MUNDANASTROLOGIE

 

Kosmologie

 

Wären die Geschichs­schreiber des 19. Jahr­hunderts mehr Po­litiker oder wenigstens mehr Männer von Welt gewesen, so hätte sich aus der Geschichts­schreibung heute vielleicht schon eine Wissenschaft entwickelt, und an ihrer Seite besä­ßen wir eine wahrhaft wirksame Technik zur Er­fas­sung der großen Kollektiver­scheinungen, denen - dies müssen wir wohl mit Beschä­mung ein­geste­hen - der heutige Mensch eben­so hilflos ge­genüber­steht wie der Mensch der Steinzeit dem Blitz. (Ortega y Gasset.)


 

 

Verfasserhinweise im Redaktionswegweiser

 

Allgemeine Erläuterungen

Wenn wir uns mit dem Thema Astrologie befassen, tun wir das nicht um der Sache selbst willen oder aus spekulativen Gründen, sondern weil wir das astrologische Weltbild dem üblichen 'kausalistischen' gegenüberstellen wollen. Wir wollen uns dabei aber nicht in irgendeiner Weise voreingenommen dafür oder dagegen aussprechen, sondern uns mit einer offenbar leider sonst bereits allzu sehr in Vergessenheit geratenen wissenschaftlichen Methode der Sache rein emprisch zu nähern versuchen und dabei im Auge behalten, daß es keine Punktbeweise dafür oder dagegen gibt, sondern nur ein Sehen im Überblick - und das auch nur für den, der sehen will.

Gehen wir also alles zunächst mit der gebotenen Skepsis an: Wenn die Konstellationen in den persönlichen Horoskopen richtig sind und nicht nur auf Aberglauben beruhen, so müssen die Planetenstände in den Zeichen auch eine globale "Wirkung" haben - übrigens geht kein kluger Astrologe davon aus, daß sie wirklich wirken: ähnlich wie auch die Uhrzeiger nicht bewirken, daß die Zeit vergeht, sondern dieses nur anzeigen, so sind auch die Planeten nur die Zeiger einer kosmischen Uhr - und insofern noch am leichtesten nachprüfbar sein - insbesondere bei den äußeren Planeten wie Pluto, Neptun und Uranus, die sich so langsam um die Sonne bewegen, daß sie hinsichtlich ihrer astrologischen Darstellung in den Horoskopen als Generationsaspekte gelten müssen. Wir bezeichnen sie deshalb als mundane Planeten, während wir die sonnennächsten als persönliche Planeten bezeichnen, da sie sich erst wirklich in den Horoskopen offenbaren, in denen sie mit ihrem Stand zum jeweiligen Geburtszeitpunkt festgeschrieben sind und dort für die ganze individuelle Lebenszeit gelten.

Über die globale "Wirkung" der äußeren Planeten können mundane Untersuchungen etwas aussagen. Es gibt zwar bereits mehrere Bücher über das Thema Mun­danastrologie, aber noch keine wirk­lich sy­stemati­sche Übersicht und Zuord­nung aller histori­schen Vorgänge zu den astrologischen Konstella­tionen. Dieses ist umso er­staunli­cher, als eine derartige ver­gleichende Be­trachtung uns sowohl zum besseren Ver­ständnis der Archetypen als auch der Ge­schichte selbst verhilft. Der Grund für diese bisherige Lücke liegt na­türlich in der histo­rischen Ent­wicklung der Astrologie selbst. Späte­stens seit der Auf­klärung wandten sich ja die führenden Intel­lektuellen von ihr ab, und erst seit Beginn oder wirklich erst der Mitte des 20. Jahr­hunderts erlebt sie wieder eine Renais­sance auch bei nach­denklicheren Geistern. Mindestens 200 Jahre also blühte sie nur im Schatten und konnte solange zu Recht als bloßer Aber­glaube abgetan werden, da diejeni­gen, die sich in dieser Zeit mit ihr be­schäftigten, kaum zu differen­zierterer Be­handlung der Materie in der Lage waren, von einigen wenigen abgesehen, die aber kaum Beach­tung fanden. So war die Astrologie in die­ser Zwischenperiode hauptsächlich nur eine Son­nenstandsastro­logie, wie sie in den Medien Verbreitung fand und immer noch findet. Aber eine sol­che Behandlung der Astrolo­gie wäre mit einer ähnlichen Be­handlung der Medizin zu verglei­chen, denn auch hier hätten Mas­sendiagnosen kaum ei­nen persön­lichen Wert. Da frühere Astrologen andererseits noch nicht über das histori­sche und zeitge­schichtliche Quellenmaterial verfügten wie es uns heute im Zeitalter der Massenmedien zur Verfügung steht, konnte vor der Auf­klärung also auch noch keine wirklich gründ­liche Übersicht über die Entsprechun­gen der Geschichte mit den stellaren Kon­stellationen geschaffen werden. So verfü­gen wir also frühestens seit einigen Jahr­zehnten über die notwendigen Vorausset­zungen zu solchen Untersuchungen, die aber erst seit etwa 25 Jahren wirklich gut wurden, weil uns seitdem zunehmend auch Computerprogramme einerseits und gründ­liche chronologische Übersichten anderer­seits zur Verfügung stehen.

(Weitere allgemeine Erläuterungen.)

Die astrologischen Tierkreiszeichen

Zur Kontrolle der in den folgenden Artikeln gemachten Aussagen ist es sinnvoll, sich zuvor ganz allgemein mit der Bedeutung der Archetypen zu beschäftigen (siehe dazu die Abbildungen in unseren Artikeln 'Die vier Quadranten des Horoskops', in denen diese Texte nochmals aufgeführt sind).

Zur bessern Kontrolle sind hier in einer besonderen chronolgischen Übersicht noch einmal die Zeichendurchgänge der letzten 275 Jahre von Pluto und Neptun dargestellt.

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Pluto in den Zeichen

Pluto steht für die hauptsächlichen und in den Vordergrund tretenden Ereignisse.

(Der Spruch "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten", in dem die Anfangsbuchstaben für die ersten Buchstaben der Planeten stehen (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto), soll übrigens nach einer Entscheidung der 'International Astronomical Union' (IAU) auf einem Prager Kongress im August 2006 plötzlich - zumindest in astronomischer Hinsicht - nicht mehr gelten, da man Pluto dort die Planeteneigenschaft aberkannt hat. Doch diese Entscheidung ist unter sehr merkwürdigen Umständen zustandegekommen und entsprechend umstritten. Daß Pluto zumindest im astrologischen Sinn noch 'wirkt', ist jedenfalls offensichtlich - wie wir hier darlegen wollen.)

 

Skorpion

Pluto im Skorpion (ca.1737-1748)

Sehr deutlich kann man den neuen Geist um die Mitte des 18. Jahrhunderts etwa in den Bildern des englischen Malers William Ho­garth erkennen, aus denen etwas vollkom­men Neues spricht, was es zuvor in der Kunst noch nicht gegeben hatte.  Dieses war die Zeit, in der der junge Giacomo Casanova aufwuchs, der später von sich sagte, die Kul­tivierung sei­ner sinnlichen Bedürfnisse sei die Hauptbe­schäfti­gung seines ganzen Lebens gewesen, und niemals habe es für ihn Wichtigeres ge­geben. Sein gesellschaft­licher Erfolg zeugt dafür, daß er hierin ein Meister sei­nes Fa­ches war und daß er auf eine entsprechende Resonanz stieß. Es gelang ihm wie selbst­verständlich, durch Empfehlungen Zugang selbst zu gekrön­ten Häuptern zu bekom­men, und er konnte sich rühmen, fast alle seine bedeutenden Zeitgenossen persön­lich zu kennen.

Schtze

Pluto im Schützen (1749-1762)

Nach dem Frieden von Aachen im Jahre 1748 fand selbst ein König wie Friedrich II. Zeit, sich philo­sophischen Schrif­ten zu widmen und hielt es für völlig natür­lich, diese unter seinem Namen zu veröf­fentli­chen. Ein  bemerkenswerter Umstand liegt in der Tatsa­che, daß es hier zunächst nur um den geistigen Aufbruch als solchen ging und noch keines­wegs um bestimmte theoreti­sche Folgerungen wie etwa die be­wußte Betonung des Rationa­lismus und der Wissen­schafts­gläubigkeit, denn gerade der führende Vertreter der Aufklärung, Rousseau, war ein entschiede­ner Gegner ei­ner solchen Denkweise und betonte demge­genüber viel­mehr Gefühls­werte.

Steinbock

Pluto im Steinbock (1763-1778)

Es gibt zwei Gesichter Friedrichs II., die die Historiker und die Legende erhalten haben: dasjenige des strahlenden jun­gen Helden, des Philosophen auf dem Königs­thron, der mit aller Welt korrespondierte, und dasjenige des alten Fritz, der kaum noch zu persönlichen Gesprächen aufgelegt war, und wir können die Grenzlinie sehr genau in das Jahr 1763 legen. Auch die Regie­rungszeit Maria Theresias teilen die Historiker in die beiden Hälften vor und nach dem Frieden von Hu­bertusburg, und nach dem Tode ihres Mannes legte sie ihre Witwen­tracht niemals wieder ab. Auch in Schweden und Rußland kam es zu einer Verhär­tung.

Wassermann

Pluto im Wassermann (1778-1798)

1781 kapitulierten die Engländer endgültig vor den Amerikanern, nachdem zuvor  Freiwillige aus ganz Eu­ropa in Washingtons Armee gegangen waren, um diese gegen sie zu unterstüt­zen. 1789 kam es dann zur großen Französischen  Re­vo­lution. Ein neuer Stand hatte sich allmählich gebildet - der sogenannte Dritte Stand -, der mit zuneh­mendem Nachdruck auf seine Rechte poch­te. Auch die Technik machte in dieser Zeit ei­nen gewaltigen Schritt nach vorne. Erfin­dungen wurden zwar schon seit geraumer Zeit in steigendem Maße gemacht, aber jetzt wurden sie besonders in England tat­sächlich in einer Weise eingesetzt, die die indu­strielle Revolution in eine neue Phase brachte.

Fische

Pluto in den Fischen (1799-1823)

Können die Historiker einen plausiblen Grund dafür angeben, warum das aufsässige Volk der französischen Revolution sich da­nach plötzlich auf ei­ne einzige überragende Person wie Napoleon einigte und warum diese Neigung zur Wirklichkeitsübersteige­rung um die Jahrhundertwende in ganz Euro­pa so plötzlich ein­setzte? Es läßt sich jedenfalls nicht bestreiten, daß die Zeit von 1799 bis 1823 einen bestimm­ten Charakter hatte, den wir recht eindeutig dem Fische-Ar­chety­pus zuordnen können. Wir bezeichnen diesen Zeitabschnitt als die eigentliche Roman­tik - nicht zu verwech­seln mit der Nachromantik unter Neptun in den Fischen (1849-62), die nur noch Zitat war, was allerdings bezogen auf Einzellei­stungen keineswegs wertend gemeint ist.

Widder

Pluto im Widder (1824-1853)

Die Historiker bezeichnen diese Zeit als die „erste Industrialisierungsphase“. Die erste Eisenbahnlinie überhaupt für Per­sonenverkehr eröff­nete Robert Stephenson am 27.09.1825 zwischen den englischen Ortschaften Stockton und Darlington. Die immer wieder er­staunliche Tatsache der auch sprachlich di­rekten Entsprechung der Archetypen fällt uns hier in dem nun alle Wirklichkeitsberei­che erfassenden und bestimmenden Wort Eisenbahn auf, das ja eigentlich eine et­was merkwürdige Wort­schöpfung ist, denn unter Pluto in den Fischen sprach man be­zeichnenderweise eher von einer Dampfbahn. Wie dem auch sei: die überragende Bedeu­tung dieses Trans­portmittels ergab sich daraus, daß es ein erstrangiger gesell­schaftlicher und wirt­schaftlicher Faktor war. Das Wort Eisen beherrscht aber auch sonst deutlich diese Zeit und taucht immer wieder auf - so etwa in dem Begriff Eiserner Rhein, mit dem in Köln im Jahre 1843 die Fertigstel­lung der Eisenbahnlinie von Köln nach Antwerpen gefeiert wurde.

Stier

Pluto im Stier (1854-1884)

Ganz im Sinne des Stiers kam es nun zu einem immer stärkeren Konzentrationsprozeß und zu immer größeren Konzernen, die nur noch unter der Kontrolle weniger Familien standen. Bisher hatte Alfred Krupp förmlich nur ge­kleckert, jetzt aber wurde wirklich ge­klotzt. In den Krisenjahren 1873 und 1882 konnten die Banken große Anteile am Vermögen der Industrie erwerben und dadurch ihren Einfluß dazu geltend machen, die Unternehmen zu einer gemeinsamen Lobby zusammenzuschließen. Krupp war geradezu gezwungen, die ihm fast unbe­grenzt durch die Banken zur Verfü­gung gestellten Kre­dite in Anspruch zu nehmen. Denn er mußte von den wesentlichen Zulieferern unabhängig werden und erwarb eigene Kohleze­chen, Hüttenwerke und Ei­sen­erzgruben.

Zwillinge

Pluto in den Zwillingen (1886-1913)

Für die Veränderung des Zeitgeistes seit Pluto im Stier stand u.a. die Entlassung des Stiertyps Bismarck durch Wilhelm II. im Jahre 1890, den man leicht mit Säbel­rasseln und zackigem Gehabe in Verbin­dung bringt. Während in der Stier-Zeit noch die durch betonte und aus der Fassade hervorstehende Quader gekennzeichnete massige Blockbauweise vorherrschte, die eine relative Bodennähe bedingte, erzwangen die immer teurer wer­denden Grundstückspreise in den amerikani­schen Metropolen den Bau in die Höhe und damit verbundene andere Konstrukti­onsformen. In dieser Zeit dominierten die Ingenieurkon­struktionen, und daß es sich dabei zumeist um Skelettbauten handelte, war ebenfalls eine deutliche Entsprechung des Zwillinge-Ar­chetypus. Im Januar 1887 wurden auch die Funda­mentierungsarbeiten für den Eiffelturm begon­nen, und der Baufortschritt wurde stets von einer neu­gierigen Zuschauermenge verfolgt.

Krebs

Pluto im Krebs (1914-1938)

1914 begann der erste Weltkrieg. Natürlich geht es dem Volk in Kriegszeiten nicht gut, aber Kriege gibt es auch unter anderen Zeichen. Was uns hier vor allem interessiert, ist das eigentliche Motiv des Krieges, und das können wir vornehm­lich auf einen allgemein über­stei­gerten Nationalismus ganz im Sinne des Krebses zurückführen: alle Völker zogen sich auf ihre eigene Identität zurück.

Lwe

Pluto im Löwen (1938-1956)

Auch unter Pluto im Löwen hat es be­kanntlich seit 1939 einen Weltkrieg gegeben, aber dessen Motiv war deutlich anders. Unter Krebs war es das übersteigerte Nationalgefühl der Völker, hier ist es der nackte Ego-Wahn, der auf kollektiver Ebene als Rassismus in Erschei­nung tritt. Auch dieses Phänomen war aber nicht auf Deutschland beschränkt.

Jungfrau

Pluto in der Jungfrau (1957-1971)

Für die Jungfrau können wir uns wegen der besseren Übersichtlich­keit lediglich das Stichwort Anpassung merken: Insge­samt herrschte jetzt ein unglaub­licher Spießermuff, eine Art neuer Restau­rationszeit. Die Gesellschaft hatte einen un­gewöhnlich normativen Charakter, der be­sonders junge Menschen leicht aus­grenzte, wenn sie nicht in das übliche Klischee paß­ten - eine Atmosphäre, die schließlich in den Studentenunruhen des Jahres 1968 gip­felte. Wie soll sich ein kreativer junger Mensch in einer Gesellschaft hei­misch füh­len, in der etwa eine führende Par­tei, nämlich Adenauers CDU, mit dem Wahlslogan Keine Experimente! in die Bundestagswahl von 1957 ging?

Waage

Pluto in der Waage (1972-1983)

Für die Waage können wir uns etwas vereinfacht das Stichwort Gerechtig­keit merken, und das kann auch be­deuten, daß man diese unter Umstän­den mit Gewalt herbei­führen möchte. Schon im Ja­nuar 1972 kam es zum sog. Bloody Sun­day in Irland, wobei es 13 Tote gab, als briti­sche Soldaten auf De­mon­stranten schossen. Im gleichen Jahr wurde in Deutschland eine ganze Serie von Bombenan­schlägen verübt, zu denen sich die Rote-Armee-Fraktion (RAF) be­kannte - unter an­derem mehrere Anschläge ge­gen das Sprin­ger-Hochhaus in Berlin, aber auch gegen die ame­rikani­schen Trup­pen in der BRD. Anfang Februar 1979 kehrte der Schiiten­führer Ajatollah Khomei­ni aus seinem Exil in Frankreich in den Iran zurück, nachdem der Schah das Land kurz zuvor mit seiner ganzen Familie verlas­sen hatte. Khomeini setzte eine provisorische Regierung ein und ließ das Parlament auflösen. schon 14 Tage später begannen "islamische Volksgerichte" frühere Schah-Anhänger zu verurtei­len.

Skorpion

Pluto im Skorpion (1984-1995)

Zwei der Hauptgestalten dieser neuen Phase waren der amerikanische Präsident Ronald Reagan und der iranische Schiitenführer Khomeini. Natürlich konnte man beide bis­her auch unter dem Waage-Zeichen sehen, doch gab es bei ihnen allmählich eine deut­liche Akzentverlagerung im Sinne des Skor­pions. Reagan hatte sich nämlich auf die Idee ver­steift, die Sowjets tot rüsten zu wollen, und aktivierte dafür Rüstungsaus­gaben, die das Maß alles bisher Gewohnten überstie­gen. Die waagemäßige Gleichgewichtsdoktrin schien nun plötzlich keine Gültigkeit mehr zu besitzen, denn bereits im November 1983 wurden in Europa die neuen atomaren US-Mittelstreckenrake­ten stationiert, die wegen ihrer hohen Zielgenauigkeit und der kurzen Vorwarnzeit als Erst­schlagswaf­fen bezeichnet werden mußten.

Schtze

Pluto im Schützen (1995-2008)

Wer gemäß der historischen Erfahrung des letzten Schütze-Durchganges noch einmal auf einen Philosophie-Schub gesetzt hätte, hätte sich geirrt. Denn die Bedeutung des Schützen besitzt eben eine gewisse Bandbreite und steht bekanntlich u.a. auch für das Ausland, Kosmopolitismus, Weltöffnung usw. 1995 kam es demgemäß zu einem Treffen von 500 führenden Politikern, Wirtschaftsführern und Wissenschaftlern der ganzen Welt im Fairmont-Hotel in San Franzisco, dessen Hauptthema die sog. ‚Globalisierung’ war, die die Folgejahre bestimmen sollte.

Steinbock

Pluto im Steinbock (2008-2024)

Seit Ende des Jahres 2008, als Pluto in den Steinbock trat, war das neue Hauptthema der Zeit nicht mehr die sog. Globalisierung, sondern nur noch deren Folgen. Der Steinbock steht eben global in etwa für „harte Zeiten“, und das legt heute, wo praktisch die gesamte Weltwirtschaft verbunden ist, nahe, daß das die Folge eines riesigen Börsencrashs sein kann. Auf einmal wurde jedem klar, daß die Implikationen der Globalisierung doch nicht der Weisheit letzter Schluß waren. Das große Zähneklappern verlangte nach Sündenböcken, und die fand man vor allem in den Bankmanagern.

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Neptun in den Zeichen

Neptun steht für die Kunst- und Moderichtungen, aber auch für Auflösung bestimmter Dinge.

 

Neptun im Krebs1739-1751)

Die Frauen hatten zu dieser Zeit die gesellschaftli­chen Fäden voll in ihrer Hand - zumindest in Frankreich, das kulturell führend war. Wir werden mitten hineinge­führt in das Rokoko, das vor allem von Frankreich unter Ludwig XV. beherrscht wurde und in seinen stilistischen Ausformungen als aus­gesprochen feminin bezeichnet werden kann. Zu dieser Zeit stand die Institution der von einflußreichen Frauen der Gesell­schaft geleiteten Salons in ihrer höchsten Blüte.

Neptun im Löwen(1752-1764)

Der Löwe kam nicht nur dem geistigen Aufbruch entge­gen, sondern be­günstigte auch die Kreativität der Philosophes. Wie es scheint, war diese Zeit ganz allgemein günstig für Individualisten und Abenteurergestalten - so auch in Deutschland, wo diese Unterschlupf an den vielen Fürstenhöfen finden konnten. Selbst der ansonsten so nüchterne „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm von Preußen brauchte schließlich Geld und lieh sein Ohr deshalb den Versprechungen von dubiosen Alchemisten, ihm aus wertlosen Metallen Gold herstellen zu können.

Neptun in der Jungfrau (1764-1778)

Allgemein wird diese Epoche als die Zeit der Empfindsamkeit bezeichnet. Die eigentli­che Kommunikationsweise war jetzt der Brief, dessen Form auch in den Roman übernommen wurde. Er galt zugleich als Ausweis des Charakters des Brief­stellers sowie seiner Bildung, und die durch ihn hervorgehobe­nen Tugenden waren ganz im Sinne der Jungfrau: Natürlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit. Die weiteren Dinge, um die es ging, könnten ebenfalls aus einem astrologischen Rezeptbuch der Jung­frau-Eigenschaften übernommen sein: Sinn für die Natur, Suche nach Menschenkenntnis, Kritik an gesellschaftlichen Mißständen, Ergründung des eigenen Innenlebens usw.

Neptun in der Waage(1779-1792)

In der neuen Ver­fassung der Vereinigten Staaten von Ame­rika war vor allem die Trennung der Gewalten geregelt - in Legislative, Exekutive und Rechtsprechung, die sich als voneinander unabhängige Organe gegen­seitig kontrollierten. Während die Legisla­tive beim Kongreß lag, lag die Exekutive beim Präsidenten. Diese amerikanische Verfassung hatte auch großen Einfluß auf die Gestaltung der Formulierung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Verfas­sunggebende Nationalversammlung (Constituante) der französischen Revolu­tion.

Neptun im Skorpion(1793-1806)

Den Übergang von der Waage zum Skorpion können wir recht deutlich im Werk Goyas er­kennen. Ab 1793 bekommen seine bis dahin noch re­lativ freundlichen Bilder einen deutlichen Zug ins Düste­re.  Merkwürdigerweise protestierten seine von ihm portraitierten Kunden nicht gegen die bloßstel­lende Weise ihrer Darstellung, was darauf hindeutet, daß das dem neuen Zeitgeist entsprach. In der Literatur wurde man zu­nehmend auch gegenüber dem Thema Se­xualität freizügi­ger. Der Marquis de Sade hatte dabei reichlich Gelegen­heit, die Realität der menschlichen Natur zu studieren, denn die Guillotine hörte erst auf zu wüten, nachdem Zehntausende von Menschen durch sie getö­tet worden waren und das Volk dieses Schauspieles allmäh­lich überdrüssig wurde.

Neptun im Schützen(1807-1820)

Die Tatsache, daß die französische Revolu­tion in Deutschland keine politischen, son­dern kultu­relle Auswirkungen hatte, hing vor allem damit zusammen, daß Deutsch­land in unzählige Klein­staaten zersplittert war, die eigentlich nur in kultureller Hin­sicht eine gemeinsame Nation bildeten. In Preußen hatte der Freiherr vom Stein eine Prokla­mation vorbereitet, auf die dort viele Bauern und Bürger schon lange gewartet hatten. Das neue Re­zept ging von einer in­neren Stärkung aus und setzte nicht auf das Militär, sondern auf ei­ne neue innere Staatsstruktur. Die neuen Männer dachten tat­sächlich in erster Linie nur an Preußens Wiederaufstieg, aber un­ter der napoleonischen Bedrohung konnten sie die äußere Stär­kung nur über die zunächst un­merkliche innere erreichen.

Neptun im Steinbock(1821-1834)

Die unmittelbare Folge des geistigen Auf­bruchs unter dem voran­gegangenen Zei­chen war ein betonter Historismus, unter dem man in Deutschland begann, die eigene nationale Vergangenheit auf­zuarbeiten. Man wurde sich immer mehr der eigenen Wurzeln be­wußt und gewann eine rück­wärtige Perspektive, die bis dahin einfach nicht existiert hatte. Auch die Idealisierung des klassi­schen Griechentums hatte sich schon in den vergange­nen Jahren immer mehr in unzähli­gen Gedichten und Bildern ver­stärkt und führte nun unmittelbar zur Tat. In der Malerei dieser Zeit fallen vor allem Alpenkulissen auf.

Neptun im Wassermann (1835-1848)

Der Wassermann will den Steinbock gewis­sermaßen auf den Kopf stellen. Genau diese Formulierung wählte jeden­falls Marx, als er sein Verhältnis zu Hegel beschrieb. Gerade die Kritik am Hegelschen Staatsrecht hatte ihn zum Kommunismus geführt. Dieser gei­stige Umbruch fiel bei ihm etwa in das Jahr 1843, als er in Paris eintraf. Plötzlich nah­men die neuen Ideen ihn mit äußerster Ge­walt in ihren Besitz - so sehr, daß er den Plan faßte, ein völlig neues philosophischen System zu errich­ten.

Neptun in den Fischen(1849-1862)

Als am 18. Februar 1848 Neptun in das Zeichen Fische trat, brach in Europa die Hölle los. Dennoch verpuffte dieses Ereignis, das man eigentlich eher als einen Spuk, denn als wirkliche Revolution bezeichnen muß, kurze Zeit später wieder, als hätte sich alles nur um einen Irrtum aller Beteiligten gehandelt. Vielleicht war es nur eine Theaterrevolution, was natürlich wirklich eher zu den Fischen als zum Wassermann paßt.

Neptun im Widder(1862-1875)

Unter der hier zu erörternden Periode voll­zog sich nun etwas, für das es eigentlich schon fast zu spät war und das die euro­päi­schen Mächte nur zwanzig Jahre später, im Zeitalter des Im­perialismus, kaum noch zu­gelassen hätten - nämlich die Gründung des deutschen Reiches. Die eigentliche Reichsgründung wurde aber erst durch den Sieg über Frankreich 1870/71 möglich, da er die Idee der deut­schen Identität verstärkte. Großbritan­nien begann unter Neptun im Widder seinen Aufstieg zu einem Welt­reich, für den es in der abendländischen Ge­schichte zuvor nur das Beispiel des römi­schen Reiches gegeben hatte.

Neptun im Stier(1875-1889)

Hatte in der Widder-Phase der reine Pioniergeist den Gang der Dinge und be­sonders der Technik vorangetrieben, so wurde nun die trei­bende Kraft vornehmlich das industrielle Profitstreben. Schon die Tatsache, daß die neuen Fertigungsmetho­den der Massenpro­duktion zur Investition gewaltiger Werkzeugmaschinen zwangen, führte zur Notwendigkeit der Kapitalkon­zentration. So trat an die Stelle des reinen Erfindergeistes jetzt das Element der Fi­nanz­kraft und des wirtschaftsorientierten Denkens.

Neptun in den Zwillingen (1889-1901)

Eine neue Sportart eroberte die Welt: Das sog. ‚Pingpong’. Der spätere Name ‚Tischtennis’ hätte dem hier noch gegebenen Zeitgeist weit weniger entsprochen. Es war auch die Zeit der Flugpioniere, des Säbelrasselns, der Marine und der Matrosenanzüge. 1896 fanden die ersten Olympi­schen Spiele der Neuzeit statt, und 1898 wurde in Deutschland das erste Flottenge­setz verabschiedet.

Neptun im Krebs(1902-1915)

Die Zeitungen meldeten Ende des Jahres 1901, nachdem Neptun gerade in den Krebs ge­treten war, einen neuen Trend: "Die Wan­dervögel kommen." Der frühere Neptunstand im Krebs fiel ja in die Periode des Rokoko, in der auch die Themen Frauen, Vegetative Formen usw. in den Vorder­grund traten. Sind diese nun auch hier als auf­fällig zu er­kennen? Oh ja: und zwar so sehr, daß man sich wundern muß, daß zwischen dem Ro­koko und dem Jugendstil so selten Vergleiche an­gestellt wurden.

Neptun im Löwen(1915-1928)

Wir können auch hier wie­der Ver­gleiche zum letzten Stand Neptuns im Löwen ziehen: damals unter Ludwig XV. hatte Paris als strahlende Metropole im Blickpunkt ganz Europas gestanden, und auch dieses Mal stand eine Stadt in ähn­licher Weise als Kulturmetropole im Blick­punkt: nämlich die ja noch relativ neue deutsche Hauptstadt Berlin, die jetzt erst richtig lebendig wurde und kaum zuvor und danach derartig kreativ war.

Neptun in der Jungfrau (1928-1942)

Wenn ein Astrologe hört, daß nach einer fünfjährigen un­unterbrochenen Ära der Girls diese plötz­lich abklingt, Josefine Baker sogar ein Auf­trittsverbot erhält und stattdessen ein Ro­man wie der von Wal­demar Bonsels mit dem Titel Die Biene Maja zum Spit­zen­rei­ter auf dem Buchmarkt wird, dann braucht er gar nicht mehr in die Ephemeri­den zu sehen, sondern er weiß auch so, daß der Neptun vom Löwen in die Jungfrau ge­wechselt ist.

Neptun in der Waage(1943-1956)

Das war die Zeit der großen Ab­rechnungen. Das war schon während des Krieges so gewesen, als unter dem Vorsitz des Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, in wirk­lich maßloser Weise vermeintliche Volksfeinde meistens zum Tode verurteilt wurden - unter ihnen die Geschwister Scholl und sonstige Wider­stands­kämpfer. Die Serie der Prozesse und Hin­richtungen nahm gegen und nach dem Kriegsende hek­tisch zu und erreichte mit dem Nürnberger Prozeß gegen die 24 deutschen Hauptkriegsverbrecher ihren Höhepunkt, setzte sich aber in der Aufarbeitung der Kriegsfolgen später fort.

Neptun im Skorpion(1956-1969)

Im Januar trat der neue Bundesverteidi­gungsminister Franz Josef Strauß für die atomare Wiederbewaffnung Westdeutsch­lands ein. Damit begann die Zeit des Kalten Krieges. Im Februar schloß der saudiarabi­sche König Saud einen Militär­pakt mit den USA. Im März warnten Wissenschaftler vor Erbschä­den durch die Atomenergie, und kam es in Frankreich zu einer öffentli­chen Debatte über Foltermethoden der französischen Armee in Algerien. Anfang 1959 wurde bekannt, daß in den USA 62% des Staatshaus­haltes für Militär­ausgaben verwendet wurden!

Neptun im Schützen(1970-1983)

In den frühen 70er Jahren etablierten sich mehrere Kunststädte bzw. Kunstszenen. Auch die Guru-Mode dieser Zeit fällt auf, in der aber angesichts des darüber im Westen herrschenden Mißver­ständnisses dieser Insti­tution vor allem Gu­ru-Darsteller wie Bhagwan Konjunktur hat­ten. Die Sorgen vieler Eltern angesichts dieser Entwicklung waren verständlich, denn viele Sekten betrieben sehr zielgerichtet die Ent­fremdung ihrer jugendlichen Anhänger von ihren Eltern­häusern.

Neptun im Steinbock(1984-1998)

Wann hat es das denn schon einmal gegeben, daß nicht et­wa irgendwelche Lite­raten, sondern überall nur noch Kritiker die eigentlichen Stars der Szene waren? In der Tat hat sich in dieser Zeit kein Literat mehr wirklich profilieren können; man hört nur noch etwas von den Kritikern. Auch in der Kunstszene bekam man den Eindruck, daß das Kunstverständnis vor allem von oben verordnet wurde: „Kunst ist das, was jeder machen kann, aber nicht jeder machen darf.“ Denn wenn die Galeristen wieder Künstlerkunst aufkommen ließen, würden sie sich ja um ihr eigenes Definitionsmonopol bringen.

Neptun im Wassermann (1998-2011)

Die neuen Technologien Internet und Mobilfunk wurden in diesen Jahren zum zeitgeistbeherrschenden Thema. Aber Neptun steht ja nicht nur für die Kulturszene und Modetrends, sondern auch für das Auflösungsprinzip. Und der Wassermann entspricht u.a. sozialistischen Parteien und ganz allgemein dem Sozialismus und dem Sozialen. Alles das wurde jetzt besonders in Deutschland hinfällig und aufgelöst.

Neptun in den Fischen (2011- 2025)

Die Krise und die daraus folgende Angst: Zwei durchaus fischemäßige Themen, die sich in den unmittelbar vorhergehenden Jahren angekündigt hatten, werden seit April 2011, als Neptun zum ersten Mal in das Zeichen Fische trat, immer deutlicher zum zeigeistbeherrschenden Thema in der Welt und vor allem in Europa, auf das bis dahin so lange die Augen der übrigen Welt gerichtet waren. Was wird aus dessen gemeinsamer Währung, dem Euro, und was wird aus Europa und der ganzen Weltwirtschaft, wenn er scheitert? Alles hängt hier auf merkwürdige Weise mit allem zusammen.

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Uranus in den Zeichen

Eine noch neue, im Aufbau befindliche, Kategorie. Es handelt sich dabei um die astrologische Wirkung des dritten mundanen Planeten, der schon teilweise persönliche Züge hat, was sich oft so auswirkt, daß er sich auf die öffentliche Wirkung bestimmter Einzelpersönlichkeiten bezieht.

Uranus von 1738 - 1800

Uranus von 1801 - 1844

Uranus von 1845 - 1884

Uranus von 1885 - 1934

Uranus von 1935 - 1995

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Die anderen Planeten

Durchgänge der Planeten Uranus, Saturn und Jupiter

Zur Darstellung der Bedeutung der anderen Planetendurchgänge soll hier nur eine kurzes Beispiel dienen – nämlich die Ereignisse der Französischen Revolution und ihre astrologischen Entsprechungen.

 

 

 

 

Uranus von 1935 - 1995

 

Uranus im Stier (1935-1942)

 

Am 7. Juli 1934 trat Uranus in den Stier, und zwei Tage später übernahm der Reichs­führer SS die Befehlsgewalt der deutschen Konzentrationslager und führte die SS-Wachmannschaften ein. Bei dem Eintreten eines derartig einschneidenden Ereignisses so kurz nach dem Zeichen­wechsel eines mundanen Planeten ist immer anzunehmen, daß das als Sinnentsprechung gewertet werden muß. Es muß auch dieser rückwirkende Schluß erlaubt sein, denn nur daraus erwächst die astrologische Erfah­rung. Was hat also diese Sache mit Uranus im Stier zu tun? Der Stier steht natürlich im­mer für Gruppen, und als solche kann man nun einerseits die Na­zis und anderer­seits die Gefangenen sehen - in der ersteren würde Uranus für Innovation sorgen und in der zweiten für Unruhe, wenn man diese Begriffe wertfrei sieht. Ganz deutlich wird die Aussage, wenn wir uns einem wei­teren Ereignis zuwen­den, das am 13. Juli statt­fand: nämlich der Bekanntgabe der Nieder­schlagung des sog. Röhmputsches, in des­sen Folge 50 SA-Führer, mehrere SS-Füh­rer und fünf Parteiangehörige hingerich­tet wurden. Hier müßten nicht nur die Ver­ur­teilten, sondern auch die gesamte Säube­rungsmaßnahme unter unserem Zeichen ge­se­hen werden, denn die SS konnte sich nun gestärkt aus dem Ver­band mit der SA lö­sen.

Eine etwas andere Bedeutung des Uranus im Stier finden wir in der Person des Regis­seurs und Schauspielers Louis Trenker sowie in dessen Spielfilm Der verlorene Sohn, der im September die­ses Jahre Pre­miere hatte. Sicher war Trenker eine ausge­sproche­ne Stier-Verkörperung - ge­wisser­maßen die personifizierte Mate­rie - und wer ihn einmal gestikulieren und spre­chen sah, konnte auch den Uranus so oder so in ihm verwirklicht sehen: ja, er ist die Personifi­zierung des Uranus im Stier und kann uns wirk­lich helfen, den Archetypus zu begrei­fen. Gleichfalls im Sep­tember er­folgte noch der Stapellauf der Queen Mary, und wenn so gewaltige Schiffe nicht unter dem Stein­bock stehen, sondern unter dem Stier, so kann man annehmen, daß sie äußerst kom­for­tabel eingerichtet sind.

