Ist das Universum unendlich groß?

(Siehe auch den ergänzenden Essay 'Das Raum-Zeit-Paradoxon')

 

 

Es ist fraglich, ob es eine Außenwelt, das ‚objektive Universum’, tatsächlich gibt. Dann aber ist zu fragen, wovon die Naturwissenschaft eigentlich redet. Noch in den 1920er Jahren gab es für den praktisch forschenden Naturwissenschaftler kaum einen Anlaß zu dieser Frage…. Es galt als selbstverständlich, daß die Naturwissenschaft die absoluten, ewig unwandelbaren und vom Bewußtsein gänzlich unabhängigen Naturgesetze ‚aufdeckt’. Mit Newtons Mechanik und den von Maxwell entwickelten Gesetzen des Elektromagnetismus befand man sich, so meinte man, auf dem richtigen Weg zu einer vollständigen Erklärung von allem… Als in den zwanziger Jahren die Paradoxien der Quantenmechanik auftauchten, wurde aber fraglich, ob eine Beschreibung der Wirklichkeit überhaupt möglich sei. (Jeremy Hayward: Die Erforschung der Innenwelt.)

Ich beziehe mich im folgenden exemplarisch vornehmlich auf ein derzeitig im Buchhandel erhältliches populärwissenschaftliches Buch zum momentanen Erkenntnisstand der Astronomie.[1] Ich könnte ebenso gut auch andere zitieren, aber es ist vielleicht gut, sich dabei nicht unnötig zu verzetteln und sich pars pro toto auf eines zu beschränken, in dem von einem ausgewiesenen Fachmann (der Autor ist Astronom) der derzeitige Stand zusammengefaßt wird. Da dieser nämlich darin trotz des interessant klingenden Titels ("Kann das alles Zufall sein?") offensichtlich weniger seine oder anderer neue Theorien als vielmehr kompilatorisch nur das wiedergibt, was man derzeitig so oder so ähnlich in allen populärwissenschaftlichen Astronomiebüchern nachlesen kann, eignet es sich insofern besonders als Zitatenschatz. Meine kritische Stellungnahme trifft also weniger dieses Buch insbesondere - es sei denn insofern, als der Titel etwas anderes erwarten läßt. Angesichts der überaus komplexen und problematischen, ja zumeist paradoxen Materie bekommt allerdings der Wissenschaftsbegriff und der damit verbundene objektivierende Anspruch in der Astronomie eine sehr eigene Bedeutung. Und wenn man schon unter diesen Umständen über die Sache selbst letztlich nichts Endgültiges aussagen kann und dennoch wie der Autor dem Leser alles als gesichertes Wissen präsentieren möchte, so kann sich natürlich dieses Wissen nur auf das beziehen, was derzeitig in der Wissenschaftsszene mehrheitsfähig ist und insofern als aktuell einigermaßen etablierte Theorie gelten kann. Das mag ein Standpunkt für einen Publizisten sein, aber man sollte nicht den Eindruck erwecken, als sei das, was der derzeitige Konsens ist, damit auch objektiv richtig: Eine Theorie oder gar Hypothese bleibt es dennoch, und deshalb ist die Art und Weise, wie der Autor gleichzeitig alle Betrachtungen früherer Philosophen als völlig überholt oder „pseudowissenschaftlich[2] abtut, sehr anmaßend. So schreibt er etwa:

Fragen (bezüglich unserer und der Natur des Universums), die früher ein Tummelplatz für Mythen, Geschichtenerzähler, Philosophen und Theologen waren, können heute viel wahrheitsgetreuer von den Naturwissenschaften beantwortet werden. Diese haben die Religionen sogar bereits überholt, weil sie Antworten auf grundlegende Fragen auf der Spur sind, die in den Schriften der Religionen nicht einmal vorkommen, wie „Was war vor dem Urknall?“, „Gibt es Leben außerhalb der Erde?“ oder „Existieren andere Universen?“

