweite Körper gehört im Grunde dieser physischen Welt nicht an. Ihn zu Besuchen im Haus von George oder zu Reisen nach anderen materiellen Bestimmungsorten zu verwenden ist etwa so, als ob man von einem Taucher verlangen wollte, ohne Atemgerät und Taucheranzug zum Meeresgrund hinunterzuschwimmen. Er kann es machen, aber nicht für lange und nicht sehr oft... Reisen zu Punkten in der sinnlich wahrnehmbaren Welt ist also im Zustand des Zweiten Körpers ein 'erzwungener' Prozeß. Bei der geringsten geistigen Entspannung wird das Überbewußtsein die Gelegenheit benutzen und einen im Zweiten Körper auf den Schauplatz II entführen. Das ist nur 'natürlich'.

Unsere traditionellen Raumvorstellungen versagen kläglich, wenn sie auf Schauplatz II angewendet werden. Dieser Schauplatz scheint bis in unsere physische Welt vorzudringen, erstreckt sich jedoch über grenzenlose Weiten, die unser Fassungsvermögen überschreiten. Im Lauf der Jahrtausende sind viele Theorien darüber, 'wo' dieser Schauplatz liegt, in der Literatur vorgetragen worden, doch nur wenige sprechen den modernen naturwissenschaftlichen Geist an.

Alle Experimentalbesuche in diesem Gebiet haben wenig dazu beigetragen, eine annehmbare Theorie zu formulieren. Die akzeptabelste ist noch die Vorstellung der Wellenschwingung, die die Existenz einer endlosen Zahl von Welten voraussetzt, die alle auf verschiedenen Frequenzen operieren - eine davon ist unsere physische Welt. Genau wie verschiedene Wellenfrequenzen im elektromagnetischen Spektrum den Raum gleichzeitig einnehmen können und sich dabei kaum nennenswert stören, so könnte die Welt oder die Welten von Schauplatz II in unsere physische Materiewelt eingefügt sein. Außer bei seltenen und ungewöhnlichen Verhältnissen sind unsere 'natürlichen' Sinne und unsere Instrumente, die deren Erweiterung sind, vollkommen unfähig, dieses Potential wahrzunehmen und aufzuzeichnen. Wenn wir diese Prämisse berücksichtigen, dann ist die Frage nach dem Wo sauber beantwortet.

Auf dem Schauplatz II setzt sich die Realität aus tiefsten Begierden und rasenden Ängsten zusammen. Denken ist Handeln, und keine verhüllenden Schichten der Konditionierung oder der Hemmung schirmen das innere ICH von den anderen ab. Dabei ist Ehrlichkeit die beste Politik. Unter diesen Maßstäben ist die Existenz natürlich anders. Und dieser Unterschied schafft die großen Anpassungsprobleme, wenn man dort einen Besuch macht, selbst wenn man sich im Zweiten Körper befindet. Die in unserer Zivilisation so sorgfältig verdrängte natürliche Emotion ist in voller Kraft entfesselt. Im bewußten physischen Leben würde man einen solchen Zustand als psychotisch bezeichnen.

Meine ersten Besuche auf dem Schauplatz II brachten alle verdrängten emotionalen Strukturen zutage, von denen ich nie auch nur im entferntesten ahnte, daß ich sie besaß - dazu viele, von denen ich nicht einmal wußte, daß es sie überhaupt gab. Sie beherrschten meine Handlungen so sehr, daß ich völlig fassungslos und in peinlicher Verlegenheit über ihre Ungeheuerlichkeit und meine Unfähigkeit, sie zu beherrschen, zurückkehrte. Angst war das dominierende Thema - Angst vor dem Unbekannten, vor fremdartigen (nichtphysischen) Wesen, vor dem 'Tod', vor Gott, vor dem Durchbrechen der Ordnung, vor dem Entdecktwerden und vor Strafen, um nur einiges zu nennen...

Ein unbeherrschter Ausbruch nach dem anderen mußte unter Qualen und Mühen gezügelt werden. Solange das nicht erreicht war, war kein vernünftiges Denken möglich. Ließ die Energie auch nur einen Augenblick nach, begannen die Emotionen aufs neue. Es ist ein langsamer Lernprozeß, der vom Wahnsinn zur ruhigen objektiven Überlegung führt. Ein Kind, das lernt, sich 'zivilisiert' zu verhalten, braucht dazu die ganze Zeit von frühester Kindheit bis zum Erwachsensein. Ich vermute, daß genau das gleiche noch einmal in der Anpassung an Schauplatz II vor sich geht. Wenn es nicht während des physischen Lebens geschieht, wird es nach dem Tode zur Aufgabe erster Ordnung.

Das bedeutet, daß die Gebiete von Schauplatz II, die der physischen Welt am 'nächsten' liegen (in der Schwingungsfrequenz?), ganz überwiegend von wahnsinnigen oder nahezu wahnsinnigen, von Emotionen getriebenen Wesen bevölkert sind, zumindest scheint es meistens so zu sein. Zu ihnen gehören auch diejenigen, die noch am Leben sind, aber schlafen, oder von Drogen berauscht im Zweiten Körper unterwegs sind, und sehr wahrscheinlich auch diejenigen, die 'tot' sind, aber immer noch von Emotionen getrieben werden. Für die erste Annahme liegt Beweismaterial vor, und die zweite ist wahrscheinlich.

Dieses nahe Gebiet ist verständlicherweise kein angenehmer Aufenthaltsort. Es ist eine Ebene oder ein Niveau, wohin man 'gehört', bis man es besser gelernt hat. Ich weiß nicht, was denen geschieht, die nicht lernen. Vielleicht bleiben sie für immer dort. In dem Augenblick, wo man sich mit Hilfe des Zweiten Körpers vom physischen Leib trennt, befindet man sich am Rand dieser nahen Abschnitte von Schauplatz II. Hier begegnet man aus den Fugen geratenen Persönlichkeiten und Lebewesen aller Art. Falls es dort einen Schutzmechanismus für Neophyten gibt, so habe ich ihn nicht bemerkt. Nur durch vorsichtiges und manchmal erschreckendes Experimentieren konnte ich die Kunst oder den Trick lernen, durch dieses Gebiet hindurchzugelangen. Ich bin mir nicht über alle Einzelheiten in diesem Lernprozeß klar und lege deshalb nur die einleuchtendsten vor. Welches dieser Prozeß auch sein mag, glücklicherweise bin ich seit mehreren Jahren nicht mehr auf besondere Schwierigkeiten bei dem 'Durchbruch' gestoßen....

An späterer Stelle kommt Monroe auf Schauplatz II zurück:

In diesen Welten, wo Gedanken nicht nur Dinge, sondern alles sind, man selbst eingeschlossen, stammt das, was einen zu Elend oder zur Vollendung führt, von einem selbst. Ist man ein mitleidloser Mörder, dann endet man vielleicht in jenem Teil von Schauplatz II, wo alle von gleicher Art sind. Das wäre für solche Leute tatsächlich die Hölle, denn dort gäbe es keine Unschuldigen, wehrlosen Opfer. Projiziert man dies nach außen, dann kann man sich die zahllosen Variationen vorstellen. Das Schicksal des einzelnen im Himmel oder in der Hölle von Schauplatz II scheint völlig von den tiefsten konstanten (und vielleicht unbewußten) Motivationen, Emotionen und Trieben dieses einzelnen abzuhängen. Die stärksten und beharrlichsten davon wirken als 'Heimfinde'-Vorrichtung, wenn man in dieses Reich eintritt. Das weiß ich genau, weil es STETS auf diese Weise wirkt, wenn ich nichtphysisch durch den Schauplatz II gereist bin. Es wirkt so, ob ich es wünsche oder nicht. Die geringste zufällige Begierde zur falschen Zeit oder eine tiefreichende Emotion, deren ich mir gar nicht bewußt war, lenkt meine Reise in die entsprechende Richtung ab. Einige der Ankunftsorte, die sich so ergaben, hatten alle Aspekte der Hölle für mich. Andere könnte man vielleicht als Himmel auffassen, und einige unterscheiden sich praktisch kaum von unseren Tätigkeiten im Hier und Jetzt.


 

 

Das Nirvana

Monroe berichtet auch von einer Art Nirvana:

Ich bin überzeugt, daß dieser Ort Teil des letzten Himmels sein kann, wie ihn unsere Religionen darstellen. Er muß das Nirvana, das höchste Erlebnis sein, über das uns die Mystiker aller Zeiten berichten. Es ist wirklich ein Seinszustand, der vom einzelnen sehr wahrscheinlich auf viele verschiedene Arten interpretiert wird. Für mich war es ein Ort oder Zustand des reinen Friedens und des hohen Glücksgefühls. Es war, als schwebe man in warmen weichen Wolken, wo es kein oben und kein unten gibt, wo keine Materie für sich selbst existiert. Die Wärme umgibt einen nicht nur, sie gehört einem und durchdringt einen. Die Wahrnehmung ist von der 'vollkommenen Umgebung' geblendet und überwältigt. Die Wolke, in der man schwebt, wird durchdrungen von Lichtstrahlen in Formen und Tönen, die sich ständig ändern, und jeder ist gut, wenn man darin badet und wenn er über einem dahinzieht. Es gibt rubinrote Lichtstrahlen, die unser Licht weit übertreffen, weil man Licht niemals vorher als etwas so Bedeutungsvolles gefühlt hat. Alle Farben des Spektrums kommen und gehen ständig, niemals hart, und jede bringt eine andere Beruhigung oder friedliches Glück. Es ist, als ob man ein Teil der Wolken wäre, die einen ewig glühenden Sonnenuntergang umgeben, und mit jedem sich verändernden Muster lebendiger Farbe verwandelt man sich selbst auch. Man reagiert auf die Ewigkeit von blauen, gelben, grünen und roten Tönen und auf die vielfältigen Mischfarben, und man inhaliert sie. Alle sind einem innig vertraut. Hierher gehört man. Hier ist man zu Haus.

Wenn man sich langsam und mühelos durch die Wolken bewegt, hört man Musik rund um sich her. Doch man wird sich ihrer kaum bewußt. Die Musik ist immer da, und man schwingt in Harmonie mit ihr. Doch auch dies ist mehr als Musik, die man aus unserer Welt kennt. Dort haben die Harmonien, die zarten und dynamischen Melodienpassagen, der vielstimmige Kontrapunkt, die reinen Obertöne, nur eine tiefe, zusammenhanglose Emotion hervorgerufen. Doch hier fehlt alles Weltliche. Chöre menschlich klingender Stimmen hallen wider von wortlosem Gesang. Unendlich weitgeschwungene Motive von Saiteninstrumenten jeder Art verweben sich in köstlichen Harmonien zu zyklischen und sich dennoch entwickelden Themen, die in einem widerklingen. Die Musik kommt nicht aus einer bestimmten Quelle. Sie ist da, überall um einen her, in einem. Man ist selbst Teil davon, man ist selbst Musik.

Es ist die Reinheit einer Wahrheit, von der man vorher nur einen flüchtigen Schimmer erhascht hatte. Dies ist das große Festmahl, auf das einen die winzigen Bissen, die man hier bei uns gekostet hat, hoffen ließen. Das merkwürdige Ziehen, das Verlangen, Heimweh und Schicksalsgefühl, das man auf der Erde verspürte, wenn man auf den wolkenumschichteten Sonnenuntergang in Hawaii starrte, wenn man still unter den hohen, sich wiegenden Bäumen eines schweigenden Waldes stand, wenn ein Musikstück oder ein Lied Erinnerungen an die Vergangenheit heraufbeschwor, oder ein Verlangen weckte, mit dem sich keine Erinnerung verband, oder wenn man sich nach dem Ort sehnte, wohin man gehört, ob es Großstadt, Dorf, Nation oder Familie ist - dies alles ist nun erfüllt. Man ist zu Haus. Man ist, wohin man gehört, wo man immer schon hätte sein sollen.

Und das Wichtigste - man ist nicht allein. Bei einem selbst, neben einem, eng verbunden mit einem sind andere. Sie haben keine Namen, man wird sich ihrer auch nicht als Gestalten bewußt, aber man kennt sie, und man ist mit ihnen durch die große gemeinsame Erkenntnis verbunden. Sie sind genau wie man selbst, sie sind man selbst, und wie man selbst sind sie das Zuhause. Man fühlt mit ihnen, als ob sanfte elektrische Wellen zwischen einem selbst und ihnen hin und her gingen, vollkommene Liebe, von der alle Facetten, die man vorher erlebt hatte, nur Ausschnitte und winzige Teile sind. Nur hier bedarf das Gefühl keiner Schaustellung oder Demonstration. Man gibt und empfängt, als ob es ein automatisches Tun wäre, zu dem keine bewußte Mühe gehört. Es ist nichts, was man braucht oder was einen braucht. Das 'Ausgreifen-Müssen' ist vorbei. Der Austausch fließt natürlich. Man ist sich keiner geschlechtlichen Umtriebe bewußt. Man selbst ist als Teil des Ganzen männlich wie weiblich, positiv wie negativ, Elektron wie Proton. Mann-weibliche Liebe strömt einem zu und von einem aus, Eltern, Kind, Geschwister, Idol, Idyll und Ideal - alles spielt in weichen Wellen um einen her, in einem, durch einen. Man ist in vollendetem Gleichgewicht...

Innerhalb dieses Rahmens ist man sich der Quelle der ganzen Spannweite des eigenen Erlebens, des eigenen Seins, der riesigen Weite jenseits der eigenen Fähigkeit, wahrzunehmen und sich vorzustellen, bewußt, ohne doch Teil dieser Quelle zu sein. Hier erkennt man das Dasein des Vaters und erkennt es gern an. Des wahren Vaters, des Vaters, des Schöpfers aller Dinge, die sind oder waren. Man selbst ist eine seiner zahllosen Schöpfungen. Wie oder weshalb, das weiß man nicht. Das ist auch nicht wichtig. Man ist einfach glücklich, weil man am rechten Platz weilt, an dem Platz, auf den man wirklich gehört.

Dreimal bin ich dorthin gereist, und nicht einmal bin ich freiwillig zurückgekehrt. Ich bin traurig und zögernd zurückgekommen. Jemand hat mir bei der Rückkehr geholfen. Und jedesmal habe ich tagelang unter intensivem Heimweh und unter Einsamkeit gelitten. Ich fühlte mich wie ein Fremder in einem Land, wo die Dinge nicht 'richtig' sind, wo alle und alles so anders und so 'falsch' sind, wenn man sie mit dem Ort vergleicht, wohin man gehört. Bittere Einsamkeit, Verlangen und Heimweh. Das war so stark, daß ich danach nicht wieder versuchte, dorthin zu reisen...

Eines der größten Rätsel, sagt Monroe, sei für ihn die Tatsache gewesen, daß ihm von Zeit zu Zeit ein oder mehrere Helfer bei seinen Experimenten geholfen hätten. Sie seien sicher nicht wie Schutzengel und reagierten auch nicht immer auf Gebete, aber Angstgefühle hätten sie bisweilen herbeigerufen. Ihr Beistand schiene eher von ihrer als von seiner eigenen Überlegung abzuhängen. Sie seien kaum freundlich im üblichen Sinn, bewiesen aber Verständnis, Wissen und Zielbewußtheit in ihrem Verhalten. Er hätte niemals das Gefühl gehabt, daß sie ihm schaden wollten, und er brachte ihnen Vertrauen entgegen. Mehrfach versuchte er Kontakt zu verstorbenen Freunden aufzunehmen, und es gelang ihm auch wirklich, ihnen zu begegnen, wenn auch nur unter Schwierigkeiten und stets nur für sehr kurze Zeit. Ein alter Freund hatte die Gestalt angenommen, die er als junger Mann besessen hatte, und offenbar war das deshalb geschehen, weil er sich mit diesem Alter am meisten identifizierte.

Übrigens gibt es im 'Jenseits' nach Monroes Berichten durchaus auch sexuelle Begegnungen und Erlebnisse, und das sollte uns nicht wundern, denn da uns im Diesseits dieser Aspekt so sehr beschäftigt, hat er natürlich auch im Jenseits seine Spuren hinterlassen. Denn geistiges und physikalisches Universum sind Wechselwirkungsprodukte, sie haben sich aus dem Nichts heraus zur heutigen Sobeschaffenheit durch einen Akt des Sich-selbst-Denkens heraufentwickelt. Die sexuelle Vereinigung kann 'drüben' allerdings nicht mehr körperlich vollzogen werden, doch sie wird nicht weniger intensiv erlebt - als ein Ineinander-Übergehen. Monroe schildert eine derartige Begegnung mit einer Frau, die allerdings gleichermaßen wie er selbst noch unter den Lebenden weilte. Nachdem er von dieser Exkursion zurückgekehrt war, sprach er mit ihr über dieses Thema, und sie bestätigte ihm, daß sie von ihm geträumt hatte. Sie konnte ihm auch alle Einzelheiten ihrer Begegnung schildern, und es bestand kein Zweifel, daß beide das gleiche erlebt hatten. Wenn dieser Bericht richtig ist, so spräche das dafür, daß wir alle während unserer Traumphase - zumindest bisweilen - Reisen außerhalb unseres Körpers unternehmen.

Bekannt wurde der Fall des ‚Rainman’ durch den Dustin-Hoffmann-Film. Es gab auch einen Fall retardierter Zwillinge, die Primzahlen wirklich sahen, die sie ohne Zuhilfenahme eines Computers nennen konnten. Sie behaupteten, sie wirklich zu sehen. Obwohl es sich dabei um geistige Vorgänge handelt, ist anzunehmen, daß sie in irgendeiner Form imaginiert werden, denn das ist die Sprache des 'Jenseits', in der geistige Inhalte vermittelt werden - wie auch etwa im Traum. Monroe berichtet in diesem Zusammenhang von einem interessanten Erlebnis, das uns ein Beispiel einer derartigen Vermittlung geben kann:

Ich lag bei vollem Bewußtsein da, die Schwingungen beschleunigten sich, ergaben jedoch nur ein Wärmegefühl. Augen geschlossen. Ich war im Begriff, den Körper zu verlassen, als mir zwei Hände ein Buch vor die geschlossenen Augen hielten. Das Buch wurde rasch durchgeblättert und nach allen Seiten gewendet, damit ich sehen konnte, daß es wirklich ein Buch war. Dann wurde es aufgeschlagen, und ich begann zu lesen. Die Essenz dessen, was ich las, war, daß man, um absichtlich einen Zustand zurückzurufen, das Gefühl eines ähnlichen Erlebnisses, das in der Vergangenheit stattgefunden hatte (d.h. Teil der Erinnerung geworden war), wiedererleben müsse. Ich faßte das so auf, daß man an das 'Gefühl' und nicht an die Einzelheiten des Vorfalles denken sollte. Es wurden mehrere Illustrationen gegeben, dann wurde das Buch allmählich unscharf, während die Schwingungen nachließen. Und ich konnte mich noch so bemühen, ich vermochte nicht weiter zu lesen. Schließlich setzte ich mich physisch auf und machte mir Notizen.

Dieses Vorkommnis erinnert in der Tat an viele Träume, von denen in der Literatur berichtet wird, in denen bestimmten Menschen wichtige Hinweise und Warnungen gegeben wurden. So erschien einem Mann eines Tages ein vor mehreren Jahrzehnten bei einem Brand umgekommener Verwandter, um ihn vor einem gleichen Schicksal zu warnen, und so wachte der Mann gerade noch rechtzeitig auf, um einen bereits schwelenden Brand in seiner Wohnung zu löschen.


 

 

Ist Präkognition möglich?

Ein sehr bekanntes paranormales Phänomen ist die Präkognition, also die Fähigkeit und grundsätzliche Möglichkeit, zukünftige Ereignisse vorherzusehen. Aber solche Entwicklungen scheinen - zumindest im Allgemeinen - nicht genau festgelegt zu sein, sondern eher als eine bestimmte Eintretenswahrscheinlichkeit zu bestehen, die dem Handelnden noch alternative Möglichkeiten offenläßt.

Bei der früheren Deutschen Bundesbahn soll es übrigens Statistiken über verunglückte Züge gegeben haben. Diese waren stets unterhalb der jeweils anzunehmenden Wahrscheinlichkeit besetzt gewesen.

Monroe berichtet, daß ihm in ähnlicher Weise wie bei dem Ereignis mit dem Buch bisweilen ein Blick durch eine 'Klappe' erlaubt wurde, der ihm zukünftige Ereignisse zeigte. So wurde ihm einmal eine Situation dargestellt, in der er offensichtlich in einem Flugzeug saß, das später abstürzte. Er machte sich danach sogleich seine üblichen Aufzeichnungen. Er hatte gesehen, wie er im Begriff war, das Flugzeug zu besteigen, vor dem bereits ein alter Bekannter auf ihn wartete. Sodann sah er sehr genau die Position seines Sitzplatzes und eine vor ihm sitzende und offensichtlich sehr aufgeregte Frau. Weiter vorne standen vier Männer, drei Schwarze und ein Weißer. Während des Fluges teilte die Stewardeß den Passagieren mit nur gezwungen wirkender Beiläufigkeit mit, daß sie nun einen anderen Kurs nehmen würden, um 'unter den Drähten hinwegzufliegen'. Wenig später kam es dann zu einem Absturz, bei dem er selbst außer dem Piloten der einzige Überlebende war. Der Pilot äußerte seine Verwunderung darüber, daß ausgerechnet er der einzige überlebende Passagier war. Die nächste Aufzeichnung Monroes (die uns übrigens auch eine Deutung von Dejavu- Erlebnissen geben kann, vielleicht als Erinnerungen an derartige präkognitive Träume!) lautet dann wie folgt:

Dies ist etwa zwölf Wochen nach der vorigen Eintragung geschrieben. Vier von diesen zwölf Wochen habe ich im Krankenhaus verbracht, den Rest zur Genesung zu Haus. Aber der Reihe nach. Bei der vorigen Aufzeichnung war ich besorgt wegen eines Problems, das anscheinend mit einem Vorzeichen etwas zu tun hatte, und wegen der Definition des Überlebens. Zum Vergleich mit dem 'Traum' folgt hier, wie es ausging.

Vergleich 1: Ich begab mich, wie bereits gesagt, auf die Reise nach North Carolina. Das erste Anzeichen der Gleichartigkeit ergab sich, als ich in den Bus stieg, der Passagiere vom New Yorker Flughafen zum Flughafen Newark bringt. Ich stieg ein und setzte mich auf der rechten Seite auf den zweiten Sitz von vorne. Als ich dort saß, überwältigte mich ein Gefühl von Bekanntheit. Es war mein Platz in Bezug auf die Tür, die Art der Türanbringung und des Türschutzes. Das machte mich wachsam, da ich diese Plazierung genau als das wiedererkannte, was ich in der Präkognition als das Flugzeug interpretiert hatte. Es war nicht das Flugzeug, sondern der Bus zum Flughafen.

Vergleich 2: Vier Männer kamen in den Bus, drei in dunklen Anzügen, einer im hellen, lachend und scherzend (siehe den früheren Vergleich mit der Interpretation als drei Schwarzen und einem Weißen).

Vergleich 3: Eine Frau nahm den Platz unmittelbar vor mir ein. Sie fühlte sich recht unbehaglich und war gereizt. Doch das war nicht meinetwegen, sondern wegen der Behandlung eines ihrer Gepäckstücke durch den Gepäckträger draußen.

Vergleich 4: Der Eindruck, daß mein Freund D.D. wartend an der Tür stand und als letzter einstieg. Ich blickte hinaus und sah den Busfahrer neben der Tür auf einen in letzter Minute eintreffenden Passagier warten. Sein Gesicht und sein Körperbau erinnerten mich sofort an meinen Freund, sie hätten Brüder sein können. Dann stieg als letzter der Fahrer ein, schloß die Tür und rutschte auf den Fahrerplatz, mir fast genau gegenüber.

Vergleich 5: Als der Bus die Autobahn nach Jersey entlangfährt, habe ich das Gefühl, daß er 'tief und langsam fliegt', so könnte wenigstens der Eindruck sein, wenn man es mit Fliegen vergleicht. Die Autostraße führt über die meisten Stadt- und Landstraßen der Umgebung hinweg. Als ich nach den sich öffnenden Straßen und Autobahnen blickte, über die wir fuhren, hatte ich sofort wieder das Gefühl der Vertrautheit und des Wiedererkennens. Nur daß es nicht das Flugzeug (die von vornherein irrige Vorstellung) war, sondern der Bus.

Vergleich 6: Am Flughafen war ich besonders wachsam nach den bisherigen Zeichen. Die Maschine kam mit Verspätung, so wartete ich in der Halle. Als ich auf einer Bank saß, hörte ich eine Frauenstimme, die im Lautsprecher von der Ost- und Westroute sprach. Der hohle Klang war wieder sehr vertraut.

Vergleich 7: Als das Flugzeug schließlich beladen wurde, war ich einen Augenblick im Zweifel, ob ich es nehmen sollte oder nicht, weniger aus Furcht als wegen der Ungewißheit, was in meinem Fall 'Überleben' denn bedeuten würde. Schließlich kam ich zu der Erkenntnis, daß es wohl unvermeidlich sei und daß ich, wenn ich auf die nächste Maschine wartete, nur den Zwischenfall hinausschöbe. Ich stieg sehr wachsam in die Maschine, und wir rollten auf die Startbahn. Dann teilte die Hosteß mit, daß wir in 2ooo Meter Höhe fliegen würden. Das bestätigte die 'niedrige' Höhe. Wir hoben schließlich ab und gerieten gleich darauf in ein Gewitter mit vielen Blitzen. Damit wurde mein Eindruck von einem Flug unter den Drähten (Elektrizität) bestätigt, ein Symbol, das ich seit langem wiedererkenne. Während des Gewitters entschloß sich der Pilot, die Höhe zu verändern, und wir flogen aus dem Gewitter und landeten ohne Zwischenfall in North Carolina. Bei der Landung war ich überzeugt, daß meine Interpretation des Unfalls falsch war, und ich vergaß die ganze Sache.

Vier Tage später bei einem ruhigen freundschaftlichen Gespräch im Büro hatte ich einen Anfall, der später als Koronarverschluß diagnostiziert wurde, und wurde ins Krankenhaus gebracht. Ich glaubte nicht, daß es ein Herzanfall sei, bis ich nach der Untersuchung im Krankenhaus davon unterrichtet wurde. Ich weigerte mich auch dann zunächst noch, es zu glauben, und zwar aus einem wichtigen Grund. Bei jeder bisherigen Untersuchung, die ich erlebt hatte, wurde mein Herz immer als sehr gesund bezeichnet. "Über Ihr Herz werden Sie sich niemals Sorgen zu machen brauchen", hieß es dann. Ich war geistig völlig gegen diese Möglichkeit voreingenommen. Anscheinend wollte mein Verstand deshalb die Präkognition eines Herzanfalles nicht akzeptieren. Die schien unmöglich. Deshalb wählte er eine Katastrophe aus, die nach den Erfahrungen seiner Erinnerung möglich war, nämlich einen Flugzeugabsturz (der Verstand wählt immer das nächstliegende, das, was ihm wahrscheinlich ist). Deshalb zeichnete sich der Herzanfall als Flugzeugunglück ab, was als Möglichkeit akzeptiert war.

In der Tat ist an diesem Bericht interessant, wie die Übermittlung erfolgt. Der Weltgeist scheint demnach alles sehr genau 'vorher'-zusehen, nur scheint die Übermittlung gewisse Schwierigkeiten zu bereiten, da der individuelle Geist die metaphorische oder telepathische Vermittlung nur im Rahmen seiner eigenen Erfahrungen interpretieren kann. Wenn es also gewisse Unzulänglichkeiten der Präkognition gibt, so liegen die in der falschen Interpretation des eigenen Bewußtseins oder Unterbewußtseins. Monroe stellt über diese Dinge folgende Überlegungen an:

Hier handelt es sich um eine ganze Reihe von Ereignissen, die mit vielen Daten der Sinneswahrnehmung gefüllt waren, die wiederum durch die Assoziationen des Geistes aus der Vergangenheit gefiltert wurden. Dazu kam die rasche Übereinanderschichtung der Informationen, sodaß die zeitliche Folge der Ereignisse die Verwirrung noch vermehrte. Der Eindruck, eine Flugreise zu unternehmen, war durchaus richtig. Doch der Geist 'vergaß', daß erst eine Busfahrt zum Flughafen kam. Infolgedessen ergab sich der Eindruck, als ob es sich beim Besteigen des Busses bereits um das Flugzeug handelte. Beim Einsteigen in den Bus nahm der Geist den neben der Tür wartenden Fahrer wahr. In dem Versuch, den Mann zu identifizieren, wurde das Gedächtnis durchsucht und die ähnlichste Person aus der früheren Erfahrung ausgewählt (D.D.) Bei einem späteren Vergleich stellte sich heraus, daß die physische Ähnlichkeit zwischen dem Busfahrer und D.D. bemerkenswert war. Das Wiedererkennen der Frau auf dem Platz vor mir und ihr Unbehagen war ein weiterer Fall von falscher Interpretation. Das Unbehagen oder der Ärger war richtig, der Grund falsch. Der Geist hatte die Ursache des Ärgers der Frau nicht bestimmt und deshalb dem hinter ihr Sitzenden zugeschrieben, da irgendein Grund angegeben werden mußte. Das darauffolgende Fliegen tief über Straßen war eine zutreffende Beschreibung des Ereignisses - der Bus fuhr die Hochstraße zum Flughafen entlang -, nur daß der Geist immer noch auf die Vorstellung des Fliegens im Flugzeug fixiert war. Der Geist hielt an der 'Tatsache' fest, daß der Flug bereits begonnen habe. Als das Flugzeug in das Gewitter geriet, berichtete der Geist, daß die Maschine unter Strom- und Telefonleitungen dahingeflogen sei, weil er die Auswirkung des Gewitters nicht direkt übersetzen konnte.