1935 heiratete dann Hermann Göring - selbst die beste Verkörperung des Uranus im Stier - die "Staatsschauspielerin" Emmy Sonnemann. Man muß nur diese Namen und den Titel im Ohr nachklingen lassen, um das Stier-Prinzip zu erkennen, obwohl natürlich letz­terer auch wieder an den Steinbock denken läßt, wenn es hier nicht eher um Abgren­zung oder Einverleibung ginge. Im gleichen Jahr wurde das erste Teilstück der Reichs­autobahn dem Verkehr übergeben (auch hier kann man das auf den wachsenden Komfort oder den in Straße und Fahrzeug sich manifestieren­den Materialismus bezie­hen) sowie der Nürn­berg-Film von Leni Riefenstahl geehrt (wobei wohl die sehr erd­hafte Ästhetik ge­meint ist). Weiterhin wurde der Arbeits­dienst zur Pflicht, der Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg eröff­net, auf dem die Nürnberger Gesetze verkündet wurden, der Leichnam Hinden­burgs in das Reichseh­renmal Tannenberg umgebet­tet, verbot der Reichssendeleiter die Sendung von "Niggermusik" und wur­den Eheschließun­gen durch ein neues Erb­gesundheitsgesetz einge­schränkt. Der Stier-Charakter wird in diesen Dingen sowohl in der Ästhetik als auch in der geistigen Ab­grenzungsabsicht gegen alles als nicht da­zugehörig Empfun­dene deutlich.

1936 kündigte Hitler den Bau des Volks­wagens an, erfolgte der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die entmilitari­sierte Zone des Rheinlandes, wurde ver­ordnet, daß eine schulische Förderung nur noch für Angehörige der Hitler-Jugend er­folgen sollte, er­gaben sich 99% der Wäh­lerstimmen für Hitlers Politik, wurde die Ausstellung Entartete Kunst eröffnet sowie die Reichsakademie für Leibesübun­gen in Berlin und nationalsozialistische Schu­lungsburgen gegründet, eröffnete Hit­ler die Berliner Olympiade (dabei muß man sich die ganze Atmosphäre und die Ästhetik der Architektur und Plastiken vor Augen füh­ren!), wurde in Spanien Franco Staats­chef und stellte der Deutsche Heinz Hoff­mann einen Rekord im Fliegen mit Muskel­kraft auf.

1937 gab der Reichs-Jugendführer Baldur von Schirach die Grün­dung von Vorschulen für Ordensburgen bekannt, stellte sich in London der erste Fernsehkoch vor (natürlich ist die Kochkunst dem Stier zu­geordnet), wurde Albert Speer Generalbau­inspektor für die Reichshauptstadt, stiftete Kemal Atatürk sein Privat­vermögen dem türkischen Staat, absolvierte Mussolini sei­nen er­sten Staatsbesuch in Deutschland (Chaplins Parodie darauf in Der große Diktator kann uns den Uranus im Stier sehr gut ver­deutlichen), wurde die Ausstel­lung Schönheit der Arbeit er­öffnet, er­folgten Umbesetzungen im Wirtschaftsmi­nisterium nach Hjalmar Schachts Rücktritt (Schacht trat aus Protest gegen die zuneh­mende Rü­stungsproduktion zurück, die zu einer ho­hen Staatsverschuldung geführt hatte), fand ein Siegesmarsch der japani­schen Truppen durch Schanghai statt und kam es zur Ur­auf­führung der Carmina Burana von Karl Orff, die uns in Ausstat­tung, Ästhetik, Rhythmen und Harmonien das höhere Stier-Prinzip verdeutlichen. Au­ßerdem wurde in diesem Jahr das berühmte Fal-lingwater von Frank Lloyd Wright fer­tigge­stellt - eine grandiose Privatvilla in kubi­scher Bauweise direkt auf einem Felsen über einem Wasserfall, die man ebenfalls als ästhetische Subli-mierung des Stier-Prinzips sehen kann und die uns jeden­falls deutlich macht, daß es abwegig wäre, dem Stier die primi­tive Ästhetik der Faschisten anzula­sten. Das Niveau steht nie im Horoskop, nur gewissermaßen die Ausdrucksmittel.

In 1938 wurden in Deutschland Filme wie Der Tiger von Eschna­pur und Das indi­sche Grabmal sowie der Olympia-Film von Leni Riefenstahl erfolgreich uraufgeführt. Des weiteren wurde der Tag der deut­s­chen Kunst in München abgehalten und sakrale Kunstgegenstände durch SA-Trupps in Wien geraubt, erfolgte ein Pro­test des Va­tikans gegen das faschistische Gesetz zum Schutz der italienischen Rasse und wurde zum ersten Mal über eine Kernspaltung be­richtet.

1939 wurde die Deutsche Reichsbank(!) durch einen Erlaß Hitler direkt unterstellt, die Bewegung Kraft durch Freude initi­iert, der Euthanasie-Erlaß vordatiert, Polen neu aufgeteilt (Volk ohne Raum!) und erstmalig eine Verkehrsliste der Han­dels­schiffahrt veröffentlicht.

1940 wurde ein Abkommen zwischen Deutschland und Rußland über Lieferung von Rohstoffen unterzeichnet, fand die Ur­aufführung des Disney-Filmes Pinocchio statt (Pinocchio ist ja eine Holz-Marionette, also eine deutliche Materieverkörperung), wurde das bewachte Ghetto Lodz errichtet, fand Hitlers frühmorgendliche Fahrt durch das noch schlafende Paris statt (Inbesitznahme), kam es danach zu einem triumphalen Empfang für Hitler in Ber­lin, wurde in Frankreich Marschall Petain Staatschef, gliederte die UDSSR die balti­schen Staaten ein, ernannte Hitler Schirach zum Reichsstatthalter und Gauleiter von Wien, wurde der Drei­mächtepakt Italien, Japan, Deutschland geschlossen, erklärte Gauleiter Forster den Gau Westpreußen als judenfrei, gab es ein schweres Erdbeben in Bukarest mit Schäden in einem Ölge­biet(!) und kam es zu einem Geheimab­kommen zwischen England und der Vichy-Regie­rung über den Status quo der Koloni­en.

1941 bat Quisling die deutschen Truppen, gegen die norwegische Opposition vorzu­gehen, erörterten Hitler und Mussolini auf dem Obersalzberg (Name!) die Lage im Mittelmeerraum, eroberten bri­tische und freifranzösische Truppen Tobruk (wobei die enormen Bollwerke eine deutliche Stierentsprechung waren), wurde Rommel zum Oberbefehlshaber des deutschen Afri­ka-Korps ernannt, bat Petain die USA um Getreidelieferungen, wurde das Salzburger Mo­zarteum zur Reichshochschule für Mu­sik, Brechts Mutter Cou­ra­ge uraufgeführt (die ja immer nur opportunistisch vom Krieg zu profitieren versuchte und nicht se­hen wollte, daß ihr der ihre Kinder und ihre ganze psychische und physische Basis nahm, und die demnach auch in ihrer kanti­gen Darstellung als Personifi­zierung des materialistischen Geistes gesehen werden kann), landeten französische Schiffe mit US-Weizen in Marseille, woll­te Rudolf Heß in London verhandeln (der Abtrünnige der Gruppe!), befahl Stalin, die SU sei nach dem Prinzip der verbrannten Erde zu ver­teidigen und erfolgte der japanischer An­griff auf Pearl Harbour. Nicht nur die Ka­mikazeflieger können leicht als Entspre­chungen unseres Prinzips gesehen werden, son­dern auch die ganzen Luftangriffe auf die englischen und deut­schen Städte - zu­mal dabei immer Materie zerstört wurde und die Bomber zumeist in Geschwadern flogen.

Besonders deutlich wurde das natürlich, als die deutsche Luft­waffe ab 1942 sog. Bae­deker-Angriffe gegen England flog, wo­bei es darum ging, möglichst wertvolle Ge­bäude zu vernichten. Nicht vergessen dür­fen wir auch den Geist der deutschen Pro­pa­ganda-Plakate aus dieser Zeit, der wirk­lich äußerst erdhaft war.

 


 

 

 

Uranus in den Zwillingen (1942-1948)

 

Im Juni 1942 erfolgten Luftangriffe auf das Ruhrgebiet, insbesondere auf Essen. Wenn wir das bisher unter Uranus im Stier sehen konnten, so kann es natürlich auch unter dem Uranus in den Zwillingen gesehen werden, wenn wir den Akzent auf die Tat­sache verlegen, daß die Angriffe aus der Luft kamen und daß es sich um einen wah­ren Bombenregen handelte, während die Flug­zeuge von einem Hagel von Flak-Ge­schossen empfangen wurden und die Lichtwerfer sie verzweifelt am Himmel suchten (einzelne Punkte im Raum). Diese Akzentverschiebung zeigte sich bald immer deutlicher, denn jetzt kam es auch zu einem 1000-Bomber-Angriff auf Bremen, zu ei­nem Luftangriff auf Hamburg sogar mit 175 000 Bombern und zu einem alliierten Luftangriff auf Nürnberg. Währenddessen wurde das Dorf Lidice ausgelöscht und die  meisten Einwohner erschossen, stand das Afrika-Corps vor El-Alamein und erfolgten italienische Luftangriffe auf jugoslawische Dörfer als Vergeltung für Partisanenangrif­fe. Partisanen stehen ja offenbar immer un­ter den Zwillingen, und Maschinengewehr­salven sowie das Flackern heißer Wüsten­luft und die darin nur noch vereinzelt sicht­baren Soldaten kann man auch leicht zu­ordnen. Ebenso können wir  Hitlers Brand­markung der alliierten Kommandounter­nehmen als kriminell insofern den Zwillin­gen zuordnen, als es sich dabei um eine lo­gische und verbale Verdrehung handelte, denn wer hier wirklich kriminell war, dar­über konnte er sich doch kaum im Unklaren sein. Interessant ist auch die Tatsache, daß in diesem Jahr mit technischer Unterstüt­zung der Times für die US-Truppen Eu­ro­pas die Zeitung Stars and stripes er­schien, denn wie wir schon wissen, stehen die Zwillinge auch immer für die Presse, und der Name dieser Zeitung klingt auch sehr nach Zwillingen.

1943 forderte Goebbels im Berliner Sport­palast den "totalen Krieg". Überhaupt sind Goebbels Reden eine sehr deutliche Zwil­lings-Entsprechung. Zu der Reaktion auf seine Rede im Berliner Sportpalast, wäh­rend der er demagogisch-rhetorisch gefragt hatte: "Ich frage euch: Wollt ihr den tota­len Krieg...?" und begeisterte Zustimmung ge­funden hatte, äußerte sich Goebbels spä­ter verächtlich: "Diese Stunde der Idiotie. Hätte ich gesagt, sie sollen aus dem dritten Stock des Columbus-Hauses springen, sie hätten es auch getan." In diesem Jahr wurde auch die Weiße Rose entdeckt, wo­bei wir einerseits die Flugblätter und ande­rerseits den Richter Freisler leicht den Zwillingen zuordnen können. Zudem er­folgten natürlich auch weitere Luftangriffe - so auf Stettin, Rostock und Berlin. Die Engländer bombardierten jetzt sogar Tal­sperren und Industrieanlagen, und "Bom-ber-Harris" bekundete seine Absicht, die deutschen Städte systematisch auszulö­schen. Währenddessen ermordeten die Na­zis  Kriegsgefangene und Juden für "wis-senschaftliche Forschungen", wobei natür­lich das merkurische Prinzip wirklich bis zum äußersten pervertiert wurde, wenn­gleich wir auch hier die ursprüngliche Wur­zel in der Aufklärung sehen können. Doch: es war eine sehr zwillingshafte Zeit.

1944 ging es weiter: die Alliierten verstärk­ten den Luftkrieg, und die RAF warf über Berlin 2300 Tonnen Sprengbomben ab, später erfolgte noch ein weiterer 2000-Bomber-Angriff auf Berlin. Es kam auch zur Bombardierung von Hamburger Treib­stofflagern. Währenddessen sprach sich  Bormann für Ehen zu dritt aus, erfolgte der sog. Inselsprung der Amerikaner im Pazi­fic, verhängte der Volksgerichtshof 8 To­desur­teile, wurde in den USA der Morgent­hau-Plan erörtert und Berliner Ballett-Tän­ze­rinnen in einem Rüstungsbetrieb einge­setzt.

1945 warfen die Alliierten über Berlin 3000 Tonnen Sprengstoff ab und zerstörten Luftangriffe der Alliierten das mit Flücht­lingen überfüllte Dresden. Wer die Bilder dieser oder anderer deutscher Städte nach den Angriffen gesehen hat, hat den Ge­samteindruck eines filigranen Gebildes vor Augen, in dem die Gerippe fensterloser Fassaden in der verwüsteten Landschaft stehen, und es ist doch eigentlich merk­würdig, daß dabei hauptsächlich die bloßen Fassaden stehen blieben, während die Ge­schoßdecken dahinter meistens zusammen­gestürzt waren - egal ob es sich um Holz­balken- oder Stahlträgerkonstruktionen handelte. Eigentlich erscheint das statisch eher unwahrscheinlich, doch jedenfalls sind solche Filigrangebilde eine deutliche Zwil­lings-Entsprechung (denken wir an den Ei­felturm, die ersten Hochhäuser in Skelett­bauweise, die Wuppertaler Schwebebahn usw.) Eine andere dazu passende Beobach­tung sind die schnarrenden Reporterstim­men aus dieser Zeit mit ihren für Männer eigentlich eher häßlich hohen Stimmlagen, die aber offenbar den Geist der Zeit trafen und ja die Artikulation überdeutlich mach­ten. Auch die intellektualistische Logik ih­rer Aussagen und der darin zum Ausdruck kommenden Denkungsweise ist eine Zwil­lings-Entsprechung, die sich ja mit dem Krieg nicht urplötzlich wandelte, sondern noch mindestens die nächsten Nachkriegs­jahre bestimmte, bis Uranus eben die Zwil­linge verließ. Man denke an Hitlers ganze sozialdarwinistische Weltanschauung, deren Logik er einfach in seinen letzten Tagen gegen sich selbst anwandte: allein der Stär­kere habe ein Recht auf Leben, und in der deutschen Niederlage sei nun eben der be­rechtigte Sieg des stärkeren Ostvolks zu se­hen, durch den das deutsche Volk seine Existenzberechtigung verliere.

In diesem Jahr kam es auch zu amerikani­schen Bomberangriffen auf Japans Städte, zum Aufprall eines Flugzeuges auf das Empire-State-Building, begann in West­deutschland die Demontage von Industrie­betrieben und wurden in Nürnberg die Na­zi-Führer angeklagt.

1946 verkündete Stalin den neuen Fünfjah­resplan, begann eine große Streikbewegung in den USA, wurde die FDJ in der SBZ ge­gründet, ein 113tägiger Streik bei Gene­ral Motors beendet, erfolgte die Gründung der SED sowie Raketenexperimente in den USA mit der V2, hielt der Hauptankläger im Nürnberger Prozeß seine Schlußrede, kam es zu einem Guerillakrieg in Palästina, wurde George Orwells Roman Animal Farm veröffentlicht - der ebenso für eine ungewöhnliche Logik oder ungewöhnliche Arti­kulation stand wie die Tatsache, daß sich von den Nürnberger Angeklagten fast alle für unschuldig erklärten, - wurde der US-Deutschland-Plan bekanntgegeben, er­folgte in Nürnberg das Urteil über das drit­te Reich (dieser Prozeß krankte natürlich daran, daß hier Sieger über Besiegte urteil­ten) und gab es im beginnenden Krieg in Vietnam natür­lich auch Guerillas.19

1947 sprengte die britische Marine den Ha­fen von Helgoland, wurde die merkwürdige Idee einer Antarktis-Expedition bekannt, daß man den Südpol als einen riesigen Eis­schrank verwenden könne, in den Lebens­mittel gegen Hungersnöte aufbewahrt wer­den könnten, kritisierten Experten die jetzt verbreitete Fliegende-Untertassen-Hyste­rie (einzelne Punkte im Raum!) in den USA, zeigten sich die Heimkeh­rer aus der So­wjetunion völlig entkräftet. Überhaupt - so makaber es klingt - muß man die ganzen Gerippe in den KZs und die Etagen­betten in den Lagern auch ein­deutig dem Zwillings-Prinzip zuordnen. In diesem Jahr wurde auch die literarische Gruppe 47 ge­gründet, fand die erste Nachkriegs-Ex­portmesse in Hannover statt und bauten die USA ein Atoll zum Atom­testgebiet aus.

1948 kam es zur Uraufführung eines Filmes namens Film ohne Titel und zum Zu­sam­menstoß eines sowjetischen und briti­schen Flugzeuges bei Berlin, behinderten die Sowjets den Berlin-Verkehr, erschien Norman Mailers Roman Die Nackten und die Toten, erfolgte die Gründung des Staa­tes Israel und stellten die USA ihre Luft­waffe auf Düsenflugzeuge um. Zwi­schen­durch stand dann bereits Uranus für fünf Monate im Krebs, und als er im Fe­bruar 1949 nochmals in die Zwillinge zu­rückkam, löste das Hörspiel von Orson Welles Krieg der Welten eine Panik aus.

In den letzten Tagen des Jahres 1943 war übrigens eine Geheimausgabe von Jean Ge­nets Erstlings-Roman Notre-Dame-des-Fleurs erschienen, der nicht nur als solcher eine treffende Entsprechung von Uranus in den Zwillingen darstellte (die ja auch für li­terarische Ereignisse stehen), sondern auch bezüglich der mit der Veröffentli­chung ver­bundenen Umstände. Dabei könn­te man al­lerdings zunächst darüber im Zweifel sein, ob das Ereignis überhaupt mundan relevant genug war, um hier er­wähnt zu werden (denn weniger relevante Vorfälle entspre­chen diesen ja auch weni­ger, da im Alltags­leben praktisch zu jeder Zeit alles Mögliche geschieht und eben nur bei wachsender Be­deutsamkeit zunehmend die Tendenz hat, Ausdruck der mundanen Konstellationen zu sein), doch müssen wir hier auch die späte­re Nachwirkung berück­sichtigen, die den Vorgang bedeutsam ma­chen sollten. Was diesen unmittelbar an­ging, so konnte das Werk zunächst nur in wenigen Exemplaren verkauft und erst im folgenden Sommer mehr verbreitet werden, doch auch da wur­den die Einzelexemplare wegen ihres hohen Preises nur einer auserwählten und wohlha­benden Kundschaft zugestellt. Es hieß da­bei, sie seien auf Kosten eines Freundes gedruckt worden, was ihren pornografi­schen und homoerotischen Charakter si­gnalisierte. Genet hat immer darunter gelit­ten, daß er die Literaturszene zunächst nur über die Porno-Schiene betreten konnte. Für uns ist hier aber noch die besondere Art der Verbreitung von Interesse: die Einzel­exemplare wurden nämlich auf Bestellung von Mitgliedern einer Wasserballmann­schaft mit Fahrrädern an die Haustüren ge­liefert, da es zu dieser Zeit nur wenige Au­tos in Paris gab. Und der besondere Grund für die verzögerte Ausgabe war die gleich­zeitig herrschende Papierknappheit! Den­noch hatte sich Genets Ruf als neues inter­essantes Genie bereits wie ein Lauffeuer durch Paris verbreitet, obwohl zunächst kaum jemand auch nur eine Zeile von ihm gelesen hatte. Auch die Nachricht, daß er zwischenzeitlich bereits wegen Diebstahl wieder im Gefängnis war, machte ihn in­teressant. Der den Zwillingen zugeordnete Merkur ist ja der Gott der Diebe, und das Bild eines hinter Gitter stehenden - gewis­sermaßen quantifizierten - Inhaftierten läßt sich auch leicht den Zwillingen zuordnen.

 


 

 

 

Uranus im Krebs (1948-1955)

 

Am 31. August 1948 trat der Uranus in den Krebs, und einen Tag darauf, am 1. Sep­tember, konstituierte sich in Bonns Päda-gogischer Akademie der aus 65 Delegier­ten der elf westdeutschen Landtage gebil­dete Parlamentarische Rat in der Gegen­wart der westlichen Militärgouverneure. Das war in der Tat eine ungewöhnliche Si­tuation für das deutsche Volk. Der Krebs steht aber nicht nur für das Volk, sondern eben auch für die Frauen oder - um beides zusammen­zufassen - für eine Königin: am 6. Septem­ber legte die neue Königin der Niederlande, Juliana, ihren Eid auf die Ver­fassung ab. Ungewöhnlich war diese Situa­tion eben­falls, und zwar deshalb, weil sie mit einem Deutschen verheiratet war, woran sich die Niederländer so kurz nach dem zweiten Weltkrieg erst einmal wieder gewöh­nen mußten - eine Überraschung, die Ura­nus im Krebs auch noch für die Engländer bereit­hielt.

Gleichfalls im September kam es zu De­monstrationen von SED-Anhängern in Ber­lin, die in das Stadthaus eindrangen und dort nichtkommunistische Stadtverordnete angriffen. Diese begaben sich daraufhin nach Westberlin und hielten dort eine eige­ne Tagung ab. Damit begann die Polarisie­rung in Ost und West. Im Oktober kam es zu Unruhen zwischen Schwarzen und In­dern in Durban, während in der Sowjet­union ein Agrarentwicklungsprogramm verabschiedet wurde. Im November wurden die Lebensmittelrationen in West-Berlin er­höht, versuchte Israel mit den arabischen Staaten das Palästina-Problem zu lösen, wurden die ersten HO-Läden in der SBZ eröffnet und drohten die Sowjets eine Be­hinderung des Luftkorridors nach Berlin an.

Während der ersten Hälfte des nächsten Jahres stand Uranus nochmals in den Zwil­lingen, doch als er im Juli endgültig in den Krebs trat, leitete Tschiang-Kai-Schek die Evakuierung von Nationalchina nach Tai­wan ein. Zur gleichen Zeit erhielt Laos seine Unabhängigkeit, wurden in West­deutschland die CDU-Grund­sätze für Lei­stung und Eigentum verkündet und kam Thomas Mann nach Deutschland, blieb aber weiterhin kritisch. Natürlich gab es auch jetzt Dinge, die eigentlich immer passieren können, wie etwa Erdbeben, aber unter Uranus im Krebs kann man darauf wetten, daß dabei entweder die Vegetation oder die Bevölkerung der Umgebung sehr in Mitlei­denschaft gezogen wird: bei mehrtägigen Beben in Ecuador gab es jedenfalls 8 000 Tote, während bei einem anderen Erdbeben in Anatolien immerhin 437 Türken starben. Ungarn nannte sich jetzt übrigens Arbeiter- und Bauernrepublik, und bei einem Wald­brand in Frankreich starben 80 Menschen, während in Darmstadt die Aka­demie für Sprache und Dichtung gegründet wurde. Im September 1949 wurden bei ei­nem Großfeuer in China 100 000 Menschen ob­dachlos, und im Oktober 975 Filippinos durch einen Taifun getötet und ebenfalls 20.000 obdachlos. Im November rief der neue deutsche Bundespräsident Theodor Heuss die Juden zur Rückkehr auf, und im Dezember wurde bekannt, daß in diesem Jahr 134 000 Deutsche aus der DDR in die BRD geflüchtet waren und daß Japan die Rückgabe der Insel Okinawa forderte.

1950 wurden die Lebensmittelmarken in der BRD abgeschafft und mußten bei Wer­ningerode im Harz wegen beginnender Uranschürfungen drei Dörfer evakuiert werden, was natürlich eine Entsprechnung für Uranus im Krebs ist, wie sie wörtlicher übersetzt gar nicht mehr denkbar ist. Aber nicht nur das Uran wird dem Uranus zuge­ordnet, sondern auch neu entdeckte chemi­sche Elemente ganz allgemein, und wenn sie unter Uranus im Krebs entdeckt wer­den, wie das bei dem  Berkelium nun der Fall war, so kann es nicht wundern, wenn sie nach ihrem Entdeckungsort (hier: Ber­keley) benannt werden. Im Februar gab es einen Sittenskandal um Ingrid Bergman und verabschiedete der Bundestag ein Woh­nungsbaugesetz. Ganz allgemein müs­sen unter diesem Zeichen auch die einge­engten Wohnverhältnisse der Nachkriegs­zeit gese­hen werden und die oft sehr ge­zwungen zu­sammengestellten Familienver­hältnisse, wenn etwa eine Kriegerwitwe mit Kindern einen Partner heiratete, der eigent­lich nicht zu ihr paßte, nur um versorgt zu sein u.dgl. Im August durchschwamm die Amerikane­rin Florence Chadwick den Är­melkanal in einer neuen Rekordzeit für Frauen, im Sep­tember kam es in der BRD zur ersten Volkszählung und wurden im Koreakrieg auch Wohnquartiere der Zivil­bevölkerung zerstört, im Oktober trat der Innenminister Heinemann wegen Diffe­renzen mit Ade­nauer zurück (unter Uranus im Steinbock wäre es eher der Außenmini­ster gewesen) und marschierten die chinesi­schen Truppen in Tibet ein, im November verkündete Papst Pius das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens20, und im De­zember gab es eine Rekordkartoffelernte in der BRD.

1951 wurde die erste Deutsche Landwirt­schaftswoche nach dem Krieg in Hannover eröffnet, gab es einen Skandal um Hilde­gard Knef, heiratete der persische Schah die deutschstämmige Prinzessin Soraya, gab es eine Krise um das Erdöl, eröffnete Bundespräsident Heuß (den man auch sehr unter dem Krebs sehen kann) die Ruhrfest­spiele, drehten die Briten den irani­schen Ölhahn zu, lehnte der Schweizer Ständerat erneut das Frauenstimmrecht ab, standen in Deutschland Benzinbetrüger vor Gericht und waren Heimatfilme wie Grün ist die Heide erfolgreich: wir hatten diese sog. 50er Jahre ja schon unter Neptun in der Waage behandelt, aber sie hatten auch ei­nen deutlichen Krebs-Einschlag.

1952 kam es zum Untergang der Flying Enterprise und der merkwürdigen Heroi­sie­rung des darauf standhaft bis zuletzt aus­harrenden Kapitäns, wurde Helgoland von den Besatzungsmächten freigegeben und gab es in Bonn Verwirrung über und Zwei­fel an einer Kremlnote, in der völlig überra­schend die Wiedervereinigung Deutsch­lands vorgeschlagen wurde, wovon Ade­nauer al­lerdings nichts wissen wollte, weil er dann auf den westdeutschen An­schluß an die Eu­ropäische Verteidigungs­gemeinschaft hätte verzichten müssen (was ihm sein En­kel spä­ter danken konnte, weil er sich sonst nicht mitsamt seiner Par­tei als Wiederver­einiger hätte feiern lassen können: wer ih­nen ihr Schicksal eigentlich eingebrockt hatte, hat­ten dann die Ossis natürlich schon längst wieder vergessen!) Nun begann auch die Wiederentdeckung von Emil Nolde, wur­den die Atombomben­versuche ein be­liebtes Programm für das Pantoffelkino - eine wirklich schöne Ent­sprechung von Uranus im Krebs, kam der Lloyd auf den Markt (der ja bezeichnen­derweise unter dem Na­men Leukoplastbomber bekannt wurde: Leu­koplast ist natürlich eine Krebs-Ent­spre­chung, und Bomben können leicht dem Uranus zugeordnet werden) und gab es schließlich die erste Ausstrahlung eines Fernsehprogrammes.

1953 wurde in Dänemark die weibliche Thronfolge ermöglicht, ergab eine Umfrage in der BRD, daß 44% der Bevölkerung mit den Nazis sympathisierten und kam es zu großen Überschwemmungen in England und Holland sowie in Frankreich zu einer Staatskrise um zwei israelische Kinder, die man nicht an Isreal ausreisen lassen, son­dern lieber christlich erziehen wollte. Wei­terhin geschah in diesem Jahr der bluti­ge Aufstand in der DDR, die bereits er­wähnte Krönung Elizabeths II. in London, ereig­nete sich eine gewaltige Flutkatastro­phe auf der japanischen Insel Hondo, trafen die er­sten Transporte von Kriegsgefange­nen aus der SU in der BRD ein, wurde be­kannt, daß seit dem Kriegsende schon über 2 Mil­lionen Wohnungen gebaut worden waren, gab es einen DRK-Bericht über Kriegsge­fangene und wurden Elek­tro-Haushaltsgeräte zu  einem Weih­nachtsge­schenk-Schlager.

1954 kritisierte der SED-Parteitag die mangelhafte Versorgungslage in der DDR, stellte die Bundesregierung den Alleinver­tretungsanspruch der BRD fest, wurde auch fe­stgestellt, daß unter den Deutschen die Reiselust wuchs, wurde Theodor Heuss erneut zum Bundespräsidenten gewählt und Deutschland in Bern Fußballmeister, wobei man die wirklich einmalige Zeit­stimmung berücksichtigen muß, unter der das ge­schah, um den Uranus im Krebs sehr hand­fest nachempfinden zu können. Außer­dem forderte ein Erdbeben in Algerien 1500 To­te, wurde in Deutschland die erste Fernseh­familie populär, begann die tägli­che Sen­dung der Tagesschau im Fernse­hen und gab es einen Nachkriegsrekord der Getreide­ernte in der BRD.

1955 wurde Prinz Juan Carlos in Spanien begeistert gefeiert, kamen der Schah und Soraya zum Staatsbesuch nach Deutschland (auch hier muß die Atmosphäre dieser Zeit gesehen werden), erhielt Thomas Mann die Ehrenbürgerschaft von Lübeck, gab es den  Staatsvertrag für Österreich und wurde auch die BRD wieder souverän sowie in Bonn neue Bundeswehruniformen vorge­führt und reiste Adenauer mit Gefolge nach Moskau.

Zwischendurch stand Uranus bereits für ein halbes Jahr im Löwen, doch als er im Mai 1956 nochmals in den Krebs zurückkam, demonstrierten 100.000 Berliner für die Wiedervereinigung, kam es im nächsten Monat zu einer Einigung mit Frankreich über die Zukunft des Saarlandes und fand die aufsehenerregende Hochzeit von Henry Miller mit Marilyn Monroe statt.

 


 

 

 

Uranus im Löwen (1955-1961)

 

Als der Uranus zwischendurch von Ende 1955 bis April 1956 im Löwen stand, wur­den in Bonn die ersten Soldaten und Offi­ziere ernannt und Franz Josef Strauß neuer Bundesminister für Atomfragen. Danach trat Uranus wie gesagt nochmals in den Krebs zurück, und als er dann endgültig in den Löwen trat, hatte Adenauer einen gro­ßen Auftritt beim Papst, der ihm seine Anerkennung aussprach. Während­dessen wurde in Bonn unter heftigen De­batten vom Bundestag das Wehrpflichtge­setz verabschiedet, mit 18,4 Mio. Beschäf­tigten in der BRD ein neuer Höchststand erreicht, gab in den USA Eisenhower seine erneute Präsidentschafts-Kandidatur be­kannt und verkündete in Ägypten Nasser die Verstaatlichung des Assuan-Staudam­mes. Natürlich hätte man das auch alles un­ter dem Krebs sehen können, aber hier steht jetzt immer eine dominierende Per­sönlich­keit oder ein hitziges Temperament im Vordergrund. Deutlich wird die Löwe-Ent­sprechung mit dem nun erfolgenden TV-Start für Elvis, und überhaupt wurde der Rock'n'roll und Boogie zur Mode. Des wei­teren unternahmen israelische Truppen in diesem Jahr einen sog. Vergeltungsan­griff auf jordanische Kommandoposten, wurde in Bonn Strauß Verteidigungsmini­ster, be­gann der Volksaufstand in Ungarn und grif­fen Paris und London in Suez ein, was wir auch schon unter Neptun im Skorpion be­handelt hatten.

1957 sprach sich Adenauer für die Aufrü­stung der Bundeswehr mit Atomwaffen aus, entmachtete Chruschtschow in der UdSSR Molotow, unterstellte in West­deutschland Generalinspekteur Heusinger die ersten drei Bundeswehr-Divisionen der NATO, wurde in Spanien die Einführung der Monarchie nach Francos Tod verkün­det, gab es im Hansaviertel in Berlin eine regelrechte Architekturausstellung, wurde im Fernsehen eine Geburt gezeigt (Kinder und auch das Kinderkriegen sind immer auch eine Entsprechung des dem Löwe zu­geordneten 5. astrologischen Hauses), wurde der Film Der tolle Bomberg urauf­ge­führt, besuchte Chruschtschow Ostberlin, gab es eine absolute Mehrheit der west­deutschen Wähler für Konrad Adenauer, sank das Segelschulschiff Pamir im Hur­ri­can, wurde Adenauer zum dritten Mal Kanzler, kam es zum Nitribitt-Skandal und wurde der Film Die Brücke am Kwai ein Welterfolg (auch hierbei muß man nur die Filmmusik hören, um die Löwe-Entspre­chung zu erkennen). In diesem Jahr machte auch erstmals in den USA die sog. Beat Generation von sich reden - vor allem junge Underground-Literaten wie Jack Kerouac (dessen Kultbuch On the Road 1957 erschien) oder Allen Ginsberg  (Kaddish 1961).

1958 gelangte der erste amerikanische Sa­tellit ins Weltall, wurde der Automobil-Weltmeister Fangio entführt, ließ sich der Schah wegen Kinderlosigkeit der Ehe von Soraya scheiden, wurde Elvis Soldat sowie die erste Herz-Lungen-Maschine in den USA erfolgreich verwendet (das Herz ist eine Löwe-Entsprechung), wurde die Expo in Brüssel mit dem Atomium eröffnet, kehr­te in Frankreich De Gaulle zurück, weilte Heuss zu einem Staatsbesuch in den USA, lehnte der Bundestag eine Volksbefragung zur Frage der Atombewaffnung ab, was so­gar vom Bundesverfassungsgericht be­stä­tigt wurde, lief das größte Atom-U-Boot der Welt in den USA vom Stapel, planten die USA bereits den Bau von 33 weiteren Atom-U-Booten, gab es in Frankreich einen Triumph für de Gaulle, den wenig später auch Adenauer besuchte, wobei sich beide sehr löwenhaft in Szene zu setzen verstan­den, und wurde schließlich mit einem Rie­senfeuerwerk die Brüsseler Expo geschlos­sen.

Anfang 1959 gelangte dann auf Kuba Castro an die Macht und gab es in Bonn ein etwas merk- und unwürdiges Hickhack um Adenauers Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten, auf das er schließlich aber verzichtete. Ende des Jahres erschie­nen dann Nabokows Roman Lolita und Die Blechtrommel von Günter Grass.

1960 war der Baubeginn des Assuan-Stau­dammes in Ägypten, erreichte Prof. Jaques Piccard eine Rekordtiefe mit einem Tauch­boot, wurde die erste französische Plutoni­umbombe in der Sahara gezündet, gab sich Frankreich als neue Atommacht bekannt, starteten der Fellini-Film Das süße Leben sowie Godards Außer Atem im Kino, grün­dete Adenauer eine Fernseh-GmbH und kam es in Afrika zu einer wahren Welle von Unabhängigkeits­erklärungen. Währenddes­sen konnte in den USA die Grandma Moses ihren 100. Ge­burtstag feiern und sich Chru­schtschow vor der UNO in Szene setzen, wurde ein Mör­der zu 6mal lebenslänglich verurteilt (die Uranus-im-Löwe-Entspre­chung liegt hier darin, daß der Löwe immer für das Leben steht und es insofern unge­wöhnlich wäre, wenn der Betreffende diese Strafe wirklich absitzen könnte), wurde Kennedy neuer US-Präsident und regi­strierte das Observa­torium auf dem Wen­delstein eine Sonnen­eruption im Umfang von 50 Erdkugeln.

