Thema Naturwissenschaft

Alles fließt:

Die Chaos-Forschung

 

In gewisser Hinsicht hat die Relativitätstheorie lediglich das Newtonsche Weltbild etwas berichtigt, ohne wirklich prinzipiell etwas zu ändern, aber die Quantenphysik hat das Bewußtsein eines Beobachters ins Spiel gebracht, und da kann man von Physik im alten Sinne wirklich nicht mehr reden. Das geht schon mehr in die Richtung der Metaphysik, die zwar das Mittelalter noch in finsterster Weise beherrschte, von der uns aber doch die Wissenschaftler befreit zu haben schienen.

Wir kommen aber einfach an bestimmten elementaren Fragen nicht vorbei, die wir bisher schlichtweg ignoriert hatten. Eine davon ist die, warum wir gerade hier und heute leben, denn dabei handelt es sich um ganz besondere Meßpunkte. Wir hatten bereits erörtert, daß unser Planet sicher eine seltene Ausnahme im Kosmos darstellt, und ein Blick in die Zeit zurück zeigt uns schnell, daß das Leben und das Bewußtsein insgesamt noch nie so hoch entwickelt war wie heute (wobei es uns auf einige zehntausend Jahre nicht ankommen soll, um möglichen Einwänden von Kulturkritikern zuvorzukommen). Ein Blick in die Zukunft dagegen kann uns nur Sorgen bereiten. Selbst aber für den Fall, daß wir uns und unseren Planeten nicht selbst vernichten, treibt das Weltall insgesamt doch - so scheint es - seinem irgendwann absehbaren Ende entgegen. Irgendwann wird einmal mit Sicherheit unsere Sonne verlöschen, vermutlich aber wird es dann die Menschheit schon lange nicht mehr geben. Und irgendwann ist schließlich der Zustand der absoluten 'Entropie' erreicht, also die Auflösung aller Ordnungen und das sogenannte 'thermodynamische Gleichgewicht'. Alle unsere Erfahrungen zeigen uns nämlich, daß zumindest in geschlossenen Systemen die Gesamtsumme der Ordnungsverhältnisse immer abnimmt. Wer irgendwo bestimmte Dinge sich selbst überläßt, wird sie später unweigerlich in einem Zustand geringerer Ordnung wieder vorfinden. Jeder Ordnungszustand ist der Umwelt künstlich abgerungen, wobei aber auch nur Energie verbraucht wurde. Und das gleiche gilt für den Gesamtzustand der Welt: wir befinden uns also in räumlicher und zeitlicher Hinsicht an einem sehr ungewöhnlichen Ort, besonders wenn wir uns die Unermeßlichkeit räumlicher und zeitlicher Dimensionen vorstellen. Kann das Zufall sein?

Wir könnten diese Frage mit der Erklärung der Denknotwendigkeit beantworten. In der Tat kann man alles so sehen, daß wir uns nur deshalb hier befinden, weil wir uns nur hier befinden können. Dieses ist das sogenannte 'anthropische Prinzip'. Wesen wie wir entstehen nun einmal nur unter für sie besonders günstigen Umständen, und wenn sie sich dann später fragen, warum sie sich ausgerechnet an ihrem Ort befinden, so ist das eben eine Frage, die nur sie beschäftigt. Denn alle anderen können sich nicht über weniger günstige Umstände beklagen, weil es keine anderen gibt. Viele Probleme entstehen für uns tatsächlich erst dadurch, daß wir sie als solche erkennen, und weil sie dann bestimmten eingefahrenen Denkvorstellungen widersprechen, mit denen wir uns ein Bild der Welt gemacht haben. Ein Urmensch hätte zum Beispiel kaum die Schwierigkeiten mit der Relativitätstheorie wie wir heutigen Menschen. Was hätte ihm schon die Aussage bedeutet, daß der Raum gekrümmt ist? Er hatte ja noch nicht einmal die Vorstellung von einer Geraden entwickelt (es sei denn, er hätte einmal an drei auf einer Linie stehenden Bäumen entlanggepeilt). So konnte er also auch nicht die Vorstellung von drei geraden Raumkoordinaten haben, denn an sich sind das ja nur gedankliche Fiktionen, der keine eigentliche Wirklichkeit entspricht. Wir sollten aber nicht sagen, daß es sich dabei nur um Konstruktionen des Geistes handelt, denn die Zahl drei ist nicht zu unterbieten, wenn wir Angaben bezüglich der genauen räumlichen Festlegung eines Punktes benötigen. Dabei ist es aber egal, ob wir von einem bestimmten Bezugspunkt ausgehend dessen Längen-, Höhen- und Breitengrad bestimmen, oder ob wir etwa zunächst den durch seinen Abstand vom Bezugspunkt bestimmten Radius einer Kugel angeben, auf der er sich befindet, denn danach benötigen wir noch Längen- und Breitengrad, um seine Position auf dieser Kugel zu bestimmen, womit wir wieder bei insgesamt drei Koordinaten oder Dimensionen sind. Wir könnten uns auch viele andere Bestimmungssysteme ausdenken, aber so trickreich sie auch sein mögen, wir werden nie mit weniger als drei Angaben auskommen. Diese Überlegung zeigt uns, daß der Raum keine eigentliche Gestalt hat, es sei denn diejenige einer bestimmten Denknotwendigkeit, die man sich wiederum als Interferenzerscheinung von Subjekt- und Objektwelt vorstellen kann.

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