Am bedeutsamsten war die Interpretation des 'Unglücks' oder der Katastrophe durch den Geist. Er 'sah', was eine Unterbrechung der Herztätigkeit zu sein schien. Das war eine unglaubliche Situation, ein unvorstellbares Ereignis im Hinblick auf seine Erfahrung. Angesichts dieser Daten aus der Vergangenheit wurde der Geist gezwungen zu 'identifizieren'. Die Erfahrung sagte, daß die beobachtete Katastrophe (das Herzversagen) nicht möglich sei. Deshalb wählte der Geist einen Flugzeugabsturz als Ereignis, das glaubwürdig und als Möglichkeit annehmbar war.

Die Sprache des Universums ist also sinnverwandt (synchronistisch), metaphorisch, assoziativ, analogisch, und sie erfolgt im Falle direkter Übermittlung telepathisch. Vielleicht bilden sich die Metaphern erst während der Übermittlung heraus, aber die Wahrnehmung erfolgt analog der Sinn- und Bildersprache des 'physischen' Teiles des Universums. Vielleicht ist dieser Teil gerade dazu nötig, geistige Potentialitäten zu Bildern und physikalischen Realitäten kristallisieren zu lassen, und diese Bilder werden dann in den 'geistigen' Bereich wieder zurückgeführt und dort als Sprache verwendet. Wir sehen also, daß auch dieser Bereich reich bevölkert ist, aber sicher nur mit Projektionen der physischen Welt. Es sollte kein Zweifel darüber bestehen, daß es in jener Welt auch ein Paradies und einen Gott, einen oder viele Teufel und auch Engel und alles mögliche sonst gibt, da diese zwar nicht Kreationen des physischen Universums sind, aber dennoch der individuellen Gehirne, die ihre Bildersprache unmittelbar ihrer physischen Umgebung entnehmen und später zurückführen in das 'geistige Universum'. So hätte Gott also nicht die Menschen geschaffen, sondern diese ihn, denn er kann noch nicht beim Weltanfang existiert haben und auch nicht etwa zur Zeit der Einzeller, jedenfalls nicht in der von uns vorgestellten Weise. Aber auch die Vorstellung, daß er ein Produkt höherer Imagination ist - was seiner jenseitigen Realität nicht den geringsten Abbruch tun muß -, ist nicht ganz richtig: eigentlich ist er wie alles andere auch ein Wechselwirkungsprodukt, sodaß er letztlich doch auch seinen Anteil an der Entwicklung der menschlichen Sobeschaffenheit hat. Sollte der Gott der Einzeller schon einen weißen Bart gehabt haben? Sicher nicht, aber dennoch könnte er uns eines Tages nach unserem Tode so begegnen. Doch wem verdankt er dann seine Gestalt, wenn nicht der menschlichen Phantasie? In der Tat gehen ja die Buddhisten davon aus, daß alle Götter menschliche Imaginationen sind, und es gibt gute Gründe zu der Annahme, daß jeder im 'Jenseits' das erlebt, was er zu erleben erwartet, sodaß ein gläubiger Christ tatsächlich das Paradies erlebt und ein Buddhist seine Götter und das Nirvana. Und ebenso, wie er es sich vorstellt, so erlebt er es auch, ganz nach seiner geistigen Fasson. Niemand braucht also Angst vor einem langweiligen Paradies zu haben, denn er ist nicht auf die Projektionen der Einfältigen angewiesen, die sich ihrerseits dort aber wohl nicht gelangweilt fühlen werden. Gleiches kommt zu Gleichem. Allerdings müßte, so sollte man meinen, diese Vorstellung in ethischer Hinsicht äußerst effektiv sein, denn auf solche Weise bereitet sich - wie es das synchronistische Karmagesetz sagt - jeder schon im Diesseits die Suppe, die er dann im Jenseits auszulöffeln hat. Dazu braucht er bekanntlich im Allgemeinen allerdings gar nicht erst so lange zu warten. So stehen wir nicht nur jenseits von Gut und Böse, sondern auch jenseits von Glauben und Unglauben, denn selbst für einen Atheisten sind die ethischen Normen der wesentlichen Religionen absolut verbindlich, wie es sich ja schon im diesseitigen Leben erweist - entsprechend dem Motto: "Wie man in den Wald hineinruft, so ruft es auch zurück." Und wenn die Buddhisten (zumindest die esoterischen) sich auch der Geistesgeschaffenheit ihrer Götter bewußt sind, so ändert das doch nichts an ihrer Religiosität. Sie sind es umso mehr - nicht mehr als Glaubende, sondern

 

Zahlenmystik

 

Die Zahlenmystik geht davon aus, daß Zahlen nicht nur geistige Werkzeuge zum Abzählen bestimmter in einer Mehrzahl vorkommender Objekte sind, wie sie beim Rechnen und in der Mathematik verwendet werden, sondern daß sie selbst ursprüngliche Phänomene mit einem eigenen hinter ihnen verborgenen Sinn sind. Insofern werden mehrfach in Erscheinung tretende Dinge als eigenständige Gruppen oder Mengen aufgefaßt, deren Gruppierung nicht zufällig ist und nicht nur aus gleichartigen Elementen besteht, die als solche auch beliebig ergänzt oder vermindert werden können. Aus dieser Sicht ist eine Menge oder Gruppe ein für sich bestehendes Phänomen, das nicht in eine Vielzahl untergliedert und auseinanderdivigiert werden kann, weil ihre Teile Bestandteile eines gemeinsamen Organismus sind. So ist etwa ein Paar eine aus zwei zugehörigen Elementen bestehende Zweiheit, die ihre Identität verliert, wenn ihr ein drittes Element hinzugefügt wird. Die Zahl der Elemente bildet also eine eigenständige Identität und stellt insofern einen Gesamtorganismus dar. Die im Märchen auftretende Siebenzahl der Zwerge läßt sich höchstens durch Amputation des Gesamtorganismus untergliedern und verliert dadurch ihre Gesamtbedeutung. Ein einzelner Zwerg ist selbst dann etwas völlig anderes als die Siebenzwerge, wenn man ihm noch sechs weitere Einzelzwerge hinzugesellt – ebenso wie sich kein lebendiges Tier dadurch herstellen läßt, daß man seine Glieder und Organe zusammenfügt. Einer Zahl als Gruppe entspricht insofern immer etwas Gesamtorganisches.

 

Philosophische Grundlage

Ohnehin liegt jeder Zählung eine bestimmte und im Allgemeinen unbewußte Voraussetzung zugrunde, daß die abgezählten Dinge unter sich gleichartig sind. Man kann nicht eine Weltreise, einen Apfel, eine Farbe und einen Hund zusammenzählen und sagen, es seien insgesamt vier. Selbst Schafe und Ziegen lassen sich nur dann zusammenzählen, wenn zuvor Einigkeit darüber hergestellt wurde, daß zwischen ihnen hinsichtlich der Zählung nicht unterschieden werden soll, und wenn man lediglich Schafe zählt, so liegt dem eine bestimmte Idee einer Art ‚Schafheit’ zugrunde, die ihre besondere Identität definiert. Mit anderen Worten: die übliche Verwendung von Zahlen ist ein reines Kunstprodukt ohne eigene Realität, denn diese erhält sie nur aus der praktischen Anwendung.

 

Die Idee einer Gruppierung als eigene Qualität liegt auch der sog. Mengenlehre zugrunde, die vor allem von Georg Cantor im 19. Jahrhundert begründet wurde und später in den Schulunterricht Eingang fand. Cantor definierte eine Menge so: „Unter einer „Menge“ verstehen wir jede Zusammenfassung M von bestimmten wohlunterschiedenen Objekten m unserer Anschauung oder unseres Denkens (welche die „Elemente“ von M genannt werden) zu einem Ganzen.“ Auch dieser Formulierung liegt also die Auffassung zugrunde, daß die Unterscheidung von Objekten eine bloße ‚Anschauung’ und deren ‚Objektivierung’ ansich nur geistiger Natur ist. Der uns vertraute tägliche Umgang in der mathematischen Verwendung von Zahlen als bloßen Zählwerkzeugen verstärkt in uns allerdings die Auffassung von der Zusammensetzung der Dinge aus abzählbaren Vielheiten, die dagegen für die antiken Philosophen durchaus noch problematisch war. Für die Neuplatoniker war das Problem des Gegensatzes des ‚Einen und des Vielen’ ein zentrales Thema.


 

 

Geschichte

 

 

Früheste Versuche zur Zahlenmystik

Bereits bei den Ägyptern, den Sumerern und den alten Chinesen lassen sich schon viele Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung bestimmte Zahlensysteme nachweisen, aber das Dezimalsystem mit den Ziffern 1-9 und der wichtigen Null (wenn auch alle in anderer Schreibweise) scheint zum ersten Mal in Indien angewandt worden zu sein. Auch die moderne Algebra kommt wohl ursprünglich aus Indien und gelangte von dort über die Araber ins abendländische Europa. Ebenfalls bereits mehrere Tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung haben auch die Maya ein Zahlensystem verwandt, das 19 Ziffern enthielt und die Himmelsabläufe zu berechnen helfen sollte, also vor allem astronomischen Zwecken diente und erstaunlich genau war. Angeblich soll ihre Berechnung erst nach mehr als 20.000 Jahren um nur einen Tag von modernen Berechnungen abweichen.

Pythagoras (um 570 v. Chr.; † nach 510 v. Chr.)

Eine eher mystische Bedeutung hatten die Zahlen für Pythagoras. Die Überzeugung, daß den Zahlen in ihrer Bedeutung als Gruppenphänomenen eine tiefere eigenständige Realität entspricht, wird vor allem auf ihn zurückgeführt, ist aber vermutlich noch älter. Pythagoras entwickelte eine sog. Sphärenharmonie, eine kosmische Harmonielehre, die bestimmte angeblich von den Planeten ausgehende Klänge mit Zahlen verband. Allen Erscheinungen lagen seiner Überzeugung nach bestimmte Schwingungen und Strukturen zugrunde, die sich in Zahlen ausdrücken ließen, sodaß das tiefere Wesen aller Dinge die Zahl ist. Allerdings faßte er diese weniger als Rechengrößen als vielmehr in einem qualitativen und symbolischen Sinn auf, indem er ihnen bestimmte Eigenschaften zuwies, die sich nicht mathematisch ausdrücken lassen. Es ging ihm um ein kosmisches Ordnungssystem – etwa im Sinne der chinesischen Yin-und-Yang-Lehre, in der das Yin den geraden und das Yang den ungeraden Zahlen entspricht.

Johannes Kepler (1571-1630)

Kepler knüpfte vor allem in seinem philosophischen Hauptwerk ‚Harmonices mundi’ (‚Weltharmonik’) an die pythagoreische Sphärenharmonie an und ging dabei einen Schritt weiter, indem er einen Spagat zwischen Qualitäten und Quantitäten versuchte. Während es nicht die Absicht des Pythagoras gewesen war, musikalische Erscheinungen in einem quantifizierenden Sinn mit Zahlen zu verbinden, versuchte Kepler eben das, indem er darauf verwies, daß eine musikalische Oktave genau der Halbierung bzw. Verdoppelung einer Saitenlänge entsprach. Da das seiner Meinung nach kein Zufall war, versuchte er darauf aufbauend ein kosmisches System zu begründen und fand so unter anderem seine berühmten Planetengesetze.

Manche Zeichen sind uralt und erfahrungsgemäß - aus welchen Gründen auch immer - sehr stimmig und analogieträchtig. So auch einige Zahlensymbole als Schriftzeichen (sog. Ziffern), besonders das der 8. Bereits aus dem Schriftbild ihres Zeichens ergibt sich, daß die 8 der Oktave in der Musik entspricht. Eine Oktave ist dabei dasjenige Intervall, das die vollkommenste Harmonie jener Töne bezeichnet, den eine Streichinstrumentsaite erklingen läßt, wenn man sie in der Mitte zusammenschnürt, wobei dann beide Teilhälften gegenläufig in der Weise schwingen, daß sich das Ziffernbild der 8 ergibt. Hierbei entsprechen sich in wunderbarer Weise das optische Bild, der akustische Klang und die mathematische Proportion. Die Saite, die der höheren Oktave entspricht, schwingt exakt doppelt so schnell wie die Saite des Grundtones. Mathematisch entspricht eine Oktave also je nach Betrachtung einer Verdoppelung oder Halbierung ihrer Bezugsebene. Bei einer Halbierung ihrer Länge schwingt die Saite doppelt so schnell wie zuvor. Das legt eine Analogie zum zweiten Keplerschen Gesetz nahe, nach dem der ‚Leitstrahl’ eines Planetenumlaufes in gleichen Zeiten gleiche Flächen überfährt. Ebenso verhalten sich gemäß dem dritten Keplerschen Gesetz die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Objekte wie die dritten Potenzen der großen Halbachsen. Die 8 ist die dritte Potenz der 2, entspricht also dem Raum. Sie ist die eigentliche Zahl des physischen Raumes mit seinen drei Dimensionen.

Während die Keplerschen Planetengesetze auch heute noch anerkannt sind, hat sich allerdings seine Auffassung nicht durchgesetzt, daß die Abstände der Planeten von der Sonne den Durch­messern derjenigen Kugeln entsprechen, die innerhalb ineinander verschachtelter regulärer Polyeder liegen.

Kepler Solar System 1

 

 

 

 

 

 

Keplers Modell des Sonnensystems. Aus: Mysterium Cosmographicum (1596)

 

 
Die platonischen Körper
120px Tetrahedron Slowturn Hexahedron 120px Octahedron Slowturn 120px Icosahedron Slowturn Dodecahedron
Tetraeder Hexaeder (Würfel) Oktaeder Ikosaeder Dodekaeder

 

Die heilige Geometrie

Es liegt nahe zu vermuten, daß diese geometrischen und auf den fundamentalen platonischen Körpern beruhenden Versuche Keplers von der sog. ‚Heiligen Geometrie’ beeinflußt waren, die auch als ‚hermetische Geometrie’ bezeichnet wird und alchemistischen Ursprunges ist. Auch diese beschäftigte sich mit dem Versuch, das Wesen der Dinge in den geometrischen Polyedern zu erkennen, indem sie sich dabei auch auf die kristallinen Strukturen bezog. Die Alchemisten glaubten, daß diese Strukturen Ausdruck geistiger Prinzipien waren und ihnen auch bestimmte Informationen entsprachen – was übrigens in gewisser Weise durch die heutige Mikrochip-Technologie bestätigt wird. Daß die Zahl der physischen Körper, die lediglich durch gleiche zirkuläre Vieleck-Flächen begrenzt sind, nicht größer als fünf ist (Tetraeder Würfel, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder) und damit nur einfachen Zahlen entsprechen, ist in der Tat bemerkenswert.

Mathesis pura sive simplex, die eigentliche Mathematick , heisset diejenige, welche blos die Größen als Größen betrachtet [...]. Und daher gehören die Arithmetick, Geometrie nebenst der Trigonometrie und die Algebra eigentlich zu der Mathematick. (Christian Wolff: Mathematisches Lexikon.)

 

Die Quadratur des Kreises

Uns ist der Name des Pythagoras aber vor allem wegen des mit seinem Namen verbundenen mathematischen Satzes bekannt. Die alten Ägypter haben aber wohl schon viel früher mit dem Satz des Pythagoras gearbeitet und benutzten eine entsprechende Knotenschnur zur Darstellung eines rechten Winkels, mit dem sie ihre Pyramiden bauten. Das ergibt sich sehr eindeutig etwa aus dem Neigungswinkel der Chephren-Pyramide, der sehr exakt einem der beiden Winkel des einfachsten pythagoreischen Tripels 3-4-5 (3²+4²=5²) entspricht, nämlich 53,1°. Der Grund dafür liegt nahe, denn dieses Tripel läßt sich leicht aus einer zwölfgliedrigen Kontenschnur herstellen, die in anderer Form auseinandergelegt genau einem zwölfgliedrigem Kreis entspricht. Dieser Kreis entspricht auch dem astrologischen Tierkreis, der gleichfalls in zwölf Einheiten, nämlich die einzelnen Sternzeichen, unterteilt ist. Daß die Astrologie bei den alten Ägyptern einen hohen Stellenwert hatte, ist bekannt, ergibt sich aber auch aus den Neigungswinkeln der beiden anderen Pyramiden von Gizeh. Sowohl die Cheops- als auch die Mykerinos-Pyramide haben nämlich abweichende Neigungswinkel von 51,84° und 51,34°, und diese entsprechen recht exakt dem astrologischen Septil-Aspekt von 51,43°, der sich aus einer Siebenteilung eines vollen 360°-Horoskopkreises ergibt und dort bezeichnenderweise mit Mystik in Verbindung gebracht wird. Hier klingt die pythagoreische Sphärenmusik an, von der auch Kepler erfüllt war und die ihm sogar letztlich die Entdeckung seiner Planetengesetze ermöglichte.


 

 

Die Zahlenqualitäten

Daß den Zahlen besondere Qualitäten zugesprochen wurden, ist nicht völlig willkürlich, denn bestimmte Gruppierungen fallen ganz intuitiv ins Auge:

  • Zwei. So tritt etwa die Zweiheit auf ganz unterschiedliche Weise und in vielen Zusammenhängen auf –  als komplementäres oder gegensätzliches Paar, das in der chinesischen Philosophie als fundamentale Grundmetapher gilt und dort als Yin und Yang bezeichnet wird. Insofern entspricht es vor allem den Gegensatz männlich-weiblich, aber auch hell-dunkel, warm-kalt usw. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, daß die gesamte Welt ursprünglich aus solchen Gegensätzen durch gegeneinander gerichtete Aufspaltung hervorgegangen ist.
  • Drei. Diesem Ausgangspaar kann ein drittes Element hinzutreten, ohne daß dadurch die Harmonie oder das Prinzip verletzt wird, so als hätte es zuvor noch gefehlt und als dringe die Zweiheit ganz selbstverständlich zur Dreiheit. Das wird etwa deutlich an der Dreiheit Vater-Mutter-Kind. Die Dreiheit ist ein organisches Grundprinzip und tritt deshalb besonders häufig in biologische Formen auf – etwa in Blütenblättern.
  • Vier. Hier wird zum ersten mal das organische Prinzip verlassen. In der Vier verkörpert sich das anorganische Materie-Prinzip, das dem Geist-Prinzip gegenüber tritt. Sie entspricht der physischen, sichtbaren Welt, der Welt der Erscheinungen und der materiellen Fixierung. Wir kennen das Prinzip von den vier Himmelsrichtungen, den vier Temperamenten oder als Rechteck bzw. Quadratform, die dem physischen Fundament entspricht. Nicht zufällig, sondern archetypisch konsequent sind kristalline anorganische Strukturen immer eckig und niemals rund.
  • Fünf. Daß der Mensch fünf Finger hat, ist möglicherweise kein reiner Zufall, denn dadurch wird die Hand als Greifinstrument besonders geeignet. Zwei Hände entsprechen damit zehn Fingern und begründen so das Dezimalsystem, weil der Mensch damit zu zählen begonnen hat. Die Fünf entspricht somit dem manuellen Prinzip und steht für praktische Anwendungen und die Entwicklung manueller Fähigkeiten. Es ist die durch bewußte Anwendung Hineinbringung des Geistes in die Materie.
  • Sechs. Die Sechs läßt sich als Verbindung des geistigen und materiellen Prinzips deuten, weil sie zugleich dem Kreis als auch einem Vieleck entspricht. Sie tritt nicht nur ebenfalls bei Blüten, sondern auch in eher künstlich wirkenden flächigen Stapelkonstruktionen wie etwa bei Bienenwaben auf. Ein Sechseck entsteht aus der Überlagerung von zwei gleichschenkligen Dreiecken und entspricht in dieser Form offenbar bestimmten Bewußtseins- und Gehirnstrukturen. Es fällt jedenfalls auf, daß Sechseck-Strukturen besonders häufig in Trancezuständen auftauchen, wobei der Eindruck entsteht, daß sie einer Verbindung von materiellen und geistigen Projektionen entsprechen. Eben diese Bedeutung hat die Überlagerung der beiden Dreiecke auch in der archaischen Symbolik.
  • Sieben. Dieses ist die wohl bekannteste mystische Zahl. Sie entspricht deshalb auch selbst der Mystik und taucht nicht nur besonders häufig in unseren Märchen – als die sieben Zwerge, sieben Berge, sieben Brücken usw. – auf, sondern auch etwa in der Apokalypse des Johannes – als sieben Gemeinden, sieben Siegel, sieben Engel, sieben Posaunen, sieben Kronen und Kelchen. Das Leben und die Entwicklung des Menschen ist in körperlicher und psychischer Hinsicht in Siebenerperioden unterteilt, und das Siebeneck ist das erste Vieleck, das sich, wie Kepler nachgewiesen hat, rein geometrisch nicht konstruieren läßt.
  • Acht. Die Acht entspricht nicht nur wie bereits erörtert der musikalischen Oktave, sondern auch der Halbierung oder Verdoppelung der Saite eines Streichinstrumentes. In ihr begegnen sich also ebenfalls der physische und der geistige Aspekt, aber als Unendlichkeitssymbol und kosmische Schleife entspricht sie auch dem Prinzip der Wiedergeburt, der ewigen Wiederkunft, der Tag-und-Nacht-Gleiche und der stetigen Erneuerung. Andererseits sind daraus die Worte Achtung, Achtgeben, Macht abgeleitet - durchwegs Begriffe, die sich auf die immanente Realität und die darin bestehende obligatorische und hierarchische Ordnung beziehen. Insgesamt ist dadurch offenbar das Thema der kosmischen Harmonie und des kosmischen Prinzips angesprochen.
  • Neun. Die Neun steht für die Meisterschaft und Vollendung im körperlichen Bereich. Insgesamt läßt sich die 9 als die Zahl der kosmischen Zentrierung bzw. des kosmischen Ausgleiches verstehen, in dem sich alle Gegensätze aufheben. Nicht nur in der Lehre des Paracelsus, sondern auch in der chinesischen Medizin sowie in der Homöopathie Hahnemanns und Schüßlers spielt das ‚Ausgleichende Prinzip’ oder ‚Ergänzende Mittel’ als Heilsrezept eine wichtige Rolle.
  • Zehn. Die Zehn entspricht dem Dezimalsystem. In ihr ist der kosmischen Eins eine Null angefügt – also jener Uranfang, aus dem die Eins erst hervorgegangen ist. Sie entspricht der Verbindung des Einen und des Vielen bzw. der Entstehung des Vielen aus dem Einen und damit einem Prinzip, dem die neuplatonische Philosophie besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Bemerkenswert ist, daß unendlich viele Neunen hinter dem Komma rechnerisch dem Übergang in die nächsthöhere Zahl vor dem Komma entsprechen. Kann man sich vorstellen, daß aus einem einzelnen Menschen, der sich unendlich spiegelt, durch diesen Spiegelungsakt schließlich zwei Menschen entstehen? Die alchemistische Homunculus-Philosophie scheint das für möglich gehalten zu haben und konnte sich dabei darauf berufen, daß unsere physische Welt nur durch einen solchen Urzeugungsakt entstanden sein kann.
  • Elf. Mit der Elf haben wir zum ersten Mal eine völlig künstliche Zahl. Till Eulenspiegel ist eine ihrer typischen Entsprechungen. Eulenspiegels Streiche scheinen damit zusammen zu hängen, daß er zuvor ins Hintertreffen geraten ist und daß es ihm nicht möglich ist, ein voller Mitbürger zu sein. Dieses Prinzip kennen wir auch von dem germanischen Halbgott Loge oder Loki, der gerne etwa bei Wagner als bucklig dargestellt wird. Der Elf fehlt etwas an ihrer immanenten Ganzheit. Das verweist auf den zynischen Charakter des Tricksters, des von unten heraufsehenden Buckelmannes, der immer schon als Gauner, Schelm, Halunke oder Bauernfänger bezeichnet wurde. Die Elf ist deshalb auch die Karnevalszahl, weil der Karneval ursprünglich eine bewußt inszenierte Gegenwelt zur offiziellen bürgerlichen Welt war.
  • Zwölf. Die Zwölfentspricht einem Dutzend oder der Flächenzahl des Dodekaeders. Das Jahr hat zwölf Monate und der astrologische Tierkreis zwölf Zeichen. Aus einem Seil mit zwölf Knoten in gleichen Abständen läßt sich das einfachste pythagoreische Tripel herstellen, das bereits ein wichtiges Konstruktionswerkzeug für den Bau der ägyptischen Pyramiden war. Die Zwölf ist insofern die höhere Oktave der Fünf, weil sie auf einer höheren Entwicklungsstufe ebenfalls für die Einbringung des (menschlichen) Geistes in die physische und materielle Welt steht.
  • Dreizehn. Neben der 7 ist die 13 die andere mystische Zahl unter den Fundamentalzahlen. Sie gilt als die wesentliche Unglückszahl, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen, da sie in manchen Kulturen auch als Glückszahl gilt. In ihr drückt sich trotz der Tatsache, daß sie ungerade und wie die 7 auch eine Primzahl ist, das dualistische Prinzip aus. Es tritt hier gewissermaßen als gegenläufiger Geist in die Welt, während der Dualismus bisher immer das eher organische Wechselspiel von Geist und Materie bzw. gegensätzlicher Gegebenheiten war. Der Teufel ist zwar objektiv kaum zu fassen, dennoch aber eine sehr lebendige und prozessuale (also die zeitliche Entwicklung einbeziehende) Wesenheit. Die Polarität ist dementsprechend rein geistiger Art.
  • Neunzehn. Die Neunzehn ergibt sich durch Addition der 12 und der 7, die beide dem Menschen und seinem tieferen Bewußtsein zugeordnet sind. Das menschliche Leben ist in 12 x 7 (7+12=19) archetypische Zyklen untergliedert, die sich auch in den Erneuerungszyklen seiner Körperzellen zeigen und sich psychisch gemäß den 12 Tierkreiszeichen sehr deutlich in den verschiedenen Entwicklungsstufen präsentieren (erstes bis siebentes Jahr = Widder; achtes bis vierzehntes Jahr = Stier, und so fort). Das archetypische Alter des Menschen beträgt demnach 84 Jahre. Hier ergänzt sich beides zu einer höheren Bewußtseinsstufe im Sinne organischer Lebensgestaltung. Die Neunzehn kann als die eigentliche Zahl des Menschen gelten und entspricht dem Prometheus-Prinzip und der schamanischen Initiation.
  • Siebenundzwanzig. Diese Zahl entspricht einer räumlichen Dreiheit, nämlich der dritten Potenz des ursprünglichen organischen Grundprinzips und damit der organischen Vollständigkeit in allen drei Dimensionen. In der 27 ist auf organische Weise die ganze Welt enthalten, der kosmische Chor der Welt, in den sich jedes Individuum, jeder einzelne Mensch auf die ihm gemäße Weise einstimmen muß. Sie entspricht der Weltenschlange Ouroboros und ist damit identisch mit dem All-Einen und eine andere Form der kosmischen 1.

Die Bedeutung der höheren Zahlen wird allerdings immer spekulativer. Man gewinnt den Eindruck, daß hauptsächlich die einstelligen Zahlen als Gruppenphänomene eine ursprüngliche Bedeutung haben und daß sich bei den komplexeren Zahlen ihre Bedeutsamkeit allmählich verliert. Demgemäß liegt es nahe, zu vermuten, daß alle höheren Zahlen nur noch reine Rechengrößen sind, die lediglich durch Abstraktion von den ursprünglichen Grundmengen abgeleitet wurden. Sie sind insofern nur virtuell, aber nicht real (nicht zu verwechseln mit dem mathematischen Begriff „reeller“ Zahlen ). Es wird zwar niemand bestreiten, daß sich jedes Einzelding theoretisch multiplizieren läßt, aber oberhalb einer bestimmten Menge wandelt sich der Realitätsbezug. Vieles läßt sich in einer überschaubaren Menge noch als positive Qualität empfinden, wandelt sich aber bei einer Multiplikation in eine bloße Quantität mit u.U. sehr negativem Aspekt. So läßt sich etwa eine einzelne Maus als niedliches Tierchen sehen, wer aber in einem verlassenen Getreidespeicher Tausende von Mäusen wimmeln sieht, wird vermutlich unweigerlich von Panik ergriffen und ihnen eher etwas Negatives unterstellen.


 

 

 

Die moderne Diskussion

   
   

Carl Gustav Jung

C.G. Jung hat in seiner Archetypen-Lehre den einstelligen Zahlen eine besondere symbolische Bedeutung zugesprochen, die auch als Motive in Träumen auftauchen – etwa als eine auftretende Gruppe, was für ihn den Schluß nahelegte, daß sie Grundmotive des ‚kollektiven Unbewußten’ sind. [1] So heißt es unter ‚Die Vision der Weltuhr’[2]:

Es ist ein vertikaler und ein horizontaler Kreis mit gemeinsamem Mittelpunkt. Das ist die Weltuhr. Sie ist vom schwarzen Vogel getragen. Der vertikale Kreis ist eine blaue Scheibe mit weißem Rand, in 4x8=32 Teile geteilt. Darauf rotiert ein Zeiger. Der horizontale Kreis besteht aus vier Farben. Darauf stehen vier kleine Männchen mit Pendeln, und darum herum liegt der ehemals dunkle und jetzt goldene Ring (vormals von den vier Kindern getragen). Die ‚Uhr’ hat drei Rhythmen oder Pulse: Der kleine Puls: Der Zeiger des blauen Vertikalkreises springt 1/32 weiter. Der mittlere Puls: Eine ganze Umdrehung des Zeigers. Zugleich rückt der horizontale Kreis um 1/32 weiter. Der große Puls: 32 mittlere Pulse machen einen Umlauf des goldenen Ringes aus… Diese merkwürdige Vision machte auf den Träumer den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck: Einen Eindruck höchster Harmonie, wie er sich ausdrückte.

