Thema Naturwissenschaft

Systeme

 

Alle Erscheinungen, die wir uns üblicherweise als selbstständige Elemente vorstellen, hängen in Wirklichkeit voneinander ab und verdanken ihr Sosein einer Summe von Einflußfaktoren ihrer Umgebung, ganz gleich, ob es sich um physikalische, chemische, biologische, psychologische oder soziologische Erscheinungen handelt. Das reicht auch bis in den kulturellen Bereich hinein. In diesem Sinne ist es richtiger, von Systemen zu sprechen, aus denen sich alle Einzelerscheinungen ergeben, statt uns die Welt aus autonomen Einheiten zusammengesetzt vorzustellen. Zwar erscheint uns dieser Gedanke leicht einsichtig, tatsächlich entspricht er aber nicht wirklich unserem noch immer kartesianisch orientierten Denken, auf dem im Grunde unsere ganze sogenannte Leistungsgesellschaft aufbaut. Dieses Denken war schon früher nur bedingt richtig, wird aber durch die aktuelle Realität nahezu völlig in Frage gestellt. Wir stellen uns sogar unseren Körper wie eine Maschine vor, in der alle Teile ihre ganz bestimmte Funktion besitzen. Das ist zwar teilweise richtig, aber doch nicht ganz, wie die Psychosomatik zeigt. Während aber unsere ganze Medizin immer noch auf dem kartesianischen Prinzip aufgebaut ist und offensichtlich nicht in der Lage ist, den Menschen anders als eine Ansammlung von einzelnen Organen zu sehen, die man durch chirurgische Eingriffe weitgehend reparieren oder ersetzen kann, erkennen wir immer mehr die Grenzen dieser Auffassung. Wenn wir den Körper als geschlossenes Ganzes sehen, erkennen wir viel eher, daß das Versagen eines einzelnen Organes möglicherweise nur ein Symptom für die Schwächung des gesamten Systems ist. In diesem Falle würde eine Operation also nur ein Kurieren an Symptomen sein, was dazu führte, daß bei nächster Gelegenheit ein anderes Organ versagt. Ist eine Kette insgesamt durch Rost geschwächt, so reißt sie natürlich immer nur in einem Glied, aber es hätte wenig Sinn, sie dadurch zu reparieren, daß man dieses Glied durch ein neues ersetzt. Auch jeder Teil eines biologischen Organismus steht mit allen anderen Teilen auf vielfache Weise in Verbindung - etwa über das Blut oder die Hormone -, die auch sein Sosein bedingen, während dieses in einer mechanischen Maschine nicht der Fall ist. Zudem steht jeder Teil eines biologischen Organismus mit der Außenwelt und deren Gegebenheiten in Verbindung. Alles bedingt sich wechselseitig, und deshalb ist der Vergleich mit einer mechanischen Maschine nur bedingt richtig, und eine reduktionistische Beschreibung im Sinne der Newtonschen Physik ist somit eine unzulässige Abstraktion. Wäre unser Körper tatsächlich so konstruiert, so wäre er wenig flexibel und könnte sich kaum den ständig wechselnden Umweltbedingungen anpassen. Wir können den Vorteil dieser ganzheitlichen Flexibilität mit einer weichen Autofederung vergleichen, über die die oft harten Unebenheiten der Straße nur noch sehr abgemildert bis zum Fahrer vordringen. Getroffen wird in einem solchen Fall das gesamte System, das die wechselnden Bedingungen der Außenwelt über alle Teile insgesamt ausgleicht, statt punktuell nur über ein einzelnes Teil, das sicher nicht dieser Beanspruchung in Stellvertretung für alle anderen Teile allein gewachsen wäre. Ist somit der Körper vorübergehend wegen einer Einzelbelastung eines Teiles insgesamt geschwächt, so stärkt er sich später auch wieder insgesamt und gleicht somit den Konflikt über alle Teile aus.

Es ist auch ausnahmsweise möglich, daß ein einzelnes Glied auf Kosten der Gesamtheit gestärkt wird oder daß der gesamte Körper zeitweise eine Höchstleistung erbringt unter Ausnutzung sämtlicher Reserven (Doping). Es kann geschehen, daß ein Kämpfer eine äußerst schmerzhafte Wunde während des Kampfes noch nicht einmal bemerkt, weil es für ihn im Augenblick tödlich sein könnte, dadurch behindert zu werden. So ist der Zustand des einzelnen Organes wie auch der momentane Zustand des Systems immer in einen größeren Rahmen eingebettet und von diesem abhängig. Wir müssen uns dementsprechend jedes System als offen vorstellen, weil in ihm nicht nur alle seine Teile miteinander korrespondieren, sondern weil es auch insgesamt mit seiner Umwelt korrespondiert. Das Einzelne steht mit dem Ganzen in ständiger Verbindung und bedingt sich wechselseitig. Erst die frühen Organismen haben auf der Erde die Atmosphäre geschaffen, die die weiteren Organismen für ihr Entstehen und Überleben benötigten. So schaffen sich die Elemente in bestimmtem Rahmen ihre Umwelt, von der sie wiederum abhängig werden. Nimmt man nur ein Glied aus einem solchen System heraus, so verändert es sich insgesamt durch Regeneration, um den Einzelmangel zu kompensieren.

