Kopie Von Barbieri Astrologie Allegorie

    KOSMOLOGIE UND PHILOSOPHIE
 
    Auch das Teilchen, das du darstellst,
    ist immer mit seinem Blick,
    so winzig es ist,
    auf das All hin gerichtet.
    Du aber bemerkst es gar nicht,
    daß alles Werden
    um jenes willen da ist,
    auf daß dem Leben des Alls
    selige Wesenheit eigne,
    aber nicht um deinetwillen;
    nein, du wirst um seinetwillen.
          (Platon: Gesetze 903.)

 
 

Hier sind Beiträge zu den Themen Kosmologie, Philosophie und Religion eingeordnet. Es gibt dabei eine gewisse thematische Überschneidung mit den Admin-Essays. Sie wurden aber hier eingeordnet, weill sie von unseren anderen Autoren stammen. Allerdings enthalten einige der hier zugeordneten Beiträge ebenfalls Illustrationen des gleichen Malers G.V. Pedes (der auch Herausgeber des 'Ouroboros'-Buches ist). Diese können auch als Poster über unseren Verlag bestellt oder angefordert werden.

Verfasserhinweise im Redaktionswegweiser

Der aktuelle Weg zur Wahrheit

(Dieser Artikel zur Lage der gegenwärtigen Universitätsphilosophie befindet sich in einer anderen Kategorie, da er mehr über unser Paradigma als über generelle Inhalte aussagt.)

Spiegelwelt

Bekanntlich wird unser Bild vor dem Spiegel zwar horizontal, nicht aber vertikal verkehrt. Es ist also nicht so wie auf der Mattscheibe einer alten Plattenkamera, auf der beide Koordinaten verkehrt sind, was sich nach den optischen Gesetzen leicht erklären läßt. Im Gegensatz dazu gibt es zwar für das Spiegelphänomen alle möglichen Theorien, die aber alle letztlich nicht wirklich befriedigen. Bei den Deutungsversuchen gelangen wir unweigerlich in eine Grenzregion zwischen Verstandes- und Gefühlsdeutung, zwischen Subjekt- und Objektaspekt.

O si tacuisses - philosophus mansisses!

Eine kurze Kritik der zynischen Vernunft unseres Fernsehphilosophen Peter Sloterdijk.

Das Problem der Rechts-links-Unterscheidung

Das Problem der Rechts-links-Unterscheidung (Seitenverkehrung) scheint mit unserer evolutionär erworbenen Koordinationsfähigkeit hinsichtlich der räumlichen Dimensionen zu tun zu haben. In der Alltagspraxis haben viele Menschen noch als Erwachsene erhebliche Schwierigkeiten damit. Nach der Ansicht einiger sog. Kognitionspsychologen, die sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinandersetzen, handelt es sich bei dieser Unterscheidung nämlich tatsächlich lediglich um eine bloße Konvention, also im Gegensatz zu der Vorne-hinten- oder Oben-unten-Unterscheidung nicht um etwas objektiv Vorgegebenes. Das erscheint zwar einerseits trivial, hat aber andererseits abgründige Konsequenzen.

Der wahre Newton

Der bekannte Ökonom John Meynard Keynes ersteigerte 1936 Newtons Handschriften sowie einen Großteil seiner Privatbibliothek. Nach deren Durchsicht kam man am Kings College in Cambridge zu der Überzeugung, daß Newton sich den größten Teil seines Lebens hindurch vornehmlich und durchgehend mit alchemistischer Literatur und darauf basierenden Experimenten beschäftigt hat und daß diese einen erheblichen Einfluß auf seine physikalischen Theorien, vor allem auf seine Gravitationstheorie und dort namentlich auf seine Theorie der Fernwirkung hatte.

Die Welt als Simulation

Angenommen, die Internet-Rollenspiele werden immer weiter perfektioniert - in dreidimensionaler Ausführung usw. -, ist dann nicht irgendwann das Realitätserlebnis derartig perfekt, daß der Spieler, wenn er endlich seinen Computer wieder ausschaltet, nicht mehr weiß, wo die Grenze zwischen jener und dieser Realität ist? Damit ständen wir vor der Frage, ob unsere scheinbar so objektiv-physikalische Welt nicht auch tatsächlich nur eine geistige sein könnte. Die Antwort lautet: Natürlich könnte sie das! Auch der bekannte Film ‚Matrix’ ging von einer künstlich geschaffenen Wirklichkeit aus und bot dafür eine sehr plastische Modellsituation.

Die Welt als Projektion

Wenn wir von der Frage der möglichen Existenz außerirdischer Wesen absehen, ist die menschliche Seele, also auch unser persönliches Bewußtsein, die höchste Monade des sich selbst denkenden Universums, dabei jedoch nur dessen Atman. Den Brahman wiederum können wir uns als eine einzige sich selbst denkende Geistkugel vorstellen, obwohl er natürlich unkörperlich ist und insofern keine Gestalt hat. Dennoch aber ist seine äußerste Schale  gestalthaft, nur ist es eben keine sichtbare Kugelschale. Was als die äußerste Schale dieser Kugel emaniert wird, ist tatsächlich das uns erscheinende drei- bzw. vierdimensionale Universum.

Das Raum-Zeit-Paradoxon

Sind der totale Raum und die Zeit unendlich oder endlich? Beide Antworten sind paradox, weil es einerseits eine reale Unendlichkeit nicht geben kann, da jedes reale Konkretum endlich begrenzt sein muß, sich aber andererseits auch kein konkreter Anfang oder Ende des Raumes oder der Zeit denken läßt. Da aber beide - Raum und Zeit - die elementaren Koordinaten unserer Realität sind, stellt sich mit der Frage nach ihrer Natur auch die Frage nach der eigentlichen Natur unseres Universums und unserer Realität.

Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde.

Der schweizer Psychologe Jean Piaget hat sehr bewußt seinem wichtigsten Buch den Titel ‚Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde’ gegeben, denn er ging infolge zahlreicher Beobachtungen mit Kleinkindern davon aus, daß das Kind sich nicht einer vorgegebenen Welt lernend nähert, die wir später für die Wirklichkeit halten, sondern daß es erst diese Wirklichkeit herstellt. So gesehen mußte das Kind nicht erst lernen, wie die Welt tatsächlich ist, sondern wir haben es als Erwachsene nur vergessen. Das bedeutet, daß die Welt ein Konstrukt des Geistes ist und sich erst in diesem entfaltet.

Das Kausalitätsproblem (Der Apropostes-Dialog: Ceterum censeo canes cuniculorum cognationes causarum causarii cogitant.)

Die Kausalitätsproblematik beschäftigte bereits die antiken Philosophen. Aristoteles etwa unterschied vier Arten von ‚Ursachen’: causa materialis, formalis, efficiens und finalis. Material-, Form-, Wirkungs- und Zweckursache. Diese Unterscheidung wurde von vielen anderen Philosophen in verschiedenen Versionen übernommen. Bemerkenswert - besonders unter dem Aspekt der einbezogenen Unterscheidung zwischen räumlicher und zeitlicher Dimension - ist auch der berühmte Kaninchen-Dialog des Apropostes, in philosophischen Examina studentisch bekanntlich oft als sog. 8C-Dialog bezeichnet, dessen Urschrift leider beim Brand der Bibliothek von Alexandria vernichtet wurde, der uns aber in seiner lateinischen Fassung unter dem Titel Ceterum censeo canes cuniculorum cognationes causarum causarii cogitant - wörtlich etwa: Übrigens bin ich der Ansicht, daß die Hunde (nur) kränklich als der Kaninchen zugehörige Ursache erdacht werden - noch erhalten geblieben ist.

Was ist ein archetypisches Symbol?

Ein archetypisches Symbol ist ein Bedeutungsträger, der für ein Grundthema des von dem schweizer Psychologen Carl Gustav Jung so bezeichneten ‚kollektiven Unbewußten’ steht. Die damit zum Ausdruck gebrachten Zusammenhänge können unter anderem in Träumen oder Schlüsselsituationen in Erscheinung treten. Indem Jung sich mit den sehr abstrakten Archetypen beschäftigt hat, hat er dabei vor allem die viel konkreteren archetypischen Symbole thematisiert. Sie sind die tiefste Wurzel der Realität.

Alles hat einen Bezugsrahmen

Ein Grunddilemma unseres westlichen Weltbildes liegt darin, daß wir weitgehend von der Vorstellung bestimmt sind, daß unsere Welt aus nur für sich verständlichen Einzeldingen besteht. Das ist die Folge der Unterteilung in diverse Schulfächer, die uns bereits in der Schule nahegelegt wird und sich in der Fachbezogenheit in Universität und Wissenschaft fortsetzt. Tatsächlich ist aber alles immer nur ein jeweils besonderer Aspekt eines alles übergreifenden Ganzen. Der in diesem Zusammenhang wichtige Begriff des Bezugsrahmens entspricht somit einer ‚ganzheitlichen’ Betrachtungsweise. Jedes vermeintliche Einzelding steht vor einer Kulisse, einem Hintergrund, beziehungsweise ist nur aus einem bestimmten Zusammenhang verständlich, auf den es bezogen ist.

Was ist Selbstzweck?

Der Begriff Selbstzweck bezeichnet einen Vorgang oder eine menschliche Betätigung, die ihren Wert in sich selbst hat und nicht als Mittel zur Verfolgung eines anderen Zweckes dient. Der Begriff ist allerdings missverständlich und widersprüchlich, denn er hängt sehr davon ab, was man unter dem Selbst und damit unter der jeweils eigenen Motivation versteht. Damit erheben sich zugleich die Fragen nach der Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Idealismus und Egoismus, zwischen Absicht und Absichtslosigkeit sowie nach der Selbstbestimmung und eigentlichen Motivation des Menschen überhaupt.

Das Problem der Masse (als Aspekt der Materie)

Das Grundaxiom des naturwissenschaftlichen Psitivismus ist die Existenz der Materie. Aber ist deren Existenz wirklich so unhinterfragbar, wie es dabei unterstellt wird? Ansich müssen wir nämlich sagen, es gäbe lediglich den Materialismus, nicht aber das, worauf er ansich gründet, nämlich die Materie oder deren Synonym, die Masse! Während der Begriff der Masse in der Physik heute in ein starres quantitativ bestimmtes Formelkorsett gefaßt und fixiert und in der Soziologie nur auf große Menschenmengen bezogen ist, bleibt er in seiner philosophischen Form immer noch sehr problematisch. Daß davon auch das - nur definitorisch abgegrenzte - physikalische Verständnis nicht unberührt bleibt, hat der Autor Max Jammer so ausgedrückt: "Eine der erstaunlichsten Tatsachen in der Geschichte der Physik ist die Unklarheit in der Definition des Schlüsselbegriffs der Dynamik, nämlich dem der Masse…"

Das Problem der Selbsterschaffung

Selbstzeugung ist strenggenommen ein Vorgang, bei dem etwas sich selbst voraussetzungslos aus dem Nichts hervorbringt. Das Thema ist neuerdings in etwas abgewandelter Form aktuell als Problematik der Selbstreproduktion: Ist es möglich, z.B. Roboter oder künstliche Organismen zu erschaffen, die in der Lage sind, ihre identischen Ebenbilder zu reproduzieren? Das Thema führt unmittelbar zurück zu der Problematik der Entstehung des Lebens überhaupt.

 

 

Selbstzeugung

 

 

Selbstzeugung ist strenggenommen ein Vorgang, bei dem etwas sich selbst voraussetzungslos (also aus dem Nichts) nur aus sich selbst hervorbringt. Besonders bestimmte östliche philosophische Systeme wie etwa die altindische Upanishad lassen sich so auslegen, daß sie diesen Selbstzeugungsakt bei der Entstehung des Universums voraussetzen. Das Thema ist aber neuerdings in etwas abgewandelter Form wieder aktuell als Problematik der Selbstreproduktion: Ist es möglich, z.B. Roboter oder künstliche Organismen zu erschaffen, die in der Lage sind, ihre identischen Ebenbilder zu reproduzieren? Das Thema führt unmittelbar zurück zu der Problematik der Entstehung des Lebens überhaupt.

 

 

Die Selbstzeugung der Welt

Nach den Upanishaden ist die Welt aus einem Strudel von Paradoxien entstanden, denn wenn sie sich aus dem „Nichtoffenbarten“ offenbarte, schuf sie sich selbst aus dem Nichts. Wer aber war sie dann zuvor, als sie noch nicht war, was zu sein sie beabsichtigt hatte?

Vor aller Schöpfung war Brahman das Nichtoffenbarte. Aus dem Nichtoffenbarten war das Offenbare. Aus sich selber brachte Es sich selbst brachte es sich selbst hervor. Das Selbstseiende wird es seither genannt. (Tattiriya-Upanishad.)

Aber auch westliche Mystiker konnten der Paradoxie der voraussetzungslosen Weltentstehung nicht entgehen. So sagte Meister Eckhart in seinen ‚Predigten’:

Gott in der Erkenntnis seiner selbst erkennt sich Selben in ihm selber…
Denn ehe die Kreaturen waren, war Gott noch nicht Gott. Er war vielmehr, was er war. Als die Kreaturen wurden und sie ihr geschaffenes Sein empfingen, da war Gott nicht in sich selber Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott.

 

Die moderne Physik versucht bekanntlich dieser Problematik mit ihrer ‚Urknall-Theorie’ aus dem Wege zu gehen, mit der in einem urplötzlichen Akt unsere gesamte Materie in ein bereits zuvor bestehendes oder aber zugleich mitentstehendes Raum-Zeit-Kontinuum geschleudert wurde, aus der sich erst danach die gesamte Komplexität der Welt entfaltet hat. Die Frage bleibt allerdings auch hier bestehen, wer das woraus getan haben sollte. Die alten westlichen Philosophen und östlichen Philosophien stellten eben gerade diese Frage in den Vordergrund ihrer Betrachtungen:

Denn die Monas hat den Logos des Urgrundes und zeugt die ihr angemessene Vielheit. (Proklos: Initia Theologiae.)
Das Tai erzeugt die Eins, Das Eins erzeugt die Zwei, Die Zwei erzeugt die Drei, die Drei erzeugt alle Dinge. (Laotse: Taoteking.)
Da Es (das Brahman) sich selbst erkannte, wurde es zum Selbst in allen Wesen. (Brihadarany­aka-Upanishad.)
 