 

Oliver Sacks

Derartige Strukturen, die die Gestalt exakter geometrischer Formen haben und dadurch indirekt mit Zahlen verbunden sind, treten übrigens auch bei Migräne-Anfällen in Erscheinung, die der bekannte Autor Oliver Sacks in seinem Essay ‚Skotom‘ erwähnt und die er als eine „ursprüngliche, präintellektuelle Schöpferkraft des Bewußtseins, vielleicht sogar die Vorläufer der Wahrnehmung“ bezeichnet.[3] Das würde bedeuten, daß tatsächlich ganz im Sinne des Pythagoras ursprünglich alles Zahl war…

 

Numerologie

Eine heute sehr beliebte Sonderform bzw. Unterart der Zahlenmystik ist die sog. Numerologie. Diese geht nicht auf Pythagoras zurück, sondern hat einen eigenen Ursprung in der jüdischen Geheimlehre Kabbala. Sie ist in der Art der häufigsten Verwendung eher eine Art Lebenshilfe-Praxis und beruht in der Regel auf Bedeutungs-‚Bausteinen’, indem dabei bestimmte Anwendungselemente vorausgesetzt werden und insofern zum Kanon gehören. Im Allgemeinen werden dabei aus dem Namen und dem Geburtsdatum eines Menschen bestimmte Ziffernfolgen abgeleitet, indem auch den einzelnen Buchstaben des Namens einzelne Zahlen zugeordnet werden. Dabei werden die mehrstelligen Zahlenfolgen solange zu Quersummen zusammengefaßt, bis sie sich auf eine einstellige Zahl reduzieren, der eine bestimmte Bedeutung zugesprochen wird. Dadurch sollen sich Aussagen über die Persönlichkeit und das Schicksal des entsprechenden Menschen machen lassen.


 

 

Magische Quadrate und Alchemie

Die sog. ‚Magischen Quadrate’, also quadratische Zahlenfelder, in denen alle horizontalen und vertikalen Quersummen sowie die Quersummen der beiden Hauptdiagonalen identisch sind, waren wie vieles offenbar auch bereits im alten China bekannt, wurden aber in der heutigen Form zuerst in arabischen Manuskripten zur Zeit um 900 n. Chr. genannt und fanden von dort den Weg in die Alchemie. Sie wurden dann im abendländischen Europa besonders durch Albrecht Dürer in dessen Zeichnung ‚Melancholia’ und seinen Zeitgenossen Agrippa von Nettesheim in dessen Werk ‚Occulta Philosophia’ bekannt. Die AlchemistenAstrologie fanden sie Eingang. Daß ihnen eine mystische Bedeutung zugesprochen wurde, geht auch daraus hervor, daß sie oft auf Münzen und Amuletten haben magischen Quadraten eine besondere Bedeutung beigemessen, und auch in die dargestellt wurden.

Der mystische Hintergrund, aus dem sich ihre komplexe Bedeutung ableiten läßt, wird etwa besonders in dem magischen Quadrat deutlich, das hinter der Zahl 19 verborgen ist. Dieses Quadrat ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich darin seine Bedeutung mit geradezu mathematischen Methoden ableiten läßt. Daß die Zahl 19 als die Zahl des Menschen gelten kann, wird auch gerade durch die Interpretation  dieses Zahlenquadrates im Sinne der Fluddschen Kosmologie deutlich. Der Autor G.V. Pedes sagt dazu: „In diesem Feld scheint sich auch die Quintessenz der Fluddschen Kosmologie darzustellen, der gemäß sich Ober- und Unterwelt wie Tag und Nacht gegenüber stehen, denn wenn man die obere Hälfte des Feldes über die mittlere Horizontalachse klappt, ergänzen sich jeweils zwei Zahlen zur Komplementärzahl 9 (die auch als kosmische Ergänzungszahl gilt), während dazu aber über der Erde eine bloße Verschiebung, also eine Übereinanderschiebung der Feldhälften, genügt. In diesem Zahlenfeld wird entsprechend dem Weltenbaum-Motiv oberhalb der Horizontalachse die Tag- und unterhalb von ihr die Nachtseite dargestellt, während unser Weg auf der Erde (ein Gleichnis für unseren Lebensweg) durch eine ständige persönliche Vorwärtsbemühung gekennzeichnet ist. Wir wandern auf der Erde physisch vorwärts, müssen aber stets eine Kreuz­wegentscheidung treffen, wie wir das tun.“[4]

Dieses magische Quadrat, in dem auch die diagonalen Quersummen den horizontalen und vertikalen entsprechen, erhalten wir, indem wir irgendwelche Zahlen durch 19 teilen. Dabei kommen wir etwa bei der nächsthöheren Zahl 20 zu dem Ergebnis: 1,052631578947368421 usw. Nach 18 Stellen wiederholt sich die gleiche Reihe hinter dem Komma. Die nächste Zahl 21 : 19 ergibt: 1,105263157894736842. Wenn wir diese Reihen hinter dem Komma folgerichtig immer übereinander schreiben, bis wir 18 Reihen mit jeweils 18 Stellen erreicht haben (denn danach muß ja mit der nächsten 19-Vielfachen, wenn wir auch die durch 19 teilen, eine uns hier nicht interessierende Nullenreihe hinter dem Komma erscheinen), so erhalten wir ein Zahlenfeld, das einem magischen Quadrat entspricht und das so aussieht:

 

  Magisches%20quadrat%20der%2019%20c Magisches%20quadrat%20der%2019%20b

 

 

Alle diese Zahlenreihen sind Folgen aus einem einzigen Zahlenkreis, der rechts daneben abgebildet ist. Darin sind die inneren roten Zahlen die Nummerierungen der Zahlenreihen des linken Feldes und insofern identisch mit den roten Zahlen links. Sie bezeichnen dabei die Anfänge der im Kreis im Uhrzeigersinn laufend abzulesenden Zahlenreihen. Wenn wir die erste Zeile als Baisreihe bezeichnen, so ergbt sich hier folgende bemerkenswerte Regel: Jede folgende Zeile ist ein ganzzahliges Vielfaches dieser Basisreihe, wobei die jeweilige rote Reihenzahl dem Multiplikator entspricht.

Die Eigenschaften des Quadrates stellen sich so dar:

  1. Das Gesamtfeld besteht aus 18 Reihen mit jeweils 18 Ziffern.
  2. Alle Zahlenreihen gehören zu einem einzigen 18-stelligen Zahlenkreis, wobei jeder Folgewert ein ganzzahliges Vielfaches des Basiswertes ist. (Denn 2 x 052631578 947368421 = 105263157 894736842 usw.)
  3. Es ergibt sich eine durchgehende Überlagerung aller Zahlen zur Summe 9, sofern das Gesamtfeld bezüglich seiner horizontalen Mittelachse gespiegelt und bezüglich seiner vertikalen Mittelachse verschoben und übereinandergelegt wird.
  4. Die Quersummen aller Horizontalen und Vertikalen sowie der beiden Hauptdiagonalen beträgt immer 81.
  5. Die Quersummen sind derartig unterteilt, daß sie aus je einer Einzelfelddiagonale mit der Summe 29 und einer mit der Summe 52 bestehen. Als deren überlagernde Addition ergibt sich die Zahl 81, und wenn wir sie paarweise (als nach oben oder unten gerichtete Pfeilspitzen) zusammenfassen, ergibt sich entweder die Zahl 58 oder 104.
  6. Ziffernsummen und Quersummen sind natürlich etwas anderes, insofern als bei ersteren nur die Felder abgezählt und bei zweiteren deren Nennwerte addiert werden; ebenso unterscheiden sich die Summen der Gesamtdiagonalen und der Einzeldiagonalen. Dennoch tauchen alle Werte in wechselseitiger Verschränkung in den Diagonalen auf - und zwar die Quersum­men der Gesamtdiagonalen 81 als Ziffernsumme jedes Einzelquadrates und die Gesamtquersumme der Einzeldiagonalen 324 als Ziffernsumme des Gesamtfeldes.

 

 

Die Zahlen 7 und 13

713 PunktkreisEin gutes Beispiel für den Unterschied zwischen einer rein mathematischen Behandlung von Zahlen und der Untersuchung ihres bedeutungsmäßigen Hintergrundes bieten die beiden Zahlen, denen im allgemeinen die höchste Aufmerksamkeit in der Mythologie und Mystik zugesprochen wird – nämlich die Zahlen 7 und 13. Wenn auch derartige Nachweise nicht ohne jede Auslegung der Ergebnisse auskommen, haben sie aber doch in sich selbst eine bestimmte Eigenqualität, die auch Mathematikern zu denken geben. Denn erstaunlicherweise lassen sich deren Bedeutungen sogar auch mit mathematischen Methoden darstellen, und es läßt sich nachweisen, daß sie nicht nur hinsichtlich ihrer geometrischen Struktur (siehe nebenstehende Zeichnung), sondern auch bezüglich ihrer verborgenen Eigenschaften gewissermaßen Schwesterzahlen sind.

Das Zahlenfeld der Sieben

Der Zahlenkreis der Sieben

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der 7 Farbkreis

 
1
4
2
 
8
5
7
 
 
2
8
5
 
7
1
4
 
 
4
2
8
 
5
7
1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
5
7
1
 
4
2
8
 
 
7
1
4
 
2
8
5
 
 
8
5
7
 
1
4
2
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Das Zahlenfeld der Dreizehn

Die beiden Zahlenkreise der Dreizehn

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der 13 Doppelkreis

 
0
7
6
 
9
2
3
 
 
1
5
3
 
8
4
6
 
 
2
3
0
 
7
6
9
 
 
3
0
7
 
6
9
2
 
 
3
8
4
 
6
1
5
 
 
4
6
1
 
5
3
8
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
5
3
8
 
4
6
1
 
 
6
1
5
 
3
8
4
 
 
6
9
2
 
3
0
7
 
 
7
6
9
 
2
3
0
 
 
8
4
6
 
1
5
3
 
 
9
2
3
 
0
7
6
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Das Zahlenfeld der Sieben haben wir nach der gleichen Methode erhalten wie das der Neunzehn, nämlich indem wir irgendwelche Zahlen hier jeweils durch 7 geteilt haben und dabei hinter dem Komma der Ergebnisse Zahlenfolgen erhalten haben. die alle zu dem daneben dargestellten gleichen Zahlenkreis gehören und bei denen jede Ziffernfolge ein jeweils ganzzahliges Vielfaches der kleinsten ‚Basisreihe’ ist (die sich etwa dann hinter dem Komma des Ergebnisses ergibt, wenn wir die nächsthöhere Zahl 8 durch 7 teilen).

Auch in diesem Zahlenfeld ergeben sich ansonsten die gleichen Ergebnisse wie im Feld der 19 – mit der Ausnahme, daß die Hauptdiagonalen nicht zu den gleichen Quersummen wie die horizontalen und vertikalen Reihen führen, nämlich hier jeweils 27. Aber auch beim Überklappen der oberen Hälfte auf die untere fallen sämtliche Zahlen zur Summe 9 zusammen, ebenso wie beim horizontalen Verschieben der linken auf die rechte Hälfte.

Das Zahlenfeld der Dreizehn wird prinzipiell ebenso erhalten, indem man irgendwelche Zahlen durch 13 teilt, und auch dieses Feld ist zwar ebenfalls kein ideales Magisches Quadrat im Sinne der klassischen Definition, die Zahlenreihen gehören dieses Mal auch nicht alle zum gleichen Zahlenkreis, sondern zu zwei verschiedenen. Dabei ergibt sich aber der bemerkenswerte Umstand, daß die entsprechenden beiden Reihen (in Bild schwarz und rot dargestellt) zwar nicht regelmäßig wechseln, aber doch in ihrem Wechsel einer auffallenden Symmetrie folgen, die die horizontale Klappachse als solche betont. Ansonsten besitzt auch dieses Zahlenfeld alle Eigenschaften des Zahlenfeldes der Sieben.

Als Schwesternzahlen erweisen sich die Sieben und die Dreizehn nun insofern, als sich einerseits alle Zahlenreihen des Sieben-Feldes außer durch 27 (und damit natürlich auch durch 9 und 3) nur noch durch 13 teilen lassen, während die Reihen des Dreizehn-Feldes sich außer durch 27 nur noch durch 7 teilen lassen. Das ist eine überaus bemerkenswerte wechselseitige Verschränkung. Übrigens ergeben sich auch hinter einigen weiteren Primzahlen solche Zahlenkreise, bei denen sich aber die hier bereits festgestellten Grundprinzipien im Wesentlichen wiederholen, sodaß ihre Betrachtung damit uninteressant wird und man ebenfalls zu dem Ergebnis kommt, daß die höheren Zahlen und Primzahlen lediglich Ableitungen bzw. Abstraktionen der ursprünglichen im wesentlichen einstelligen Basiszahlen sind. Sowohl die Zahl 7 als auch die Zahl 13 stellen demnach primäre Phänomene dar. Das scheint ihrer mystischen Bedeutung zu entsprechen. Die Zahl 13 enthält dabei ein dualistisches Prinzip, wie es ebenfalls ihrer mystischen Bedeutung entspricht. Auch das ist eine überaus wichtige Feststellung, denn die Bedeutung, die die Mathematiker den Primzahlen zuweisen, liegt ja gerade in der Annahme, daß sie allesamt primäre Phänomene sind. Sofern wir die Zahlen nur als quantitative Zählwerte nehmen, ist das auch tatsächlich der Fall, denn ihr jeweils originales Wesen besteht dann darin, daß sie aus keiner niedrigeren Zahl durch Multiplikation oder Potenzierung abgeleitet werden können. Jede Primzahl erscheint deshalb insofern als ein neu hinzutretendes Basisphänomen. Wir haben hier aber eine Methode, nach der sich die Primzahlen als primär und abgeleitet unterscheiden lassen. Der Charakter der höheren Primzahlen hinsichtlich ihrer Ursprünglichkeit ist damit ins Wanken geraten.

Noch bemerkenswerter ist aber die Tatsache, daß jeder der drei Zahlenkreise hinter der Sieben und der Dreizehn einem Sechseck entspricht, in dem sich jeweils zwei Dreiecke überlagern, von denen eines immer 8 und das andere immer 19 ergibt. Damit entsprechen diese Doppeldreiecke genau jenem alten alchemistischen hexagonalen Symbol der übereinanderliegenden beiden Dreiecke, von denen das eine gemäß der esoterischen Tradition dem Geist- und das andere dem Materie-Prinzip entspricht. Während die 8 wie erörtert im allgemeinen der immanenten Realität zugeordnet wird, steht die 19 wie auch bereits erörtert für das Prometheus-Prinzip, also für das, was wir uns als ‚künstlich’ vorstellen, was aber aus dieser Sicht ebenfalls einem kosmischen Prinzip und einer kosmischen Notwendigkeit entspricht – ganz im Sinne des Wotan-Spruches in Wagners Walküre:

Not tut ein Held, -
Der, ledig göttlichen Schutzes, -
Sich löse vom Göttergesetz: -
So nur taugt er -
Zu wirken die Tat, -
Die, wie not sie den Göttern, -
Dem Gott doch zu wirken verwehrt. -
In wilden Leiden -
Erwuchs er sich selbst. -
Mein Schutz schirmte ihn nie.
 

 

Makrokosmos Symbol 1

Hexagramm A

Uroborus

Hexagramm B

Sigillum 2

 

Alchemistische Zeichnungen und Amulette, in denen das Doppeldreieck dargestellt wird.


[1] C. G. Jung: Grundwerk, Band 2, Archetyp und Unbewusstes (1990) ISBN 3530407828
[2] In: Die Mandalasymbolik / Traumsymbole des Individuationsprozesses. ISBN 3-423-15064-5
[3] Oliver Sacks: Migräne. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 3-499-19963-7.
[4] G.V. Pedes: Ouroboros..   Siehe dazu auch: Die Prometheus-Zahl; die 19 als die Zahl des Menschen.’
L. E. Dickson: History of the Theory of Numbers, Washington 1932.
   
   

Evokationen

 

Die Tür flog krachend auf, und ich taumelte in ein Zimmer, das so voll war von erstickendem, in schweren Schwaden emporwölkendem Rauch, daß ich zunächst bloß eine Anzahl riesenhafter Schatten erkennen konnte, die sich in all dem Nebel hin und her bewegten. Erst nach und nach gewahrte ich, daß das spärliche Licht von einer einzigen roten Lampe kam, die auf dem Kaminsims stand, und daß der Raum, den ich nun erstmals von innen sah, so gut wie keine Möbel aufwies. Der Teppich lag zusammengerollt in einer Zimmerecke, und auf den weißgescheuerten Dielenbrettern erblickte ich einen großen, mit einem schwärzlich glosenden Material gezeichneten Kreis, von dem jener Rauch aufstieg. Innerhalb wie außerhalb dieses magischen Zirkels waren in regelmäßigen Abständen seltsame Zeichen angeordnet, die mit derselben schwärzlichen und rauchenden Substanz auf den Boden gemalt waren und gleichfalls von sich aus zu glosen schienen. Mein erster Eindruck beim Betreten des Zimmers war, daß es - nun ja, fast hätte ich gesagt, es sei voll von LEUTEN gewesen. Doch das gibt ein falsches Bild. Vielmehr war es eine Ansammlung von WESEN, was sich da im Raume drängte, und sogleich überkam mich die absolute Gewißheit, daß diese Erscheinungen außermenschlichen Ursprunges waren! Es steht für mich zweifelsfrei fest, daß ich damals einen Blick auf lebende, intelligenzbegabte Wesen geworfen habe, doch nicht minder bin ich überzeugt - obschon ich es nicht beweisen kann -, daß diese Wesen fremden Evolutionsgesetzen unterworfen waren und nichts mit menschlichem Leben zu tun hatten, in keiner seiner Formen, weder vor noch nach dessen Tode. Doch was immer jene Schatten gewesen sein mögen - ihr Erscheinungsbild war in fortwährend ineinanderfließendem Wandel begriffen. Es war mir nicht möglich, eine dieser Formen länger ins Auge zu fassen, wiewohl ich mir ihrer Gegenwart unabläsig bewußt blieb. Offenbar hatte ich es mit Wesenheiten der nämlichen Art zu tun, wie ihrer eine mir schon mehrere Nächte zuvor in meinem Zimmer nachgestellt hatte, und das Bewußtsein, nunmehr einer Vielzahl von ihnen so beängstigend nahe zu sein, erfüllte mich mit überwältigendem Entsetzen. Ich begann aufs heftigste zu zittern, und der Schweiß brach mir in Strömen aus Stirn und Wangen. Rings um mich war alles in fortwährender Bewegung. Bald stand es ganz nahe neben mir, bald trat es hinter mich, strich mir die Schultern entlang, fuhr mir durch das Haar, kurz, es umkreiste mich, ohne jemals handgreiflich zu werden, und übte dennoch einen wachsenden Druck auf mich aus. Besonders mir zu Häupten schien es sich in unaufhörlichem Wirbel zu drehen und war insgesamt begleitet von einem verworrenen, seufzenden Geflüster, das schon im nächsten Moment sich verdichten mochte zu artikulierter Rede. Doch zu meiner unaussprechlichen Erleichterung kam es nicht dazu, und jenes raunende Seufzen blieb weiterhin bloß dem Steigen und Fallen des Windes vergleichbar. Das Kennzeichnende an jenen Schattenwesen aber, das mich damals zutiefst beeindruckte und dessen ich mich auch heute noch am lebhaftesten entsinne, war der Umstand, daß jedem von ihnen etwas innewohnte, das ich nur als SCHWINGUNGSZENTRUM bezeichnen kann - nämlich als ein Zentrum, von dem eine immense Kraft ausstrahlte, die bei jedem Vorüberstreichen jene eigentümliche Wirbelbewegung hervorrief. Die Luft im Zimmer war übervoll von solchen Wirbelzentren einer schwirrend rotierenden Kraft, und so oft mir eins von ihnen allzu nahe kam, hatte ich das Gefühl, als würden mir an der betreffenden Stelle die Nerven buchstäblich aus dem Körper gezogen, ihrer Lebenskraft radikal beraubt und danach wieder eingesetzt - doch nun in totem, schlaffem, gänzlich unbrauchbarem Zustand. Erst jetzt ergab es sich, daß mein Blick auf Smith fiel. Er stand zu meiner Rechten gegen die Wand geduckt und nahm eine so offenkundige Abwehrhaltung ein, daß ich sofort erkannte, in welch verzweifelter Lage er sich befand. Doch wie jämmerlich sein entsetzensverzerrtes Gesicht auch wirken mochte - der Zug um seine zusammengebissenen Zähne zeigte mir, daß Smith noch nicht alle Selbstkontrolle verloren hatte: vielmehr lag eine Entschlossenheit auf seinen Zügen, wie sie mir auf keinem Menschengesicht je wieder begegnet ist, und obschon er sich gegenwärtig in der fürchterlichsten Bedrängnis befand, erweckte er den Eindruck eines Mannes, der, noch immer voll Selbstvertrauen und unerachtet aller hereinbrechenden Furcht, auf die Gelegenheit zum Angriff wartet. Was mich selbst betrifft, so sah ich mich einer Situation gegenüber, die sich meinem Wissen und Verstehen dermaßen entzog, daß ich mich hilflos und unnütz fühlte wie ein Kind. "Helfen Sie mir zurück - rasch! Zurück in den Kreis!" hörte ich Smith durch die wogenden Dämpfe sagen, und es war wie ein gehauchter Schrei. Das einzig Brauchbare an mir scheint damals der Umstand gewesen zu sein, daß ich bei meinem Tun keine Angst empfand. Da ich nichts von den Mächten wußte, welche rings um mich entfesselt waren, hatte ich auch keine Angst vor den tödlichen Gefahren, denen ich mich aussetzte, und so sprang ich einfach vorwärts, um Smith an den Armen zu packen. Er warf sich mir mit seinem ganzen Gewicht entgegen, riß sich dank unserer vereinten Anstrengungen von der Wand los und taumelte auf den magischen Zirkel zu. Doch schon sank aus der leeren Luft des rauchgeschwängerten Zimmers eine Kraft auf uns hernieder, die ich einzig mit der stoßenden, treibenden Gewalt eines auf engstem Raume zusammengepreßten Sturmwindes vergleichen kann. Fast war es wie die Druckwelle einer Explosion, die sich da gleichmäßig auf meinen Körper auswirkte. Das stürzte über uns herein mit einem sausenden Laut, der mir die Ohren überschwemmte und mich sekundenlang glauben machte, das gesamte Haus müsse schon im nächsten Moment zu Trümmern zerbersten. Der erste Ansturm schleuderte uns gegen die Wand zurück, und mir war sofort klar, daß eine Macht uns abhalten wollte, den Kreis in der Zimmermitte aufs neue zu betreten. Schweißüberströmt, atemlos und unter letzter Anspannung aller Muskeln brachten wir es schließlich zuwege, uns bis an den Rand des magischen Zirkels vorzukämpfen, doch schwoll in jenem Augenblick die feindliche Kraft zu solcher Gewalt, daß ich mich urplötzlich von Smith losgerissen, des Bodens unter meinen Füßen beraubt und gegen die Fenster gewirbelt fand, als hätte das Schwungrad einer ungeheuren Maschine schon meine Kleider erfaßt und wäre nun drauf und dran, mich samt ihnen in Stücke zu reißen. Doch noch während ich zerschlagen und atemlos gegen die Mauer flog, sah ich, daß Smith nun inmitten des Kreises Fuß gefaßt hatte und seine aufrechte Haltung wiedergewann. Während der nächsten Minuten ließ ich ihn nicht einen Atemzug lang aus den Augen. Jetzt erhob er sich zu seiner vollen Größe - jetzt strafften sich seine breiten Schultern - und jetzt warf er den Kopf zurück, so daß ich sehen konnte, wie rasch sein Mienenspiel sich vom Ausdruck der Angst zu jenem der unumschränkten Befehlsgewalt wandelte. Ruhig blickte er um sich - und stimmte danach einen langgezogenen, vibrierenden Ton an: zunächst noch leise, nahm dieser Ton mehr und mehr an Stärke zu, bis er schließlich das gleiche Volumen und die nämliche Intensität erlangt hatte, wie ich sie in jener Nacht vernommen, da Smith über die Treppe zu mir hinaufgerufen hatte. Es war ein sonderbar anschwellender Klang, der nicht so sehr an eine menschliche Stimme, sondern vielmehr an den Ton eines Instruments gemahnte. Und während dieser Ton an Mächtigkeit zunahm und mehr und mehr das ganze Zimmer füllte, wurde ich gewahr, daß sich rings um uns langsam aber sicher ein großer Wandel vollzog: die Wirrnis der Geräusche und des Sausens in der Luft sänftigte sich zu dem stetigen Vibrieren, wie es etwa von den tiefen Registern einer Orgel hervorgebracht wird. Auch die Luftwirbel nahmen an Heftigkeit ab, wurden fühlbar schwächer - und erstarben schließlich vollends. Das seufzende Geflüster ward leiser und leiser, bis ich es zuletzt nicht mehr vernehmen konnte. Das Befremdlichste von allem aber war der Umstand, daß jener glosende Schimmer, der sowohl von dem Kreis als auch von den magischen Zeichen rundum ausstrahlte, zu einem hellen Glühen anwuchs, dessen Strahlung den Zügen von Smith einen unbeschreiblich gespenstischen Ausdruck verlieh. Und einzig durch die Kraft seiner Stimme, hinter der unzweifelhaft ein echtes Wissen um okkulte Klangmanipulationen stand, gewann dieser Mann langsam wieder die Herrschaft über jene Mächte, die aus ihrer eigenen Sphäre ausgebrochen waren, ja, drängte sie zurück in ihre Schranken, bis das Zimmer in völliger Ruhe und Ordnung dalag wie zuvor. (Algernon Blackwood: 'Ein gewisser Smith'.)

So weit diese Geschichte, die wir mit dem finstersten Mittelalter assoziieren und von der wir natürlich zu wissen meinen, daß es sich dabei um puren Aberglauben handelt. Allerdings gibt es verblüffende Taschenspielertricks, bei denen wir wissen, daß sie lediglich auf manueller Geschicklichkeit und der Anwendung aller möglichen rational erklärbarer Täuschungsmanöver beruht. Aber echte Magie? Gott sei Dank haben wir uns von solchen Dingen befreit, denn es wurde damit bekanntlich sehr viel Unsinn getrieben. Die Frage ist nur, ob das an dem damit verbundenen Weltbild lag oder an der Art und Weise, was bestimmte Menschen daraus ableiteten. Es ist die ewig gleiche Frage nach der menschlichen Substanz. Aber was ist das eigentlich: 'Substanz'? Scheinbar handelt es sich dabei um einen äußerst schwammigen Begriff, und dennoch: in letzter Konsequenz haben wir nichts anderes, worauf wir uns beziehen können. Das wird uns nicht nur an der Gestalt des Mr. Smith deutlich, sondern auch ständig in unserem Alltagsleben. Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, wie die Menschen im Allgemeinen miteinander umgehen und wie sie sich etwa im Bereich der Politik oder der Wirtschaft verhalten, wobei es sich letztlich auch nur um Paradigmen handelt, unter denen wir die Komplexität unserer Realität geistig zu erfassen suchen und nach denen wir dann handeln. Vielleicht werden unsere Nachfahren diese Dinge und die damit verbundene Weltsicht ebenfalls für Aberglauben halten, denn wohin hat uns das inzwischen geführt? Es ist also eigentlich weniger das Weltbild, das richtig oder falsch ist, sondern das, was die Menschen daraus machen. So gesehen könnten wir es auch als ungeheure geistige und kulturelle Verarmung empfinden, daß wir uns um Dinge gebracht haben, die einmal Quelle unserer Märchen und Mythen waren.


 

 

Das Initiationsthema

In Afrika zum Beispiel sind diese Dinge dagegen noch sehr lebendig. Der Autor W. Schiebeler[1] erwähnt eine Geschichte, die ihm ein afrikanischer Student nach einer seiner Vorlesungen über Parapsychologie erzählt hatte. Dieser amüsierte sich darüber, daß wir mit solchen Dingen so große Schwierigkeiten hätten, denn bei ihm zu Hause seien diese völlig geläufig. Er berichtete folgendes:

Es war im Jahre 1951. Ich war damals zwölf Jahre alt, und ich erinnere mich noch sehr genau an den damaligen Vorgang, da er sich mir wegen seiner Besonderheit stark eingeprägt hat. Mein zweieinhalbjähriger Bruder war schwer erkrankt... In unserer Apotheke gab es nichts, was ihm helfen konnte. Selbst Leute, die etwas von Heilpflanzen verstanden, waren machtlos. Unser Dorflehrer, der ein Freund meines Vaters war, hörte davon und bot sich an, zu helfen. Er fragte meinen Vater, ob ein Kind unserer Familie entweder schon einmal von einer Schlange gebissen sei oder schon Brandwunden erlitten habe. Mein Vater bejahte dieses, denn meine Schwester, damals zehn Jahre alt, war schon einmal vom Feuer gebrannt worden. Der Lehrer nahm einen emaillierten Teller in der Größe eines Suppentellers und zeichnete in ihn zwei ineinander liegende Kreise, die er mit einigen Strichen verband. Die Kreise zeichnete er mit holzkohleähnlichem Material und noch einem anderen Mittel, das ich nicht mehr in Erinnerung habe. Er legte in die Zwischenräume kleine Teilchen von dem holzkohleähnlichen Material. Auf den Erdboden zeichnete er ebenfalls einen Kreis, worin sich meine Schwester niedersetzen mußte. Auf ihre Füße und Handrücken zeichnete er außerdem Striche mit dem holzkohleähnlichen Material. Der Lehrer murmelte etwas und befahl meiner Schwester, genau in den Teller zu schauen und aufzupassen auf das, was sie dort sehen und hören werde. Sie konnte dann in dem Teller Personen sehen, die mit ihr gesprochen und ihr eine Pflanze gezeigt haben. Die Umstehenden haben nichts gesehen und gehört. Meine Schwester beschrieb die Personen genau und erzählte uns, was sie gesagt hatten. Mein Vater erkannte sofort, daß es sich bei der einen Person um seinen bereits verstorbenen Vater handelte. Meine Eltern wandten die Heilpflanze an, die mein Großvater meiner Schwester aus dem Teller heraus genannt hatte, und innerhalb von ein paar Tagen war mein Bruder wieder gesund.