1961 wurden noch mehrere SS-Generale zu Zuchthausstrafen verurteilt, kam es in Hol­land zur Aufführung des Schauspieles Kö­nig Kurzrock(!) Als solcher ließ sich ja auch Pablo Picasso oft fotografieren, der jetzt jedenfalls trotz seiner mittlerweile 79 Jahre sein Modell Jaqueline Roque heira­tete. Inzwischen wurde Franz Josef Strauß von der CSU zum neuen Landesvorsitzen­den gewählt, lehnte Adenauer jede denkba­re Zusammenarbeit mit der SPD ab, schwebte Gagarin als erster Mensch im Weltraum, kam es zur Invasion in der ku­banischen Schweinebucht, bot Castro des­sen ungeachtet hinterher den USA ein un­gewöhnliches Tauschgeschäft an, mußte Kennedy nach einer Rückgratverletzung an Krücken gehen, kam es zum Gipfeltreffen in Wien zwischen Kennedy und Chruscht­schow sowie zum Freitod Hemingways und dem tödlichen Unfall des deutschen Auto­rennfahrers Graf Berghe von Trips, verlor die CDU bei den Bundestagswahlen die Mehrheit, sollte der Leichnam Stalins aus dem Mausoleum am Roten Platz entfernt werden, kam es zur Verurteilung Stalins sowie dem Borgward-Konkurs in Bremen, wurde Adenauer wieder zum Bundeskanz­ler gewählt und in der DDR die Stalin-Denkmäler entfernt.

Inzwischen stand Uranus bereits für einige Monate in der Jungfrau. Im April kam er nochmals zurück und konnte so bewirken, daß Nehru für weitere fünf Jahre zum indi­schen Ministerpräsidenten gewählt wurde.

 

 


 

 

 

Uranus in der Jungfrau (1961-1968)

 

Wir hatten bereits die spätere Ära Adenau­er unter dem Zeichen des Pluto in der Jung­frau und des Neptun im Skorpion gesehen, woraus sich einerseits eine krampfhafte Anpassung eben an das westliche Lager und andererseits eine große Vorstellungs­bezo­genheit der offiziellen Politik ergab, die zur Konfrontation zwischen Ost und West führte. Als ab November 1961 auch noch der Uranus vom Löwen in die Jung­frau wanderte, mußte es sich ergeben, daß die Anpassungstendenz sich noch ver­stärkte. So wurde Anfang Dezember in Bonn die Annahme eines Briefes der DDR mit Besprechungsvorschlägen vom Bundes­tag schlichtweg verwei­gert. Zur gleichen Zeit beschloß aber auch der Schweizer Na­tio­nalrat die Erhöhung der Verteidigungs­ausgaben, während mehrere Spionagefälle die Nato beunruhigten.

1962 begann dann der Deutschlandfunk sein einseitig westlich ausgerichtetes Pro­pagandaprogramm in die Welt auszustrah­len, erfolgte Lübkes Staatsbesuch in Afrika, wurde Fidel Castro ex­kommuniziert und forderte ein Bergrutsch in Peru 3800 Tote und zerstörte 7 Dörfer. Hier müssen wir die Wirkung des Uranus in der Jungfrau so se­hen, daß er für Unruhe im Haushalt der Na­tur, also im Bereich der Ökologie, sorgte.

Danach stand Uranus nochmals für mehrere Monate im Löwen, um dann im September endgültig in die Jungfrau zu treten: jetzt zerstörte ein Erdbeben im Iran 160 Orte und forderte 12.000 To­te. Wenig später gelang 29 Ostberlinern eine Tunnelflucht und gelangte die Kuba-Krise auf ihren Hö­hepunkt. Im Oktober kam es in der BRD zur Spiegel-Affäre, und im November un­terrichtete Chruschtschow die Sowjetbe­völkerung vom besten Ernteergebnis seit 1958, während die Bonner Koalition am Spiegel auseinan­derbrach. Im Dezember wurde der Rechtsanwalt Josef Augstein we­gen Verdacht des Landesverrates festge­nommen und ging in Karls­ruhe der erste deutsche Atomreaktor ans Netz.

Anfang 1963 hatte De Gaulle Bedenken gegen den britischen EWG-Bei­tritt, kam es zu einem Abkommen über den Bau des Euphrat-Stau­dammes in Syrien, forderte der Ausbruch eines Vulkans auf Bali 2000 Tote, ging auch in der SU ein Superkraft­werk ans Netz, wurde das Rote Telefon zwischen Washington und Moskau fertig­gestellt, bekundete Kennedy an der Berliner Mauer: "Ich bin ein Berliner!", wurde das erste zerlegbare und transportabele Atom­kraftwerk in der SU fertiggestellt, erfolgte die Inbetrieb­nahme des Kernforschungszen­trums Jülich, forderte ein schweres Erdbe­ben in Mazedonien 1800 Tote, lehnte De Gaulle den Beitritt zum Atomtest-Stop-Vertrag ab, wurden in Belgien Regelungs­geset­ze im Sprachenstreit zwischen Flamen und Vallonen verabschie­det, kam es zu ei­ner Abhör-Affäre in der BRD, wurde Hitchcocks Film Die Vögel ein Welter­folg (hier ist die Bedeutung der Jungfrau als Entsprechung für Ökologie oder des kos­mischen Rhythmus und der Einfügung aller Dinge im Sinne ihrer ihnen auferlegten Rolle in das Weltganze sehr deutlich, die durch Uranus eben aus dem Lot gebracht wird), forderte der Taifun Flora über Ku­ba und Haiti mehr als 6000 Tote, drückte ein Bergrutsch in Norditalien eine Flutwelle aus einem Stausee in ein Tal und forderte 2200 Tote, weihte Nehru den höchsten Stau­damm der Welt bei Delhi ein, warnte Adenauer bei seinem Ab­schied aus der Po­litik vor den Gefahren der Entspannungs­poli­tik(!), verfügten 44 Staaten ein Waffen­embargo gegen Südafrika, belegten die Be­atles den 3. Platz in der britischen Hitpa­rade (was man im negativen und positiven Sinn für Anpassung der Fans - Uranus in der Jungfrau steht ja auch für Massenhy­sterie - oder Aufbruch der bisherigen Kon­formität sehen kann) und begann Lübke schließlich eine Asienreise.

Im Januar 1964 war die deutsche Erstauf­führung von Ingmar Berg­mans Film Das Schweigen, der sowohl vom Inhalt her als auch bezüglich der Publikumsreaktion uns den Uranus in der Jungfrau verdeutlichen kann. Der Film handelt nämlich von dem Aufenthalt zweier Frauen und eines Jungen in einem nicht näher benannten fremden Land, dessen Fremdheit mit allen Mitteln unterstrichen wird, wodurch die existenti­elle Notwendigkeit zur Erkennung des in der Umwelt herrschenden Gesetzes drama­turgisch beklemmend deutlich gemacht wird: Uranus in der Jungfrau kann insofern diese Fremdheit mit der Umwelt bedeuten - er steht aber natür­lich auch für den spießi­gen Zeitgeist, der sich in kleinlicher Weise an einigen anstößigen Stellen erregte, statt die unge­wöhnliche künstlerische Qua­lität des Filmes zu sehen, die dieser Aus­drucksmittel zur dramatischen Steigerung bedurfte und sie somit zumindest glaubhaft machen konnte. Im Februar beleg­ten dann die Beatles erstmals in der US-Hitparade Platz 1, wurde der Bau des Ärmelkanal-Tunnels projektiert, das erste deutsche Nachkriegs-Forschungsschiff Meteor in Hamburg ge­tauft, kam der Film Eine zu viel im Bett (was ökologisch genau so stö­rend ist wie zu viele Vögel auf dem Dach) in die Kinos, sollten neue Hochschulen in mehre­ren Städten gegründet werden (was man sicher auch unter Pluto in der Jungfrau se­hen muß), wurde der Autotunnel unter dem St.Bernhard dem Verkehr übergeben und ein bisher noch nie erreichtes Phäno­men bekanntgegeben: fünf Titel der Beatles standen auf der Hitliste. Im April war die deutsche Erstauffüh­rung der Komödie Der Packesel in Berlin, und fand die Eröff­nung des größten Pumpkraftwerkes der Welt in Luxemburg statt. Im Mai begann Israel mit der Einleitung von Jordanwasser in die Ne­gev-Wüste, wurde die erste Stufe des As­suan-Staudammes fer­tiggestellt und die ausgebaute Mosel für Schiffe freigegeben. Im Juni wurden Zebrastreifen in der BRD-Straßenverkehrsordnung eingeführt (eine wirklich klassische Entsprechung!), regel­ten Bund und Länder die gemeinsame Fi­nanzierung der BRD-Hochschulen und wurden weitere Äußerungen zur Antiba­bypille von Papst Paul VI. bekannt (auch der Spitzname Pillen-Paule steht ja ganz wunderbar in vielfacher Weise für Uranus in der Jungfrau!). Im  Juli wurde Heinrich Lübke für weitere fünf Jahre zum Bundes­prä­sidenten gewählt (sei es, daß man seine Reden als dem Zeitgeist entsprechend er­achtete oder sich diesesmal ungewöhnli­cherweise damit abfand und alles hinzu­nehmen bereit war), sendete eine US-Mondsonde erste Bilder von der Oberfläche des Erdtrabanten und tauchten die ersten Miniröcke auf. Im August erklärte die 1. Enzyklika von Paul VI. Ecclesiam suam seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den großen nichtchristlichen Religionen und fand der Abflug der ersten 15 Entwick­lungshelfer aus Deutschland nach Tangan­jika statt. Im September gab es auch Stau­damm-Pläne in Jugoslawien. Im Oktober kamen bei dem größten Fluchtunternehem 57 Ostberliner durch einen Tunnel, gab China die Zündung seiner ersten Atom­bombe bekannt und kam der Film Topkapi in die Kinos, in dem in sehr spannender Weise ein äu­ßerst sorgfältig geplanter und durchgeführter Einbruch ge­zeigt wurde. Im November wurde Johnson mit maximaler Stimmenmehrheit zum Prä­sidenten der USA gewählt, und im Dezem­ber kam My fair Lady als Film in die Ki­nos, wobei wir die darin auch behandel­ten Sprachprobleme dem Uranus in der Jung­frau zuordnen kön­nen! Endlich forderte noch ein Zyklon in Indien durch Fluten 7000 Tote und lehnte Jean Paul Sartre den Nobelpreis ab.

1965 wurde der erste Bundesbericht For­schung in Bonn ver­öffentlicht, kam es zu einem Verfahren gegen den Spiegel-Her­ausgeber Rudolf Aug­stein, kündigte Indo­nesien die Zündung einer eigenen Atom­bombe an, sendete eine US-Mondsonde 7000 Aufnahmen, wurde der erste Tarifver­trag über vermögensbildende Leistungen abge­schlossen, schwebte ein Kosmonaut im Weltraum, warfen die USA über Nordviet­nam Flug­blätter mit Erläute­rungen ab, be­vor sie wenig später Na­palm­bomben folgen ließen (was etwa dem chinesischen Brauch ent­sprach, sich vor dem Gegner noch ein­mal höf­lich zu verbeu­gen, bevor man ihn mit einem vernichtenden Schlag nieder­streckt), kam es zur Rivalität zweier Farb­fernseh-Systeme: Secam gegen Pal, zünde­te China eine Atombombe, weilte De Gaulle zum Staatsbesuch in der BRD (wobei sich ein Polizist in preußischer Weise vor ihm verbeugte, was De Gaulle später zu einer abfälli­gen Bemerkung über den deutschen Untertanen­geist veranlaßt haben soll), wurde der Straßentunnel durch den Mont Blanc eröffnet, kamen die ersten US-Trup­pen nach Vietnam und flogen US-Flug­zeuge bereits den 1000. An­griff auf Ziele in Nordvietnam, außerdem wurde ein Unterwasserlabor fest verankert, brach der Vulkan Tal auf den Philippi­nen aus und be­grub dabei mehrere Dörfer, lief in Yoko­hama ein neuer Super­tan­ker vom Stapel und kam es zu einem Stromausfall in New York (wobei es merkwürdigerweise keine Plünderun­gen gab).

1966 wurde der Grundstein für die Univer­sität Dortmund gelegt, gelang die weiche Mondlandung eines Satelliten sowie ein fran­zösischer Kernwaffenversuch auf dem Muroroa-Atoll, kam es zu einem schwere­n Erdbeben in der Türkei und in Peking zur ersten großen Massendemonstration der Roten Garden, Unwetterschäden in weiten Teilen Österreichs und einem der größten Waldbrände in der Geschichte Portugals, verschüttete eine Kohlenschutt­halde in Al­berfan eine Schule, verwüsteten  Wirbel­stürme Benga­len, gab es eine Über­schwemmung in Norditalien und die Große Koalition in Bonn.

1967 verwüsteten Buschbrände große Teile von Tasmanien, wurde Nordvietnam durch amerikanische Flugzeuge weitgehend ent­laubt, besuchte der Schah Westberlin und führte Prof. Barnard in Kap­stadt die erste Herzverpflanzung durch.

1968 kam es zum Untergang des französi­schen U-Bootes Minerva mit 52 Seeleu­ten (Minerva war u.a. die Schutzherrin der Handwerker), gab es ein Erdbeben auf Si­zilien, begannen die Bauarbeiten am Euphrat-Staudamm, erfolgte ein Attentat auf den Studenten­führer Rudi Dutschke, begann der Kontergan-Prozeß(!!!), kam es wegen der auch dort ausgebrochenen Stu­dentenunruhen zu einem wahren Chaos in Frankreich und in der BRD zu Notstands­prote­sten sowie einem Orkan in Schwa­ben und verschiedenen Erdbeben auf den Phil­ippinen, in Indonesien und im Iran (das al­leine 10 000 Tote forderte).

 


 

 

 

Uranus in der Waage (1969-1974)


1969 ergaben sich eine Reihe von Verände­rungen bzw. Neuerungen, die auch teil­weise auf Umdenkungsprozesse zurückgin­gen: So wurde Lin Piao zum Nachfol­ger Mao tse-Tungs designiert, die katholi­sche Studentin Bernardette Devlin jüngstes Mitglied des britischen Unterhauses, trat De Gaulle nach der Ablehnung seiner Neu­ordnungspläne für die französischen Pro­vinzen zurück und wurde Alexander Dubczek als Chef der CSSR-KP abgelöst. Als der Mörder von Robert Kennedy zum Tode verurteilt wurde, konnte das unter dem Zei­chen einer ausgleichenden Gerech­tigkeit gesehen werden, und als das Über­schall­flugzeug TU-144 in Moskau erstmals öf­fentlich vorgestellt wurde, geschah das, um der Concorde ein Konkurrenzmodell ge­genüberzustellen, das ihr verdächtig äh­nel­te. Im Mai kam es zum Porst-Prozeß, der sich gegen einen Kapitalisten richtete, der mit kommunistischen Ideen sympathi­sierte und gleichzeitig Mitglied der west­deut­schen FDP und der ostdeutschen SED war. Etwas überstrapaziert wurde die Waage, als es zu regelrechten kriegerischen Auseinan­dersetzungen zwischen Honduras und El Salvador nach einem Fußballspiel kam, die über 1000 Tote kosteten, doch als im Juli als erster Mensch der US-Astronaut Neill Armstrong den Mond betrat, zeigte die Waage sich sehr viel schöner in seinem Satz: "Ein kleiner Schritt für mich, doch ein großer für die Menschheit!" Im glei­chen Monat wählte die spanische Cortez Juan Carlos auf Francos Vorschlag als des­sen Nachfolger zum Staatsoberhaupt. Wahlen stehen ja immer unter dem Zeichen der Waage, doch das Ungewöhnliche war in diesem Fall, daß der Nachfolger den Kon­formisten nur spielte, während er tat­säch­lich bereits plante, den Bruch mit dem bis­herigen System herbeizuführen. In den USA stand zu dieser Zeit mit Edward Ken­nedy kein Geringerer als der Bruder des früheren Präsidenten vor Gericht und wurde nach einem Autounfall wegen Fah­rerflucht verurteilt. Im August gab es die blutigsten Straßenschlachten zwischen Ka­tholiken und Protestanten in Irland seit dem 2. Weltkrieg, Im September wurde der Wechselkurs der DM vorübergehend frei­gegeben und blieb der Wahlausgang nach den Bundestagswahlen unklar. Im Oktober beschlossen SPD und FDP die Bildung ei­ner Koalitionsregierung in Bonn, wodurch Willy Brandt Bundeskanzler werden konn­te. Im November wurde in Indien Indira Gandhi aus ihrer Partei ausgeschlos­sen, und im Dezember kam es zur Abschaf­fung der Todesstrafe in Großbritannien, wurde Ber­nardette Devlin nun wegen Teil­nahme an Unruhen zu 6 Monaten Gefäng­nis verur­teilt, entführte Israel fünf der für die israeli­sche Marine bestellten Schnell­boote aus Cherbourg und kündigte Nixon einen wei­teren Truppenabzug aus Vietnam an.

1970 wurde ein Abkommen über die Liefe­rung von sowjetischem Erdgas gegen deut­sche Röhren unterzeichnet, der deutsche Botschafter Graf Spreti in Guatemala von Guerillas entführt, kam es zum Erfurther Treffen Brandt-Stoph, gab Paul McCartney die endgültige Trennung von den Beatles bekannt, wurde der Komponist Theodora­kis von den griechischen Militärs nach zweijähriger Haft krank entlassen, glückte in Paris der Einbau eines Atom-Herz­schrittmachers, bot die Firma Grünenthal-Chemie den Kontergan-Opfern 110 Millio­nen DM als Entschädigung, wurde Willy Brandt vom SPD-Parteitag mit großer Mehrheit als Vorsitzender bestätigt, trafen sich Brandt und Stoph in Kassel, wurde der Terrorist Andreas Baader aus der Haft be­freit und nun auch der Botschafter der BRD in Brasilien entführt, galt als neues Wahlalter jetzt 18 Jahre, formierte sich eine Opposition in der FDP gegen Scheel, waren der Assuan-Staudamm und die Versetzung von Abu Simbel fertiggestellt, kam es zum Moskauer Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion, strich das indische Parlament die Privilegien der 279 Maharad­jas, endete der Contergan-Prozeß ohne Ur­teil, wurde Jochen Rindt posthum zum Weltmeister erklärt; Salvador Allende mit knapper Mehrheit zum Präsidenten Chiles gewählt, ein Sowjetsoldat vor dem Ehren­mal in West-Berlin durch Schüsse verletzt, der Vertrag über die Normalisierung der Beziehungen zwischen der BRD und Polen unterzeichnet, trat der Papst eine Reise nach Asien an, wurde das Gerichtsverfah­ren in den USA um das My-Lai-Massaker eingeleitet und ein neues Ehescheidungs­recht in Italien verabschiedet.

1971 wurde das Papst-Wahlrecht neu fest­gelegt, die neue Straßenverkehrs­ordnung in der BRD in Angliederung an die internatio­nalen Bestimmungen festgelegt, auch in den USA das Wahl­alter auf 18 Jahre herabge­setzt, traf ei­ne US-Tischtennismannschaft zu einem Freundschaftstreffen in China ein, ka­men 500 000 Demonstranten auf der bis­her größten Antikriegsdemonstrati­on in Washington zusammen, wurden Todesur­teile im Prozeß gegen die Manson-Bande verkündet, war  Walter Scheel als erster deutscher Außenmini­ster in Israel zu Be­such, gab es immer mehr Gewalt in Nordir­land, weilte Willy Brandt als Gast Bre­schnews zu Besuch auf der Krim sowie Ja­pans Kai­ser Hirohito auf der letzten Sta­tion sei­ner Europareise in der BRD (er war als Diplomat schon persönlich eine Ver­körpe­rung von Uranus in der Waage, wurde der Friedensnobelpreis an Brandt vergeben und der Dollar abge­wertet.

1972 hatte nach dem Übertritt des Abge­ordneten Hupka zur CDU die Bonner SPD-FDP-Koalition nur noch eine Stimme Mehrheit, traf Nixon Mao Tse-tung, erhielt Helmut Allardt als erster deutscher Bot­schafter in Moskau einen Abschiedsemp­fang von Gromyko, kam es zum Mißtrau­ensvotum gegen Brandt, besuchte auch Nixon  Moskau, bil­ligte der Bundestag die Ostverträge, wur­den weitere Terroristen verhaftet, in den USA dagegen die schwar­ze Bürgerrechtle­rin Angela Davis freige­sprochen, war der CDU-Politiker Gerhard Schröder zu Be­such bei Tschou En lai, wurde der Bundes­tag aufgelöst, überwies Bonn 100 Millionen DM an Polen für die Opfer von medizini­schen Versuchen im Dritten Reich, kehrte der argentinische Dik­tator Peron nach über 17 Jahren zurück, gab es Studentenunruhen in den USA, be­stätigten die deutschen Wähler die Ostpoli­tik und wählte der deut­sche Bundestag mit Annemarie Renger zum ersten Mal eine Frau zu seiner Präsidentin.

1973 brach auf Island ein seit 5000 Jahren nicht mehr aktiver Vulkan aus, erregte ein Euthanasie-Fall in den Niederlanden Auf­sehen, bei dem es um Tötung auf Verlan­gen ging, kam es zu einem Sioux-Protest am Ort Wounded Knee in den USA, wo 1890 eines der letzten Indianer-Massaker stattgefunden hatte, zog der US-Water­gate-Skandal immer weitere Kreise, wurde ein Astrologe nach einem Indizien-Prozeß zu Lebenslänglich verurteilt, kam es zum Staatsbesuch Brandts in Israel, geriet der Abgeordnete Steiner ins Schußfeld, der als CDU-Politiker für Brandt gestimmt hatte, wurde in Chile ge­putscht und gab es einen Eklat um den No­belpreis.

1974 forderten die Entführer von Patricia Hearst eine Lebensmittelverteilung an vier Millionen Arme und Alte in Kalifornien, wurden sieben der engsten Mitarbeiter Nixons im Watergate-Skandal angeklagt, ein japanischer Soldat 29 Jahre nach dem Krieg auf den Philippinen entdeckt (er hatte noch nicht erfahren, daß der Krieg schon lange zu Ende war), wurde Günter Guil­laume wegen Spionage für die DDR verhaf­tet, trat Brandt als Bundeskanzler zurück, brach die Herstatt-Bank in Köln zusammen, wurde Walter Scheel zum neuen Bundes­präsidenten ernannt, gab die Militärregie­rung in Griechenland die Macht zurück, stürzte Nixon über Watergate, begnadigte der neue US-Präsident Ford seinen Vorgänger für alle Vergehen und wurde auch der My-Lai-Schlächter Leutnant W. Calley freigelassen.

Danach stand Uranus bereits im Skorpion, kam jedoch im Juni 1975 zurück, worauf­hin Idi Amin die Briten demütigte, jedoch zum Ausgleich ihnen die Ehre erwies, seine große Bewunderung für Edward Heath auszusprechen: er verglich ihn mit Adolf Hitler, was bei ihm etwas heißen wollte! Im Juli kam Rabin als erster israeli­scher Mini­sterpräsident nach Bonn und wurde das Er­gebnis des Großversuchs mit Tempo 130 bekanntgegenben. Die astrologische Zu­ordnung zu Uranus in der Waage ist dabei sehr entlarvend, denn wie gesagt war das Ganze von vornhein eine Farce! Im Sep­tember kam es zu einer internationalen Kri­tik an mehreren Todes­urteilen Francos. Danach trat Uranus end­gültig in den Skor­pion.

 


 

 

 

Uranus im Skorpion (1975-1980)

 

Am 4.12.1974 - 12 Tage, nachdem Uranus in den Skorpion getreten war - besuchte Je­an Paul Sartre Andreas Baader im Gefäng­nis und bezeichnete anschließend seine Haftbedingungen als Folter. Dieses war si­cher eine der umstrittensten Aktivitäten des inzwi­schen 71-jährigen Philosophen. Es ginge aber zu weit, aus den astrologischen Kon­stellationen eine höhere Wertung ablei­ten zu wollen, denn diese steht zwar für ei­ne ungewöhnliche Vorstellung oder Stel­lung­nahme, doch nur im Sinne einer Be­schrei­bung des Vorganges ganz allgemein. Im­merhin muß die Frage erlaubt sein, wie ge­rade ein Philosoph wie er unter dem Be­griff Isolationsfolter sich auch nur annä­hernd etwas so Schreckliches vorstellen konnte wie diese Elfthäusler, denen Kom­muni­kation im Sinne eines gesellschaftli­chen Umbruches offenbar alles bedeutete. Daß der Staat das gerade verhindern wollte und mußte, daß er aber andererseits seine pro­minenten Gefangenen nicht übermäßig pro­vozieren und sie auch nicht zu Märty­rern machen wollte, ging auch aus dem Komfort hervor, mit dem sie im Gefängnis behandelt wurden, inclusive Bücherliefe­rung usw. Es gab ja wirklich schlimmere Häftlingsschick­sale von Menschen, die durch tragische persönliche Verhältnisse aus der Bahn ge­worfen wurden und auch weniger leicht bereit waren, andere kaltblü­tig zu ermor­den, doch unter dem Uranus im Skorpion war wohl niemand bereit, die Dinge eini­germaßen nüchtern zu sehen: war Sartre also senil geworden? Man könnte versucht sein zu sagen, daß es immer ein Zeichen äußerer Beeinflußbarkeit durch die Zeitum­stände sei, wenn jemand ihnen so spektaku­lär Ausdruck verschafft, doch ist jede Ak­tivität, die bedeutsam wird, stets auch Aus­druck der mundanen Konstellatio­nen, da diese nichts anderes bedeutsam werden las­sen.

Wir wollen uns aber den anderen Ereignis­sen zuwenden, die uns den sonstigen Be­deutungsrahmen des Skorpions verdeutli­chen können: Zur gleichen Zeit kam es zu einem Treffen des CDU-Politikers Gerhard Schröder mit Jassir Arafat in Damaskus, der Eröffnung des neuen Hamburger Elb­tunnels, zu Rassenunruhen in Boston und der Eröffnung des Heiligen Jahres durch den Papst.

Anfang 1975 wurde dann Franz Josef Strauß als erster deutscher Politiker von Mao Tse-tung empfangen, kehrte ein weite­rer japanischer Soldat 30 Jahre nach Kriegsende in seine Heimat zurück, brachen die Baader-Meinhof-Häftlinge ihren Hun­gerstreik ab und prallte eine Bundeswehr-Maschine auf Kreta vor einen Berg, wobei es 42 Tote gab. Des weiteren kam es zu ei­ner Massenkarambolage von 112 Fahr­zeu­gen auf der Autobahn im Nebel, warf Strauß der Bundesregierung vor, einen Saustall ohnegleichen angerichtet zu haben, kam es zum Demonstranten-Widerstand in Whyl, wurde der Berliner Politiker Peter Lorenz entführt, veröffentlichte der Spiegel eine Strauß-Rede mit dem Kon­zept der konsequenten Konflikt-Strategie gegenüber der Regierung, wurde der saudi­sche König Feisal Opfer eines Attentats und kam es in Detroit zu einer Krise auf dem Automarkt.

Die terroristischen Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Gefängnisse nahmen also in dieser Zeit zu, die Vorstellungsbezogen­heit zeigte sich aber auch in vielerlei ande­rer Hinsicht. Wie war es kausal zu erklären, daß es die Amerikaner nicht schaff­ten, ein kleineres Auto herzustellen, daß der euro­päischen und japanischen Konkur­renz be­gegnen konnte: sie waren einfach nicht in der Lage, sich von ihren alten Vor­stellun­gen zu befreien - ebensowenig wie die Au­tofahrer, die trotz Nebel einfach so weiter­rasten wie sie es bei guter Sicht ta­ten. Eine wesentlich schlimmere Variante des Begrif­fes Vorstellungsbezogenheit verwirklichten zu dieser Zeit aber die Roten Khmer, die nun Kambodschas Hauptstadt Pnom Penh eroberten und eine beispiellose Schreckens­herrschaft errichte­ten. Gleichzeitig schloß ein bundesdeut­sches Gericht den Anwalt Croissant von der Baader-Meinhof-Vertei­digung aus, wurde die Botschaft der BRD in Stockholm überfallen und begann der Baader-Meinhof-Prozeß. Ende des Jahres wurde der italieni­sche Dichter und Regis­seur Pasolini ermor­det und kam es zum Überfall auf die OPEC in Wien.

Im Januar 1976 mußte das Stuttgarter Ge­richt sich sogar mit dem Antrag befassen, die Baader-Meinhof-Häftlinge als Kriegsge­fangene zu behandeln, während es zu einer Ägypten-Ausstellung im Haus der Kunst und einem Streit um die besagte Beuys-Ba­dewanne kam. Im Februar starben fünf Pa­tienten in einer Überdruck-Kammer, lande­ten kubanische Soldaten in Angola und kenterte eine Bohrinsel vor Norwegen, wo­bei es sechs Tote gab. Außerdem kam es zu einer US-Untersuchung über die Flugzeug­firma Lockheed, die offenbar viele europäi­sche Politiker bestochen hatte. Der Fall Ka­ren Ann Quinlan trat in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, und ein japanischer Schau­spieler verübte Kamikaze, indem er sich mit einem Flugzeug auf das Haus eines Ge­schäftsmannes stürzte, der der Bestech­lich­keit in der Lockheed-Affäre verdächtigt wurde. Es kam zu einem Abkommen zwi­schen USA und UdSSR über unterirdische Atomversuche, zu einem Bombenanschlag gegen die Kubanische Botschaft in Lissa­bon, einem Urteil gegen Patricia Hearst, ei­nem Zusammenstoß eines deutschen und eines holländischen Zuges bei Rotterdam, neuen Richtlinien zur Abwehr von Extremi­sten im Staatsdienst und dem Selbstmord der Ulrike Meinhof. Im US-Staat Idaho brach ein Staudamm, wodurch 150 Men­schen getötet wurden, in Entebbe befreiten israelische Einheiten Geiseln, mehrere Ter­roristen flohen aus der Berliner Untersu­chungshaft, in Seveso entwich eine Giftgas-Wolke, und in Europa gab es überall Hitze­rekorde. Ein Athener Gericht lehnte die Auslieferung des deutschen Terroristen Pohle ab, der französische Bischof Lefebvre zelebrierte eine Messe nach altem Ritus, ein Pfarrer verbrannte sich aus Protest gegen die DDR-Politik, ein Student entwickelte eine Atombombe, 30 000 Menschen de­monstrierten gegen das Kernkraftwerk in Brokdorf, ein Oetker-Sohn wurde entführt und längere Zeit in einen äußerst engen Ka­sten gesteckt: kommt der Uranus im Skor­pion also nicht von innen, so kommt er von außen!

1977 wurde eine Archäologin nach 1015 Tagen Gefangenschaft freigelassen, wurde der Abhörfall Traube durch den Spiegel bekannt, hob ein Verwaltungsgericht die Baugenehmigung für Whyl auf, gab es schwere Ausschreitungen bei Protesten ge­gen das Kernkraftwerk Grohnde, 575 Tote auf Teneriffa beim Zusammenstoß zweier Jumbos, geschah der Mord an Bu­back, überfielen im niederländischen Gron­ingen Molukker eine Schule und einen Zug, sieg­te der frühere Terrorist Menachem Begin bei den Wahlen in Israel, hoben die Bundes­län­der die Pockenimpfpflicht auf, ereignete sich ein weiterer Stromausfall in New York (wobei es jetzt im Gegensatz zur Jungfrau auch zu Plünderungen kam), wurde Jürgen Ponto von Terroristen er­schossen und wurden in Hannover zwei Cranach-Gemälde und bei einem weiteren An­schlag in Düsseldorf ein Rubens-Ge­mälde ebenfalls durch Säure schwer be­schädigt.21 Der Journalist Günter Wallraf enthüllte Arbeitspraktiken bei Bild, die GSG 9 stürmte die Landshut, und Baader, Ensslin, Raspe begingen in ihren Zellen Selbstmord, wäh­rend Schleyer ermordet wurde. Im Novem­ber wurde dann das größte Uranlager der Welt im Schwarzen Meer22 entdeckt.

1978 stürzte Minister Leber über einer Ab­hör-Affäre, gab es eine Ölpest in Frank­reich, wurde in Braunschweig ein Jugo­slawe zu Lebenslänglich wegen Mordes an einer Familie verurteilt und in Italien Aldo Moro ermordet, entwich im Kernkraftwerk Brunsbüttel radioaktiver Dampf, kam es zu der Explosion eines Gastank-Lastzuges vor einem Zeltplatz bei Los Alfaqes in Spanien, wurde in London ein Retortenbaby gebo­ren, forderte ein Bombenattentat auf ein Hochhaus in Beirut 175 Tote und ein ande­res Attentat auf ein Kino in der iranischen Stadt Abadan sogar 430 Tote, verbrannte sich ein weiterer DDR-Pfarrer in einer Kir­che, wurde Johannes Paul II. Papst23 und kam es zu einem Massenselbstmord einer Sekte in Guayana.

1979 wurde die Serie Holocaust im deut­schen Fernsehen gesendet, fiel Pnom Penh an die Vietnamesischen Truppen, wobei sich herausstellte, daß Pol Pot inzwischen seit 1975 - also unter der hier zu behan­delnden Periode - fast die halbe Bevölke­rung umgebracht hatte, forderte eine Virus-Epidemie unbekannter Ursache in Neapel schon das 60. Todesopfer, kehrte Khomei­ni in den Iran zurück, wurde das Crois­sant-Urteil verkündet, ereignete sich der Atomkraftwerk-Unfall in Harrisburg, wurde Idi Amin entmachtet, in der BRD Carstens Bundespräsident und in London Mar­garet Thatcher britischer Premier, ein At­tentat auf den Nato-Oberbefehlshaber Haig verübt, bestieg Messner ohne Sauer­stoff-Gerät den K2, wurde Somoza ent­mach­tet, gab es fast 20 000 Tote bei einem Dammbruch in Indien, wurde ein Attentat auf Lord Mountbattan verübt, gab es einen Giftskandal in Hamburg, wurde die Mo­schee in Mekka von schiitischen Extremi­sten besetzt und kam es zu der Invasion in Afghanistan.

1980 gab es 39 Tote bei einem Polizei-Ein­satz in Guatemala, kenterte eine Bohrinsel bei Norwegen (123 Tote), brach in den USA der Mt.St.Helens aus, gab es 83 Tote bei einem Anschlag in Bologna und den zweite Anschlag innerhalb einer Woche auf ein Ausländer-Wohnheim in Deutschland sowie 13 Tote bei einem Anschlag auf das Münchner Oktoberfest. Ende des Jahres wurde Reagan US-Präsident.

1981 plädierte der neue US-Verteidi­gungsminister Caspar Weinberger für die Stationierung der Neutronenbombe in Eu­ropa, kam es zu einem Putsch in Spanien und einem Marsch von Atomkraftgegnern auf Brokdorf. Im März stand Uranus be­reits im Schützen, doch kehrte er schon im April zurück: in diesen Tagen wurde in At­lanta die 24. schwarze Kinderleiche in einer Mordserie seit 21 Monaten gefunden und gab es gewalttätige Rassenunruhen in Lon­don. Im Mai starb der IRA-Häftling Bobby Sands in Belfast nach einem 66-tägigen Hungerstreik und kam es zu Schüssen auf den Papst. Im Juni mußte Irans Staatspräsi­dent Banisadr untertauchen, und im Juli wurde die Leiche des 8jährigen Alfredo Rampi geborgen. Der Junge war vier Wochen zuvor in ein Loch gerutscht, das wenig breiter als er selbst, aber viele hundert Meter tief war, und in dem er im Laufe der Wochen immer tiefer rutschte, so daß man ihn auch durch einen eiligst daneben gegrabenen Schacht nicht rechtzeitig befreien konnte: eine wir­klich klassische Entsprechung des Uranus im Skorpion! Gleichzeitig waren 3,5 Mil­lionen Besucher auf einer Tut-ench-amun-Wanderaus­stellung. Im August gab Reagan den amerikanischen Verbündeten den Bau der Neutronenbombe bekannt, und im Ok­tober lief ein sowjetisches U-Boot vor Schwedens Küste auf Grund und wurde Sadat erschossen.

