Thema Naturwissenschaft

Gehirn und Bewußtsein

 

Mit dem Auftauchen des Menschen kam auch das wohl größte Wunder der Evolution in die Welt, das menschliche Gehirn, und mit diesem das menschliche Bewußtsein, dessen In-der-Welt-sein eines der Hauptprobleme der Philosophie ist. Wenn wir uns hier mit dem Aufbau des menschlichen Gehirnes und mit der seiner Funktionsweise zugrunde liegenden Beziehung von Körper und Geist näher beschäftigen, so können wir dabei nur die Problematik dieser Beziehung - oder besser gesagt: Wechselwirkung - als solche aufzeigen, ohne zu glauben, die damit verbundenen Fragen lösen zu können. Sie werden wohl auch niemals endgültig gelöst werden, denn ihnen liegt das Problem zugrunde, daß hier das Erkenntniswerkzeug über sich selbst nachdenkt, was schon nach dem sogenannten 'Gödelschen Prinzip' unmöglich ist. Jeder Apparat muß danach einen höheren Komplexitätsgrad haben als die Sache, die er zu erkennen versucht. Er muß aber auch in der Lage sein, das Objekt seiner Beobachtung aus einer Außenperspektive zu betrachten. Es entspricht unserer Lebenserfahrung, daß wir uns zum Beispiel über eine schwierige Situation oder einen Konflikt, in dem wir uns befinden, erst dann klar werden können, wenn wir innerlich und äußerlich Abstand davon gewonnen haben, sodaß wir alles von einer neutralen Außenperspektive ansehen können. Eben diese Perspektive können wir aber hinsichtlich der Betrachtungen über unser Bewußtsein niemals gewinnen. Daran krankt die ganze ontologische Philosophie.

Die frühere Auffassung, die Gehirne seien ebenso wie die sonstigen Körper von Tieren und Menschen mechanische Maschinen, wurde zwar mittlerweile allgemein durch die Auffassung abgelöst, daß wir es zumindest bei den Gehirnen eher mit elektrischen und chemischen Maschinen zu tun haben, doch betrifft das wirklich nur den physischen Aspekt dieser 'Maschinen'. Man weiß nicht, in wieweit eine auch nur gedankliche Trennung von Körper und Geist für das Funktionieren einer solchen Maschine überhaupt möglich ist, ob ihre Arbeitsweise also nur in einer Richtung erfolgt und insofern das Bewußtsein gewissermaßen nur ein Nebenprodukt ihrer Tätigkeit ist, oder ob ihr Funktionieren in jedem Fall das Ergebnis einer ständigen Wechselwirkung ist. In letzter Zeit tendiert man allerdings immer mehr zu letzterer Annahme.

Zweifellos wird das Verhalten des Menschen und der höheren Tiere durch das Gehirn und das zentrale Nervensystem in der Weise gesteuert, daß Informationen durch elektrische und chemische Prozesse verarbeitet und gespeichert werden. Schon das Nervensystem höherer Tiere besteht aus hunderten von Millionen Nervenzellen, das des Menschen aber aus mehr als zehn Milliarden. Aus der Computerprogrammierung wissen wir, daß jeder Vorgang, der sich exakt beschreiben läßt, auch physikalisch ausgedrückt werden kann. Im Gehirn kann er dadurch in die Arbeitsweise der Nervenzellen nach deren Möglichkeiten umgesetzt werden. Der wohl wesentlichste zusätzliche Entwicklungsschritt des menschlichen Gehirnes gegenüber den übrigen Primatengehirnen ist die Ausbildung des Sprachzentrums in der linken Gehirnhälfte. Mit diesem kommt eine neue Dimension in die evolutionäre Entwicklung, da dadurch Kommunikation in einem Maße ermöglicht wird, daß gewissermaßen ein kollektives Überhirn entsteht. Die Besonderheit des menschlichen Gehirnes ist außer durch Kommunikationsfähigkeit vor allem durch eine erhöhte Abstraktionsfähigkeit gekennzeichnet, aber auch durch die Fähigkeit zu langfristiger, vorausschauender Planung sowie durch das ausgeprägte Gedächtnis. Kulturelle Entwicklungen werden möglich, sodaß die Erfahrungen des Individuums über dieses hinausgehoben und der Gemeinschaft zugänglich gemacht werden können, wodurch sie nicht mehr verloren sind.

Die anatomische äußere Gestalt des menschlichen Gehirnes ist hauptsächlich durch die symmetrische Unterteilung in zwei annähernd gleiche Hälften gekennzeichnet, die durch das 'Corpus callosum' miteinander verbunden sind, in der sich etwa 2oo Millionen Kommissurenfasern befinden. Drei Bereiche des Gehirns sind für die höheren Funktionen besonders wichtig: zunächst das Stammhirn, dann das 'lymbische System', das zum Vorderhirn gehört, und die Großhirnrinde, die beim Menschen einen besonders großen Bereich des Gehirnes ausmacht. Diese äußere Rinde - die sog. 'graue Masse' - des Großhirns ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil des Gehirns, sie wird deshalb als 'Neokortex' bezeichnet. Der Neokortex ist in beiden Hälften in vier Großbereiche bzw. Lappen unterteilt, den Frontal-, Parietal-, Temporal- und Occipetallappen. Er besitzt einen Aufbau aus etwa sechs Schichten sogenannter 'Neuronen', der die ganze Oberfläche des Gehirnes bedeckt. Obwohl er nur etwa 3 mm dick ist, befinden sich in ihm etwa 1o Milliarden spezielle Nervenzellen, die erwähnten Neuronen. Diese Neuronen sind isolierte Einheiten, die nicht unmittelbar miteinander oder mit sonstigen Teilen des Gehirnes verbunden sind. Jede von ihnen ist durch eine sie umhüllende Membran völlig getrennt, eine Verbindung zu benachbarten Nervenzellen besteht nur über die Berührungskontakte ihrer 'Synapsen'. Die Synapsen sind engumgreifende Ausläufer, die sich an die Nachbarzellen anschmiegen. Diese Verbindungen gestatten eine Erregungsübertragung. Jedes Neuron besitzt an seiner Oberfläche hunderte oder sogar tausende solcher Synapsen. Man kann ein Neuron als autonome Einheit betrachten, die sich mit allen anderen gleichartigen autonomen Einheiten in einem regelrechten Konkurrenzkampf befindet. Das Bestreben jeder Einheit ist es, auf Kosten seiner Nachbarn Kraft aufzubauen und sie dadurch zu überwinden. Das Gehirn arbeitet also zumindest in dieser Hinsicht nicht als in sich geschlossene Einheit, sondern wie ein aus einer Vielzahl von Individuen bestehender Staat nach dem Konkurrenzprinzip. Diese Prozesse sind aber derartig komplex, daß sie noch nicht völlig verstanden sind. Das Gehirn ist wesentlich komplizierter als jeder von Menschen hergestellte Computer. Es scheint so zu sein, daß die Neuronen nicht nach einem exakten Prinzip arbeiten, sondern eher nach eigenem Gutdünken, sie verstärken bestimmte Reize und vernachlässigen andere, wodurch quantitative und qualitative Verzerrungen möglich sind.

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