An dieser Geschichte fällt wieder das Initiationsthema auf: es soll sich um ein besonderes Kind handeln, das in diesem Fall durch bereits erlittene körperliche Torturen für seine Aufgabe vorbereitet wurde. In anderen Fällen muß es sich um einen besonders unschuldigen Menschen handeln, also gleichfalls nach Möglichkeit ein Kind, das dadurch noch unmittelbareren Kontakt zu den jenseitigen Wesenheiten besitzt und auch durch seine reine Seele gegen ihre Macht geschützt ist. Sieht man hierin keinen Widerspruch, sondern eine wesentlich gleiche Bedingung, so fällt die Gleichartigkeit einer Geschichte auf, über die W. Somerset Maugham in seinem Roman 'Der Magier' berichtet:

Ich hatte häufig von einem bestimmten Scheich gehört, der dem, der sich an ihn wandte, mittels eines magischen Spiegels abwesende Menschen oder Tote zeigen konnte, und einer meiner Freunde unter den Eingeborenen hatte mich oft gebeten, ihn zu besuchen. Daß es sich lohne, hatte ich nie angenommen, doch kam schließlich eine Zeit, da ich innerlich sehr unruhig war. Meine arme alte Mutter war Witwe, und ich hatte seit vielen Wochen nichts von ihr gehört. Zwar schrieb ich wiederholt, bekam aber keine Antwort. Ich war in großer Sorge und sehr unglücklich. Wenn ich den Zauberer kommen ließe, könnte das weiter nichts schaden, dachte ich, und vielleicht hatte er wirklich die Kräfte, die ihm zugeschrieben wurden. Mein Freund, der Dolmetscher am französischen Konsulat war, führte mich eines Abends zu ihm. Der Mann war eine schöne Erscheinung, er war groß und kräftig, hatte helle Haut und einen dunkelbraunen Bart. Er war ärmlich gekleidet und trug, als Nachfahre des Propheten, einen grünen Turban. In der Unterhaltung gab er sich freundlich und natürlich. Auf meine Frage, wer in den Zauberspiegel blicken könne, erklärte er, ein Junge, der noch nicht das Pubertätsalter erreicht habe, eine Jungfrau, eine schwarze Sklavin und eine schwangere Frau. Um jede geheime Verbindung und Betrügerei auszuschalten, schickte ich meinen Diener zu einem guten Freund und bat ihn, seinen Sohn kommen zu lassen. Während wir warteten, stellte ich auf Anweisung des Magiers Weihrauch und Koriandersamen und eine Wärmepfanne mit glühender Kohle zurecht. Er schrieb indessen Beschwörungsformeln auf sechs Papierstreifen. Als der Junge erschien, warf der Magier Weihrauch und einen der Papierstreifen in die Wärmepfanne, griff dann die Rechte des Jungen und zog auf seiner Handfläche ein Quadrat und mehrere Geheimzeichen. In die Mitte des Quadrates goß er einen Tropfen Tinte. Dies bildete den Zauberspiegel. Er bat den Jungen, unverwandt und ohne den Kopf zu heben hineinzusehen. Die Weihrauchschwaden füllten den Raum mit Dunst. Der Zauberer murmelte undeutlich arabische Worte und unterbrach sich nur, wenn er dem Jungen eine Frage stellte. "Siehst du etwas in der Tinte?" fragte er. - "Nein", antwortete der Junge. Im nächsten Moment aber begann er zu zittern und schien ganz erschrocken. "Ich sehe einen Mann, der den Fußboden fegt", sagte er. - "Wenn er damit fertig ist, sage es mir!" befahl der Scheich. Er wandte sich an mich und fragte, wer es sei, den der Junge für mich sehen solle. - "Ich möchte, daß er die Witwe Porhoet sieht." - Der Magier legte den zweiten und dritten der kleinen Papierstreifen in die Wärmepfanne, dann wurde frischer Weihrauch hineingelegt. Von dem Qualm taten mir die Augen weh. Der Junge begann zu sprechen. "Ich sehe eine alte Frau, die auf einem Bett liegt. Sie trägt ein schwarzes Kleid und auf dem Kopf eine kleine weiße Haube. Sie hat ein runzeliges Gesicht, und ihre Augen sind geschlossen. Ihr Kinn ist mit einem Band hochgebunden. Das Bett steht in einer Vertiefung in der Wand, es hat Läden." Der Junge beschrieb ein bretonisches Bett, und die weiße Haube war eine 'coiffe', die meine Mutter trug. Und wenn sie in ihrem schwarzen Kleid, mit einem Band um das Kinn, dalag, wußte ich, daß dieses nur eines bedeuten konnte. - "Was sieht er noch?" fragte ich den Zauberer. Er wiederholte meine Frage, und der Junge fuhr sogleich fort: "Ich sehe vier Männer mit einer langen Kiste hereinkommen. Und Frauen weinen. Sie alle tragen kleine weiße Hauben und schwarze Kleider. Ich sehe noch einen Mann in einer weißen Stola, der ein großes Kreuz in den Händen trägt, und einen kleinen Jungen in einem langen roten Gewand. Und die Männer nehmen ihre Hüte ab. Und jetzt knien alle nieder." - "Mehr will ich nicht hören", sagte ich, "es ist genug." Ich wußte, daß meine Mutter tot war. Wenig später bekam ich einen Brief von dem Pfarrer des Dorfes, in dem sie gelebt hatte. Sie hatten sie eben an dem Tag begraben, an dem der Junge dieses Bild in dem Tintenspiegel gesehen hatte.

Um die Jahrhundertwende war der Okkultismus große Mode. Besonders bekannt geworden ist der englische magische Orden 'Golden Dawn'. Der Autor Nevill Drury[2] beschreibt die Vorbereitungen und Notwendigkeiten magischer Evokation entsprechend den Regeln dieses Ordens wie folgt:

Der Tempel ist der Raum für alle magischen Handlungen. Er verkörpert das ganze Universum und folglich auch den Magier selbst, weil Makrokosmos und Mikrokosmos sich entsprechen. Auf dem Boden befinden sich bestimmte Zeichen, von denen der Kreis das wichtigste ist. Er hat viele symbolische Bedeutungen, doch vor allem steht er für die unermeßliche Göttlichkeit, die der Magier erstrebt. Der Kreis ist ein Symbol dessen, was der Magier einmal werden wird, und symbolisiert so den Prozeß der Anrufung, den Griff nach einer höheren spirituellen Wirklichkeit. Wenn sich der Magier in die Mitte des Kreises stellt, kann er sich mit der Quelle der Schöpfung identifizieren, und sein Wille sorgt dann dafür, daß die Ich-Teufel oder sein niederes Selbst außerhalb der Sphäre des höheren Bewußtseins bleiben. Der Magier handelt nun insofern in eigener Machtbefugnis, als er beabsichtigt, die angerufene Gottheit seinem Willen dienbar zu machen. In diesem Zusammenhang sind die Gottesnamen von wesentlicher Bedeutung. Sie stehen um den Kreis herum geschrieben und bestimmen als heilige Namen das Wesen des symbolischen Werkes. Außerdem kann der Kreis von einer gleichseitigen geometrischen Figur umgeben sein, deren Seitenzahl der Sephirah auf dem Baum entspricht, die sich auf die jeweilige Gottheit bezieht, im Fall von Tipareth (Osiris) ein Hexagramm. Der Kreis enthält auch ein Tabu, das als Symbol sich durchsetzender männlicher Kraft ein Gleichgewicht mit der empfangenden weiblichen Rolle des Kreises herstellt. Das Tau besteht aus zehn Quadraten, für jede Sephirah eins, und ist gewöhnlich, wie die Gottesnamen auch, zinnoberrot. Der Bereich des Kreises ist in einem komplementären Grün gehalten. In gleichen Abständen umgeben neun Pentagramme den Kreis, und jedes enthält eine kleine brennende Lampe, während die zehnte und wichtigste über dem Zentrum des Kreises hängt.

Der Kreis muß selbstverständlich groß genug sein, damit sich der Magier frei bewegen kann. Er darf ihn während der Anrufung nicht verlassen, weil sonst die den Willen sammelnden Kräfte des Kreises vernichtet würden. Wenn der Kreis nicht fest in den Tempelboden eingraviert ist, kann er mit Farbkreiden aufgemalt, auf Stoff genäht oder gedruckt werden. Wenn schon ein Kreis vorhanden ist, muß der Magier seine Heiligkeit von neuem bekräftigen, weil er sonst ein rein profanes, äußeres Symbol bleibt. Der Magier zieht den bestehenden Kreis mit seinem Ritualschwert oder der ausgestreckten Hand nach und bedenkt dabei aufmerksam die symbolische Bedeutung seiner Handlung... Das Dreieck spielt eine entgegengesetzte Rolle. Anders als der Kreis, der ein Symbol der Unendlichkeit ist, steht das Dreieck für die endliche Manifestation und ist ein Brennpunkt für alles schon Existierende. Es ist das Symbol der Dreiheit der Schöpfung und der Vereinigung der astralen, mentalen und physischen Ebenen. Er dient der Beschwörung oder Evokation. Wie der Kreis muß es sorgfältig errichtet oder geistig verstärkt werden, damit es einen Eindruck im Geist des Magiers hinterläßt. Das Dreieck muß die beschworene Wesenheit halten können, da der Magier sonst die Kontrolle über die Manifestation verlieren kann, sodaß der Geist möglicherweise von ihm Besitz ergreift, worauf der Magier besessen wäre. Der Talisman in der Mitte des Dreiecks stellt das Siegel oder Zeichen des Geistes dar und ist der Brennpunkt des Rituals. Zur Anrufung im magischen Kreis wird bestimmtes Gerät verwendet. Die meisten Gegenstände werden auf den Altar in der Mitte gelegt, der ein Symbol des magischen Willens ist, der Grundlage des Rituals. Er besteht aus einem hölzernen Doppelwürfel - gewöhnlich aus Akazie oder Eiche - und hat zehn sichtbare Flächen... Auf diesem Altar befinden sich symbolische Utensilien, die die Vorstellungskraft zum Zustand der Transzendenz lenken sollen.


 

 

Bekannte Tarot-Symbole

Diese Utensilien sind 'Das heilige Öl', 'Der Stab', 'Der Kelch', 'Das Schwert' und 'Die Münze' - übrigens bekannte Tarot-Symbole (der Stab symbolisierte im Mittelalter den Bauernstand, der Kelch den Klerus, das Schwert den Adel und die Münze die Kaufleute). Das Öl besteht aus einer golden schimmernden Flüssigkeit, die in einem Gefäß aus Bergkristall aufbewahrt wird. Während der Magier damit ganz bestimmte Stellen seines Körpers salbt, muß er sich vergegenwärtigen - d.h. bewußt imaginieren -, wie heilig seine Handlung ist. Der Stab gilt in abgewandelter Bedeutung als Symbol für das Streben nach höherer Weisheit, die durch die Kraft des Willens erlangt wird. Er ist vielfarbig gestaltet, wobei jeder Farbe ein bestimmtes astrologisches Tierkreiszeichen entspricht. Der Kelch gilt als weibliches, empfangendes Symbol. Er steht für das Bewußtsein des Magiers, das mit einem Wissen über sein höheres Selbst gefüllt werden soll. Das Schwert ist das Symbol der Macht und Gewalt des Magiers über die angerufenen Kräfte. Es steht aber für die menschliche Kraft und entspricht damit dem Stab, der jedoch für die göttliche Kraft steht. In ähnlicher Weise entspricht die Münze dem Kelch, sie steht aber statt seines Geistes für seinen Körper, der ebenfalls vom Heiligen Geist erfüllt werden soll. Während der Zeremonie ist der Magier in ein besonderes Gewand gekleidet, das ihn vor schädlichen Einflüssen schützen soll. Es ist zumeist schwarz und symbolisiert das dunkle Gefäß, in das Licht gegossen wird. Der Magier verfügt auch über ein besonderes Buch, in dem alle Einzelheiten des Rituals niedergeschrieben sind, es steht damit auch für seine Entschlossenheit, sich an dieses Ritual zu halten und sich in seinem Vorhaben nicht beirren zu lassen. Durch seinen genauen Ablauf und durch die symbolischen Utensilien, die alle für ihn eine bestimmte sehr intensiv suggerierte Bedeutung besitzen, stimuliert der Magier seine Fantasie.

Wenn wir uns nun doch einmal versuchsweise bemühen wollen, die Magie wirklich ernst zu nehmen und im Sinne unserer Theorie zu deuten, so könnten wir etwa sagen: Es handelt sich hier um geistige Vorgänge, die nur auf solche Weise intensiviert werden können. Die Frage nach dem praktischen Nutzen gibt nur in der physikalischen Welt einen Sinn, und wenn wir es recht bedenken, noch nicht einmal dort, da alle praktischen Ziele im Grunde auch nur Manifestationen geistiger Vorgänge sind, also konkretisierte Ideen.

Drury sieht das ähnlich:

Wenn Okkultisten die innere Reise der Psyche beschreiben, verwenden sie oft Begriffe wie 'Astralprojektion', 'Wegbahnungen' und 'Lichtkörper'. Im wesentlichen führt die Meditationstechnik der Trance durch eine gewollte Imagination zu einer Verlagerung des Bewußtseins in die visionäre Welt der Symbole. Im Zusammenhang mit dem modernen Okkultismus wird die Trance zunächst durch eine Technik herbeigeführt, in der sich körperliche Entspannung mit einer geistigen Schärfe verbindet, die der Magier in zunehmendem Maß auf seine inneren, psychischen Prozesse richtet. Er beschwört in manchen Fällen besondere geistige Bilder herauf, versucht die spirituellen Energiezentren seines Körpers zu aktivieren, die den Chakras des Yoga entsprechen, entspannt gleichzeitig den Körper und schränkt die Sinneswahrnehmungen ein. Die Meditation findet gewöhnlich im Dunkeln statt. Die meisten Okkultisten sind der Ansicht, daß sich der Astralkörper im Dunkeln leichter projizieren läßt als im Licht. In diesem Sinne wendet der Magier wie der traditionelle Schamane eine Technik der sensorischen Deprivation an, wenn er die Aufmerksamkeit von äußeren Sinnesreizen auf das Innere verlagert. Damit versucht er das Gefühl dieser anderen Wirklichkeit zu stärken und zu entwickeln, die sich in den mythischen Bildern und visionären Landschaften zeigt, die aufgrund seiner bewußten Konzentration aufsteigen.

Ein führendes Mitglied des Golden Dawn, Father Sub Spe, sagt dazu:

Allmählich wird die Aufmerksamkeit von allem, was ringsum zu sehen und zu hören ist, abgezogen. Ein grauer Nebel scheint alles einzuhüllen, auf ihn wird die Form des Symbols projiziert wie bei einem Projektor, der seine Bilder auf Dampf wirft. Das Bewußtsein scheint dann durch das Symbol in dahinterliegende Bereiche vorzudringen... Man hat den Eindruck, als sehe man eine filmartige Folge von Bildern... Wenn diese Sensibilität des Gehirns und das Wahrnehmungsvermögen einmal gefestigt sind, scheint aus ihnen das Vermögen zu entstehen, diese visionären Szenen tatsächlich zu betreten und sie als lebend zu erleben, wobei man dort sogar etwas tun und bewirken kann.

Wie wir aus den Yoga-Techniken wissen, kann intensive Visualisierung in letzter Konsequenz bis zu physischer Realität gesteigert werden. Wir müssen uns dazu nochmals vor Augen führen und sollten daran nach allen angeführten Beispielen nun keinen Zweifel mehr haben, daß es eine unmittelbare Wechselwirkung zwischen geistigem und physischem Aspekt des Universums gibt. Wenn ich den Begriff 'Wegbahnung' benutze, so meine ich damit eben das, was ich zuvor schon in Bezug auf die Tarot-Phänomene sagte, nämlich daß unsere uns so sehr vertraute raum-zeitliche Kausalität in Wirklichkeit nur eine Unterscheidung der synchronistischen Beziehungen aller Phänomene ist. So gesehen sind also alle uns als kausal erscheinenden Abläufe und Manifestationen nur infolge 'geistiger' Abläufe zustande gekommen. Dieses hat sich bis unmittelbar vor dem Auftauchen des Menschen und seiner abstrakteren Phantasie auf einem relativ geringem Niveau vollzogen - eben als alles das, was uns als evolutionäre Abläufe und Entwicklungen bekannt ist und wozu wir auch wie gesagt bereits die Quantenereignisse zählen müssen. Dabei ist diese uns vertraute evolutionsgemäße Wegbahnung aber keineswegs zwingend, denn sie kann auch komplizierteren geistigen Gesetzen gehorchen. Eben das könnte rein theoretisch immer auch dann passiert sein, wenn bei fundamentalen 'evolutionären' Weichenstellungen bereits eine frühe menschliche Intelligenz eingriff - zumal dann, wenn sich der Weltgeist in Bezug auf diese Dinge noch nicht festgelegt hatte und wenn diese geistige Einwirkung entsprechend intensiv war - wie bei schamanischen und magischen Beschwörungen. Die Wechselwirkung erfolgt dabei assoziativ, wobei die Bildersprache im 'physischen' Aspekt entwickelt und im 'geistigen' gespeichert wird, von woher sie wieder auf die sich manifestierenden physikalischen Ereignisse zurückwirkt. Natürlich ist diese Trennung von 'physisch' und 'geistig' nur eine theoretische Konstruktion, die uns eine Vorstellbarkeit dieser Dinge ermöglichen soll und wobei wir deshalb uns bereits vertraute Begriffe verwenden, denn tatsächlich ist diese Polarität kaum so scharfkantig und gewissermaßen räumlich, sondern in einer sich unserer Vorstellungsmöglichkeit entziehenden Weise eher mannigfaltig und fließend. Diese gedankliche Hilfskonstruktion steht allerdings wiederum unserem Vorstellungsvermögen insofern im Wege, als wir diese Begriffe bisher in einer sich gegenseitig ausschließenden Weise verwendet hatten, von der wir uns eben befreien müssen. An den erwähnten Weichenstellungen wurde also durch geistige Einwirkung eine bewußt-unbewußte Wegbahnung vorgenommen, die durch tantrische und magische Praktiken später wieder aufgegriffen und evoziert werden kann - gleichfalls unter Verwendung einer intensiven Assoziationssprache - eben jenem 'Sesam-öffne-dich', unter dem die Weichenstellung ursprünglich erfolgte. Unbewußt waren diese Dinge insofern, als sie natürlich ohne tiefere philosophische Kenntnis vorgenommen wurden, sondern einfach aus einer archaischen Weltsicht heraus, die aber gerade deshalb hierbei sehr effektiv war, weil sie zur hysterischen Steigerung der Beschwörungsriten beitrug. Der Glaube versetzt tatsächlich Berge, und hieraus ergibt sich auch das Mißverständnis zwischen 'primitiven' und 'aufgeklärten' Zivilisationen, denn was dort noch möglich ist, verliert sich hier gerade deshalb, weil nicht mehr daran geglaubt wird, wodurch sich andere Realitäten manifestieren - gleichfalls allerdings (und das machen wir uns dabei nicht klar) nur deshalb, weil sie durch kollektive Halluzination eine andere Weichenstellung schaffen. So ist es auch zu erklären, daß mediale Begabungen bei Angehörigen von Naturvölkern und in deren kultureller Umgebung sehr viel häufiger sind als bei uns. Wir sollten uns aber zu einer relativistischeren Betrachtung dieser Dinge durchringen. Es gibt schließlich genügend Bücher über ganz unglaubliche okkulte Ereignisse etwa in Afrika, aber wer schon immer gewußt hat, daß es so etwas selbstverständlich nicht geben kann, der wird sich doch nicht lächerlich machen und derartiges Zeug wirklich lesen. Und natürlich ist alles darauf angelegt, daß er diese seine Sicht der Dinge bestätigt findet und dazu heute nur noch sehr wenig Verdrängungsbeschwörungen nötig hat, da ihm dieses Ritual bereits kollektiv abgenommen wurde.


 

 

Die Notwendigkeit der inneren Festigung

Der Gedanke der Wegbahnung legt aber bereits nahe, wie absolut gefährlich derartige Spiele sind, bei denen man sich aus der kollektiven Deckung hervorwagt. Dabei ist es für den Betreffenden gleich, ob es sich 'nur' um psychische oder um physische Ereignisse handelt, denn wie wir wissen, ist der Übergang fließend und seiner eigentlichen Natur nach überhaupt nicht gegeben. Von daher können wir auch zu einem neuen Verständnis der wahren Natur von Geistesgestörtheiten kommen: wie wir uns bereits dachten, ist das, was Wahnsinnige erleben, für sie höchst real, doch wie wir nun zu ahnen beginnen, haben sie bei dieser Beurteilung der Dinge wirklich recht. Diese sind genauso real wie das, was geistig gesunde Menschen erleben, solche Menschen befinden sich nur in einer Welt, vor der der Weltgeist die Individuen normalerweise bewahrt, und scheinbar nicht ohne Grund! Derjenige, der solche Dinge mutwillig heraufbeschwört, treibt also ein Spiel mit dem Feuer, und er tut zumindest gut daran, sich allergenauestens an bewährte Riten zu halten, denn die geringste Abweichung kann ganz andere Dinge evozieren. Vor allem ist eine absolut gefestigte Persönlichkeit notwendig, denn das ist die einzige Waffe, die dem Magier in jenem Zwischenreich bleibt (das Schwert dient ihm dazu natürlich nur als symbolische Stärkung und gewissermaßen zur Steigerung seines Selbstvertrauens).

Drury sieht die Beziehung zwischen magischen und tantrischen Phänomenen:

...Die unter dem Namen 'Säule der Mitte' bekannte Trancetechnik überträgt den kabbalistischen Baum auf den menschlichen Körper. Der Magier setzt die Weltachse sozusagen mit seinem Zentralnervensystem gleich, das er durch etwas zu aktivieren sucht, was der Erweckung der Kundalini-Kraft im Yoga entspricht... Der Okkultist setzt solche Techniken ein, um seine visuelle Achtsamkeit von der äußeren Welt weg auf den inneren, kontemplativen Bereich der Bilder zu lenken. Er bemüht sich im Rahmen der Magie um die Verbindung der Bewußtseinsverlagerung mit dem magischen Akt, willentlich ein Bild erscheinen zu lassen. Dieses Bild ist gewöhnlich die Gestalt, in welcher der Magier die Ebenen des Inneren bereisen wird. Häufig handelt es sich um eine stilisierte Form des Magiers selbst, die gewöhnlich in einen Umhang gehüllt ist. Bei den traditionellen Schamanen kann es sich auch um Tiergestalten und anderes handeln, was der Ebene der magischen Begegnung entspricht. Während der Körper des Okkultisten in tiefe Trance versunken erscheint, veranlaßt er willentlich sein Bewußtsein, ein Bild, eine Gottesform der inneren Ebene anzunehmen... Berichte über solche magischen Handlungen zeigen, daß die Techniken der Verlagerung zu visuellen Erlebnissen führen, die von großer existentieller Glaubwürdigkeit sind. Sie ähneln den bewußten Zuständen, die durch Techniken der aktiven Imagination verstärkt werden,... ebenso wie den halluzinatorischen Erlebnissen, von denen Menschen berichten, die mit LSD, Meskalin und Datura arbeiten... Das Einströmen der göttlichen Energie aus den höheren Bereichen des Baumes kann von vernichtender Wirkung für den Magier sein, dessen Persönlichkeit nicht im Gleichgewicht ist und auf festem Grund steht. Indische Yogis betonen ebenfalls, daß der Körper durch Hatha-Yoga-Übungen gereinigt und gestärkt werden muß, bevor die Kundalini-Energie im Innern erweckt werden kann.

Das magische Ritual kann gewissermaßen unter literarischem Aspekt gesehen werden, da es nach dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten gestaltet wird, wodurch letztlich auf gleiche Weise wie in der künstlerischen dramatischen Steigerung alles einem bestimmten Höhepunkt zustrebt. Diesem Ziel dienen auch alle verwendeten Symbole, sie sind aber zugleich Wegbahnungsschlüssel. Dabei ist die Tatsache wichtig, daß bestimmte Symbole seit altersher bestimmten Bedeutungen zugeordnet sind, die sich etwa aus der Kabbala, in der die Lehren der jüdischen Mystik niedergelegt sind, oder aus der Astrologie ergeben. Diese Dinge mögen auf 'aufgeklärte' Geister wie mystischer Hokuspokus wirken, und genau das sind sie auch, doch aus dieser Tatsache ergibt sich ihre Wirksamkeit: Form wird zu Inhalt! Die intensive Konventionalität dieser metaphorischen Zuordnungen hat im Weltgeist ihre Spuren hinterlassen. Dabei ist es lediglich vorteilhaft, aber nicht zwingend notwendig, sich an alte Symbole und Bedeutungen zu halten - wichtig scheint vielmehr die Bedeutung für den Magier selbst zu sein. Wenn der Magier etwa ein ganz profanes Ziel anstrebt, zum Beispiel Glück in der Liebe, so wird er dazu die Göttin Venus anrufen und sich der zugehörigen astrologischen Symbole bedienen, etwa das Metall Kupfer, die Farbe Grün, die Zahl Sieben oder eine Rose usw. Er wird demnach auf seinem Altar etwa sieben grüne Kerzen aufstellen, einen siebenarmigen Kupferleuchter oder eine siebeneckige Kupferschale und sieben Rosen und dergleichen. Je mehr Gegenstände die Vorstellung der Venus beschwören, desto besser. Es geht auch darum, daß er dadurch selbst in die Lage versetzt wird, sich ausschließlich auf dieses eine Ziel zu konzentrieren und alle anderen Gedanken abzuschalten.

Der Autor Ralph Tegtmeier [3] führt dazu aus:

Nun betritt er den vorbereiteten Tempel, meist in ein ausschließlich zeremonialmagischer Arbeit vorbehaltenes Gewand gekleidet, das in der westlichen Tradition in der Regel eine Robe oder Kutte aus reiner Seide ist, da Seide den Magier besonders gut gegen unerwünschte Energien isolieren soll. Der Magier beginnt das Ritual, indem er den magischen Kreis schlägt und dabei bestimmte Formeln intoniert, Bilder und Symbole, etwa ein Pentagramm..., die Gestalten von Schutzgottheiten oder Engeln imaginiert. Der Kreis ist für die Dauer des Rituals die innere und äußere Mitte des Magiers, sein Kosmos, in dem er wirken kann und von wo aus er Einfluß auf die Außenwelt nimmt. Er dient auch dazu, um unerwünschte Kräfte und Wesenheiten vom Magier fernzuhalten, der während der Zeremonie nicht gestört werden darf, um nicht den Erfolg der Operation zu gefährden. Zudem könnte ein Kontrollverlust katastrophale Folgen haben, da sich der Magier während der Arbeit in einem sehr empfindlichen geistigen Zustand befindet, in dem verdrängtes Material aus dem Unterbewußten (psychologisches Magiemodell) oder feindselige Wesenheiten (traditionelles Geistermodell) schnell die Oberhand bekommen können, was nach magischer Lehrmeinung in Besessenheit oder sogar im Tod enden kann. Der Kreis stellt somit auch in veräußerlichter Form die innere Mittung und die Willenskraft des Magiers dar... Hat der Magier seine einleitende Bannung beendet, durch die er sich selbst und seinen Tempel noch einmal von allen störenden Einflüssen und Ablenkungen gereinigt hat, beginnt der eigentliche Hauptteil der Zeremonie. Nun ruft er mit traditionellen Formeln und unter Ziehung entsprechender Siegel die Venus an. Dies kann er durch siebenmaliges Schlagen einer Glocke begleiten, durch Abbrennen von Venus-Räucherwerk und so weiter. Meist wird er auch eine Hymne an die Venus vortragen, die er in der Regel selbst geschrieben hat. Inhalt einer solchen Hymne ist oft die Aufzählung der Eigenschaften der Göttin Venus, beispielsweise eine Lobpreisung ihrer überragenden Schönheit, wobei es darauf ankommt, daß der Magier sich in einen der angerufenen Gottheit entsprechenden, exaltierten Gemütszustand hineinsteigert. All dies liest sich noch immer mehr oder weniger wie eine religiöse Zeremonie. Doch jetzt wird der Unterschied offenbar: Anstatt die angerufene Gottheit darum zu bitten, seinen Wunsch zu erfüllen, steigert sich der Magier bei der Invokation so stark in seine Trance hinein, bis er selbst zu dieser Gottheit geworden ist... So wird er zur Verkörperung des reinen zielgerichteten Willens.

Wie erfüllt sich nun das angestrebte Ziel? Üblicherweise durchaus im Sinne von Leibniz, müßte man sagen, also in einer Art und Weise, die sich auch kausal erklären läßt, abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit des Eintreffens. So wird der Magier oder sein Auftraggeber bald wie zufällig eine Damenbekanntschaft machen, in der sich sein Wunsch erfüllt - ein Vorgang, der demnach auch das Weltbild des Skeptikers nicht erschüttert. Wichtig ist bei solchen Vorgängen die bezüglich der Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens kontinuierliche Abstufung der Kausalität: sie reicht von den üblichen alltäglichen Vorgängen, die uns in keiner Weise auffallen und denen auch wirklich kein tieferer Sinn oder eine Absicht zugrunde liegt, bis hin zu solchen Vorkommnissen, für die wir beim besten Willen keine kausale Erklärung mehr finden können. Dabei kann bei komplexen synchronistischen Vorgängen der Gang der Ereignisse aus verschiedenen dieser Stufen gemischt sein, also einerseits aus durchaus üblichen Ereignissen, andererseits aber auch aus solchen, die sich als psychologisch verstehen lassen, also als Folgeereignisse, die sich aus einer psychischen Disponiertheit ergeben, die durch die anfänglichen Ereignisse herbeigeführt wurde, zum dritten aber auch aus Vorkommnissen, die dann hinzutreten, wenn es ohnehin schon sehr 'dick gekommen' ist und die dann 'gerade noch gefehlt' haben. Diese dritte Gruppe verdankte dann demnach ihr Hinzutreten einer Art magischer Beschwörung durch die ersteren Ereignisse selbst, die allerdings nicht bewußt vorgenommen wurde. So läßt sich begreifen, daß es einerseits ausgesprochene Glückspilze und andererseits ausgesprochene Pechvögel gibt, denn Gleiches kommt zu Gleichem. Wir wissen aus Erfahrung, daß es so ist, nur bietet uns unser positivistisches Weltbild dafür keine Erklärung, sodaß wir alles als 'Zufall' abtun müssen, womit wir allerdings für einige besondere Vorkommnisse wirklich nicht weiterkommen. In ähnlicher Weise ist auch der Übergang von Vorgängen, die wir als rein geistig auffassen, und harter physikalischer Realität stufenlos. Sie reicht von vager Imagination über eine immer intensivere Imagination, aus der psychosomatische Realitäten folgen, über sich selbstständig machende Visionen und solche Visionen, die zunächst nur weiteren Eingeweihten erscheinen, bis hin zu handfesten Manifestationen, an denen selbst Außenstehende nicht mehr zweifeln können. Dabei kann alles normalerweise auch unter psychologischem Aspekt gesehen werden: die Götter und Dämonen lassen sich auch als Archetypen verstehen, aber wie wir wissen, ist der Übergang von Geist und Materie fließend, und die Beantwortung der Frage, was denn nun eigentlich unter dem Begriff 'Realität' zu verstehen ist, verliert sich in philosophischen Abstraktionen. Der Magier gibt sich mit solchen Fragen üblicherweise aber nicht ab - ihm genügt die Tatsache, daß seine Methode wirklich funktioniert.