 

 

 

Die Selbstzeugung des Individuums

Das absolute Ich bringt das relative Ich hervor, um sich in ihm, dem relativen Ich, gespiegelt zu sehen. Das absolute Ich, solange es absolut bleibt, verfügt über keine Mittel, sich zur Geltung zu bringen, sich zu manifestieren, als seine Möglichkeiten auszuspielen. (Daisetz Taitaro Suzuki.)

Daß der einzelne Mensch als Individuum nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch letztlich der ursprüngliche Schöpfer seiner selbst sei, war eine Grundüberzeugung des Existentialismus, der sich besonders mit dem Namen Jean Paul Sartre verbindet. Sartre hat dieses Postulat so ausgedrückt:

Der atheistische Existentialismus, den ich vertrete... erklärt, daß, existiert Gott nicht, es zumindest ein Wesen gibt, bei dem das Sein dem Wesen vorhergeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendwelche Vorstellung definiert werden kann, und daß dieses Wesen der Mensch ist oder, nach Heidegger, die menschliche Wirklichkeit. Was bedeutet es hier, daß die Existenz der Essenz vorhergeht? Es bedeutet, daß der Mensch zuerst existiert, in der Welt angetroffen wird und auftaucht und daß er sich erst nachher bestimmt. Wenn der Mensch, wie ihn der Existentialist begreift, nicht bestimmbar ist, so darum, weil er zuerst nichts ist. Er wird erst nachher sein, und er wird der sein, zu dem er sich machen wird... Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht. Dies ist der Hauptsatz des Existentialismus. Dies heißt man auch Subjektivität, die man uns unter eben diesem Namen vorwirft... Wir wollen sagen, daß der Mensch zuerst existiert, d.h. daß der Mensch zuerst etwas ist, was sich seiner Zukunft zuwendet und sich bewußt ist, sich einer Zukunft zuzuwenden. Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv erlebt, statt Moos, Moder oder ein Kohlkopf zu sein; nichts existiert vor diesem Entwurf; nichts ist am Verstandeshimmel, und der Mensch wird zuerst das sein, was zu sein er geplant haben wird... Wenn aber wirklich die Existenz der Essenz vorangeht, ist der Mensch verantwortlich für das, was er ist... Subjektivismus will einerseits heißen Wahl der individuellen Person aus sich selbst und andererseits Unmöglichkeit für den Menschen, die menschliche Subjektivität zu überschreiten. Die zweite Bedeutung ist der tiefere Sinn des Existentialismus.

„Der Mensch wird zuerst das sein, was zu sein er geplant haben wird.“ Das wäre allerdings ein wahrer Selbstschöpfungsakt und auch insofern echt, als er mit der darin steckenden unausweichlichen Paradoxie behaftet ist. Denn wenn sich schon jemand selbst planen soll, bevor er überhaupt existent ist, kommt das dem klassischen Münchhausen-Akt gleich, sich selbst am eigenen Schopfe aus dem Sumpf des Nichts zu ziehen. Ist der Mensch zuerst ein Nichts oder ist er jenes an Gottes Stelle tretende Wesen, das bereits existiert, bevor es definiert werden kann? Wenn es so wäre, würde sich der ursprüngliche Selbstschöpfungsakt in jedem einzelnen Menschen allerdings wiederholen. Doch ist das die Konsequenz des Positivismus: der Mensch sieht sich in eine scheinbar objektiv gegebene Außenwelt hineingeboren und ist zuerst nichts anderes als sein Körper und das darin befindliche Gehirn, das erst allmählich zu arbeiten beginnt. So macht er sich selbst zu dem, was er später ist. Natürlich bestreitet Sartre nicht die Tatsache, daß der Mensch in eine bestimmte Umwelt gestellt ist, die ihn als Rahmenbedingung mitbestimmt, aber der Positivist muß diese für mehr oder weniger zufallsbedingt halten und das Wesen des jeweiligen Menschen davon abstrahieren. Er hält aber nicht nur die Umwelt für zufällig, sondern auch die Stellungnahmen des Einzelnen zu ihr und den sonstigen begegnenden Dingen. Sofern hier charakteristische Unterschiede unter den Menschen bestehen, so werden diese (mehr oder weniger) als in der biologischen Erbsubstanz verankert gedacht. Der betreffende Mensch könnte sich also auch anders verhalten, wenn er nur wollte. Wie immer man dazu auch steht: es verdeutlicht jedenfalls die Problematik des Selbstschöpfungsaktes.

 

Die Selbstzeugung des Lebens

Der Vorgang der ursprünglichen (kosmischen) Selbstzeugung - sofern er sich als solcher vollzogen hat - müßte sich bei der Entstehung des Lebens immerhin zumindest teilweise wiederholt haben, bei dem zwar anorganische Materie als dessen Grundbausteine bereits vorhanden war, aber dennoch ein emergentes Prinzip hinzugetreten ist, das sich nach unserem heutigen Wissensstand allein aus diesen Voraussetzungen nicht hinreichend erklären läßt.

Im allgemeinen geht man heute davon aus, daß das Leben auf unserer Erde entstanden ist. Jede andere Annahme derart, daß etwa das Leben aus dem Weltraum oder von Außerirdischen (u.a. nach Autoren wie Erich von Däniken) gekommen sein könnte, würde das Grundproblem seiner Entstehung nicht nur verlagern, sondern auch mit dem zusätzlichen Problem befrachten, wie es denn durch die unendlichen und absolut lebensfeindlichen Weiten des Weltraumes zu uns gekommen sein sollte – und schließlich von woher? Denn die Wahrscheinlichkeit, daß es irgendwo noch einen anderen Planeten mit ähnlich optimalen Voraussetzungen, geschweige denn noch besseren, als die Erde geben kann, ist zumindest in relevanter Nähe nahezu ausgeschlossen.

Es mußten in der Frühzeit unserer Erde sicher viele günstige Umstände zusammenkommen, die alle in unendlichen Variationen durchprobiert wurden, sodaß sich irgendwo einmal eine Verbindung ergab, die sich selbst reproduzieren konnte und sich deshalb rasch vermehrte, sozusagen auf Kosten der weniger komplizierten Verbindungen ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, indem sie diese zu größeren Molekülverbindungen zusammenfaßte. Diese Makromoleküle waren insofern Vorstufen des Lebens, als sie bereits gewisse charakteristische Eigenschaften besaßen, durch die das Leben gekennzeichnet ist. Der amerikanische Biochemiker Sidney W. Fox (Siehe Wikipedia!) hat experimentell nachgewiesen, wie unter den urzeitli­chen Bedingungen der Erde die Bildung der bereits vorentstandenen organischen Moleküle zu noch komplexeren Gebilden erfolgen konnte. Er konnte so kettenförmige Polymere herstellen, die bereits den Proteinen entsprachen. Diese wiederum konnten in heißen konzentrierten Lösungen unter bestimmten Umständen zu der Bildung sogenannter Mikrosphären führen, die bestimmte Eigenschaften besitzen, die an belebte Systeme erinnern. Sie können zum Beispiel eine Außenbegrenzung aufweisen, die einer Zellmembran gleicht, sie können außerdem wachsen und sich durch Abspaltung von Tochtergebilden vermehren. Schon vor der Entstehung des eigentlichen Lebens waren dessen Grundsubstanzen also vorhanden, sie mußten nur noch in der geeigneten Weise zusammengeschlossen werden .

Wir sprechen von belebten Systemen, wenn sie bestimmte Fähigkeiten besitzen, die für das Phänomen des Lebens unerläßlich sind. Sie müssen ein in sich geschlossenes organisiertes Gefüge aus verschiedenen zusammenwirkenden Elementen bzw. Funktionsorganen sein, die gemeinsam sozusagen ein Arbeitsteam ergeben, das gegenüber der unbelebten Materie einen evolutionären Vorteil besitzt. Dieses von einer Zellmembran umgebene und nach außen abgegrenzte Team muß gemeinsam die Fähigkeit des Stoffwechsels besitzen, also Energie aus der außerhalb der Membran liegenden Umwelt aufnehmen können, die es zur Erhaltung und zum Aufbau seiner Struktur benötigt. Außerdem muß es zur Reproduktion fähig sein. Alle diese Abläufe sind sicher nicht möglich ohne ein zusätzliches Phänomen, nämlich Information, die damit ebenfalls eine Voraussetzung des Lebens ist. Schon in einer Protozelle, die über alle diese Eigenschaften verfügte, mußten sehr viele Makromoleküle zusammengefügt sein, die gemeinsam diese komplexen Funktionen erfüllen konnten. Ein Hauptproblem ist dabei die Frage, wie es zu der Bildung der Außenmembran kommen konnte, es gibt dafür aber eine interessante Hypothese. Man kann davon ausgehen, daß in der wässrigen organischen Brühe der Meere, Flüsse, Bäche oder angereicherten Pfützen präbiotische Komplexe aus Nukleinsäuren, Proteinen und Enzymen schwebten, während die Oberfläche dieser Flüssigkeit von einer monomolekularen Lipidschicht bedeckt war. Wenn etwa infolge Wellenschlages ein Makromolekülverband diese Oberfläche durchschlug, also herausspritzte, so mußte er ja wieder zurückfallen und hatte somit die Oberfläche zweimal durchschlagen und sich dadurch mit einer doppelwandigen bimolelularen Lipidhaut umgeben, durch die es von da an gegen die übrige Umgebung abgegrenzt war. Dieser Komplex besaß nun eine Zellmembran, die sich allmählich verfestigte.

Ein weiteres Problem ist, wie es zu einer funktionierenden Kombination von Nukleinsäuren als Informationsträgern und Proteinen als Befehlsausführern kommen konnte. Denn ohne eine solche Zusammenarbeit ist eigentliches Leben nicht möglich. In der späteren biologischen Entwicklung haben wir in der Evolutionstheorie ein gutes Erklärungsmodell für den Entwicklungsfortschritt, wie aber sollen wir uns die bereits angedeutete vorbiologische Evolution wirklich vorstellen? Es gab ja noch nicht die späteren Selektionskriterien, bis allerdings auf eines: die schnellere Selbstreproduktion eines Makromoleküls, wenn es sich des Hilfsmittels der Information bedient. Man kann auch diesen Vorgang experimentell nachvollziehen und erhält dabei im Reagenzglas zum Beispiel immer schneller replizierende RNS-Moleküle. Der Ursprung und die präbiologische Evolution des Lebens müssen also als das Ergebnis eines Selbstorganisationsprozesses der Materie angesehen werden, in dessen Verlauf sich allmählich die Ordnung des Lebens aus der molekularen Unordnung heraus entwickelt hat.

In diesem Zusammenhang müssen wir die Hyperzyklus-Theorie von Manfred Eigen erwähnen, die ein gutes Denkmodell für den Mechanismus einer molekularen Evolution ist. Danach ist es nicht unbedingt notwendig, daß präbiotische Gebilde nur selbstidentische Nachkommen hervorbringen, sondern es kann auch hier übergeordnete Arbeitsgemeinschaften geben, die sich gegenseitig helfen. So wäre also ein einzelnes Gebilde nur ein Baustein in einem übergeordneten Gefüge, das sich insgesamt reproduziert, indem von einem Endprodukt einer längeren Kette schließlich wieder das Ursprungsprodukt hergestellt wird. Hierdurch war bereits ein größerer Zellverband vorbereitet, der sich endlich nur noch durch eine gemeinsame Zellmembran zusammenschließen mußte. Es war dennoch noch sehr unwahrscheinlich, daß eine erste funktionierende Zelle entstand, die als die Urzelle angesehen werden kann, aus der alles spätere Leben hervorging, aber es brauchte ja theoretisch im Laufe der reichlich zur Verfügung stehenden Zeit irgendwo auf dem Erdball nur ein einziges Mal zu geschehen, woraus dann alles weitere folgte. Daß es so war, daß also eine einzige Zufallskombination die eine Urzelle allen Lebens war, von der alle späteren Ein- und Vielzeller, Pflanzen und Tiere, abstammen, dafür sprechen verschiedene Anzeichen - zum Beispiel die Tatsache, daß alle DNS-Moleküle linksdrehend sind. Vielleicht hat es ursprünglich ein Alternativsystem gegeben, sodaß es zu einem einmaligen und grundsätzlichen Entscheidungskampf kam, weil beide Systeme sich gegenseitig ausschlossen und demnach füreinander giftig waren.


 

 

 

Selbstreproduktion (Autopoiesis)

 

Der Akt der Selbstzeugung und Selbstorganisation ist ein Grundthema der Systemtheorie und wird dort als Autopoiesis (altgriech. αὐτός „selbst“ und ποιέιν „schaffen, bauen“) bezeichnet - ein Name, der von dem chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana geprägt wurde, der ihn ursprünglich nur auf lebende Organismen bezog. Autopoietische Systeme sind dadurch gekennzeichnet, daß sie im Zusammenwirken ihrer Organe darauf ausgerichtet sind, exakt jenen Gesamtorganismus zu reproduzieren, dessen Bestandteile sie sind. Es handelt sich demnach um einen Wechselwirkungsvorgang zwischen den Teilen und dem Ganzen, die sich gegenseitig erzeugen. Damit wird das Problem der Selbstzeugung prozessual, indem seine Akte in zwei sich gegenseitig definierende Akte untergliedert werden. Interessant ist dabei die Definition der dazu nötigen Bedingungen. Ein dazu fähiges System sollte nämlich folgenden Bedingungen entsprechen:

  • Es muß aus Einzelorganen bestehen, die als Team zusammenwirken und dadurch einen gemeinsamen Überorganismus ergeben.
  • Es muß über einen Mechanismus verfügen, der zwischen Innen und Außen bzw. Dazugehörigkeit (Verwendbarkeit) und Nichtdazugehörigkeit (Nichtverwendbarkeit) entscheidet – was normalerweise durch eine trennende Zellmembran und ein Antikörpersystem geschieht. Die Verwendbarkeit entscheidet darüber, ob die von außen hinzukommenden Stoffe in das eigene System integriert und zu eigenen Bestandteilen umgewandelt werden können.
  • Es muß über ein Informationszentrum verfügen, in dem alle zum Zusammenwirken und zur Reproduktion notwendigen Codes gespeichert sind.