Es mag zwar richtig sein, daß sich die Religionen nicht danach gefragt haben, was vor dem Urknall war (womit hier offenbar der Weltbeginn gemeint ist), aber das spricht im Zweifel nicht gerade gegen sie. Selbst wenn die Fragestellungen in früheren Zeiten anders lauteten oder gar nicht im Raume standen, so ist es doch nicht ersichtlich, auf welchem dauerhaft tragfähigen Fundament dem Autor die Gewißheit zugewachsen sein könnte, das letzte Wort auch über kosmologisch wesentlichere Fragen zu haben. Der Wissenschaftsanspruch wird hier jedenfalls fragwürdig, denn die Kosmologie war immer ein Grenzgebiet zwischen Philosophie, Religion und Wissenschaft, und das kann an sich auch nicht anders sein, da es hier um Dinge geht, die sich dem Postulat der Wissenschaftlichkeit entziehen bzw. dieses übersteigen. So sind etwa alle Theorien über Vorgänge vor und nach dem sog. ‚Urknall’ sowie über mehr als vier Dimensionen usw. bloße Spekulation, die sich dem Grundanspruch reiner Wissenschaftlichkeit entziehen und entsprechend bei derzeitigen Fachleuten teilweise sehr kontrovers diskutiert werden, unter denen viele leider auch oft eine bedauerliche Unkenntnis früherer Diskussionsstände zeigen, deren Grundsätze keinesfalls überholt sein können. Deshalb kann die Astronomie nur bedingt einen naturwissenschaftlichen Anspruch erheben. Sie ist eine Erscheinungskunde, nicht mehr, und sie kann uns zwar mittlerweile sehr viel über das sagen, was in Erscheinung tritt, wenig jedoch darüber, warum es das tut. Offenbar befinden wir uns hier in einer Sackgasse, denn insofern ist es fast zwangsläufig, daß sich die Wissenschaftler in eine formalistische Methode retten, und wenn es denn so ist, ist die Kosmologie einerseits bei der reinen Naturwissenschaft nicht gut aufgehoben, während andererseits angesichts ihrer Dominanz die beiden anderen Disziplinen - Religion und Philosophie - gegenwärtig in einer „paradigmatischen Paralyse“ verharren. Es wäre deshalb dringend nötig, daß sie sich auf diesem Gebiet wieder ein wenig mehr zu Wort meldeten. Wenn ich das im folgenden versuche und die Ergebnisse und neuesten Theorien der Astronomen, die uns leider allzu sehr als der Weisheit letzter Schluß präsentiert werden, kritisch unter die Lupe nehme, so bemühe ich mich, nicht in den gleichen Fehler zu verfallen, und meine eigenen Ansichten besserwisserisch dagegenzustellen - damit würde ich auch wohl angesichts der Machtverhältnisse schnell in die Defensive geraten -, sondern mich darauf zu beschränken, die Problematik einiger gängiger Theorien aufzuzeigen und mit aller Vorsicht auf andere Denkansätze zu verweisen. Wohl gemerkt: ich habe für diese auch keine punktuellen und stichhaltigen Beweise; meine Sicht der Dinge bezieht aber Religion und Philosophie wieder mit ein und stellt letztlich den Menschen in den Mittelpunkt. Ich möchte mich allerdings von der ungemütlichen und auch unwahrscheinlichen Annahme befreien, daß das Universum nur eine Maschine ist, in deren Räderwerk wir nur völlig zufällig geraten sind.

