KULTUR UND RELIGION

 

 

Wäre ich schon ein Seiltänzer, wenn ich mich auf ein Seil wagte, um ein anderes Ufer zu erreichen, das ich erreichen muß und anders nicht erreichen kann - oder wäre ich andererseits keiner, wenn ich dieses nicht aus Profession, sondern lediglich aus innerer Notwendigkeit täte?

 

 

 

 

Kultur 1

 

 

Dieser Bereich umfaßt die Unterbereiche Allgemeine Kulturkritik und Religion.

Da die Zahl unserer diesen Bereichen zuzuordnenden Beiträge noch nicht groß genug ist, haben wir sie hier zusammengefaßt. Diese Untergliederung ist allerdings nur provisorisch und kann später anders aufgegliedert werden.

Verfasserhinweise im Redaktionswegweiser

 

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Die Berater

Guter Rat ist, wie das Sprichwort sagt, teuer. Was ist aber, wenn eine Gesellschaft noch nicht einmal mehr weiß, aus welcher Richtung ihr guter Rat zukommen kann? Dann läßt sie oder lassen sich ihre Verantwortlichen auch in dieser Hinsicht beraten und orientieren sich dabei, da sie keine anderen Maßstäbe mehr haben, nur noch am Preis: guter Rat ist dann eben, was teuer ist, und was nichts kostet, wie etwa eigenes Nachdenken, kann auch nichts sein. Eigenes Nachdenken ist ‚unmodern‘ geworden, weil sich dessen Ergebnisse nicht belegen lassen.

Der aktuelle Weg zur Wahrheit

Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, daß der Universitätsbetrieb immer zur Scholastik neigt. Wenn es aber so ist, dann sind Universitäten ggf. nur der Ort zur Ausbildung von Wissenschaftlern, aber nicht von Philosophen. Hier können dann eben nur Philosophiehistoriker und -lehrer ausgebildet werden, doch Philosophen müssen sich einen anderen Weg suchen. Aber welchen?

Der moderne Kunstbetrieb

Ist Kunst Kunst, weil sie Kunst ist? Darüber mögen sich die Philosophen streiten und werden möglicherweise so lange nicht zu einem Ergebnis kommen, wie sie sich nur auf den objektiven Aspekt des Themas beziehen. Anders sieht es aber beim subjektiven Aspekt aus: denn wenn wir schon sagen müßten, daß alle Kunstbewertung letztlich subjektiv ist, so gibt es doch recht objektive Unterscheidungsmöglichkeiten hinsichtlich der verschiedenen Motive unter den - echten oder vermeintlichen - Kunstliebhabern. Und das ist inzwischen sehr entscheidend für das, was uns offiziell als Kunst vorgestellt wird.

Wie etabliert man sich als Künstler?

Unsere obigen Betrachtungen führen zu einigen etwas ernüchternden Konsequenzen für den jungen praktizierenden Künstler. Früher war doch nur mit biedermeierlicher Kunst ein Geschäft zu machen, die in den Schaufenstern der Innenstadt einem Laufpublikum zum unmittelbaren Erwerb angeboten wurde, aber jetzt ist offensichtlich auch sog. avantgardistische Kunst ein Geschäft geworden. Anders läßt sich die Vielzahl der Galerien nicht erklären, die eine solche Kunst anbieten, denn irgendwie - so sollte man meinen - müssen ja alle davon leben. Auf nähere Sicht aber gibt es sehr unterschiedliche Methoden, nach denen die Galerien auf ihre Kosten kommen.

Die historische Rolle des Protestantismus

(Dieser Artikel ist derzeitig sehr aktuell, weil er auch etwas zur Identität des neuen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck beiträgt, bei dem man es als ehemaligem protestantischen Pfarrer für selbstverständlich hält, daß ihm die soziale Frage wichtig sei.) Ein paradoxer Umstand liegt darin, daß der europäische Kapitalismus seine äußerste Entwicklungsphase keineswegs durch einen neuen Impuls in Richtung auf Äußerlichkeit und Verweltlichung, sondern eher in Richtung auf Weltabkehr einleitete. Und zwar vollzog sich das durch den Einfluß des Protestantismus. Daß dieser letztlich den Kapitalismus gefördert hat, ist durchaus keine neue Erkenntnis, sie bedarf aber doch immer wieder der theoretischen Erklärung, weil sie unsere landläufige Ethik auf den Kopf stellt.

Lohengrin-Leserbrief

Offenbar gibt es bei den heutigen Operniszenierungen ein grundsätzliches Mißverständnis – nämlich, daß sie in jedem Fall originell sein sollten. Wenn diese Auffassung sich auch auf die musikalische Darbietung erstreckte, würde uns bald nicht nur das Sehen, sondern auch noch das Hören vergehen. Selbstverständlich hat auch jeder Dirigent, Instrumentalist oder Sänger sein persönliches Temperament und seine persönliche Auffassung von dem optimalen Ausdruck, aber das geht doch nicht so weit, daß man ihm originelle Ein- bzw. Ausfälle gestattet, wie man sie nur von Musikalclowns erwartet. Offensichtlich griff hier eine äußerst dumme Mode um sich, die die Frage aufwirft, ob der (etablierte) Mensch eher ein Herdentier oder immer noch ein selbstbestimmtes Wesen ist. Das hat ernste Konsequenzen für unseren Kulturbetrieb: Läuft Etablierung auf Vermassung hinaus?

Die Bedeutung des Geschichtsbewußtseins

Wie wichtig das historische Bewußtsein in den Köpfen der zivilisationsgestaltenden Individuen ist und wie sehr beide zueinander rückgekoppelt sind, zeigt sich besonders dann, wenn es offensichtlich fehlt. Ein streitbares Thema dazu ist der Neubau des Berliner Stadtschlosses, zu dem wir vielleicht eine etwas 'aristokratisch' anmutende Einstellung haben. Dieses Thema wird übrigens im Zusammenhang mit der Euro-Krise wieder aktuell, weil es etwas zur nationalstaatlichen Identität wie auch zu deren Entstehung sagt.

Ein Ausweg aus der Euro-Krise?

Überall schießen derzeit neue Gruppierungen wie Pilze aus dem Boden. Eine davon ist die sog. 'Partei der Vernunft', zu der auch die bekannte politische Agitatorin Vera Lengsfeld gehört. Unser Interview mit ihr offenbart ihre ganz eigenen und verblüffend neuen Ideen zur Lösung der Krise.

Buddhismus

Aus einer zur Introversion neigenden Philosophie ist die buddhistische Lehre entstanden. Der eigentliche Buddha - Gautama, ca. 56o-48o v.Chr. - war nur der Verkünder der Heilslehre, also eigentlich noch nicht einmal das, was wir uns unter einem Propheten vorstellen, da er nicht von einem Gott kündete. Gewissermaßen aus der inneren Not der Gläubigen, die etwas Handfestes benötigten, an das sich ihr Glaube binden konnte, machten sie ihn selbst zum Gott.

Die Verkirchlichung der Religion

Es gibt einen ausgesprochenen Gegensatz von Kirche und Religion, der einem universalen Thema entspricht, das wir schon aus dem Bereich der Biologie bei der Organisation von Zellstrukturen kennen: Es ist der Gegensatz von Konzentration und Dekonzentration. Offensichtlich handelt es sich hierbei um eine fundamentale Polarität. Durch Konzentration latenter Strukturen wird eine reale Macht aufgebaut, während gleichzeitig die Randbereiche entsprechend ausgedünnt werden. Dieser Gegensatz tritt auch in der Wirtschaft und in der Politik in Erscheinung, wo er als Gegensatz zwischen Oligarchie und Demokratie bzw. als Gegensatz zwischen dem rechten und linken Flügel des Parlaments bekannt ist. Das geht zurück auf die Sitzordnung in der französischen Nationalversammlung von 1789. Aber wir sollten das eigentliche Prinzip sehen, das dabei wirksam ist.