 


 

 

 

Uranus im Schützen (1981-1988)

 

Dieses alles erweckt den Eindruck, als kön­ne es unter dem Skorpion fast nur negative Ereignisse und Persönlichkeiten geben, doch muß darauf hingewiesen werden, daß kein Zeichen eine geringere oder höhere Qualität besitzt als die anderen und daß es also wohl eher in der Besonderheit der Zeit lag, daß die Ereignisse diese Entwicklung nahmen. Über die Qualität ist also nichts gesagt, und es waren ja auch einige positi­vere Entsprechungen darunter. Doch da die Dinge nun einmal so lagen, verbesserte sich die Qualität auch in der Folgezeit nicht - das sollte man also niemals von einem Zei­chenwechsel erwarten - doch hatten sie nun eine deutlich andere Tendenz, nämlich die­jenige des Schützen.

Im März 1981, als Uranus bereits zum er­sten Mal in den Schützen getreten war, er­gaben Untersuchungen, daß die Asche auf Sportplätzen zum Teil arsenhaltig war. Zwar steht das Arsen eher für den Skorpi­on, doch können wir Sportplätze sehr deut­lich dem Schützen zuordnen, wir können auch das Arsen als Uranus-Entsprechung sehen und haben damit eine wörtliche Übersetzung. Wenige Tage später beschloß der DGB-Bundeskongreß ein neues Grund­satzprogramm, doch ab dem 22. März stand Uranus schon wieder im Skorpion. Nun kam es im Londoner Vorort Brixton bei einer Straßenschlacht zwischen farbigen Jugendlichen und der Polizei zu 165 Ver­letzten usw. (wir berichteten über die wei­teren Ereignisse im vorigen Kapitel). Ab Dezember stand Uranus endgültig im Schützen, und nun wurde der SPD-Abge­ordnete Karl-Heinz Hansen wegen Kritik am Bundeskanzler aus seiner Partei ausge­schlossen: Schmidt hatte unter Uranus im Skorpion ja den Nato-Nachrüstungsdop­pelbeschluß unterstützt. Hier sprechen üb­rigens die Konstellationen für sich. Viel­leicht ist es nicht zu viel gesagt, Schmidt die gleichen Qualitäten zuzuschreiben wie Adenauer: sie lagen weniger in der Intelli­genz seiner Politik als in der Tatsache sei­ner Autorität - vielleicht sollten wir aber besser sagen: in der allgemeinen Vorstel­lungsbezogenheit der Zeit, der er Ausdruck verlieh, denn Schmidt war nur in der Zeit Kanzler, als Uranus im Skorpion stand, während jetzt seine Zeit abgelaufen war. Außerdem verhängten die USA im Dezem­ber Wirtschaftssanktionen gegen die So­wjets. In diesem Jahr machten auch erstmals die sog. Jungen Wilden von sich reden: junge avantgardistische Maler vor allem in Köln und Berlin, die in expressionistischer Manier riesige Leinwände gleich serienweise bemalten, obwohl man das eigentlich noch kurz zuvor für eine bereits überholte Ausdrucksform gehalten und angesichts dieser Auffassung überwiegend allgemeine Ratlosigkeit geherrscht hatte.

1982 demonstrierten 10 000 Menschen ge­gen die Startbahn-West, begannen in Syrien Kämpfe zwischen der Moslembruderschaft und Regierungstruppen, meldete der engli­sche Billigflieger Laker Konkurs an, zeigte das Deutsche Fernsehen die erste 3D-Sen­dung, gab es einen Friedensaufruf in der DDR, überwanden die Grünen bei Land­tagswahlen in Niedersachsen die 5%-Grenze und zogen damit in den Landtag ein, feierte die BRD den 150. To­destag Goethes, wurde das Züricher Auto­nome Jugendzentrum in einer Blitzaktion abgerissen, kam es zwischen Argentinien und England zum Krieg um die Falklandin­seln, demonstrierten in Bonn 400 000 Men­schen für Frieden und Ab­rüstung, startete die Dokumenta 7 in Kas­sel, gab es die Kon­troverse zwischen Wa­shington und Bonn um das russische Erd­gas, mußte die Cap Anamur zurückkeh­ren, verhinderte Green­peace vor der spanischen Küste die Ver­senkung von Atommüll, wurde Jassir Ar­afat vom Papst empfangen und Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler ("geistig-moralische Wende"), siegten schließlich die Sozialisten in Spanien, zeigte sich in der Kölner und Berliner Kunstszene der Zeit­geist der Kunst und war im Fernsehen die Serie Dallas erfolgreich.

1983 schlugen die Warschauer-Pakt-Staa­ten der NATO ein Gewaltsverzichtsab­kommen vor, wurde Hans Jochen Vogel (der Name steht für Schütze!) Kanzlerkan­didat der SPD, Karl der Große umgebettet, die START-Gespräche wieder aufgenom­men (Rüstungsverringerung), erklärten nach einem Gespräch mit Kohl die Reprä­sentanten der Wirtschaft, zusätzliche Lehr­stellen zur Verfügung zu stellen, wurden Maßnahmen gegen das Waldsterben be­schlossen, die Wende durch die Wahl be­stätigt, kam es zu einem Verbot für Rob­benfelle, beteiligten sich an den Ostermär­schen für Frieden und Abrüstung 700 000 Menschen, beendeten Schriftsteller aus Ost und West in Berlin ihre Begegnung zum Thema Frieden und Abrüstung, präsentierte der Stern der Öffentlichkeit Hitlers Ta­ge­bücher24 und erhielt Heinrich Böll die Eh­renbürgerwürde der Stadt Köln. Im Fernse­hen konkurrierte nun auch die Serie Denver Clan mit Dallas. Im Mai war der erste Tag eines gewaltfreien Protestes in Chile, wurde in Österreich Sino­watz Bundeskanzler25, zeigten sich die In­dustrieländer einig zur Lage der Weltwirt­schaft und beschlossen eine intensivere Entwicklungspolitik, wurde der Lavastrom des Ätna umgeleitet, be­spritzte ein Abge­ordneter der Grünen einen US-General mit Blut, verhinderte Greenpe­ace die Verklap­pung von Dünnsäure des Chemiekonzerns Kronos-Titan, lief in den deutschen Kinos die Verfilmung von Car­men an, folgten mehrere 100 000 Menschen dem Aufruf des Deutschen Gewerkschafts­bundes, für 5 Minuten für den Frieden die Arbeit nieder­zulegen und nahmen weit über 1 Million Menschen an Aktionen der Frie­densbewe­gung teil. In einem Referendum in Süd­afrika sprachen sich schließlich 56% der Weißen für eine stärkere politische Beteili­gung der Asiaten und Mischlinge aus.

1984 erhielt in Bayern der Umweltschutz Verfassungsrang, kamen die Wenders-Filme Paris-Texas und Himmel über Berlin in die Kinos, wurde Weizsäcker Bundes­präsident, stürmten indische Ar­mee-Einhei­ten den goldenen Tempel von Amritsar, lehnten bei einer Volksbefragung 88% die Raketenstationierung ab, kam es zu einem Gewinn der Grünen bei den Wahlen zum Europäischen Parlament, de­monstrierten 400 000 Anhänger der Frie­densbewegung in vielen Städten der BRD gegen die Auf­rüstung in Ost und West, kam es bei einer deutsch-französischen Feierstunde dazu, daß Mitterand und Kohl Hand in Hand standen und erhielten die Bewohner des letzten besetzten Hauses in Berlin einen Nutzungsvertrag.

1985 fand dann der Generationswechsel im Kreml statt, ließen sich Lafontaine und Diepgen als strahlende Sieger an Saar und Spree feiern, hielt Weizsäcker eine vielbe­achtete Rede vor dem Bundestag, wurde der Sozialdemokrat Alan Garcia Präsident von Peru, erfolgte der Beitritt Portugals und Spaniens zur EG, gab es einen EG-Kompromiß zum Katalysator, profilierten sich die Tennisspieler Boris Becker und Steffi Graf (Wettstreit und deutsche Ten­nisbegeisterung), kam es zu einer rot-grü­nen Koalition in Hessen sowie einem Gip­feltreffen in Genf zwischen Reagan und Gorbatschow und passierte der Halleysche Komet die Erde.

1986 einigte man sich über den Kanaltun­nelbau und gab es einen wahren Grün­dungsboom in der BRD: ihre Zahl war seit 1981 deutlich gestiegen, es zeigte sich aber, daß viele Existenzgründer ihre Möglichkei­ten überschätzten. Zugleich gab es viele neue Fernsehprogramme, demonstrierten Zehntausende in Brock- und Wackersdorf ge­gen die Kernkraft, gab es auch Massen­demon­strati­onen in Chile gegen Pinochet, feierten mit einem Riesenspektakel die USA ihren Unabhängigkeitstag und gab es einen gewaltigen Innovationsschub in der BRD vor allem bei Autos sowie einen Boom für Kulturbauten.

1987 wurde ein EDV-lesbarer Ausweis in Westdeutschland eingeführt, gab es offizi­elle Feierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier von Berlin, wurde Klaus Töpfer neuer Um­weltminister, landete der Sportflieger Rust auf dem Moskauer Roten Platz, beging Barschel Selbstmord, war man sich zwi­schen Ost und West nun einig über die Ab­rüstung, wurden Blüms Pläne zur Gesund­heitsre­form bekannt und stellte Josef Beuys sein neuestes Werk unter dem Titel Blitz­schlag mit Lichtschein auf Hirsch vor.26

Anfang 1988 beteiligten sich ca. 80.000 Menschen an einer Menschenkette durch das Ruhrgebiet gegen die Schließung des Stahlwerkes Duisburg-Rheinhausen. Da­nach stand Uranus bereits im Steinbock, und als er Mitte des Jahres zurückkehrte, fand in London zu Ehren von Nelson Man­dela ein 10-stündiges Popkonzert statt, kam es zu einem Gipfeltreffen zwischen Gorba­tschow und Reagan in Moskau und refor­mierte die KPdSU Staat und Partei.

 

 


 

 

 

Uranus im Steinbock (1988 - 1995)

 

Im März 1988, als Uranus bereits vorläufig in den Steinbock getreten war, sprach das Land­gericht Freiburg zwei Polizeibeamte vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung an dem Demonstranten Günter Sa­re frei (natürlich steht der Steinbock immer für Polizisten), gab es 20 Tote, als eine Beton­wand (Uranus-Konjunktion-Saturn im Stein­bock!) in Tripolis auf eine Fußball-Zu­schauer­tribüne stürzte, starben in einem Fußballstadion in Neapel bei einer Panik 71 Menschen (die berüchtigte Duplizität der Ereignisse ist also immer astrologisch be­gründet), erörterte der SPD-Vor­stand die umstrittenen Thesen Lafontaines über die Arbeitszeit­verkürzung ohne vollen Lohn­ausgleich, gab es die schwerste Hochwas­serkatastrophe an der Donau seit 70 Jahren, bei der meh­rere Dämme brachen, stürzten zwei verschiedene Flugzeuge bei zwei Kernkraftwerken ab - einmal in Bayern, das andere mal in den USA (auch hier wieder die Duplizität der Ereignisse, denn auch sie waren eine Entsprechnung der immer noch gültigen Ura­nus-Saturn Konjunktion), wurde das Methadon als Ersatzdroge be­kannt, forderten  SPD, SED und KPdSSR ihre Regierungen gemein­sam auf, unver­züglich Verhandlungen über die Beseiti­gung chemi­scher Kampfstoffe zu beginnen, kam es zum Sowjet-Abzug in Af­ghanistan, zum Mord an einem PLO-Spitzenmann in Tunis, einem ersten US-Patent für ein gen­technisch manipuliertes höheres Le­bewe­sen, verbreiteten Giftalgen sich von der schwedischen Küste in die Nordsee (wobei man hier das gestörte Gesetz der Natur se­hen muß - die Betonung liegt hier auf Ge­setz statt Rhythmus wie unter der Jung­frau), erwies sich die Nordsee als Eu­ropas Müllkippe, kam es zu dem Seehund­sterben, zu einem Reformkurs in der unga­ri­schen KP und dem Monopolverzicht und der Dreiteilung der Post.

Danach stand Uranus vorübergehend nochmals im Schüt­zen. Im Dezember aber wurde dann der Berliner Kardinal Joachim Meißner Nach­folger von Höffner in Köln (wer die damit verbundenen Umstände be­rücksich­tigt, sieht, daß es sich eher um ein ungewöhnli­ches Steinbock-Ereignis als ein Schütze-Ereignis handelte). Danach kam es zu dem Flugzeugunglück in Lockerbie und dem Absturz eines Jagd­bombers auf Rem­scheid. Hätte der schon zuvor als Hardliner be­kannte Rupert Scholz etwas von Astro­logie verstanden, so wäre er sicher nicht ausgerechnet unter Uranus im Steinbock Vertei­digungsminister geworden: so aber konnte er sich dort nicht lange halten. Wei­terhin gab es ein schweres Erdbeben in Ar­meni­en und kam es zu diversen Abspal­tun­gen in der früheren Sowjet­union - etwa in Armenien und Aserbaidschan.

1989 gab es ein Erdbeben in Tadschikistan (SU) mit 3000 Toten, den Giftgasskandal um Imhausen, inszenierte Salvador Dali so­gar noch seinen Tod, traten 28 Gefangene der RAF in mehreren Ge­fängnissen in den Hungerstreik, wurde der Diktator Stroess­ner in Paraguay durch einen Putsch ge­stürzt, kündigte der sowjeti­sche Außenmi­nister Schewardnadse Truppenabzüge an, wurde erst­mals eine Frau in den USA - so­gar eine Schwarze - Weihbischöfin, rief Khomeini zur Ermordung des Autors Rush-die auf, verhängte Peking das Kriegsrecht über Tibet, kam es zu einer Wahl zum neuen Sowjetparlament, wurde die letzte Kaiserin von Öster­reich, Zita, in Wien mit Pomp begraben - ähnlich wie schon im vo­rigen Jahr Franz Josef Strauß in Mün­chen27, wurde in Polen die Solidarnosc wieder zu­gelassen, kam es zu dem uner­war­teten Bau­stop für Wackersdorf, zu der Kronzeugen-Regelung und der Ver­schär­fung des De­monstrations-Strafrechtes, gab es 95 Tote im Stadion von Sheffield, wurde das Er­scheinen der SPD-Wochenzei­tung Vor­wärts eingestellt, öffnete sich Un­garn, in­dem Zäune und Wachttürme abge­baut wurden, kam Gorbatschow nach China, um dort eher unbeabsichtigt Mas­sendemon­strationen zu provozieren, die dann blutig niedergeschlagen wurden, gab es eine Pro­test­kundgebung in Ostberlin, auf der die Wahlergebnisse angezwei­felt wur­den, kol­lidierte das sowjetische Kreuzfahrt­schiff Maxim Gorki mit einem Eisberg, starb Khomeini, gab es erstmals freie Wah­len in Polen und großen Jubel bei Gorba­tschows Staatsbesuch in Bonn, rehabilitier­te Ungarn Imre Nagy, streikten Bergarbei­ter in Sibiri­en für höhere Löhne (auch die Bergarbeiter sind natür­lich eine Steinbock-Entspre­chung), gründete der Senioren­schutz­bund(!) eine eigene Partei (der Name der Vorsitzenden lautete Trude Unruh und stand somit wieder einmal ganz wörtlich für Uranus im Steinbock!), kam es zu einer Massenflucht von DDR-Bürgern, hatte ausgerechnet Lummer, der Rechtsaußen der Berli­ner CDU, laut Spiegel-Bericht frü­her geheime Kontakte zum Si­cherheits­dienst der DDR gehabt, gab es erste Orga­nisationen der DDR-Oppositionen und durch ein neues Ladenschlußgesetz den er­sten langen Donnerstag in der BRD, Ho­neckers letzten Auftritt beim 40. Jahrestag der DDR, war Ungarn kein kommunisti­scher Staat mehr, gab es noch ein schweres Erdbeben in San Francisco sowie eine all­gemeine Empörung über ein absurdes Ge­richtsurteil, das be­stätigte, daß Soldaten potentielle Mörder seien, fiel die Ber­liner Mauer, wurde in Ostberlin Modrow Mini­sterpräsident, gab es auch in Bulgarien ei­nen Machtwechsel, wechselte Otto Schily von den Grünen zur SPD, kam es auch in Rumänien zu einem bluti­gen Umbruch und wurde der Literat Václav Havel Präsident der Tschechoslo­wakei.

1990 kam es zu einem Blitzbesuch von Helmut Kohl in Moskau, gab es Proteste in England über die Kopfsteuer, zwei Atten­tate ge­gen Lafontaine und Schäuble, warf die ehemalige DDR-Stasi Schatten, wurde Boris Jelzin Ministerpräsident der russi­schen Sowjetrepublik, wurde die Wirt­schafts- und Währungsunion beider deut­scher Staaten geschlossen, war Deutsch­land endlich vereint und souverän, wurde das Rockkonzert The Wall im ehemaligen Todesstreifen mit 30 000 Fans veranstaltet, verließ der Radi­kalreformer Jelzin die so­wjetische KP, besetzten Iraks Truppen Kuwait, kam US-Militär an den persi­schen Golf, wurde Rohwedder neuer Treu­handchef, gab es zum ersten Mal ein ge­samt­deutsches Parlament sowie Einigkeit zwischen den Supermächten und in Japan einen neuen Kaiser, bestätigte die gesamt­deutsche Wahl die Bonner Koalition und kam es zum Stasi-Verdacht gegen De Ma­ziere.

Anfang 1991 begann der Angriff auf den Irak und damit der sog. Golfkrieg, begann in Südafrika die Abkehr von der Apardheid, war zwar Kuwait endlich wieder befreit, blieb aber Saddam Hus­sein, wurden Rohwedder und Radjiv Gandhi erschossen, regierte in Paris erstmals eine Frau, wurde Jelzin Präsident von Ruß­land, brach in Ju­goslawien ein offener Bürgerkrieg aus, wurde der Warschauer Pakt offiziell aufge­löst, scheiterte ein Putsch gegen Gorba­tschow, kam es zu einem Gewaltausbruch gegen Auslän­der in Deutschland, dem sen­sationellen und später umstrittenen Fund eines Frühzeitmenschen im Ötztal und wurde am Ende offizi­ell festgestellt, daß die UdSSR nicht mehr existierte.

Im Januar 1992 verhinderte die algerische Armee die Machtüber­nahme der Islami­schen Heilsfront und gingen im wiederver­einig­ten Deutschland zunehmend Politiker aus den alten Bundesländern in die neuen, um dort leitende Funktionen zu überneh­men. Im Fe­bruar wurde der ehemalige Oberbürgermeister von Dresden, Berg­ho­fer, wegen Wahlfälschung verurteilt und kam auch einer der führenden ehemaligen DDR-Politiker, Erich Mielke, vor Gericht. Ähnlich ging es mehreren früheren Terrori­sten. Die Einrichtung der Treuhand, de­ren Funktion die Umstrukturierung der ehema­ligen DDR-Betriebe ist, was oft gleichbe­deutend mit deren Li­quidierung ist, steht natürlich auch für Uranus im Stein­bock. Gleiches gilt für die Person des Ver­teidi­gungsministers Stol­tenberg, der im März sein Amt abgeben mußte. Im April kam es zu schweren Rassenunruhen in Los Angeles wegen eines Gerichtsur­teiles, während in Peru der Staatspräsident Fuji­mori einen Staatsstreich von oben durchführte und die Verfassung außer Kraft setzte. Im Mai prä­sentierte der branden­burgische Mini­ster­präsident Stolpe 8 Ent­lastungszeugen ge­gen die Angriffe be­züg­lich seiner früheren Stasi-Kontakte und wurde in Palermo der Richter Falcone von der Mafia in die Luft gesprengt. Oskar Lafontaine mußte sich derweil gegen den Vorwurf ungerechtfer­tigter Pensionsbezüge verteidigen, wobei auch ganz allgemein ähnliche Praktiken an­derer Politiker ins Gerede kamen. Im Juni sorgte der Heretiker Eugen Drewermann für Unruhe auf dem Deutschen Katholiken­tag, während in Göteborg die Dänen als ab­solute Außen­seiter den bisherigen Fußball­weltmeister Deutsch­land schlugen und so Europamei­ster wurden. Im Juli wurde in Pa­lermo ein weiterer Richter ein Opfer der Mafia. In Deutschland machten zunehmend Rechts­radikale in schlimmer Weise auf sich auf­merksam. Im September wurde der der Korruption beschuldigte brasilianische Prä­sident Collor de Mello mit Schimpf seines Am­tes enthoben, und Rest-Jugoslawien wurde international als neuer Staat nicht anerkannt. Im Oktober gab es bei einer Häft­lingsrevolte in einem Gefängnis in Sao Paulo über 100 Tote. Als Ende des Monats das Bonner Parlament seinen neuen Plenar­saal bezog, stellte sich bald heraus, daß die Mikrofonanlage nicht funktionierte und auch unerkärlicherweise nicht kurzfristig repariert werden konnte. Im November wurde Bill Clinton zum neuen Präsidenten der USA gewählt und zog sich die Affäre Stol­pe so endlos hin, daß sich kaum noch jemand für sie interes­sierte. Wenig später kam es zu zwei Großbränden im Schloß Wind­sor und in der Wiener Hofburg. Im Dezember schließlich mußte Boris Jelzin erkennen, daß seine Position alles andere als ge­festigt war.

 


19 Die Zuordnung von Guerillas zu den Zwillingen ist auch völlig logisch, da es ja gerade die besondere Eigenart der Guerillataktik ist, immer gerade da aufzutauchen, wo es der Feind nicht erwartet, was dem eigentlichen Prinzip der Diskontinuität im Sinne der Zwillige entspricht.
20 Siehe dazu die Fußnote unter Uranus in den Fischen.
21 Natürlich sind solche Säureanschläge eine fast wörtliche Übersetzung des Uranus im Skorpion.
22 Schon den Meeresgrund, besonders aber das "Schwarze Meer" kann man als wörtliche Übersetzung des Skorpions sehen.
23 Siehe dazu das Buch Im Namen Gottes von David Yallup: die­ser Papst übernahm zwar den Namen seines großen Vorgängers, dachte jedoch nicht im Entferntesten daran, dessen erklärten Willen bezüglich einer dringend nötigen Bevölkerungspolitik in der Drit­ten Welt zu realisieren, sondern stellte diese sogar auf den Kopf. Daß er mit für seine Verhältnisse stets so geringem Gefolge auf seine diversen Reisen ging, lag vor allem daran, daß die meisten seiner Mitarbeiter wegen der Affäre im Zusammenhang mit der Banco Ambrosiano direkt an der italienischen Grenze verhaftet worden wären.
24 In diesen Tagen kam es zu einer Jupiter-Uranus-Konjunktion im Schützen.
25 Sein unfreiwilliger Hofmaler Deix entsprach dem gleichzeitigen Saturn in der Waage.
26 Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wann genau das Mor­gen­stern-Gedicht "Ich bringe dir, mein Hammel, Licht..." ver­öf­fent­licht wurde: das würde zu Uranus im Widder oder Stier pas­sen - es ist aber klar, daß Hirsche mit ihrem gewaltigen Geweih dem Schützen entsprechen. Bei der Veröffentlichung von Gedichten ist allerdings natürlich der Gesamtcharakter der Sammlung maßge­bend, und auch das nur, wenn die Veröffentlichung auf Resonanz stößt.
27 Das geschah unter Uranus-Konjunktion-Saturn in Schütze, was etwa die gleiche Aussage hat wie Uranus im Steinbock und zusätzlich eine Schütze-Beimischung, was hier für den Wunsch der Bayern nach einer Monarchie stehen mag.

Uranus von 1885 - 1934

 


Uranus in der Waage (1885-1890)

Aus Anlaß des hundertsten Jahres­tages der ersten Ausstel­lung der Berliner Akademie wurde 1886 im neuen Ausstel­lungsgebäude am Lehrter Bahnhof eine spektakuläre Jubilä­umsausstellung veranstaltet, die zu­gleich eine Selbstdar­stellung der wilhel­minischen Kunst- und Kulturpolitik war. Im Mittelpunkt dieser aufwendigen Feier stand ein Bauwerk, das als lebensgroßes Pasticcio farblich rekonstruiert Teile des Zeus-Tempels von Olym­pia und des Zeus-Altars aus Per­gamon "nachschöpfend" in sich vereinte. Zu diesem Zweck hatte man um einen terrassenförmigen Unterbau mit großer Freitreppe die Reliefs des großen pergamenischen Frieses in Gips kopiert und ergänzt. Die Jubiläumsausstellung bot eine gute Gelegenheit, die langjährigen archäologisch-künstlerischen Be­mühungen des Bildhauers Alexan­der Tondeur (1829-1905) um die Rekonstruktion der perga­menischen Gi­gantomachie einem breiten Pu­blikum vorzustellen. Die schöpferi­sche Rekonstruktion der antiken Monumente fand ihre konsequente Ergänzung im soge­nannten Per­gamonfest, das nicht weniger als 1300 Mitwirkende aus der Berliner Künstlerschaft zählte. Durch sie wurde die ephimere Verge­genwär­tigung antiker Ar­chitektur und Kunst zu einer großen Ku­lisse und das ganze Spektakel als Massen-In­szenierung unter Anton von Wer­ners Leitung zu einem riesigen "Lebenden Bild" und Fest-Theater. Durch das Pergamonfest versuchte - mit den Worten Werners - "die Künstlerschaft vermittels der Vor­führung vergangener Zeiten voll maleri­schen Rei­zes nicht nur den Sinn für Schönheit zu pflegen, son­dern auch die welt- und kunst­ge­schichtliche Bedeutung ins Grab der Vergessenheit gesunkener Epo­chen in ihrer äu­ßeren Erscheinung wieder lebendig zu machen". Tat­sächlich dürften die Grenzen zwi­schen historischem Ernst und komi­scher Travestie fließend gewesen sein; nicht we­nige Teile dieses Fe­stes sind denn auch von den Tücken der unfreiwil­ligen Komik schwer gezeichnet: "In den malerischen Massen­bildern von unbeschreiblich groß­artiger Wirkung unter dem strahlenden Sonnenschein dieses Tages waren die im Triumph mitge­führten Gruppen von gefan­genen Jungfrauen von entzüc­kender An­mut und Schönheit und ehrwürdi­gere Erschei­nungen als Priester wie die unserer lang­bärtigen Kollegen wird es auch im klassi­schen Alter­tum schwerlich gegeben haben. Am Abend entwickelte sich in einem Teile des Gartens ein lu­stiges anti­kes Jahr­marktsleben. Ein Charon führte Neugie­rige dorthin über den Styx, d.h. über den klei­nen künstli­chen Teich des Ausstellungspar­kes, und Julius Stinde ver­kündete als Prie­ster in einem kleinen Tempel den Eintre­tenden das Schicksal." Also nur noch in der Sphäre der Kunst und Künstlichkeit, nur noch als Fest fürs Auge ist der Gegen­satz zwischen der vermeintlichen Gel­tung der an­tiken Formenwelt und der längst au­ßer Geltung gesetzten antiken Lebenswelt, zwischen der historischen Wirklichkeit der Antike und der so ganz anderen Lebens­wirklichkeit des Jahres 1886 zu überbrüc­ken. Nicht ganz zu überhö­ren ist denn auch ein resignativer Unterton, der den inneren Wi­der­spruch dieser Evokation der Histo­rie und das Scheitern des assoziati­ven Histo­rismus bereits miteinzu­schließen scheint. Fast wie eine - dazu passende - historische Po­inte kann es erscheinen, daß dieses Fest-Spektakel ausge­rechnet durch den Freitod König Ludwigs II. im Starnberger See verschoben werden mußte und die Feststimmung da­durch wesentlich beein­trächtigt wurde.12

Ein ungewöhnliches Fest also, das uns die Bedeutung des Uranus in der Waage sehr plastisch vor Augen führt. Die Waage steht ja aber nicht nur für das gesellschaftliche Parkett, Diplomatie und Feste, sondern eben auch, wie wir schon wissen, für Wan­del und Gerechtigkeit - bzw. die Forderung danach. So kam es in England zu dem Rücktritt des konservativen Kabinetts Sa­lisbury und dem Amtsantritt des Liberalen William Gladstone, der allerdings bald an der Home Rule Bill für Irland scheiterte, so daß Salisbury wieder Ministerpräsident wurde. In den USA kam es im gleichen Jahr (1886) zu Streiks für den Achtstun­dentag und der Gründung der Gewerk­schaftsvereinigung American Federation of Labour - hier tatsächlich insofern eher dem Waage- als dem Wassermann-Prinzip ent­sprechend, als man dabei auf ein ideolo­gisch begründetes Reformprogramm ver­zichtete.

Am 28.Oktober 1886 wurde dann die Frei­heitsstatue an der Hafeneinfahrt von New York von Präsident Cleveland eingeweiht - ein Geschenk des französischen Volkes an das amerikanische, das zum Symbol der amerikanischen Ideale werden sollte - unter dem gleichzeitigen Neptun im Stier erhielt die Statue auch einen gewaltigen Sockel.

Das Jahr 1887 war durch die Politik des Bismarckschen Bündnissystemes gekenn­zeichnet, das auf dem politischen Gleich­gewicht der fünf Großmächte Großbritan­nien, Frankreich, Deutschland, Rußland und Österreich-Ungarn beruhte. Das fol­gende Jahr 1888 war das Drei-Kaiser-Jahr in Deutschland, in dem nach dem Tode Wilhelms I. und seines nur 99 Tage amtie­renden Sohnes Friedrich III. der Enkel Wil­helm II. auf den deutschen Thron gelangte (Waage im Sinne von Wende). Im Jahr 1889 fand dann auf Initiative der USA in Washington der erste Panamerika­nische Kongreß statt, an dem sich 19 Län­der be­teiligten und bei dem es um die Gründung einer Zollunion und die Einrich­tung eines Schiedsgerichtes für Streitfälle ging. Der Kongreß scheiterte jedoch am Mißtrauen der Teilnehmer. Das Jahr 1890 endlich brachte in den USA ein Antitrust-Gesetz und in Deutschland eine politische Wende nach der Entlassung des Reichs­kanzlers Bismarck durch den neuen Kaiser.

 

 


 

 

Uranus im Skorpion (1891-1897)

 

Im Dezember 1890, als Uranus gerade in den Skorpion getreten war, fand das legen­däre Indianermassaker am Wounded Knee statt, bei dem über 200 Indianer, unter ih­nen viele Frauen und Kinder, von amerika­nischen Soldaten brutal getötet wurden. Das ganze war wohl eher auf ein Mißver­ständnis zurückzuführen, denn ei­gentlich hatten sich die Indianer bereits ergeben und sollten schon entwaffnet werden, als sich dabei ein Schuß löste, wor­aufhin die Solda­ten in die Menge schossen. Da die früher riesi­gen Büffelherden, die eine wichtige Nahrungsgrundlage der In­dianer gebildet hatten, inzwischen von den Weißen fast voll­ständig ausgerottet worden waren, ent­stand nun ein neuer reli­giöser Ritus der In­dianer, durch den diese mit Hilfe von Gei­stertänzen die Rückkehr der Büffel und die Vernichtung der Wei­ßen zu erreichen hoff­ten.

Drei Monate zuvor hatte der französische Politiker und General Boulanger nach ei­nem gescheiterten Staatsstreich im belgi­schen Exil am Grabe seiner Geliebten Selbstmord begangen. 1891 grün­deten Pa­zifisten in Bern ein Internationales Frie­densbüro, des­sen Präsidentin Bertha von Suttner wurde. Unter anderem wurde von ihnen das Recht auf Kriegsdienstverweige­rung gefordert. Währenddessen wurde die französische Schauspielerin Sarah Bern­hardt auf Gastspielen in Europa und den USA von ihrem Publikum begeistert gefei­ert - ungeachtet ihrer vielen Skandale, die nicht hinderten und sogar förderten, daß sie überall, wohin sie kam, ein erstrangiges ge­sellschaftliches Ereignis war.

Leider kam es jetzt vermehrt zu Attentaten. So wurde die Ermor­dung des Präsidenten der französischen Republik, Carnot, durch einen italienischen Anarchisten für den deutschen Kaiser Wil­helm II. zum Anlaß für seine Umsturzvorlage - ein Aus­nah­me­gesetz gegen die Sozialdemokra­ten. Das Wort Anarchist ge­langte jetzt erst in den allgemeinen Sprachgebrauch: es ging zurück auf eine Gruppe von Revolu­tionä­ren, die sich den persön­lichen Terror und Anschläge gegen Staatsoberhäupter und hohe Beamte zum Ziel gesetzt hatten. Sie wirkten vornehmlich in Ruß­land, Ita­lien, Frankreich und Spanien. Das ur­sprüngliche Ziel der Anarchisten war aller­dings nur die Schaffung einer Gesell­schaft gewesen, in der alle Menschen unum­schränkte persönli­che Freiheit genießen sollten und die auf der Basis der Solidarität und Gerechtigkeit begründet war. In den USA kam es zuneh­mend zu Streiks und Arbeitslosenmärschen. Schon 1892 war es dort bei einem Feuerge­fecht zwischen streikenden Arbeitern der Carnegy Steel Company und Firmendetek­tiven gekom­men, bei denen es auf beiden Seiten zu To­ten kam, doch jetzt gingen hunderttausende von Arbeitern auf die Straße. Es gab in­folge von 15 000 Firmen­konkursen allein in 1894 inzwischen drei Millionen Arbeitslose. So berechtigt also ihre Demonstrationen waren, so wenig Ver­ständnis fanden sie doch bei der Regierung, die die Streiks durch das Militär nieder­schlagen ließ.

Ende 1894 erregte der sog. Dreyfus-Prozeß in Frankreich großes Aufsehen. Es ging da­bei um ein Kriegsgerichtsverfahren gegen den Offizier Alfred Dreyfus, bei dem dieser wegen angeblichen Verrats militärischer Ge­heimnisse zu lebenslänglicher Verban­nung verurteilt und degradiert worden war. Ob­wohl die Anklage auf fragwürdigen Do­ku­menten beruhte, blieb die Revision er­folg­los. Besonders die jüdische Abstam­mung des Offiziers wurde von der rechts­gerichte­ten Presse zum Anlaß genommen, eine möglichst rigorose Bestrafung zu for­dern. Als sich endlich die gegen Dreyfus vorge­legten Beweisstücke zwei Jahre spä­ter als Fäl­schung erwiesen und der eigentli­che Schuldige ermittelt wurde, beantragten seine Angehörigen die Wiederaufnahme des Verfah­rens, mußten dabei aber erleben, daß eine große Gruppe aus Mon­archisten, Großbürgertum, Klerus, Adel und Armee dagegen Wider­stand leistete, weil für sie damit das Ansehen der Armee und des Staates auf dem Spiel stand und weil sie durch eine erfol­geiche Revision eine Stär­kung der politischen Linken befürch­tete. Der Schriftsteller Emile Zola veröffentlichte daraufhin einen Zeitungsartikel unter dem Titel "J'Accuse" ("Ich klage an"), in dem er sich für Dreyfus einsetzte und energisch die Wiederaufnahme des Verfahrens forderte. Die Angelegenheit war inzwischen zu ei­nem erstrangigen Skandal geworden und hatte ei­ne breite Öffentlichkeit gegen die staatlichen Organe aufge­bracht.

1894 entdeckte der japanische Bakteriologe Kitasato den Pestba­zillus, 1895 der deut­sche Physiker Conrad Röntgen die später nach ihm benannten Röntgenstrahlen, und 1896 der französische Physiker Henri Becquerel die radioaktive Strahlung des Urans.

1897 fand in Basel auf Initiative des jüdi­schen Journalisten Theodor Herzl der erste Kongreß der Zionisten statt. Der mit dem im 19. Jahrhundert entstandenen Nationa­lismus einhergehende Antisemitismus hatte in den Juden die Vorstellung und Sehnsucht nach einem eigenen Judenstaat in Palästina erweckt, die jetzt zunehmend Gestalt an­nahm.

Schließlich sollten wir hier noch August Strind­bergs berühmte Inferno-Krise erwäh­nen. Sein Buch Inferno erschien im Herbst 1897, hatte aber erst in den folgenden Jah­ren unter Ura­nus im Schüt­zen Erfolg. Das Ereignis selbst aber, das Strind­berg als au­thentische Biografie ausgab, paßte zum Skorpion, weil es dabei um einen Fall der Verfolgung durch Magie ging, dem der Au­tor angeblich ausgesetzt war und an dessen Ende die völlige innere Zerrüttung stand. Es mag aber sein, daß er sich hier nur ent­sprechend dem zu solchen Dingen neigen­den Zeitgeist (Symbolismus) interessant machen wollte, dem er sich schon in den Jahren zuvor anzupassen versucht hatte.