Universum 3

Beginnen wir mit einer sehr geläufigen Tatsache, die wir zumeist wie selbstverständlich hinnehmen und von dem Autor als objektives Wissen vorausgesetzt wird, obwohl sie alles andere als plausibel ist: Bereits auf der Schule lernen wir, was uns der Autor dazu mitteilt: "Die Planeten können ihre Umlaufbahn nicht verlassen, weil die Anziehungskraft der Sonne und die von der Sonne weggerichtete Zentrifugalkraft einander genau die Waage halten." Das wäre allerdings nur eine Zustandsbeschreibung, doch keine Erklärung, zumal sie der beobachteten Tatsache widerspricht, daß sich die Planeten nicht auf einer kreisförmigen, sondern elliptischen Bahn um die Sonne bewegen. Im übrigen stellt sich dabei die Frage, warum man unbedingt diese Bewegung aus zwei verschiedenen Komponenten zusammensetzen will. Daß die Kreis- bzw. Ellipsenbewegung nicht weniger oder sogar noch fundamentaler als die lineare Fortbewegung sein könnte, zeigt doch das elektromagnetische Feld! Sähe man die Planetenbahnen in derartige Felder eingebettet, so wäre das eine weit bessere Erklärung dafür, warum die Planeten derartig konstant darauf verbleiben. Das legt im übrigen nicht nur die Gravitationserklärung der Allgemeinen Relativitätstheorie nahe, sondern es ergibt sich alternativ auch aus der Wirbeltheorie und dem Phänomen des roten Flecks auf dem Jupiter, der tatsächlich nichts anderes als ein seit Urzeiten konstanter Wirbelsturm ist. Max Jammer[3] weist darauf hin, daß sich bereits Kepler fragte, ob sich die Planeten in den elliptischen Bahnen noch ‚naturgemäß’ verhielten und ob der Begriff der Naturgemäßheit wirklich ein Grundbegriff sei oder ob man ihn auf eine Beziehung zurückführen müsse, die auf noch umfassenderen Naturgesetzen beruht:

Die Suche nach einer dynamischen Erklärung der Planetenbewegung wurde so zu Keplers Leitidee. Keplers Begriff der Kraft stammt aus der Idee von Bewegungs-Intel­ligen­zen, Seelen oder reinen Formen...

... womit er übrigens bereits Leibniz vorweggenommen hat. Das ist insofern interessant, als es zeigt, daß die Vorstellung, daß man alle Bewegungen auf einige wenige lineare Formen zurückführen müsse, nicht so alt und selbstverständlich ist, wie sie uns heute im Schulunterricht nahegelegt wird (zumal ja auch die Linearität nur eine Abstraktion ist, da es üblicherweise keine geraden Linien in der Natur gibt - es sei denn in den Kristallen, von denen C.G. Jung sagen würde, daß sie dem Materie-Archetypus entsprechen und uns so gesehen die Linearität auch als eine konsequente Ausgeburt des heute vorherrschenden Materialismus erscheinen könnte!). Es ist merkwürdig, daß der Autor eines Buches mit dem Titel ‚Kann das alles Zufall sein?’ noch nicht einmal diese von ihm erwähnte hervorragende Gelegenheit benutzte, die schlichte Kausalität in Frage zu stellen, die der heute immer noch üblichen Annahme hinsichtlich der Planetenbewegungen zugrunde liegt, bei der es uns eigentlich sehr ungemütlich werden müßte, wenn wir es so sähen. Denn ansich kommt das der Angst des Publikums gleich, daß der Pianist bis zum Ende der Vorstellung auch alle Tasten richtig trifft. Wir können aber wohl sicher sein, daß die Planeten genau ‚wissen’, warum und wie sie auf ihren Bahnen bleiben - schließlich haben sie diesen Zustand ja nicht vorgefunden, sondern sind in ihn hineingewachsen bzw. sind wie der Jupiter-Fleck erst sein eigentlicher Ausdruck. Im übrigen weiß jeder Billardspieler, daß Körper, die sich wie alle Planeten im Zustand der Rotation befinden, von sich aus eine krummlinige Bahn beschreiben. Außerhalb der unmittelbaren Gravitationseinwirkung ist eine geradlinige Bewegung im Weltraum weder definiert noch auch überhaupt definierbar - noch nicht einmal als Peil-Linie zwischen mehreren Planeten oder stellaren Objekten, wie die Relativitätstheorie nachgewiesen hat.

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