Gesammelte Dummheiten

Eine noch relativ neue Rubrik. -- Man sollte es nicht für möglich halten, aber jetzt ist es amtlich: Zuerst war das Huhn da und erst dann das Ei ..., Neues von unserem Fernsehphilosophen Peter Sloterdijk usw.: ...   Aktuelle Nachrichten zu Äußerungen oder Handlungen prominenter Persönlichkeiten oder über "paradigmatische" Strukturen, die offenbar typisch für die Ratlosigkeit unserer Gesellschaft sind. Gerne nehmen wir dazu noch weitere Vorschläge an.

Der Melancholiker als Grundtypus des Philosophen

Der Melancholiker ist gemäß der traditionellen Zuordnung eines der vier Haupttemperamente des Menschen. Er ist ein sehr interessantes Thema in der Kulturgeschichte und auch in gewisser Weise identisch mit dem Bild des Philosophen schlechthin, wie er auf unserer Frontseite abgebildet ist. Als Grundtyp ist er ein wesentlicher Kulturträger.

Kunstmenschen

Mit der Herstellung seines Ebenbildes stellt sich der Mensch in gewisser Hinsicht selbst an Gottes Stelle und wird dadurch zu einem Prometheus. Wenn er sich gar anmaßt, in das menschliche Genom einzugreifen und dieses zu manipulieren, wird die Frage der Legitimation und der Folgen in moralischer und faktischer Hinsicht zu einem ethischen Grundproblem. Am Ende wird der Zauberlehrling die Geister, die er rief, nicht mehr los, so sehr er das dann auch wünschen würde. Aber die Frage nach den grundsätzlichen Grenzen ist immer eine Frage des fundamentalen ethischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft und ihrer tieferen Identität.

Die Suche nach dem Orient

Was bedeutet das Wort Orientierung ?

Ist der Fanatismus umlenkbar?

Diese Frage erscheint sehr aktuell - besonders wenn man an die verschiedenen Formen des religiösen Fanatismus denkt, die auf Seiten aller Religionen anzutreffen sind und insofern eher eine Eigenschaft des Temperaments als des jeweiligen Inhaltes zu sein scheinen. Aber auch in einigen anderen Diskussionen stellt sie sich, besonders in der gegenwärtigen Anti-Raucher-Kampagne. Obwohl wir die grundsätzliche Berechtigung für eine Eindämmung des öffentlichen Rauchens nicht bestreiten wollen, können wir angesichts der Art und Weise, wie sich die Rauchergegner präsentieren, doch der Versuchung nicht widerstehen, hier eine bewußt polemische Frage zu stellen: Könnte man deren Fanatismus, sein inhärentes Potential, der bzw. das sich da zeigt, nicht auch auf viel lohnendere Ziele ansetzen? -- Doch, doch!: Die gibt es durchaus!

 

 

 
 

 

 

 

 

Ist der Fanatismus umlenkbar?

 

Diese interessante und höchst aktuelle Frage stellt sich einem ganz unwillkürlich, wenn man sich an bestimmten Diskussionen beteiligt oder sie beobachtet. Sie erscheint etwa im Zusammenhang folgender speziellerer Frage:

 

Ist die Antiraucher-Kampagne nicht völlig überzogen?

 

Der Fragesteller erläuterte seine Frage nämlich so:

Ich bin weder Raucher noch Nichtraucher, da ich einer gelegentlichen guten Zigarre nicht abgeneigt bin, und insofern sehe ich mich in dieser Frage als neutral. Einerseits erscheint sie mir teilweise berechtigt und sinnvoll, andererseits habe ich aber den Eindruck, daß hier alle möglichen Fanatiker aus ihren Löchern gekommen sind, die der Sache nicht gerade förderlich sind.

 

Ein Raucher sagte dazu:

  • Ich bin leidenschaftlicher Raucher. Diese Antiraucher-Kampagne ist ein Eingriff in die Persönlichkeit. Ich könnte wohl bis morgen schreiben. Höre daher lieber auf. Total überzogen!!!!!!!

Und der Fragesteller kommentierte das wiederum so:

  • Nun, es gibt etwas, was uns unterscheidet, und etwas, das uns verbindet. Was uns unterscheidet, ist die Tatsache, daß ich kein leidenschaftlicher, sondern gewissermaßen nur ein Gelegenheitsraucher bin. Insofern sehe ich mich etwas neutraler, was die Sache selbst angeht, aber vielleicht bin ich in der überzogenen Diskussion deshalb bereits eine Ausnahme. Ich könnte ggf. nämlich auch leicht ganz darauf verzichten, und darum geht es mir deshalb auch gar nicht, sondern es geht mir eher um die Art und Weise des Miteinander-Umgehens, also letztlich um die Kommunikationskultur, wenn man so will. Was uns nämlich eint, ist die Tatsache, daß ich die Anti-Raucher-Kampagne für völlig überzogen halte.  Ich denke da an ihre überzogenen Forderungen. Teils finde ich an der Kampagne durchaus Sinnvolles, wenn es nicht andererseits kaum noch nachvollziehbar wäre. Da wird etwa versucht, den Menschen das Rauchen selbst in ihren eigenen Autos zu verbieten - oder auf den Decks von Schiffen - oder generell in allen Kneipen, obwohl man es den Kneipiers selbst überlassen könnte, draußen dranzuschreiben, ob es sich um eine Raucher- oder Nichtraucherkneipe handelt und man so den Gästen ihre eigene Wahl ließe. Ich dachte deshalb, daß man gut zwei Drittel dieser Fanatiker auf viel wichtigere und sinnvollere Ziele ansetzen könnte.

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Noch interessanter und aufschlußreicher wurde es aber, als ein Antiraucher die Eingangsfrage beantwortete - nämlich so:

Nein, sie ist nicht überzogen, wenn man versucht, nicht an Lungenkrebs oder COPD zu erkranken, weil - wie noch vor einigen Jahren - alle Bürokollegen paffen, weil man im Restaurant Tagliatelle mit Nikotingeschmack, im Kaffeehaus Schwarzwälder-Kirsch mit Marlboro-Geruch oder auf der Parkbank "Kunstnebel á la 2. Weltkrieg" aufgetischt bekommt. Um meinethalben kann jeder rauchen, so viel und so oft er will, solange er sich dazu in einen hermetisch abgeschlossenen Raum begibt.

Daraufhin fragte ihn der Eingangsfrager näher:

Aber sind nicht auch die Schiffsdecks mit solchen hermetischen Räumen vergleichbar, wenn der Rauch beim besten Willen keinen anderen erreicht? Und wäre es nicht sinnvoll und auch durchaus rücksichtsvoller, die Entscheidung jedem selbst zu überlassen, ob er sich als aktiver oder auch passiver Raucher schädigen will - wie es etwa dann der Fall wäre, wenn man es jedem Kneipenwirt überlassen würde, an seine Kneipe zu schreiben, ob es sich um eine Raucher- oder Nichtraucher-Kneipe handelt, woraufhin es dann eben der Gästen vorbehalten bliebe, sich zu entscheiden?

Woraufhin der Antiraucher erläuterte:

Wie bitte, sollte man das machen, wenn man beispielsweise in einem Büro arbeitet? Kündigen, weil die Kollegen im Großraumbüro rauchen? Die Kneipenregelung funktioniert ja schon - obwohl es manchmal wirklich so ist, jedenfalls in Italien, wo die meisten dann vor dem Restaurant in einer "Rauchergruppe" stehen, daß man einfach durch "die braune Mauer" muß, wenn man ins Lokal will..... Und daß ich meine zitierte Torte lieber ohne Marlboro-Geschmack möchte, sollte man auch verstehen, oder?- Ich finde es nicht als "rücksichtsvoll", wenn ich mich "opfern" soll, an Asthma zu erkranken, nur damit einige "Fanatiker" weiter ihre Schachtel Zigaretten am Tag rauchen können.....