In diesem Sinne gehören nicht nur Bakterien, sondern auch Viren zu den selbstreproduzierenden Systemen. Man muß unterscheiden zwischen..

  • Eukaryoten. Das sind grundsätzlich alle Lebewesen mit Zellkern und Kernmembran und mehreren Chromosomen als Informationsträgern.
  • Prokaryoten sind Zellenstrukturen ohne eigenen Zellkern. Zu diesen gehören die Bakterien.
  • Viren sind Zwitterwesen zwischen organischen und der anorganischen Systemen. Im Gegensatz zu den Bakterien zählen sie zwar noch nicht zu den Lebewesen, sind aber dennoch über die Mittlerfunktion anderer Zellen bereits indirekt zur Selbstredproduktion fähig. Sie können sich nur innerhalb fremder Zellen vermehren, indem sie deren Programm umfunktionieren, und sind dabei auf den Stoffwechsel der Wirtszelle angewiesen. Der Akt der Selbstreproduktion ist bei ihnen also nicht völlig autonom, sondern parasitär.

 

Selbstorganisation

Alle biologischen Zellen sind hinsichtlich des notwendigen Zusammenwirkens ihrer Organe zur Selbstorganisation fähig. Diese Fähigkeit schließt allerdings nicht die bei ihnen zusätzlich nötige Reproduzierbarkeit mit ein. Selbstorganisationssysteme treten nämlich auch bereits in der anorganischen Materie auf. Außerdem wird der Begriff auch im Bereich der Soziologie und der Psychologie angewandt. Wenn ein System eine geschlossene Struktur aufweist, die sich gegen sich wandelnde Außenbereiche und deren Einflüsse behauptet und zunehmend verfestigt, wie das etwa bei bestimmten Wirbelstrukturen in flüssigen oder gasförmigen Stoffen der Fall ist, muß davon ausgegangen werden, daß sich dieses System selbst organisiert. In der Politik und Psychologie ist der Begriff weitgehend mit Autonomie gleichbedeutend. Eine Volksgruppe kann im Verlauf ihrer Geschichte eine selbstreflektierende Identität gewinnen, die dann in der Lage ist, wie eine biologische Zellwand deutlich zwischen Innen und Außen zu unterscheiden. Die Dazugehörigkeit wird dabei durch eine eigene Kultur und Tradition zunehmend verfestigt. Das gleiche Prinzip wiederholt sich auch in einzelnen Menschen im allgemeinen während der Pubertät. Ob diese Identität wirklich autonom und bewußt hergestellt wird, ist dabei ein anderes Problem.

Bestimmte geschlossene Systeme entwickeln nach einer gewissen Zeit stabile Verhaltensweisen. Dabei verstärkt sich ein Rückkoppelungsakt durch sich selbst, der allerdings auch zu einer Degenerierung neigt, sofern er sich vollkommen gegen äußere Einflüsse abschottet, weshalb eine gewisse äußere Kommunikation unabdingbar ist. Während deren Totalität, also eine zu große Offenheit, zur Auflösung der Selbstidentität des Systems führt, führt eine zu große Geschlossenheit zu Degeneration und Tod. Das bedeutet, daß – im direkten oder übertragenen Sinn - eine Art Zellwand, die permanent über einen kontrollierten Austausch zwischen dem inneren und dem äußeren Bereich wacht und entscheidet, unabdingbar ist. Selbstorganisation beruht also auf einer gewissen organischen Intelligenz. Aus der Biologie wissen wir, daß größere Organismen aus mehreren kleineren Zellen bestehen. Ab einer gewissen Größe kann ein Organismus nicht mehr nur aus einer einzelnen Zelle bestehen, sondern muß sich aus einem zusammenwirkenden Zellverband verbinden, in dem sich wiederum die einzelnen Zellen zu den Organen des Überorganismus spezialisieren. Die Erfahrung zeigt, daß das in der politischen Organisation (Autarkie), in der Soziologie und auch in der Wirtschaft ganz ähnlich der Fall ist (obwohl das in der aktuellen Globalisierungsdebatte etwas aus dem Blick geraten ist).


 

 

Die Problematik selbstreproduzierender Roboter

 

Wie müßte ein Roboter beschaffen sein, der selbsttätig einen ihm absolut gleichen Roboter herstellen kann? Solange dieser erste Roboter unter menschlicher Steuerung hergestellt würde, müßte er zur Erfüllung dieser Bedingung lediglich einen anderen herstellen, der während dieses Reproduktionsaktes ebenfalls weiterhin der menschlicher Steuerung bedürfte, wie es in einer Art Roboterfabrik der Fall wäre. Um aber der Bedingung zu entsprechen, einen sich von da an selbst reproduzierenden Roboter herzustellen, müßte er etwas herstellen, das logischerweise komplexer wäre als er selbst, da er seinerseits dazu noch nicht in der Lage war. Selbst falls es einmal gelänge, diese Schwierigkeit zu meistern, so wäre ein solcher Vorgang immer noch auf ein äußeres Material angewiesen, aus dem er seine Reproduktion herstellte. Teilweise ist dieses Problem bereits aus der Nano-Technologie bekannt.

Das Problem der Masse

aus philosophischer Sicht

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich für Wikipedia verfaßt, dort aber wieder gelöscht. Stattdessen ist dort nur der physikalische Masse-Begriff erläutert (siehe hier). Offensichtlich gibt es - nach dem Eindruck unseres Autors - im Wikipedia-Backend eine streng positivistisch ausgerichtete und relativ etablierte Macht-Riege, der eine Hinterfragung des phyisikalischen Begiffs nicht paßt. Das ist immerhin eine interessante Feststellung, die sehr viel über Wikipedia aussagt! Es betrifft übrigens auch einige andere unserer Artikel - etwa die Rechts-links-Unterscheidung, Archetypisches Symbol und Das Raum-Zeit-Paradoxon. Immerhin haben allerdings einige unserer Autoren mit ihren Wikipedia-Artikeln Erfolg gehabt. Im besseren Sinn kann man es so sehen, daß sich Wikipedia als streng 'enzyklopädisch' in der Weise begreift, daß dort nur das repräsentiert sein soll, was sich faktisch oder prominent zitiert belegen läßt. Das hat aber einerseits nichts mit der historischen Enzyklopädie der Aufklärung zu tun und führt auch zwangsläufig zu einer faktischen Rückkoppelung.)

Neuerdings wurde der Artikel allerdings ohne unsere Benachrichtigung (!!) im Bereich 'Pluspedia' wieder eingestellt! (Siehe hier:)

Der Begriff der Masse muß deutlich unterschieden werden von dem sehr viel allgemeineren der Materie und wird heute üblicherweise in seiner physikalischen und soziologischen Variante gebraucht. Diese beiden Varianten sind aber Abspaltungen aus der ursprünglich übergeordneten philosophischen Fassung, die auch einen qualitativen Aspekt einschloß, aber inzwischen in den Hintergrund trat, obwohl der Begriff nach wie vor problematisch ist.

Begriffsbestimmung

Während der Begriff der Masse in der Physik heute in ein starres quantitativ bestimmtes Formelkorsett gefaßt und fixiert und in der Soziologie nur auf große Menschenmengen bezogen ist, bleibt er in seiner philosophischen Form immer noch sehr problematisch. Daß davon auch das - nur definitorisch abgegrenzte - physikalische Verständnis nicht unberührt bleibt, hat der Autor Max Jammer so ausgedrückt: Eine der erstaunlichsten Tatsachen in der Geschichte der Physik ist die Unklarheit in der Definition des Schlüsselbegriffs der Dynamik, nämlich dem der Masse…[1]

Wir müssen also unterscheiden zwischen:

  • der Materie als einem allgemeinen Begriff, der in der philosophischen Tradition im Gegensatz zum Geist gesehen wurde und den wir heute üblicherweise etwas unklar mit physischen Körpern mit ‚handfesten’ Eigenschaften verbinden bzw. der in der Physik mit seinen kleinsten Bestandteilen, den Atomen oder Molekülen, assoziiert wird. Der von Aristoteles synonym verwendete Begriff hyle bedeutete ursprünglich Holz oder Wald und ist wahrscheinlich verwandt mit dem indogermanischen sulv (fruchtbar). Insofern ist diese Bedeutung identisch mit unserem heutigen Begriff Materie (materia), der sich im Wortsinn von mater (Mutterschoß) als Quelle allen Wachstums herleitet.
  • dem physikalischen Masse-Begriff. Dieser ist viel konkreter. Er ist aber nur eine von mehreren Eigenschaften der Materie und wird seinerseits mit bestimmten physikalischen Eigenschaften wie etwa dem Gewicht, dem Volumen oder der Trägheit verbunden, die sich alle quantitativ messen lassen.
  • dem philosophischen Masse-Begriff. Dieser tritt noch weniger eindeutig als die physikalische und soziologische Variante als Quantität in Erscheinung. Er war aber ursprünglich noch mit dem heutigen soziologischen verbunden, wobei ihm auch entsprechende - eher niedrige - qualitative Eigenschaften zugesprochen wurden. Seine notwendigen Eigenschaften waren ein permanentes Thema unterschiedlicher Auffassungen, und auch heute noch wird seine tiefere Problematik deutlich, indem er sich zum Beispiel nicht klar gegen den Körper- oder Raum-Begriff abgrenzen läßt, denn letztlich sind alle Masse-bestimmten Körper raumdurchdrungen, wie auch kein Raum vorstellbar ist, in dem keine Körper angeordnet sind. Körper werden dabei – heute - eher als raumerfüllte Objekte vorgestellt, während Masse eher mit dem Begriff der Trägheit verbunden wird. Letzteres ist aber erst das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses, denn noch Descartes stellte sich die Masse (oder Materie) in erster Linie durch die Ausdehnung bestimmt vor, während erst ab Newton ihr eher dynamische Eigenschaften zugesprochen wurden und der Ausdehnungsaspekt – wenn auch unausgesprochen – auf den sich dabei abspaltenden Körper-Begriff übertragen blieb.
  • dem soziologischen Masse-Begriff. Dieser wird in Bezug auf große Menschenmengen oder –gruppen in psychologischen, gesellschaftlichen und politischen Erörterungen verwendet und hat dabei fast immer einen negativ-qualifizierenden Aspekt (siehe Ortega y Gasset: ‚Der Aufstand der Massen’).

Vielfach wird gesagt, der ‚dynamische’ Begriff der ‚Masse’ im Sinne der trägen Masse sei erst durch Isaac Newton in die Physik eingeführt worden. Tatsächlich läßt sich dieses Verständnis aber nicht von der vorausgegangenen Entwicklung lösen. Das gilt etwa für den in der Physik so wichtigen Begriff der trägen Masse – oder einfach der ‚Trägheit’, der bereits im Altertum eine qualitative Vorform besaß und von Johannes Kepler in der Weise vorbereitet wurde, die Newton in einer quantitativen Form präzisierte. Aber diese Entwicklung läßt sich weniger als Erkenntnisfortschritt denn vielmehr als ein Anpassungsprozeß an die Erfordernisse der gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung auf die Moderne verstehen. Darüber blieb das eigentliche Wesen der Sache weiterhin problematisch. Man könnte die Masse mit einem Schauspieler vergleichen, der in den unterschiedlichsten Kostümierungen auftritt, ohne eine eigentliche Identität zu haben. Einmal erscheint sie als Trägheit, ein andermal als Energie, Volumen oder Gewicht. Während diese als notwendige Eigenschaften erscheinen, besitzt sie aber außerdem verschiedene Akzidenzien, also jeweils verzichtbare und auch nicht quantifizierbare Eigenschaften, wie etwa Farbe, Geruch oder Form. Was sie aber wirklich für sich selbst ist, also ihre eigentliche Substanz, wenn man von diesen Eigenschaften absieht, bleibt dabei unklar.

In der physikalischen Ausdrucksweise wird der Begriff der Substanz als das, was kein anderes Ding für seine Existenz erfordert, auf die Materie lediglich als den Träger wechselnder Eigenschaften angewandt, läßt dabei den Träger selbst aber unbeeinflußt von solchen Wandlungen. Insofern die Materie einer Begriffsbestimmung bedurfte, so blieb darin bis heute doch immer ein unverstandener und unverständlicher Rest und macht sie letztlich unerforschlich. Kein Wunder also, daß die Quantenphysiker die gleiche Erfahrung machten, als sie in den Bereich des Allerkleinsten vorstießen.

Die Materie – als selbst nicht ergründbar – wurde in der Antike zunächst nur zum Träger ihr zugesprochener bestimmter Eigenschaften in einem noch qualitativen Sinn. Erst im Laufe ihres Quantifizierungsprozesses wurde sie dabei zur Masse. Die Masse ist demnach nicht nur eine Mengenbezeichnung, sondern wird auch erst als Ergebnis des Quantifizierungsprozesses gegenständlich vorgestellt. Newton führte den Begriff „quantitas materiae“ synonym mit Masse als Erhaltungsgröße der Menge der Materie ein. Masse ist in diesem Sinn bis heute einfach nur die Quantität von Materie. Unter diesem Vorbehalt lassen sich beide Begriffe sonst synonym verwenden.