 

 

Ein berühmtes Zauberbuch

Es gibt übrigens ein berühmtes Zauberbuch aus dem Mittelalter, als auch bei uns derartige magische Fähigkeiten noch sehr verbreitet waren, das nur durch Zufall erhalten geblieben ist. Es handelt sich um das 'Buch der wahren Praktik der göttlichen Magie' des jüdischen Magiers Abraham von Worms. Es wurde 1387 in Hebräisch verfaßt, 1458 ins Französische, 1725 ins Deutsche und 1897 ins Englische übersetzt. Was dieses Buch so faszinierend macht, ist unter anderem die Tatsache, daß Abraham von Worms durchaus nicht irgendwer, sondern immerhin seinerzeit der Berater zweier Päpste und verschiedener weltlicher Herrscher war, woraus sich zu ergeben scheint, daß er wirklich über erstaunliche magische Fähigkeiten verfügt haben muß. Die Niederschrift seiner Lehre erfolgte an sich ausschließlich zu dem Zweck, seinen Sohn darin einzuweihen, um die bis dahin nur mündliche Tradition vor dem Untergang zu bewahren. Bei Beendigung der Niederschrift war der Meister immerhin 96 Jahre alt, wenn er damit auch schon sehr viel früher begonnen haben muß, wie sich aus gewissen Stilbrüchen zu ergeben scheint. Sein Sohn dagegen war offenbar auch bei Beendigung der Niederschrift noch sehr jung, denn der Meister behandelt ihn als jemanden, der eigentlich noch in keiner Weise die nötige Reife besitzt, um diese Dinge wirklich verstehen zu können. So ist dieses einzigartige Dokument eigentlich aus einer Notsituation entstanden und war an sich gar nicht für breitere Kreise gedacht. Es handelt sich demnach um ein streng esoterisches Wissen, das normalerweise nur unter persönlicher Einweisung mündlich vermittelt werden sollte, um Mißbrauch zu vermeiden. Hierauf verweist auch die Geschichte, wie Abraham selbst zu seinem Wissen gelangt ist. Als junger Mann hatte er sein Elternhaus verlassen und sich auf eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich weite Reise begeben, die ihn von Deutschland aus durch den Orient bis nach Ägypten führte, immer auf der Suche nach einem Lehrer, der ihn in die Geheimnisse der Magie einweisen konnte. Diese Suche, die mit vielen Rückschlägen und Phasen großer Hoffnungslosigkeit verbunden war und über der er viele Jahre verlor, ist für uns insofern von Interesse, weil daraus seine Vorstellungen deutlich werden, die er mit der angestrebten Lehre verband. Magische Fähigkeiten alleine, so ungewöhnlich und für uns unglaublich sie auch gewesen sein mögen, beeindruckten ihn nämlich durchaus nicht, sofern sie nicht an ganz bestimmte ethische Voraussetzungen geknüpft waren. Auch zeigt er sich uns in seinen Berichten von seiner langen Suche als überaus kritischer Beobachter, der echte Magie von bloßen Taschenspielertricks wohl zu unterscheiden wußte.

Der Bericht über die Schwierigkeiten der jahrelangen Suche ist Teil des Buches selbst, und das sicher nicht ohne Absicht des Autors, denn diese sind ebenfalls eine Art Initiation. Nur wer derartige Schwierigkeiten zur Erlangung der Weisheit auf sich nimmt und sein ganzes Leben darauf einstellt, erweist sich als würdiger Schüler und erlangt endlich die innere moralische Stärke, die für die Beherrschung dieser Kräfte notwendig ist. Dementsprechend ist ein weiterer großer Teil des Buches darauf ausgerichtet, den Sohn in dieser Hinsicht gebührend zu ermahnen und ihm den absoluten Ernst der Dinge zu verdeutlichen, um die es hier geht. Der Magier muß zum Asketen werden, der sich nicht nur von der Welt so weit wie eben möglich abwendet, sondern auch täglich viele Stunden im Gebet verbringt, um sich ganz auf Gott und dessen Schutz einzustimmen. Wir erkennen hierin wieder die ständig sich wiederholenden Grundthemen, die zur Erlangung übernatürlicher Kräfte eine unbedingte Voraussetzung sind, sofern man sie nicht auf eine letztlich höchst unheilvolle Weise betreiben will. Zwar berufen sich nicht alle Magier auf den einen Gott, für Abraham von Worms ist das aber unbedingte Voraussetzung. Allerdings gewährt er hierbei eine interessante Freiheit: es ist seiner Meinung nach nicht wichtig, welchem Glauben man angehört - in diesem Falle dem christlichen oder dem jüdischen -, sondern daß man seinem angestammten Glauben treu bleibt, also nicht konvertiert. Wenn wir diesen Gedanken in unserem Sinne etwas abwandeln, so scheint es weniger wichtig zu sein, an was man glaubt, sondern daß man in seinem Glauben unbeirrt ist und letztlich vor sich selbst bis in sein tiefstes Inneres keinen Grund hat, sich darin beirren zu lassen. Der geringste Zweifel kann in bestimmten Situationen verhängnisvoll sein, und demnach dienen die täglichen Gebete letztlich dem Zweck einer Art Selbsthypnose. Hieraus ergeben sich auch die Gefahren einer unheilvollen Ethik: die Stärke der Persönlichkeit des Magiers resultiert vor allem aus dem absoluten Glauben an sich selbst und die Richtigkeit und Unzweifelhaftigkeit des eigenen Weges und der eigenen Absichten. Die Weltabkehr und unbedingte Ethik ist neben der Initiation das immerwiederkehrende Motiv, das uns im Zusammenhang mit diesen Dingen begegnet, sei es bei Schamanen, bei Yogis und Heiligen oder Magiern. Und bei allen diesen Menschen treten am Ende besondere paranormale Fähigkeiten auf, die wir uns je nach unserer Perspektive okkultistisch oder psychologisch erklären können, also als Fähigkeit zu geistiger Einwirkung auf die physikalische Welt oder aber daraus, daß durch eine Veränderung des Bewußtseinszustandes tatsächlich eine andere Realität geschaffen wird. Abraham von Worms geht es eigentlich auch gar nicht um die Beherrschung der Magie, um damit äußere Macht zu erlangen, sondern um persönliches Wachstum entsprechend einer religiösen Ethik, ganz im Sinne der tantrischen Lehren der Buddhisten. Wörtlich ermahnt Abraham seinen Sohn:

Du wirst dich dieser heiligen Wissenschaft nicht bedienen, um dich an diesem großen Gott zu versündigen und deinem Nächsten schlechte Dienste zu erweisen. Du wirst sie keinem Menschen mitteilen, den du nicht aus Gespräch und langer Erfahrung gründlich kennst, wobei du wohl prüfen wirst, ob er entschlossen ist, sich ihrer zu bedienen, um Gutes zu tun. Und du wirst genau in der Weise vorgehen, wie ich mit dir vorgegangen bin... Hüte dich vor der Schlange, diese Wissenschaft zu verkaufen und sie zur Ware zu machen... Niemand soll jedoch das Werk beginnen, wenn er nicht vorher während sechs Monaten diese Bücher sorgfältig und mit größter Aufmerksamkeit studiert und wieder studiert und jede Einzelheit genau betrachtet hat. Nur dann wird er keine Zweifel haben und wird mit Freuden diese löblichen Operationen unternehmen, welcher Religion er auch angehören mag. Jedoch muß er während dieser sechs Monate keine Sünde begangen und ein gottgefälliges Leben geführt haben.

Von seiner Reise und den diversen Magiern, denen er dabei begegnet war, berichtet Abraham (in einer für uns heute oft unfreiwilligen Komik, die aus einer völlig anderen Sicht der Dinge resultiert):

Der erste, Rabbi Moses von Mainz, meinte in seinem Sinn, er wäre ein vortrefflicher Künstler in magischer Weisheit, wenn er mit Worten, die weder er noch andere verstanden, und mit seltsamen Figuren, die ich bei ihm gesehen, alle Glocken aus Metall, die in der ganzen Gegend hingen, zum Läuten brachte, oder aber, wenn er mit Beschwörungen in einem Glas einen Diebstahl offenbarte. Oder gar, was sein höchstes Kunststück war - denn die anderen mißrieten ihm oft - wenn er mit Wasser, das er zuvor auf gut heidnisch und gottlos lange beschworen hatte, sich aus einem alten Mann in einen jungen Gesellen verwandelte, was aber niemals länger als zwei Stunden dauerte. Aber, lieber Sohn, dies sind lauter Vorwitzigkeiten und Teufelsblendungen, die keinen Nutzen, aber große leibliche und seelische Gefahren bringen. deshalb habe ich sie auch, sobald ich die rechte Wahrheit und göttliche Magie gefunden hatte, alle aus dem Sinn geschlagen und alles, wodurch der gnädige Gott betrübt wird, aus meinem Herzen vertrieben.

Der zweite, Meister Jakob zu Straßburg, war nur ein Spitzbube und Betrüger. Er zeigte mir, so oft ich wollte, einen besonderen Geist in einem Spiegel, bald in Form eines Tieres, bald eines Reiters, bald eines Kindes, auch in Gestalt einer Jungfrau und dergleichen. Aber ich konnte weder Antwort von ihnen erhalten, noch die geringste Bewegung an ihnen erblicken, grad als ob sie erstarrt oder aus etwas geformt wären. Als ich jedoch genau zusah, waren es nichts anders als winzig kleine Bildchen, die er heimlich hin und wieder an die Mauer klebte, sodaß man sie von ferne gar nicht bemerkte..., wie ich ihm denn alles dies öffentlich entdeckte und ihn, damit die Wahrheit sich offenkundig zeigte, zwang, dies im Beisein zweier edler Herren zu bekennen.

Der dritte Meister, der gottlose Böhme Antoni zu Prag, hingegen erzeugte mit Hilfe und Beistand seines Helfers wunderliche Sachen. Er machte sich in meiner Gegenwart unsichtbar. Ich sah ihn während einer halben Stunde zwei Ellen hoch über der Erde fliegen. Er ging durch fest verschlossene Türen aus und ein und wußte mir Sachen zu erzählen, die nebst Gott und mir keiner Kreatur bewußt sein konnten. Mir hingegen war seine Kunst, Gott behüte, gar zu teuer im Preis, denn ihn hatte der leidige Teufel in die Pflicht genommen, daß er sich seiner Kunst so viel als möglich zur Entwertung Gottes und zum Schaden seines Nächsten bedienen wolle, wie man öfters schon gehört hat. Zuguterletzt ist sein Leib, in unzählige Stücke zerrissen, auf einem Misthaufen, und sein Haupt ohne Zunge und Augen in einem heimlichen Gemach gefunden worden. Das war das Ende und der Nutzen seiner Kunst. Das laß dir eine Warnung sein.

Viertens habe ich in Österreich viele Meister gefunden, die dem oben erwähnten Böhmen ähnlich waren. Sie vermochten nichts als Vieh zu töten, Leute erkrummen und erlahmen zu lassen, Hagelschläge und Wetter zu machen, Ehen zu trennen und dergleichen - kurz: alles Böse zu stiften, und dies mit einfachen Worten und Zeremonien...

In Griechenland fand ich etliche geschickte alte Leute, doch fast alle ungläubig, insbesondere deren drei: die wohnten in der Wüste und führten wunderbare, bisher nie gesehene Dinge vor, wie: Sie ließen Schnee, Hagelschlag bei strahlendster Mittagssonne, unversehentliche Gewitter und die Sonne bei Nacht erscheinen. Die Nacht ließen sie am Mittag einbrechen, und sie konnten Wasserbäche stillstehend machen wie eine Mauer. Dieses alles bewirkten sie durch die Kraft besondere Lieder und Reime, die sie in ihrer Sprache singen, nebst anderen Gebärden und Zeremonien. Auch war einer bei Konstantinopel, an einem Ort genannt Epiphus, der brauchte statt der Lieder sonderliche Zahlen, die er auf die Erde schrieb. Damit bewirkte er allerhand außerordentliche und erschreckende Visionen. Aber in allen diesen Künsten war kein Nutzen, denn sie beruhten auf eigentlichen Pakten, waren ohne wahres Fundament und vollzogen sich auf Kosten der Seele... Solche und ähnliche Meister der Magie, wie sie sich selbst nannten, habe ich auf meiner langwierigen Reise bis in die Wüsten Arabiens gefunden. Die meisten von ihnen konnten gar nichts, andere nicht viel. Endlich aber, auf dem Rückweg, hatte mich die göttliche Barmherzigkeit durch ihren heiligen Engel zu Abramelin geführt, der von all den oben Erwähnten der erste und auch der einzige war, der mir die Quellen der heiligen Geheimnisse samt der alten wahren Magie (also der Kabbala und Magia, die unsere alten Voreltern gepflegt hatten) erschlossen und eröffnet hat... So wollte auch mein Engel nicht, daß ich in derartige Blindheit geriete und zu solchen Schaden käme, weshalb er mich aus diesem Jammer und diesen Finsternissen ans Licht der Wahrheit zum wahrhaftesten und weisesten Abramelin brachte, der mich aus sich selbst, noch bevor ich darum bitten konnte, als Schüler annahm, und der mir mein Begehren erfüllte, bevor ich es ihm entdeckte, und der alles, was ich fragen wollte, schon wußte und getreulich antwortete, bevor ich den Mund öffnete. Er erzählte mir von meines Vaters Tod und von allem, was ich bis zu jener Zeit getan, gesehen und ausgestanden hatte. Überdies sagte er mir viel über mein zukünftiges Ergehen, insbesondere über eine schwere Krankheit, die ich (später tatsächlich) in Konstantinopel ausstehen mußte.

Bei Abramelin blieb ich nun ein ganzes Jahr lang, bis ich den Grund der Wahrheit erlernt hatte. Der gute alte Mann war sehr zuzvorkommend mit mir und behandelte mich äußerst großzügig. Während unzähligen Tagen sprach er zu mir ausschließlich über die Gottesfurcht und hielt mich immer dazu an, ein geregeltes Leben zu führen. Von Zeit zu Zeit warnte er mich vor gewissen Irrtümern, in die der Mensch aus Schwäche verfällt. Er ließ mich wissen, daß er die durch Wucher und zum Nachteil der Nächsten erworbenen Güter und Reichtümer verabscheue. Er forderte mir das feierliche und sehr präzise Gelübde ab, mein Leben zu ändern, unsere falschen Dogmen fallen zu lassen und dem Weg und dem Gesetz des Herrn zu folgen.


 

 

Die Abkehr von der äußeren Welt

Später nach Hause zurückgekehrt, richtete sich Abraham auf sehr zurückgezogene Weise ein, wobei er sich, wie er sagt, aller unnötigen Gespräche und jeder unnötigen Gesellschaft enthielt.

Am folgenden Morgen fing ich mein Werk an - im Namen und zu Ehren des höchsten Gottes - und ich setzte es bis zum Ende des sechsten Monats in gebührender Weise fort. In dieser Zeit brachte mir deine Mutter (er hatte inzwischen geheiratet) ihren erstgeborenen Sohn zur Welt (der ältere Bruder des Adressaten). Nach Verlauf der sechs Monate, da ich alles Nötige vorgekehrt hatte, begnadigte mich der Herr nach seinem Wort und seiner Verheißung und Barmherzigkeit. Als ich eben in der oberen Betkammer neben der Sommerlaube mein Gebet verrichtete, sandte er mir seinen heiligen Engel mit wahrhaftiger Erscheinung und mit so großer Freude und Erquickung des Gemüts, daß mir solches zu erzählen ganz unmöglich ist.

Was hierbei auffällt, ist wieder ein uns bereits bekanntes Motiv, nämlich die ekstatische und unbeschreibliche Glückserfahrung, von der auch Gopi Krishna berichtete. Alle Symptome sind also gleich, nur daß hier die Vision offenbar nicht wie bei meditativer Versenkung bewußt herbeigeführt wurde, sondern von alleine kam, sicher aber auch infolge einer dementsprechenden Autosuggestion. Ein weiteres bekanntes Motiv ist das Schutzengel-Thema: "...wurde ich von einem Engel, den mir der getreue Gott bei meiner Erschaffung verordnet und zu einem Wächter gesetzt hatte, lieblich und freundlich angesprochen." Hierzu gibt Abraham von Worms an anderer Stelle seinem Sohn einen interessanten Hinweis, der uns ebenfalls sehr bekannt vorkommt:

Am Tag, der dazu bestimmt ist, durch Gebet und Anrufung die Erscheinung deines Schutzengels zu erwirken, sollst du ein Kind im Alter von sechs oder sieben Jahren nehmen, das weiß gekleidet sein soll, nachdem es sich von Kopf bis Fuß gewaschen hat. Auf seine Stirn wird ein Schleier aus weißer, durchsichtiger Seide gelegt, der bis zu den Augen reicht. Auf dem Schleier werden gewisse Zeichen aus Gold angebracht, wie im dritten Buch beschrieben wird. Du selbst sollst mit einem schwarzen Schleier bekleidet sein. Hierauf soll das Kind in die Betkapelle gehen, den Weihrauchkessel bedienen und vor dem Altar niederknien. Du aber sollst dich an der Tür auf die Erde werfen, deine Anrufung machen und deinen Schutzengel bitten, er möge erscheinen, sich diesem unschuldigen Kind zeigen und seine Anordnungen für die folgenden zwei Tage geben. Du sollst dein Angesicht nicht dem Altar zuwenden, sondern das Gesicht zur Erde gewendet deine Anrufung fortsetzen. Sobald der Engel erscheint, befiehl dem Kind, dir zu erzählen und auf den Altar zu sehen. Es soll die Silberplatte nehmen, die dort zu diesem Zweck liegt, und sie dir bringen, daß du siehst, ob der Engel darauf geschrieben hat, was du in den folgenden zwei Tagen zu befolgen hast. Damit wirst du wissen, was der Engel dir befohlen hat. Dann sollst du die Silberplatte auf den Altar zurücklegen lassen und mit dem Kind die Gebetkapelle verlassen, sie gut verschließen und an diesem Tage nicht wieder betreten. Schicke das Kind fort und bereite dich vor auf den nächsten Tag, um dich der Gegenwart deines Schutzengels zu erfreuen, um dein so sehr gewünschtes Ziel zu erreichen und ihm in jeder Weise Folge zu leisten und die Pfade zu wandeln, die er dir zeigt. Erinnere dich daran, daß in der ersten Tafel des Gesetzes, welche ein Vorbild der heiligen Kabbala ist, auch das Gebot steht, du sollst den Namen deines Herrn nicht unnötig oder vergeblich führen. Dies würdest du jedoch tun, wenn du eines von diesen Stücken ohne besonders große Not ins Werk setzen und probieren wolltest. In diesem Fall würde die Kabbala gegen dich wirken, und das Werk könnte sich nicht erzeigen. Du verlörest überdies auch die Gnade bei Gott, sodaß sie dir nachmals in Nöten nicht dienlich wäre. In rechten Nöten hingegen wird dich dieser Künste keine verlassen.

Alle diese Dinge klingen in unseren Ohren wie die ewig wiederkehrenden Motive alter Märchen, aber wir sollten erkennen, daß darin ein tieferer Sinn liegt, den wir uns sowohl psychologisch als auch literarisch-dramaturgisch erklären können. Die Absichten der Märchenerzähler zielen ZUNÄCHST durchaus nicht nur zufällig in die gleiche Richtung wie die der Magier, denn es geht hier um eine möglichst intensive Steigerung der geistigen Eindringlichkeit, mit der ERST DANN allerdings unterschiedliche Absichten verfolgt werden. Abraham legt auch größten Wert auf die Einhaltung der zeremoniellen Regeln - aus bekanntem Grund:

Weil bei allen Wirkungen dieses Buches stets vom Räucherwerk die Rede ist, so hüte dich davor, jemals fremdes, unnatürliches Räucherwerk zu verwenden, das dem Herrn eher ein Greuel als ein Opfer ist..., denn was Gott der Allmächtige ausdrücklich selber anordnet und befiehlt, das soll bis ins Kleinste so getan und gerichtet werden. Sonst ist keine Hilfe von ihm zu erwarten, sondern unnachsichtige, schwere und schreckliche Strafe.

Interessant ist auch, gegen wen und was alles sich der Magier abzugrenzen sucht:

Leider ist es so weit gekommen, daß jeder Gauklersprung und Affentanz für Magie gehalten wird. Um nur einige zu nennen: Alle zauberischen Abgötter, alle Taschenspielereien, alle Verblendungen und Verführungen des Teufels und böser Buben, sowohl in natürlichen als auch in übernatürlichen Dingen, und überhaupt alles, was die Blindheit des Pöbels nicht gleich durchschauen und mit Händen greifen kann, wird jetzt als göttliche Weisheit der Magie ausgegeben. Da will der Arzt, der Sternseher, der Poet, der Zauberer, die Hexe, die Abgöttische, der Gottlose, der Gotteslästerer, ja der Teufel selbst für einen Magier und Weisen gehalten werden.... In welcher Art Magie oder Weisheit ich dich hier unterrichten will, nämlich einer weder menschlichen noch natürlichen noch dämonischen, sondern in der göttlichen wahren alten Magie... Will ich zur wahren Weisheit kommen, muß ich Gott fürchten und halten, was er mir in der ersten Tafel geboten hat - nicht nur so obenhin, sondern von ganzem Herzen und von ganzer Seele.

An Warnungen für den Zauberlehrling fehlt es nicht:

Beachte auch die Sicherheit deiner Person. Beginne das Werk an Orten und Enden, wo dein Feind nicht allzu mächtig ist, und wo du nicht vor dem Abschluß vertrieben wirst.

Daran fällt auf, daß alle diese Regeln eigentlich auch als allgemeine Lebensweisheiten dienen könnten, woraus sich wiederum auf den stufenlosen Übergang von dieser zu jener Realität schließen läßt. Wenn wir unser Leben unter diesem Aspekt sehen, beachten wir rein instinktiv viel mehr magische Regeln als uns bewußt ist, und eigentlich ist die heute bei uns übliche Weltsicht auch nicht mehr als eine vereinfachende Idee der Dinge, die man jedoch auch ganz anders sehen kann.

Am Morgen nach dem Passahfest, nachdem du deinen ganzen Leib reingewaschen und auch alle deine Kleider erneuert hast, gehe ungefähr eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang in deine Schlafkammer, öffne das gegen Morgen gelegene Fenster und falle vor dem Altar auf deine Knie nieder, das Angesicht zum offenen Fenster gewendet. Rufe ergebens und kühn den Namen des Herrn an. Danke ihm ernstlich für alle Güte, die er dir von deiner Jugend an gezeigt hat. Dann demütige dich vor ihm mit einem Bekenntnis deiner Sünden. Flehe ihn an und bitte ihn auch, dich fortan gnädig anzuschauen und dir deinen heiligen Engel zu senden, der dich nach seinem Willen auf dem Weg lenken und führen und davor bewahren wolle, daß du unwissend in Sünden fallest. Auf diese Weise magst du mit deinem Gebet den Anfang machen, und dieses das erste halbe Jahr hindurch jeden Morgen wiederholen. Du wirst nun sagen: Mein Vater, warum schreibst du mir die Form und die Worte des Gebetes nicht vor, wie ich beten soll? Denn ich bin für mich selber nicht so geschickt. Mein Sohn, da höre zu: kannst du nicht beten, dann steht es gar übel um dich, und du solltest dich beileibe nicht in diesen schweren Handel einlassen. Aus deinem eigenen Herzen soll dein Gebet kommen. Da heißt es nicht nachschwätzen und ohne Andacht, Eifer und Verstand nachplappern mit dem Mund oder einfach lesen wie die Gottlosen machen... Die Gebetkammer soll zuvor wohl gereinigt und beräuchert sein. Das Bett sollst du erneuern und erfrischen. In Summa: du sollst in allen Lagen großen Wert auf Sauberkeit legen, da der Herr vor jeder Unreinlichkeit einen Greuel hat.

Wichtig ist an allen diesen Verhaltensregeln, so möchte man bei etwas nüchternerer Betrachtung (die allerdings dem Meister fern lag) meinen, daß man an alle diese Dinge und ihre Wichtigkeit wirklich glaubt, denn das dient als Autosuggestion und zur inneren Festigung.

Bist du zuvor ein böser, mutwilliger, frecher, geiziger, stolzer, zorniger oder leichtfertiger Mensch gewesen, so lasse diese Laster jetzt alle fahren. Begib dich in ein stilles, zurückgezogenes, ruhiges und gottesfürchtiges Leben. Bedenke, daß dies einer der vornehmsten Punkte ist, weshalb sich auch Moses, David, Elias, Christus, Johannes, Abramelin und alle Weisen in die Wüste begeben haben, um dort ein einsames Leben zu führen, bis die Weisheit sie ergreifen würde. Denn wo viel Volk ist, da ist viel Ärgernis, viel Sünde, da wird der Geist Gottes vertrieben und der Weg zur Weisheit verschlossen. Darum fliehe alle Gemeinschaft der Leute und suche die Einsamkeit soviel du kannst, bis Gott dich begnadet hat.


 

 

Die ethische Ausrichtung

Auch die besondere Mäßigung der Eßgewohnheiten taucht hier wieder auf, und wir sollten dabei bedenken, daß diese Regelungen stets aus völlig anderen Quellen kommen und dennoch merkwürdig übereinstimmend sind:

Du sollst mäßig essen und trinken. Du sollst nichts anderes brauchen als Gemüse und Wasser... Im letzten halben Jahr (der Vorbereitungen) begib dich jeweils nach den Waschungen in die Gebetkammer, bekenne alle deine Sünden und flehe mit inbrünstigem Gebet darum, daß Gott dir die Gnade einer Unterredung mit seinen heiligen Engeln gewähren möge, sodaß du Macht habest über die Geister und alle Geschöpfe. Tue so jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend. Verbrenne während deiner Anrufung Räuchermittel auf dem Altar. Zum Schluß dieser Operation sollst du deinen heiligen Schutzengel anrufen und ihn bitten, deine Sache vor Gott zu vertreten... Die Gebetkammer soll mindestens zwei Fenster haben, eines gegen Sonnenaufgang, das andere gegen Sonnenuntergang. An dieses Gemach soll ein anderer Ort - offen oder mit einer Tür verschließbar - anstoßen, den du durch Türe und Fenster überblicken kannst, und in welchem die bösern Geister erscheinen müssen, weil sie nicht in die Gebetkammer kommen dürfen oder sollen... Die Gebetkammer soll, wo immer möglich, viereckig, nicht vielwinklig, mit sauberem holzgetäfeltem Boden sein... Der Platz für die Geister soll, wie gemeldet, ringsum offen oder doch zumindest voller Fenster sein. Der Boden soll mit reinem Sand zwei bis drei Finger hoch gleichmäßig bestreut sein. Der Altar soll in der Mitte der Gebetkammer stehen, und seine Seiten sollen nach den vier Himmelsrichtungen schauen. Seine Höhe steht dir frei, sie wird am besten nach den Proportionen des Altars und deiner Person gewählt. Auf dem Altar soll ein schönes Rauchfaß aus Metall stehen. Der hölzerne Altar aber soll inwendig hohl und als Behälter zugerichtet sein, worin du alle zugehörigen Sachen wie die beiden Kleider, das Stirnband, den Stab, die Gürtel, das Gefäß mit dem heiligen Öl, das Räucherwerk und anderes mehr, was nötig ist, aufbewahrst. Die beiden Kleider aber sind diese: ein schneeweißes, langes Hemd mit Ärmeln, von reiner Wolle oder Leinwand, sauber gemacht, das noch nicht gewaschen wurde, und ein anderes, von weißer, gelber oder rosafarbener Seide, das nicht weiter als bis zum Knie reicht und halblange Ärmel aufweist. Auch hierin ist aber keine bestimmte Regel zu beachten. Je ehrlicher und besser die Kleider gearbeitet sind, um so nützlicher ist es. Auf deinem Haupt sollst du ein schönes Haar oder Stirnband von goldfarbener Seide tragen, wie Christenbräute sie in diesem Lande zu tragen pflegen. Darauf sei, wenn du es haben kannst, ein Goldblech geheftet, worin - wie beim Stirnband Aarons - die höchsten Namen des Herrn geschrieben sind. Wenigstens sollen diese Namen mit goldenen Buchstaben auf das bloße Stirnband geschrieben sein. Auch sollst du ein reines, glattes Stäbchen haben, ungefähr einen kleinen Finger dick und eine Elle lang, von einem Mandelbaum geschnitten.

Wenn du nun dieses Gebet vollendet hast, so stehe auf und streiche ein wenig von dem Öl mitten auf dein Haupt. Dann tauche den Zeigefinger deiner rechten Hand in das Öl und bestreiche damit die vier oberen Ecken des Altars. Berühre damit auch beide Kleider, Gürtel und Stirnband, desgleichen den Stab an beiden Enden. Gehe zu beiden Türen und zu allen Fenstern der Gebetkammer und bestreiche die oberen Schwellen mit dem Öl an deinem Finger. Schließlich tauche diesen Finger noch einmal in das Öl, tritt zum Altar und schreibe mit dem Finger in klarer Schrift auf alle vier Seiten des Altars: Wo immer meines Namens gedacht wird, will ich zu euch kommen und euch segnen. Damit ist die Heiligung bereits vollbracht. Danach ziehe das weiße Gewand an und lege die übrigen Dinge wieder in den Altar. Vergiß nicht, daß du nicht das Geringste mehr aus deiner Gebetkammer tragen sollst, und daß du den Raum fortan barfuß betreten mußt, um deinen Gottesdienst zu verrichten...