Daraufhin antwortete der Eingangsfrager:

Nein, du umgehst meine Frage sehr bewußt. Denn ich hatte ja nicht von dem Büro gesprochen, in dem eine Nichtrauchervorschrift nachvollziehbar wäre, sondern von ganz anderen Fällen. Und ich sprach auch sehr deutlich von unterschiedlichen Kneipen und nicht von gemischten mit Raucher-Sondergruppen. Und von einer Torte mit Marlboro-Gerschmack habe ich noch nichts gehört und würde die auch ablehnen. Oder meinst du etwa eine Torte, die in einer Raucherkneipe gestanden hat? Das würde ich auch für widernatürlich und einer sauberen Konditorei nicht für würdig halten und schon deshalb ebenfalls ablehnen. Und von Raucherfanatikern habe ich auch noch nicht viel vernommen. Wie gesagt: Ich sehe mich insofern als durchaus neutral und nehme dennoch die Fanatiker eher unter den Nichtrauchern wahr. Die wollen auch einfach nicht diskutieren, sondern nur ihre Sicht der Dinge durchsetzen. Wenn du nicht zu denen gehörst, könntest du mir ja auch sachlicher antworten.

Woraufhin der Antiraucher sagte:

Von "sehr deutlich" habe ich bei deiner Frage nichts bemerkt, oder meinst du diesen Satz: Ich bin weder Raucher noch Nichtraucher. Bei meiner eigenen Gesundheit und Lebensqualität hört bei mir "Sachlichkeit" generell auf. Gegen den "Duft der großen, weiten Welt" konnte man jahrzehntelang nichts machen, wenn die Kuchentheke direkt vor den Tischen stand, bei denen gequalmt wurde, dies hat weder mit "Sauberkeit" noch mit "Natürlichkeit" zu tun, und keinem Büroangestellten wurde früher- soviel mir bekannt ist, jemals gesagt: wollen Sie im Raucher-Großraumbüro oder im "Nichtraucher-Großraum-Büro" sitzen. Nicht mal bei der Bahn war man dem Gestank aus dem danebenliegenden Raucherabteil gefeit!... Das ist die "SACHE"!

Dazu der Eingangsfrager:

Könntest du dich nicht doch noch zu einem Diskussionsstil durchringen, wie er unter intelligenten Menschen eigentlich als selbstverständlich gelten müßte? Allerdings bestätigst du damit genau den Gesamteindruck, den ich von den fanatisierten Antirauchern habe. Ich habe nämlich ganz ausdrücklich gerade nicht von den Situationen gesprochen, in denen du deine Gesundheit als gefährdet sehen könntest. Und wenn du schon so weit gehst, an deiner geliebten Kuchentheke Raucherqualm zu vermuten und in deine Kuchen eingedrungen zu sehen: ach - du liebe Prinzessin auf der Erbse! -: ich verstehe allerdings weder vom Rauchen noch von Kuchen so viel, um das beurteilen zu können, vermute aber, daß unter den gleichen Voraussetzungen auch sonstige menschliche Ausdünstungen in diese Kuchen eingedrungen sein müßten und daß so dein Ekel an den Mitmeschen ganz generell sein wird (denke doch nur daran, was die alles zuvor angefaßt haben könnten, wenn sie dir die Hand geben usw.). Ich sprach allerdings auch hier von Konditoreien, die es nicht nur den Rauchern, sondern auch anderen verwehren, sich in die noch unverkauften Kuchen hineinzudünsten.

Meinst du nicht auch, daß es viel lohnendere und sinnvollere Ziele gibt, gegen die man dringend etwas unternehmen müßte - etwa nur beispielsweise gegen die Autobahnraserei. Diese ist ja (sarkastisch formuliert) mindestens ebenso ungesund, außerdem auch umweltschädlich in mehrfacher Hinsicht und außerdem im Gegensatz zur Raucherei auch noch kulturmindernd. Während das Rauchverbot in der überzogenen Form wie jetzt vorgeschlagen die Kneipen- und Kommunikationskultur mindert und letztlich dazu führt, daß die Menschen sich völlig an ihre heimischen Fernseher zurückziehen, während andererseits das Rauchen nach der Aussage vieler Kreativer die Kreativität fördert, empfinde ich es selbst zumindest so, wenn ich etwa aus Frankreich oder Holland komme, wo das Fahren als friedlich, selbstverständlich und gemeinschaftlich erscheint, und wenn ich dann wieder in Deutschland bin, daß ich in ein Land kulturloser Barbaren geraten bin, wo einer den anderen wegdrängen möchte und eine Atmosphäre latenter Drohung und Gewalt in der Luft liegt, die einer modernen Gesellschaft durchaus unwürdig ist.

Das wäre doch wohl ein viel wichtigeres Ziel - oder? Aber der Unterschied ist der, daß die Autolobby eben viel mächtiger ist als die Tabaklobby und daß der Staat (zumindest hier) viel mehr daran verdient als nur an der Tabaksteuer - während die Fanatiker hier lediglich noch unaktiviert sind und wohl erst dann aus ihren Löchern kommen, wenn sie sich in der Deckung der anderen wähnen.

 

Istanbul 019 Kontrastiert

Die Rechte für dieses Bild (Originalformat: 145x90 cm) liegen ausschließlich bei uns. Es kann über unseren Verlag auch als Poster in etwas kleinerem Format bestellt werden.

 

Das Tor zum Orient

 

Die Suche nach dem Orient ist ein Thema, das nach C.G. Jung bereits im kollektiven Unbewußten vorgegeben ist und archetypisch weitgehend identisch mit der Suche nach dem Gral bzw. der Suche nach einer höheren Wahrheit oder Realität ist. Von daher erklärt sich auch die Bedeutung unseres Wortes Orientierung, und es ist vielleicht nicht ganz abwegig, daß sich aus diesem Urmotiv auch der Drang der Kreuzfahrer ins „Morgenland“ erklärte. So ist es auch zu erklären, daß (nicht nur) alle christlichen Kirchen nach Osten ausgerichtet sind. Im Osten geht die Sonne auf, und dort steht auch der Priester an seinem Altar, dem die Gemeinde im Westen gegenübersteht. Die liturgische Ordnung ist darin so streng, daß Karl der Große seine Aachener Pfalz danach ausrichten ließ, obwohl er dadurch den ganzen ursprünglichen römischen Siedlungsplan umwerfen mußte. So steht die Pfalz mit sämtlichen Nebengebäuden quer zu dem römischen Raster, das ansich viel besser zu den örtlichen Gegebenheiten des Geländes paßte. Auch die Kaaba in Mekka ist so ausgerichtet: das eigentliche Heiligtum, der Schwarze Stein, befindet sich am Ostpunkt. Die Kaaba (wie auch der Stein) ist übrigens älter als der Islam und diente zuvor als Ausrichtungsfläche für die vier Himmelsrichtungen! Im persischen Sufismus hat das Wort Orientierung im Sinne einer zum Ostpunkt ausgerichteten mystischen Einstellung eine ganz besondere Bedeutung. Es ist auch dort die „Suche nach dem Orient“ - allerdings ebenfalls nicht nach einem geographischen, sondern nach einem geistigen. Eigentlich dient diese Suche aber nicht einer horizontalen, sondern einer vertikalen Ausrichtung, d.h. der geistige Zenith wird hier in den Ostpunkt projiziert und also insofern mit diesem gleichgesetzt, als der Zenith sich irdisch nur in ihm manifestiert. Indem wir uns in diese Richtung ausrichten, richten wir unseren Geist auf das Göttliche über uns. In der Astrologie entspricht der Ostpunkt übrigens dem Aszendenten des Horoskops, also dem Ausgangspunkt aller Dinge.