 

Eigenschaften

Das Denken der Antike war aber eher qualitätsbestimmt. Der Massenbegriff im Sinne der Newtonschen quantitas materiae war etwa dem Denken des Aristoteles noch fremd. Er beschreibt wiederholt die ‚Materie’ als „ausgedehnte Körper“ (soma). Ein Körper ist bei ihm etwas, dessen Grenze bzw. Bereich seine Oberfläche ist, im Sinn eines geometrischen dreidimensionalen Rauminhalts. Andererseits finden sich bei ihm aber auch zahlreiche Hinweise, daß ihm die ‚prima materia’ (erste Materie) kein Körper war und keine meßbare Größe hatte. In seiner ‚Metaphysik’ heißt es dazu: „Unter Materie verstehe ich das, was ansich weder ein bestimmtes Ding ist noch eine bestimmte Größe hat noch einer anderen Denkkategorie unterliegt, durch die ihr Sein determiniert ist.“ An anderer Stelle führt er über sein Verständnis von Substanz und Materie aus:

Die sinnlichen Substanzen sind sämtlich mit Materie behaftet. Substanz ist in dem einen Sinne das Substrat und die Materie, – unter Materie aber verstehe ich das, was nicht der Wirklichkeit nach, sondern nur der Möglichkeit nach eine Bestimmtheit an sich trägt; – im anderen Sinne ist Substanz der Begriff und die Form, das was als ein Bestimmtes im Denken für sich abgetrennt aufgefaßt werden kann. Das Dritte ist dann die Verbindung von beiden, das, dem allein ein Entstehen und Vergehen zukommt, und was schlechthin ein für sich Bestehendes ist, während die begrifflichen Gegenstände teils für sich bestehende sind, teils nicht.

Das hat unter den Peripatetikern zu Verwirrung und Mißverständnissen geführt. Sein späterer Kommentator Simplikios etwa empfand den darin liegenden Widerspruch so: „Wenn die Materie ein Körper ist, so muß sie ein bestimmtes Quantum sein und eine bestimmte Größe besitzen..“ Er schlug stattdessen vor, die erste Materie an sich als unausgedehnt anzusehen, aber sie durch Vermittlung einer körperlichen Form zur ausgedehnten Materie werden zu lassen:

Sollen wir daher nicht zugeben, daß der Körper ambivalent ist? Einmal existiert er nach Form und Maß und als bestimmt durch Abstände, andererseits aber wird er charakterisiert durch Spannungen und Entspannungen und durch eine Unbestimmtheit wegen seiner körperlichen, unteilbaren und intelligibelen, nur der Vernunft zugänglichen Natur.. Wir müssen vielleicht die Materie für ein solches Intervall halten, sie ist also nicht von körperlicher Form, aber man kann durch sie die unendliche und unbestimmbare Natur eines solchen Intervalls meßbar und abgrenzbar machen und ihre Flucht aus dem Sein aufhalten. (Simplicii in Aristotelis Physicorum libros..)

Erst durch den Meßvorgang im Sein fixieren (und so die Materie zur Masse werden lassen)! Ganz nebenbei ist es sehr interessant, wie treffend hier bereits die Ergebnisse der modernen Quantenphysik vorhergenommen werden, denn das erinnert sehr an Schrödingers Katze, derzufolge erst durch Perzeption bzw. Apperzeption des Beobachtungsvorganges die Dinge oder Vorgänge in ihrem endgültigen Sosein fixiert werden. Dieser Verwirrung versuchte man aber in den späteren Jahrhundert noch durch gelegentliche gewaltsame Definitionsarbeit Herr zu werden. Der moderne Massebegriff ist jedoch im Grunde auch nicht viel klarer. Er hat, obwohl ihm konkrete und sogar meßbare Eigenschaften wie Temperatur, Licht und Kraft zugesprochen werden, dennoch kein wirklich eigenes Gesicht und offenbart sich auch nicht direkt in irgend einem möglichen Experiment. Er ist im Prinzip nicht mehr als das ‚elektromagnetische Feld’. Auch dieses hat ja bestimmte Eigenschaften, obwohl man sich bis heute nicht klar über seine eigentliche Natur ist.


 

 

 

Historische Entwicklung des Masse-Begriffs

Im großen Überblick läßt sich sagen, daß von der Antike bis zu Descartes der Masse-Begriff vornehmlich qualitativ und in erster Linie durch die Eigenschaft der Ausdehnung bestimmt gesehen wurde, während ab Newton bis in die Neuzeit sich sein Verständnis in Richtung auf Quantifizierung und Dynamik entwickelte. Allerdings hat es auch in der Antike bereits erste Ansätze zur quantitativen Bestimmung gegeben, doch diese waren stets durch die Erfordernis der Praxis bestimmt gewesen, ohne daß das zu einer theoretischen Erörterung führte. Schon in prähistorischer Zeit erforderte das Anwachsen des Handels und der steigende Warenaustausch Mittel und Wege, um auch größere Mengen von Gütern zu wiegen, für deren Mengenbestimmung bloßes Zählen nicht mehr genügte. Die praktische Notwendigkeit führte so immerhin zu einer ersten Idee einer Quantität von Materie, in der wir eine Vorstufe des Begriffs Masse sehen können. Auch Plato meinte noch gemäß seiner Geometrisierung alles Physikalischen, die geometrische Ausdehnung sei die einzige und stets gleiche Invariante, und obwohl sich die Idee des spezifischen Gewichts auch unausgesprochen schon in den Arbeiten des Archimedes zur Hydrostatik findet, ist der Begriff nie von ihm verwendet oder definiert worden. Somit bleibt festzustellen, daß in der antiken Wissenschaft, in ihren Begriffen und ihrer Terminologie noch kein Masse-Begriff formuliert wurde. In der spätantiken ausgesprochen qualitätsorientierten neuplatonischen Philosophie war das erst recht nicht der Fall. Indem sie zu beweisen versuchte, daß alle Kräfte und alles Leben ihre Quelle im göttlichen All-Einen haben, entwertete sie die Materie zu einem Gegengeist-Prinzip und stattete sie mit ‚Trägheit’ aus, also absoluter Passivität. Dadurch bekam sie einen abwertenden Charakter, der begrifflich selbst in die moderne Physik als „träge Masse“ übernommen wurde. Das steckt selbst unausgesprochen eben bis heute auch im physikalischen Masse-Begriff, selbst ohne das Beiwort ‚träge’. (Eine Frage, die die alten Philosophen dabei noch interessiert hätte, wäre die, ob das nicht möglicherweise archetypisch begründet sein könnte und ob es nicht zu positivistisch gedacht ist, das lediglich aus der historischen Entwicklung zu erklären.[2])

Auch im Mittelalter hielt man an dieser negativen qualitativen Bewertung des Masse-Begriffs fest. Man konnte ja auch leicht feststellen, daß ein Körper um so unbeweglicher war, je mehr Masse er besaß. Für Ibn Gabriols Philosophie der Emanation war die Trägheit der körperhaften Materie eine logische Folge ihrer niedrigsten Seinsstufe in der Hierarchie des Seienden. Das ganze Mittelalter hindurch wurde Materie in dieser Weise als ein träges und gestaltloses, plump-grobes Sein verstanden. Der Scholastiker Alanus ab Insulis[3] sprach im 13. Jhdt. von der „häßlichen Materie“ - massa vetus -, von ihrer „schmutzigen Zusammensetzung“ oder „betrüblichen Deformierung“. Parallel und überlagernd läßt sich aber erkennen, daß in dieser Zeit die Idee der körperlichen Form durch die methodischere Verwendung des Quantitätsbegriffes bewußter wurde. Dabei übernahm die Vorstellung der räumlichen Ausdehnung, die als die am besten meßbare Eigenschaft angesehen wurde, eine Brückenfunktion im Übergang von der Qualität zur Quantität. Diese Vorstellung findet sich bei den späteren Peripatetikern, die sich dabei auch auf Euklid berufen konnten, der bereits gesagt hatte: „Ein fester Körper ist etwas, das Länge, Breite und Tiefe hat.“ Ganz allgemein versuchte man darüberhinaus, etwas zu finden, was das Wesen der Materie überhaupt charakterisiert und dabei aber noch etwas anderes ist als nur räumliche Ausdehnung. Bestimmte Eigenschaften, die man an ihr beobachten konnte, wurden ihr jedoch nicht als wesentlich zugesprochen. Es waren Akzidenzien - das galt für die Dichte und Schwere ebenso wie für Farbe und Geruch. Dabei wurde der wesentlich Unterschied hinsichtlich der Quantifizierungsmöglichkeit aber noch nicht gesehen. Tatsächlich stammt der Begriff der Dichte in seiner meßbaren Form als das Verhältnis von Masse und Volumen erst aus neuerer Zeit - etwa beginnend bei Leonard Euler (1707 – 1783). Die Raumvorstellung  konnte dabei nie unabhängig von den darin angeordneten körperlichen Objekten entwickelt werden und hing deshalb immer mit diesen zusammen. Insofern war allerdings auch weniger von der Materie ansich als vielmehr von ihrer vergegenständlichten Form - eben der körperlichen und damit quantitativ bestimmten Masse - die Rede. Soweit man von Masse oder Körpern sprach, stellte man sie sich notwendigerweise raumdurchdrungen und im Raume angeordnet vor.

Wenn wir die Entwicklung der Vorstellungen von Raum, Materie, Körpern und Masse und deren gegenseitiger Bezüge und rückgekoppelter Definitionen mit bestimmten hervorragenden Namen verbinden, stellt sie sich im großen Überblick etwa so dar:

  • Aristoteles (384 – 322).

Schon lange vor den Neuplatonikern befaßte sich Aristoteles mit der Frage des Raumes, wie etwa in folgendem Satz: „Die Teile eines Körpers nehmen einen bestimmten Raum ein und haben eine gemeinsame Grenze; daraus ergibt sich, daß die Teile des Raumes, die durch die Teile des Körpers ausgefüllt werden, die gleiche gemeinsame Grenze haben wie die Teile des Körpers.“

Er stellte sich den Raum prinzipiell wie eine Zwiebel aus verschiedenen Schalen zusammengesetzt vor, wobei die Grenze der einen Schale mit der der anderen identisch sein mußte, sodaß es undenkbar war, daß zwischen ihnen etwas sein konnte. Der Raum war für ihn nichts anderes als die Summe aller in ihm befindlichen Körper und Örter. Ansich ist seine Raumtheorie nur eine Theorie der Positionierung der Körper im Raume. Leere Räume kann es für Aristoteles nicht geben, da bei ihm eines an das andere grenzt. Alles ist von konkreten Dingen ausgefüllt. Dabei ist die Materie das Substrat, aus dem alle Dinge entstehen und bestehen. Die Materie besitzt keine Eigenschaften. Sie wird als potentielle Möglichkeit gedacht und wird erst durch ihre Verbindung mit der Form zur Wirklichkeit. Materie bildet eine der vier aristotelischen Ursachen, die causa materialis. Nicht nur erst die Masse, sondern bereits die Materie ist in diesem Rahmen ihrem Wesen nach träge und passiv.

  • Plotin (205 – 270)

Bei Plotin erhält die Materie eine kosmologische Bedeutung. Sie gilt hier als die letzte und schwächste Emanation (Ausströmung) aus dem Einen. Interessanterweise ist nach Plotin Materie unkörperlich, weil sie nicht einmal die Struktur der wahrnehmbaren körperlichen Dinge besitzt. Da sie ohne Bestimmung ist, ist sie die Abwesenheit des Guten, das reine Böse und Häßliche. Neben dieser Materie, die unterhalb der wahrnehmbaren Dinge steht, kennt Plotin aber auch eine geistig erfaßbare Materie, die sich oberhalb der wahrnehmbaren Dinge befindet.

  • Galilei (1564 – 1642) und Kepler (1571 – 1630)

In einem extremen Gegensatz dazu sah Galilei die Materie äußerst konkret. In seinem Buch Il saggiatore (‚Der Prüfer’) äußert er sich zu den seiner Meinung nach notwendigen Eigenschaften der Materie so: „Wo immer ich eine Substanz als materiell oder körperlich bezeichne, fühle ich unmittelbar die Notwendigkeit, sie als begrenzt und in irgend einer Weise als Gestalt zu denken; ferner als groß oder klein im Vergleich zu anderen Dingen und örtlich oder zeitlich streng fixiert, dann als bewegt oder ruhend, als in Berührung oder Nichtberührung mit irgendeinem anderen Körper, als zählbar in der Reihe: als eines, einige wenige oder viele. Von diesen Bedingungen kann ich eine solche Substanz auch bei starker Anspannung meiner Vorstellungskraft nicht entlasten.“

Galilei zählt hier also die primären Eigenschaften der Materie auf: Gestalt, Größe, Lage, Berührung, Anzahl, Bewegung. Das alles sind aber eben nur die quantifizierbaren Eigenschaften, die Kepler dann im Masse-Begriff zusammenfaßte. Dieser sah den Materie-Begriff konkret als träge Masse. Aus dieser Überlegung hat Leibniz später behauptet, daß Kepler der erste Schöpfer der Idee der Trägheit sei und daß Descartes den Begriff von Kepler übernahm.

  • Rene Descartes (1596 – 1650).