 

 


 

 

 

Uranus im Schützen (1898-1904)

 

In der Zeit um die Jahrhundertwende wur­den besonders viele im neugotischen Stil errichtete Kirchen eingeweiht, so etwa in Köln im Mai 1900 die Herz-Jesu-Kirche und im Januar 1902 die Agnes-Kirche. Die Grundsteinlegung erfolgte natürlich einige Jahre zuvor sinnigerweise unter dem Skor­pion. Wir müssen aber immer wieder be­rücksichtigen, daß aus den Konstellationen nur die Thematisierung, niemals jedoch die Lösung einer Entspre­chung hervorgeht. So wurde im September 1898 die sog. Hun­dert-Tage-Reform in China vereitelt, doch kam es andererseits ein Jahr darauf zur Er­sten Haager Friedenskonferenz. In diesem letzten Jahr des Jahrhunderts wurde auch das Buch Die Grundlagen des 19. Jahr­hunderts von H.S. Chamberlain veröffent­licht, in dem er ein Resumè zu ge­ben ver­suchte und dabei unter anderem die These von der Überlegenheit der germani­schen Rasse vertrat, was man nicht nur un­ter Uranus im Schützen, son­dern auch un­ter den gleichzeitig gegebenen Pluto und Nep­tun in den Zwillingen sehen muß. Ab 1897 übernahm auch Nietzsches Schwester Eli­sabeth die Pflege ihres drei Jahre später verstor­benen und schon lange nicht mehr zurechnungsfähigen Bruders, dessen Werk sie noch zu seinen Lebzeiten in äußerst ei­genmäch­tiger und verfälschender Weise an die Öffentlichkeit brachte, so daß wir noch heute damit beschäftigt sind, das dadurch bela­stete Bild des Philosophen wieder zu­rechtzurücken. Andererseits hätte er sonst vielleicht nicht diese Resonanz gefun­den, doch ist es die Frage, ob diese ein Selbst­zweck sein kann. Eine treffende Ent­spre­chung von Uranus im Schützen war der Vorgang aber auf jedem Fall.

Im März 1900 begann der britische Ar­chäo­loge Arthur John Evans auf eigene Kosten mit den Ausgrabungsarbeiten des Knossos-Palastes auf Kreta, der 1600 v.Chr. errichtet worden war. Hiermit be­gann zugleich die Erfor­schung der mi­noischen Kultur in Griechen­land. Im Juni 1900 wurde im deutschen Reichstag die Lex Heinze verab­schie­det, die selbst für diese Zeit besonders prüde war: sie unter­sagte jede körperliche Entblößung und ver­suchte selbst Gemälde mit der Darstellung nackter Menschen der Öffentlichkeit zu ent­ziehen, worüber es zu einer Flut von Prozessen und die Karika­turisten und Sati­riker zu einem ergiebigen Thema kamen. Ande­rerseits wurde im Sep­tember durch ei­nen Erlaß des preußischen Kultusministeri­ums der Aufklärungsunter­richt an den staatlichen Schulen eingeführt.  In Paris kamen Sozialisten aus 21 Län­dern zu einem Kongreß zusammen. Schon im Juli hatte Kaiser Wilhelm II. seine sog. Hunnenrede gehalten, auf der er, wie schon erwähnt, sei­ner Meinung Ausdruck verlieh, daß niemals wie­der ein Chinese es wagen würde, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. Sol­che markigen Sprüche paßten nicht nur für sich unter den Uranus im Schützen, son­dern setzen uns auch in die Lage, diesen Kaiser insgesamt diesem Prinzip zuzuord­nen. In ge­wisser Weise traf er ja auch mit derartigen Reden den Zeit­geist.

Im Januar 1901 trat das deutsche Urheber­rechts-Gesetz in Kraft, und im Februar wurde der Plan einer elektrischen Schnell­bahn Berlin-Hamburg bekanntgegeben, die bereits eine Höchstgeschwin­digkeit von 200 km/h erreichte. Im März wurde die Wuppertaler Schwebebahn eingeweiht, im April kam es in Katalonien zu Demon­stra­tionen gegen die Jesuiten und im Mai zur Fertigstellung ei­nes deutsch-englischen Ka­bels sowie zu einer seltsamen Naturer­schei­nung, nämlich Staub aus Afrika, der über Niederschläge bis nach Norddeutschland gelangte. Im Juni startete man zur Automo­bilfernfahrt Paris-Berlin, wurde die Recht­schreibung reformiert und gab es zwei be­deutsame Kunstausstellungen - nämlich die erste Picasso-Ausstellung in Paris und der Berliner Secession, die der Jugendstil­male­rei zu mehr Resonanz zu verhelfen ver­suchte. (Ihre vegetativ-ornamentale Aus­formung prägte sich erst zwei Jahre später deutlicher aus, als Neptun in den Krebs trat.13 ) In dieser Zeit machte auch der Ex­pressionismus immer mehr von sich reden. Im Juli bestellte Wilhelm II. einen Wis­sen­schaftler zum Südpolexpeditionsleiter, im August kam es zum ersten nachgewiesenen Flug mit einem Motorflugzeug mit einer Flugkonstruktion der Brüder Wright, und nur zwei Monate später um­flog ein Brasi­lianer den Pariser Eiffelturm mit einem lenkbaren Luftschiff.

Anfang des Jahres 1902 wurden im Prado von Madrid Werke von El Greco im Rah­men einer Sonderausstellung dem Publikum neu vorge­stellt. Daß sich diese Ausstellung als sensationelles kulturel­les Ereignis er­wies, war eigentlich erstaunlich, da die Bil­der schon früher unbeachtet im Prado ge­hangen hatten und sich der vorhergehende Museumsleiter noch zwanzig Jahre zuvor darüber beschwert hatte, daß er diese "absurden Karikaturen" nicht ent­fernen durfte. Jetzt aber wurden die Bilder plötz­lich mit ganz anderen Augen gesehen, und El Greco gilt seither als wiederent­deckt. (Übrigens passen seine langgezogenen Fi­guren auch zu Neptun in .) Im April die­ses Jahres startete dann ein engli­scher Abenteurer zur ersten Reise mit ei­nem Wohnwagen um die ganze Welt, die er al­lerdings bereits in Rußland abbrechen mußte, weil der Motor seines Gefährts den Geist aufgab. Im Dezember wurde der Nil­staudamm bei Assuan eingeweiht sowie der Helgolän­der Leuchtturm in Betrieb ge­nommen, während sich die deutschen Fa­milien zu Weihnachten an den ersten elek­trischen Christbaum­kerzen erfreuen konn­ten - eine wunderbare Entsprechung von Ura­nus im Schützen, da der dem Wasser­mann zugeordnete Uranus ja auch immer für Elektrizität steht und der Weihnachts­baum mit allem, was wir damit verbinden, leicht als Entsprechung des Schütze-Prin­zips gesehen werden kann.

Im Jahre 1903 wurde der erste internatio­na­le Historikerkongress in Rom eröffnet, begann in Norwegen die Produktion der er­sten Fran­kiermaschine, tauchte Mus­solini erstmalig in den Polizeiakten der Stadt Bern auf, wurde der erste Wild­westfilm aufgeführt, startete man zur ersten Tour de France, wurde die Internationa­le Konfe­renz für drahtlose Telegrafie in Berlin er­öffnet, kam es zum ersten sozialdemo­krati­schen Kongreß in Finnland, wurde die En­gadinbahn eingeweiht, wurden in Schweden erstmals Autos in Serien­ferti­gung hergestellt, erreichte auf einer Ver­suchs­strecke bei Berlin ein Siemens-Trieb­wagen die Geschwindigkeit von über 200 km/h und wurde in Bayern ein Verkehrs­ministe­rium eingerich­tet.

Im Jahre 1904 erreichte die britische Tibet-Expedition die ti­betische Hauptstadt Lhasa, während es in Amerika zum ersten Rund­flug der Brüder Wright und in Innsbruck zu Unruhen wegen der Eröffnung der italieni­schen Rechtsfakultät kam. Außerdem wurde in New York das höchste Gebäude der Welt fertiggestellt. Doch sehr deutlich zeigte sich auch, daß inzwischen der Nep­tun von den Zwillingen in den Krebs getre­ten war, wodurch die Ange­legenheiten des Schütze-Uranus einen anderen Akzent be­kamen: so wurden in Preußen erstmals die studierenden Frauen zum Lehrer­examen zugelassen, kam das Matrosenkleid in Mo­de, konnte die blinde und taubstumme He­len Keller ihr Studium beenden und das fünfzigjährige Jubiläum des Dogmas von der unbefleckten Emp­fängnis gefeiert wer­den.14

 


 

 

Uranus im Steinbock (1905-1911)

 

Im Jahre 1905 veröffentlichte Albert Ein­stein drei bedeutende Beiträge in der Zeit­schrift Annalen der Physik (nur unter an­derem) seine spezielle Relativitätstheorie. Dem Uranus im Steinbock können wir das aus zwei Gründen zuordnen - nämlich zum einen, weil er darin mit uralten Denkge­wohnheiten auf­räumte, wie etwa der Kon­stanz der Zeit und des Raumes sowie der Vorstellung von der objektiven Gegeben­heit des Äthers, und zum anderen we­gen der ungewöhnlichen Resonanz, die er als nur halb professioneller Wissenschaftler bei den emeritierten Kol­legen damit fand. Wie ungewöhnlich diese Umstände waren, wis­sen die Wissenschafts-Insider am aller­be­sten: schon Guten­berg mußte im Gegen­satz zu Edison die traurige Erfahrung der mei­sten Er­finder machen, daß es durchaus zweierlei sein kann, eine genia­le Idee zu haben und sie auch als solche anerkannt zu bekommen! Einstein war bis dahin nur ein relativ unbedeutender Angestell­ter des Ber­ner Patentamtes gewesen. Oftmals soll er nur in Pantoffeln zum Dienst erschie­nen sein, und dement­sprechend war sein dorti­ges Ansehen. Als er seinem Direktor nun mitteilte, er wolle seinen Dienst quittie­ren, um eine Professur in Zürich an­zuneh­men, soll dieser ihn angeschrieen haben: "Das ist nicht wahr, Herr Einstein - das glaube ich Ihnen nicht. Das ist ein fauler Witz!" Auf jeden Fall war dieser Vorgang eine gute De­monstration dessen, was wir uns unter dem Uranus im Steinbock vorstel­len kön­nen.

Im gleichen Jahr wurde in Petersburg eine Militärdiktatur er­richtet, demonstrierten Schriftsteller und Gelehrte für die Freilas­sung Maxim Gorkis und kam es zum sog. Blutsonntag in Pe­tersburg, an dem eine Ar­beiterdemonstration durch das Militär auf­gelöst und 1000 Demonstranten erschossen wurden. In Italien wurde eine Vegetabi­lische Gesellschaft gegründet, in Deutsch­land streikten Bergarbeiter, und in Rußland bat eine Adelsver­sammlung den Zaren, die kaiserliche Herrschaft zu erhal­ten. Zwi­schen Paris und Berlin kam es zum Streit um Marokko, der so­gar Wilhelm II. zu ei­nem improvisierten Besuch in Ma­rokko ver­anlaßte. Die daraus sich ergeben­den deutschfeindlichen Artikel in der fran­zösi­schen Presse bewirkten wiederum eine Bör­senpa­nik. Im Mai kam es zur See­schlacht von Tsushima, bei der die Japaner die russi­sche Baltikumflotte vernichteten und durch die die Japaner sich als weltpoli­tischer Machtfaktor etablierten. Im Juni ergaben sich Straßenkämpfe im polnischen Lodz und Kämp­fe zwischen der Bevölke­rung und den Truppen in Rußland; außer­dem erfolgte die Potiemkin-Meuterei. In Deutschland wurde in­zwi­schen der Künst­lerbund Die Brücke gegründet, was be­sonders auch deshalb unter dem Steinbock zu sehen ist, weil es sich da­bei sämtlich um Architektur­studenten handelte (Jupiter stand zudem im Stier). Im Juli wurde unter merkwürdigen Umständen der Vertrag von Björkö unter­zeichnet, wobei sich Wilhelm II. als Ama­teur-Diplomat versuchte.

Natürlich sind unter Uranus im Steinbock immer Erdbeben, Vul­kanausbrüche und Explosionen aller Art zu erwarten, weil das eine naheliegende Übersetzung ist: Im Jahre 1906 kam es zu Erd­beben und Vulkanaus­brüchen auf einer Insel bei Palermo sowie zum Erdbeben in San Francisco, wurde Valparaiso durch ein Erd­beben und Feuer zerstört und vernichtete ein Erdbeben in Nord­sizilien viele Ortschaften. 1907 wurde bei einem schweren Erd­beben in Mexiko die Stadt Acapulco und durch ein anderes in Kalabrien mehrere Orte zerstört. Der menschliche Erfindungs­geist stand dabei hinter den Naturkräften nicht zurück, denn durch die Explosion einer Pulverfabrik wurde ebenfalls eine ganze amerikanische Stadt zerstört, außerdem kam es zu einer Serie von Grubenexplosionen in den USA. 1908 gab es eine weitere Erdbebenka­ta­strophe in Sizilien und 1910 ein Erd­beben in Costa Rica. 1911 erfolgten noch weitere Erdbeben in Mexiko und Kali­fornien. An verwandten Ereignissen fehlte es nicht: 1906 wurde eine private Bomben­fabrik in Hamburg ent­deckt, kam es zu ei­nem Atten­tat auf den russischen Minister­prä­sidenten Stolypin, das vorerst scheiterte, während ein weiteres in 1911 für ihn einen tödlichen Ausgang hatte; 1907 gab es eine Revolu­tion in Argentinien und einen Streik der Seeleute in Mar­seille und 1908 ein Attentat auf den Schah von Persien, bei dem er aber unverletzt blieb, während ein Attentat in Lissabon auf den portugiesi­schen König und seinen Thronfolger tödlich ver­lief. 1909 mußte wegen eines Arbeits­streiks in ganz Schweden der in Stockholm geplante Weltfriedenskongreß abgesagt werden. 1910 kam es in Hamburg zu Streik und Aussperrung, zu Unruhen in Per­sien, zum Lohnkampf der britischen Arbeiter und zur Revolu­tion in Portugal. 1911 folgte der Ausbruch der Revolution in den Großstäd­ten Chinas und ein Attentatsversuch auf den ameri­kani­schen Präsidenten Taff.

Blicken wir nochmals nach 1905 zurück, so sehen wir den briti­schen Kriegsminister das Heer reformieren, während sich in der Ar­chitektur ein neuer äußerst sachlicher Stil zeigte, der durch Funktionalität gekenn­zeichnet war (Industriearchitektur, z.B. die Turbinenhalle von Behrens). In dieser Zeit veranlaßte auch die zunehmende Sorge vor Umsturzversuchen die gekrönten Häupter Eu­ropas, ihre Gelder außerhalb ihrer Län­der in Sicherheit zu bringen. Der Zar ver­fügte inzwischen die Auflösung der Duma, und der Journalist Maximilian Harden deck­te in Deutschland ei­nen Homosexuel­len-Skandal auf, in den höchste Kreise verwickelt wa­ren. In der Malerei wurde der Kubismus zur Mode (die kubi­schen Formen sind natürlich eine Entsprechung des Stein­bock-Prin­zips), in Rußland forderte der Adelskongreß energi­sche Maßnahmen ge­gen die Anarchie und kam es zu Todes­ur­tei­len gegen Zarenverschwörer.

Natürlich können wir auch die Geburt der abstrakten Malerei im Jahre 1910 unter Uranus im Steinbock sehen, weil dadurch eben­falls mit uralten Gewohnheiten gründ­lich aufgeräumt wurde (das war nach der Erfindung der Fotografie schon lange über­fällig gewesen). Daß ein Dieb sogar die Mona Lisa aus dem Pariser Lou­vre stahl, war schon mehr als ein Ganovenstück, über das man noch schmunzeln konnte. So viel Dreistigkeit war eigentlich nur noch däm­lich - ebenso wie die Tatsache, daß er das Gemälde spä­ter allen Ernstes einem Kunst­händler zum Verkauf anbot, dem es aller­dings nicht ganz unbekannt vorkam.

Erwähnen wir noch am Schluß zwei äu­ßerst passende Ereignisse des Jahres 1911: da kam es bei einem Flugwettbewerb in Frank­reich zu einem Flugzeug­absturz, was an sich vor dem Hintergrund der anderen Vorkommnisse nicht besonders erwäh­nenswert wäre, wenn dabei nicht ausge­rechnet - als Steinbock-Entsprechung - der französische Verteidigungsmi­nister getötet worden wäre (der sich nicht in der Maschine, sondern am Boden befand und dabei getroffen wurde). Außerdem er­laubte nun ein kaiserli­ches Edikt allen Chi­nesen, den Zopf abzuschneiden, was seit­dem sprichwörtlich für alle Uranus-im-Steinbock-Dinge geworden ist.

 


 

 

 

Uranus im Wassermann (1912-1918)

 

Wie schon mehrfach gesagt, ändern sich die Dinge insgesamt nicht plötzlich mit dem Zeichenwechsel eines Planeten in der Weise, daß es völlig offensichtlich ist, son­dern im allgemeinen verän­dert sich nur der Akzent. Es kommt also auch hier weiter­hin zu revolutionären Ereignissen, doch steht dabei nicht mehr die Zerschlagung von Machtblöcken und sonstigen Steinbock-Ent­spre­chungen im Vordergrund, sondern die zumeist uranisch-unge­wöhn­lichen Er­eignisse beziehen sich jetzt auf Wasser­mann-Ent­spre­chungen wie die Arbeiterbe­wegung, Technologie, Elektrizität u.dgl. Wie immer müssen wir dabei die Stellung der anderen mun­danen Planeten beachten: Pluto steht noch in den Zwillingen und Neptun im Krebs - es geht also gleichzeitig um Dinge wie Arti­kulation, Information usw. und Krebs-Entsprechungen wie etwa die Frauenfrage. Was ist also zu erwarten? Wir können vermuten, daß z.B. die Frauen sich deutlicher artikulieren und dabei zu ausgefallenen Mitteln im Sinne des Uranus im Wassermann greifen - womit wir schon bei den Suffragetten sind. Bereits im März 1912 zerschlugen Suffragetten in London Fensterscheiben in den Häusern von Politi­kern, was wiederum Gegendemonstratio­nen von Studenten zur Folge hatte. Das brachte die Suffragetten jetzt aber nur noch mehr auf, so daß sie im Februar des folgen­den Jahres zeigten, was der Uranus im Wassermann wirklich bedeutet: sie spreng­ten nun sogar das gerade neugebaute Land­haus (Jupiter stand im Steinbock) des briti­schen Schatzkanzlers (Saturn stand im Stier) David Lloyd George in die Luft. Das waren aber noch Einzelaktionen - als je­doch im folgenden Jahr auch noch der Ju­pi­ter in den Wassermann trat, häuften sich diese Dinge. Im Fe­bruar 1914 schlugen sie auch dem Innenminister die Fenster ein, brannten den Pavillon des gehobenen La­wn-Tennisclubs nieder (Saturn stand jetzt in den Zwillingen), zerstörten Gemälde in Museen usw.

Kommen wir aber zu anderen Entspre­chungen: 1912 nahm die Süd­pol­-Expedi­tion von Robert Scott ein tragisches Ende - wegen ei­nes Blizzards! Wenig später ramm­te der Luxusdampfer Titanic einen Eisberg und versank im Ozean, mitsamt der Mehrzahl der Passa­giere, die nicht nur we­gen des glitzernden Geschmeides, sondern auch wegen der schillernden Charaktere (Comedie humai­ne) als Wassermann-Ent­sprechung gesehen werden können. Im gleichen Jahr brannte das Berli­ner Theater des We­stens nieder. Daß der Papst sich ge­nötigt sah, Kinovorführungen in den Kir­chen zu verbieten, paßt auch hierher - ebenso wie das Verbot für Zigeu­ner, in Deutschland noch öffentlich umherzuzie­hen. Außerdem brach ein Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet aus, konnte die SPD einen Anstieg der Mitgliederzahlen verzeichnen, er­schien in der Sowjetunion die Prawda zum ersten Mal und stürzte eine Brücke an den Niagarafällen ein. Im De­zem­ber wurde noch bei Ausgrabungen in El-Amarna die Büste der Kö­nigin Nofretete entdeckt (sie war ja die Gemahlin Echna­tons, des ausge­fallen­sten ägyptischen Pha­raos überhaupt, und zudem später auf merk­würdige Weise aus der Öffentlichkeit verbannt gewesen).

Lassen wir einmal die Ereignisse des fol­genden Jahres 1913 für sich sprechen: in diesem Jahr gründerte Rudolf Steiner seine Anthroposophische Gesellschaft, entstand die erste drahtlose Ver­bindung zwischen New York und Ber­lin, legte der US-Präsident den Grundstein zu einem Indianerdenkmal, erfolgte eine Dynamit­explosion in Baltimore, wurden bei Halle ein Gräberfeld mit Urnen aus der Bronzezeit entdeckt und in Toulon 165 Opi­umknei­pen registriert, kamen durch schla­gende Wetter in den USA 115 Berg­leute ums Leben, erfolgte trotz der Titanic-Kata­strophe in Hamburg die Taufe noch gewal­tigerer Ozeanriesen (Jupiter stand im Stein­bock), wurde der 100. Geburtstag von Ri­chard Wagner gefei­ert, fand ein Friedens­kongreß in Den Haag statt, wurde der Plan für den Ärmelkanaltunnel und die Tatsache, daß sich die Zahl der Rechtsanwälte in Deutschland seit 1900 mehr als verdoppelt hatte, bekanntgegeben, versank ein weiterer britischer Passa­gierdampfer, kam es zu ei­ner Grubenexplosion in Cardiff und zum Jugendtag auf dem Hohen Meißner, zu ei­nem weiteren Erdbeben in Peru und dem kaiserlichen Verbot für deutsche Offiziere, in Uniformen Tango zu tanzen. In den Städten wurde dank der Be­leuchtung die Nacht zum Tage, die Zahl der Ärzte hatte sich dramatisch gesteigert und bei einer Unwetterkatastrophe in den Pyrenäen schlug ein Blitz in... - na wo wohl? Natür­lich:  ...in eine Zündstoff-Fabrik ein.

1914 stand Europa im Wagner-Fieber, nachdem die 30jährige Urhe­berrechts­schutzzeit abgelaufen war, wurde in Lon­don erstmalig Radium bei der Krebs-Be­handlung eingesetzt, kam es in Rußland zu Streiks, forderte ein Schiffsunglück vor Kanada 700 Tote und kam es endlich zum Mord von Sarajewo.

Im Februar 1915 wurde dann die Weltaus­stellung von San Franzi­sco sowie die Ber­ner Konferenz der Sozialistinnen eröffnet. Ebenfalls in Bern fand die Internationale sozialistische Ju­gendkonferenz statt, wäh­rend in Skandinavien die Narvik-Bahn elek­trifiziert wurde.

1916 wurde im Cabaret Voltaire in Zürich die Dada-Bewegung ge­gründet: wer immer noch keine Vorstellung vom Wassermann hat, kann sich diese Kunst-Bewegung vor Augen führen! Prof. Sauer­bruch entwic­kelte inzwischen eine künstliche Hand, Karl Lieb­knecht wurde zu 30 Monaten Zucht­haus verurteilt, ein Sozialist erschoß einen Grafen, und am Ende des Jahres starb Rasputin ei­nes gewaltsamen Todes.

Anfang 1917 entstanden weitere Unruhen in Rußland, in deren Verlauf der Zar gefan­gengenommen wurde und die zu der russi­schen Februarrevolution führten. Im April kam es auch zu Mas­senstreiks im deutschen Reich, und im August meuterten Matrosen in Wilhelmshaven.

1918 erfogten dann auch Streiks in Öster­reich, während in Deutschland der Spar­takusbund einen Massenstreik mobilisierte. Die Streikleitung in Berlin brach aber bald den Ausstand der Munitionsarbeiter ab (vermutlich war da ohnehin genug Wasser­mann-Entsprechung vorhanden15). Im Juli geschah der Mord an der Zarenfamilie und im November eine Meuterei der deutschen Hoch­seeflotte, die die Revolution in Deutschland einleitete. Nun regierte der sog. Rat der Volksbeauftragten, und wäh­rend Deutsch­land kurz vor dem Bürger­krieg stand, wurde es zudem von einer Grip­pewelle heimgesucht, die 196.000 Tote forderte.

1919 erfolgte der Spartakusaufstand in Berlin und wurden Rosa Lu­xemburg, Karl Liebknecht und der bayrische Ministerprä­sident Kurt Eisner ermordet.16

 


 

 

 

Uranus in den Fischen (1919-1926)

 

Somit sind die Akteure des Wassermann­-Prinzips also alle noch rechtzeitig den Theatertod gestorben, damit der neue Akt begin­nen kann. Auch die Requisiten und Kulissen werden von der Bühne geschoben, und wo etwa die Arbeiter nicht von sich aus den Streik niederlegen, da kommt ihnen die andere Seite entgegen, denn unter Ura­nus in den Fischen scheint soetwas eben­sowenig zu gehen wie unter Neptun in den Fischen. Uranus ist aber immer für Überra­schungen gut, weshalb es auch nicht wun­dert, daß er sich ausgerechnet den 1. April des Jahres 1919 für den Zeichen­wechsel in die Fische aussuchte - als zudem gerade wieder ein Generalstreik im Ruhrrevier ausgerufen worden war. Bereits am 7. April lenkte aber nun die Reichsregierung ein und gab be­kannt, daß sie den Sozialdemokraten Carl Sievering zum Reichs­kommissar für das Ruhrgebiet bestellt hatte, der seinerseits eine Verbesserung der Lebensbedingungen versprach. Seine Ver­handlungsbereitschaft veranlaßte auch die Arbeiterführer zum Einlenken, so daß schon am 11. April die Arbeit wieder aufgenom­men werden konn­te. Auch Lenin sah sich jetzt veranlaßt, die Weltrevolution noch nicht für reif zu erklä­ren. Wie man das sieht, hängt natürlich von der politischen Einstellung ab, doch muß man sicher feststellen, daß damit weder für die Kapitali­sten noch für das Volk bessere Zeiten anbrachen, denn gerade die Fische können dafür sorgen, daß einem flau im Magen wird - um ein Bild zu gebrauchen, das sich bald sehr wörtlich ein­stellen sollte und zudem den Fische-Archetypus sehr bildhaft beschreibt. Schon ab 1920 kam es nämlich zu einer Hungersnot im deutschen Reich, während gleichzeitig der Film Das Kabinett des Dr. Caligari uraufgeführt wurde. Die Fische stehen wie ge­sagt auch immer für Dinge, die in irgendeiner Weise die Reali­tät transzendieren, was nur in den Bereichen erbaulich ist, in denen man sich geistig über diese erheben kann, nicht je­doch in solchen, in denen man sich übli­cherweise eher die Qualitäten des Gegen­zeichens Jungfrau wünscht - wie etwa im Bereich der Finanzen. Die Fische machten daraus aber jetzt eine wirklich maß- und grenzenlose Angelegenheit: bereits im Ja­nuar 1922 stand der Dollarkurs auf 188,25 Mark, und drei Monate später stand er schon auf 251,75, während der Zentner Kartoffeln das hundertfache des üblichen Friedenspreises kostete. Noch im gleichen Monat wurde der Film Nosferatu urauf­ge­führt und stieg der Dollarkurs auf 329 Mark. Bis zum August gab es ei­ne wahre Inflationslawine, in den Kinos die Urauffüh­rung des Filmes Dr. Mabuse und in Ober­ammergau nach zwölfjähriger Pause - denn Steinbock und Wassermann mögen so et­was nur bei anderer Akzentsetzung - wie­der eine Aufführung der Passi­onsspiele. In den USA begann Anfang der 20er Jahre die Prohibitionszeit (Alkoholverbot), was wir nicht nur wegen des Alkohols selbst den Fischen zuordnen können, sondern auch deshalb, weil diese Umstände zum Aufstieg der Mafia und sonderlich solcher Gestalten wie Al Capone führten.

Nicht nur christliche Kirche wird den Fischen zugeordnet, sondern die Mystik ganz allgemein. 1921 stieß, wie schon unter Neptun im Löwen erwähnt, der indische Dichter Rabindranath Tagore in Berlin wie zuvor schon in England und in Frankreich auf eine ungewöhnliche Resonanz. Das Auditorium der Berliner Universität war überfüllt, als er dort eine Lesung hielt. Doch war auch er vom Westen beein­druckt und wünschte sich eine größere ge­gensei­tige geistige Befruchtung, wenn er auch andererseits die Gegensätze zwischen östli­cher und westlicher Kultur oft etwas allzu sehr dramatisierte, wie es uns heute er­scheint. Das geht etwa aus Passagen sei­nes Buches Roter Olean­der hervor:

Was für eine schreckliche Wirklichkeit ist für uns der We­sten, dessen Bezie­hung zu uns so wenig menschlich ist. Wir erfahren ihn... als eine titanische Macht, die eine endlose Neugier hat, zu analysieren und zu wissen, aber keine Nei­gung, zu verstehen; die zahl­lose Arme hat, um zu zwingen und an sich zu ziehen, aber keine Heiterkeit der Seele, um zu erfahren und sich zu erfreuen. Es ist aber eine organisierte Leidenschaft der Habgier, die sich im Namen der euro­päischen Kultur aus­breitet.

Uns hilft dieser Textauszug, den Stand­punkt der Fische zu ver­stehen, den wir auch Hesses Roman Peter Camenzind (1904 unter Jupiter in den Fischen er­schie­nen) entnehmen können. An einer Stelle heißt es dort:

Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dich­tung den heuti­gen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen und lieb zu ma­chen. Ich wollte sie lehren, auf den Herz­schlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Göt­ter und von uns selbst ge­schaffen, son­dern Kinder und Teile der Erde und des kosmi­schen Ganzen sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Lie­dern der Dichter und gleich den Träumen unserer Nächte auch Ströme, Meere, zie­hende Wolken und Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwi­schen Himmel und Er­de ihre Flügel aus­spannt und deren Ziele die zweifellose Gewiß­heit vom Bürgerrecht und der Un­sterblichkeit alles Lebenden ist. Der in­nerste Kern jedes Wesens ist dieser Rechte si­cher, ist Gottes Kind und ruht ohne Angst im Schoß der Ewig­keit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod. Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die Kunst des Schau­ens, des Wanderns und Genie­ßens, die Lust am Gegenwärtigen predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend mächtigen Spra­che zu euch re­den lassen und wollte euch zwingen, zu se­hen, was für ein maßlos vielfältiges, trei­bendes Leben außer­halb eurer Häuser und Städte täglich blüht und überquillt. Ich wollte errei­chen, daß ihr euch schämet, von aus­ländischen Kriegen, von Mode, Klat­sch, Literatur und Künsten mehr zu wissen als vom Frühling, der vor eu­ren Städten sein unbändi­ges Treiben entfaltet, und als vom Strom, der unter euren Brüc­ken hinfließt, und von den Wäldern und herrlichen Wie­sen, durch welche eure Ei­senbahn rennt. Ich wollte euch er­zählen, welche goldene Kette unvergeßlicher Ge­nüsse ich Ein­samer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte.

Aber der hierin zum Ausdruck kommende Überschwang ist weniger den Fischen als dem Jupiter zuzuordnen, und damit wir den Un­terschied zum Uranus in den Fischen er­kennen, sei auf die etwas merkwürdige Be­gebenheit anläßlich des Erscheinens sei­nes Demian im Jahre 1919 hingewie­sen: diesen Roman hatte er näm­lich unter dem Pseud­onym Emil Sinclair veröffent­licht, dem man daraufhin den Fontane-Preis zu­sprach. Als die wahre Identität des Autors bekannt wurde, sah sich Hesse ver­anlaßt, den Preis zurückzugeben, weil der offen­sichtlich ei­nem noch unbekannten Autor zugedacht gewesen war. Auch die­sesmal war der Er­folg des Buches außer­ordentlich, was al­lerdings auch dem Stand Jupiters im Krebs zu verdanken war und insofern ein weiteres Mißver­ständnis dar­stellte, das Hesse in ei­nem Brief einem jungen Ver­eh­rer deutlich zu machen ver­suchte, indem er exakt (ohne ver­mutlich etwas von Astrolo­gie zu verste­hen, obwohl viele seiner An­deutungen z.B. im Glasperlenspiel den Gedanken nahele­gen, daß er mit ihr sehr wohl vertraut war) den Gegensatz zwischen dem Krebs und den Fischen erläuterte (er sprach dabei al­ler­dings über den Camenzind):

Er gehört dennoch nicht zu den Wan­der­vögeln und Jugendge­meinschaften, im Ge­genteil, nirgends würde er schlechter ein­geordnet sein als in die­sen teils treuherzig-biederen, teils lär­mend selbstbewußten Gruppen und Bünden, die bei La­gerfeuern entweder Gitarre spielen oder die Nächte hin­durch disputieren. Sein Ziel und Ideal ist es nicht, Bruder in ei­nem Bunde, Mit­wisser in einer Verschwörung, Stimme in einem Chor zu sein. Sondern statt Gemein­schaft, Kameraderie und Einordnung sucht er das Gegenteil, er will nicht den Weg Vieler, sondern ei­gensinnig nur seinen ei­genen Weg ge­hen, er will nicht mitlaufen und sich anpassen, sondern in seiner eige­nen Seele Natur und Welt spiegeln und in neuen Bildern erleben. Er ist nicht für das Leben im Kollektiv geschaffen, er ist ein­samer König in einem von ihm selbst ge­schaffenen Traumreich.

1920 erschien übrigens auch Hesses Ro­man Klingsors letzter Sommer und zwei Jahre später sein Siddharta. Letzterer wurde ja nach seinem Tode in Amerika ge­radezu zu einem Kultbuch und behandelt ein eindeuti­ges Fische-Thema, dem wir aber auch den Klingsor zuordnen kön­nen, wie etwa fol­gender Textauszug am Schluß des Roma­nes zeigt, in dem er so gedeutet wird:

Es ist der Mensch, ecce homo, der mü­de, gierige, wilde, kindliche und raffi­nierte Mensch unserer späten Zeit, der sterbende, sterben wollende Europa­mensch: von jeder Sehn­sucht verfei­nert, von jedem Laster krank, vom Wis­sen um sei­nen Untergang enthusia­stisch beseelt, zu jedem Fortschritt be­reit, zu jedem Rückschritt reif, ganz Glut und auch ganz Müdigkeit, dem Schicksal und dem Schmerz ergeben wie der Mor­phinist dem Gift, verein­samt, ausgehöhlt, uralt, Faust zugleich und Karamasow, Tier und Weiser, ganz entblößt, ganz ohne Ehr­geiz, ganz nackt, voll von Kinderangst vor dem Tode und voll von müder Bereit­schaft, ihn zu sterben.

Wenn wir uns in diesem Kapitel etwas brei­ter auslassen, so ge­rade deshalb, weil uns Hermann Hesse das Fische-Prinzip beson­ders gut verdeutlichen kann, denn er hatte immerhin Mond, Mars, Saturn und Mond­knoten in den Fischen - war also schon ein fast rassereiner Fisch.17 Natür­lich transi­stierte der Uranus bei seinem Fische-Durchgang nacheinander alle diese Punkte seines persönlichen Horoskopes. Als er et­wa auf seinem Saturn stand, war mit ent­sprechender Gefühlsbelastung zu rechnen, und Hesse notierte in dieser Zeit (Ende 1925):

Ich habe gegen das öffentliche Vorle­sen nicht nur jene, von Fall zu Fall leicht zu überwindenden Hemmungen des Alleinle­benden gegen gesellige Veranstaltungen, sondern ich stoße hier auf prinzipielle , tief verankerte Unordnungen und Zwiespälte. Sie lie­gen, allzu kurz und schroff gesagt, in meinem Mißtrauen gegen die Literatur überhaupt. Sie plagen mich nicht nur beim Vorlesen, sondern noch viel mehr beim Ar­beiten. Ich glaube nicht an den Wert der Literatur unserer Zeit. Ich sehe zwar ein, daß jede Zeit ihre Lite­ratur haben muß, wie sie ihre Politik, ihre Ideale, ihre Mo­den haben muß. Doch komme ich nie von der Überzeu­gung los, daß die deutsche Dichtung unserer Zeit eine vergängliche und ver­zweifelte Sache sei, eine Saat auf dünnem, schlecht bestell­ten Boden ge­wachsen, interessant zwar und voll von Problema­tik, aber kaum zu reifen, vollen, langdauernden Resultaten be­fähigt. Ich kann infolgedessen die Ver­suche heutiger deut­scher Dichter (meine eigenen natürlich inbegriffen) zu wirk­lichen Gestaltungen, zu echten Werken, immer nur als irgend­wie unzu­länglich und epigon empfinden; überall glaube ich einen Schimmer von Schablone, von unlebendig geworde­nem Vor­bild wahrzunehmen.