Die Suche nach dem Orient führt aus der Sicht der zumindest heute eher materiell ausgerichteten Europäer durch das Tor zum Orient, also geographisch durch Istanbul, das entsprechend benannt ist. In dem Bild ist diese Suche auf die Blaue Moschee (Sultan-Ahmet-Moschee) ausgerichtet. Daß diese sich ansich noch auf der europäischen Seite der Stadt befindet und sich der Weg insofern umkehrt, wird dabei ignoriert. Es geht ja um einen geistigen Weg, der sich auch über geographische Tatsachen hinwegsetzt.  Für diesen geistigen Weg gibt es keine Abkürzung, und jede technische Erleichterung wäre Selbstbetrug. Das junge Paar hat demnach seinen Motorroller abgestellt und geht seinen Weg zu Fuß weiter. Mit diesem Fahrzeug ist auch das Schild verbunden, das es wie seine Benutzer zu einer bloßen Nummer in einer kollektiven bürgerlichen Gesellschaft macht, und indem das alles abgestellt wird, werden die Menschen wieder persönlich und unverwechselbar: sie stehen als Monaden pars pro toto für das Ganze. Aber das, was wir nun üblicherweise auf Fotografien als das Goldene Horn oder den Bosporus unserem Blick vorgelagert sehen, ist hier nur noch als weißer Nebel zu erkennen, und die Besucher auf der Promenade erscheinen nun wie Adepten auf einer Suche, zu der sie möglicherweise noch nicht genügend vorbereitet sind. Der Weg ist das Ziel, heißt es ja, aber gerade dieser Weg ist der schwerste.

Zugleich aber stellt sich in dem Bild unsere vertraute Welt in voller Diesseitigkeit dar. Der Autor berichtet dazu:

Ich hatte einen Traum, in dem mir ein höheres Wesen die Frage stellte, ob das Leben meiner Meinuing nach sinnvoll sei. Und als ich diese Frage zögernd bejahte, fragte es nach meiner Begründung dazu. Und ich antwortete dieses Mal ganz spontan: "Weil es Bier gibt." Als ich allerdings angesichts der mir noch im Traum erscheinenden zu großen Banalität dieser Antwort vor Schreck aufwachte und darüber nachdachte, erschien mir diese Antwort dann keineswegs mehr so banal. Es war für mich der Inbegrff der Lebensbejahung - der Freude am Leben in voller Diesseitigkeit, zu deren Zweck mir das Universum letztlich geschaffen zu sein scheint.

Die Seele findet im Diesseits einen offenbar nur ihr vorbehaltenen Anker; sie ist nicht verloren: gerade die Seele des Suchers findet dort immer einen verläßlichen Rückhalt. Allerdings ist das Restaurant noch ohne sonstige Gäste, und die Kellner stehen noch in Wartestellung. Sie sind gewissermaßen nur für Dich da, denn diese Welt hat auch einen weitgehend solipsistischen Charakter. Alles in ihr hat aber sein Spiegelbild, denn diese Welt ist aus dem Prinzip des Yin und Yang in allen ihren Teilen aus dem entstanden, das - wie es Mephisto in Goethes Faust sagt - „anfangs alles war“.

 
 
 
 
 
 
 

Kunstmenschen

Ein spezieller und aktueller Disput zum Thema 'Präimplatationsdignostik', das uns an anderer Stelle in einen heftigen Streit mit einem in diversen Fernseh-Foren sehr präsenten Philosophen geführt hat, hat uns veranlaßt, uns hier einmal einen etwas generelleren Überblick zu diesem Thema zu verschaffen. Vorerst ist es allerdings auch noch nicht mehr, aber vielleicht werden wir das später noch weiter vertiefen.

 

 

Mit der Herstellung seines Ebenbildes stellt sich der Mensch in gewisser Hinsicht selbst an Gottes Stelle und wird dadurch zu einem Prometheus. Wenn er sich gar anmaßt, in das menschliche Genom einzugreifen und dieses zu manipulieren, wird die Frage der Legitimation und der Folgen in moralischer und faktischer Hinsicht zu einem ethischen Grundproblem. Es wäre nämlich naiv, zu glauben, daß die erprobten Möglichkeiten nicht später auch in einer Weise ausgenutzt werden könnten, an die die Pioniere einer solchen Technik noch gar nicht gedacht haben. Die wenigsten Genetiker haben wohl von vornherein an die Mißbrauchsmöglichkeiten gedacht, die etwa der Monsanto-Konzern in die Realität umsetzt. An bestimmte Zustände gewöhnt man sich und wird dadurch immer bedenkenloser. Wenn man da also keine ganz grundsätzlichen Grenzen setzt, wird deren Definition zu einer jeweils persönlichen Frage und damit mehr und mehr beliebig. Am Ende wird der Zauberlehrling die Geister, die er rief, nicht mehr los, so sehr er das dann auch wünschen würde. Aber die Frage nach den grundsätzlichen Grenzen ist immer eiine Frage des fundamentalen ethischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft und ihrer tieferen Identität.

 

Ein Kunstmensch ist ein menschenähnliches Produkt, das im normalen biologischen Sinn nicht natürlich ist. Seine Künstlichkeit kann dadurch bedingt sein, daß er mit technischen Mitteln hergestellt wurde, um einen normalen Menschen zu simulieren oder daß er auf eine nicht-normale, aber dennoch biologische Weise hergestellt wurde. Die Herstellung von Kunstmenschen ist offenbar ein typisches Kennzeichen und Begleitthema der Moderne - des prometheischen Zeitalters, in dem der Mensch sich in eine Situation versetzt sieht, in der er mit der Frage konfrontiert wird, mit welcher seiner Handlungen er sich anmaßt, zum Übermenschen zu werden, indem er sich an die Stelle Gottes begibt. Je menschenähnlicher seine von ihm künstlich hergestellten Wesen werden, desto mehr tritt dabei die ethische Problematik in den Vordergrund. Kann es dem Menschen erlaubt sein, die Evolution selbst in seine Hand zu nehmen und z. B. sogar das Genom des Menschen zu manipulieren? Macht er sich damit nicht selbst zum Prometheus? Aber was ist ein Kunstmensch? Es gibt davon verschiedene Formen, die im folgenden aufgelistet werden. Wir stellen diese zunächst (der Essay wird später noch ergänzt) erst kommentarlos vor. Ansich geht daraus bereits die jeweilige Problematik hervor:

 

Retortenmenschen

  • Retortenbaby

Nachdem bereits im Jahre 1996 das erste Schaf ‚Dolly’ erfolgreich künstlich im Labor ge­klont wurde, dauerte es nicht lange, bis einige Wissenschaftler ankündigten, das gleiche auch mit Menschen versuchen zu wollen. Dabei sollte aus der lebenden Zelle eines erwachsenen Menschen ein genetisch identischer Doppelgänger erzeugt werden. Bisher werden solche Versuche aber vor allem aus ethischen Gründen mehrheitlich abgelehnt.

 

Magieprodukte

  • Homunculus

Als sog. Homunculi wurden menschenähnliche Wesen bezeichnet, die angeblich von Alchemisten des Spätmittelalters in ihren Laboren hergestellt wurden. Die dazu notwendigen Rezepturen und Mittel wurden unter dem Begriff ‚Arcanum’ geheimgehalten, wobei dieser Begriff möglicherweise auch als Bezeichnung für die ganze Prozedur oder das Siegel des Geheimnisses selbst galt. Das Homunculus-Motiv wurde auch von Goethe in seinem Faust II. verwendet.

  • Der Golem

Der Golem soll der Legende nach ein von dem Rabbi Löw in Prag etwa zur Zeit des dort residierenden Kaisers Rudolf II. (ca.1600) künstlich aus Lehm hergestelltes Geschöpf gewesen sein. Es sollte blind den Befehlen seines Meisters folgen und war vor allem dazu geschaffen worden, den Juden beizustehen und zu helfen, wenn sie bedrängt wurden.

