Thema Wirtschaft

 

Konzerne

 

Konzerne beschränken sich nicht nur auf die Produktion und Lieferung von Gebrauchsgütern, sondern mit ihnen verbindet sich auch eine enorme politische Macht, und sie waren bisher immer noch die größten Arbeitgeber. Aber sie sind auch verantwortlich für den fortschreitenden Konzentrationsprozeß, dem zunehmend die kleinen und mittelständischen Unternehmen zum Opfer fallen und in dessen Folge die Konkurrenz immer mehr ausgeschlossen wird. Obwohl sie durch ihre Lobbyisten vor allem mit dem Argument der Marktfreiheit operieren, sind sie selbst gerade deren größter Feind. Sie sind wegen des von ihnen ausgehenden Konkurrenz­druckes dafür verantwortlich, wenn nicht nur bei ihnen selbst, sondern auch im Mittelstand und Kleingewerbe immer mehr Arbeitsplätze wegratio­nalisiert werden oder auch zunehmend die ‚Standort‘-Frage ins Spiel kommt. Die von ihnen ausgehende Dominanz hat dabei nichts mit echtem Wettbewerb zu tun, aus dem sie als Beste und Stärkste hervorgegangen sind, wie sie auch vorgeben, sondern sie beruht nur auf Macht- und Kapitalkonzentration. Dabei hatte und hat der Staat mit dem Kartellamt ansich ein starkes Instrument, dem Konzentrationsprozeß zu begegnen und Fusionen nach Möglichkeit zu verhindern. Selbst Lambsdorff hatte noch in seinem ‚berüchtigten‘ Papier im Jahr 1982 Maßnahmen gefordert, die die zunehmende Unternehmenskonzentration bekämpfen sollten.[1] Aber die FDP selbst hat später eher eine gegenteilige Politik verfolgt - etwa als 1988 der FDP-Wirtschaftsminister Haussmann sich mit einem sog. Ministererlaß über das Veto des Kartellamtes gegen die geplante Fusion von MBB und Daimler-Benz hinwegsetzte und der bis dahin größten Firmenfusion der Nachkriegszeit seine Genehmigung erteilte.

Industrielle Konzentration ist eigentlich ebensowenig wie die Institution der Aktiengesellschaft von vornherein etwas Negatives, sondern in bestimmten Bereichen der Großindustrie nötig, aber sie darf nicht außer Kontrolle geraten und für ein Allgemeinziel gehalten werden. Nur in der Symbiose mit der mittelständischen Wirtschaft ist sie sinnvoll und nützlich; wenn sie diese aber von den ihnen im Sinne des Subsidiaritätsprinzips gehörigen Plätzen verdrängt, wird sie zu einem Krebsgeschwür. Heute sieht die Unternehmenslandschaft immer mehr so aus, daß zwischen den ständig wachsenden großen Kugeln der Konzerne der Zwischenraum nicht mehr durch kleinere Unternehmen hinreichend ausgefüllt, sondern zunehmend ausgedünnt wird, wodurch die Gesamtversorgung der Gesellschaft und übrigen Wirtschaft in ungesunder Weise monopolisiert wird. Diese Verdrängungstendenz war aber schon immer in den Konzernen angelegt. Schon vor dem ersten Weltkrieg waren etwa 50% aller Arbeitnehmer in der Großindustrie beschäftigt. Diese hatte sich zuerst im Ruhrgebiet entwickelt, weil dort die Ruhrkohle abgebaut wurde, die die Eisen- und Stahlindustrie benötigte. Hier entwickelte sich zuerst das Prinzip der Arbeitsteilung und Fließbandarbeit im großen Stil. Mit der Notwendigkeit der Versorgung der wachsenden Arbeiterschaft entstanden weitere Konsumgüterindustrien, die bald zur Absicherung ihrer Märkte begannen, sog. Kartelle zu bilden. Während die übrigen Wirtschaftsbereiche unter den Weltkriegen und ihren Folgen zu leiden hatten, konnten sich die Großunternehmen trotz zwischenzeitlicher Demontage und Entflechtung schnell wieder erholen. Sie waren deshalb die eigentlichen Profiteure der Kriege. Die ersten wirklichen Großkonzerne entstanden nach dem ersten Weltkrieg Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts - so etwa vor allem die ‚IG-Farben‘ im Jahr 1925 und die ‚Vereinigten Stahlwerke‘ 1926, worin sich vier große Ruhrgebietsunternehmen mit mehr als 500 Beteiligungen zusammenschlossen. Danach formierten sich der Krupp-, der Mannesmann- und der Stinnes-Konzern, schließlich Otto Wolff und die Zusammenschlüsse Klöckner mit Magirus, Humboldt mit Deutz, Gutehoffnungshütte mit MAN sowie Siemens-Schuckert-Hals­ke. Die Nazis zeigten sich in ihrer Politik gegenüber den Konzernen widersprüch­lich: Sie polemisierten zwar gegen sie, förderten sie aber gleichzeitig - vor allem während die Wirtschaft auf Kriegsgüterproduktion umgestellt wurde. Nicht nur die Finanzinstitute, sondern auch die Großkonzerne profitierten von der Kriegswirtschaft, u.a. von den Arbeitssklaven. Die IG Farben errichteten zum Zweck ihrer Ausbeutung sogar Fabriken neben dem KZ Ausch­witz. Aus diesem Grund und weil sie ihnen die Hauptschuld an der militärischen und politischen Stärke des Nazi-Regimes gaben, wollten die Alliierten auch die großen deutschen Konzerne nach dem Krieg zerschlagen und entflechten. Diese Entflechtung war das genaue Gegenteil der heutigen Konzentration der Wirtschaft und ansich im volkswirtschaftlichen Sinn außerordentlich konstruktiv. Die Alliierten verfolgten dabei allerdings auch den Zweck, die deutschen Konzerne als Konkurrenten ihrer eigenen Großindustrie auszuschalten, und ahnten dabei nicht, daß sie damit einen Grundstein des nachfolgenden deutschen Wirtschaftswunders legten, in dessen volkswirtschaftlichen Rahmen sich die Teilstücke der früheren Konzerne nach ihrer Neuformierung einbinden lassen mußten. Sie waren zunächst allein kaum in der Lage, kontraproduktiv zu wirken, und wurden - im Gegensatz zu heute - vorerst zu konstruktiven Organen der sich neu formierenden Gesamtwirtschaft.

Main page Contacts Search Contacts Search