Thema Naturwissenschaft

 

 

Der unvermeidbare Zirkelschluß

 

Aus all diesem geht recht deutlich hervor, daß wir es hier mit einem Prozeß zu tun haben, der sich selbst mitsamt allen Implikationen produziert - jedenfalls nicht auf etwas vorher bereits Gegebenes hin. Stattdessen können wir aber feststellen, daß mit der „fortschrei­tenden“ Erkenntnis eine gleichzeitig mitwachsende Realität aufgebaut wird, die nur zum Teil Zirkelschlußcharakter hat. Denn es gibt natürlich durchaus einen Fortschritt, doch der sieht anders aus als in einer Gesellschaft aus lauter mehr oder weniger selbstbestimmten wahrheitssuchenden Individuen. Es denkt nur noch die Gemeinde, und da diese durch ihr jeweiliges Paradigma bestimmt ist, so muß sich erst dieses ändern, wenn bestimmte neue Erkenntnisse (oder auch nur Moden!) dieses erforderlich machen. Der Einzelne kann sich dabei relativ leicht anpassen, und eigentlich ist es diese ständige Anpassungsfähigkeit an neue Fakten, was wir üblicherweise unter Intelligenz verstehen. Die wissenschaftliche Gemeinde ist also vermindert intelligent, erbringt aber mit entsprechendem Forschungsaufwand dennoch unter Umständen erstaunliche Leistungen, die nicht nur das Prestige des Berufsstandes lebendig halten, sondern wirklich eine Fortschrittsvermutung für sich haben. Wir können leicht einsehen, daß dieser Fortschritt in vieler Hinsicht rückgekoppelt ist - zunächst an seine eigenen Grundannahmen, sodann auch an die technischen Anwendungen, die ihrerseits bezüglich ihrer Zweckmäßigkeit rückgekoppelt sind (das Auto oder das Flugzeug werden um so notwendiger, je mehr es davon gibt und je mehr sie deshalb unsere Welt und Alltagspraxis bestimmen). Das Prestige eines Berufsstandes, der es so sehr in der Hand hat, die Abhängigkeit der gesamten Gesellschaft von der eigenen Tätigkeit zu bestimmen, ist somit zumindest so lange nicht gefährdet, als die allgemeine Vermutung besteht, daß man sich wirklich auf eine bessere Zukunft zubewegt. Und es ist erstaunlicherweise wirklich so, daß diese Vermutung stets neuen Auftrieb bekommt, trotz, aber auch wegen aller Rückkoppelung. Wir können hier wieder jenen universalen Mechanismus vermuten, der sich erst aus rückgekoppelten Akten selbst erschafft. Wenn das ganze Universum gar nicht anders entstanden ist, so hätten wir es hier mit dem bekannten Paradox zu tun: zwar handelt es sich um keinen wirklichen Fortschritt, doch immerhin um einen solchen, der der strengen Definition von Fortschritt absolut genügt. Und zwar geht dabei, wie wir inzwischen allgemein recht gut erkennen, im Laufe der Zeit die Perspektive verloren, doch mag das nur vorübergehend der Fall sein, weil der in Abständen erfolgende Paradigmenwechsel für die jeweils nötige Anpassung sorgt, sodaß man nicht die ganze Erkenntnismethode selbst für völlig unbrauchbar halten muß. Die dabei entstehende Fortschrittsvermutung hat in jedem Fall eine erstaunliche Suggestionskraft, sodaß am Ende tatsächlich der Eindruck entsteht, man habe sich in Richtung auf ein objektiv gegebenes Ziel fortbewegt und man habe das Sosein einer Welt erkannt, die auch zuvor schon in unerkanntem Zustand vorhanden gewesen war. Doch gerade hieran müssen wir aus allgemein philosophischen Gründen inzwischen grundsätzliche Zweifel anmelden. Da wir aber nicht davon ausgehen können, daß das alles ein rein menschlicher Akt gewesen ist, so müßte eigentlich der Weltgeist permanent irgendetwas hinzufügen, das der anderen und quasi-objektiven Seite des Reißverschlusses entspräche. Ist das möglich? In der Tat lassen sich bei wichtigen wissenschaftlichen Entdeckungen sehr oft merkwürdige Umstände feststellen, die zur Verfestigung der „Fakten“ geführt haben. Insgesamt haben wir es hier jedenfalls mit einem kreativen Akt zu tun, denn niemand kann bestreiten, daß sich das Universum fortentwickelt. Kuhn:

Frühere Generationen behandelten ihre eigenen Probleme mit ihren eigenen Geräten und ihren eigenen Kanons für eine Lösung. Auch haben sich nicht nur die Probleme geändert. Vielmehr hat sich das ganze Netz von Tatsachen und Theorien, welches das Lehrbuchparadigma der Natur anpaßt, verschoben...

Dieses Netz selbst ist ein Rückkoppelungsprodukt der Wissenschaft. Ein Fortlaufen auf einem Kreis kann so leicht als ein Fortlaufen auf einer geraden Linie erscheinen. Dieser ganze Prozeß verschleiert vor allem die Tatsache, daß stets Subjektiva in die Erkenntnisse eingeflossen sind und daß sich insofern Naturwissenschaft von Geisteswissenschaft sehr wesentlich nur bezüglich der Idee unterscheidet, die sich mit ihnen verbindet.

 


[1] Eigenzitat.
[2] T.S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen..
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