 

Literarische Formen (Science Fiction)

  • Frankenstein

Frankenstein war der Name eines Romanes, der von der englischen Autorin Mary Shelley im Jahr 1818 veröffentlicht wurde. Es war zugleich der Name der Hauptfigur des Romanes, eines jungen Schweizer Wissenschaftlers, der einen künstlichen Menschen herstellte. Das Besondere an der Herstellungsweise liegt hier darin, daß der Kunstmensch aus verschiedenen Körperteilen Verstorbener chirurgisch zusammengeflickt wurde und am Ende mit enormen Stromstößen zum Leben erweckt wurde. Interessant ist auch der Untertitel des Romans ‚Der moderne Prometheus’, der sich aber nicht auf das künstlich hergestellten Monster, sondern auf dessen Hersteller Frankenstein bezieht, der sich damit ein Recht anmaßt, das bisher nur Gott selbst vorbehalten war.

  • Schöne neue Welt

In dem bekannten Roman von Aldous Huxley aus dem Jahr 1932 wird eine Zukunftsgesellschaft vorgestellt, deren Kinder künstlich in Laborretorten gezüchtet werden. Dabei werden sie schon von vornherein als einer bestimmten Gesellschaftskaste zugehörig vorgesehen, wie es etwa in bestimmten Insektenstaaten der Fall ist. Auch sonst scheint dabei das Modell der Insektenstaaten als Vorbild gedient zu haben, denn um das ideale Funktionieren des Staates zu gewährleisten, soll ihnen von vornherein jede Kritikbedürftigkeit und –fähigkeit genommen werden.

  • Doppelgänger

Ein sog. Doppelgänger ist eine Person, die einer anderen zum Verwechseln ähnelt, jedoch kein Zwilling ist, sodaß die Ähnlichkeit rein zufällig ist. Als solcher war er ursprünglich ein Thema der deutschen romantischen Literatur, dessen bekannteste Version diejenige von E.T.A. Hoffmann ist. Von daher wurde diese deutsche Bezeichnung – ebenso wie die Bezeichnung  ‚Maschinenmensch’ - teilweise auch in andere Sprachen übernommen, hier in die englische, französische, italienische, portugiesische, spanische, chinesische und russische.

  • Maschinenmensch

Die deutsche Bezeichnung ‚Maschinenmensch’ ist selbst im englischen Sprachraum teilweise gebräuchlich für spezielle Science-Fiction-Roboter, wie sie ursprünglich in dem Film ‚Metropolis’ von Fritz Lang vorkamen.

  • Android

Ein Android ist eine Spezialform eines Roboters, der nicht nur bestimmte Funktionen eines Menschen nachahmen, sondern auch gleichzeitig so menschenähnlich aussieht, daß er zumindest auf den ersten Blick nicht von einem echten Menschen zu unterscheiden ist. Besonders der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem hat Androiden zum Thema einiger seiner Romane gemacht.

  • Terminator

Terminator ist der Name eines Science-Fiction-Menschen, der über ähnlich erstaunliche übermenschliche Fähigkeiten verfügt wie Superman, jedoch sichtlich kein organischer Mensch von einem anderen Stern ist, sondern ein cyborgartiges Kunstwesen. Der Schauspieler Reinhold Schwarzenegger hat diesen Typus in mehreren Filmen verkörpert.

 

Technisch hergestellte Kunstmenschen

  • Schachtürke und Automatenpuppen

Der österreichische Mechaniker Wolfgang von Kempelen stellte im Jahre 1769 einen von ihm konstruierten Roboter vor, der als Türke verkleidet war und sehr gut Schach spielen konnte. Es stellte sich allerdings heraus, daß es sich dabei um einen Schwindel handelte, denn unter der Attrappe war tatsächlich ein kleinwüchsiger Mensch versteckt, der die Schachfiguren bewegte.

  • Industrie-Roboter

Als Roboter werden einerseits Maschinen bezeichnet, die in etwa eine menschenähnliche Gestalt haben und im allgemeinen zumindest simple Handlungen vornehmen können, die bestimmte menschentypische Tätigkeiten imitieren, oder aber andererseits zwar nicht unbedingt eine menschenähnliche Gestalt haben, jedoch etwa in einer Fabrik menschliche Tätigkeiten ersetzen, indem sie diese automatisch zumeist billiger, exakter und schneller als normale Menschen ausführen. Im ersten Fall sind sie im Prinzip nur Spielzeuge, im zweiten Fall haben sie eine praktische und technisch vorteilhafte Funktion.

  • Cyborgs und Prothesen

Ein sog. Cyborg ist die Bezeichnung für eine Menschmaschine, halb organisch-biologisch und halb Maschine. Dabei ist die Grenze zu einem üblichen Prothesenträger einerseits und einem Roboter andererseits fließend. Wenn lebenswichtige Organe durch künstliche Teile oder fremde Organe ersetzt werden, ist es unüblich, diese noch als Prothesen zu bezeichnen, und wenn in einem technisch hergestellten Roboter z.B. nur noch ein organisches Gehirn implantiert ist, handelt es sich um einen Extremfall eines Cyborgs.

  • Künstliche Intelligenz

Mit Hilfe computergenerierter künstlicher Intelligenz werden zwar keine künstlichen Menschen hergestellt, jedoch menschliche Tätigkeiten künstlich ersetzt. Da diese „intelligen­ten“ Tätigkeiten ursprünglich nur von Menschen durchgeführt werden konnten und insofern nicht nur als menschentypisch galten, sondern auch als allein den Menschen kennzeichnend angesehen wurden, bringt das das menschliche Selbstverständnis an eine kritische Grenze und wirft vor allem auch die Frage auf, was Intelligenz überhaupt ist. Kann eine vermeintlich intelligente Leistung nur dann als wirklich intelligent bezeichnet werden, wenn sie Fähigkeiten implementiert, über die nur biologische Wesen verfügen ?

 

Virtuelle Menschen

Virtuelle Menschen existieren nicht in der Realwelt, sondern nur als Animationen in speziellen Computerprogrammen, die auf einem Monitor oder Fernsehbildschirm sichtbar werden und ggf. von außen gesteuert werden können. Sie können dabei in alle möglichen Computerwelten geführt werden und dort situationsbedingt auf eine Weise handeln, die in der Realwelt nicht möglich wären. Solche Animationen können reine Spielprogramme zur Unterhaltung sein oder auch realen Zwecken dienen, etwa um bestimmte Szenarios durchzuspielen, die real zu aufwendig oder zu gefährlich wären.

 

  • Lara Croft ist der Name einer Computerspiel-Heldin, eine Art Superfrau, die bereits in den 1960er Jahren erdacht wurde und über besondere körperliche Fähigkeiten verfügt, die diejenige normaler Menschen übertrifft.

 

  • Max Headroom ist der Name eines ebenfalls computergenerierten männlichen Kunstwesens, das in den 1980er Jahren erdacht wurde. Beiden Kunstfiguren ist gemeinsam, daß sie nicht handgreiflich real in Erscheinung treten (es sei denn als davon abgeleitete Modellpuppen), sondern ausschließlich in Computerprogrammen oder Filmen.

 

Die umgekehrte Logik

  • Menschen, die Roboter imitieren (Roboterimitationen)

Besonders beliebt bei Straßenkünstlern ist die Darstellung von Robotermenschen, wobei allerdings hier der Reiz der Vorführung darin liegt, daß es sich dennoch erkennbar um echte Menschen handelt, die aber sehr perfekt die Automatenbewegungen und -gesten eines Kunstwesens imitieren. In der sog. Hiphop-Kultur kam diese Technik auch bei Jungendlichen in Mode und wurde dort zu einer akrobatischen Kunstfertigkeit weiterentwickelt, wobei allerdings vor allen das Bewegungsmoment im Vordergrund steht. Damit unterscheidet sich diese Kunstfertigkeit deutlich von derjenigen der Pantomime, in der ein Mensch dargestellt wird, der vor allem durch seine Mimik und Gestik eine lediglich simulierte Situation darstellt.

Der Melancholiker

 

(Dieser Artikel wurde ursprünglich für Wikipedia geschrieben, dort aber als zu 'essayistisch' abgelehnt. Stattdessen steht dort weiterhin dieser Artikel über das Thema: siehe Link.)