Descartes Auffassung von der Materie war vor allem dadurch gekennzeichnet, daß er deren räumliche Ausdehnung für ihre wesentliche und unverzichtbare Eigenschaft hielt. Für ihn bestand nicht nur das Wesen der Materie, sondern auch der Masse nur und vor allem in der räumlichen Ausdehnung. Die Quantität der Materie war für ihn identisch mit Rauminhalt. Gewicht und Schwere waren in seiner Theorie nur Akzidenzien. Besonders wur­de seine Auffassung bekannt, daß es kein Vakuum geben könne, denn wo ein solches entstehe, müßten ganz notwendigerweise und gewissermaßen sogar definitorisch die Wände des Behälters zusammenfallen. Das wurde allerdings bereits durch einen seiner Zeitgenossen, nämlich den Magdeburger Bürgermeister Otto Guericke, mit seinem berühmten Experiment widerlegt. Auch von anderen seiner Zeitgenossen wurde Descartes Interpretation mit Skepsis aufgenommen. Man hielt ihm vor, daß er den Raum mit stofferfüllter Ausdehnung gleichsetze, diene ihm offenbar nur dazu, ihn zur Grundlage sicherer und mathematisch exakter Berechnungen zu machen. Von einer nennenswerten philosophischen Sichtweise waren aber auch diese Kritiker noch weit entfernt, wenngleich einige Renaissance-Denker wie etwa Campanella wie teilweise bereits Aristoteles, nun aber bestimmter so weit gingen, von der Materie ohne alle notwendigen Eigenschaften zu reden. Daß der Raum nicht ohne in ihm angeordnete Objekte denkbar und demnach auch gar nicht existent ist, wurde dabei in der Folgezeit immer klarer, ebenso wie die Tatsache, daß beides nur unterschiedliche Aspekte ein und derselben Sache sind. Es läßt sich kein Raum ohne Materie und keine Materie ohne Raum denken, ganz gleich, ob man beides abwechselnd im positiven Fall als Stoff, Objekt oder Substanz oder im negativen Fall als Leere, Nichts oder eben Äther bezeichnet.

  • Isaac Newton. (1643 - 1727)

Die Newtonsche Physik sah ihre Aufgabe darin, die qualitativen Aspekte auf quantitative zurückzuführen. Das war eben auch bei Descartes trotz der ihm von seinen Zeitgenossen noch vorgeworfenen „stofferfüllten Ausdehnung“ nur erst ansatzweise vorbereitet worden. Der grundlegende Unterschied besteht in dem Fehlen des Begriffs der quantitas materiae im Altertum, der dann in der modernen Wissenschaft als Quantität der trägen Masse eine so bedeutsame Rolle spielt. Während Descartes immerhin bereits die Dreidimensionalität des Raumes und ein rechtwinkliges Koordinatensystem sah, war er allerdings von der Vierdimensionalität noch weit entfernt. Die Zeit als Bestandteil des Raum-Zeit-Kontinuums - wenn auch noch nicht im modernen Sinn - zu sehen, blieb Newton vorbehalten. Vor Newton hat es noch keine Betrachtungen gegeben, die Zeit und Raum verbanden. Zwar waren beide in der Bewegung berührt, aber auch diese wurde bis Newton für sich betrachtet. Der Raum war demnach nur der Ort gleich­zeitiger Ereignisse. Dabei muß man allerdings sehen, daß die Rechtwinkligkeit des Raumes eine Schöpfung des Geistes ist, der nichts Natürliches entspricht - es sei denn in den Kristallen.

Der Raum war für Newton eine absolute äußere Gegebenheit. Er ist für ihn eine völlig selbständige Kulisse für die ganz anderen körperlichen Objekte. Dieser Bühnenraum kann zwar auf die Darsteller wirken, nicht aber diese auf ihn. So war der Raum praktisch nur ein Behälter für die körperlichen Objekte. Daß die Körper selbst raumdurchdrungen waren, zog Newton dabei nicht in Betracht. Wenn der Raum nur die Kulisse ist, paßt es nicht ins Bild, die körperlichen Dinge damit in Verbindung zu bringen. Newton wies deshalb Descartes Auffassung äußerst polemisch zurück, die Ausdehnung für eine wesentliche Eigenschaft der Materie zu halten. Stattdessen ging Newton davon aus, daß sie viel eher Masse, Gewicht und Trägheit besitzen müsse. Die Masse bestand für ihn entsprechend aus kleinen und kleinsten Massepunkten. Diese ‚Massepunkte’ befanden sich in dem als absolut vorausgesetzten äußeren Raum, der von ihnen völlig unbeeinflußt im Hintergrund verharrte. Man konnte den Raum allerdings messen, und das Maß des Raumes trat dann an dessen Stelle, ohne aber sein eigentlichen Wesen zu berühren. Was man aber messen kann, muß schließlich auch irgendwie existieren. Wie widersprüchlich allerdings auch seine Auffassung war, geht aus folgender Bemerkung hervor: „Der bei weitem größte Teil des ätherischen Raumes muß als Vakuum angesehen werden, das zwischen den ätherischen Teilchen ausgestreut ist.“ (Newton: De Gravitatione.) Während die Teilchen also als raumlose Massepunkte strikt gegen den absolut gesetzten Raum abgegrenzt sind, sind beide dennoch bezüglich ihrer Äther-Eigenschaft identisch. Auf diese Weise wird die Restproblematik in den dubiosen Äther verlagert, den man aus der Erörterung ausklammert.

  • Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716).

Auch für Leibniz war in allen Körpern etwas, das der Ausdehnung vorhergeht - nämlich Aktion und Bewegung. Die Masse, die fähig ist, Widerstand zu leisten, selbst wenn sich dieser nur gegen eine Bewegungsänderung richtet, mußte seiner Meinung nach selbst eine Kraftquelle, eine dynamische Wesenheit sein. Und eine solche Kraft konnte er sich - wenn auch  unklar- ansich nur als eine Willenseigenschaft und –fähigkeit vorstellen. Das war die Wurzel seiner Monadenlehre, die er sich ebenfalls als eine Art, wenn auch beseelter, Massepunkte dachte. Er hat diese seine Auffassung vor allem in einer umfangreichen Korrespondenz dargelegt und dazu im Laufe der Zeit allerdings ganz widersprüchliche Versionen dargelegt.

Trotz der teilweisen Ähnlichkeit von Massepunkten und Monaden vertrat Leibniz wie auch Christiaan Huygens (1629 – 1695) völlig im Gegensatz zu Newtons absolutem Raum eine sehr modern anmutende relativistische Version. Sie konnten sie aber noch nicht sehr systematisch und mit schlagkräftigen Argumenten begründen, sodaß sie zu ihrer Zeit damit keine rechte Resonanz fanden. Leibniz’ Gegenargument besagte, daß der Raum letztlich nur ein universales Beziehungsnetz sei, in dem die Objekte angeordnet sind. Er erläuterte seine diesbezügliche Sichtweise gegenüber dem Newton-Adepten Samuel Clarke so: „Man beobachtet, daß verschiedene Dinge gleichzeitig existieren und findet in ihnen eine bestimmte Ordnung des Beisammens, der gemäß ihre Beziehung mehr oder weniger einfach ist. Es ist dies ihre wechselseitige Lage oder Entfernung. Der Inbegriff aller dieser Veränderungen aber wird Raum genannt.“ Somit ist für Leibniz bereits klar, daß der Raum nur ein bloßes Koordinatensystem ist, in dem die Körper angeordnet sind und dem keine eigene Realität zukommt.

  • George Berkeley (1685 - 1753.

Berkeley, ebenfalls ein Zeitgenosse Newtons und Leibniz’, wurde mit seiner These: Esse est percipi aut percipere bekannt. Das heißt, die Existenz (der Objekte) beruht in ihrem Wahrgenommenwerden, und umgekehrt beruht das der Subjekte auf ihrem Wahrnehmen. Oder anders: Subjekt und Objekt bedingen sich gegenseitig, denn einerseits kann es – zumindest im Sinne dieser anti-positivistischen und von Berkeley vertretenen originär philosophischen Fassung - ohne erkennendes Subjekt kein Objekt geben, andererseits wäre aber auch ein Subjekt ohne eine ihm begegnende Objektwelt undenkbar. Diese Argumentation wurde leicht mißverstanden, denn das bedeutete nicht, daß Berkeley überhaupt die Außenwelt leugnen wollte, sondern daß er ihr nur die Existenz außerhalb jeder Wahrnehmung absprach. Dem läßt sich zumindest zugute halten, daß von einer anderen sich nichts wissen und beweisen läßt. Und demnach war für Berkeley auch der Raum ein Ding ohne Bedeutung, denn dieser - und damit nahm er bereits Kant vorweg - entsteht eigentlich nur in unserer Vorstellung als Nebenprodukt unserer Wahrnehmung. Berkeley führte weiter aus, daß selbst die Verteidiger der Vorstellung einer handfesten Substanz nicht in der Lage sind, zu sagen, welche unverzichtbaren Eigenschaften diese habe. Somit reduziere sich die Materie auf eine bloße Substanzidee ohne bestimmbare Eigenschaften. Diese Sicht der Dinge mochte für die Positivisten unannehmbar sein und wurde auch entsprechend lange ignoriert, hatte aber dennoch den Vorzug, die Paradoxien, mit denen seine Vorgänger und Nachfolger zu kämpfen hatten, zu lösen. Daß der Raum ein Zwischending zwischen geistiger und materieller Welt ist, wurde allerdings bereits im Altertum und besonders in der neuplatonischen Philosophie ansatzweise erörtert, doch Berkeley baute diese Sicht zu einem System aus.

  • Immanuel Kant (1724 – 1804).

Kant war offenbar bemüht, einen Kompromiß zwischen den Ansichten Newtons und Leibniz’ bzw. Berkeleys zu finden und begab sich somit auf die Suche nach dem ‚Ding-an-sich’. Das war für ihn das, was in der Objektwelt zurückblieb, wenn man von allen subjektiv hineininterpretierten Eigenschaften absah. Als Philosoph konnte er zwar nicht übersehen, daß die grundsätzlichen Bedenken Berkeleys erhebliches Gewicht hatten, aber andererseits war er auch nicht einzugestehen bereit, daß wir nur in einer Traumwelt leben. Die Aufklärung und der mit ihr einhergehende Utilitarismus erwartete zudem ein festes Gerüst und fand dieses immer noch in der Newtonschen Philosophie des objektiven und absoluten Raumes. Vor allem rückte jetzt mit der sich rasant entwickelnden Maschinentechnologie das Problem der Trägheit in den Vordergrund, und für diese waren klare Bewegungsgesetze erforderlich. Immerhin gelangte Kant später zu seiner berühmten ‚A-priori’-Vorstellung des Raumes, derzufolge jeder - offenbar nicht nur - menschlichen Wahrnehmung äußerer Dinge eine von vornherein bestehende räumliche Dimensionierung vorgegeben sein muß, die man sich keinesfalls als nur aus der Erfahrung gewonnen erklären kann. Noch 1747 schrieb er ganz in der Linie von Aristoteles und Leibniz jedem physikalischen Körper innewohnende Kräfte zu, etwa zehn Jahre später (1758) aber erhob er Einwand gegen die Legitimität der vis inertiae. Eine Kraft, die aus sich selbst keine Bewegung verursacht, sondern nur Widerstand, war für ihn ein „Wort ohne Bedeutung“. Kants Ausschaltung der metaphysischen vis insita oder vis inertiae bereitete den Weg für eine positivistische Auffassung des Massenbegriffs.

  • Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Die bewußtseinsbedingte Auffassung der Materie (im Sinne von: Kein Objekt ohne erkennendes Subjekt) wird etwa in Schopenhauers folgender Ausführung deutlich, die vollständig die heutige der Quantenphysik vorwegnimmt, indem er dabei Kants Überlegungen zur Apriorik des Raumes fortführt und wieder zu Berkeleys Grundthese zurückkommt:

Alles Ob­jektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles Mate­rielle, welches der Materialismus für ein so solides Fundament seiner Erklä­rungen hält, daß eine Zurückführung dar­auf... nichts zu wünschen übrig lassen könne, - alles dieses ist ein nur höchst mit­telbar und bedingterweise Gegebenes, demnach nur relativ Vorhandenes: denn es ist durchge­gangen durch die Maschinerie und Fabri­kation des Gehirns und also ein­gegangen in deren Formen, Zeit, Raum und Kausali­tät, vermöge wel­cher allererst es sich dar­stellt als ausgedehnt im Raum und wirkend in der Zeit. Aus einem solcherma­ßen Ge­gebenen will nun der Materialis­mus sogar das unmittelbar Gegebe­ne, die Vor­stellung (in der jenes al­les dasteht), und am Ende gar den Willen erklären, aus welchem viel­mehr alle jene Grundkräfte, welche sich am Leitfaden der Ursa­chen und daher ge­setzmäßig äußern, in Wahrheit zu erklären sind. - Der Behauptung, daß das Erkennen Modifikation der Materie ist, stellt sich al­so immer mit gleichem Recht die umge­kehrte entgegen, daß alle Materie nur Modifika­tion des Er­kennens des Subjekts, als Vor­stel­lung derselben, ist. Dennoch ist im Grunde das Ziel und das Ideal aller Natur­wissenschaft ein völlig durch­geführ­ter Ma­terialismus. Daß wir nun diesen hier als of­fenbar unmög­lich erkennen, be­stätigt eine andere Wahrheit, die aus unserer fer­neren Be­trachtung sich ergeben wird, daß nämlich alle Wissenschaft im ei­gentlichen Sinne... nie ein letztes Ziel erreichen noch eine völ­lig ge­nügende Erklärung geben kann; weil sie das innerste Wesen der Welt nie trifft, nie über die Vor­stel­lung hinaus kann, viel­mehr im Grunde nichts weiter, als das Ver­hältnis einer Vorstellung zur ande­ren ken­nen lehrt... (Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.1, § 7)

 

  • Albert Einstein (1879 – 1955).

