Thema Naturwissenschaft

 

Fortschritt: Eine Illusion?

 

 

Das Ziel und das Ideal aller Natur­wissenschaft ist im Grunde ein völlig durch­geführ­ter Ma­terialismus. Daß wir nun diesen hier als of­fenbar unmög­lich erkennen, be­stätigt eine andere Wahrheit, daß nämlich alle Wissenschaft im ei­gentlichen Sinne... nie ein letztes Ziel erreichen noch eine völ­lig ge­nügende Erklärung geben kann; weil sie das innerste Wesen der Welt nie trifft, nie über die Vor­stel­lung hinaus kann, viel­mehr im Grunde nichts weiter, als das Ver­hältnis einer Vorstellung zur ande­ren ken­nen lehrt... (Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.1, § 7)

Wie weit haben wir es doch gebracht! Schon in der Schule lernen wir, welche Entdeckungen unsere berühmten Wissenschaftler gemacht haben und wie uns das bis zum heutigen Stand vorwärtsgebracht hat. So haben wir uns vermeintlich auf einem linearen Weg in Richtung eines fortlaufenden Erkenntnisfortschrittes voranbewegt und dadurch die Natur immer besser erkannt. In Wirklichkeit verhält es sich aber eher so wie bei einem Reißverschluß, in dem die fortlaufende Verknüpfung zweier ineinandergreifender Zahnreihen erst einen Zustand herstellt, der ursprünglich nicht gegeben war, obwohl es beim Zurückblicken tatsächlich so aussieht, als sei man auf dessen apriorischer Gestalt lediglich fortgeschritten. Analog diesen beiden Zahnreihen können wir nun auf der einen Seite universale Prinzipien sehen und auf der anderen Seite dazugehörige Erkenntnisakte, ohne die aber das Erkannte noch nicht einmal den Zustand des Unerkannten gehabt hätte - etwa wie ein schon latent gegebener geschlossener Reißverschluß -, sondern ohne die es einfach nicht existiert hätte. Mit anderen Worten: die Wissenschaft ist weit kreativer, als sie gemäß ihrem Selbstverständnis selber einräumen möchte.

Um dieses besser zu verstehen, müssen wir uns zunächst die persönliche Situation des jungen Lernenden veranschaulichen, aus dem später ein Wissenschaftler werden soll. Dieser begegnet ja seinem Fachgebiet nicht als völlig unbeschriebenes Blatt und in aller Objektivität, sondern er ist ein kompliziertes menschliches Wesen, das durch alle möglichen Nebenumstände beeinflußt ist, bei denen es schon theoretisch größte Schwierigkeiten bereitet, sie von dem zu trennen, was er in späterer Rückschau als die „Sache selbst“ betrachtet, die er da erlernt hat. Eine solche kann es aber ebensowenig geben wie das Ding-an-sich. Wir müssen also näher untersuchen, wie die In-Bezug-Setzung zu den „Fakten“ des jeweiligen Sachgebietes erfolgt. Der Lernende ist von vornherein geprägt durch seine angeborene Dispostion und frühere Erfahrungen, die darüber bestimmen, wie er die Sache einschließlich aller Begleitumstände aufnimmt. So wird etwa sein Verhältnis zu seinem Lehrer wichtig sein, und da er unabhängig von der Sympathiefrage zunächst dessen Autorität akzeptieren muß, wird er auch den Lehrstoff als etwas betrachten, dem er sich als etwas Gegebenes zu nähern hat. ("Wir erinnern uns alle, wie ärgerlich unser Physiklehrer werden konnte, wenn wir in seinen Versuchen nicht das erkannten, was wir gemäß der herrschenden Theorie dadurch erkennen sollten. Wie konnten wir das aber, da wir diese Theorie bis dahin ja noch gar nicht kannten?" [1]) Er wird dabei also die ihn bestimmenden Nebenumstände als solche gar nicht wahrnehmen, sondern sie unbewußt seinem scheinbar äußerlichen Ziel zurechnen. So erlernt er im Grunde weniger objektive Einzeldinge, aus denen sich erst danach ein Gesamtbild ergibt, sondern dieses Gesamtbild wird ihm als Denkrahmen durch viele unterbewußte Begleitumstände von vornherein vermittelt und bestimmt als solches erst den Wert des jeweiligen zu erlernenden Einzeldings, von dem wir ja wissen, daß es jeweils immer nur ein bestimmter Aspekt des Ganzen ist, von dem er also notwendigerweise ein stets mitwachsendes Verständnis bzw. eine Vermutung haben muß. Thomas Kuhn hat für diesen Denkrahmen den Begriff „Paradigma“ geprägt und ihm eine entscheidende Rolle bei allen wissenschaftlichen Erkenntnisakten zugeschrieben[2]:

Ein offenbar willkürliches Element, das sich aus zufälligen persönlichen und historischen Umständen zusammensetzt, ist immer ein formgebender Bestandteil der Überzeugungen, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft in einer bestimmten Zeit angenommen werden. Dieses Element von Willkür deutet aber nicht darauf hin, daß irgendeine Gruppe von Wissenschaftlern ihren Beruf ohne eine Reihe anerkannter Überzeugungen ausüben könnte.... Zumindest bei ausgereiften Wissenschaften sind Antworten auf solche Fragen (oder vollwertiger Ersatz dafür) fest in das Ausbildungsritual eingebettet, welches die Studierenden auf ihre fachliche Tätigkeit vorbereitet und ihnen die Zulassung dafür erteilt. Weil diese Ausbildung streng und dabei starr ist, vermögen jene Antworten sich tief im wissenschaftlichen Denken zu verankern.  Wenn der einzelne Wissenschaftler ein Paradigma als gegeben betrachten kann, braucht er bei seinen Hauptwerken nicht mehr zu versuchen, sein Fachgebiet von den Grundprinzipien aus unter Rechtfertigung jedes neu eingeführten Begriffs neu aufzubauen... Er kann sich also ausschließlich auf die subtilsten und esoterischsten Aspekte der Naturerscheinungen, mit denen sich seine Gruppe befaßt, konzentrieren... Seine Forschungen gehen nicht mehr, wie bisher üblich, in Bücher ein, die sich... an jeden am Thema Interessierten wenden. Sie erscheinen vielmehr in kurzen Artikeln, die sich nur an die Fachkollegen wenden, an diejenigen, bei denen die Kenntnis eines gemeinsamen Paradigmas vorausgesetzt werden kann und die sich als die einzigen erweisen, welche die an sie gerichteten Arbeiten zu lesen vermögen...

 

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