Nun kommt es zur Begegnung, mein Sohn. Du bist an dem Punkt angelangt, von dem aus du die Operation klar überblicken kannst, nachdem du alle Vorschriften beachtet und Gott in allem gedient hast. Nun wirst du sehen, ob du meinen Anweisungen die ganze Zeit über treu gefolgt bist... Am ersten Tag, bevor es Mittag sein wird, sobald dein Gebet recht inbrünstig aus deinem Herzen flammt und durch die Wolken vor Gottes Angesicht dringt, wirst du sehen, daß eine außergewöhnliche himmlische Klarheit die ganze Kammer erfüllt, dich in Wohlgeruch hüllt und dich für alle Zeiten beglückt. Die Gegenwart deines Schutzengels wird in dir das göttliche Gefühl der Zufriedenheit wecken. Du sollst aber dein Gebet mit glühendem Eifer fortsetzen und den Engel bitten, er möge dir ein Zeichen geben... Darum sollst du im höchsten Grad der Inbrunst, mit größter Konzentration deines Willens und in der größten Andacht deines Herzens während drei Stunden bitten... Nun sollst du nämlich deinen Schutzengel, den auserwählten Engel des Herrn, in seiner ganzen, unbeschreiblichen Schönheit vor dir sehen. Er wird dich mit so freundlichen Worten ansprechen, wie keine menschliche Zunge sie nachsprechen kann. Er wird dir dann deine Fehler zeigen und dich ermahnen, diese zu korrigieren. Er wird dir die ganze Weisheit Gottes enthüllen und dich die heilige Magie lehren. Er wird dir sagen, was du in deiner Operation falsch gemacht hast und wie du es anfangen sollst, die bösen Geister zu bändigen und sie dir dienstbar zu machen, um so dein Ziel zu erreichen. Auch wird er dir versprechen, niemals mehr von dir zu weichen, sondern dir fortan beizustehen und dich dein Leben lang zu führen.

Bevor es also wirklich ernst wird, ist hier durch die wirksame Hilfe des zuvor beschworenen Schutzgeistes ein Sicherungsmechanismus eingebaut, der etwaige Beschwörungsfehler noch im letzten Moment korrigiert. Sodann folgen weitere Anweisungen für diesen Tag und die folgende Nacht. Der Adept soll nur ein karges Mahl zu sich nehmen und sich bis zum folgenden Morgen ausruhen. Endlich erfolgen Anweisungen für alle Vorbereitungen des folgenden Tages, der noch vor Sonnenaufgang beginnt:

Danach stelle dich an diejenige Seite des Altars, welche der Sommerlaube gegenüber liegt, so daß du die Türe und die Terrasse überblicken kannst... und fange an, die Hauptgeister und Fürsten (der Unterwelt) zu berufen... Wenn dir die vier Fürsten sichtbar erscheinen, sollst du ihnen nach dem Rat deines Engels ernstlich vorhalten, aus welcher Macht und Kraft du sie berufen hast, nämlich durch die Kraft Gottes deines Herrn, der sie und alle Kreaturen unter deine Füße gegeben hat. Danach sollst du ihnen erklären, zu welchem Zweck du sie berufen hast - nämlich nicht aus feindseliger Neugierde, aus Vorwitz oder Bosheit, sondern Gott deinem Herrn zur Ehre und dem ganzen menschlichen Geschlecht zu Nutzen und Dienst, worauf du nun dein Begehren vorbringen sollst, das ist: Sie sollen - so oft du sie berufst - zu welcher Zeit und an welchem Ort auch immer, zu welchem Dienst und welcher Arbeit auch immer, gleichgültig, mit welchen Zeichen und Worten - unverzüglich erscheinen und deinem Befehl Gehorsam leisten. Falls sie aber selber nicht erscheinen können, sollen sie andere Geister senden, die mächtig und kräftig genug sind, dein Begehren an ihrer statt zu erfüllen. Sie sollen dir solches zu halten beim strengen Urteil, bei seinem Schwert, seiner Strafe und Züchtigung angeloben. Alsdann sollen sie schwören, daß sie am folgenden Morgen, sobald du sie beschwören wirst, wieder erscheinen oder die Unterfürsten an ihrer statt schicken. Zu deiner Versicherung gehe nun gegen den Altar, gegen die Türe oder das Fenster der Sommerlaube gewandt, reiche ihnen mit der rechten Hand das Stäblein hinaus, daß jeder von ihnen dieses - anstelle eines Gelübdes - berühre.

Nun erfolgen Anweisungen, wie die Unterfürsten (Teufel) zu behandeln sind, wenn sie erscheinen, und wie man sie zu absolutem Gehorsam verpflichtet.

Schreibe ihre Namen auf reines Papier und wirf dieses den acht Unterfürsten hinaus... Sie sollen aber auch versprechen, ebenso die Befehle anderer Zeichen, die später von dir gemacht werden können, zu vollstrecken. Nachdem sie es nun geschworen haben, hebe die Zeichen auf und berufe Magoth, danach Asmodi, schließlich Beelzebub. Sie alle halte und traktiere wie zuvor Astaroth. Die Zeichen aber, auf die sie geschworen haben, lege so zusammen, daß du sie unterscheiden kannst und daß du weißt, in welches Kapitel sie gehören und wozu sie dienen...

...so unterlassen sie doch nichts, um dich auf mancherlei Art vom rechten Weg abzubringen. Du aber stehe nur getrost, wanke weder zur Rechten noch zur Linken...

...hüte dich in Unterredungen mit guten und bösen Geistern vor dem Gebrauch von Wörtern, die du nicht vollkommen verstehst...

...danach werden sie eines Menschen Seele, danach einen Körper oder ein Glied begehren. Du aber wirst antworten, daß derlei nicht in deiner Macht stehe, sondern in der Macht Gottes, dem allein Opfer gebühren...

...wenn sie aber endlich alle sehen, daß ihre Hoffnung ein Ende hat, werden sie sich ergeben und nichts weiter mehr von dir begehren, als daß du ihnen als Gebieter nicht zu hart und nicht zu streng sein sollst...

Du weißt nun, wie man die bösen Geister bezwingen kann, was man von ihnen verlangen soll, wie man sie wieder beurlaubt, wie man ihren Einwürfen begegnen und wie man auf ihre Fragen unverbindlich antworten soll. Du weißt auch, daß es weiterer Anleitung für niemanden bedarf, denn es ist ja gewiß wahr, daß jeder, der von ganzem Herzen und mit rechtem Ernst die Vorbereitungszeit genutzt hat, von seinem Schutzengel so klar und deutlich unterrichtet wird, daß ihm kein Zweifel mehr aufstoßen kann, sodaß du hinreichend unterrichtet bist, wie du dich gegenüber den Geistern verhalten sollst. Nämlich als ihr Herr, nicht als ihr Knecht, hin wiederum aber auch nicht als ihr Gott. Halte im Gegenteil immer die gebührende Mitte, denn man hat es hier nicht mit Menschen, sondern mit bösen Geistern zu tun, die mehr wissen, als wir von uns selbst verstehen können.


 

 

Die Synchronizitätslehre

Das gilt natürlich auch für unterbewußte Kräfte, etwa die Archetypen oder Manifestationen geistiger Kräfte. Beim Stichwort 'Archetypen' sind wir aber bei C.G. Jung, dem wir auch tatsächlich auf diesem Felde wieder begegnen, denn er hat sich sehr ausgiebig mit der 'Wahren Praktik' befaßt und sich allen Ernstes zum Beispiel die Mühe gemacht, etwa hundert Namen der 'Fürsten' und 'Unterfürsten' in Erfahrung zu bringen und sie in einer besonderen Liste aufzuführen. C.G. Jung hatte mit dem Physiker Wolfgang Pauli zusammen seine Synchronizitätslehre entwickelt, und wenn wir von daher den Bogen bis zu diesem Feld schlagen, so können wir annehmen, daß er uns auf unserem in diesem Buche dargelegten Weg bereits vorangegangen ist. Wir befinden uns mit unseren Betrachtungen also nicht in schlechter Gesellschaft, zumal ohnehin viele nicht unbedeutende Geister sich immer schon für das Okkulte erwärmt haben. Ganz besonders für dieses einzigartige Dokument. Der Mitbegründer des magischen Ordens 'Golden Dawn', Mathers, fand das französische Manuskript in der Pariser Bibliotheque de l'Arsenal und übersetzte es 1897 ins Englische. Mathers versprach sich übrigens einen großen finanziellen Erfolg von seiner Übersetzungsarbeit, der sich zwar nicht einstellte, woraus sich aber die Bedeutung ergibt, die man in seinen Kreisen diesem seinem Fund beimaß. Zum Kreis um Mathers gehörten immerhin zwei Nobelpreisträger - William Butler Yeats und Henri Bergson, beide dem Mystischen sehr zugetan -, außerdem die schillernde Persönlichkeit Aleister Crowley, der übrigens W. Somerset Maugham als Vorlage seines Romanes 'Der Magier' diente. Während Bergson seinerzeit als einer der führenden Philosophen Frankreichs galt, war Yeats der bedeutendste irische Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Essayist, der sich sehr stark auf den mystischen Dichter und Maler William Blake bezog. Seine Einstellung war durchaus nicht unumstritten, denn zum Beispiel sein englischer Lyriker-Kollege W. H. Auden galt zwar als Bewunderer Yeats, fragte sich aber doch, "wie ein so begabter Mann um alles in der Welt einen derartigen Unsinn (wie die Magie) ernst nehmen konnte". Doch auch andere schillernde Persönlichkeiten erwärmten sich für das Okkulte, etwa der Raketentreibstoffforscher J.W. Parsons, dessen wissenschaftliches Renommee immerhin so groß war, daß nach ihm sogar ein Mondkrater benannt worden ist. Offenbar ahnte die Internationale Astronomische Union nichts von Parsons privaten Aktivitäten, denn dieser hatte etwas vor, das selbst Crowley zu viel war. Gemeinsam mit seinem Freund L. R. Hubbard, der kein anderer war als der spätere Gründer der Scientology-Kirche, wollte er nämlich ein sogenanntes Mondkind produzieren, worunter nichts anderes zu verstehen ist als Polanskis 'Rosemaries Baby', also ein in magischer Umgebung gezielt gezeugtes Kind, das auch in der vorgeburtlichen Phase unter ritueller Beeinflussung heranwachsen soll und später über besondere magische Begabungen verfügen soll!

Es gibt aber scheinbar gute Gründe, mit diesen Dingen keinen Unfug zu treiben, denn offenbar ist einigen dieser unheiligen Adepten der Versuch, das vorgestellte Abramelin-Ritual selbst auszuprobieren, nicht gut bekommen. Aleister Crowley mußte, wie es heißt, diese Versuche in furchtbaren Angstzuständen abbrechen. Er selbst räumte ein, daß er während seiner Operation vom Unglück verfolgt war, bestand aber auf einem erfolgreichen Ausgang des Rituals. Allerdings ist dokumentiert, daß er im Laufe des Jahres 19oo von einer Krankheit nach der anderen heimgesucht wurde. Von einem Komponisten namens Haseltine heißt es, daß er eines der in dem Buch angeführten magischen Quadrate dazu benutzt haben soll, seine Frau dazu zu bringen, zu ihm zurückzukehren, was ihm auch gelang. Allerdings beging er wenig später Selbstmord. Auch ein gewisser Mr. Campbell bediente sich des Rituals. Dabei will er aber nach eigenem Eingeständnis nicht ganz exakt vorgegangen sein, denn wenige Tage nach der ersten Durchführung hatte er Erscheinungen, die ihn danach monatelang verfolgten. Auch wachte er oft mitten in der Nacht auf und fühlte, daß er Angst hatte, wenn er auch nicht wußte wovor. Diese Zustände steigerten sich in der Folgezeit, und die Erscheinungen begannen eine immer deutlichere Gestalt anzunehmen. Campbell hielt alle diese Dinge für Halluzinationen, wurde aber eines Morgens von einem Hausmitbewohner wegen des nächtlichen Lärmes angesprochen. Schließlich gelang es ihm mit einer Spiritistin, den Spuk zum Verschwinden zu bringen. Ein Herr C.H. Petersen, Nachfolger Crowleys als Großmeister des magischen Ordo Templi Orientis, soll erst 1952 zusammen mit seiner Frau Opfer von unsachgemäßem Gebrauch des Rituals geworden sein. Der Fall ist aktenkundig, und es heißt, der 'Unfall' sei durch falsche magische Schulung zustande gekommen. Das Krankenhaus St. Georg in Hamburg bestätigt, daß dort ein Dr. Carl Heinz Petersen am 4. 4. 1957 verstorben ist, die Todesursache ist unbekannt.

Um es noch einmal zu sagen: falls der Tod mit dem Ritual in Zusammenhang steht, so würden ein Psychologe und ein Okkultist die Todesursache natürlich unterschiedlich interpretieren, aber das heißt nicht, daß einer von beiden Unrecht hat, sondern es handelt sich lediglich um zwei verschiedene Sichtweisen einer geistig-physischen Realität. Von daher wird aber auch verständlich, wieso es möglich sein kann, auf diese Weise in unsere physische Realität kraft geistiger Vorgänge wirklich hineinzuhandeln und dort Ereignisse eintreten zu lassen, für die wir keine Erklärung hätten, wenn wir weiterhin von einem Weltbild ausgingen, in dem es eine strikte Trennung zwischen Geist und Materie gibt. Franz Bardon:

Es gibt keine Wunder als solche, es gibt auch nichts Übernatürliches, denn diese Auffassung haben nur solche Menschen, denen Dinge und Geschehnisse, die sie nicht zu fassen vermögen, unverständlich sind. Magie ist ein Wissen, welches die praktische Anwendung der niedersten Gesetze der Natur bis zu den höchsten des Geistes lehrt. Wer sich mit Magie befassen will, muß unbedingt vor allem das Wirken der niedersten Naturgesetze verstehen lernen, um dann die darauffolgenden und zu guter Letzt die höchsten Gesetze zu begreifen.

 

 


[1] Werner Schiebeler: Zeugnis für eine jenseitige Welt.
[2] Nevill Drury: Der Schamane und der Magier.
[3] Ralf Tegtmeyer: Aleister Crowley.
 
   
   

Schamanismus

 

Ein Schamane ist in einer archaischen Gesellschaft ein besonders mächtiger Mensch, zugleich Medizinmann und Zauberer. Er verfügt über ungewöhnliche und geheimnisvolle Fähigkeiten, die ihn vor allen anderen auszeichnen und die er üblicherweise von einem Lehrer und durch eine äußerst schwierige Initiation erworben hat, zu denen er aber auch von vornherein besonders begabt sein muß. Diese seine Begabung läßt sich schon früh an seiner Wesensart erkennen: er ist ein stiller, introvertierter Mensch, der dazu neigt, vorwiegend alleine zu sein. Dieser kurze Versuch einer allgemeinen Beschreibung läßt zwar auch Ausnahmen zu, trifft aber in etwa zu, und zwar durchgehend für alle Spielarten und über alle Kulturen und Kontinente hinweg - etwa für Yogis, Magier, spiritistische Medien, Heilige oder Genies usw. Dabei ist die Tatsache auffallend, daß solche Gemeinsamkeiten selbst dann gegeben sind, wenn kein gemeinsamer kultureller Ursprung feststellbar ist. Das legt die Vermutung einer bestimmten Zwangsläufigkeit nahe. Wir werden das mit der in jedem dieser Fälle gegebenen unmittelbaren Beziehung des persönlichen Bewußtseins zum Weltgeist zu erklären versuchen, die auch durch die Initiation verstärkt werden kann.

Mit der archaischen Vorstellung vom Schamanen ist eigentlich immer der Zustand der Trance verbunden, der sowohl durch Halluzinogene als auch durch eine besondere ekstatische Autosuggestion erreicht werden kann. In der Trance verändert sich der Bewußtseinszustand des Schamanen, und er tritt dadurch in eine andere Wirklichkeit, in der er zu paranormalen Fähigkeiten gelangt. Im Sinne unserer Theorie können wir also sagen, daß sein individuelles Bewußtsein entbündelt und dadurch wieder dem Weltgeist angeschlossen wird. Hierbei tritt in auffallender Weise fast durchweg das Erlebnis einer Reise durch einen Tunnel in Erscheinung, das diese Theorie zu unterstützen scheint. Wir werden diesem Vorgang auch noch bei den Sterbeerlebnissen begegnen, er erscheint aber auch bei besonderen Meditationszuständen, sowie bei Rauschzuständen oder bestimmten Erlebnissen von krankhaften Bewußtseinsveränderungen. Die Theorie des Anschlusses an den Weltgeist würde besondere und immer wieder auftauchende Erlebnisse von ekstatischen Glückserlebnissen und Bewußtseinserweiterungen erklären sowie die Erlangung der paranormalen Fähigkeiten. Schamanen können im Zustand der Ekstase etwa in die Zukunft sehen und haben Zugang zu allen möglichen Informationen, sie können aber auch auf die physikalische Wirklichkeit einwirken, was uns tatsächlich auf deren Zusammenhang mit besonderen Bewußtseinszuständen hinweist. Was im Zusammenhang mit Poltergeistphänomenen bestimmten Jugendlichen nur ausnahmsweise und ohne deren Wissen möglich ist, führen Schamanen also ganz gezielt herbei, wobei das einzig verbindende Element in der Initiation gesehen werden kann, die üblicherweise in eine Altersphase fällt, in der ein Mensch erwachsen wird. Hier gäbe es also eine Erklärung dafür, warum solche Fähigkeiten gerade bei Jugendlichen auftreten - und zwar im Sinne unseres Wegbahnungsgedankens, den wir schon bezüglich der Tarotphänomene erwogen hatten.

Das Tunnel-Phänomen wird von dem Anthropologen Michael Harner bezüglich der australischen Arunta oder der Twana von der Nordwestküste Nordamerikas folgendermaßen beschrieben:

Eingänge in die Unterwelt führen im allgemeinen hinunter in einen Tunnel oder ein Rohr, das den Schamanen zu einem Ausgang leitet, der sich in strahlende wundervolle Landschaften öffnet. Von dort reist der Schamane minuten- oder sogar stundenlang, wohin er will, kehrt schließlich durch das Rohr nach oben zurück, um an der Stelle der Oberfläche aufzutauchen, wo er hineingegangen war.

Dieses ist keineswegs ein nur zufälliger Brauch, denn gleiches berichtet Rasmussen über die Iglulik-Eskimos der Hudson Bay:

Für die allergrößten Schamanen öffnet sich ein Weg direkt aus dem Haus, worin sie ihre Hilfsgeister anrufen - eine Straße hinunter in die Erde, wenn sie in einem Zelt an der Küste sind, oder hinunter durch das Meer, wenn es in einer Schneehütte auf dem Meereseis ist, und auf dieser Straße wird der Schamane hinuntergeführt, ohne irgendeinem Widerstand zu begegnen. Er gleitet sozusagen, als ob er durch ein Rohr fällt, welches so genau um seinen Körper paßt, daß er sein Vorankommen dadurch prüfen kann, daß er sich gegen die Seitenwände drückt, und nicht wirklich wie bei einem Sturz hinunterzufallen braucht. Dieses Rohr wird für ihn von allen Seelen seiner Namensvettern offengehalten, bis er auf seinem Weg zur Erde zurückkehrt. Wenn der Eskimo-Schamane von seiner Reise in die Unterwelt zurückkehrt, können die Menschen im Zelt oder Iglo ihn von weither kommen hören. Das Rascheln bei seinem Durchgang durch das Rohr, das für ihn von seinen Geistern offengehalten wird, kommt immer näher, und mit einem mächtigen "Plu-a-he-he" schießt er hinaus an seinen Platz hinter dem Vorhang.

Eine besondere Rolle spielt das schamanische Ritual, das gleichermaßen zur Steigerung der Ekstase beiträgt. Daß der Schamane tatsächlich an die Geister glaubt, die er beschwört und denen er sich anvertraut, braucht nicht zu überraschen, denn er stammt aus einer kulturellen Umgebung, in der diese Dinge zur Realität gehören. Das ist nicht unerheblich für die Erlangung seiner Fähigkeiten, denn wenn geistige Einflüsse und physikalische Wirklichkeit zueinander in Beziehung stehen, tritt dadurch tatsächlich eine Wechselwirkung auf, die die Weltsicht des Schamanen bestätigt und in der sich zwischen diese beiden scheinbar so extremen Gegenpole alle möglichen Zwischenstufen einschieben. Das Ritual dient dann dazu, über diese Stufen in eine andere Wirklichkeit zu wandern. Der Schamane lebt demgemäß auch im üblichen Alltag noch unmittelbarer und stellvertretend für seine Gemeinschaft in einer besonderen Wirklichkeit und in permanentem Kontakt mit seinen Gottheiten und Dämonen, die ihm in allen Dingen seiner Umgebung ständig gegenwärtig sind: alles hat seine besondere Bedeutung. In einer solchen Umwelt stellt sich von ganz alleine eine andere Wirklichkeit ein, und man kann sich somit das in verschiedenen Kulturen ähnliche Erscheinungsbild des Schamanismus aus einer ganz natürlichen Gewachsenheit erklären. Die Wirklichkeit mußte nicht erst anders werden, sondern war es von vornherein, und unsere positivistische Welt ist demnach in viel höherem Maße erst ein Kunstprodukt der Einwirkung des menschlichen Geistes.

Das Phänomen des Schamanismus ergab sich somit eigentlich ganz automatisch aus der existentiellen Situation der Naturvölker. Man kann das durchaus vergleichen mit den sexuellen Praktiken, die auch überall und in allen Kulturen zu gleichen Ergebnissen führten, die eigentlich jenseits des Begriffsvermögens der Naturvölker stand. Nicht nur zufällig machen ja auch Tiere dazu das einzig Richtige, selbst wenn sie die Beziehung zwischen Zeugung und Geburt nicht kennen, denn natürlich sind diese Praktiken evolutionär mitgewachsen und nicht auf einen irgendwann erfolgten ersten Entschluß zurückzuführen wie etwa das erste bewußt entzündete Feuer oder die erste Verwendung einer Keule. So gesehen wäre also der Schamanismus fast weniger ein bewußtes Kulturprodukt als die Verwendung von Werkzeugen. Diese Dinge sind absolut archetypisch und haben sich aus geringsten Anfängen empor entwickelt, die sich letztlich aus der wechselseitigen Bedingtheit der Quantenprozesse ergaben, denn demnach standen geistige und physikalische Dinge immer schon in Wechselwirkung, und diese offensichtliche Tatsache hat schon die Fantasie der Urmenschen in ihrem frühesten Entwicklungsstadium beflügelt. Die Naturvölker machten somit mit ihren Beschwörungen ebenfalls das einzig Richtige und erzeugten dadurch die hohen geistigen Konzentrationen, die auf die physikalische Wirklichkeit einwirken konnten. Diese Bräuche und Riten haben sich also aus der vormenschlichen Evolution hochentwickelt, und die unmittelbaren Vorläufer des Menschen wären demnach die Affenhorden gewesen, die mit möglichst lautem Geschrei ihre Feinde in die Flucht zu schlagen versuchten, und deren Vorläufer wären die Männchen niederer Tierarten gewesen, die durch das Aufblasen ihres Körpervolumens oder gleichfalls lauten Lärm ihre Gegner und ihre Weibchen zu beeindrucken versuchten. Der Einwand, dieses sei aber doch nur kausal zu erklären und grenze sich damit scharfkantig gegen eine geistige Einwirkung auf physische Ereignisse ab, stimmt nicht ganz, denn gerade die Scharfkantigkeit dieser Einwirkungsabstufungen ist tatsächlich niemals gegeben. Die Übergänge sind kontinuierlich und stehen untereinander ebenfalls in Wechselwirkung. Somit könnte sich auch das Tunnelphänomen aus primitivsten evolutionären Uranfängen hochentwickelt haben, es ist ebenfalls archetypisch, und es steht sicher auch mit dem Geburtserlebnis in Verbindung. Da aber zweifellos auch unsere Vorfahren schamanische Bräuche besaßen, geht es für uns heute nicht darum, diese Dinge als Neuigkeit zu erfahren, sondern wir müssen uns nur wieder daran zurückerinnern, denn auch wir stammen aus diesem kulturellen Ursprung ab - wie etwa das Rosenheimer Ereignis beweist.

Die wichtigsten Attribute des Schamanen sind seine besondere Kleidung, die ihn für alle anderen Stammesmitglieder als Verbindungsmann zu den Gottheiten erkennbar machen, sowie seine Trommel, die gewissermaßen das Fahrzeug ist, auf dem der Schamane in die Geisterwelt fährt. Tatsächlich kann der monotone und allmählich gesteigerte Trommelrhythmus auch bei Nichtschamanen eine Bewußtseinsveränderung bewirken. Harner hat das sogar bei Angehörigen unserer westlichen Kultur nachgewiesen, die auf diese Weise tatsächlich das Erlebnis der typischen Tunnelreise in eine andere Wirklichkeit hatten, aus der sie erst wieder durch besondere und zuvor vereinbarte Trommelsignale zurückgeholt werden konnten.


 

 

Die schamanische Initiation

Die schamanische Initiation hat eine mythische Übersteigerung erfahren. Drury berichtet von einer entsprechenden Legende, nach der sich ein Kandidat, der ein Schamane werden wollte, dazu auf eine Reise in die Unterwelt begab:

...dort begegnete er den Bewohnern der Unterwelt, den bösen Schamanen und den Männern der Großen Krankheit, die ihn in den verschiedenen Krankheiten unterwiesen, welche die Menschen quälen. Man riß ihm das Herz heraus und warf es in einen Kochtopf. Der Kandidat kam dann in das Land der Schamaninnen, welche ihm Kehle und Stimme kräftigten, dann zu einer Insel, wo der Baum des Herrn der Erde in den Himmel ragte. Der Herr verlieh ihm gewisse Kräfte, darunter die Fähigkeit, die Kranken zu heilen. Er zog weiter, traf auf magische Steine, die sprechen konnten, auf Frauen mit Haaren wie Rentiere und einen nackten Schmied, der im Innern der Erde mit einem Blasebalg ein riesiges Feuer entfacht. Wieder wird der Novize rituell geopfert und über dem Feuer in einem Kessel drei Jahre lang gekocht. Der Nackte schmiedete dann den Kopf des Kandidaten auf einem von drei Ambossen, auf dem die besten Schamanen geschmiedet wurden, und zeigte ihm, wie man die Buchstaben im Kopf lesen kann, wie man mit den mystischen und nicht mit den fleischlichen Augen sehen kann, wie die Sprache der Pflanzen verstanden werden kann. Als die Geheimnisse gemeistert waren und der Körper nach der Opferung wieder zusammengesetzt, erwachte der Schamane auferstanden als wiederbelebtes Wesen.

Der Schmied hat übrigens bei vielen Naturvölkern eine ganz ähnliche Bedeutung wie der Schamane, und bis heute hat sich in Afrika der Glaube erhalten, daß auch die Schmiede über ein okkultes Wissen verfügen. Es ist also nicht leicht, ein Schamane zu werden, und das soll durch solche Geschichten vor allem ausgedrückt werden. Hieraus ergibt sich auch die grundsätzliche Bedeutung der Initiation. Sie setzt den Schamanen zugleich in die Lage, hinter den Erscheinungen das Wesen der Dinge zu sehen, da er durch diese Prozedur völlig neu geschaffen und gewissermaßen auf sich selbst zurückgeworfen wurde. Dieses Motiv kehrt durch alle Kulturen immer wieder, wie auch zum Beispiel in dem schon erwähnten und für unser durchgehendes Thema interessanten (weil es hier um die Aufstauung geistiger Energien geht, die unter Umständen auf physikalische Ereignisse einwirken können) Bergmann-Film 'Fanny und Alexander' oder in bestimmten Künstlerbiographien, etwa der von Vinzent van Gogh, der erst eine 'Mauer' durchbrechen mußte, bevor sein eigentliches Talent zum Ausbruch kam. Dabei ist die Frage nicht uninteressant, ob das lediglich eine Legende für das Publikum ist - also, wie man heute sagen würde, ein PR-Gag (was sicher eine viel zu nüchternde Sichtweise wäre, wie im Falle van Gogh deutlich wird, wenn auch die Tatsache der Wirksamkeit einer solchen Legende auf ihren archaischen Ursprung hinzuweisen scheint) -, oder lediglich eine psychologische Bedingtheit, oder ob dem allem gar eine Art 'physikalischer' Realität zugrunde liegt, wie wir im Zusammenhang mit schamanischen Phänomenen zu vermuten beginnen. Der Schamane wird aber auch durch die Initiation - wie immer die sich auch tatsächlich vollziehen mag - auf seine eigentliche Aufgabe vorbereitet, für die er ohne diese Vorbereitung kaum geeignet wäre, denn es geht dabei um Dinge, die eine hohe psychische Stabilität voraussetzen. Anderenfalls wird er leicht Opfer der Dämonen, und das auf eine Weise, die wir ruhig wörtlich nehmen können. Harner hat da einschlägige Erfahrungen gemacht. Er berichtet über seine Erlebnisse mit einem sogenannten 'heiligen Schamanentrunk', der von den peruanischen Conibo-Indianern aus der 'Liane des Todes' hergestellt wird, die er aus todesmutigem Forscherdrang zu sich nahm, obwohl ihn die Indianer eindringlich davor warnten, weil er noch nicht die schamanische Einweihung vollzogen hatte, die es dem Schamanen gestattet, die daraus folgenden Vorgänge zu beherrschen.