Daß sich die Moderne mit der fortschreitenden Industrialisierung und Technisierung des 19. Jahrhunderts schließlich dennoch von der Newtonschen Vorstellung des absoluten Raumes abwandte, war vor allem der Entdeckung des elektromagnetischen Feldes verdanken. Damit wurde der Begriff des absoluten Raumes für die praktische Physik praktisch bedeutungslos. Auch der Ausgang des berühmten Michelson-Morley-Experimen­tes, demzufolge sich für die Erde kein absoluter Bewegungszustand in ihrem unmittelbaren Umfeld feststellen ließ, brachte Albert Einstein endgültig zu der Überzeugung, daß es einen absoluten Raum gar nicht gebe und daß dieser letztlich tatsächlich, ganz wie Leibniz und Huygens es bereits gesagt hatten, nur ein Koordinatensystem ist. Das war die Begründung seiner Relativitätstheorie. Der Physiker Ernst Mach hatte das wenige Jahre zuvor so formuliert: „Über den absoluten Raum und die absolute Bewegung kann niemand etwas aussagen. Sie sind bloße Gedankendinge, die in der Erfahrung nicht aufgezeigt werden können.“ Statt dessen versuchte man nun, den sogenannten ‚Äther’ als Träger der elektromagnetischen Wellen mit einem solchen Raum gleichzusetzen.

 


 

 

 

Der moderne Masse-Begriff

Da die Masse das einzige Kennzeichen der physikalischen Körper war, das immer erhalten blieb, wurde der Begriff der Masse seit der Zeit der Aufklärung für alle praktischen Zwecke mit dem der Materiesubstanz identifiziert. In der Regel setzte man dabei den Masse-Begriff mit ‚Quantität der Materie’ gleich. Für die Geschichte des heutigen physikalischen Begriffs der Masse ist Leonard Eulers Mechanica besonders bedeutsam; denn sie vollzieht den Übergang von dem ursprünglich Newtonschen Massenbegriff der vis inertiae zu der modernen abstrakteren Begriffsbildung im Sinne eines numerischen Koeffizienten, der für den einzelnen physikalischen Körper bestimmbar ist. Darin heißt es unter Proposition 17: „Die Trägheitskraft in irgend einem Körper ist proportional zu der Quantität der Materie, die der Körper enthält.“ Das ist offenbar eine Wiederholung von Newtons Ausführung zur Definition 3 in den Principia. Euler erklärte dabei aber ausführlich, daß die Materie - also hier die Masse - eines Körpers weder durch ihren Rauminhalt noch durch ihre Bewegung definiert und gemessen wird, sondern durch die Kraft, die nötig ist, um ihm eine bestimmte Bewegung bzw. Beschleunigung zu verleihen. Hier finden wir also wohl zum ersten Mal den Ausdruck der uns heute so geläufigen Formel „Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung“, und diese dient heute in der Physik als exakte Definition der Masse. (V=mx)

Wie berechtigt allerdings der letzte wissenschaftsskeptische Satz in dem o.g. Schopenhauer-Zitat und damit der willkürliche und rein utilitaristisch bedingte Definitionsakt des physikalischen Begriffs der Materie und der Masse letztlich ist, hat uns der historische Überblick gezeigt. Eine besondere Ironie liegt in dem Umstand, daß die heutigen Physiker dieser Erkenntnis viel näher stehen als das öffentliche Bewußtsein.

 

 

Literatur

  • José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, Hamburg 1956.
  • Elias Canetti, Masse und Macht (1960)
  • Max Jammer: Der Begriff der Masse in der Physik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1964
  • Max Jammer: Das Problem des Raumes, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1960.
  • Ulf Heuner (Hg.): Klassische Texte zum Raum. Parodos, Berlin 2006 ISBN 3-938880-05-8
  • Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. 1. Auflage, "Der transzendentalen Ästhetik, Erster Abschnitt, Von dem Raume", "Der Transzendentalen Analytik, Zweites Hauptstück, Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe" (Band 3, Seiten 71 bis 77) Vollständiger Text in der Wikisource
  • Friedrich Kaulbach - Die Metaphysik des Raumes bei Leibniz und Kant -, Kölner Universitäts-Verlag, Köln 1960
  • Isaac Newton - Philosophiae Naturalis Principia Mathematica -, London 1687 (Minerva 1992, ISBN 3-8102-0939-2)
  • Isaac Newton: Über die Gravitation (De Gravitatione), Klostermann-Verlag, 1988. (ISBN 3-465-01750-1) (Darin heißt es zu der fraglichen Stelle in seiner handschriftlichen Notiz: „Sane spatij aetherei pars longe maxima pro vacuo inter aetherea corpuscula disseminato haberi debet.“
  • Jan Aertsen & Andreas Speer - Raum und Raumvorstellung im Mittelalter (Miscellanea Mediaevalia, Band 25) -, Walter de Gruyter & Co., Berlin 1997, ISBN 3-110-15716-0
  • Jörg Dünne, Stephan Günzel: Raumtheorie - Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp, 2006. (ISBN: 978-3-518-29400-0)

 


[1] Max Jammer in ‚Der Begriff der Masse in der Physik’. Max Jammer war ein Freund von Albert Einstein.
[2] Siehe dazu die Archetypen-Lehre von C.G. Jung.
[3] Alanus ab Insulis (auch Alain de Lille, Alanis ab Insulis oder Alanus de Insulis) (* um 1120 in Lille, Frankreich, (flämisch Rijsel); † 1202 in Cîteaux, Frankreich) war ein französischer Scholastiker, Dichter und Zisterziensermönch und gilt als Heiliger.
 

 

Das Problem der Rechts-links-Unterscheidung

(Siehe hierzu auch den ergänzendes Essay 'Spiegelwelt'.)

 

Das Problem der Rechts-links-Unterscheidung (Seitenverkehrung ) scheint mit unserer evolutionär erworbenen Koordinationsfähigkeit hinsichtlich der räumlichen Dimensionen zu tun zu haben. Es ist dabei bemerkenswert, daß wir mit dieser horizontalen Dimension viel größere Probleme als mit der anderen horizontalen Vorne-hinten-Orientierung oder der vertikalen Oben-unten-Orientierung - haben.

 

Erläuterung des Problems

Die Unterscheidung zwischen rechts und links ist einerseits bereits in unserer Sprache angelegt und mit gegensätzlichen Wertzuweisungen verbunden: Die rechte Seite ist demnach immer die richtige, die linke Seite eher verdächtig. Rechts entspricht dem Rechten, dem Recht überhaupt, dem Richtigen, während links mit linkisch und link usw. assoziiert wird. Andererseits haben aber dennoch in der Alltagspraxis viele Menschen noch als Erwachsene Probleme mit der Unterscheidung zwischen rechts und links. Nach der Ansicht einiger sog. Kognitionspsychologen, die sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinandersetzen, handelt es sich bei dieser Unterscheidung nämlich tatsächlich lediglich um eine bloße Konvention, also im Gegensatz zu der Vorne-hinten- oder Oben-unten-Unterscheidung nicht um etwas objektiv Vorgegebenes:

„Die Rechts-Links-Strategie ist eine kulturelle Konvention, die wir früh von unseren Eltern beigebracht bekommen“ [1]

Wenn es so wäre, würde das vielleicht erklären, warum das auch zu teilweise dramatisch folgewirksamen Verwechselungen führen kann wie etwa in der Medizin. So werden immer noch sehr häufig Patienten an der falschen Seite operiert und verlieren so unter Umständen ihren einzigen noch gesunden Lungenflügel. Es heißt, daß Frauen mit der Rechts-Links-Unterschei­dung größere Probleme haben als Männer und daß Kreative sich ebenfalls damit schwerer tun als weniger Kreative, was in beiden Fällen zu der Vermutung geführt hat, daß das möglicherweise mit der intensiveren Verbindung der beiden Gehirnhälften zusammenhängen könnte. Sigmund Freud schrieb 1898 in einem Brief an seinen Freund Wilhelm Fliess: „Für mich war es lange eher Sache der Überlegung, wo meine Rechte ist, kein Organgefühl sagte es mir.“ Bei bestimmten Gehirnschädigungen wurde festgestellt, daß es dabei zu einer abnormen Beeinträchtigung der Rechts-links-Unter­schei­dung am eigenen Körper und im Raum kommen kann.[2]

 

Die Umgebungs-Strategie

Ethnologen und Linguisten haben beim Vergleich mit Angehörigen indigener Völker festsgestellt, daß diese sich – ebenso wie übrigens auch westliche Kleinkinder noch bis etwa zum Alter von vier Jahren -  nicht am eigenen Körper, sondern an äußeren Maßgaben wie vor allem den Himmelsrichtungen orientieren. Tatsächlich haben Experimente mit Angehörigen indigener Völker ergeben, daß diese eine Art inneren Kompaß besitzen, der sie selbst im tiefsten Wald - und auch, nachdem man sie mehrfach um ihre eigene Achse gedreht hat - mit bemerkenswerter Genauigkeit weiterhin wissen läßt, in welcher Richtung Norden, Osten, Westen oder Süden liegen. Die Frage nach rechts oder links beantworten sie in ihren jeweiligen Sprachen auffallend häufig mit Angaben der Himmelsrichtungen: „Der Löffel liegt westlich von der Schüssel“, „Da ist eine Fliege auf deinem südlichen Arm“ oder „Rück mal ein bisschen nach Osten“:

In rund einem Drittel der weltweit 6000 Sprachen kommen solche Äußerungen vor – hauptsächlich bei kleinen Völkern in Äquatornähe: beispielsweise bei den Guugu Yimithirr, nordaustralischen Aborigines oder den Hai-om, einer Jäger-und-Sammler-Kultur im Norden Namibias. Vertreter dieser Kulturen haben tatsächlich ständig bewusst die Himmelsrichtungen im Kopf. Sie verfügen über einen stets aktiven inneren Kompass, eine Art Landkarte im Gehirn.[3]

Auch Menschenaffen orientieren sich – gemäß solchen Untersuchungen – an ihrer Umgebung und nicht an der jeweiligen Stellung des eigenen Körpers. Das legt nahe, daß sich wohl auch unsere evolutionären Vorfahren so orientiert haben und daß – wie auch die Untersuchungen mit Kleinkindern moderner westlicher Zivilisation zeigen - die Orientierung an der eigenen Körperstellung erst eine kulturelle Erwerbung ist. „Alle urban geprägten Gesellschaften orientieren sich vorzugsweise egozentrisch.“[4]

 

Hayfoot, strawfoot

Sind ausgebildete Soldaten üblicherweise insofern besser gepolt als Zivilisten? Als sich im amerikanischen Bürgerkrieg besonders viele militärisch nicht ausgebildete Zivilisten freiwillig zu den Waffen meldeten, hatten es die Ausbilder insofern mit ihnen besonders schwer. Denn sie konnten nicht nur kein Gewehr halten, sondern reagierten auch sehr unterschiedlich auf Ausrichtungskommandos. Der dadurch entstehenden Konfusion versuchten die Befehlshaber dadurch zu begegnen, daß sie den Rekruten jeweils ein Bündel Heu an das linke und ein Bündel Stroh an das rechte Bein banden, wodurch sie endlich erreichten, daß bei den Kommandos ‚Heufuß’ oder ‚Strohfuß’ alles klappte. Später wurde diese Methode in einem Soldatenlied verewigt: „March old soldier march! Hayfoot, strawfoot, belly full of bean soup!“ („Marschiere, Soldat, marschiere! Heufuß, Strohfuß, den Bauch voller Bohnensuppe!“) [5]


   
   

Immanuel Kant

 

Immanuel Kant ging davon aus, daß sich der Mensch hinsichtlich seiner Rechts-links-Unterscheidung stets an der Ausrichtung des eigenen Körpers orientiert.

„Da wir alles, was außer uns ist, durch die Sinne nur insofern kennen, als es in Beziehung auf uns selbst steht, ist es kein Wunder, dass wir Begriffe wie rechts, links, oben, unten, vorn und hinten von dem Verhältnis zu unserem Körper hernehmen“

Genauer führte er dazu in seiner Schrift Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume aus:

„Was kann wohl meiner Hand oder meinem Ohr ähnlicher, und in allen Stücken gleicher sein, als ihr Bild im Spiegel? Und dennoch kann ich eine solche Hand, als im Spiegel gesehen wird, nicht an die Stelle ihres Urbildes setzen, denn wenn dieses eine rechte Hand war, so ist jene im Spiegel eine linke, und das Bild des rechten Ohres ist ein linkes, das nimmermehr die Stelle des ersteren vertreten kann. Nun sind hier keine inneren Unterschiede, die irgend ein Verstand nur denken könnte; und dennoch sind die Unterschiede innerlich, so weit die Sinne lehren, denn die linke Hand kann mit der rechten, ohnerachtet aller beiderseitigen Gleichheit und Ähnlichkeit, doch nicht zwischen denselben Grenzen eingeschlossen sein (sie können nicht kongruieren), der Handschuh der einen Hand kann nicht auf der andern gebraucht werden. Was ist nun die Auflösung?..“.[6]

 

Kant versuchte nun – in seiner vorkritischen Phase, in der er noch im Newtonschen Sinn von der Vorstellung eines absoluten Raumes ausging und diese dadurch zu beweisen versuchte (während er dieses später revidierte) -, sich eine Hand im Weltraum vorzustellen und meinte, es sei unbestreitbar, daß man diese eindeutig als linke oder rechte Hand identifizieren könne. Insofern meinte er sogar, alle Links-rechts-Unterscheidungen am beispielhaften Maßstab der menschlichen Hände eindeutig identifizieren zu können:

„Wir können daher auch den Unterschied ähnlicher und gleicher, aber doch inkongruenter Dinge (z.B. widersinnig gewundener Schnecken) durch keinen einzigen Begriff verständlich machen, sondern nur durch das Verhältnis zur rechten und linken Hand, welches unmittelbar auf Anschauung geht…“

Diese Definition wurde kritisiert wie kaum eine andere Äußerung Kants, und er ist später auch nie wieder auf sie zurückgekommen – denn letztlich läuft sie ja auf die alte Volksweisheit hinaus: „Rechts ist da, wo der Daumen links ist.“ Natürlich läßt sich nämlich auch im Weltraum erkennen, ob man eine rechte oder linke Hand vor sich hat – vorausgesetzt, man weiß, wo hier rechts oder links ist. Dieses erst aus den Händen folgern zu wollen, wäre ein Zirkelschluß.