Da Hesse aber noch fast vierzig Jahre äl­ter wurde, können wir von Glück sagen, daß derartige Transite nur eine vorüber­gehende Wirkung haben, denn so konnte er noch viele bedeutende Romane in alter Schöp­ferkraft schreiben, wie etwa den Steppen­wolf, Narziß und Goldmund und Das Glas­perlenspiel.

Gehen wir noch einmal in das Jahr 1919 zurück, um die Erwäh­nung noch einiger weiterer passender Ereignisse nachzuholen. In diesem Jahr erklärte die deutsche Natio­nalversammlung den 1. Mai zum National­feiertag, erfolgte die Gründung des Bau­hauses in Weimar sowie des Völkerbundes in Genf, die Kapitulation der bayrischen Rä­teregierung, verurteilte der deutsche Kanzler die Streikbewegung, nahm die deut­sche Delegation in Versailles die Frie­dens­bedingungen entgegen und kam es dann zum Versailler Vertrag.

1920 zeigte sich eine neue Kleist-Vereh­rung, scheiterte der Kapp-Putsch in Berlin, wurde ein neues Lichtspielgesetz verab­schiedet, mit dem der zunehmenden Frei­zügigkeit der Moral be­gegnet werden soll­te, fand die Erste ökumenische Konferenz in Genf statt, formierten sich die Gegner Einsteins, beriet der Verein deutscher Chemiker über Pro­bleme der Brennstoff­gewin­nung, rief in In­dien Gandhi zum bür­gerlichen Ungehorsam auf und verordneten die Gerichte höhere Strafen für Schieber und Wuche­rer.

1921 wurde das ganze Ausmaß der wirk­lich unrealistischen Repa­rationsforderungen der Alliierten an Deutschland bekannt, ka­men neue Tänze aus den USA in Mode, wurde Chaplins erster abendfül­lender Film: The Kid uraufgeführt, wurde der Maler und Zeich­ner George Grosz verurteilt, schei­terte der britische Versuch einer Mt. Eve­rest-Expedition, bildeten sich in Ober­schle­sien Selbstschutzorganisationen, ge­lang zum ersten Mal eine Funk­übertragung aus der Oper Berlin, fand in Stuttgart eine Ver­sammlung sog. Christlicher Revolutio­näre statt (also immer noch Revo­lutionäre, aber jetzt mit Fische-Akzent!) und kam es schließ­lich zu einer Explosion in einem Stickstoffwerk sowie der Vor­stellung des ersten Stromlinienautos.

1922 zeigte sich, daß die Lebenshaltungs­kosten gegenüber Januar 1921 um 74% ge­stiegen waren und gab es auch in Öster­reich eine wahre Papiergeldflut, wurde Papst Pius XI. gewählt, der sich besonders durch zahlreiche Heiligsprechungen hervor­tat, wurde der Roman Ulysses von James Joyce berühmt, das Grab des Tutanchamun entdeckt, und erhielt Nils Bohr (der Mysti­ker unter den Physikern, der auch das Yin-Yang-Symbol in seinem Wappen führte) den Nobelpreis. Der bereits erwähnte in diesem Jahr ur­aufgeführte Film Dr. Mabuse zeigte in eindrucksvoller und künstlerisch verdichteter Weise die gesell­schaftlichen Miß­stände dieser wirren Nach­kriegszeit: Spekulationswut, Schmug­gel, Falschmün­zerei, Spiritismus und Aberglau­ben: sogar die Astrologie kam wieder zum Zuge!

1923 versuchte Hitler einen Putsch, der seltsam undeutlich blieb, entstand der My­thos des dritten Reiches, stand die deut­sche Wirtschaft vor dem Kollaps, hatte die In­flation ein derar­tiges Ausmaß erreicht, daß täglich drei Millionen neue Bankno­ten ge­druckt wurden und der Dollarkurs sogar die Millionengrenze überstieg, gab es be­grün­dete Angst vor einem Bürgerkrieg, wurde das erste Unterhaltungskonzert im Rund­funk übertragen und scheiterte ein weiterer Hitler-Putsch.

1924 bestimmten lange Schlangen vor den Leihhäusern das Bild der deutschen Städte, wurde der Massenmörder Haarmann ver­haftet und kam es zu einem Gesetzentwurf für Sterilisierung.

1925 ging in Genf eine Opiumkonferenz zu Ende, ertranken 81 Soldaten bei einer Übung in der Weser, zeigte die UFA einen FKK-Film, wurden in Eisensteins Film Streik statt einzelner Personen gleich ganze Menschenmassen zum Hauptdarstel­ler, kehr­te Amundsen von einem mißglück­tem Nordpolflug zurück, wurde in Göttin­gen die größte aerodynamische Versuchs­anstalt eingeweiht, wurde Chaplins Film Gold­rausch uraufgeführt und veranstal­tete in den USA der Ku-Klux-Klan eine Tagung.

1926 kam es wieder zu Unruhen mit Fi­sche-Charakter: jetzt waren es die Winzer in Bernkastel! Außerdem wurde bekannt, daß sich bei der Therese von Konnersreuth seit diesem Jahr Stigmatisierungen zeigten!

1927 wurde ein falscher Hohenzollernprinz verurteilt und ein internationaler Rausch­gifthändlerring in Berlin aufgedeckt. Au­ßerdem machten die Schlaf(!)­wagengesellschaften durch öffent­li­che Werbung und Martin Heidegger durch die Veröffentlichung seiner nebulösen Ab­handlung Sein und Zeit auf sich aufmerk­sam.

1925 erschien posthum Kafkas Roman Der Prozeß, und fast hät­ten wir auch noch sei­nen ein Jahr zuvor erschienenen Hunger­künstler vergessen, der uns doch besonders gut verdeut­lichen kann, was Uranus in den Fischen wirklich bedeutet. Am Ende der Geschichte wurde er von einem Aufseher in seinem Käfig entdeckt, in dem er so lange gehun­gert hatte, daß es über die Vorstel­lungs­kraft seiner Bewunderer gegangen war und sie ihn schlicht vergessen hatten:

Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hunger­künstler darin. "Du hun­gerst noch immer?" fragte der Aufse­her, "wann wirst du denn endlich damit aufhö­ren?" "Verzeiht mir alle", flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn. "Gewiß", sagte der Auf­seher und legte die Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hunger­künstlers dem Personal anzu­deuten, "wir verzeihen dir." "Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewun­dert", sagte der Hungerkünstler. "Wir be­wundern es auch", sagte der Aufseher ent­gegenkom­mend. "Ihr sollt es aber nicht bewundern", sagte der Hunger­künstler. "Nun, dann bewundern wir es also nicht", sagte der Aufseher, "warum sollen wir es denn nicht be­wundern?" "Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders", sagte der Hunger­künstler. "Da sieh mal einer", sagte der Aufseher, "warum kannst du denn nicht anders?" "Weil ich", sagte der Hunger­künstler, hob das Köpf­chen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß ge­spitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlo­ren ginge, "weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgeges­sen wie du und alle." Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen ge­brochenen Au­gen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungre. - "Nun macht aber mal Ord­nung!", sagte der Aufse­her, und man be­grub den Hunger­künstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther...

 


 

 

Uranus im Widder (1927-1934)

 

... in den Käfig aber gab man einen jungen Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erho­lung, in dem so lange öden Käfig die­ses wilde Tier sich herum­werfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die Nah­rung, die ihm schmeckte, brachten ihm oh­ne langes Nachdenken die Wärter; nicht einmal die Freiheit schien er zu ver­missen; dieser edle, mit allem Nö­tigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Ge­biß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit der­art star­ker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht war, ihr stand­zuhalten. Aber sie überwanden sich, um­drängten den Käfig und woll­ten sich gar nicht for­trühren.

So schwer der Wassermann und die Fische zu verstehen sind, so leicht ist das Ver­ständnis des Widders. Wir können uns des­halb weitgehend die Kommentierung der folgenden Ereignisse sparen:

1927 hielt Hitler seine erste Rede in Berlin, wurde ein    Weltrekord im Dauersegelflug aufgestellt, kam es zu    Krawal­len bei einer Veranstaltung mit Goebbels in Berlin, star­tete Sven Hedin zu einer großen Inner­asien-Expedition, überflog Charles Lind­bergh den Atlantik, wurde der Hindenburg-Damm ein­geweiht (Anschluß der Insel Sylt ans Festland), landete ein weiterer ameri­kanischer Ozeanüberflieger in Berlin, wurde der Nürburgring eröffnet, Max Schmeling Europameister im Schwerge­wicht, der Kilimandscharo erstmals von ei­ner Frau bestiegen, zeigte der    Werk­bund eine neue Architektur und verdop­pelte die Lufthansa mit 100 000 Passagie­ren ihr Vorjahresergebnis.

1928 wurde ein neuer Auto-Geschwindig­keits-Weltekord aufge­stellt, landete der Kunstflieger Udet auf der Zugspitze, eröff­nete die NSDAP als erste Partei den Wahl­kampf, fand der erste Ost-West-Atlantik­flug statt, äußerte sich Goebbels bereits über die Wahlkampfstrategie seiner Partei, feierte die Firma Opel einen neuen Rekord mit einem Raketenwagen, startete der Ber­li­ner Droschkenkutscher Gustav Hartmann als eiserner Gustav zu seiner Fahrt nach Paris, wurde im jugoslawischen Parlament ge­schossen, kam es zu einem Unfall beim großen Preis auf dem Nür­burgring, wurde die erste Bahnlinie über die Pyrenäen einge­weiht und Brechts Dreigroschenoper ur­aufgeführt startete eine Südpolexpedition mit einem Eisbrecher, erreichte ein sowjeti­scher Eisbrecher die nördlichste bisherige Breite und sprach Hitler im Berliner Sport­palast.

Ende Januar 1929 erschien Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues, dessen Erstauflage bereits vor der Auslieferung vergriffen war und der noch vor Ablauf dieses Jahres in über einer Mil­lion Exemplaren verkauft wurde. Dieses muß man vor dem Hintergrund der Tatsa­che sehen, daß er noch einige Jahre zuvor - also unter Uranus in den Fischen - von ver­schiedenen Verlagen abgelehnt worden war. Kausal kann das damit begründet werden, daß er danach durch die Einfüh­rung als Fortsetzungsroman in einer Zei­tung einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht worden war. Im gleichen Jahr wurde (analog) auch ein Raketenbob vor­geführt, startete das erste Auto­rennen um den großen Preis von Monaco, wurde die Weltausstel­lung in Barcelona mit dem Pa­villon von Mies van der Rohe eröff­net, ver­lieh die Deutsche Physikalische Gesellschaft erstmals die Max-Planck-Medaille, wurde der erste US-Tonfilm vorgeführt und hatte die NSDAP weiteren Zulauf.

1930 forderte Indien die völlige Unabhän­gigkeit, gewann Hans Stuck ein Autoren­nen auf einem gefrorenen See, rief Gandhi zum Streik auf, bei dem es zu schweren Ausschreitungen seiner An­hänger kam, gab es wieder Krieg in China und weiteren Auf­ruhr in Indien nach Gandhis Festnahme, auch einen weiteren Sieg für Schmeling, gewann Carraciola die Tourist Trophy und erschie­nen im neuen deutschen Reichs­tag erstmals verbotenerweise Abge­ordnete in NSDAP-Uniformen.

1931 startete die Sportfliegerin Elly Bein­horn zum Flug nach Afrika und Professor Auguste Picard im Ballon zum Höhenwelt­re­kord, eröffnete Henry Ford in Köln eine Niederlassung seines Werkes, kam es zur Erstbesteigung der Matterhorn-Nordwand, ge­wann Carraciola das Avus-Rennen, lan­dete das derzeit größte Flugzeug der Welt, das Dornier-Flugboot DO-X, in New York, ver­suchte das U-Boot Nautilus unter das Eis bis zum Nordpol vor­zudringen, gewann Fagioli den Preis von Monaco, rief Ernst Thälmann zur Bildung einer Einheitsfront auf und startete Elly Beinhorn in Berlin zu ihrem Weltflug.

1932 tötete ein Zyklon in den USA 200 Menschen, stellte der  Flieger Scott einen Rekord im Distanzflug und die Fliegerin Earhart-Putnam einen neuen Zeitrekord von Neufundland nach Ir­land auf. Auch Auguste Picard meldete einen neuen Hö­henrekord, während mit der Normandie in St-Nazaire der größte Dampfer der Welt vom Stapel lief und in San Franzisco ein Opernhaus mit 3300 Plätzen eröffnet wurde. Und während mit einem Sportflug­zeug der italienische Flieger Donati 9700 m Höhe erreichte, um­rundete ein deutscher Flieger sogar die ganze Erde.

1933 war dann endlich Hitler an der Macht und zeigte nun wirk­lich Widder-"Qualitäten". Es kam zunächst zu einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor. Goebbels wurde Reichsminister für Propa­ganda und der Reichsführer SS kommissa­rischer Polizeiprä­sident in München, wäh­rend schon die ersten KZs entstanden. Doch weiterhin stellte in Daytona M. Campbell einen neuen Auto-Geschwindig­keitsrekord auf, forderte ein Erdbeben mit Spring­flut bei Japan 3000 Tote, wurde in Moskau der stärkste Rund­funksender der Welt in Betrieb genommen, fand der Sta­pel­lauf des Segelschulschiffes Gorch Fock statt, wurde die Reichsge­sellschaft zum Bau von Autobahnen gegründet und Primo Carnera Boxweltmeister, überquerte ein weiteres Dornier-Flugboot den Atlantik, wurden bereits in Deutschland 1,5 Millio­nen Kraft­fahrzeuge registriert, erreichte das Schnellverkehrsflugzeug Heinkel HE-70 330 km/h, gab es weitere neue Erfolge in der Luftfahrt, eröffnete Goebbels die Funk­ausstellung in Berlin, stellten die französi­schen Flieger Codos und Rossi einen neuen Langstreckenrekord auf, erreichte ein Frei­ballon mit 11000 m einen Höhenweltre­kord, eröffnete die deutsche Reichspost die erste allgemeine Telefon-Fernschreib-Ver­bindung, erreichte der französische Flieger Henri Lemoine einen neuen Höhenweltre­kord mit 13 660 Metern, gab es noch wei­tere Rekorde mit Ballon und Flugzeug und bereits die erste Verkehrsampel in Kopen­hagen.

1934 stellte Hans Stuck auf der Avus noch drei weitere Weltre­korde auf, eröffnete Hitler die Internationale Automobilaus­stel­lung in Berlin, waren schon die ersten Au­tobahnen im Bau, untersagte der Polizei­präsident von Berlin jedes Wahrsagen und Stellen von Horoskopen und startete Goebbels den Feldzug gegen die "Miesmacher und Kritikaster".18 Von Juli bis September stand dann schon Uranus vorübergehend im Stier, aber von Oktober 34 bis März 35 konnte nochmals Hans Stuck auf der Avus fünf Auto­mobil-Welt­rekorde und ein US-Rekordflieger auf 15 240 m einen neuen Höhenflugrekord auf­stellen. Im März 1935 wurde schließ­lich noch die Funkfernsprechverbindung Berlin-Tokyo eröffnet.

 


12 Peter Springer in Geschichte als Dekor unter Einschluß eines anderen Zitates von M. Kunze.
13 Im Möbeldekor zeigte sich das erstmals besonders deutlich etwa in dem bekannten Speisezimmer im Haus Masson in Nancy von Eugéne Vallin aus der Zeit zwischen 1903 und 1905.
14 Natürlich hätte es auch einen Sinn gegeben, wenn dabei Uranus im Krebs und Neptun im Schützen gestanden hätte. Wie dem aber auch sei: man begreift das Mißtrauen der katholischen Kirche ge­genüber der Astrologie, da nicht nur die Horoskope ihrer Dogmen, sondern auch diejenigen vieler Päpste äußerst entlarvend sind!
15 Es ist übrigens eine alte Erfahrung, daß sich bedrohliche Aspekte kompensieren lassen, indem man sie auf andere Weise erfüllt.
16 Es empfiehlt sich übrigens zum besseren Verständnis eines Prin­zips, sich selbst entsprechende Meldungen auszudenken, bis der Archetypus sich soweit verselbständigt, wie alle anderen Archetypen und Begriffe, mit denen wir tagtäglich umgehen und die keineswegs so eindeutig sind, wie wir uns das seither vorstellen: was ist z.B. ein Stuhl, ein Tisch, die Stadt London usw.?
17 Wie unzulänglich die übliche bloße Sonnenstands-Astrologie ist, wird hieran deutlich, denn Hesse hatte tatsächlich nicht nur die Sonne, sondern auch noch die Venus im Krebs - und dennoch überwog bei ihm das Fische-Temperament.
18 Daß die Nazis sich mit der Astrologie schwertaten, kann man bei Hitlers und Goebbels Horoskopen gut verstehen.

 

 

Der Durchgang des Uranus durch die Zeichen

von 1738 - 1800

 


Uranus im Steinbock (1738-1744)

Der Uranus steht auch immer für unge­wöhnliche Ereignisse: Im Jahre 1738 wur­den bei den Bauarbeiten für einen Jagdpa­villon des Königs von Neapel zufällig die Ruinen der verschütte­ten rö­mischen Stadt Herkulaneum entdeckt - ein Ereignis, das die eu­ropäische Gelehr­tenwelt in eine Euphorie versetzte, die fast einer neuen Renaissance gleichkam. Man fand dadurch einen neuen Zugang zur Anti­ke, der in den nächsten Jahrzehnten zum Klassi­zismus führen sollte. Es fällt nicht schwer, die neu­entdeckten Ruinen dem hier zu erörternden Prinzip zuzurechnen, aber der Steinbock steht auch für den Staat und die Thron­folge, die in dieser Zeit unter dem Zeichen der sog. Pragmatischen Sanktion in Öster­reich zu einer ungewöhnlichen Konsequenz führte, wor­über es in ganz Europa zu Diffe­renzen und Streitigkeiten kam, die im Österreichischen Erbfolgekrieg ihren Aus­druck fanden - es ging ja immer­hin um den Kaiserthron. In dieser Regelung war bereits 1713 festgelegt worden, daß in dem Falle, daß es keinen Sohn als Thron­folger geben sollte, auch eine Tochter auf den Thron kommen konnte. Mit der Thronbesteigung Maria Theresias wurde nun zum ersten Mal davon Gebrauch ge­macht, und sie konnte deshalb nur mit Mü­he ihren Erbanspruch durchsetzen. Auch sonst kam es zu ver­schieden Thronwech­seln, so in Preußen, wo Friedrich II. seinem Vater folgte, und in Rußland, wo Anna Leopoldowna neue Za­rin wurde und nur ein Jahr später von Eli­sabeth Petrowna ge­stürzt wurde. Als un­mittelbare Folge der ungeklärten Frage der österreichischen Thronfolge fiel Ende 1740 Friedrich II. bereits in Schlesien ein und be­gann damit den ersten Schlesi­schen Krieg, wobei es letztlich um nicht weniger als die Vor­machtstellung in Europa ging. Wäh­rend­dessen war ein Wittelsba­cher mit Un­ter­stützung Frankreichs zum römisch-deut­schen Kaiser gewählt worden, und erst mit dem Friedensschluß sicherte Maria Theresia ihren Thronanspruch.

In Frankreich war die Staatsautorität eben­falls ungewöhnlich vertreten, denn nicht der König, sondern seine Mätresse Pom­padour und alle möglichen Günstlinge hatten dort eigentlich al­le Fäden in der Hand.

 

Uranus im Wassermann (1745-1752)

Natürlich stehen technische Neuentwick­lungen und Erfindungen für das Wasser­mann-Prinzip, und da sonderlich solche auf dem Gebiet der Elektrizität. In dieser Zeit begannen sich tatsäch­lich in aller Welt die Forscher mit dem Phänomen der Elektrizi­tät zu beschäftigen, und es kam dabei zu vielen bedeutenden Er­findungen. Im Jahre 1746 führte entsprechend Louis Guillaume in Paris die ersten wirklichen Stromkreise vor, gefolgt 1747 von William Watson in London, der einen 360 Meter langen Draht über die Westminster-Brücke legte. Im gleichen Jahr begann Benjamin Franklin mit seinen elektrischen Experimenten, der sich aber außer in der Wissenschaft auch in der Politik einen bedeutenden Namen machte. Er war allerdings seiner Zeit voraus, denn sein Vorschlag für einen Blitzableiter wurde von der Londoner Royal Society als zu phantastisch abgelehnt. Im Gedächtnis der Nach­welt verkürzt sich sein Name auf die Begriffe Elektrizität und Freiheitskampf - beides typische Wassermann-Entsprechun­gen. D'Alembert faßte später das Andenken dieses großen Neuerers so zusammen: "Er entriß dem Himmel den Blitz und den Ty­rannen das Zepter."

Auch in der Philosophie regte sich einiges: 1746 gab Diderot zum ersten Mal seine Philosophischen Gedanken heraus, die zu seiner Zeit als so radikal erscheinen muß­ten, daß er sich eines Pseudonyms bediente. 1748 veröffentlichte Montesquieu sein Werk Vom Geist der Gesetze, und 1751 er­schien die Enzyklopädie. Viele europäi­sche Städte wuchsen sich in dieser Zeit zu­neh­mend zu Großstädten aus, was eine neue Lebensqualität mit entspre­chenden kulturel­len Folgen mit sich brachte.

1747 kam es nach dem Mord am Schah in Persien zur Anarchie.

 

Uranus in den Fischen (1753-1760)

1755 geschah Ungewöhnliches zu Wasser: der englische Admiral Edward Hawke ka­perte rund 300 französische Handelsschif­fe. Im gleichen Jahr kam es zu dem kata­stro­phalen Erdbeben von Lissa­bon, das 32.000 Tote forderte. Alle Dinge, die die üblichen Di­mensionen übersteigen und un­ser Fas­sungsvermögen sprengen, gel­ten als Fische-Entsprechungen. Hierher gehören auch so absei­tige Dinge wie die Ausschwei­fungen des jungen Marquis de Sade, die zu dieser Zeit bekannt wurden. Ganz allgemein hatte sich nun das Klima verändert. Eine gute Entsprechung dafür waren auch die Stiche Piranesis, die jetzt große Verbrei­tung fan­den. Zwar wurden weiterhin Erfin­dungen gemacht, jetzt aber mehr auf dem Gebiet der Chemie. Nachdem Anfang des Jahres 1757 ein At­tentat auf Ludwig XV. stattge­funden hatte, verordnete dieser, daß Schriftsteller, Verleger und Buchhändler, die religions- oder staatsfeindliche Schriften verbreiteten, mit dem Tode zu bestrafen seien. Es kam daraufhin sogleich zu einer Verhaf­tungswelle, die zwar zu keiner To­desstrafe führte, doch ein allgemeines Klima der Angst zur Folge hatte. Die Her­ausgeber der Enzyklopädie waren nun völ­lig entmutigt, und die Arbeit an dem großen Werk stockte. Wenn man es über­haupt noch weiter­führen konnte, so mit derartigen Einschränkungen, daß seine Aussage prak­tisch wertlos wurde. Die Ver­sammlung der französi­schen Bischöfe be­schloß eine hohe Geldzahlung an den König mit der gleich­zeitigen Bitte, die Erlaubnis für die Heraus­gabe der Enzyklopädie aufzuheben, was auch insofern für Uranus in den Fischen steht, als der Klerus traditio­nell den Fischen zuge­rechnet wird und Uranus unabhängig vom Niveau ja immer für In­spiration steht. Es kam nun tatsäch­lich zu mehreren kleri­kalen Gegenpublika­tionen, so etwa die von Abraham de Cha­meix unter dem Titel Be­rechtigte Vorur­teile gegen die Enzyklopä­die. An­griffe die­ser Art wurden in der Folge immer hinter­hältiger. So erschien z.B. ein anonymes Pamphlet, in dem die Regierung, das Par­lament und die Jesuiten und sogar Christus und Maria be­schimpft wurden, wobei der Duktus ganz im Stile Diderots gehal­ten war, auf den dadurch der Verdacht der Autorenschaft fallen sollte. Auch solche Dinge gelten als Fische-Ent­sprechung, zumal auch hier sicher die Ge­genseite dahintersteckte, also wohl die pro-klerikale.

 

Uranus im Widder (1761-1768)

Wir können uns hier darauf beschränken, uns kurz zu fassen und zu erwähnen, daß in dieser Zeit die Industrielle Revolution in England begann und Rousseaus Gesellschaftsvertrag und Emile erschie­nen.

 

Uranus im Stier (1769-1775)

Erst seit 1770 also werden die Banken als Kreditmittelpunkte eine wirtschaftliche Macht, die auf dem Wiener Kongreß zum ersten Mal in die Politik eingreift. Bis dahin besorgte der Bankier vorwiegend Wechselgeschäfte. Oswald Spengler in einer Fußnote zum Thema Das Geld.

Im Jahre 1773 gründete Meyer Amschel Rothschild das Frankfurter Bankhaus Roth­schild, das seine Söhne später im europäi­schen Rahmen ausbauten, wodurch sie auch zu großem politischen Ein­fluß gelangten. Die Enzyklopädie wurde in diesen Jahren zu ei­nem ungeahnten finanziellen Erfolg. 1770 nahm der englische Seefahrer und Entdecker James Cook Australien für die britische Krone in Besitz, und 1773 über­trug das britische Parlament durch das Ge­setz Regulation Act der Ostindischen Kom­panie das Opiummonopol in China. Im glei­chen Jahr kam es zu der Empörung über die Boston-Tea-Party. Alle diese Dinge können wir als Stier-Entsprechungen sehen, weil es dabei stets im weitesten Sinne um materi­elle Interessen ging.

 

 


 

 

Uranus in den Zwillingen (1776-1781).

 

Diese Zeit ging unmittelbar derjenigen vor­aus, in der es in Deutschland zu der Bewe­gung des Sturm und Drang kam, und das ist ein wichtiger Umstand insofern, als dem deutschen Aufbruch vor allem eine Be­wußtwerdung der Möglichkeiten der eige­nen Sprache vorausging. Das 18. Jahrhun­dert stand ja in ganz Europa unter der kul­turellen Vorherrschaft Frankreichs, und selbst deutsche Könige und Kaiser be­herrschten eher die französische als die deutsche Sprache. Friedrich II. konnte auch mit dem in dieser Zeit wiederentdeckten Nibelungenlied noch gar nichts an­fangen, an dem sich erst während der Romantik die neue geistige Selbstidentität der Deutschen kristallisieren sollte. Die Zwil­linge stehen unter anderem für Artikulation und Spra­che, sowie auch für die Literatur ganz all­gemein, soweit dabei weniger die Inhalte als das Darstellungsmedium als solches im Vordergrund stehen. Insofern ist es wich­tig, daß die Deutschen sich zu die­ser Zeit der Tatsache bewußt wurden, daß ihre Sprache hochgra­dig literaturfähig und darin sogar der französischen überlegen war - dann nämlich, wenn es mehr um das inhalt­liche als das formale Element geht.[1] Man kann in der Tat sagen, daß die nordi­schen Länder temperamentmäßig eher inhaltsbe­tont und die roma­nischen eher formal be­tont sind (schon Luther hatte sich des­halb in Rom fremd gefühlt). In Frankreich ging es besonders in der Epoche des Rokoko eher um den Ausdruck, d.h. eher um das Wie als das Was des Gesagten: in einer De­batte wurde eher der Selbstdarsteller ge­hört als der Wahrhaftige. Die Wahrhaftig­keit blieb dabei auf der Strecke, was unter Nep­tun in der Waage die französische Re­volu­tion vorbereitete. Natürlich paßt sich die Sprache dem Volkscharakter an bzw. steht mit diesem in Wechsel­wirkung. In Frank­reich war es zudem bereits im 17. Jahrhun­dert zu ganz bewußten Eingriffen in die Sprache gekommen. Man son­derte viele Worte, die zu dieser Zeit als veraltet, un­klar oder gar vulgär erschienen, um eines möglichst reinen Aus­drucksstiles Willen aus. Nicht zuletzt darauf beruhte dann ihre kulturelle Wirksamkeit in einer Zeit, in der das Volk nichts und der Adel alles war und in der es um Eleganz im Sinne eines elitären Gruppenegoismus auf dem Rücken des diese Schma­rotzerkultur erwirtschaftenden Volkes ging. Gerade hierdurch brachte sich die französische Sprache aber um ihre Reichhaltig­keit. Her­der sagte: „Ein Volk hat keine Idee, zu der es kein Wort hat“ (Anm.: das gilt eben auch umgekehrt, was sich z.B. daran zeigt, daß heute in Frankreich einfach kein Umwelt­bewußt­sein entsteht und man dort das deut­sche Wort Waldsterben über­nimmt): „die lebhafteste Anschauung bleibt dunkles Ge­fühl, bis die Seele ein Merkmal findet und es durchs Wort dem Ge­dächtnis, der Rückerinnerung, ja endlich dem Ver­stande des Men­schen, der Tradition einver­leibt.“ Es ist deshalb keine Frage, daß das Gedan­kengut der Aufklärung - mitsamt deren heutigen Um­weltfolgen - auch ganz we­sentlich ein Produkt der französischen Sprache ist. Den Zwillingen ist wie der Jungfrau der Merkur zu­geordnet, der sei­nerseits für Vernunft im Sinne von Intellekt steht. Wir hatten bereits erörtert, daß der Charakter der Enzyklopädie durch den Durchgang Neptuns durch die Jungfrau be­stimmt wurde, an den sich der hier zu erör­ternde Durchgang des Uranus durch die Zwillinge anschloß. In dieser Zeit wurde deshalb das merkurische Element zusätzlich betont, und es ergab sich daraus auch die weitere Resonanz der Enzyklöpädie, die folgerichtig dann auf den zunehmenden Widerstand des Deut­schen Idealismus stieß, der erst durch die­sen Konflikt er­starkte und seinerseits den allgemeinen deutschen Aufbruch bewirkte. Wir sehen hier immer das gleiche Prinzip: durch In­itiation erst er­wächst eine neue geistige Kraft. Wie die Aufklärung ihrer­seits eine Folge der (spät-)scholastischen geistigen Unterdrückung war und sich durch diese profilierte, so war es danach der allzu dog­matische und durch Napoleon politisch un­terstrichene Vortrag der Auf­klärung, an dem sich der Deutsche Idea­lismus und über diesen die deutsche natio­nale Selbstidentität ihrer selbst bewußt wurden. Dieser später durch den Szientis­mus viel­geschmähte Deutsche Idealismus war also für die Deut­schen ei­ne notwendige Durchgangsstation - ganz abgesehen da­von, daß sich in ihm die größere geistige Reichhaltigkeit aus­drückte, die sich aller­dings gegen den wohl seinerseits als kol­lektive Durchgangsstation notwendigen folgenden Positivismus nicht be­haupten konnte. Erst heute beginnen wir den philo­sophischen Irrtum des Positivis­mus zu er­kennen, aber auch Merkur und die Zwil­linge sind eben ein notwendiger Archety­pus. Uranus in den Zwillingen be­tonte so einerseits das Vernunft-Prinzip der Auf­klä­rung wie er andererseits den sprach­lichen deutschen Aufbruch bewirkte.

Wir sollten noch kurz erwähnen, daß 1776 Adam Smith sein be­rühmtes Werk Der Wohlstand der Nationen veröffentlichte und daß es in Nordamerika zum Guerilla­krieg kam. Erfahrungsgemäß entspricht auch dieser dem Zwillingsprinzip. Danach erklärten 13 Kolonien ihre Unabhängigkeit. Im gleichen Jahr erschien     Klingers Thea­terstück Sturm und Drang, das der Bewe­gung ihren Namen gab. Sein Sprach­stil war leidenschaftlich und expres­siv. Wie schon erwähnt, fiel in diese Zeit auch der spek­takuläre Empfang Voltaires in Paris.

 


 

 

Uranus im Krebs (1782-1788)


Am 13.01.1782 erfolgte in Mannheim die Uraufführung von Schil­lers Die Räuber. Ein Horoskop ist für Astrologen äußerst in­teressant (es begann um 13 Uhr!): Pluto im Wassermann steht di­rekt am MC - im Großtrigon zu Neptun in der Waage und dem AC, das insgesamt als Drachenfigur auf den Mars im 11. Haus im Widder zeigt! Die Wirkung war entsprechend. Ein Au­genzeuge berich­tet: "Das Theater glich ei­nem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäu­ste, heisere Aufschreie im Zuschauer­raum. Fremde Menschen fie­len einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten einer Ohn­macht nahe, zur Türe. Es war ei­ne allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Ne­beln eine Schöpfung hervor­bricht." Niemals zuvor und niemals später hatte wohl eine Theateraufführung ein sol­ches Horoskop! Was hier losbrach, war das, was wir unter dem Sturm und Drang verstehen und tatsächlich die Folge dessen, was sich unter Uranus in den Zwillingen vorbereitet hatte (in die er jetzt nochmals kurz zurücktrat, nachdem er zuvor bereits in den Krebs ge­wechselt war). Dort können wir seine mun­dane Be­deutung leicht mit Unruhe im Volk übersetzen, was in Frank­reich die Revolution vorbereiten sollte. Na­türlich steht, wie wir wissen, der Krebs auch für Frauen, und so wundert es nicht, daß ein gleichfalls dem Sturm und Drang zuzurech­nender Autor namens Wilhelm Heinse be­reits eine kommunistische Gesell­schaft mit Gemeinbesitz der Frauen und Frauenstimm­recht gründete. Was den Sturm und Drang kennzeichnete, war vor allem die Tatsache, daß die meisten seiner Vertreter dem Mit­telstand entstammten, die ihr Aufbegehren als Protest gegen die Vor­rechte der Geburt verstanden, aber auch gegen Amtsanma­ßung und Verschwen­dungs­sucht der Privi­legierten. Dementspre­chend neigten sie zur Idea­lisierung des ein­fachen Volkes und for­derten auch die Frau­en auf, ihre bisherige Rolle aufzugeben und sich die Rechte der Männer zu nehmen, was sie in diesem Falle als Teilnahme am schöpferischen Drang des ganzen Univer­sums verstanden. Ihrer Mei­nung nach be­deutete 'Mensch sein' im Sinne Rousseaus 'natürlich sein'. Gott war für sie nichts an­deres als die Ganz­heit der Natur, und des­halb war Natürlichkeit zugleich Gött­lich­keit. Immerhin war jetzt aber die Zeit für das Nibelungen­lied gekommen, das 1782-84 als Gesamtausgabe erschien. Zum Thema Frauen ist noch zu bemerken, daß in dieser Zeit die vor allem von jüdischen Frauen geleiteten Berliner Salons aufblüh­ten. Es sei auch an die berühmte Halsband-Affaire erinnert, in die Marie-Antoinette verwickelt wurde. Im Jahre 1783 annek­tierte Katharina die Große die Krim, was man sicherlich auch als unge­wöhnliche Handlung einer Frau sehen kann.

 

 


 

 

Uranus im Löwen (1789-1794)

 

Längst bevor die große Unruhe über Europa kam, waren Kant, Goethe, Herder, der junge Schiller auf dem Plan erschienen. Die Zusammenhänge zwischen dem einen und dem anderen sind geheimnisvoll. Als einen bloßen Zufall wird man es doch nicht verstehen, daß, während Frankreich sein politisches Drama zum besten gab und der Schwall seiner jugendlichen Generale und Organisatoren den Kontinent überwältigte, eine nie gekannte Fülle geistigen Talents an allen Ecken Deutschlands aufbrach; in Preußen und Schlesien, im dürren Berlin selbst, im Rheinland, in Schwaben. Golo Mann: Weltbürgertum und Nationalstaat.