 

 

Eine andere Realität

Harner berichtet wie folgt über seine Visionen:

...Dann sah ich aus meiner Lage neben der Wasseroberfläche zwei seltsame Schiffe sich hin und her bewegen, durch die Luft auf mich zuschwimmen, immer näher kommend. Sie vereinigten sich langsam und bildeten ein einziges Boot mit einem riesigen drachenköpfigen Bug, nicht unähnlich einem Wikingerschiff. Mittschiffs war ein viereckiges Segel gesetzt. Als das Boot langsam über mir hin und her schwamm, hörte ich immer deutlicher einen rhythmisch zischenden Laut und sah, daß es eine riesige Galeere mit mehreren hundert Ruderern war, die sich im Einklang mit dem Geräusch vor und zurück bewegten.

In mein Bewußtsein drang auch der schönste Gesang, den ich jemals in meinem Leben gehört hatte, in hoher Tonlage und ganz ätherisch, kommend aus Myriaden Stimmen an Bord der Galeere. Als ich genauer auf Deck sah, konnte ich eine große Menschenmenge erkennen mit Köpfen der blauen Tölpel und Menschenkörpern, ähnlich den vogelköpfigen Göttern auf den alten ägyptischen Grabmalereien. Gleichzeitig begann etwas Kraftsubstanz aus meiner Brust in das Boot zu fließen. Obwohl ich mich für einen Atheisten hielt, war ich absolut sicher, daß ich starb und die vogelköpfigen Wesen gekommen waren, um meine Seele auf das Boot zu bringen. Während der Seelenabfluß aus meiner Brust anhielt, merkte ich, daß meine Körperteile gefühllos wurden. Beginnend bei meinen Armen und Beinen merkte ich, wie mein Körper anfing, sich in festen Beton zu verwandeln. Ich konnte mich weder bewegen noch sprechen. Als die Erstarrung allmählich meine Brust umschloß, mein Herz erfaßte, versuchte ich, mit meinem Mund um Hilfe zu rufen, die Indianer um ein Gegengift zu bitten. Wie sehr ich mich auch abmühte, ich konnte mich nicht so weit bringen, ein Wort zu bilden. Gleichzeitig schien sich mein Unterleib in Stein zu verwandeln, und ich hatte große Mühe zu erreichen, daß mein Herz weiterschlug. Ich fing an, mein Herz meinen Freund zu nennen, den liebsten Freund von allen, zu ihm zu reden, es mit der ganzen mir noch zur Verfügung stehenden Kraft zu ermutigen, weiterzuschlagen.

Ich spürte mein Gehirn. Ich fühlte physisch, daß es in vier getrennte und unterscheidbare Ebenen aufgeteilt war. An der höchsten Stelle war der Beobachter und Befehlshaber, der sich meines Körperzustandes bewußt und dafür verantwortlich war, daß mein Herz weiterschlug. Dieser erkannte, aber nur als Zuschauer, die Visionen, die aus den scheinbar darunterliegenden Gehirnteilen hervorkamen. Direkt unter der höchsten Ebene spürte ich eine erstarrte Schicht, welche durch die Droge außer Kraft gesetzt zu sein schien - sie war einfach nicht da. Die darunterliegende Ebene war die Quelle meiner Visionen, einschließlich des Seelenbootes.

Nun war ich wirklich sicher, daß ich im Sterben lag. Als ich mich bemühte, mich in mein Schicksal zu ergeben, fing ein noch tieferer Gehirnteil an, weitere Visionen und Informationen auszusenden. Mir wurde 'gesagt', daß dieses neue Material mir dargereicht würde, weil ich im Sterben begriffen und deshalb 'sicher' sei, diese Offenbarungen zu empfangen. Es seien die Geheimnisse, die für die Sterbenden und die Toten aufbewahrt würden, wurde mir gesagt. Ich konnte die Bringer dieser Gedanken nur sehr schwach wahrnehmen: riesige reptilartige Geschöpfe, die träge in den hintersten Regionen meines Gehirnes ruhten, wo das Ende der Wirbelsäule das Gehirn berührt. Ich konnte sie nur schwach in den anscheinend finsteren Tiefen sehen.

Diese Geschöpfe zeigten mir dann, wie sie auf dem Planeten Leben hervorbrachten, um sich unter den vielfachen Formen zu verstecken und dadurch ihre Anwesenheit zu verschleiern. Vor mir erstand die Großartigkeit der Pflanzen- und Tierschöpfung und Artaufspaltung - Hunderte von Jahrmillionen Aktivität - in einem Maßstab und mit einer Lebendigkeit, die unmöglich zu beschreiben sind...

Mit unvorstellbarer letzter Kraft schaffte ich es gerade noch, den Indianern ein einziges Wort zu sagen: "Medizin!" Ich sah, wie sie umherliefen, um ein Gegengift herzustellen, und wußte doch, daß sie es nicht mehr rechtzeitig zubereiten konnten. Ich brauchte einen Beschützer, der Drachen besiegen konnte, und deshalb bemühte ich mich mit äußerster Kraft, ein mächtiges Wesen zu beschwören, das mich gegen die fremdartigen Reptilien beschützen könnte. Eines erschien vor mir, und in diesem Augenblick öffneten die Indianer mit Gewalt meinen Mund und gossen das Gegengift in mich hinein. Langsam verschwanden die Drachen in der Unterwelt, das Seelenboot und der Fjord waren nicht mehr. Erleichtert entspannte ich mich.

Nebenbei bemerkt geben die Aussagen der 'drachenähnlichen' Wesen einen Sinn, wenn man sie sich als DNS vorstellt, deren Gestalt tatsächlich drachenähnlich ist. Dieses ist auch Harner selbst später in den Sinn gekommen, doch weist er darauf hin, daß er zum Zeitpunkt dieser Vision noch keine Ahnung von der DNS hatte. Wir müssen uns dazu vor Augen führen, daß sich der 'geistige' Aspekt des Universums notgedrungen einer aus dem 'physischen' entlehnten Metaphorik bedient, und deshalb kann man annehmen, daß bestimmte Urbilder darin einen ganz besonders starken 'Abdruck' hinterlassen haben. Weiterhin könnte man folgern, daß besonders solche Metaphern sich eingeprägt haben, die auf die Verbindung zwischen geistigem und materiellem Aspekt hinweisen oder in denen dieser sich ausdrückt. Im materiellen Bereich gilt das für das elektromagnetische Feld, das ein anderer (und besserer) Ausdruck des dualistischen Prinzips als das Yin-Yang-Motiv ist (jedes Elektron - also eine Schwingung des Bewußtseinsmediums Äther - ist ein kleines elektromagnetisches Feld), und im geistigen Bereich könnten sich demnach besonders Kristallmotive niedergelegt haben, zumal solche, die mit starken Emotionen geladen sind, also Edelsteine. Diese Annahme mag als sehr spekulativ erscheinen, doch weist Huxley darauf hin, daß es sich in der Tat so verhält:

Jedes Paradies ist überreich an Edelsteinen oder zumindest an Gegenständen, die Edelsteinen gleichen... Die Kelten wissen sehr viel von einer anderen und für sie ebenso wundervollen Substanz - nämlich Glas - zu berichten. Die Waliser hatten ein Land, genannt Ynisvitrin, die Glasinsel, und einer der Namen des germanischen Totenreichs war Glasberg. Dabei kommt einem auch das Meer von Glas in der Offenbarung Johannis in den Sinn. Der Himmel ist stets ein Ort, der überreich ist an Edelsteinen... In Visionen gewahren die Menschen eine Überfülle dessen, was Ezechiel 'feurige Steine' nannte... Diese Dinge leuchteten von selbst, zeigten übernatürlichen Farbenglanz und besitzen eine übernatürliche Bedeutsamkeit. Die materiellen Objekte, die diesen visionären Lichtquellen am meisten ähneln, sind die Edelsteine. Einen solchen Stein zu erwerben, heißt etwas erwerben, dessen Kostbarkeit durch die Tatsache gewährleistet ist, daß es in der Jenseitswelt existiert... Edelsteine sind edel und kostbar, weil sie eine schwache Ähnlichkeit mit den leuchtenden Wundern haben, die das innere Auge des Visionärs erblickt... Denn der Verkehr zwischen dem Diesseits und dem Jenseits wickelt sich auf einer Straße mit Gegenverkehr ab. Edelsteine kommen aus dem visionären Himmel der Seele, aber sie führen die Seele auch zurück in den Himmel... Wir können sogar eine Verallgemeinerung wagen und sagen, was immer in der Natur oder in einem Kunstwerk einer dieser höchst bedeutsamen, von innen glühenden Erscheinungen gleicht, auf die man bei den Antipoden der Psyche stößt, sei dazu angetan, das visionäre Erlebnis... herbeizuführen. Hier könnte ein Hypnotiseur daran erinnern, daß ein Patient, der dazu bewogen werden kann, angespannt auf einen glänzenden Gegenstand zu blicken, leicht in Trance  verfällt...


 

 

Das dualistische Prinzip

Der erwähnte Gegenverkehr hat sich allerdings aus gemeinsamen Uranfängen ergeben, sodaß wir nicht zu der Annahme gezwungen sind, das elektromagnetische Feld sei nur als unmittelbarer Ausdruck eines geistigen Prinzps zu verstehen, sondern es verhält sich vielmehr so, daß beide auf gemeinsame Urväter zurückgehen - eben das grundlegende dualistische Prinzip des Universums -, die in den beiden universalen Aspekten ein hochemergentes Eigenleben entwickelt haben (hier als elektromagnetisches Feld und dort unter anderem als Kristallvisionen, in denen sich die Informations-, also Geistesbedingtheit aller physikalischen Festkörper besonders unmittelbar ausdrückt), sodaß dort die gegenläufige Aufspaltung als vollzogene Tatsache zu betrachten ist und deshalb auch das Weltbild eines Positivisten nicht mehr allzu sehr strapaziert. Wichtig ist aber, daß wir die gemeinsame Urquelle erkennen - nicht zuletzt auch deshalb, um die prinzipielle Möglichkeit von Wechselwirkungen einzusehen, die sich auch in diversen anderen Musterbildungen zeigen kann. Ich habe zum Beispiel keinen Zweifel daran, daß auch soziologische Konstellationen hochbedeutsam sein können - vor allem für den Erlebenden selbst.

Harner berichtet weiter, wie er sich später stundenlang um die Rückerinnerung bestimmter Bereiche seiner Visionen bemühte und wie er sie schließlich in sein Bewußtsein zurückholte, obwohl er zugleich das Gefühl hatte, daß er damit etwas Unerlaubtes tat. Schließlich hatten ihm die Wesen gesagt, daß dieses Material nur für Sterbende bestimmt war, und gerade diese Dinge konnte er sich nur mit großer Mühe zurückholen. Später ging Harner zu einem blinden Schamanen, der ebenfalls viele solcher 'Reisen' mit Hilfe des gleichen Rauschmittels gemacht hatte, um ihm von seiner Erlebnissen zu berichten. Als er erwähnte, daß sich die drachenähnlichen Wesen als die wahren Meister der Welt bezeichnet hatten, sagte der alte Indianer nur: "Oh, das sagen sie immer." Harner war über diese Antwort erschüttert, und es ist klar, warum: er erfuhr damit, daß diese Dinge tatsächlich kommunizierbar waren und daß sie demnach also keineswegs nur Ausblühungen seines individuellen Geistes waren, sondern daß sie eine wie auch immer geartete Realität besaßen, die auch von anderen erlebt werden konnte. Von diesem Augenblick an, schreibt Harner, sei er entschlossen gewesen, alles Mögliche über Schamanismus zu lernen.

Interessant ist dieser Bericht aber auch in anderer Hinsicht. Harner erlebte ja mit großer Gewißheit, daß alle geschilderten Visionen seinem eigenen Gehirn entsprangen, obwohl sie ihm zugleich keineswegs traumartig erschienen, sondern gerade jene Eigenschaft besaßen, die kennzeichnend für die Erscheinungen unseres Wachbewußtseins ist, nämlich die Permanenz, die die Dinge berechenbar und kommunizierbar macht. Als letzteres erwiesen sich die Erscheinungen in der Tat, und das mußte Harner tief erschüttern, da sein Weltbild ihn nötigte, darin einen Widerspruch zu sehen. Wir wissen ja aber mittlerweile, daß alle Erscheinungen auch unseres Wachbewußtseins in Wirklichkeit geistiger Natur sind und haben deshalb keinen Grund, den Ereignissen seiner Vision eine geringere Realität zuzubilligen. Ob sie nun von einem individuellen Gehirn erzeugt werden oder vom Weltgeist, macht dabei nur einen graduellen Unterschied. Denn wir verstehen inzwischen das individuelle Bewußtsein ja lediglich als eine örtliche Herausbündelung des Weltgeistes und können von daher auch verstehen, daß es über den Weltgeist bestimmte Kanäle gibt, über die seine individuellen Herausbündelungen miteinander verbunden sind, sodaß sich diese über die Ereignisse der 'visionären' Wirklichkeit unterhalten können. In der Tat ist dieses ein wesentliches Charakteristikum schamanischer Vorgänge.

Der Ethnologe und Anthropologe Carlos Castaneda hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Harner. Er hatte eines Tages einen Yaqui-Schamanen kennengelernt, den er unter dem Namen Don Juan vorstellt und den er als 'Wissender' bezeichnet. Über diese Begegnung hat er mehrere Bücher veröffentlicht, das bekannteste unter dem Titel 'Die Lehren des Don Juan'. Diese Erlebnisse sind einerseits in Bezug auf unser Thema von Interesse, zum anderen aber auch in kultureller Hinsicht, denn sie machen uns deutlich, wie teuer wir unser positivistisches Weltbild tatsächlich bezahlt haben. Auf die Errungenschaften unserer westlichen Zivilisation scheinen die Yaqui-Indianer jedenfalls nicht angewiesen zu sein, und je weiter wir durch Castanedas Berichte am Beispiel des Don Juan in ihre Vorstellungswelt eindringen, desto reicher erscheint uns auch ihre äußere Realität, obwohl diese Menschen aus unserer Sicht in materieller Hinsicht äußerst arm sind. Aber was heißt 'Armut'? So erhalten wir Einblick in eine Welt, die sich unserer Sicht normalerweise völlig entzieht und die uns sogleich in ihren Bann zieht. Die mythologische Fantasie eines Volkes, das sich seit uralter Zeit an die Gegebenheiten der Natur angepaßt hat und mit ihr noch in einer wirklich lebendigen Wechselwirkung steht, wird von Castaneda in einer faszinierenden Weise veranschaulicht. Wenn Castanedas Berichte wahrheitsgetreu sind, dann sind sie ein einzigartiges Dokument, denn wie man sich denken kann, ist es ein seltenes Privileg, als Weißer von einem Indianer in schamanische Riten und Initiationen eingeweiht zu werden. Don Juan hat darüber noch nicht einmal selbst zu befinden gehabt, sondern er mußte zunächst wissen, was die dämonischen Kräfte dazu sagten, um die es hier geht. Dabei waren die Entscheidungskriterien für eine Akzeptanz alles andere als durchsichtig.

Zuerst sah Castaneda, wie er sagt, in Don Juan nichts anderes als einen ziemlich merkwürdi­gen alten Mann, der sehr viel über Peyote (eine Kaktusart, aus der das Halluzinogen Mescalin gewonnen wird) wußte und ausgezeichnet Spanisch sprach. Aber die Leute, mit denen er lebte, glaubten, daß er ein 'Brujo' war, was etwa so viel hieß wie Medizinmann oder Zauberer und bedeutete, daß er über außergewöhnliche Kräfte verfügte, nach der üblichen Bedeutung sogar böse Kräfte. Bevor Don Juan ihm Vertrauen schenkte, kannte ihn Castaneda bereits ein ganzes Jahr. Seine Kenntnisse habe er von einem Lehrer erlangt, erklärte er ihm, einem 'Wohltäter', bei dem er eine Art Lehrzeit absolviert hatte, und nun wollte er seinerseits Castaneda zu seinem Schüler machen. Er warnte ihn aber zugleich vor der sehr tiefgehenden Verpflichtung, die er damit einginge, und vor einem sehr langen und harten Training. Seinen Lehrer bezeichnete er als einen 'Diablero', eine Bezeichnung, die sich üblicherweise auf einen bösen Menschen bezieht, der schwarze Magie praktiziert und fähig ist, sich in ein Tier zu verwandeln. Für die Yaqui-Indianer sind 'Diableros' nichts Ungewöhnliches, sie halten viele Tiere, die durch besonderes Verhalten oder nicht ganz artgemäßes Äußeres auffallen, in Wirklichkeit für Diableros, die lediglich ihre Gestalt verändert haben.

Einige Begriffe, die in die besondere schamanische Vorstellungswelt und Ethik einführen, bedürfen in diesem Zusammenhang der näheren Erläuterung: Ein 'Wissender' zu werden, war vor allem eine Sache des Lernens und anstrengender Arbeit. Ein 'Wissender' hatte einen unbeugsamen Vorsatz und einen klaren Verstand. Er war ein 'Krieger', er mußte Ehrfurcht und Furcht haben. Er mußte hellwach und bewußt sein. Ein 'Wissender' zu werden, war ein unaufhörlicher Prozeß.

Ein 'Wissender' hatte einen 'Verbündeten'. Dieser wiederum war gestaltlos und wurde nur als eine Qualität wahrgenommen. Es gab davon einen eher frauenähnlichen, der besitzergreifend und unberechenbar war, sowie einen anderen eher mannähnlichen, der leidenschaftslos und berechenbar war. Ein Verbündeter war zähmbar und konnte als Vehikel benutzt werden. Dann diente er als Helfer, und mit seiner Hilfe konnte man etwa in die Zukunft sehen, also weissagen, oder auch sich in eine andere Gestalt verwandeln oder regelrecht fliegen.


 

 

Peyote

Castaneda hat über seine Erlebnisse stets mit größter Sorgfalt Buch geführt, so weit ihm das unter den gegebenen Umständen unmittelbar möglich war, denn es ging dabei vor allem um Erfahrungen mit Rauschgiften und Halluzinationen. Diese Erlebnisse waren dabei für ihn so völlig neuartig, daß er größte Schwierigkeiten hatte, sie überhaupt in unserer gewöhnlichen Sprache mitzuteilen. Aus diesem Grunde gab er bald den Versuch auf, es in seiner eigenen Sprache zu vermitteln, sondern übernahm auch die Begriffe und die damit verbundenen Vorstellungen des Don Juan. Don Juan benutze vor allem drei halluzinogene Pflanzen: Peyote, Jimson Weed und einen nicht näher spezifizierten Pilz, die alle sowohl zur Heilung als auch zur Hexerei oder einfach nur zur Erreichung ekstatischer Zustände verwendet werden. Don Juan selbst hat sie vor allem zu letzterem Zweck verwendet, allerdings im Sinne einer höheren ethischen Logik, durch die er mit seiner Umwelt in vielfacher Weise verbunden war - man könnte also sagen, zu ähnlichen Zwecken, wozu die Yogis die Meditation verwenden. Alle Dinge seiner Umgebung schienen für ihn bedeutsam zu sein. So gab es zum Beispiel schamanische Macht-Objekte. Die Macht eines derartigen Objektes hinge, so sagte er, von seinem Besitzer und von dessen Wesen ab. Ein Macht-Objekt, das von einem geringen 'Brujo' gehütet werde, meinte er, sei kaum ernst zu nehmen, aber ein starker 'Brujo' gebe seine Stärke auch an seine Werkzeuge ab. Castanedas Versuche, näheres über diese Dinge zu erfahren und damit in die Vorstellungswelt Don Juans einzudringen, schilderte er in Dialogform folgendermaßen:

"Welche Macht-Objekte sind am verbreitetsten? Welche werden von den meisten Brujos bevorzugt?"
"Es gibt keine Bevorzugungen. Sie sind alle Machtobjekte, alle genau gleich."
"Hast du selbst welche, Don Juan?"
Er antwortete nicht, er sah mich nur an und lachte. Lange Zeit blieb er still, und ich dachte, meine Fragen ärgerten ihn.
"Es gibt Grenzen für diese Art von Mächten", fuhr er fort. "Aber ich bin sicher, so eine Ansicht ist dir unverständlich. Ich habe fast ein ganzes Leben gebraucht, um zu verstehen, daß ein Verbündeter aus sich selbst alle Geheimnisse dieser geringeren Mächte verraten kann und sie ziemlich kindisch erscheinen läßt. Als ich jung war, hatte ich einmal solche Werkzeuge."
"Welche Macht-Objekte hattest du?"
"Maiz-pinto, Kristalle und Federn."
"Was ist Maiz-pinto, Don Juan?"
"Es ist ein kleines Maiskorn, das einen schmalen Streifen roter Farbe in seiner Mitte hat."
"Ist es ein einzelnes Korn?"
"Nein. Ein Brujo besitzt achtundvierzig Körner."
"Was bewirken die Körner, Don Juan?"
"Jedes von ihnen kann einen Menschen töten, indem es in seinen Körper eindringt."
"Wie dringt ein Korn in einen menschlichen Körper ein?"
"Es ist ein Macht-Objekt, und seine Macht besteht unter anderem darin, in den Körper einzudringen."

 

Und so weiter. Castaneda läßt sich dazu zwar nicht näher aus, aber offenbar handelt es sich bei diesem Objekt um ein sogenanntes Mutterkorn, das übrigens auch als Halluzinogen wirken kann, sofern es in der richtigen Dosis verwendet wird.

Als Don Juan eher gegen seine ursprüngliche Absicht herausgefunden hatte, daß Castaneda ein geeigneter Schüler sein würde, weil er über besondere charakterliche und wesensbedingte Eigenschaften verfügte und weil er, wie er meinte, von den Verbündeten angenommen worden war, begann die eigentliche Lehrzeit damit, daß Castaneda zunächst einmal seinen 'Platz' finden mußte. Nicht jeder Platz war zum Sitzen oder sonstigen Aufenthalt geeignet, und zum Beispiel gab es auf der Veranda vor Don Juans Haus, auf der sich die beiden zunächst vorwiegend aufhielten, nur eine einzige Stelle, die für Castaneda wirklich geeignet war. Er könne Tage benötigen, meinte Don Juan, diese zunächst herauszufinden, aber wenn er das Problem nicht lösen würde, könne er ebenso gut gleich wieder gehen, weil er ihm dann nichts zu sagen habe. Don Juan betonte dabei, daß er selber durchaus wußte, wo Castanedas Platz war und daß dieser ihn deshalb nicht belügen könne. Er meinte, nur auf diese Weise könne er seinen Wunsch akzeptieren, etwas über 'Mescalito' zu erfahren. Nichts auf der Welt sei ein Geschenk, und was immer es zu lernen gebe, sei nur auf dem schwierigsten Wege zu erlernen. Zweifellos handelte es sich dabei zum einen um eine Art Initiation, mit der der Schüler auf die Lehre eingestimmt werden sollte, zum anderen aber auch um eine grundsätzliche Prüfung seiner Bereitschaft und Sensibilität für die kommenden Dinge. Fast die ganze Nacht hindurch suchte also Castaneda seinen 'Platz', und erst gegen Morgen schlief er irgendwo fast ein, wurde aber sogleich von Don Juan wieder geweckt, der ihn dazu beglückwünschte, daß er endlich seinen 'Platz' gefunden hatte. Die bloße Tatsache, erläuterte er, auf der eigenen Stelle zu sitzen, erzeuge überlegene Stärke, an jeder anderen Stelle nämlich könne der 'Feind' einen Mann schwächen oder ihm sogar den Tod bringen. Es hätte keinen Sinn gehabt, wenn er selbst ihm die Stelle gezeigt hätte, denn dadurch hätte er nichts gelernt, aber zu wissen, wie schwierig es sei, die eigene Stelle zu finden und vor allem zu wissen, daß es sie gebe, würde ihm ein ein einzigartiges Selbstvertrauen geben. Dieses entspricht der am Ende des letzten Kapitels erwähnten auch uns vertrauten Alltagsweisheit.


 

 

Erschreckend und verwirrend

Der Mann, sagte Don Juan, der zu lernen versucht, muß sich selbst durch ein hartes, stilles Leben vorbereiten. Die Auswirkungen gewisser durch einen besonderen aus verschiedenen Kräutern zusammengestellten Pfeifentabak beim Rauchen erzeugter Rauschzustände seien so furchtbar, daß nur ein sehr starker Mann den kleinsten Zug davon vertragen könne. Alles sei am Anfang erschreckend und verwirrend, aber jeder weitere Zug mache die Dinge klarer. Und plötzlich entstehe so vor ihm eine völlig neue und unvorstellbare Welt. Wenn dieses dann eintrete, sei der Rauch zu einem Verbündeten geworden und werde jede Frage lösen, indem er die Tür zu unvorstellbaren Welten öffne.

"Dies ist der größte Besitz des Rauches", erklärte Don Juan, "sein größtes Geschenk. Und er erreicht seine Wirkung ohne den geringsten Schmerz. Für mich ist der Rauch ein wahrer Verbündeter!"
Wir saßen wie gewöhnlich vor seinem Haus, wo der Sandboden immer sauber und fest ist, aber er stand plötzlich auf und ging ins Haus. Nach kurzer Zeit kam er mit einem schmalen Bündel zurück und setzte sich wieder.
"Das ist meine Pfeife", sagte er.
Er beugte sich zu mir und zeigte mir seine Pfeife, die er einem Beutel aus grünem Stoff entnahm. Sie war ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig Zentimeter lang. Das Mundstück war aus rötlichem Holz, es war einfach, ohne Verzierung. Der Kopf schien auch aus Holz zu sein, aber im Vergleich zu dem dünnen Mundstück wirkte er eher klobig. Er hatte eine glatte Oberfläche und war dunkelgrau, fast anthrazit. Don Juan hielt die Pfeife vor mir empor. Ich glaubte, er würde sie mir geben. Ich streckte die Hand aus, um sie zu nehmen, aber er zog sie schnell zurück.
"Diese Pfeife wurde mir von meinem Wohltäter gegeben", sagte er. "Ich wiederum werde sie an dich weitergeben. Aber erst mußt du mit ihr vertraut werden. Jedesmal wenn du zu mir kommst, werde ich sie dir geben. Zuerst berühre sie nur. Halte sie nur einmal zuerst, bis ihr euch aneinander gewöhnt. Dann stecke sie in deine Tasche oder unter dein Hemd. Und nimm sie schließlich in den Mund. All das soll langsam, sehr vorsichtig nach und nach geschehen. Wenn das Bündnis einmal da ist, wirst du sie rauchen. Wenn du meinen Rat befolgst und nichts überstürzt, könnte der Rauch auch dein bevorzugter Verbündeter werden."
Er gab mir die Pfeife, aber ohne sie loszulassen. Ich streckte meinen rechten Arm danach aus.
"Mit beiden Händen", sagte er.
Ich berührte die Pfeife für einen kurzen Augenblick mit beiden Händen. Er reichte sie mir nicht so weit herüber, daß ich sie erreichen konnte, sondern nur gerade so weit, daß ich sie berühren konnte. Dann nahm er sie zurück.
"Der erste Schritt ist, die Pfeife gerne zu haben. Das braucht Zeit!"
"Kann die Pfeife mich ablehnen?"
"Nein, die Pfeife kann dich nicht abweisen, aber du mußt lernen, sie gerne zu haben, damit dann, wenn es für dich Zeit ist, sie zu rauchen, die Pfeife dir helfen kann, nicht ängstlich zu sein."
"Was rauchst du, Don Juan?"
"Das hier!"

Er öffnete seinen Kragen und zeigte einen kleinen Beutel, den er wie ein Medaillon unter seinem Hemd trug. Er holte ihn heraus, band ihn auf und schüttete sehr vorsichtig etwas von dem Inhalt auf seine Handfläche. So weit ich es sagen kann, sah die Mixtur wie fein geriebene Teeblätter aus. In der Ferne variierte sie von Dunkelbraun bis Hellgrün mit einigen leuchtendgelben Flecken. Er schüttete die Mixtur in den Beutel, verschnürte ihn mit einem Lederband und steckte ihn wieder unter sein Hemd.

"Was für eine Art Mixtur ist das?"
"Es sind sehr feine Dinge darin. Alle Zutaten zu bekommen ist eine schwierige Aufgabe. Man muß weit reisen. Die kleinen Pilze, die für die Zubereitung der Mixtur gebraucht werden, wachsen nur zu bestimmten Zeiten des Jahres und nur an bestimmten Orten."
"Hast du verschiedene Mixturen für jede Art Hilfe, die du brauchst?"
"Nein! Es gibt nur einen Rauch, und kein anderer ist so wie er." Er deutete auf den Beutel an seiner Brust und hob die Pfeife auf, die zwischen seinen Beinen lag.
"Diese beiden sind eins. Einer kommt nicht ohne den anderen aus. Diese Pfeife und das Geheimnis der Mixtur gehören meinem Wohltäter. Sie wurden ihm auf die gleiche Weise übergeben, in der mein Wohltäter sie mir gab. Obwohl die Mixtur schwierig zuzubereiten ist, läßt sie sich erneuern. Ihr Geheimnis liegt in den Zutaten und in der Art, in der sie behandelt und gemixt werden. Andererseits ist die Pfeife eine Angelegenheit des ganzen Lebens. Sie muß mit unendlicher Sorgfalt behandelt werden. Sie ist hart und stark, aber sie darf nie getroffen oder umhergeworfen werden. Sie muß mit trockenen Händen gehalten werden, nie wenn die Hände feucht sind, und sie darf nur gebraucht werden, wenn man allein ist. Und niemand, absolut niemand, darf es je sehen, es sei denn, du willst sie jemandem geben. Das hat mich mein Wohltäter gelehrt, und auf diese Weise bin ich mein ganzes Leben lang mit der Pfeife umgegangen."
"Was würde passieren, wenn du die Pfeife verlierst oder sie zerbricht?"
Er schüttelte sehr langsam den Kopf und sah mich an.
"Ich würde sterben!"
"Sind alle Pfeifen der Zauberer so wie deine?"
"Nicht alle haben Pfeifen wie meine, aber ich kenne einige Männer mit solchen Pfeifen."
"Kannst du selbst eine Pfeife wie diese machen, Don Juan?" wollte ich wissen. "Angenommen, du hättest sie nicht, wie könntest du mir eine geben, wenn du es wolltest?"
"Wenn ich die Pfeife nicht hätte, könnte ich dir keine andere geben und würde dies auch nicht wollen. Ich würde dir statt dessen etwas anderes geben."
Er schien sich irgendwie über mich zu ärgern. Er steckte die Pfeife sehr sorgfältig in den Beutel, der mit weichem Stoff gefüttert sein mußte, da die Pfeife, die genau hineinpaßte, sehr leicht hineinglitt. Er ging ins Haus, um seine Pfeife wegzulegen.
"Bist du mir böse, Don Juan?" fragte ich, als er wiederkam. Er schien über meine Frage erstaunt.
"Nein! Ich bin niemals irgend jemandem böse! Kein Mensch kann etwas tun, das wichtig genug wäre, mich dazu zu bringen. Du ärgerst dich über die Leute, wenn du fühlst, daß sie etwas Wichtiges tun. Ich empfinde aber nicht mehr so."

