Thema Wirtschaft

 

Der Wirtschaftskörper als Organismus

 

In dem System der „Marktge­sell­schaft“ entsteht dessen Zellgewebe als Ergebnis der verschiedenen Tauschakte und der dadurch bedingten Verdichtungsvorgänge. Es bleibt nicht bei einem formlosen Gewebe, sondern daraus entstehen die Mehrwerte, die sich durch Akkumulation nach dem bekannten Prin­zip der Verdichtung bestimmter Strukturen gegen die im gleichen Zuge immer mehr verdünnenden Zwischenzonen absetzen. Dabei bleibt es auch nicht nur bei einzelnen Haufen, sondern die akkumulierten Mehrwerte werden zu Kapital, das sich auf einer höheren Stufe seinerseits marktgestaltend betätigt - als Aktiengesellschaften, Monopole, Industriebetriebe usw. In dieses System werden die Menschen zwangsläufig hineingezogen, weil die sich dabei ergebende Industriegesellschaft zu einem ausschließlichen Versorgungssystem für sie wird, das horizontale Alternativen immer mehr verunmöglicht. Diese Welt hat für den einzelnen Bürger der „städtischen Zivilisation“ normativen Charakter: die Zellstruktur der Tausch­werte bindet ihn als wirtschaftendes Subjekt in sich ein, so daß er selbst zu einer Zelle dieser Struktur wird, physisch wie psychisch. Die Struktur durchdringt alle Bereiche, sie wird paradigmatisch, indem sie auch das Weltbild und alle Assoziationsschablonen der Bürger prägt. Aus diesem Weltbild heraus wirkt er dann seinerseits als handelndes und mitgestaltendes Subjekt und verfestigt es ebenfalls immer mehr. Das dabei entstehende Gewächs kann man sich als ein Gebilde mit mehreren Ästen vorstellen, wobei diese die sich verzweigenden Bereiche der Industriegesellschaft sind. Diese sind teils durch objektive äußere (woher auch immer wir dieses „Außen“ kommen sehen) Bedingungen faktisch gegeben, teils aber nur in der kollektiven Vorstellung existent, aber dadurch zumindest indirekt auch faktisch[1] - etwa die verschiedenen Fachbereiche, in die wir die Wissensgebiete und Schulfächer unterteilen, aber auch die unterschiedlichen Berufszweige und Firmenstrukturen, wobei sich das teilweise gegenseitig überlagert. Es ist kaum abzugrenzen, in wieweit diese Gebiete tatsächlich, naturgemäß, getrennt sind und in wieweit sie es nur in der kollektiven Vorstellung sind. Es ist aber sehr real, daß jeder Bürger auf einem dieser Äste lebt oder richtiger gesagt: ein Teil, eine Zelle, dieses Astes ist. Er ist es vor allem dadurch, daß sich auch die Tauschwerte auf diese seine Funktion beziehen. Der Tauschwert des Geldes besteht in der dadurch verbürgten Gegenleistung der bürgerlichen Gesellschaft, auf die sich der Geldwert bezieht - und zwar in der Weise, daß jeder Bürger dafür an seinem jeweiligen Platz die garantierten Gegenleistungen erbringt, die die mit ihrem Geld nachfragenden anderen Wirtschaftssubjekte dafür zu erhalten wünschen. Wäre das nicht der Fall, so würde sich das in der Weise zeigen, daß man für sein Geld nichts mehr bekommt, und dieses wäre deshalb plötzlich wertlos. Das bezöge sich dann auf das Geld aller Bürger, die nun alle nichts mehr für ihr Geld bekommen und also nicht mehr wirtschaften könnten. Das ganze System würde damit sofort in sich zusammenfallen. Der dargestellte Baum besteht also aus der kollektiven Ausrichtung aller Wirtschaftssubjekte im Sinne ihrer marktmäßigen Funktion, an die über die physische Versorgung auch die psychische und geistige gekoppelt ist. Es ist bemerkenswert, daß dabei auf mehrfache Weise ganz entscheidend kollektive Fixierungen, also Bewußtseinsbestimmungen, die Realität durchdringen, bestimmen und festigen. Wir sehen das sowohl bei den Marktvorgängen wie auch bei den darauf aufbauenden mitgestaltenden Schablonen. Daraus ergibt sich die Tatsache, daß diese kollektiven Fixierungen durch das erkennende Bewußtsein der Menschen selbst nicht mehr gesteuert werden können. Es wäre uns mit unseren nahezu omnipotenten Möglichkeiten doch sicher leicht möglich, den Markt und die Konjunktur zu steuern, wenn es sich dabei lediglich um einen objektiven Vorgang handelte. Da es sich aber um einen bewußtseinsdurchwobenen und -fixierten Vorgang handelt, ist er durch das Bewußtsein selbst paradoxerweise nicht zu steuern. Wie paralysiert sind die Menschen dem Auf und Ab der Konjunktur ausgeliefert, das doch eigentlich nur von ihren eigenen Markthandlungen abhängt.

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