Der Übereifer der jungen Männer des Sturm und Drang, der auch in ihrer Klei­dung zum Ausdruck kam, verschreckte al­lerdings bald Geister wie Goethe, Schiller und Herder, die sich jetzt als eigenständige Gestalten vor diesem Hintergrund um so klarer profilierten. Uranus steht hier für die Hervorhebung von Löwe-Entsprechnun­gen, also bedeutender (und zugleich unge­wöhnlicher) Personen, die sich in dieser Zeit besonders profilieren konn­ten. Das galt nicht nur für die diversen abenteuerlichen Helden der französischen Revolution, son­dern eben auch für Leute wie Napo­leon, Kant oder Goethe. Uranus ist zugleich ein ausge­sprochener Schicksals-Planet, und wenn wir wissen, daß die mundane Bedeu­tung des Löwen immer auch für Könige und Staatsoberhäupter steht, so fällt uns hier natürlich sogleich das traurige Schick­sal Ludwigs XVI. ein, das sich in dieser Zeit vollendete. Auch der schwedische König wurde im Jahre 1792 Opfer eines At­tentats - ein Ereignis, das bald in mehreren Dramen verarbeitet wurde, vor allem aber in Verdis Oper Ein Maskenball: das Un­gewöhnli­che und dramaturgisch Interessante war näm­lich, daß der Mord bei einem Masken­ball geschah. Geschah den Königen nichts Un­gewöhnliches, so wurden sie selbst ent­spre­chend tätig, vor allem nämlich in ihren ge­meinsamen Aktivitäten gegen die fran­zösi­schen Revolutionäre. 1793 wurde Ma­rat erstochen und 1794 Robespierre selbst ein Opfer der Guillotine.

1789-93 wurde übrigens das Brandenbur­ger Tor in Berlin gebaut - auch ein löwen­haftes Ereignis und ein entsprechender Ausdruck. Es gibt gute Gründe dafür, des­sen Grundsteinlegung zum eigentli­chen Berlin-Horoskop zu erheben.

 


 

 

 

Uranus in der Jungfrau (1795-1800)

 

Wenn wir die nun zunehmend bedeutsamer werdende Entwicklung in den deutschen Ländern überblicken, so können wir als Vorberei­tung der Romantik etwa vier vor­ausgehende geistige Entwick­lungsperioden erkennen, die dem Uranus in den Zwillin­gen, dem Krebs, dem Löwen und der Jung­frau zuzurechnen sind. Unter den Zwillin­gen formte sich das Sprachbewußt­sein, un­ter dem Krebs kam es zum Sturm und Drang, unter dem Löwen kristallisier­ten sich erste nationale Geistesgrößen her­aus - vor allem Goethe und Kant -, und unter der Jungfrau wiederholte sich noch­mals eine klassizistische Episode, die sich zeitlich deutlich tren­nen läßt von derjenigen unter Neptun in der Jungfrau (1765-78), die wir als Winckelmann-Klassizismus be­zeichnen können und nach der der Klassi­zismus vor­übergehend abflaute. Jetzt unter Uranus in der Jungfrau wurde er wieder aktuell. In­teressanterweise er­fand nun Her­der ausge­rechnet das Wort Einfühlung für den deut­schen Sturm und Drang, der al­so offenbar inzwischen ein et­was anderes Gesicht be­kommen hatte und eigentlich nicht mehr das war, was man später im Rückblick dar­unter verstand. Der Zeitgeist neigte tat­sächlich wieder zur Einfühlung und Assimi­lierung - und sei es selbst Din­gen gegen­über, die man dazu dem eigenen Verständ­nis gewaltsam anpassen mußte. Nichts an­deres geschah ja gegenüber der griechi­schen Kultur, die man sich jetzt wie­der ein­zuverleiben versuchte, indem man sich ein Bild von ihr machte, das es so nie­mals ge­geben hatte. Denn was wußte man eigent­lich von ihr? Wilhelm von Humboldt z.B., einer der eifrigsten Klassizisten dieser Zeit, hatte kaum mehr als ein paar Gipsab­güsse griechischer Statuen gesehen, was ihm of­fenbar ge­nügte, sich daraus ein Wahnge­bilde zurechtzustricken. Kein ein­zi­ger der Klassizisten ist jemals in Griechen­land ge­wesen - we­der Winckelmann, noch Goethe, Schiller, Schlegel, Hölderlin oder Humboldt - und so können wir wirklich von einer re­gelrech­ten theoretischen Erfindung spre­chen. Das Epigonale wurde zur Religi­on erhoben: niemals trifft ein Neuaufguß das Wesen einer früheren Zeit, in der das wirk­lich lebendig und eigenständig war, was man sich nun einzuverleiben und dem man sich krampf­haft anzupassen versucht. Der Gegensatz zwischen dem antiken Grie­chen­land und demjenigen des Klassizismus ist etwa so groß wie derjenige zwischen den studentischen Burschenschaften in der er­sten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den Korporierten der wilhelminischen und nachwilhelminischen Ära, die George Grosz so treffend gezeichnet hat. Vielleicht ist dieser Vergleich al­lerdings doch etwas gehässig, denn es läßt sich nicht überse­hen, daß der Klassizismus alles andere als impo­tent war und als Durchgangsstation offen­bar eine wichtige Funktion hatte und daß sich zudem seine führenden Vertreter spä­ter wieder weitgehend von ihm distanzier­ten. Schiller etwa bespöttelte diese Bewe­gung später als Graekomanie. Der einzi­ge, der sich niemals davon löste, war Hum­boldt, der den falschen Ansatz aber den­noch sub­limierte und mit seiner Hochschul­reform ein wertvolles und le­bendiges Er­gebnis daraus gewann.

Sogar der spätere "Cheftheoretiker" der Romantik, Friedrich Schlegel, hatte in die­sen Jahren seine klassizistische Zeit. Er be­absichtigte, eine Darstellung der griechi­schen Dichter zu verfassen, um dadurch die griechische Literatur insgesamt und an die­sem Beispiel das eigentliche(!) Wesen der Dichtkunst dar­zustellen. In der griechischen Kunst sah auch er den idealen und voll­kommenen Ausdruck der Schönheit, und so wollte er für die Poesie das gleiche leisten, was Winckelmann bereits für die bildende Kunst geleistet hatte. Unter Schlegel ge­winnt das ganze Unternehmen in seiner Endphase allerdings einen ausge­sprochen vorstellungsgebundenen Charakter und zeigt dabei be­reits die gleichzeitige Einwir­kung des Neptun im Skorpion, un­ter dem sich die offenkundige Ambivalenz von Klassizismus und Romantik vollzieht, als deren Personifizierung (also der Ambi­va­lenz) wir den jüngeren Schlegel sehen kön­nen.

Wie unter Neptun in der Jungfrau blühte in dieser Zeit übrigens eine ausgesprochene Brief-Kultur wieder auf, wofür vornehmlich Rahel Varnhagen steht. Andere Entspre­chungen des Jungfrau-Prin­zips können wir in der Tatsache sehen, daß 1794+95 gleich­zeitig Goethe und St. Hilaire erste Gedan­ken zur Evolutionstheorie entwickelten und daß 1795 die erste Ausgabe von Schillers Horen erschien (literarische Produkte ge­hö­ren ebenso zur Jungfrau wie zu den Zwil­lingen). Auch die Mode der Empfind­sam­keit blühte zeitweilig wieder auf: als 1795 Jean Pauls erster Roman Hesperus er­schien, sollen angeblich Sterbende sich noch daraus vorlesen lassen haben, und Je­an Paul konnte sich kaum vor einer Brief­flut vornehmlich weiblicher Leserinnen schützen, die ihm ihre geheimsten Empfin­dungen mitteilten. Der Hesperus artiku­lierte wie kein anderes Werk die Gefühle der Menschen der vorrevolutionären Zeit in Deutschland. Dementsprechend war auch der begeisterete Empfang, den man diesem neuen Stern am litera­rischen deutschen Himmel in Weimar bereitete. Jean Paul, der schon in seiner frühen Jugend Herder be­wundert hatte, begegnete diesem nun per­sönlich, küßte und umarmte ihn mit Tränen in den Augen. Herder begegnete ihm in gleicher Weise, drückte ihm un­ablässig seine Hand und versicherte ihm, daß er be­reits seine sämtlichen bisher erschienenen Schriften gelesen hatte: fünf Stunden lang mußte ihm der junge Autor alle seine Fra­gen beant­worten. Jean Paul wurde danach mit der ganzen Weimarer Gesell­schaft be­kannt gemacht, lediglich Goethe soll sich dabei etwas reserviert gezeigt haben. So­gleich entbrannte nun auch ein re­gelrechter und fast etwas unwürdiger Streit der litera­rischen Größen um Jean Paul. Schiller ver­suchte ihn nämlich für eine Mitarbeit an seinen Horen zu gewinnen und ihn damit in das Lager der (streng äs­thetischen und an den Idealen der Antike orientierten) Klassi­ker zu ziehen, mit der Schiller und Goethe dem republikanischen Lager von Herder und Wieland gegenüber­standen. In diesem sich in Weimar zuspit­zenden Kon­flikt, der auch zur zunehmen­den Entfremdung zwi­schen Goethe und Herder führte, drücken sich die astrologi­schen Entsprechungen des Uranus in der Jungfrau (Klassizismus) und des Neptun im Skorpion (Republikanismus) aus, die die Ambivalenz der anbre­chenden Romantik kennzeichneten. Jean Paul aber wollte sich von keinem der beiden Lager vereinnahmen lassen und blieb überhaupt eher ein Außen­seiter. Aber nicht nur sein, sondern auch das vieler anderer Späterer Mißtrauen er­weckten solche Zitate Schil­lers wie das fol­gende: "In einem wahrhaft schönen Kunst­werk soll der Inhalt nichts, die Form alles tun, das eigentli­che Kunst­geheimnis des Meisters besteht darin, daß er den Stoff durch die Form vertilgt." Das klingt eben sehr erdhaft, und es kann da­nach nicht wundern, daß er vor allem zum Lieferan­ten der laufenden Meter Buchrüc­ken solcher Bürger wurde, die sich kaum die Mühe machten, seine Werke auch wirk­lich zu lesen. Schiller ist eigentlich der am wenigsten wirklich geliebte Autor deut­scher Spra­che überhaupt, was natürlich an­dererseits heißt, daß man ihn dennoch nicht übersehen kann - aus welchen Gründen auch immer.

Kommen wir aber noch zu anderen Dingen. Die Jungfrau ist ja im­mer sehr genau, wor­aus sich folgende Ereignisse ergaben:

1794 entstand die Reißbrettstadt Odessa.

1795 fand die internationale Meter-Kon­vention statt. Gleichzei­tig kam es zu einem Einbürgerungsgesetz in den USA und in Frankreich zur Direktorialregierung.

1796 erfolgte die erste Impfung durch Jen­ner, und im gleichen Jahr wurde eine um­strittene Sammlung gälischer Volkslieder ver­öffentlicht, was zu der allgemeinen klassizistischen Methode paßt.

Allgemein begann in dieser Zeit die Erfor­schung Afrikas. Selbst Napoleon wandelte sich vom Feldherrn zum Archäologen, als er mit seinen Soldaten nach Ägypten kam. Politisch oder militä­risch läßt sich dieses Unternehmen kaum begründen, es diente bestenfalls zur persönlichen Profilierung des zukünftigen Impe­rators, der seine Truppen angesichts der Pyramiden mit dem Spruch "Soldaten, vierzig Jahrhunderte blic­ken auf euch herab" für eine folgende Schlacht zu motivieren suchte (was histo­risch umstritten ist). Bereits von dieser Ex­pedition brachte er viele antike Kunst­schätze mit nach Frankreich, unter anderem den Stein von Rosette, durch dessen Stu­dium später Champolion die Entzifferung der Hyroglyphen gelingen sollte. Der kultu­relle Impuls für das Abendland war jeden­falls gewaltig.

 


 

 

Ein Zwischenkapitel: Die französische Revolution

 

Wenn wir uns auch wie gesagt bei der Dar­stellung der Saturn- und Jupiter-Durch­gänge auf das 20. Jahrhundert beschränken müs­sen, so ist es doch von besonderem In­teresse, wenigstens die Vorgänge der fran­zösischen Revolution diesbezüglich kurz zu be­leuchten, weil sie uns zeigen können, wie sehr auch diese bei­den Planeten zur Modi­fizierung der Ereignisse beitragen - was selbstverständlich auch sonst gilt, wenn es auch nicht immer so deutlich wird:

Zur Vorbereitung der Revolution ist beson­ders wichtig, daß ab 1779 Pluto im Was­sermann und Neptun in der Waage standen. Die­ses sorgte schlagwortartig gesagt für ei­ne latente Unruhe sowie Gerechtigkeitsbe­gehren. Wo diese zum Ausdruck kamen, ergab sich daraus, daß ab 1782 Uranus im Krebs stand, was u.a. heißt: Un-ruhe im Volk.

Bei der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 gab es eine Ura­nus-Jupiter-Venus-Konjunktion im Löwen (was für extremen krea­tiven Ausdruck sorgte - im Sinne von extravertierter Selbsten­täußerung), wäh­rend gleichzeitig Pluto im Wasser­mann, Neptun in der Waage und Saturn in den Fi­schen (Aufbegehren der Abseiti­gen bzw. Unterdrückten) stand! Da er­scheinen die Dinge, die sich ereigneten, als nahezu zwangsläu­fig. Dem Saturn in den Fi­schen ist auch ein Phänomen zuzurechnen, das als La Grande peur (die große Furcht) be­kannt wurde und das sich kaum kau­sal, sehr wohl aber synchronistisch erklären läßt. Es be­zeich­net ein irrationales Verhal­ten der Landbevölkerung, die plötz­lich von einer regelrechnten Massenhysterie erfaßt wurde. Ein gegen die Bauern gerichteter Adels­komplott (das hatte es auch früher schon in wechselnder Weise gegeben) führte jetzt zum größten Bauernaufstand in der franzö­sischen Geschichte: nahezu alle Bauern in völlig unterschiedlichen Provin­zen griffen zu den Waffen und erstürmten die Schlös­ser ihrer Grundherren. Erst die Abschaf­fung des Feudalsystems überhaupt durch die National­versammlung konnte den Auf­stand wieder eindämmen. Die Ge­schichte kennt übrigens viele solche Ereig­nisse, die die Histo­riker nicht kausal be­gründen kön­nen.

  • Ab 1790 stand Jupiter in der Jung­frau, wo­durch es zu neuen Re­gelun­gen kam wie et­wa der Zivilverfassung des Klerus.
  • 1791 stand Saturn im Widder und Ju­piter in der Waage: es kam zum Blut­bad auf dem Marsfeld. Der Widder-Saturn gilt als strenger Kämpfer, und Jupiter in der Waage sucht den Aus­gleich im Sinne einer (auch nur ver­meintlichen) Gerechtigkeit.
  • 1792 trat Saturn in den Stier und Jupi­ter in den Skorpion: Sa­turn im Stier sorgt für Gruppenzwang, und Jupiter im Skorpion steht dafür, daß das u.U. schreckliche For­men annehmen kann.
  • 1793 trat dann auch noch Neptun in den Skorpion. Wir hatten be­reits erör­tert, was daraus folgte. Mit Neptun und Jupiter im Skorpion begann fol­g­e­richtig die eigentli­che Schreckens­herr­schaft.
  • 1794 trat dann Jupiter in den Schüt­zen, woraus sich der Kult des höch­sten We­sens ergab. Gleichzeitig stan­den immer noch Pluto im Wasser­mann, Neptun im Skorpion, Uranus im Löwen (Robespierre!) und Saturn im Stier.
  • 1795 trat Uranus in die Jungfrau: das Bür­gertum war damit der Exzesse überdrüssig und drängte nun die Ja­kobiner zurück. Es kam zur Direkto­rialverfassung.
  • 1799 trat Pluto in die Fische: Napole­on riß die Macht an sich.
  • 1801 trat Uranus in die Waage, was zur Gesellschaft der Pariser Salons führte. Das Empire kann als Waage-Entsprechung gel­ten, weil man jetzt offenbar wieder einen Blick für Äs­thetik gewann.
  • 1807 trat Neptun in den Schützen, und Na­poleon begann mit sei­nen Er­oberungszü­gen.

 

 


[1]Von diesem Inhaltlichen hatten aber frühere Zeiten noch keine Vorstellung und dafür auch kein Ausdrucksbedürfnis. Von Kaiser Karl V. etwa soll der Ausspruch stammen, er würde mit seinem Gott spanisch, mit seiner Geliebten italienisch und mit seinen Pferden deutsch sprechen. Allerdings war das Deutsche zu seiner Zeit noch nicht sehr weit entwickelt.

Uranus von 1845-1884

 

Uranus im Widder (1845-1851)

 

In Schlesien kam es jetzt zu den Weberauf­ständen. Die Weber erhoben sich, weil ihre Existenzbedingungen wirklich katastrophal waren. Aber auch den übrigen Arbeitern ging es nicht viel besser. Vor diesem Hin­tergrund verfaßten Marx und En­gels 1847 das Kommunistische Manifest. Das Klima da­für war jetzt günstig: überall fanden Arbei­terversammlungen statt. Marx gab der Zeit­stimmung u.a. mit folgenden Worten Aus­druck:

Die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch die materielle Ge­walt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fä­hig, die Massen zu ergreifen, so­bald sie ad hominem demonstriert, und sie de­monstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radi­kal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Men­schen ist aber der Mensch selbst... Die Kritik der Religion en­det mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Im­perativ, alle Ver­hältnisse umzuwer­fen, in denen der Mensch ein er­niedrigtes, ein geknechtetes, ein ver­lassenes, ein verächt­liches We­sen ist. Marx sieht dabei aber ... die Chance der Entste­hung einer Klas­se mit radikalen Ketten... die einen universel­len Charakter durch ihre uni­versellen Lei­den besitzt und kein besonderes Recht in An­spruch nimmt, weil kein besonde­res Un­recht, sondern das Unrecht schlecht­hin an ihr verübt wird, wel­che nicht mehr auf ei­nen histori­schen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann... welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völ­lige Wieder­gewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflö­sung der Gesell­schaft ist das Prole­tariat. Dieses entsteht aber erst mit der hereinbrechen­den indu­striellen Bewegung für Deutsch­land, nicht durch die naturwüchsig ent­stande­ne, son­dern die künstlich produzier­te Armut... Wie die Philosophie im Prole­tariat ihre materiel­len, so fin­det das Prole­tariat in der Philoso­phie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedan­kens gründlich in diesen nai­ven Volks­bo­den eingeschlagen hat, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Men­schen vollziehen... Der Kopf dieser Emanzi­pation ist die Philo­sophie, ihr Herz das Proleta­riat.

Ein Jahr später kam es zu Revolutionen in ganz Europa, die allerdings bald ihre Kraft verloren. Wenn das auch an den sonstigen Konstellationen lag, so kann man das aber auch als typische Widdereigenschaft sehen, denn der Widder ist leicht für eine Sache zu begeistern, doch hat er oft nicht die Kraft und Ausdauer, sie bis zu ihrem Ende durchzufüh­ren.5 Kausal gesehen können wir als Ursache für das Scheitern sämtlicher Erhebungen in allen Ländern die Tatsache sehen, daß inzwi­schen alle Staatsapparate sehr viel wehrhafter geworden waren als sie es noch im Zeitalter des Feudalismus gewe­sen waren. Ortega y Gasset in Der Auf­stand der Massen:

Aber mit der Revolution bemächtig­te sich das Bürgertum der öffentli­chen Gewalt, und seine unleugba­ren Tugenden auf den Staat anwen­dend, schuf es in weniger als einer Generation eine mächtige Organi­sa­tion, die mit den Revolutionen aufräumte. Seit 1848, das heißt seit dem Beginn der zweiten Gene­ration bürgerlicher Regie­rungen, haben in Europa die eigentlichen Revolutio­nen auf­gehört. Und nicht, weil man keine Gründe, sondern weil man keine Mittel dazu hatte. Die staatli­che und so­ziale Macht haben sich ausgeglichen... Nur das Gegenteil der Revo­lution ist in Europa noch möglich: der Staatsstreich. Und alles, was noch wie eine nachgebo­rene Revolu­tion aussehen könnte, war in Wirklichkeit nur ein maskier­ter Staatsstreich.

1846 begannen die USA einen Grenzkrieg mit Mexiko und annektierten in dessen Ver­lauf Kalifornien, das vornehmlich we­gen sei­ner Gold-Vorkommen wirtschaftlich wichtig wurde. Es ging dabei aber vor al­lem um die texanische Grenze. Zwei Jahre später endete die Auseinandersetzung da­mit, daß die Hälfte des mexikanischen Ge­bietes an die USA fiel. Auch die zuneh­mende Besiedelung des Ore­gon-Gebietes führte wieder zum Konflikt der USA mit Großbritannien.

1847 führte der Mormonenführer Brigham Young seine Gemeinde nach Utah und grün­dete mit ihr am Großen Salzsee die Stadt Salt Lake City.

1848 kam es zum California Gold Rush, bei dem Zehntausende von Abenteurern zu Land und Wasser nach Kalifornien zogen, um dort durch erhoffte Goldfunde zu schnellem Reichtum zu gelangen. Am Ende sollen es über 100.000 Menschen gewesen sein, die auf diese Weise nach Kalifornien kamen, wo natürlich noch das bloße Faust­recht galt. Wer tatsächlich Gold fand, hatte das Problem, es zu behalten. Oft genug verlor er darüber auch sein Leben. Es war aber nicht nur Abenteu­rertum, sondern oft nackte Existenznot, die die Menschen ver­anlaßten, sich auf ein sol­ches Wagnis einzu­lassen, denn in den alten Staaten wurde gleichfalls der Überlebens­kampf immer un­erträglicher, zumal zur glei­chen Zeit die Einwanderungswelle aus Euro­pa in die USA unvermindert anhielt. Vor al­lem deut­sche und irische Auswanderer ver­ließen ih­re frühere Heimat - Irland wegen ei­ner dor­tigen Hungersnot und Deutschland wegen der politischen Repressionen nach der nie­dergeworfenen Revolution.

1850 kämpften in China die Bauern für die soziale Gleichheit, und 1851 kam es in Frankreich zum Staatsstreich Louis Napo­le­ons.

 


 


Uranus im Stier (1852-1858)

 

Als am 1. Mai 1851 die erste Weltausstel­lung in London eröffnet wurde, war der Uranus gerade in den Stier getreten, und natürlich läßt sich dieses Ereignis in mehr­facher Hin­sicht dem Stier zuordnen - zum einen, weil es dabei um die Präsentation von Konsumpro­dukten im Sinne wirt­schaftlicher Interessen ging, und zum ande­ren, weil die ganze Atmo­sphäre der Aus­stellung ausgesprochen be­haglich gewesen sein soll. Sie wurde übrigens von der Kö­nigin Victoria eröffnet. Natürlich läßt sich das immer noch anhaltende kalifor­nische Goldfieber auch sehr gut unter dem Stier­zeichen sehen, weil es dabei nicht nur um Pioniergeist, sondern eben um den erhoff­ten materiellen Gewinn ging und sich nun zu­nehmend das Gewicht hierhin verlagerte. Auch in Au­stralien kam es jetzt übrigens zu einem Goldfieber und einem sprunghaften Anstieg der Einwanderungszahlen, nach­dem dort das seltene Metall gefunden wor­den war. Als Begleiterscheinung führte das in Ame­rika wie in Australien zur Gründung neuer Siedlungen und zur Absicherung von Terri­torien und Claims: das Stierprinzip ist dabei überall deutlich zu erkennen.

1852 wurde in St.Petersburg mit der Ere­mitage eine der reichsten Kunstsammlun­gen der Welt eröffnet, während in den USA die Wells, Fargo & Company gegründet wurde, eine Bank- und Transportgesell­schaft, die den Güterverkehr von New York nach San Francisco abwickeln sollte. Weil es noch wenig Konkurrenz gab und der Güterbedarf an der Westküste zuneh­mend stieg, konnte sich dieses Unterneh­men schnell entwickeln. Man kann darin die Geburtsstunde des ame­rikanischen Kapita­lismus sehen. Zumindest ist diese Definition im Sinne der größeren räumlichen Dimen­sionen gerechtfertigt, die dabei nun über­wunden wurden. Aber auch in Europa gab es ähnliche Entwicklungen, denn 1854 un­terfuhr die erste europäische Ge­bigs­bahn den Semmeringpaß, wodurch Öster­reich verkehrsmäßig mit Italien ver­bunden wurde, was vornehmlich dem Gü­tertrans­port zugute kam. Insgesamt waren dabei 15 Tun­nel und 16 Viadukte gebaut worden. Im glei­chen Jahr nahm der Krimkrieg, der schon ein Jahr zuvor zwischen Rußland und der Türkei begonnen hatte und bei dem es vornehmlich um Gebietsforderungen ging, durch das jetzt erfolgende Eingreifen Großbritanniens und Österreichs europäi­sche Dimensionen an. Er wurde zu einem der schlimmsten Kriege des 19. Jahrhun­derts. Im gleichen Jahr erzwan­gen die Amerikaner mit Hilfe ihrer Flotte die Öff­nung Japans für ihren eigenen Markt, denn Japan hatte sich bis dahin streng pro­tektio­nistisch abgeschottet.

1855 stellte der Drucker und Buchhändler Ernst Theodor Amandus Litfaß in Berlin eine Anschlagsäule für Plakate auf einer Straße auf. Das war die erste Litfaßsäule, mit der die Geburtsstunde der modernen Außenwer­bung für Konsumprodukte ge­kommen war. In Siam schloß der König Rama IV. ein Han­delsabkommen mit Großbritannien, und um sein Land dem Westen zu öffnen, traf er ähn­liche Abkom­men auch mit den USA, Frank­reich, den Niederlanden und Preußen. In der Politik dieses Königs zeigte sich bereits die Presti­gewirkung wirtschaftlicher Macht, denn er war vor al­lem durch die wirtschaftlichen Erfolge der westlichen Länder beeindruckt, gestat­tete deshalb auch die christliche Mis­sionie­rung seines Landes und warb zugleich westliche Techniker und Lehrer an. Gleich­zeitig konnte es in Österreich der Papst Pi­us IX. erreichen, daß Österreich auf seinen staatlichen Einfluß auf die kirchliche Ver­mö­gensverwaltung verzichtete. In Indien annek­tierte der britische Earl of Dalhousie Fürsten­tümer für die englische Krone, die ohne männliche Erben waren. Allgemein bekam nun auch die Großindustrie gewal­tige Di­mensionen, nachdem die Stahlpro­duktion durch die Erfindung der Bessemer-Birne er­heblich billiger geworden war. Be­sonders der große Materialverschleiß wäh­rend des Krim­krieges brachte eine Stahl­konjunktur der Rü­stungsindustrie mit sich.

Wir sollten übrigens nicht vergessen, in die­sem Zusammenhang zu erwähnen, daß 1856 Johann Fuhlrott im Neandertal bei Düsseldorf auf prähistorische Reste früh­menschlicher Knochen stieß und da­durch den Neandertaler entdeckte, der doch wahrhaftig die Gestalt eines Golems hatte und den man wie kein an­deres menschliches Wesen archetypisch mit dem Erdelement in Verbindung bringt. Vor allem ist er eine sehr unmittelbare Entspre­chung von Uranus im Stier.


 

 

Uranus in den Zwillingen (1859-1865)

 

Im Jahre 1859 wurde Darwins Evolutions­theorie veröffentlicht. Alle Exemplare der ersten Ausgabe waren übrigens bereits am ersten Tage verkauft, woraus sich ersehen läßt, wie sehr sie dem Zeitgeist entsprach. Daß es sich dabei be­züglich der Interpretation vom Überleben des Tüchtigsten um eine etwas gewalt­sam-inspi­rierte theoretische Konstruktion han­delte, bei deren Fortentwicklung übrigens weniger - wie später behauptet - die Natur als Denkmo­dell auch für die menschliche Gesellschaft diente (Sozialdarwinismus), sondern viel­ eher die menschlichen Verhal­tenswei­sen in die Organisation tierischer Gruppen hineinge­sehen wurden, ergibt sich auch daraus, daß sie wesentliche Evoluti­onsphä­nomene nicht erklären kann. Wie will sie z.B. die Entste­hung des Pfaus erklä­ren? Nach der gängigen Theorie müßte das da­durch erklärt werden, daß sich die Weib­chen immer das schönste Männchen aussu­chen, wodurch deren Gefie­der immer prachtvoller wird. Andere als äs­thetische Kriterien sind dabei kaum im Spiel, denn ansonsten macht ein solcher Feder­schmuck das Männchen eher lebensuntüchtig und zu einem leichten Opfer von Feinden, zumal die Pfaue ursprünglich im indischen Urwald beheimatet waren. Wie wollen wir aber al­len Ernstes einem Vogel eine derartig hochentwickelte Ästhetik zutrauen, wie sie sonst höchstens die Menschen besitzen? Wel­che Meinung hat etwa unser Hund zu unse­rem neuen Perserteppich? Ein Vorläu­fer Darwins, J.B. Lamarck, hatte sich die Ent­wicklung der Tiere dagegen aus einem inne­ren Bedürfnis heraus vorgestellt, die das Universum dazu bringt, die Formen entstehen zu lassen, doch das war den spä­teren Mate­rialisten zu vitalistisch.6 Nietz­sche hat übri­gens das Phänomen des Erfol­ges der Theorie sehr interessant gesell­schaftlich gedeutet:

Daß unsere modernen Naturwissenschaf­ten sich dermaßen mit dem spinozistischen Dogma (vom sogenannten Selbsterhal­tungs­trieb) verwickelt haben, (zuletzt noch und am gröbsten im Darwinismus mit sei­ner unbe­greiflich einseitigen Lehre vom Kampf ums Dasein) - das liegt wahr­scheinlich an der Herkunft der meisten Naturforscher: sie ge­hören in dieser Hin­sicht zum 'Volk'. Ihre Vorfahren waren ar­me und geringe Leute, welche die Schwie­rigkeit, sich durchzubrin­gen, allzusehr aus der Nähe kannten. Um den ganzen engli­schen Darwinismus herum haucht etwas wie englische Übervölke­rungsstickluft, wie Kleiner-Leute-Geruch von Not und En­ge... 7

Gleichfalls 1859 fand in Leipzig auf dem Marktplatz ein merkwürdiger Festumzug zum Schillerjubiläum anläßlich des 100. Ge­burtstages des Dichters statt, das eine der größten Feiern überhaupt war, die ihm zu Ehren je abgehalten wurde und bei der Zehn­tausende von Bürgern an einer Kolos­salbüste Schillers vorbeizogen, die als sol­che in ihrer übertriebenen Größe reichlich grotesk wirkte (erinnern wir uns an den Pariser Empfang Voltaires im Jahre 1778 - ebenfalls unter Uranus in !) Da nur vier Jahre später ein ähnlich monströses Turn­fest in Leipzig ab­ge­halten wurde, verweist uns das auf das diesen Vorgängen zugrun­deliegende ge­meinsame Prinzip: es ist das Zwillingsprin­zip, das so­wohl für alles Lite­rarische (als solches) steht wie auch natür­lich für die Leichtathletik. Es wäre also kaum denkbar, daß man zu dieser Zeit etwa auch einen Maler oder Musiker so geehrt hätte, denn es mußte natürlich ein Li­terat sein - mög­lichst einer, der viel geschrie­ben hatte.

Im Jahre 1862 erschien Flauberts Roman Salammbo, in dem man einen der ersten wirklich modernen Romane sehen kann in­so­fern, als er ausgesprochen formalistisch ist. Das ewig diskutierte und geradezu ar­chetypi­sche Verhältnis von Form und Inhalt in der Kunst wird immer ein Problem blei­ben, das den Künstler zwingt, auf einem schmalen Grat des richtigen Gleichgewich­tes zu gehen, denn es gilt der Grundsatz: kein Inhalt ohne Form, aber auch keine Form ohne Inhalt. Letzterer Grundsatz bleibt in der modernen Kunst und beson­ders in der unmittelbaren Gegenwart (siehe hier) oft sträflich unberücksichtigt. Ar­chetypisch ist das Verhältnis insofern, als es eine ebensol­che Entsprechung des Yin-und-Yang-Prin­zipes ist wie andere fundamentale Ge­gen­sätze des Universums, das etwa auch in der Ma­gie berücksichtigt werden muß. Dabei ent­spricht die Form dem Materie-Prinzip und der Inhalt dem Geist-Prinzip. Man kann auch sagen, daß die Kunst des 19. Jahrhun­dets überwiegend inhaltlich betont und die Kunst des 20. Jahrhunderts über­wiegend formal be­tont ist, und insofern war Salammbo eine Vorankündigung der Li­teratur des 20. Jahr­hunderts. Seitenlang folgt der Text schon ganz am Anfang einer Struktur, die an fol­genden Auszügen deut­lich wird:

Neben der schwerfälligen dorischen Mund­art erklangen, wie Schlacht­wagen rasselnd, die Silben der Kelten, und die vollen ioni­schen Endungen prallten gegen die rau­hen Laute der Wüste, dem Geheul des Schakals vergleichbar... Sie ruhten auf Kissen hin­ge­streckt, hockten schmausend um große Schüsseln oder lagen auf dem Bauch, die Ellbogen aufgestemmt, und zo­gen die Fleischstücke zu sich heran, in der friedli­chen Haltung von Löwen, die ihre Beute zerstüc­keln. Die zuletzt Gekomme­nen lehnten an den Bäumen, blickten auf die niedrigen Tische, die halb unter Schar­lach­teppichen ver­schwanden, und harrten, bis die Reihe an sie kam... und man sah inmitten des Gartens, wie auf ei­nem Schlachtfeld, wenn man die Toten ver­brennt, große, leuchtende Feuer, an de­nen Ochsen brieten... Die Freude, nun endlich nach Belieben schmausen zu kön­nen, wei­tete aller Augen; hier und da er­klang schon ein Lied. Auf roten Tonschüs­seln mit schwarzen Verzierungen trug man zuerst Vö­gel in grüner Brühe auf, dann allerlei Mu­scheln, wie man sie an den pu­nischen Küsten sammelt, Suppen aus Wei­zen, Boh­nen und Gerste, und Schnecken mit Küm­mel auf Tel­lern von Bern­stein... Die Fruchtpyramiden roll­ten auf Honigku­chen herab, und man hatte auch nicht ver­ges­sen, einige von den kleinen dickbäuchi­gen Hunden mit rosigen Seiden­fell auf­zuti­schen, die mit Oliventre­bern gemästet wa­ren, ein karthagi­sches Ge­richt, das die an­deren Völ­ker verabscheu­ten... Die glat­tra­sierten Griechen, weißer als Mar­mor, warfen die Abfälle hinter sich, während bruttische Hirten, in Wolfsfelle ge­hüllt, das Gesicht in die Schüsseln versenk­ten und schweigend ihr Mahl verschlan­gen... An­dere warfen sich über die Tische hinweg mit den elfenbeiner­nen Schemeln und gol­de­nen Spaten, schlürften in vollen Zügen die grie­chischen Weine, die man in Schläu­chen bewahrt, die kampanischen, die in Amphoren verschlossen sind, die kantab­rischen, die man in Fäs­sern herbeischafft, und die, wel­che aus Brustbeeren, Zimt und Lotus bereitet werden... Man vernahm gleichzeitig das Klappern der Kinnbacken, das Geräusch der Stimmen, der Lieder und Trinkscha­len, das Klirren kampani­scher Vasen, die in Stücke zer­sprangen, oder den hellen Klang einer großen Silberschüssel.