 

Man muß nicht nur seinen Platz, sondern auch seinen Weg kennen, sagte Don Juan einmal (und alle diese Forderungen erscheinen uns plötzlich wie nur etwas übersteigerte Alltagsweisheiten).

"Wenn du fühlst, daß du ihn nicht gehen willst, mußt du ihm unter gar keinen Umständen folgen. Um so viel Klarheit zu haben, mußt du ein diszipliniertes Leben führen. Nur dann wirst du wissen, daß ein Weg nur ein Weg ist, und dann ist es für dich oder andere keine Schande, ihm nicht zu folgen, wenn es dein Herz dir sagt. Aber deine Entscheidung, auf dem Weg zu bleiben oder ihn zu verlassen, muß frei von Furcht oder Ehrgeiz sein. Ich warne dich. Sieh dir den Weg genau und aufmerksam an. Versuche ihn, so oft es dir notwendig erscheint. Dann stell dir, und nur dir selbst, eine Frage. Ich will dir sagen, wie sie lautet: Ist dieser Weg ein Weg mit Herz? Alle Wege sind gleich: sie führen irgendwo hin. Es gibt Wege, die durch den Busch führen oder in den Busch. Ich kann sagen, daß ich in meinem eigenen Leben langen, langen Wegen gefolgt bin, aber ich bin nirgendwo. Heute bedeutet die Frage meines Wohltäters etwas. Ist es ein Weg mit Herz? Wenn er es ist, ist der Weg gut, wenn er es nicht ist, ist er nutzlos. Beide Wege führen nirgendwo hin, aber einer ist der des Herzens, und der andere ist nicht gut. Auf einem ist die Reise voller Freude, und so lange du ihm folgst, bist du eins mit ihm. Der andere wird dich dein Leben verfluchen lassen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich."Wenn du fühlst, daß du ihn nicht gehen willst, mußt du ihm unter gar keinen Umständen folgen. Um so viel Klarheit zu haben, mußt du ein diszipliniertes Leben führen. Nur dann wirst du wissen, daß ein Weg nur ein Weg ist, und dann ist es für dich oder andere keine Schande, ihm nicht zu folgen, wenn es dein Herz dir sagt. Aber deine Entscheidung, auf dem Weg zu bleiben oder ihn zu verlassen, muß frei von Furcht oder Ehrgeiz sein. Ich warne dich. Sieh dir den Weg genau und aufmerksam an. Versuche ihn, so oft es dir notwendig erscheint. Dann stell dir, und nur dir selbst, eine Frage. Ich will dir sagen, wie sie lautet: Ist dieser Weg ein Weg mit Herz? Alle Wege sind gleich: sie führen irgendwo hin. Es gibt Wege, die durch den Busch führen oder in den Busch. Ich kann sagen, daß ich in meinem eigenen Leben langen, langen Wegen gefolgt bin, aber ich bin nirgendwo. Heute bedeutet die Frage meines Wohltäters etwas. Ist es ein Weg mit Herz? Wenn er es ist, ist der Weg gut, wenn er es nicht ist, ist er nutzlos. Beide Wege führen nirgendwo hin, aber einer ist der des Herzens, und der andere ist nicht gut. Auf einem ist die Reise voller Freude, und so lange du ihm folgst, bist du eins mit ihm. Der andere wird dich dein Leben verfluchen lassen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich."


 

 

Nur Visionen?

Castaneda schildert natürlich auch mehrere Rausch-Erlebnisse, von denen hier eines wiedergegeben wird:

...Ich nahm den Peyote-button in den Mund und kaute ihn. Nach einer Weile nahm Don Juan einen anderen aus dem Beutel. Ich war erleichtert, als ich sah, daß er ihn nach kurzem Gesang in den Mund nahm. Er gab mir den Beutel, und nachdem ich einen Button genommen hatte, legte ich ihn wieder vor uns hin. Dieser Zyklus wiederholte sich fünf Mal, bevor ich Durst spürte. Ich nahm die Feldflasche, um zu trinken, aber Don Juan sagte mir, ich solle nur meinen Mund auswaschen und nichts trinken, sonst müßte ich mich übergeben. Ich spülte meinen Mund wiederholt mit Wasser. In einem bestimmten Augenblick war das Trinken eine schreckliche Versuchung, und ich schluckte etwas Wasser. Augenblicklich zog sich mein Magen zusammen. Ich erwartete ein schmerzloses uns leichtes Fließen von Flüssigkeit aus meinem Mund, so wie bei meinem ersten Peyote-Erlebnis, aber zu meinem Erstaunen hatte ich nur das Gefühl des Erbrechens. Es dauerte jedoch nicht lange.

Don Juan nahm einen neuen Button, gab mir den Beutel, und der Zyklus wurde erneuert und wiederholt, bis ich vierzehn Buttons gekaut hatte. Dann waren alle meine ersten Empfindungen von Durst, Kälte und Unbehagen verschwunden. Stattdessen verspürte ich ein unbekanntes Gefühl von Wärme und Erregung. Ich nahm die Flasche, um meinen Mund zu erfrischen, aber sie war leer.

"Können wir zum Bach gehen, Don Juan?" Der Klang meiner Stimme drang nicht heraus, sondern traf auf den Gaumen, sprang in meine Kehle zurück und hallte zwischen Gaumen und Kehle wider. Das Echo war sanft und melodisch, es schien Flügel zu haben, die in meiner Kehle schlugen. Ihre Berührung besänftigte mich. Ich folgte ihren Schwingungen, bis es verschwunden war. Ich wiederholte die Frage. Meine Stimme klang, als spräche ich in einem Gewölbe.

Don Juan antwortete nicht. Ich stand auf und drehte mich in die Richtung des Baches. Ich sah ihn an, um zu erfahren, ob er mitkäme, aber er schien aufmerksam auf etwas zu lauschen. Mit einem eindringlichen Zeichen der Hand bedeutete er mir, still zu sein. "Abuhtol ist schon hier!" sagte er.

Ich hatte dieses Wort noch nie zuvor gehört, und ich überlegte, ob ich danach fragen sollte, als ich ein Geräusch bemerkte, das wie ein Summen in meinen Ohren war. Das Geräusch wurde ständig lauter, bis es wie die Vibration einer gewaltigen Rassel war. Es blieb einen kurzen Augenblick und nahm allmählich ab, bis alles wieder still war. Ich zitterte so stark, daß ich kaum stehen konnte, und doch waren meine Gedanken klar. Einige Minuten davor war mir schwindelig gewesen, doch war dieses Gefühl ganz einem Zustand äußerster Klarheit gewichen. Das Geräusch erinnerte mich an einen Science-Fiction-Film, in dem eine riesige Biene mit ihren Flügeln schlagend aus einer atomaren Strahlungszone kommt. Ich lachte über den Gedanken. Ich sah Don Juan in seine entspannte Haltung zurückfallen. Und plötzlich näherte sich mir das Bild der riesigen Biene wieder. Es war wirklicher als gewöhnliche Gedanken. Ich sah es allein, umgeben von außergewöhnlicher Klarheit. Alles andere war aus meinen Gedanken gedrängt. Dieser Zustand geistiger Klarheit, der ohne Beispiel in meinem Leben war, erzeugte einen neuen Augenblick der Angst. Ich begann zu schwitzen. Ich beugte mich zu Don Juan, um ihm zu sagen, daß ich Angst hatte. Sein Gesicht war nur einige Zentimeter von meinem entfernt. Er sah mich an, aber seine Augen waren die Augen einer Biene. Sie sahen wie runde Gläser aus, die ihr eigenes Licht in der Dunkelheit hatten. Seine Lippen waren vorgeschoben und machten ein plapperndes Geräusch: "Pehtu-peh-zu-pet-tuh." Ich sprang zurück und wäre fast an die Felswand gestoßen. Scheinbar endlos lange spürte ich unerträgliche Furcht. Ich schluchzte und wimmerte. Der Schweiß war auf meiner Haut gefroren, und ich fühlte eine quälende Steifheit. Dann hörte ich Don Juans Stimme: "Steh auf! Beweg dich! Steh auf!"

Das Bild verschwand, und ich konnte wieder sein vertrautes Gesicht sehen. "Ich hole etwas Wasser", sagte ich nach einem neuen endlosen Augenblick. Meine Stimme schlug um. Ich konnte die Worte kaum aussprechen. Don Juan nickte. Während ich wegging, merkte ich, daß meine Furcht genauso schnell und geheimnisvoll verschwand, wie sie gekommen war. Als ich dem Bach näherkam, merkte ich, daß ich jedes Ding auf dem Weg sehen konnte. Ich dachte daran, daß ich Don Juan gerade deutlich gesehen hatte, während ich vorher kaum die Umrisse seines Körpers erkennen konnte. Ich blieb stehen und sah in die Ferne, und ich konnte sogar über das ganze Tal hinwegsehen. Einige Felsen auf der anderen Seite waren deutlich erkennbar. Ich glaubte, es sei früher Morgen, aber mir fiel ein, daß ich vielleicht die Zeitorientierung verloren hatte. Ich sah auf meine Uhr. Es war zehn vor Zwölf! Ich prüfte die Uhr, um zu sehen, ob sie ging. Es konnte nicht Mittag sein, also mußte es Mitternacht sein! Ich wollte schnell zum Wasser und dann zu den Felsen zurück, aber ich sah Don Juan herunterkommen und wartete auf ihn. Ich sagte ihm, daß ich durch das Dunkel sehen konnte. Er starrte mich lange an, ohne ein Wort zu sagen. Falls er etwas gesagt hatte, hörte ich ihn vielleicht nicht, denn ich konzentrierte mich auf meine neue, einzigartige Fähigkeit, durch das Dunkel zu sehen. Ich konnte die kleinsten Kiesel im Sand erkennen. Für Augenblicke war alles so klar, daß es früh am Morgen oder Dämmerung zu sein schien. Dann wurde es dunkel, dann wurde es wieder hell. Bald bemerkte ich, daß die Helligkeit der Diastole meines Herzens entsprach und die Dunkelheit seiner Systole. Die Welt veränderte sich von hell zu dunkel und wieder zu hell mit jedem Schlag meines Herzens. Ich war in diese Entdeckung vertieft, als das gleiche merkwürdige Geräusch, das ich zuvor gehört hatte, wieder hörbar wurde. Meine Muskeln verkrampften sich.

"Anuhctal (so verstand ich das Wort diesmal) ist hier", sagte Don Juan. das Brüllen kam mir so donnernd, so überwältigend vor, daß alles andere nicht zählte. Als es verklungen war, entdeckte ich plötzlich, daß das Wasser zugenommen hatte. Der Bach, der gerade vor einer Minute noch fußbreit gewesen war, dehnte sich zu einem gewaltigen See aus. Licht, das aus der Höhe über ihm zu kommen schien, berührte die Oberfläche so, als schiene es durch dichtes Laubwerk. Von Zeit zu Zeit glitzerte das Wasser golden und schwarz für eine Sekunde. Dann blieb es dunkel, lichtlos, kaum sichtbar und doch seltsam gegenwärtig.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort einfach nur zusehend am Ufer des schwarzen Sees kauerte. Das Gebrüll mußte langsam verklungen sein, denn was mich zurückriß (in die Wirklichkeit?), war wieder ein schreckliches Summen. Ich drehte mich nach Don Juan um. Ich sah ihn hinaufklettern und hinter dem Felsvorsprung verschwinden. Doch das Gefühl, allein zu sein, störte mich überhaupt nicht. Ich kauerte dort in einem Zustand von Hingabe und völligem Vertrauen. Wieder wurde das Gebrüll hörbar, es war eindringlich wie das Geräusch eines hohen Windes. Ich hörte ihm so aufmerksam wie möglich zu und konnte eine bestimmte Melodie erkennen. Es war eine Verbindung hoher Töne wie menschliche Stimmen, die von einer tiefen Baßtrommel begleitet wurden. Ich richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf die Melodie, und wieder bemerkte ich, daß die Systole und Diastole meines Herzens mit dem Klang der Baßtrommel und der musikalischen Figur übereinstimmten.

Ich stand auf, und die Melodie verstummte. Ich versuchte, auf meinen Herzschlag zu hören, aber ich spürte ihn nicht. Ich kauerte mich wieder hin, weil ich glaubte, daß vielleicht meine Körperhaltung die Klänge bewirkt und verursacht hatte! Aber nichts geschah! Nicht ein Klang! Nicht einmal von meinem Herzen! Ich glaubte genug zu haben, aber als ich aufstand, um zu gehen, fühlte ich einen Erdstoß. Der Boden unter meinen Füßen zitterte, ich verlor das Gleichgewicht. Ich fiel nach hinten und blieb auf dem Rücken liegen, während die Erde bebte. Ich versuchte mich an einem Felsen oder einer Pflanze zu halten, aber etwas unter mir rutschte. Ich sprang auf, stand einen Augenblick und fiel wieder hin. Der Boden, auf dem ich saß, bewegte sich, glitt wie ein Floß in das Wasser. Ich blieb reglos, überwältigt von Schrecken, der, wie alles andere auch, einzigartig, ununterbrochen und vollkommen war...

Nach einer Weile hatte ich wieder etwas Kraft und stand auf. Um mich herum war alles klar im dunklen Zwielicht. Ich ging ein paar Schritte. Ein deutlicher Klang vieler menschlicher Stimmen drang zu mir. Sie schienen laut zu sprechen. Ich folgte dem Klang, ich ging ungefähr dreißig Meter und konnte plötzlich nicht weiter. Ich hatte eine Sackgasse erreicht. Der Ort, an dem ich stand, war ein Kral, den riesige Felsen geformt hatten. Ich konnte eine weitere Felsenreihe erkennen, und dann noch eine und noch eine, bis sie in das Gebirge selbst übergingen. Aus ihnen kam die herrlichste Musik. Es war ein fließender, ununterbrochener, unheimlicher Strom von Klängen.

Am Fuß des Felsens sah ich einen Mann auf dem Boden sitzen, sein Gesicht war im Profil zu sehen. Ich näherte mich ihm bis auf ungefähr drei Meter, dann drehte er den Kopf und sah mich an. Ich blieb stehen - seine Augen waren das Wasser, das ich gerade gesehen hatte! Sie hatten die gleiche, gewaltige Größe, das Glitzern von Gold und Schwarz. Sein Kopf war spitz wie eine Erdbeere, seine Haut war grün, von unzähligen Warzen übersät. Bis auf seine spitze Form war sein Kopf genau wie eine Peyote-Pflanze. Ich stand vor ihm und starrte ihn an, ich konnte meine Augen nicht von ihm wenden. Ich fühlte, daß er mit dem Gewicht seiner Augen absichtlich auf meine Brust drückte. Ich bekam keine Luft. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Seine Augen wandten sich ab. Ich hörte ihn mit mir reden. Zuerst war seine Stimme wie das sanfte Rascheln einer leichten Brise. Dann hörte ich sie als Musik - als Melodie von Stimmen - und ich 'wußte', sie sagte, "was willst du?" Ich kniete vor ihm, sprach über mein Leben und weinte. Er sah mich wieder an. Ich fühlte, daß seine Augen mich forttrugen, und ich glaubte, dieser Augenblick würde der Augenblick meines Todes sein. Er gab mir ein Zeichen, näherzukommen. Ich schwankte für einen Augenblick, bevor ich einen Schritt vorwärts machte. Während ich näherkam, wandte er seine Augen von mir ab und zeigte mir seinen Handrücken. Die Melodie sagte: "sieh!" In der Mitte seiner Hand war ein rundes Loch. "Sieh!" sagte die Melodie wieder. Ich sah in das Loch und sah mich selbst. Ich war sehr alt und schwach und lief gebückt, und helle Funken flogen überall um mich herum. Dann trafen mich drei der Funken, zwei in den Kopf und einer in die linke Schulter. Mein Körper in dem Loch richtete sich für einen Augenblick auf, bis er ganz gerade war, und verschwand dann zusammen mit dem Loch.


 

 

'Mescalito'

Mescalitos Augen sahen mich wieder an. Sie waren so nahe, daß ich sie sanft rollen 'hörte' mit dem sonderbaren Klang, den ich so oft in dieser Nacht gehört hatte. Allmählich beruhigten sie sich, bis sie einem stillen See glichen, der von goldenen und schwarzen Blitzen gekräuselt wurde. Noch einmal wandte er seine Augen von mir und sprang wie ein Grashüpfer vielleicht fünfzig Meter weit. Er sprang wieder und wieder und war verschwunden. Dann erinnerte ich mich, daß ich lief. Klar denkend versuchte ich Markierungspunkte zu erkennen, auch Berge in der Ferne, um mich zurechtzufinden. Während des ganzen Erlebnisses hatten mich Himmelsrichtungen verfolgt, und ich glaubte, daß Norden links von mir sein müßte. Ich ging ziemlich lange in diese Richtung, bevor ich merkte, daß es Tag war und daß ich nicht länger 'meine Nachtvision' gebrauchte. Mir fiel ein, daß ich eine Uhr hatte, und ich sah nach, wie spät es war. Es war acht Uhr.

Es war ungefähr zehn, als ich zu dem Felsvorsprung kam, wo ich in der letzten Nacht gewesen war. Don Juan lag auf dem Boden. "Wo bist du gewesen?" fragte er.
Ich setzte mich, um Luft zu holen.
Nach einem langen Schweigen fragte er: "Hast du ihn gesehen?"
Ich begann ihm meine Erlebnisse der Reihe nach zu erzählen, aber er unterbrach mich und sagte, wichtig sei nur, ob ich ihn gesehen hätte oder nicht. Er fragte mich, wie nahe Mescalito an mich herangekommen war. Ich sagte ihm, daß ich ihn fast berührt hatte.
Dieser Teil meiner Geschichte interessierte ihn. Er hörte jeder Einzelheit, ohne etwas zu sagen, aufmerksam zu und unterbrach mich nur, um Fragen zu stellen über die Art des Wesens, das ich gesehen hatte, über seine Charakteristika und über andere Einzelheiten. Es war ungefähr Mittag, als Don Juan von meiner Geschichte genug zu wissen schien.
"Ich glaube, Mescalito hat dich fast angenommen", sagte Don Juan.
"Warum sagst du, er hat mich FAST angenommen, Don Juan?"
"Er hat dich nicht getötet, dich nicht einmal verletzt. Er hat dich ganz schön erschreckt, aber nicht wirklich schlimm. Wenn er dich überhaupt nicht angenommen hätte, wäre er dir ungeheuer und voller Zorn erschienen. Einige Leute haben die Bedeutung des Schreckens erlebt, als sie ihm begegneten und von ihm nicht angenommen wurden."
"Wenn er so schrecklich ist, warum hast du mir dann nicht davon erzählt, bevor du mich zum Feld mitnahmst?"
"Du hast nicht den Mut, ihn absichtlich zu suchen. Ich dachte, es sei besser, wenn du es nicht wüßtest."
"Aber ich hätte vielleicht sterben können, Don Juan!"
"Ja, das ist möglich. Aber ich war sicher, daß alles gut ausgehen würde für dich. Er hat früher einmal mit dir gespielt. Er hat dich nicht verletzt. Ich dachte, er würde auch diesmal Mitgefühl mit dir haben."
Ich fragte ihn, ob er wirklich glaube, daß Mescalito Mitgefühl mit mir gehabt hatte. Das Erlebnis war so erschreckend gewesen. Ich fühlte, daß ich fast vor Furcht gestorben wäre. Er sagte, daß Mescalito äußerst gütig mit mir gewesen sei. Er hätte mir ein Bild gezeigt, das eine Antwort auf eine Frage war. Don Juan sagte, Mescalito hätte mir eine Lehre erteilt. Ich fragte ihn, was die Lehre sei und was sie bedeutete. Er sagte, es sei unmöglich, diese Frage zu beantworten, weil ich mich zu sehr gefürchtet hatte, um genau zu wissen, was ich Mescalito fragte. Don Juan drängte, ich solle mich erinnern, was ich Mescalito gesagt hatte, bevor er mir das Bild auf seiner Hand zeigte. Aber ich konnte mich nicht erinnern. Ich wußte nur noch, daß ich auf die Knie gefallen war und ihm 'meine Sünden gebeichtet' hatte. Don Juan schien nicht weiter interessiert, darüber zu sprechen. Ich fragte ihn: "Kannst du mir die Worte des Liedes beibringen, das du gesungen hast?"
"Nein, das kann ich nicht. Diese Worte gehören mir, der Beschützer selbst hat sie mir beigebracht. Die Lieder sind MEINE Lieder. Ich kann dir nicht sagen, was sie sind."
"Warum kannst du es mir nicht sagen, Don Juan?"
"Weil diese Lieder eine Verbindung zwischen dem Beschützer und mir sind. Ich bin sicher, daß er dich eines Tages deine eigenen Lieder lehren wird. Warte darauf. Und niemals, wirklich niemals, ahme die Lieder nach, die einem anderen Mann gehören. Und frage niemals, niemals nach ihnen."
"Was war das für ein Name, den du gerufen hast? Kannst du mir das sagen, Don Juan?"
"Nein, sein Name darf niemals ausgesprochen werden, außer wenn man ihn ruft."
"Was ist, wenn ich ihn selbst rufen will?"
"Wenn er dich eines Tages annimmt, wird er dir seinen Namen sagen. Dieser Name wird nur zu deinem eigenen Gebrauch sein, entweder, um ihn laut zu rufen oder um ihn dir leise vorzusprechen. Vielleicht wird er dir sagen, sein Name sei JosÑ. Wer weiß?"
"Warum ist es falsch, seinen Namen zu nennen, wenn man über ihn spricht?"
"Du hast doch seine Augen gesehen, nicht wahr? Du kannst mit dem Beschützer nicht herumspielen. Darum kann ich ja nicht begreifen, daß er sich entschloß, mit dir zu spielen!"
"Wie kann es ein Beschützer sein, wenn er manche Leute verletzt?"
"Die Antwort ist sehr einfach. Mescalito ist ein Beschützer, weil er für jeden, der ihn sucht, erreichbar ist."
"Aber stimmt es nicht auch, daß alles in der Welt erreichbar ist, für jeden, der es sucht?"
"Nein, das ist nicht wahr. Die verbündeten Mächte sind nur den Brujos erreichbar, aber jeder kann an Mescalito teilhaben."
"Aber warum verletzt er dann manche Leute?"
"Nicht jeden mag Mescalito, und doch suchen sie ihn alle in der Vorstellung, von ihm zu profitieren, ohne etwas zu tun. Natürlich ist ihre Begegnung mit ihm jedesmal erschreckend."
"Was geschieht, wenn er einen Mann vollständig annimmt?"
"Er erscheint ihm als ein Mann oder als ein Licht. Wenn ein Mann auf diese Weise angenommen wird, bleibt Mescalito derselbe. Danach verändert er sich nie. Vielleicht wird er, wenn du ihn das nächste Mal triffst, ein Licht sein, und eines Tages fliegt er vielleicht mit dir und zeigt dir alle seine Geheimnisse."
"Was muß ich tun, um bis zu diesem Punkt zu kommen, Don Juan?"
"Du must stark sein, und dein Leben muß ehrlich sein."
"Was ist ein ehrliches Leben?"
"Ein aufmerksames, ein gutes, starkes Leben."

 

 

LSD

Die bewußtseinsverändernden Wirkungen bestimmter Drogen sind uns allerdings weitläufig bekannt. Der Schweizer Chemiker Albert Hoffmann, der im Jahre 1943 durch die Entdeckung des LSD berühmt wurde, weist auch auf die bereits erwähnten halluzinogenen Wirkungen des Mutterkornes hin, einem pilzähnlichen Parasit auf verschiedenen Getreidearten wie Roggen, Weizen, Gerste oder verschiedenen Wildgräsern. Die bedeutendste aller Arten ist das Roggenmutterkorn. Lysergsäure ist der den meisten Mutterkornarten gemeinsame Kern. Sie wird auch heute noch aus speziellen Mutterkornkulturen hergestellt, weil ein vollsynthetisches Verfahren zu kostenaufwendig wäre. Schon Hoffmann verwies darauf, daß auch die alten Griechen über das Mutterkorn und dessen spezielle halluzinogene Wirkung gewußt haben können, denn nur so läßt sich seiner Meinung nach das Phänomen erklären, das als das 'Eleusische Mysterium' in die Geschichte eingegangen ist. Sicher konnte im alten Griechenland kein Roggen wachsen, wohl aber Weizen und Gerste. Als Anbaugebiet dafür kam die sogenannte 'Rarische Ebene' infrage, die direkt an Eleusis grenzte. Wie Hoffmann sagt, lag die Isolierung der halluzinogenen Wirkstoffe des Mutterkorns durch einfache Wasserlösung ohne weiteres auch im Bereich der Möglichkeiten der alten Griechen. Das Eleusische Mysterium wurde so bezeichnet, weil bei Androhung der Todesstrafe niemand darüber berichten durfte, was er im Inneren des Heiligtums erlebt hatte - unter der Einwirkung der Droge, wie wir vermuten dürfen. Der amerikanische Gräzist C.A.P. Ruck hat zusammen mit Hoffmann ein Buch über das Eleusische Mysterium herausgegeben, in dem er beschreibt, wie er sich den Ablauf der Dinge vorstellt:

...die heilige Gerste, feierlich auf der Rarischen Ebene angebaut und auf einer Tenne gedroschen, war die wichtigste Zutat in dem von den Initianden vor der krönenden Vision eingenommenen Trank. Die Formel dieses Tranks ist in der Homerischen Hymne festgehalten. Neben der Gerste enthielt er Wasser und eine duftende Minze namens 'blechon'. Anfänglich erschien es am wahrscheinlichsten, daß die Minze den psychoaktiven Bestandteil des Trankes bildete, doch spricht alles, was wir über diese besondere Minze wissen, dagegen: Weder war sie genügend psychotrop, um ihre profane Verwendung zu einer Gefahr zu machen, noch genoß sie die einer geheimen Droge angemessene Verehrung... Gerste und nicht Minze ist die Offenbarung in Eleusis, und in ihr müssen wir die heilige Droge suchen... Wir sind nun so weit, daß wir den Eintritt durch die verbotenen Tore wagen und die Szene in der großen Einweihungshalle von Eleusis rekonstruieren können. Die Zubereitung des Tranks war das zentrale Ereignis. In einer prunkvollen Zeremonie brachte der Hierophant, der Priester, dessen Abstammung bis zur ersten Durchführung des Mysteriums zurückreichte, die Mutterkornsklerotien aus dem freistehenden Raum, der im Inneren des 'telesterion' auf den Überresten des ursprünglichen Tempels aus der mykenischen Zeit errichtet worden war. Er begleitete seine Ritualhandlungen mit alten Gesängen und Falsettstimme, denn seine Rolle im Mysterium war eine asexuelle: die eines Mannes, der sein Geschlecht der Großen Göttin zum Opfer gebracht hatte. Er übergab das Getreide in Kelchen den Priesterinnen, die darauf durch die Halle tanzten und dabei die Gefäße und Lampen auf dem Kopf balancierten. Als nächstes wurde das Korn in Urnen mit Minze und Wasser vermischt. Dann schöpfte man den heiligen Trank in die besonderen Becher, aus denen die Kandidaten ihren Anteil zu trinken hatten. Zum Schluß verkündeten alle ihre Bereitschaft, indem sie singend zum Ausdruck brachten, daß sie den Trank getrunken und die heiligen Gegenstände angefaßt hatten, die mit ihnen in verschlossenen Körben auf den Heiligen Weg gekommen waren. Dann warteten sie, auf den Stufen entlang den Wänden der fensterlosen Halle sitzend, im Dunkeln. Der Trank brachte sie nach und nach in Ekstase. Man muß daran denken, daß dieser Trank - ein Halluzinogen - bei richtiger Vorbereitung und richtigen Einnahmebedingungen Veränderungen in der akustischen Wahrnehmung bewirkt und erstaunliche bauchrednerische Wirkungen auslöst. Wir können uns darauf verlassen, daß die Hierophanten auf Grund der Erfahrung von Generationen mit allen diesbezüglichen Geheimnissen vertraut waren. Ich bin sicher, daß es Musik gab, wahrscheinlich sowohl vokale wie instrumentale, nicht laut, aber mit würdiger Bestimmtheit. Von hier und dort herkommend, einmal aus den Tiefen der Erde, ein andermal von draußen, dann wieder ein bloßes Flüstern, das ans Ohr drang, huschte sie auf unerklärliche Weise von einem Ort zum anderen. Es ist gut möglich, daß die Hierophanten die Kunst des bewußten Spiels mit verschiedenen Gerüchen beherrschten, und bestimmt steuerte die Musik auf ein erwartungsvolles Crescendo hin, bis auf einmal die Tore der inneren Kammer aufflogen und Lichtgeister in den Raum strömten - gedämpfte, nicht blendende Lichter, nehme ich an, und unter ihnen war der Geist der Persephone, die mit ihrem neugeborenen Sohn direkt aus dem Hades zurückkam. Sie erschien im selben Augenblick, da der Hierophant seine Stimme erhob und in altem, den Mysterien vorbehaltenem Versmaß verkündete: "Die schreckliche Königin hat ihren Sohn, den Schrecklichen, zur Welt gebracht." Diese göttliche Geburt des Herrn der Unterwelt war vom tosenden Gedröhn eines gongartigen Instruments begleitet, das in den Ohren des ekstatischen Publikums aus den Eingeweiden der Erde kam und den mächtigen Donnerschlag noch übertraf.

Main page Contacts Search Contacts Search