Der Melancholiker (aus gr. melas = schwarz und chole = Galle) ist gemäß der traditionellen Zuordnung eines der vier Haupttemperamente des Menschen. Er ist ein sehr interessantes Thema in der Kulturgeschichte und auch in gewisser Weise identisch mit dem Bild des Philosophen schlechthin, wie er auf unserer Frontseite abgebildet ist.

Ausschnitt

 

Die vier Grundtemperamente

Das melancholische Temperament gilt seit der Antike als eines der vier Grundtemperamente des Menschen. Diese sind wie folgt benannt:

Der Choleriker
Dieser Typus neigt zu Wut und Zorn, erregt und erhitzt sich sehr rasch und reagiert ohne ersichtlichen Grund in gereizter und aggressiver Form. Dauernd stehen ihm die Zornesfalten auf der Stirn. Energiegeladen stürzt er sich mit Feuereifer auf alles, was ihn interessiert, erregt sich dabei aber so stark, daß ihm die „Galle überläuft.“
Der Sanguiniker
  Melancolia  
  Albrecht Dürer: Melancolia  
Dieser Typus hat ein leicht ansprechbares Naturell, ist zumeist heiter und fröhlich gestimmt, geistig sehr beweglich und vielseitig interessiert. Seine optimistische Lebenseinstellung gibt ihm viel Auftrieb und Schwung und läßt ihn unbekümmert an die Dinge herantreten. Er hat den Kopf voller Ideen, weiß überall Bescheid und hält sich für einen patenten Kerl, der allerdings sei-nen Mitmenschen mitunter durch seine Betriebsamkeit und Geschwätzigkeit auf die Nerven geht.
Der Phlegmatiker
Dieser Typus spricht auf alle Reize nur schwer an, ist nicht leicht aus seinem Gleichgewicht und seinem Trott zu bringen, hat also „die Ruhe weg“. Seine Stärke liegt im Verharren; er ist zufrieden mit sich und der Welt, ohne brennenden Ehrgeiz oder hochfliegende Ideen. Von sich aus er-greift er keinerlei Initiative. Aber er ist zuverlässig und ausdauernd, in der Gemeinschaft ein stabiles Element…
Der Melancholiker
Dieser hier im folgenden näher zu beschreibende Typus ist ein empfindsamer Mensch, der zu Schwermut, Grübelei und Pessimismus neigt und sich gern in düsteren Stimmungen ergeht. Er fühlt sich zu allem Mystischen, Okkulten und Uner-gründlichen hingezogen und zieht sich gerne in die Stille zurück, meidet die laute Geselligkeit. Bei näherem Zusehen entdeckt man, daß er ein nachdenklicher und besinnlicher Mensch ist, der ein reiches Innenleben führt und unter Umständen sehr kunst- und musikliebend ist.

Die Geschichte der Ansichten über den Typus des Melancholikers

 

 

  Heraklit  
 

Raffael: Michelangelo/ Heraklit

 
 

Beethoven

 

 

Ludwig van Beethoven

 

 
  2. Kopie Von Der Denker  
 

Auguste Rodin: Der Denker

 

Hippokrates

Hippokrates (ca. 460-370 v.Chr.) gilt als der berühmteste Arzt der Antike und als der eigentliche Vater der Medizin. Es ist deshalb von besonderem Interesse, daß er die Melancholie keineswegs - so wie zu seiner Zeit noch recht allgemein - als Krankheit betrachtete, sondern ganz im Gegenteil als ein Temperament geistig hochstehender Menschen. Das geht zumindest aus seinen ihm indirekt zugeschriebenen Briefen hervor. Bei den sog. Briefen des Hippokrates handelt es sich allerdings nur um eine Sammlung von 24 fälschlich (pseudoepigraphischen) ihm zugeschriebenen Texten, die man insgesamt auch als Briefroman bezeichnen kann und die vermutlich nur einige Jahrzehnte nach seinem Tod entstanden sind. Immerhin geben sie das wieder, was man noch zu ihrer Entstehungszeit ihm zusprechen zu können glaubte. Davon sind für das Thema ‚Melancholie’ besonders die Briefe 10-17 von Interesse, in denen es darum geht, daß Hippokrates von der Stadt Abdera gebeten wurde, ein ärztliches Urteil über ihren Mitbürger Demokrit abzugeben. Demokrit leide, so meinten die Abderiden, an einer merkwürdigen Krankheit, deren Symptome Zerstreutheit, Teilnahmslosigkeit am öffentlichen Leben, wissenschaftliche Beschäftigung mit den Dingen in der Unterwelt, sowie Drang zur Einsamkeit und Unendlichkeit seien. Insgesamt hielt man das für Anzeichen eines Geisteskrankheit. Doch im Laufe seiner Beobachtungen kam Hippokrates zu einem sehr viel differenzierteren Urteil. Ihm fielen vielmehr die positiven Aspekte dieses Zustandes auf. Der Brief 12 enthält konkrete Vermutungen des Hippokrates darüber, daß der Zustand des Demokrit, der bezeichnenderweise gerade an einem Buch über den Wahnsinn schrieb, nicht eine Geistesstörung, sondern eine Art „überragender Kräftezustand der Seele“ sei. Er sah besonders die Fähigkeit des Demokrit zu hoher Konzentration. Da dieser sich weder um Familie und Verwandte, noch um sein Vermögen zu sorgen brauche, so sei er ganz auf sich gestellt und lebe zurückgezogen und einsam. Dabei kam Hippokrates zu dem bemerkenswerten Schluss, dass diese Umstände oft bei dem Temperament der Melancholiker anzutreffen seien, die eben als schweigsam, einzelgängerisch und die Einsamkeit liebend bekannt seien. Alle diese Eigenschaften befähigten sie aber auch zu hoher Konzentration und führten zur Suche nach dem Wesentlichen, und so seien seiner Meinung nach die Melancholiker wesensverwandt mit den geistig überragenden Menschen, die beide nach Ruhe und Abgeschiedenheit suchten. Diese Geschichte ist deshalb interessant, weil in ihr bereits alle Aspekte des Melancholie-Themas enthalten sind - entsprechend der auch noch den Romantikern so bedeutsamen Verbindung von Genie und Wahnsinn. Hinsichtlich der historischen Entwicklung läßt sich allerdings feststellen, daß dieses Temperament in der Antike noch überwiegend als Krankheit empfunden wurde, während es etwa seit der Renaissance zunehmend verklärt und den besonders hervorragenden Geistern zugeschrieben wurde. Daran war allerdings das Urteil gerade derjenigen Menschen maßgeblich beteiligt, die sich als besonders meinungsprägend bezeichnen lassen – nämlich eben vieler hervorragender Künstler, Wissenschaftler und Philosophen. Und das wiederum hatte einen ganz nüchternen Grund, nämlich den, daß sie sich - wie aus vielen Quellen hervorgeht - selbst diesem Temperament zurechneten. Das darf allerdings nicht zu dem Umkehrschluss führen, daß alle Melancholiker hervorragend begabt seien, denn unter ihnen gibt es auch viele, die eher dem Gegenteil entsprechen und zur trübseligen Lethargie neigen, sodass gerade unter diesem Temperament offenbar die äussersten Extreme geistiger Begabung anzutreffen sind. Es wäre auch wenig wahrscheinlich, dass man in den Melancholikern eine der vier Hauptkategorien menschlicher Temperamente zu sehen gelernt hätte, sofern dieses sich nur auf einige wenige Hervorragende beschränkte. Dass aber die hervorragenden Geister zumeist diesem Temperament zuzurechnen sind, ist andererseits trivial, denn die anderen kämen dafür kaum in Frage: Der Choleriker findet zu wenig Ruhe, sich mit Themen zu beschäftigen, die wenig praktische Bedeutung haben; der Sanguiniker ist dazu zu geschwätzig und der Phlegmatiker hat dafür zu wenig Initiative.