Die Kritiken blieben nicht aus. George Sand etwa ermahnte ihren Kollegen: „Nähre dich von deinen Ideen und Gefüh­len; die Form, von der du so viel Worte machst, wird ganz von allein aus diesem Prozeß hervorgehen. Sie ist kein Ziel, son­dern eine Wirkung.“ Man bezeichnete Flau­bert sogar als Sadisten der Sprache und bezichtigte ihn der Formvergöt­terung, in­dem er seine Texte mit Wortspielen und Bildern auf­putzte, so daß der Inhalt umso blasser und inhaltsleerer wurde.8 Doch die Geschmäc­ker sind verschieden: man kann ei­nen sol­chen Text auch als kultiviertes und eli­täres Lesevergnügen empfinden, doch si­cher litt Flaubert unter diesen Umständen nicht un­ter Balzacs Angst eines möglichen Kreati­vi­tätsverlustes, denn auf Einfälle war er so kaum angewiesen - schließlich läßt sich aus jedem Substantiv immer noch ein Ne­ben­satz stricken, solange der Leser noch nicht einge­schlafen ist. Die heutige Compu­ter­technik erleichtert es inzwischen einigen noch unbe­denklicheren modernen Literaten, diesem Beispiel zu folgen.9

Ein anderes ungewöhnliches literarisches Er­eignis des Jahres 1865 war der erste Science-Fiction-Roman von Jules Verne unter dem bereits erwähnten Titel: Von der Erde zum Mond. Direktflug in 97 Stunden und 20 Mi­nuten.

Aber auch die Tatsache, daß der deutsche Physiker Philipp Reis im Oktober 1861 auf einer Sitzung des Physikalischen Vereins in Frankfurt am Main einen Apparat zur elek­trischen Übertragung von Tönen vorführte, den er als Telephon bezeichnete, ist eine deutliche Entsprechnung unseres Prinzips, da das bald die überregionale Kommunika­tion auf eine völlig neue Grundlage stellen sollte.

1863 kam es übrigens zu einem Guerilla­kampf in Mexiko: Guerilla scheint wie erör­tert immer eine Zwillingsentsprechung zu sein.

 


 

 

Uranus im Krebs (1866-1872)

 

Vom 16.-19.10.1865, als Uranus gerade in den Krebs getreten war, fand die erste Frau­enkonferenz und die Gründung des Allge­meinen Deutschen Frauenvereines statt. Im Jahre 1867 publizierte Josef Victor Scheffel, einer der in Deutschland populärsten Schrift­steller des 19. Jahrhunderts und der Verfasser des Kultbu­ches Ekkehard, das Studentenlieder­buch Gaudeamus, das seitdem alljährlich in vier Auflagen gedruckt werden mußte. Erst der vorher kaum voraussehbare Erfolg des Gaudeamus zog dann den Erfolg des Ekke­hard nach sich. Die Liedersamm­lung, der Scheffel selbst reserviert gegen­überstand und die er eigentlich nur für ei­nen kleinen Kreis von Burschenschaftlern auf deren Wunsch hin veröffentlicht hatte, fand bald auch in der breiten Öffentlichkeit eine un­gewöhnliche Resonanz. Scheffel wurde 1870 auch in der Gartenlaube re­zensiert - einem Magazin, das zur Bildung breiter Bürgerschichten beitra­gen wollte und das sich in diesen Jahren einer immer größeren Beliebtheit erfreute. In die­ser Zeit erreichte auch die Nachwirkung Ei­chendorffs ihren Höhepunkt, denn seine von seinem Sohn verfaßte Biografie erzielte bis ins 20. Jahr­hundert hinein (insbesondere dann wieder unter Neptun im Krebs) nicht weniger als hundert Neuauflagen. Im Jahre 1868 veröf­fentlichte auch Theodor Storm, der sich späteren Generationen als ein ty­pisch deut­scher Dichter verklärte, eine erste Aus­gabe seiner Sämtlichen Schriften. Jetzt hatte auch diesen Dichter, der sich bis dahin ei­gentlich eher als schleswig-holsteinischer Partikularist und in Bismarck nur einen bru­ta­len Eroberer gesehen hatte, im Zuge der Er­eignisse des deutsch-fran­zösischen Krie­ges der neue gesamtdeutsche Nationalismus er­faßt: Deutschen Herd und deutsche Ge­sit­tung haben wir jetzt zu verteidigen gegen die Romanen, schrieb er in einem Brief an ei­nen Freund.

Eine wahre Welle eines neuerwachten Na­tio­nalgefühles brach nun, begleitet vom zu­neh­menden Erfolg der Bismarckschen Poli­tik, die 1871 zur Gründung des Deutschen Rei­ches führen sollte, über Deutschland herein. Niemand hat diesem Gefühl, das sich zu­nächst an der Gegnerschaft zu dem so lange dominierenden Frankreich zu profilieren und sich von ihm zu emanzipie­renden suchte, so sehr Ausdruck gegeben, wie Wagner in sei­nen 1868 uraufgeführten Meistersingern, wobei auch für ihn son­der­lich nach dem De­bakel der Pariser Thann­häuser-Aufführung persönliche Gründe mitsprachen. So singt Hans Sachs in der Schlußszene:

Zerfällt erst deutsches Volk und Reich,
In falscher welscher Majestät
Kein Fürst bald mehr sein Volk ver­steht;
Und welschen Dunst mit welschem Tand
Sie pflanzen uns in deutsches Land.
Was deutsch und echt, wüßt' keiner mehr,
Lebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.
Drum sag' ich euch:
Ehrt eure deutschen Meister,
Dann bannt ihr gute Geister!
Und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
Zerging' im Dunst
Das Heil'ge Röm'sche Reich,
Uns bliebe gleich
Die heil'ge deutsche Kunst!

Doch eigentlich sind wir hier ja nicht bei Neptun, sondern bei Uranus, und der steht immer eher für Ungewöhnliches. Das kam darin zum Ausdruck, daß diese übergrei­fende Nationalidee in dem bisher seit vielen Jahr­hunderten in viele Kleinstaaten zersplit­terten Deutschland sich allerdings erst bil­den mußte, was bisweilen recht holperig zuging. Bis zuletzt wollte nämlich der preußische König Wilhelm I. den vorge­schlagenen Titel Deutscher Kaiser nicht annehmen, ebenso­wenig wie Kaiser der Deutschen: erst mit dem Titel Kaiser von Deutschland zeigte er sich widerstrebend einverstanden. Doch der Großherzog von Baden, dem es zufiel, die Proklamation auszurufen, wollte das Hoch weder auf den Deutschen Kaiser noch auf den Kaiser von Deutschland, sondern nur auf den Kaiser Wilhelm ausrufen. Das zeigt, wie schwer man sich mit den neuen Ent­wicklun­gen tat. Auch Bismarck selbst, der Regisseur der Proklamation, wollte dabei nicht in Stim­mung kommen. Wie es hieß, soll der da­bei sehr grimmig und verstimmt gewirkt ha­ben und soll in tonloser und ge­schäftlicher Art und ohne jede Spur von Wärme oder feier­li­cher Stimmung die An­sprache an das deut­sche Volk gehalten haben. König Wil­helm selbst richtete dann an die versammel­ten Für­sten folgende Worte:

Durchlauchtigste Fürsten und Bun­desge­nossen! In Gemeinschaft mit der Ge­samt­heit der Deutschen Für­sten und Freien Städte haben Sie sich der von des Königs von Bayern Ma­jestät an Mich gerichte­ten Aufforde­rung angeschlossen, mit Wieder­her­stellung des Deut­schen Reiches die Deutsche Kai­serwürde für Mich und Meine Nachfolger an der Krone Preußen zu über­nehmen. Ich habe Ihnen, durchlauchtigste Fürsten, und Mei­nen anderen hohen Bun­desgenos­sen be­reits schriftlich Meinen Dank für das Mir kundgegebene Ver­trauen und Meinen Ent­schluß aus­gespro­chen, Ih­rer Aufforderung Folge zu leisten. Diesen Entschluß habe ich gefaßt in der Hoffnung, daß es Mir, unter Gottes Beistande, gelin­gen werde, die mit der Kaiser­lichen Würde verbundenen Pflich­ten zum Segen Deutschlands zu er­füllen. Dem deutschen Volke gebe Ich Meinen Ent­schluß durch eine heute von mir erlassene Proklama­tion kund, zu de­ren Verlesung ich Meinen Kanzler auffordere.

Wie überraschend diese Entwicklung für die Zeitgenossen kam, geht auch aus einem Be­richt des Malers der Kaiserproklamation, An­ton von Werner, hervor. Dieser erhielt nur wenige Tage vor dem Ereignis ein Te­le­gramm des preußischen Hofmarschalls Eu­lenburg mit folgendem Inhalt: S.K.H. der Kronprinz läßt Ihnen sagen, daß Sie hier Etwas Ihres Pinsels Würdiges erleben wür­den, wenn Sie vor dem 18. Januar hier ein­treffen können.

Der so angesprochene Maler wußte, daß die­ser Hinweis nicht nur als Bitte, sondern als Befehl gemeint war, mit dem er nach Ver­sailles zitiert wurde. Was er dann er­lebte, schilderte er selbst später so:

Und nun ging in prunklosester Weise und außerordentlichster Kürze das große hi­sto­ri­sche Ereig­nis vor sich, das die Errun­gen­schaft des Krieges bedeutete: die Pro­kla­mie­rung des Deutschen Kaiser­rei­ches!... Der Vorgang war gewiß historisch würdig, und ich wandte ihm meine ge­spannteste Aufmerk­samkeit zu, zunächst natürlich sei­ner äuße­ren malerischen Er­schei­nung, no­tierte in aller Eile das Nö­tigste, sah, daß König Wil­helm et­was sprach und daß Graf Bismarck mit hölzer­ner Stimme etwas Län­ge­res vorlas, hörte aber nicht, was es be­deutete, und er­wachte aus meiner Vertie­fung erst, als der Groß­herzog von Baden neben König Wil­helm trat und mit lauter Stimme in den Saal hineinrief: 'Seine Ma­je­stät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, Er lebe hoch!' Ein dreima­li­ges Don­nergetöse unter dem Geklirr der Waffen antwortete darauf, ich schrie mit und konnte natürlich da­bei nicht zeichnen; von unten her ant­wortete wie ein Echo sich fort­pflanzend das Hurra der dort auf­ge­stellten Truppen. Der histori­sche Akt war vorbei: es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deut­schen Kai­ser!

...Nur mußte der natürlich noch gemalt wer­den, sonst hätte es ihn viel weniger pla­stisch gegeben, denn zwar ist es üblicher­weise so, daß Ereignisse erst dann ge­malt werden, wenn sie zuvor zu solchen gewor­den sind, aber wie unsere heutigen Werbe­fachleute wissen, kann man es auch umge­kehrt ma­chen, und das ist hier zum er­sten Mal ganz bewußt versucht worden.

Im Jahre 1870 kam es übrigens auch zur na­tionalen Einigung Italiens, und Rom wurde dabei die neue Hauptstadt, während nur we­nige Monate später Berlin die neue deutsche Hauptstadt wurde.

 


 

 

Uranus im Löwen (1873-1878)

 

Das Deutsche Reich war durch die Finanz- und Bankenkrise 1873 endgültig zu einer Klassengesellschaft geworden, in der nicht mehr Herkunft oder Stand darüber entschieden, welcher gesellschaftlichen Gruppe jemand angehörte, sondern wo zunehmend Vermögen und Besitz die Chancen des Einzelnen und sein gesellschaftliches Ansehen bestimmten. (Margarete Schwind: Zwischen Demokratie und Kanzlerdiktatur.)

 

Im Jahre 1873 wurde nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 in Berlin die Siegessäule enthüllt, deren Sockel mit einem Schlachtenrelief ge­schmückt war, das die Überschrift trug: Das dankbare Vater­land dem siegreichen Heere. Da diese Periode zur Heroisierung tendierte, wurden aber vor allem Denkmä­ler historischer Per­sönlichkeiten errichtet, so etwa das Denk­mal Friedrich Wilhelms III. in Köln und ein ande­res von ihm in Berlin. Am Sockel des Kölner Denkmals waren fast alle bedeuten­den Per­sönlichkei­ten der preußischen Ge­schichte dargestellt (es steht nach wechsel­hafter Ge­schichte heute wieder auf dem Heumarkt). Es wurde allerdings erst nach 23-jähriger Entste­hungszeit im Jahre 1878 in Anwesenheit des neuen Kaiserpaares und des Kronprin­zen enthüllt. Die jetzt beson­ders auffällige Denkmalflut, die wir bereits unter dem Stier-Prinzip erörtert hatten, läßt sich noch besser verstehen, wenn man die gleichzei­tige Ein­wirkung des Uranus im Löwen mit berück­sichtigt. Wir hatten schon erwähnt, daß Denkmäler auch unter dem Löwe-Prinzip gesehen werden können, wenn sie demonstrativen Charakter haben (was ja in der Romantik viel weniger der Fall war). Aber auch das Spiel und die Spekulation entsprechen dem Löwen, und deshalb wundert es nicht, daß es im Jahre 1873 zu einem Höhepunkt im Spekulationsboom kam. Sogar im Deutschen Parlament wurde das Börsengeschäft betrieben. Da auch Könige und Fürsten dem Löwen entsprechen, sollten wir vermerken, daß sich vornehmlich der Adel jetzt in der aufblühenden Wirtschaft zu profilieren versuchte. Allein in den Verwaltungsräten der Eisenbahnen sollen 13 Fürsten, ein Landgraf, 64 Grafen, 29 Barone und 41 andere Adlige gesessen haben.

Der sensibelste Seismograph einer neuen Zeitstimmung sind aber immer die kreativen Köpfe, in denen sich der Archetypus oft ganz unmittelbar ausdrückt - zumal, wenn es dem Ausrufer bestimmt ist, öffentliche Resonanz zu erreichen. Wie Nietzsche zu dieser Zeit dachte, geht aus seinem 1874 verfaßten Es­say Schopenhauer als Erzie­her hervor, in dem er u.a. schrieb:

Ich gehe durch die neuen Straßen unserer Städte und denke, wie von allen diesen greu­lichen Häusern, welche das Ge­schlecht der öffent­lich Meinenden sich er­baut hat, in ei­nem Jahrhundert nichts mehr steht, und wie dann auch wohl die Meinun­gen dieser Häu­serbauer umgefallen sein werden. Wie hoff­nungsvoll dürfen dagegen alle die sein, wel­che sich nicht als Bürger dieser Zeit fühlen; denn wären sie dies, so würden sie mit dazu dienen, ihre Zeit zu töten und samt ihrer Zeit unterzugehen, - während sie die Zeit viel­mehr zum Leben erwec­ken wollen, um in die­sem Leben sel­ber fortzu­leben. Aber auch wenn uns die Zukunft nichts hoffen ließe - unser wun­derliches Dasein gerade in diesem Jetzt ermutigt uns am stärksten, nach eignem Maß und Gesetz zu leben: jene Unerklär­lich­keit, daß wir ge­rade heute leben und doch die unendliche Zeit hatten zu entste­hen, daß wir nichts als ein spannenlanges Heute be­sitzen und in ihm zeigen sollen, warum und wozu wir ge­rade jetzt entstan­den. Wir haben uns über unser Dasein vor uns selbst zu ver­antwor­ten; folglich wollen wir auch die wirkli­chen Steuermänner die­ses Daseins ab­geben und nicht zulassen, daß unsere Exi­stenz einer gedankenlo­sen Zufälligkeit glei­che... warum an dieser Scholle, diesem Ge­werbe hängen, warum hinhorchen nach dem, was der Nachbar sagt? Es ist so kleinstäd­tisch, sich zu An­sichten zu verpflichten, wel­che ein paar hundert Meilen schon nicht mehr ver­pflich­ten10 ... Ich will den Versuch ma­chen, zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele; und da sollte es sie hindern, daß zufällig zwei Nationen sich hassen und be­kriegen, oder daß ein Meer zwi­schen zwei Erdteilen liegt, oder daß rings umher eine Religion gelehrt wird, welche doch vor ein paar tau­send Jahren noch nicht bestand. Das bist du alles nicht selbst, sagt sie sich. Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluß des Lebens schrei­ten mußt, niemand außer dir allein. Zwar gibt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluß tragen wollen; aber nur um den Preis deiner selbst: du würdest dich ver­pfänden und ver­lieren. Es gibt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem nie­mand gehen kann, außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn. Wer war es, der den Satz aus­sprach: ein Mann erhebt sich nie­mals höher, als wenn er nicht weiß, wohin ihn sein Weg noch führen kann? Aber wie finden wir uns selbst wieder? Wie kann sich der Mensch kennen?... Die junge Seele sehe auf das Le­ben zurück mit der Frage: was hast du bis jetzt wahr­haft ge­liebt, was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrs­cht und zugleich be­glückt? Stelle dir die Reihe die­ser verehr­ten Ge­genstände vor dir auf, und viel­leicht ergeben sie dir, durch ihr Wesen und ihre Folge, ein Gesetz, das Grundge­setz deines eigentlichen Selbst... Denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens über dem, was du ge­wöhnlich als dein Ich nimmst... Und das ist das Ge­heimnis aller Bildung: sie verleiht nicht künstliche Gliedmaßen, wächserne Nasen, bebrillte Augen - vielmehr ist das, was diese Gaben zu geben vermöchte, nur das Afterbild der Erziehung. Sondern Be­frei­ung ist sie, Wegräumung allen Unkrauts, Schuttwerks, Gewürms, das die zarten Keime der Pflanzen antasten will, Aus­strömung von Licht und Wärme, liebevol­les Niederrauschen nächtlichen Regens, sie ist Nachahmung und Anbetung der Natur, wo diese mütterlich und barmherzig ge­sinnt ist, sie ist Vollendung der Natur.

Wie sehr sich hier der allzu kritische Zeitgeister angesichts der seinerzeitigen Neubauten doch irrte! Denn gerade die Häuser dieser Gründerzeit, die sogar noch zwei nachfolgende Weltkriege überdauert haben, sind uns heute ja inzwischen wieder der schönste Stadtschmuck. Doch setzt sich in uns sein kritsches Zeitgeist-Erbe fort, wenn wir nun unsereseits darüber nachdenken, was unsere Nachkommen über unsere Zeit denken werden. Denn anstelle dieser Gründer-Häuser werden dann nur noch Autofriedhofshalden daran erinnern! Von unserer Zeit wird nichts der Gründerzeit Vergleichbares zurückbleiben! Diese Periode war aber auch die Zeit un­gewöhnlicher Persönlichkeiten. 1875 grün­dete die exzentrische Helena Blavatski nach spiritistischen Experimenten in New York die Theosophische Gesellschaft, von der sich später die Anthroposophie abspaltete. In den USA profilierten sich die Finanzba­rone Vanderbilt und der skrupel­lose Jay Gould sowie der geniale Erfinder Edison, dessen legendärer Erfolg für einen Erfinder durchaus untypisch war. In Deutschland wurde 1876 zu seinem 50. Geburtstag der epigonale Schriftsteller Scheffel geehrt wie kein anderer lebender Dichter zuvor. Daß der Unterschied zwi­schen Realität und Theater oft nur schwer zu ziehen ist, zeigt sich auch darin, daß zu dieser Zeit Georges Bizet durch seine Oper Carmen zu Ruhm gelangte, in der sich wie in kaum einem an­deren künsterischen Werk das Löweprinzip - hier in seiner weiblichen Variante - aus­drückt.

Der Sieg über Frankreich hatte für Deutschland durch die französischen Repa­rationsleistungen einen Wohlstandsanstieg zur Folge, der sich in diesen Jahren vor al­lem in der Aussschmückung der Fassaden öffentlicher und bürgerlicher Häuser als Deutsche Renaissance offenbarte. Dabei kamen auch kostspielige Glasmosaiken in den Fassaden zur Anwendung: beispielhaft dafür war das Berliner Palais Pringsheim, das unter den neuesten Luxusbauten reicher Bürger (Pringsheim war durch die schlesi­sche Eisenbahn und Kohlegruben zu Reich­tum gelangt) insofern eine besondere Be­deutung erlangte, als dabei der wilhelmini­sche Hofmaler Anton von Werner an der Fassadengestaltung maßgeblich mitwirkte. Dieser im übrigen in einem Mischstil aus Renaissance und Gründerzeit-Barock er­richtete Bau war für Berlin ein sensationel­les Ereignis, weil er schon in seiner Fassade eine neue Baugesinnung zeigte, die durch zunehmende Pracht­entfaltung gekennzeich­net war und die sich auch als deutliche Ab­wendung von der kalten Pracht Schinkel­scher Bauten verstehen ließ. Der neue Stil war geprägt durch betonte Farbigkeit und besondere Dekorationstechniken, zu denen vor allem die Verwendung von Goldmosaik gehörte. Bunte Bilder auf Goldgrund: auch hier wieder wie stets unter dem Löwen be­gegnen wir also der Farbe Gold! Dabei war das eigentliche Motiv der Bauherren ganz offensichtlich die Zurschaustellung ihres neuen Reichtums durch demonstrativen Luxus und signalhafte Farbigkeit - die Be­zeichnung neureich gelangte jetzt in den allgemeinen Sprachgebrauch -, denn das Bürgertum rang noch um seine gesell­schaftliche Stellung. Es war die erste Gene­ration der Unternehmer und Spekulanten. Anton von Werner selbst gelangte durch die zunehmenden Aufträge auch von Seiten dieser wohlhabenden Bürger zu Reichtum und konnte sich so bereits 1873 sein eige­nes Haus in der Berliner Potsdamer Straße errichten, das er mit eigenen Wandbema­lungen reichlich ausstattete und in dem die Berliner Gesellschaft ein und aus ging - Moltke und der Kronprinz waren ständige Gäste. Der Maler selbst hielt in seinem ro­ten Salon regelrecht Hof.11

Im Jahre 1875 ließ der neue deutsche Kai­ser Wilhelm I. eine "Ruhmeshalle für die Preußische Armee" errichten, in der die preußische Militärtradition seit dem Großen Kurfürsten und der Aufstieg Preußens zur Großmacht dokumentiert wurde. Diese Anlage war eine Mischung aus Denkmal und Bildungsanstalt für das Volk, in deren Zentrum sich die sog. Herrscherhalle be­fand, in der die gesamte Ahnengalerie der Hohenzollern durch eindrucksvolle Statuen dargestellt wurde.


 

Uranus in der Jungfrau (1879-1884)

 

1879 erschienen die ersten Romane Theodor Fontanes, die den inzwischen Sechzigjähri­gen zum Idol der ganz Jun­gen mach­ten. Fontanes später Ruhm ist in­sofern ver­gleichbar mit dem Schopenhau­ers: jeden­falls gelang ihm so nicht mehr der Anschluß an seine Altersgenossen - etwa Turgenjew oder Keller, die in­zwischen schon seit lan­ger Zeit bekannt waren, und von den jün­ge­ren wie etwa Raabe trennte ihn der Alters­abstand. Gerade in dieser Au­ßenseiterposi­tion lag aber auch das ihn Auszeichnende: es war die Position dessen, der mit größe­rer Glaubwürdigkeit die These verkörperte, daß gerade der Weg das Ziel ist und daß nur auf diese Weise eine große Sache reifen kann - jedenfalls ist nicht zu übersehen, daß er die meisten sei­ner früheren Ri­valen, de­nen er bis dahin nichts entgegenzusetzen gehabt hatte, nun bei weitem überflügelte. Dem Uranus in der Jungfrau können wir dieses späte Debut (er hatte allerdings auch früher schon - wenn auch mit geringerem Erfolg - publiziert) inso­fern zuweisen, als es sich einerseits um einen literarischen Er­folg handelte, und an­dererseits deshalb, weil er zuvor endlich seine Stellung als Re­dakteur bei der reak­tionären Kreuzzeitung gekündigt hatte, um sich auf seine späten Jahre noch auf das Abenteuer eines frei­schaffenden Autors einzulassen, wozu ihn keine Vorer­folge be­rechtigten, sondern nur sein plötzlich er­starktes Sen­dungsbewußt­sein.

Im gleichen Jahr 1879 gelang auch Thomas Alva Edison die Kon­struktion einer Kohle­faden-Glühlampe, die immerhin 40 Stunden lang brannte und die er bald wesentlich verbessern und öffent­lich vorführen konnte. Seit über 50 Jahren hatten bereits zuvor verschiedene Erfinder in aller Welt Glüh­lampen vorgestellt, die aber niemals länger als nur wenige Minuten brannten. Diese Vor­stellung wurde von den Zeitgenossen als so interessant empfun­den, daß eine Nachricht darüber sogar auf der Titelseite der New York Harald unter der Über­schrift Edisons Licht er­schien, was dazu führte, daß nur zwei Jahre nach dem Tri­umph des Phonografen die "wissenschaftliche Welt bis auf ihre Grund­mauern erschüttert" wurde, wie es in der Zeitung einen Monat später hieß. Am Syl­vesterabend 1879 geriet die Glühlampen-De­monstration im Menlo-Park zu einem Massen-Festival, wobei die Schaulustigen den Fortschritt und den be­rühmten Erfin­der se­hen wollten. Edison war aber auch ein Meister der Selbstre­klame und erreichte durch eine groß auf­gemachte Pressekam­pagne, daß der Glaube an die neue Erfin­dung an der Börse zu Kursverlusten aller Gaslichtaktien führte. Obwohl der Erfinder schon eine na­tionale Berühmtheit war (ab 1879 erschienen zahl­reiche Biogra­fien über ihn, die den "König der Erfinder" als Sym­bol des ame­rikani­schen Erfindergeistes her­ausstellten), stieß doch immer noch ein Ar­tikel in der Zeit­schrift Scientific American über einen von ihm konstruierten neuen Dynamo auf gro­ßes Mißtrauen unter den Experten. Die Geldgeber hielten sich dem­entsprechend noch zurück, aber Edisons Glaube an sich selbst war unbeirrt: "Wenn es keine Fabri­ken zur Herstellung meiner Erfindung gibt, dann werde ich die Fabrik eben selbst bauen. Da die Geldgeber ängst­lich sind, werde ich das notwendige Kapital selbst zur Verfügung stellen. Die Losung heißt: Fabriken oder Tod!" 1880 richtete er sich in einer alten Scheune eine eigene Fa­brik zur Herstellung von Glühlampen ein, für die er die Investition sei­nes gesamten Vermö­gens riskierte. Erst jetzt fanden sich auch andere Geldgeber, so daß der Erfinder noch weitere Fabriken in New York errich­ten konnte, in denen er Lampenfassungen, Schal­ter, Sicherungen, Leuchter und che­mische Meßgeräte herstellte. Innerhalb ei­nes einzigen Jahres wuchs seine Firma auf 300 Mit­arbeiter. Ende des Jahres wurde so die Edison Electric Illumi­nating Company of New York gegründet, deren Ziel es war, die Straßen und Häuser New Yorks durch ein großes Zentralkraftwerk zu be­leuchten, wozu nun endlich auch von füh­renden Ban­ken Geld gegeben wurde. Der Erfinder war nun nicht mehr zu halten und platzte vor Energie. Er baute unter ande­rem auch die erste große amerikanische Lokomotive, von der der Eisenbahnkönig Vil­lard so an­getan war, daß er dem Erfin­der 40.000 Dollar zur Ent­wicklung einer noch größe­ren Lokomotive zur Verfügung stellte. 1880 konnte Edison auf der Pariser Elek­trizitätsausstellung und der Londoner Kri­stallpalastausstellung seine Beleuch­tungsan­la­gen der Weltöffentlichkeit vorstel­len, was ihm außer vielen Di­plomen und Medaillen das Band der französischen Eh­renlegion einbrachte. 1881 konnte er be­reits mit meh­reren hundert Arbei­tern mit der Produktion von Dynamos beginnen - es war die Ge­burtsstunde der späteren General Electric Company. Edison stand nun wirklich im Rampenlicht einer Öffent­lichkeit, die so­gar lebhaft an seinem Privat­leben Anteil nahm, und die Börse reagierte auf jeden Hinweis über seinen Gesundheits­zustand. Seine Villa wurde zu einem gesell­schaftlichen Treffpunkt, an dem sich Jour­nalisten, Fi­nanziers, Politiker, Erfinder und Künstler trafen. Doch oft war der Hausherr selbst dabei gar nicht anwesend, denn er hatte Wichtigeres zu tun. Er war wäh­rend der Einführung seiner Beleuchtungsanlagen oft wochenlang überhaupt nicht zu Hause, und wenn er kam, schlich er sich di­rekt in seine Arbeitsräume, wo er sich mit seiner ver­schmutzten Arbeitskleidung und einer Steppdecke direkt auf oder unter sei­nem Arbeitstisch schlafen legte, wenn ihn die Müdigkeit über­mannte und er seine Arbeit unterbrechen mußte. Bald erschien er zu den Parties, die seine Frau gab, überhaupt nicht mehr und vernachlässigte sein Äuße­res über seiner weltabgewandten Ar­beit. Er war zwar inzwischen zum Millionär gewor­den, doch hatte er keine Zeit, sein Geld auszugeben. Seine Frau wartete sogar zu­meist mit dem Essen vergeblich auf ihren berühmten Mann, des­sen Ruhm im gleichen Maße wuchs, wie er sich von der Gesell­schaft zurückzog, die ihn zugleich in den Obergeschossen seines Hauses unvermin­dert feierte. Wenn Edison auch nur Zeit ge­habt hätte, darüber nachzudenken, so hätte er sich wohl gesagt, daß ja Geld genug da­zu da war. Aber es war tatsächlich so, daß man einen Unsichtbaren feierte, der durch seine Zurückgezogenheit offenbar als umso interessanter empfunden wurde. Doch konnte er auch unvermittelt wieder in der Öffentlichkeit auftauchen, wenn es ihn in­teressierte: so war er in Paris der Gast Gu­stave Eif­fels, begegnete Louis Pasteur und traf in Berlin mit Hermann von Helmholtz und Werner von Siemens zusammen. Die Zeit der Kut­schen war ja nun schon lange vor­bei, und Edison besaß bei sei­nen Eisen­bahn­fahrten nun ein privates Abteil.

Ende des Jahres 1878, als Uranus schon kurz zuvor in die Jung­frau getreten war, wurde übrigens in England die Heilsarmee ge­gründet. 1880 wurde in Köln 632 Jahre nach Baubeginn endlich der Bau des Do­mes vollendet und galt jetzt als Symbol der na­tionalen Vereinigung Deutschlands und natürlich auch der deut­schen Tüchtigkeit. In diesem Geiste, der für Arbeit mehr Ver­ständnis zeigte als für Arbeiter, wurde auch 1883 von Bismarck die neue Sozialgesetz­gebung erlassen. 1884 konnten in den USA dank des neuen Linotype-Setzmaschine nun die Zeitungen in Mas­senauflagen erschei­nen, während gleichzeitig die ersten Wol­ken­kratzer gebaut wurden. Im gleichen Jahr wurde auch in Ägypten das Grab von Ram­ses II. entdeckt. Derartige Ausgrabungen scheinen immer wieder unter der Jungfrau oder dem Skorpion zu geschehen.


 


 

Fußnoten:

5 Übrigens war zwei Jahre zuvor der Neptun entdeckt worden, aus dessen Entdeckungshoroskop sich nicht nur eine Ankündigung die­ses Ereignisses, sondern auch der Grund ablesen läßt, warum es zu keiner Neuauflage der französischen Revolution kommen sollte (das Ent­deckungshoroskop des Uranus im Jahre 1781 gab seiner­seits einen deutlichen Hinweis auf die französische Revolution und die folgende Romantik bzw. Napoleon). In dem Nep­tun-Horoskop befindet sich ein sog. Finger Gottes, der von einem Sextil von Pluto im Widder zu ei­ner Saturn-Neptun-Konjunktion im Wasser­mann ausgehend auf Mars in der Jungfrau zeigt. Daß Pluto im Wid­der für den Beginn der Moderne steht, ist durch unsere bis­heri­gen Betrachtungen hinreichend deutlich ge­wor­den. Die Kon­junk­tion dagegen läßt sich als die kom­mende Revolution deuten. Eine Saturn-Neptun-Kon­junk­tion ist im­mer äußerst brisant (siehe dazu Ausführungen in dem entsprechenden späteren Kapitel), weil mit ihr die Gefahr des Perspektivverlustes oder der inneren Orien­tie­rungslosigkeit verbunden ist - bei der gleichzeiti­gen Möglichkeit, die Perspektive auf eine höhere Ebene zu heben. Die Stellung im Wasser­mann zeigt hier an, daß sich das auf die gesell­schaftliche Ebene bezieht.  Beide Dinge - also die elementare Kraft und die ge­sellschaftliche Orientierung - stehen zueinander in einem noch klä­rungsbedürftigen Verhältnis (was nicht aus dem ansich har­moni­schen Aspekt, sondern aus der Konjunktion hervorgeht, die der Sublimation bedarf). Die entscheidende Rolle fällt dabei dem Mars in der Jungfrau zu, der wohl besagt, daß das Univer­sum sich eben­sowe­nig von Marx und Engels wie zuvor von der christli­chen Kir­che als Selbstbedienungsladen des Menschen auffassen lassen will, sondern daß jetzt im Sinne der (geistigen) Evolution zunächst we­niger soziale Gerechtig­keit als der Erwerb handwerklicher und techni­scher Fähig­keiten gefordert wird. Es sollte hier also wohl die sonst drohende An­archie vermieden werden, die bei einer In­flatio­nierung französischer Verhältnisse gedroht hätte. Die Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg scheinen das zu bestäti­gen. Aus der dicht neben dem Mars stehenden Sonne Anfang Waage läßt sich deuten, daß sich später ohnehin ein Ausgleich ergeben wird. Wir sind auch - allerdings erst heute - in der Lage, zu deuten, wie dieser Ausgleich oder das Fernziel aussehen soll­te: die Sonne des Neptun-Horoskopes stand nämlich exakt auf 0°32' Waage, also exakt im Bereich des supergalaktrischen Zentrums. Dieser Gradbereich soll­te sich für die ganze spätere Technologie als überaus wirksam er­weisen. Charles Harvey (Mundanastrologie, 1984) wies bereits darauf hin, daß der Start des Sputnik nur 11 Tage nach einem Neumond auf 0°29' Waage statt­fand, daß Neil Armstrong genau am Tage der Jupiter-Uranus-Konjunktion auf 0°40' Waage als erster Mensch auf dem Mond lande­te (siehe an späterer Stelle), und die erste atomare Kettenreaktion stattfand, als auf 1°30' Waage eine Mond-Neptun-Konjunktion stattfand.
6 Interessanterweise steht in dem auf die erste Londoner Buchla­denöffnung (zu der die Leute bereits Schlange standen und wobei es noch am gleichen Tage zum Ausverkauf der ersten Auflage ge­kommen sein soll) berechneten Horoskop der Theorie (24.11.1859, 8 Uhr früh) der Pluto im Stier an der Spitze des 6. Hauses. Dieses ist wie die Jungfrau das für die Ökologie zustän­dige Haus, und der Stier-Pluto steht da für gewaltsamen Materia­lismus. Der Zwil­lings-Uranus steht dabei im Quintil zu Neptun in den Fischen - ist also noch sehr (spät-)romantisch be­einflußt.
7 Siehe dazu auch Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, worin die gleiche These vertreten wird: der typische Wissenschaft­ler ist der Massenmensch schlechthin, schon deshalb, weil er sich in einen offiziellen Denkrahmen einspannen läßt.
8 So Ludwig Reiners in Stilkunst, München, 1961, S.37.
9 So etwa Christoph Ransmayr in seinem Roman Die letzte Welt, in dem er aufgewärmte Ovid-Metaphern mit einem nur scheinbaren Handlungsfaden zu Endlostexten aneinanderstrickte - übrigens so­gar mit gutem Kritiker-Erfolg! (Unter Neptun in g)
10 Hier irrte Nietzsche, denn die astrologischen Konstellationen wirken natürlich überall auf der Erde gleichzeitig, und so hatte z.B. der 19-jährige Rimbaud, berauscht vom gleichen Selbstgefühl, nur ein Jahr zuvor (1873) ganz ähnliche Empfindungen notiert: "Meine Geburtsstadt ist unter den kleinen Provinzstädten besonders idiotisch... Welche Scheißerei!...  Und diese Bauern, Monstren von Unschuld... Alles ist mir entsetzlich lästig. Kein Buch, keine Kneipe in der Nähe, nichts los auf der Straße! Dieses ländliche Leben ist scheußlich!"
11 Die Astronomen beobachteten übrigens im Jahre 1878 ein besonders starkes Hervortreten des roten Fleckes auf dem Jupiter, den sie als ziegelrot beschrieben.
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