Wenn wir uns die Körperorgane hochgradig durchlässig vorstellen und uns vergegenwärtigen, daß sie somit von allen möglichen Körpersäften durchflossen werden, wird uns deutlich, wie sehr hier wirklich alles miteinander in Beziehung steht. Somit ist ein bißchen vom Herzen auch in allen anderen Organen stets gegenwärtig, wie auch ein bißchen von der Lunge oder vom Magen: und das brauchen wir uns noch nicht einmal gleichnishaft vorzustellen, denn wir erleben ja täglich, daß es so ist, während wir uns dennoch unseren Körper als Summe vieler Einzelteile vorstellen. Wenn das Herz nicht mehr richtig arbeitet, fühlen wir die Blutarmut in unseren sämtlichen Körperzellen, wenn die Lunge nicht richtig arbeitet, fehlt allen Zellen der Sauerstoff, und wenn der Magen leer ist, hungern alle unsere Zellen. Und besonders am Beispiel der Hormone wird uns deutlich, wie sehr auch die geistig-psychischen Vorgänge mit den physischen in Wechselwirkung stehen. Es ist eben nicht wie bei einer Luftmatratze, die aus lauter einzelnen und unabhängig aufblasbaren Luftkammern besteht, sondern wie bei einer Matratze, bei der alle Kammern miteinander über Luftkanäle in Verbindung stehen. Das hat den Vorteil, daß sie gemeinsam aufgeblasen werden können und daß stets alle Kammern dem durchschnittlichen Luftdruck entsprechend ihre Funktionsfähigkeit beibehalten. Und die übermäßige Beanspruchung einer Kammer, wenn wir uns etwa mit dem Ellenbogen darauf stützen, führt nicht dazu, daß diese Kammer platzt, sondern daß dadurch alle anderen den erhöhten Luftdruck gleichmäßig unter sich aufteilen. Andererseits stimmt dieses Bild nicht insofern, als die wirkliche Verletzung eines Teiles der Matratze, etwa durch einen Messerstich, unweigerlich die ganze Matratze außer Kraft setzten würde, was bei einem biologischen Organismus nur dann der Fall ist, wenn lebenswichtige Organe wie etwa das Herz verletzt werden. Im Allgemeinen werden hier also die Vorteile beider Luftmatratzensysteme miteinander verbunden, und das erhöht die Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit des Organismus gegenüber einem mechanistischen System, wie es sich unsere westlichen Mediziner de facto tatsächlich noch immer vorstellen, ganz erheblich. So ist aber nicht nur innerhalb unseres psychisch-physischen Körpers alles wechselseitig bedingt, sondern auch zwischen diesem einerseits und der ihn bedingenden Umwelt andererseits, in der ebenfalls im weitgefaßten Sinn Geist und Materie miteinander verwoben sind.

In soziologischen Strukturen scheint es nicht übertrieben zu sein, sogar eine kollektive Intelligenz anzunehmen, in der die einzelnen Gehirne lediglich nur noch die Funktion von Neuronen haben. Und ebenso hilflos, wie die Neuronen im Gehirn in Bezug auf das Gesamtgeschehen sind, so sind es auch die einzelnen Menschen in Bezug auf soziologische Vorgänge. Es gibt niemanden, der wirklich für sich allein bestimmen könnte, wohin der Wagen geht, und es gibt auch niemanden, der wirklich weiß, warum es heute so und morgen anders läuft. Eine ähnliche Situation haben wir bei wirtschaftlichen Vorgängen, etwa dem Auf und Ab der Börsenkurse. So scheint das Bild eines Kollektivgehirnes nicht ganz abwegig zu sein, die Frage ist nur, ob es sich dabei wirklich nur um ein Bild handelt, oder um eine höhere Realität, die mindestens so real ist wie unser eigenes individuelles Gehirn. Wir wollen aber nicht nur über derartige Überstrukturen sprechen, sondern können auch schon innerhalb einer Familie erkennen, daß darin niemand nur für sich gesehen werden kann, sondern daß seine Gestalt vielmehr ein Spiegelbild aller anderen ist, das heißt, seine Identität ist ebensosehr durch diejenige der anderen bestimmt wie durch seine eigene. Wir müßten uns anderenfalls fragen, was denn überhaupt seine eigene Identität ist und aus welchen Elementarbausteinen sie sich zusammensetzt. Es ist wirklich so: auch hier besteht jeder aus den Teilen aller anderen. Und auch jeder Held kann nur vor dem Hintergrund der Gesellschaft gesehen werden, die ihm sein Heldentum zuweist. Es gibt keinen Helden an sich, sondern es gibt nur eine bestimmte Heldenlegende, bei der alle Mitspieler unabdingbar sind. Fehlt auch nur eine Figur im Drama, so stimmt die ganze Legende nicht mehr.

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