 

Martin Gardner

Der Autor Martin Gardner hat über das Problem ein ganzes Buch mit dem Titel 'Unsere gespiegelte Welt' geschrieben. Darin führte er aus:

Hin und wieder hat einmal ein Physiker gemeint, er habe irgendeine natürliche Eigenschaft entdeckt, wodurch der eine Magnetpol vom anderen unterschieden werden könne, ohne äußere Magnetfelder zur Prüfung hinzuziehen.. Sie erwiesen sich aber stets als Irrtum… Das Nord-Ende einer Kompaßnadel wird gewöhnlich schwarz gemalt, um es vom Süd-Ende zu unterscheiden. Woher weiß der Kompaßmacher, welches Ende er schwarz machen muß? Dadurch, daß er es an anderen Magneten prüft. Das Nordende der Nadel wird von den Nordpolen anderer Magnete abgestoßen. Und wie erkennt man die Nordpole der anderen Magneten? Das sind die Enden, die von den Nordpolen noch anderer Magneten abgestoßen werden. Der letzte Ausgangspunkt für die Definition des ‚Nordpols’ ist das Magnetfeld der Erde selbst. Der Nordpol eines Magneten ist derjenige Pol, der von dem magnetischen Nordpol der Erde angezogen wird.

Gardner versucht, sich vorzustellen, auf welche Weise wir den Bewohnern eines fremden Planeten klarmachen könnten, was wir auf unserer Erde unter rechts und links verstehen, und kommt zu dem Ergebnis, daß das nicht möglich ist, weil wir dabei stets irgendein Bezugssystem benötigen, das aber ursprünglich frei definiert wurde. Selbst wenn wir uns am Sonnenlauf orientieren und sagen, sie laufe von Osten nach Westen, müssen wir das Wissen um die Himmelsrichtungen voraussetzen, und selbst wenn wir bei uns sagten, die Eisbären würden den Norden und die Pinguine den Süden definieren, und demnach laufe eben die Sonne so, daß auf der rechten Seite ihres Weges die Eisbären seien – und angenommen, der andere Planet sei ansonsten genau wie der unsere, sodaß man sich dort unter diesen Angaben das gleiche vorstellen könnte, wüßte man dennoch nicht, ob dort unter rechts und links das gleichen verstanden würde. Gardner:

Worauf es hier ankommt, ist, daß wir keine Möglichkeit haben, dem Planeten X mitzuteilen, welches Ende einer Magnetnadel wir nördlich nennen, weil wir keine Möglichkeit haben, ihnen mitzuteilen, welches Ende der Rotationsachse wir nördlich nennen. .. Es ist klar, daß wir dem Planeten X nicht verständlich machen können, was das Nordende eines Elektromagneten ist, solange wir ihm nicht begreiflich machen können, was wir unter einer rechtswendigen Spirale verstehen. Und das geht wieder nicht ohne vorherige Verständigung über links und rechts..

Diese Unklarheit besteht dagegen hinsichtlich der Vorne-hinten- und der Oben-unten-Richtung nicht. Alles könnten wir einem anderen Planeten vielleicht mitteilen, nur mit Sicherheit nicht, was wir unter rechts und links verstehen.


 

 

Die seitenverkehrte Welt des Mittelalters

Der Autor Michail Bachtin hat in seinem Buch Rabelais und seine Welt[8] auf die uns heute kaum noch zugänglichen volkstümlichen Quellen hingewiesen, aus denen Rabelais wie sonst kein anderer Dichter schöpfte. Es ist ein sehr komplexes Motivsystem, das in vieler Hinsicht an die Bildmotive von Hieronymus Bosch erinnert. Es ist eine verkehrte Welt, die sich offensichtlich auch als Antiwelt verstehen lässt und sich geradezu bewusst auch so zu verhalten scheint. Dieser Bereich ist im Sinne C.G. Jungs vegetativ, es ist die Wurzel aller bewussten Ausformungen und damit ein Sektor, in dem die Yin-Yang-Gegensätze noch nicht ausgeprägt sind. Diese Welt ist offenbar noch nicht dualistisch und steht noch jenseits von gut und böse. Auch die Motive Rabelais' sind deshalb schwer einzuordnen, weil sie sich den üblichen Kategorien der „seriösen“ Literatur entziehen. Alles ist hier unfertig, unseriös, antisystematisch, weshalb auch die Literaturkritik mit diesen Werken nicht viel anfangen konnte und Rabelais vorübergehend fast vergessen war, bevor ihn die Romantiker für sich wiederentdeckten, ohne ihn allerdings wohl wirklich zu verstehen.

Rechts-Links-Verkehrung im Karneval

Der Brauch, mit der linken Hand zu grüssen, ist heute noch im Karneval geläufig, der ebenfalls seine Wurzel in dieser Welt des Mittelalters hat und ursprünglich als bewusste Antiwelt gedacht war, in der sich das einfache Volk im Spiel an die Stelle der Obrigkeit stellte und daraus ein derbes Vergnügen gewann. So gab es auch einen bestimmten Eselstag und ein Eselsfest, das Friedrich Nietzsche zum Thema eines eigenen Unterkapitels in seinem Werk Also sprach Zarathustra gemacht hat.

Der Pfad zur linken Hand

Die Rechts-links-Verkehrung spielt auch in bestimmten gnostischen oder häretischen Lehren eine Rolle und hat dort eine mystisch-religiöse Bedeutung, die als Pfad zur linken Hand gilt. Damit werden besonders okkulte und magische Richtungen bezeichnet. Der Name Pfad zur linken Hand kommt offenbar ursprünglich aus dem Hindu-Tantra. In den entsprechenden Kulten werden alle Tabus und Glaubensinhalte bewusst in ihr Gegenteil verkehrt und auch in gegenläufigen Zeremonien dargestellt. Alles, was normalerweise verboten ist, wird hier geradezu verbindlich gefordert. Es ist eine Form einer bewussten Gegenwelt, aber im Gegensatz zu derjenigen des Karnevals ist sie nicht nur völlig und geradezu exzessiv diesseitig, sondern überschreitet die Gren­ze zwischen Diesseits und Jenseits.

Das Thema der Seitenverkehrung im Woodoo

Dass die Welt spiegelbildlich strukturiert ist, spielt übrigens auch im haitianischen Woodoo eine besondere Rolle. Die im ekstatischen Tanz sich vollziehende Zeremonie bringt dabei die Bereiche der Unterwelt und des Himmels zu einer Einheit, so dass die finstersten und abgründigsten Dinge unmittelbar neben den höchsten zum Ausdruck kommen. Bei dieser Zeremonie geht es um eine Darstellung der fundamentalen Spiegelbildlichkeit allen kosmischen Geschehens, wobei die Symmetrieachsen in allen Dimensionen liegen.


 

Das Spiegelproblem

 

Wir wissen dementsprechend auch nicht, ob wir in einer links- oder rechtsgewendelten Welt leben. Angenommen nämlich, wir wohnten auf einem Parallelplaneten, der sich von unserem nur dadurch unterschiede, daß dort die Seiten verkehrt sind, so hätten wir keine Möglichkeit, festzustellen, ob das gegenüber der unserigen falsch sei. Wenn diese Welt auf dem Kopf stände oder wenn wir dort gezwungen wären, rückwärts oder in die Vergangenheit zu laufen, so würden wir das sofort merken, obwohl auch das letztlich definitorisch ist. Es gibt dabei nämlich ebenfalls keine absoluten Maßstäbe, aber doch wenigstens funktionale, die aber hinsichtlich der Seitenorientierung austauschbar sind, sodaß insofern jede objektive Definitionsmöglichkeit fehlt.

Das ist aber offensichtlich nicht nur ein intellektuelles Problem, sondern begegnet uns auch unmittelbar physisch – nämlich im Spiegelbild und der darin auftretenden Seitenverkehrung. Die Tatsache, daß dabei tatsächlich eine Seitenverkehrung stattfindet, nicht aber eine Verkehrung von oben und unten, erscheint in der Tat paradox und wurde auch vielfach so zu beantworten versucht. Etwa so: „Tatsächlich vertauscht der Spiegel nicht rechts und links, sondern vorn und hinten. Die Vertauschung von vorn und hinten entspricht jedoch der Vertauschung von rechts und links zuzüglich einer Drehung um die senkrechte Achse um 180°.“ (... so wörtlich unter Wikipedia-'Spiegelparadoxon' - vergleiche dazu die sehr viel ausführlichere Darstellung des Problems in unserem Essay 'Spiegelwelt'). Das ist aber offensichtlich keine Erklärung, sondern nur eine Beschreibung dessen, was man sieht. Denn daß der Spiegel vorne und hinten vertauscht, ist eine triviale Tatsache, die bereits in dem umgangssprachlichen Begriff „spiegeln“ liegt. Und in der Tat ist es so, daß bei einer Drehung des eigenen Körpers meine rechte Schulter auf der gleichen Seite liegt wie die rechte Schulter meines Spiegelbildes, bei dem dann nur noch vorne und hinten verkehrt sind. Aber das hebt die Seitenverkehrung im Spiegel nicht auf, sondern stellt sie nur anders dar. Wie auch immer ich nämlich mein Spiegel-Ich in der Spiegelwelt drehe und wende – immer bleibt dabei die Rechts-links-Verkehrung erhalten, während die beiden anderen räumlichen Dimensionen richtig, also identisch mit der Realwelt, bleiben. Umberto Eco hat das Problem psychologisch zu erklären versucht:

Wenn wir das Spiegelphänomen auf ein abstraktes Schema reduzieren, stellen wir fest, daß es sich nicht um ein Phänomen vom Typ der Camera obscura handelt, sondern um eines, bei dem kein Strahl den anderen überkreuzt. Nur wenn wir das, was im Schema dem realen Objekt entspricht, anthropomorphisieren, gewinnt dieses Objekt ein Bewußtsein von rechter und linker Seite und vergleicht sie mit dem Objekt, das sich auf der Fläche spiegelt, sowie mit dem virtuellen Objekt, das hinter der Fläche erscheint ... Vor dem Spiegel müßte man nicht von Umkehrung sprechen, sondern von absoluter Kongruenz ... (Umberto Eco [1985]: Über Spiegel. S. 26 - 62, hier: S. 31f.)

Handelt es sich also um einen subjektiven oder objektiven Vorgang? Das eigentliche Problem wird auch hier nicht beantwortet: Die Spiegelwelt ist und bleibt grundsätzlich in einer Dimension seitenverkehrt, und wenn ich einem anderen Planeten mitteilen wollte, in welcher dieser beiden Welten ich lebte, so stieße ich damit auf das bereits erörterte Problem: es gibt keine Möglichkeit, festzustellen, welche der beiden richtig ist und welche falsch.

 

 

Das Spiegelthema in der Physik

Das Spiegel-Thema spielt auch in der Physik eine wichtige Rolle. Daß es möglicherweise noch ein Antiuniversum geben kann, in dem alles seitenverkehrt einschließlich der Richtung des Zeitpfeiles abläuft, ergibt sich zumindest aus der Welt des Allerkleinsten (sog. CPT-Invarianzvon Wolfgang Pauli): Tatsächlich gibt es zu allen kleinsten Teilchen auch Antiteilchen, eben Antimaterie, die durch ihre exakte Spiegelbildlichkeit bei sonst absoluter Gleichheit gekennzeichnet ist. Ein Antimaterieteilchen ist zugleich ein zeitlich rückwärts laufendes Teilchen. Es gibt den sog. Spin und einen Antispin. Demnach gibt es also ansich gar keinen feststellbaren Unterschied zwischen diesem und einem möglichen Antiuniversum, nur dürfen sie sich eben nicht begegnen, da das zur gegenseitigen Auflösung führen müßte. Das erinnert auffällig an das Yin-und-Yang-Thema und deutet darauf hin, daß sich die ganze Welt aus kongruenten Gegensätzen aufgespalten hat und daß demnach die Summe der Welt = 0 wäre, als Aufspaltung aus dem kosmischen All-Einen gemäß der neuplatonischen Philosophie.

 

Eine abgründige Philosophie

Welche abgründigen Konsequenzen aus dieser Verkehrung folgen, erörtern wir in unserem Essay 'Spiegelwelt'.

Umberto Eco versuchte das Spiegel-Problem psychologisch zu erklären, andere versuchen es immer noch physikalisch, aber reicht das aus? Das Problem erscheint noch abgründiger, denn es ist ja offensichtlich, daß in einem Spiegelbild nur rechts und links, aber nicht oben und unten vertauscht werden, und an dieser merkwürdigen Diskrepanz ändern auch alle noch so gut gemeinten physikalisch bzw. optisch logischen Erklärungsversuche nichts. Entgegen dem allerdings sehr leicht optisch erklärbaren Umkehrbild auf der Rückseite einer Plattenkamera ist hier eben nur eine Dimension vertauscht und nicht zwei, und daraus folgt, daß dieses Bild keineswegs identisch mit dem ursprünglichen ist. Man kann es nämlich im Gegensatz zu dem Plattenkamerabild nicht wieder richtig drehen. Mit anderen Worten: Das Spiegelbild gehört zu einer anderen irrealen Welt, die grundsätzlich von der unserigen getrennt ist.

Nun könnte man versuchen, das hilfsweise mit der Unveränderbarkeit der Vertikale zu erklären. Aber abgesehen davon, daß diese Erklärung auch noch unbefriedigend ist, erhebt sich dabei die Frage, ob es sich um die Vertikale des "äußeren" Raumes oder um die unseres Körpers handelt. Das läßt sich dadurch klären, daß man beide gegenseitig verdreht, sodaß sie sich dann nicht mehr überlagern - etwa wenn wir uns dazu ins Bett und dabei den Spiegel vor uns legen. Dann stellen wir fest, daß auch dann unsere rechte und linke Körperseite weiterhin vertauscht ist, aber unser Spiegel-Kopf immer noch unserem realen Kopf gegenüber liegt Das Bett-Beispiel zeigt uns also, daß es sich zweifellos um unsere Körper-Vertikale handelt, die ans Standard bestehen bleibt, und nicht die räumliche. Stattdessen bleibt weiterhin unser Rechts und Links vertauscht, wie immer wir uns auch drehen - und das bliebe sicher auch so in einem Raumschiff, in dem die Gravitation aufgehoben wäre. Aber was für Abgründe eröffnet das? Es ist keine subjektiv-psychologische, sondern irgendwie sehr objektiv unabwendbar gegebene Perspektive, die gewissermaßen physikalisch zu sein scheint, aber dennoch die Grenzen der Physik sprengt!