Platon

Platon (427-347) unterschied in seinem Werk Phaidros zwischen einem guten und einem schlechten Wahnsinn und meinte damit das melancholische Temperament. Er meinte, dass die Bereiche, in denen die melancholischen Naturen Höchstleistungen vollbracht hätten – in der Philosophie, Dichtung und Politik – den Formen des „göttlichen Wahnsinns beziehungsweise Enthusiiasmus“ entsprächen. Dabei brachte er das Wesen des Melancholikers mit dem Prinzip der Mitte in Verbindung, denn nur das gesunde Mittelmass garantiere eine Höchstleistung. Gerade beim Melancholiker könne ein Zuviel oder Zuwenig an „Wärme“ schädlich und sogar krankhaft sein. Dabei führe eine zu starke Wärme zu manischen und eine zu geringe zu depressiven Symptomen. Somit schwebe gerade der Melancholiker, der zu aussergewöhnlichen Leistungen befähigt sein, in der ständigen Gefahr, in krankhafte und pathologische Exzesse zu verfallen.

Aristoteles

Eine noch weniger eindeutige Meinung zu diesem Thema hatte Aristoteles (384 – 322 v. Chr.). Im Gegensatz besonders zu der eher positiven des Hippockrates und der indifferenten Platons fasste er nämlich seiner Zeit entsprechend den Melancholiker zumindest überwiegend als krankhaft auf und war damit auch für seine Nachfolger weiterhin prägend. Er sah den Melancholiker vor allem unter dem pathologischen Aspekt. Er befinde sich, wie er meinte, „in einem dauernden Reizzustand, in stets starkem Begehren, von überstürzter Unbeherrschtheit erfasst, nicht mit planender Überlegung vorgehend, .. ständig ärztlicher Mittel bedürfend.“[1]. Aber auch seine Ansicht kennen wir nur aus indirekter Quelle, denn die ihm zugeschriebene berühmte Schrift Problemata , in der er sich zum Thema ‚Melancholie und Melancholiker’ äußert, stammt vermutlich gar nicht von ihm selbst, sondern von seinem Schüler Theophrast (371-287 v. Chr.). Dieser schrieb jedenfalls als erster überhaupt ein Werk eigens zum Thema mit dem Titel ‚Über Melancholiker’. Hierin formulierte er auch die bekannte und von ihm dem Aristoteles zugeschriebene Frage, warum alle aussergewöhnlichen Menschen Melancholiker seien. Immerhin wurde damit das Thema insofern unter dem gleichen Aspekt gesehen wie von Hippokrates, aber sonst in dieser Hinsicht nicht weiter behandelt, da die Frage hier ansonsten unbeantwortet blieb.

Es bleibt also festzustellen, dass schon in der Antike die Meinungen über den Melancholiker gespalten waren, doch insofern es da bereits auch durchaus eine positive Sicht dazu gab, setzte die sich zu ihrer Zeit kaum durch, sondern wirkte sich erst später aus. Es ist bemerkenswert, dass es sich dabei in der Nachfolge keineswegs um eine neue Sicht handelte, sondern um die Fortsetzung einer bereits in der Antike nachweisbaren Tradition, auf die und deren Ausführungen sich die Nachfolger auch beriefen.

Mittelalter

Die Scholastiker versuchten noch in der Tradition des Aristoteles, zur Behandlung der Diagnose Melancholie das Gleichgewicht zwischen den vier Säften Blut, helle Galle, schwarze Galle und Schleim, den Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde sowie den Qualitäten warm und kalt und feucht und trocken durch eine Reduktion der schwarzen Galle wieder herzustellen – unter anderem sogar durch chirurgische Massnahmen wie Aderlass, ja sogar unter Einsatz des Brenneisens oder durch medikamentöse Interventionen und Abführmittel.

Renaissance

Besonders in der Renaissance ist ein grundsätzlicher Wandel zu einer regelrechten Heroisierung des Melancholikers feststellbar, und die bereits geäusserte Vermutung, dass das eben daran lag, daß die bedeutendsten Geister sich diesem Temperament zurechneten, ist besonders zu dieser Zeit nicht nur in Zitaten nachweisbar, sondern ansich auch eine naheliegende Folge des prometheischen Ethos des ‚autonomen’ Menschen, wie wir ihn geradezu plakativ mit der Renaissance verbinden. So ist die berühmte Grafik Albrecht Dürers mit dem Titel ‚Melancholia’ auch ein Sinnbild des neuen Zeitgeistes. „Alle Männer, so in einer großen Kunst vortrefflich sind gewesen, die sind alle melancholici gewesen.“ äußerte Dürer sich dazu, und er identifizierte sogar die schöpferische Arbeit selbst mit dem melancholischen Temperament. Viele berühmte Geister seiner Zeit äusserten sich entsprechend - so auch Leonardo da Vinci:

Ein Maler sollte ein Einsiedler sein. Die Einsamkeit ist von wesentlicher Bedeutung für seine Kunst. Bist du allein, gehörst du nur dir selber; ist auch nur eine zweite Person anwesend, bist du nur zur Hälfte du selbst, und du wirst entsprechend der Anzahl deiner Gefährten immer weniger du selbst sein...

Und bei Marsilio Ficino heißt es:

Und die selbe schwarze Galle, die dem Zentrum der Welt gleich ist, neigt unwider-stehlich dazu, das Zentrum aller Dinge zu erforschen, und sie führt uns über sich selbst hinaus, um die allerhöchsten Dinge zu begreifen, denn sie hat Gemeinschaft mit dem Saturn, dem allerhöchsten Planeten." -
Die Melancholie ist das wahre Leibgeding aller Philosophen, Dichter, Künstler und Fürsten. Sie nötigt das Denken, forschend ins Zentrum der Gegenstände einzudringen, weil die schwarze Galle selbst dem Zentrum der Erde verwandt ist. Ebenso erhebt sie das Dasein zum Verständnis des Höchsten, weil sie dem Höchsten unter den Planeten, Saturn, entspricht.[2]

Und in einem der letzten (von Rilke ausdrücklich bewunderten) Sonette Michelangelos heißt es: Meine Freude ist die Melancholie.

Im Gegensatz zu vielen Künstlern hielt sich sonst im allgemeinen zwar die Auffassung von der Melancholie als Krankheit noch weiter, wurde aber immer mehr unter einem anderen Aspekt gesehen. Paracelsus (1493-1541) beschäftigte sich als Arzt vor allem mit dem medizinischen Aspekt der Melancholie und übte besonders Kritik an der noch in den Scholastik vertretenen aristotelischen Säftelehre. Er suchte nach Mitteln, mit deren Hilfe er die Melancholie therapieren konnte. Die Vorstellung von der ‚schwarzen Galle’ hielt sich aber bei seinen Zeitgenossen noch immer und wirkte sogar bis ins 18. Jahrhundert fort – etwa bei den Arztgelehrten Boehaeve und Sydenham.

Neuzeit

Erst im 19. Jahrhundert begann man die Sache differenzierter zu sehen, indem man zwischen Melancholie und Depression unterschied. Dieser Begriff war von dem Edinburgher Arzt William Cullen geprägt worden, der darunter „eine Atonie der Hirngefäße“ verstand, die eine „Depression“ nervlicher Tätigkeit auslöse. Dabei gelangten Vertreter des Dynamismus und des Vitalismus zu der Auffassung, es müsse organische Ursachen für die Depression geben. In der Folge des Umdenkens nach der französischen Revolution setzte sich die Meinung durch, daß es sich bei den Melancholikern zumindest nicht um „gefährliche Irre“ handelte, die man nur psychiatrisch behandeln konnte. Mit der Entwicklung der Neurowissenschaften wuchs die Kenntnis über Funktionen und Bedeutung des Zentralnervensystems für die Psyche des Menschen.

Das war aber nur der medizinische Aspekt des Phänomens. Parallel dazu hatte sich jedoch zuerst bei den Vertretern des ‚Sturm und Drang’ im 18. Jahrhundert und später im 19. Jahrhundert bei den Romantikern geradezu eine Verklärung des Komplexes ergeben. Auch das hatte aber schon Vorläufer im elisabethanischen Zeitalter und im Barock gehabt. In der elisabethanischen Epoche war es sogar vorübergehend regelrecht Mode geworden, sich melancholisch zu geben – man nannte das die ‚english malady’. Ähnlich war es noch zur Zeit des Barock, als es bei begüterten Adeligen Mode wurde, sich sogenannte ‚Schmuck-Eremiten’ zu halten, die in abgelegenen Bereichen ihrer Parks in Höhlen hausten und gewissermaßen stellvertretend für sie das ihnen selbst zu entbehrungsreiche Ideal des Melancholikers verkörperten. Das Thema war bei den Intellektuellen und Freigeistern seit der Renaissance offenbar ständig gegenwärtig. Anfang des 17. Jahrhunderts hatte der Oxforder Mediziner und Autor Robert Burton ein äußerst umfangreiches Werk mit dem Titel ‚The Anatomy of Melancholy'[3] verfaßt, das sich als kompilatorische Zusammenfassung aller Gedanken auffassen ließ, die bis dahin über Melancholie und Melancholiker gedacht und geschrieben worden waren.

Der Genie-Gedanke trieb dabei besondere Blüten und wurde gegenüber den noch viel nüchterneren Ansichten der Renaissance-Künstler teilweise irrational überhöht. Die Vorstellung von ‚Genie und Wahnsinn’ verklärte den Melancholiker generell zu einem potentiellen prometheischen Übermenschen. Der Dichter Christoph Martin Wieland griff etwa in seinem 1774 erschienenen Roman ‚Die Abderiden’ das alte Thema des Hippochrates und seines Patienten Demokrit wieder auf und verklärte es im Sinne der neuen Genievorstellung, indem er die Mitbürger des Demokrit verspottete und als eine Art Schildbürger darstellte.[4] Keine Geringeren als Goethe und Kant griffen ebenfalls das Thema auf – und zwar Goethe unter anderem in seinem Roman ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ und Kant in seinem Essay ‚Keine Zeit zu vernünfteln’. Das Thema ‚Genie und Wahnsinn’ ist ein wichtiges Hauptthema des Wilhelm-Meister-Romanes, das besonders in der Person eines alten Harfespielers dargestellt wird, aber auch in den anderen auftretenden Personen spürbar wird. Auch der Philosoph Sören Kierkegaard widmete sich dem Thema, das er als „die Not des Menschen überhaupt“ bezeichnete, und der Dichter Jean Paul prägte dazu passend den romantischen Begriff ‚Weltschmerz’. Darunter verstand er ein allgemeines Gefühl der Trauer angesichts der menschlichen Unfähigkeit, das Leben und die Welt zu durchdringen und mit dem Weltganzen eins zu werden. Die Brüder Grimm bezeichneten das in ihrem ‚Deutschen Wörterbuch’ als die „tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt“. Diese romantische Selbstüberhöhung gipfelte bei vielen ihrer Zeitgenossen in Realitätsflucht und schließlich wieder jenem resignierten Pessimismus, der eben von jeher den Melancholikern zugesprochen worden war. Aber nur die großen Geister waren in der Lage, das richtig zu verstehen, und kaum ein anderer hat es besser ausgedrückt als Immanuel Kant, der sich ganz offenbar auch selbst mit diesem Temperament identifizierte:

Der, dessen Gefühl ins Melancholische einschlägt, wird nicht darum so genannt, weil er, der Freuden des Lebens beraubt, sich in finsterer Schwermut härmt... Er hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene... Der Genuß der Vergnügen ist bei ihm ernsthafter, aber um deswillen nicht geringer. Alle Rührungen des Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnden Reize des Schönen. Sein Wohlbefinden wird eher Zufriedenheit als Lustbarkeit sein. Er ist standhaft. Um deswillen ordnet er seine Empfindungen unter Grundsätze. Sie sind desto weniger dem Unbestande und der Veränderung unterworfen, je allgemeiner dieser Grundsatz ist, welchem sie untergeordnet werden, und je erweiterter also das hohe Gefühl ist, welches die niederen unter sich befasst. Alle besonderen Gründe der Neigungen sind vielen Ausnahmen und Änderungen unterworfen, wofern sie nicht aus einem solchen oberen Grunde abgeleitet sind... Der Mensch von melancholischer Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen, was sie für gut oder für wahr halten, er stützt sich desfalls bloss auf seine eigene Einsicht. Weil die Bewegungsgründe in ihm die Natur der Grundsätze annehmen, so ist er nicht leicht auf andere Gedanken zu bringen; seine Standhaftigkeit artet auch bisweilen in Eigensinn aus. Er sieht den Wechsel der Moden mit Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an... Selbst das Andenken der erloschenen Freundschaft ist ihm noch ehrwürdig. Gesprächigkeit ist schön, gedankenvolle Verschwiegenheit erhaben. Er ist ein guter Verwahrer seiner und anderer Geheimnisse. Wahrhaftigkeit ist erhaben, und er hasst Lügen und Verstellung. Er hat ein hohes Gefühl von der Würde der menschlichen Natur. Er schätzt sich selbst und hält einen Menschen für ein Geschöpf, das da Achtung verdient. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten von der vergoldeten an, die man am Hofe trägt, bis zu dem schweren Eisen des Galeerensklaven sind ihm abscheulich. Er ist ein strenger Richter seiner selbst und anderer und nicht selten seiner sowohl als der Welt überdrüssig...[5]

Wie aktuell immer noch die besondere und hervorgehobene Beschäftigung mit dem melancholischen Temperament ist, zeigte unter anderem die Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie im Jahre 2006: Schwarze Galle, große Kunst "Genie und Wahnsinn" , in der auch auf die Nachwirkung von Dürers Melancolia hingewiesen wurde:

Dürers Figur stützt ihren Kopf auf eine Hand. Diese gestische Formel der Melancholie findet sich in Berlin auf einer attischen Grabstele des 4. Jahrhunderts vor Christus, im berühmten Bild Walters von der Vogelweide in der Manessischen Handschrift, auf vielen Altargemälden aus dem Mittelalter, auf einem Porträtbild Goyas, bei Rodins "Denker" usw.[6]

Daß immer auch wie hier erwähnt besonders die eindrucksvalle Darstellung Dürers die Künstler beschäftigt und inspiriert hat, wenn es darum ging, diverse Genies und Denker in ihrer Verbindung zum melancholischen Temperament darzustellen, läßt sich etwa in dem Denkmal Balzacs erkennen und belegen:

"Falgueres Statue hielt sich an das sterotype Muster einer von Dürers Melancolia abgeleiteten Sitzfigur, die wieder und wieder für Dichter- und Denkerdenkmäler verwendet wurde. Tatsächlich ähnelten sich in den verschiedensten Bereichen die Denkmäler häufig derart, daß man im Grunde individuelle Physiognomien nur noch brauchte, um sie auf die noch leeren Schemen ihrer Büsten und Standnbilder einzutragen.."[7]

Fußnoten

  1. Zitat Hellmut Flashaar in Melancholie und Melancholiker in der medizinischen Theorie der Antike
  2. Marsilio Ficino, De vita, Kapitel IV
  3. Robert Burton: Die Anatomie der Schwermut. Aus dem Englischen und mit einem Essay von Ulrich Horstmann, Frankfurt am Main 2003 (Die Andere Bibliothek), ISBN 3-8218-4529-5
  4. Christoph Martin Wieland: Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland, in der Zeitschrift Der Teutsche Merkur in den Jahren 1774-1780 in Fortsetzungen erschienen.
  5. Immanuel Kant: Keine Zeit zu vernünfteln.
  6. Auszug aus einem Pressekommentar.
  7. Arnd Beise: Das Paradox der historischen Denkmalstatue, Vandenhoeck & Ruprecht 2004, ISBN 3-525-35580-
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