 


 

 

 

 

Fußnoten


1 Zitat nach Katharina Lramer: Daniel Haun, Kognitionspsychologe am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (siehe Weblinks).
2 Sog. agnostische Rechts-links-Störung infolge einer Schädigung der unteren Scheitellappenwindung am Übergang zur mittleren Okzipitalwindung der dominanten Großhirnhemisphäre.
3 (Zitat: Katharina Kramer in Bild der Wissenschaft online, Kultur und Gesellschaft, Ausgabe 7/2010 – siehe Weblinks:  http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php/?object_id=32293103.)
4 Daniel Haun. Zitat Kathariner Kramer in Bild der Wissenschaft online.
5 Dazu gibt es ein bekanntes Stück von Duke Ellington: Hayfoot, Strawfoot. Sowie einen gleichnamigen Weltkrieg I-Film aus dem Jahr 1919,
6  Immanuel Kant: Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume.,1768.
 

 

Der Bezugsrahmen

 

 

Ein Bezugsrahmen (Umgebung, Kulisse, Norm, Voraussetzung, Kontext, Paradigma, Hintergrund, Zusammenhang, Konnex, Nexus) kennzeichnet den Sinnzusammenhang, in dem eine einzelne Sache verständlich wird und ohne den sie gar nicht vorstellbar ist.

 

 

 

Allgemeine Bedeutung

Wir sind weitgehend von der Vorstellung bestimmt, daß unsere Welt aus nur für sich verständlichen Einzeldingen besteht. Tatsächlich ist aber alles immer nur ein jeweils besonderer Aspekt eines alles übergreifenden Ganzen. Der in diesem Zusammenhang wichtige Begriff des Bezugsrahmens entspricht somit einer ‚ganzheitlichen’ Betrachtungsweise. Jedes vermeintliche Einzelding steht vor einer Kulisse, einem Hintergrund, beziehungsweise ist nur aus einem bestimmten Zusammenhang verständlich, auf den es bezogen ist. Dieser Zusammenhang wird im allgemeinen unbewußt und unartikuliert vorausgesetzt, ist aber immer in dem Einzelding präsent. Das entspricht auch dem uralten philosophischen Problem des Gegensatzes des Einen und des Vielen, mit dem sich die sog, Neuplatoniker besonders befaßt haben. Diese gingen davon aus, daß es nichts wirklich Vereinzeltes und nur für sich Stehendes gibt, sondern daß jedes Einzelding immer nur ein bestimmter Aspekt des ‚Viel-Einen’ ist, auf das es sich bezieht und das ihm seine besondere Bedeutung gibt.

 

 

Der Bezugsrahmen in der Optik und die Assoziation

Wie sehr jedes vermeintliche Einzelding nur aus dem jeweiligen Bezugsrahmen verständlich ist und – wenn auch zumeist unbewußt – nur verstanden wird, kann uns bereits die physikalische Optik veranschaulichen: wenn wir nämlich den Blick unseres Auges auf ein bestimmtes Objekt fokussieren, erfassen wir aus den Augenwinkeln immer zugleich auch dessen Umgebung mit, die ihm seinen Sinnzusammenhang verleiht. Die Farbe Blau wird so erst verständlich, wenn wir zugleich auch alle anderen Farben zumindest vorstellungsmäßig dazu in Bezug setzen, denn für sich allein wäre sie bloße Monochromie und würde uns nicht eine Vorstellung ihrer besonderen Farbigkeit verleihen. Ebenso ist es mit den anderen Eigenschaften und Gegenständen selbst. Wenn das Auge die Struktur eines Blattes erfaßt, muß der Beobachter wissen, was ein Blatt ist, und das liefern ihm noch nicht einmal nur der räumliche und zeitliche Kontext, sondern es sind dazu auch zurückliegende und jeweils aus der Erfahrung abrufbare Informationen notwendig. Dazu gab es ein interessantes Experiment: Man hatte einer Gruppe von Pygmäen einen Film über die Stadt New York vorgeführt und sie danach gefragt, was sie da gesehen hatten. Und sie alle antworteten übereinstimmend: „Hühner“. Als man daraufhin den Film noch einmal ablaufen ließ, entdeckte man tatsächlich auf einem Hinterhof einige Hühner. Das war das einzige, was die Pygmäen gesehen hatten, weil das das einzige war, was sie kannten. Alles andere konnten sie nicht zuordnen und hatten es deshalb auch einfach nicht gesehen. Es fehlte ihnen dazu jede Assoziationsmöglichkeit.

 

Der Bezugsrahmen als Kontext und Prozeß

Alle Dinge sind stets in einen Kontext eingebunden, die ihnen erst ihre Bedeutung verleihen. Dieser Kontext kann aber nicht nur ein räumliches Koordinatensystem sein, sondern muß auch die zeitliche Dimension einbeziehen. Alles ist Prozeß, und jede Steigerung gewinnt erst aus der prozessualen Dramaturgie ihre Bedeutung. Jedes Einzelereignis bedarf der Interpretation, und die folgt aus einer Gesamtbeurteilung, zu der man nur aus einem größeren Beobachtungsrahmen fähig ist. Es gibt keine Höhepunkte ohne Entwicklung. Nichts ist voraussetzungslos. Es gibt auch keine Einzelbeobachtung ohne eine sie erklärende Theorie. Einzelereignis und Bezugsrahmen stehen somit in einer Wechselwirkung. Nicht nur das Experiment beweist die Theorie, sondern ohne die Theorie bleibt auch das Experiment unverständlich. Kaum ein anderer hat das so anschaulich dargestellt wie der Autor Thomas S. Kuhn, der für den Bezugsrahmen den Begriff ‚Paradigma’ gewählt hat:

 

 

Das Paradigma

Wie entsteht eine wissenschaftliche Erkenntnis? Der Schüler begegnet dem von ihm gewählten Fachgebiet nicht als völlig unbeschriebenes Blatt und in aller Objektivität, sondern er ist ein kompliziertes menschliches Wesen, das durch alle möglichen Nebenumstände beeinflußt ist, bei denen es schon theoretisch größte Schwierigkeiten bereitet, sie von dem zu trennen, was er in späterer Rückschau als die „Sache selbst“ betrachtet, die er da erlernt hat. Der Lernende ist von vornherein geprägt durch seine angeborene Disposition und frühere Erfahrungen, die darüber bestimmen, wie er die Sache einschließlich aller Begleitumstände aufnimmt. So wird etwa sein Verhältnis zu seinem Lehrer wichtig sein, und da er unabhängig von der Sympathiefrage zunächst dessen Autorität akzeptieren muß, wird er auch den Lehrstoff als etwas betrachten, dem er sich als etwas Gegebenes zu nähern hat. Er wird dabei also die ihn bestimmenden Nebenumstände als solche gar nicht wahrnehmen, sondern sie unbewußt seinem scheinbar äußerlichen Ziel zurechnen. So erlernt er im Grunde weniger objektive Einzeldinge, aus denen sich erst danach ein Gesamtbild ergibt, sondern dieses Gesamtbild wird ihm als Denkrahmen durch viele unterbewußte Begleitumstände von vornherein vermittelt und bestimmt als solches erst den Wert des jeweiligen zu erlernenden Einzeldings, das jeweils immer nur ein bestimmter Aspekt des Ganzen ist, von dem er also notwendigerweise ein stets mitwachsendes Verständnis bzw. eine Vermutung haben muß. Thomas Kuhn hat für diesen Denkrahmen den Begriff „Paradigma“ geprägt und ihm eine entscheidende Rolle bei allen wissenschaftlichen Erkenntnisakten zugeschrieben[1]:

Ein offenbar willkürliches Element, das sich aus zufälligen persönlichen und historischen Umständen zusammensetzt, ist immer ein formgebender Bestandteil der Überzeugungen, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft in einer bestimmten Zeit angenommen werden. Dieses Element von Willkür deutet aber nicht darauf hin, daß irgendeine Gruppe von Wissenschaftlern ihren Beruf ohne eine Reihe anerkannter Überzeugungen ausüben könnte.... Zumindest bei ausgereiften Wissenschaften sind Antworten auf solche Fragen (oder vollwertiger Ersatz dafür) fest in das Ausbildungsritual eingebettet, welches die Studierenden auf ihre fachliche Tätigkeit vorbereitet und ihnen die Zulassung dafür erteilt. Weil diese Ausbildung streng und dabei starr ist, vermögen jene Antworten sich tief im wissenschaftlichen Denken zu verankern. Wenn der einzelne Wissenschaftler ein Paradigma als gegeben betrachten kann, braucht er bei seinen Hauptwerken nicht mehr zu versuchen, sein Fachgebiet von den Grundprinzipien aus unter Rechtfertigung jedes neu eingeführten Begriffs neu aufzubauen... Er kann sich also ausschließlich auf die subtilsten und esoterischsten Aspekte der Naturerscheinungen, mit denen sich seine Gruppe befaßt, konzentrieren... Seine Forschungen gehen nicht mehr, wie bisher üblich, in Bücher ein, die sich... an jeden am Thema Interessierten wenden. Sie erscheinen vielmehr in kurzen Artikeln, die sich nur an die Fachkollegen wenden, an diejenigen, bei denen die Kenntnis eines gemeinsamen Paradigmas vorausgesetzt werden kann und die sich als die einzigen erweisen, welche die an sie gerichteten Arbeiten zu lesen vermögen...

 

 

 

Die Umgehung der Problematik durch Axiome

 

Ein Axiom ist besonders in der Naturwissenschaft die Voraussetzung, auf der eine davon abgeleitete Aussage beruht. Allerdings kann über dieses nicht mehr ausgesagt werden als daß es sich um ein „unmittelbar einleuchtendes Prinzip“ handelt. Damit ist es einer weiteren Nachfrage nicht mehr zugänglich. Tatsächlich läßt sich das Axiom auch ganz allgemein als ‚Voraussetzung’ bezeichnen – mit anderen Worten auch als Kontext, Kulisse, Hintergrund, Konnex oder Nexus. Ohne einen derartigen Hintergrund kommt demnach keine konkrete Aussage aus, immer ist in ihr etwas anderes Allgemeineres und Grundsätzlicheres vorausgesetzt, aus dem es abgeleitet wird und das selbst keiner tieferen Nachfrage mehr zugänglich ist und demnach eben ganz allgemein als evident vorausgesetzt werden muß. Es kann zwar nicht weiter bewiesen werden, bedarf aber nach akzeptierter Übereinkunft auch keines weiteren Beweises. Nach heutiger Interpretation versucht man dieser unbefriedigenden Aussage dadurch zu entgehen, daß man nur noch nüchtern konstatiert, daß Axiome ihrerseits nicht mehr von anderen Voraussetzungen abgeleitet sind. Das gilt aber grundsätzlich für jede Kulisse. Das Ereignis selbst ist auf eine jeweilige Kulisse bezogen, die Kulisse aber ist schlicht definitorisch. In kritischer Sicht tritt damit eine bloße Definition an die Stelle einer objektiven Tatsache.

 

 

 

Bezugsrahmen in der Dramaturgie

 

Daß es kein Einzelereignis gibt, das nur aus sich selbst heraus verständlich ist, ist die Grundlage und Voraussetzung der Dramaturgie. Es gibt keinen Helden ansich, sondern jeder Held wird erst vor dem Hintergrund seiner Geschichte, seines speziellen Heldenepos verständlich, in die oder das er eingebunden ist. Der Dramatiker sieht sich demnach genötigt, dieses in einer raumzeitlichen Entwicklung darzustellen, und er verwendet dazu besonders bewährte dramaturgische Mittel. Jedes Ding, jeder Charakter, wird erst durch seinen Gegenpol wirklich verständlich, und ebenso wie es kein Licht ohne Dunkel, kein Gut ohne Böse gibt, gibt es auch keinen Helden ohne den Bösewicht, der zu seinem Gegenpart wird. Auch dabei ergibt sich das Drama aber nicht aus einer einzelnen momentanen Konfrontation, sondern aus einer bestimmten zeitlichen Entwicklung, die sich als Prozeß bezeichnen läßt. Ebenso läßt sich der Charakter eines Menschen erst in seiner prozessualen Entfaltung erkennen. Um etwa zu wissen, wie charakterfest ein anderer Mensch ist, muß ich mich auf ein gemeinsames Abenteuer mit ihm einlassen, das uns beide auch an den Rand unserer Existenz bringen kann. Lohengrin benötigt als Gegenpart den Telramund, und Faust benötigt den Versucher Mephisto.  Üblicherweise ist der Aufbau eines Dramas so, daß es aus mehreren Akten besteht und daß dabei im ersten Akt zunächst die Voraussetzungen dargestellt werden, die zum Verständnis der weiteren Entwicklung nötig sind, während es im zweiten Akt zum dramatischen Höhepunkt des Konfliktes kommt und im dritten Akt dem Zuschauer Gelegenheit gegeben wird, alles aus einer abschließenden höheren Perspektive zu sehen. Alle dieses Akte sind aber zum Gesamtverständnis nötig, und das zeigt ganz nebenbei, daß sich alle so vermeintlich konkreten ‚Außendinge’ erst im intelligibelen Bereich entfalten. Mit anderen Worten: Eine Welt außerhalb einer sie interpretierenden Erkenntnis gibt es nicht.

 


[1] Zitat aus T.S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen..

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