Thema Wirtschaft

Fusionen

 

Weltweite Fusionen:
1992: 249
1993: 355
1994: 497
1995: 781
1996: 1017
1997: 1356
1998: 2620
1999: 3435
 

Der unersättliche Hunger der deutschen Topmanager nach mehr Größe, Macht und Ansehen brachte schließlich eine völlig neue Branche von Dienstleistungsunternehmen hervor, die Spezialisten für Mergers & Acquisitions.. Auf der Suche nach passender Beute, die sie ihren wohlhabenden Jagdherren vor die Flinte zu treiben hatten, durchstreiften die hochbezahlten Scouts Firmenlandschaften Europas und Amerikas... Aber.. die wilden Raubzüge der 80er Jahre rissen tiefe Löcher in die Konzernkassen, und einst so omnipotente Firmenkäufer stehen heute vor einem Scherbenhaufen. Wahl des falschen Partners, Ungeschicklichkeiten bei der Eingliederung in den Konzernverbund, mangelnde Kenntnis des neuen Geschäftsfeldes und eine zu geringe Berücksichtigung der andersartigen Unternehmenskultur, das sind die häufigsten Fehler, die die Manager bei den Firmenfusionen in den vergangenen Jahren machten... Der Münchner Siemens-Konzern z.B. kaufte binnen weniger Jahre ein Dutzend kleinerer Firmen in den USA zusammen, versäumte es aber dann, das eroberte Terrain zu einer schlagkräftigen Festung auszubauen, um in den USA eine seiner Größe entsprechende Marktgeltung zu erlangen. (Günter Ogger: ‚Nieten in Nadelstreifen’.)

Im Jahre 1999 konnten die Mitarbeiter der Dortmunder Hoesch-Spundwand-Profile GmbH (HSP) mit einem 8-tägigen Streik die Schließung ihres Konzerns noch eben verhindern. Dieser Vorgang zeigt einerseits, daß öffentliche Proteste - wie auch beim jüngsten Fall bei den Opel-Werken 2004 - bisweilen doch etwas bewirken können; er zeigt aber andererseits wie kaum ein anderer auch die Irrationalität des ‚Shareholder-Value‘-Prinzps und dessen, was wir vielleicht am besten als ‚Fusionitis‘ oder ‚Fusionismus‘ bezeichnen können, also etwas, das eigentlich nicht viel mehr zu sein scheint als eine dumme Mode ohne tieferen Hintergrund. Wenn auch die Aktionäre dabei gewisse egoistische Motive verfolgen, so ist aber nicht erkennbar, warum die Politiker und sogar bestimmte Gewerkschaftsvertreter dem tatenlos zusehen. Die HSP war 1999 immerhin eines der größten Walzwerke der Welt und spezialisiert auf die Herstellung von Stahlspundbohlen, wie sie etwa im Tiefbau oder in Hafenanlagen benötigt werden. Das Werk schrieb schwarze Zahlen; allein 1995 machte es 40 Mio. DM Gewinn. Warum also waren die Arbeitsplätze bedroht? Vielleicht wußten und wissen es die Manager selber nicht. Irgendwie geriet das Werk ohne wirtschaftliche Notwendigkeit in die Räder des Fusionspokers und sollte nach dem Willen des Eigners, des Thysen-Krupp-Konzerns, verkauft oder, falls sich kein Käufer fand, gleich ganz geschlossen werden. Zwei Jahre zuvor hatten Krupp und Hoesch fusioniert, und dabei war die HSP mit fast 700 Mitarbeitern aus der Krupp-Stahl-AG ausgegliedert worden. Sie paßte irgendwie auch weiterhin nicht in den Verbund, obwohl sie nach dem Aufkauf  von Hoesch durch Krupp dazu gedient hatte, den Schuldenberg von 250 Mio. DM, mit dem sie belastet worden war, um die Übernahme zu finanzieren, abzubauen. Das war nicht nur der hohen Rendite des Spundwandgeschäftes, sondern auch dem weitgehenden Lohnverzicht der Arbeiter zu verdanken gewesen. Nicht HPS, sondern die Thyssen-Krupp-Stahl AG (TKS) stand allerdings bei ihren wichtigsten Anteilseignern, Banken und Aktienfonds, unter Druck. Sie nötigten den Vorstand von Thyssen-Krupp, die Rendite der TKS-Aktie so weit zu steigern, daß der Aktienwert sich verdoppelte; anderenfalls sei das Werk angeblich am Aktienmarkt nicht lukrativ. TKS beschloß daraufhin ein Krisenprogramm, demzufolge alle Betriebe, die nicht mindestens eine Rendite von 20% brächten, abgestoßen werden sollten. Diesem unrealistisch hohen Maß, das ansich nur durch Ausschlachtung zu erzielen war, konnte offenbar auch HSP nicht entsprechen. Dabei war die Rendite der übrigen Betriebe nur durch ansich ungesunde Maßnahmen bisher soweit hochgebracht worden, daß sich der vorgenannte hohe Wert ergab. Obwohl das u.a. durch den Abbau tausender von Arbeitsplätze erreicht worden war, schien es für den ‚Sha­re­holder-value‘ offenbar immer noch nicht genug zu sein. Bereits bei der Übernahme von Hoesch durch Krupp waren 45.000 Arbeitsplätze verschwunden, und nach der Fusion von Krupp mit Thyssen sollten weitere 100.000 wegfallen. Das alles hatte übrigens der Betriebsrat abgenickt; vor allem Klaus Zwickel, der Vorsitzende der IGM, hatte nichts gegen die Fusionen einzuwenden gehabt; und auch der SPD-Politiker und damalige Ministerpräsident von NRW, Wolfgang Clement, war der Ansicht, daß die Fusionen notwendig waren. TKS sollte eben ein ‚Global Player‘ werden und mußte dazu, wie es hieß, für den Weltmarkt wettbewerbsfähig gemacht werden. Was das heißen sollte, blieb aber im Nebel - zumal es zumindest für den Spundwandbereich gar keine bisher sichtbare ausländische Konkurrenz gab. Die Wettbewerbsfähigkeit bezog sich offenbar weniger auf den Markt als auf die Ausschlachtungsattraktivität für ‚Investoren‘. Der Fall ist wie gesagt ein typisches Beispiel für den Irrationalismus der Fusionswelle. Schwarze Zahlen allein genügen nicht, wenn ein Wettrennen beim Schlußverkauf um die höchsten schwarzen Zahlen begonnen hat. Dabei muß es auch jedem Laien klar sein, daß derartig hohe Renditen nicht normal und gesund sein können. Mit Wirtschaft im üblichen Sinn hat das nichts mehr zu tun.

Die Einrichtung des Bundeskartellamtes wurde einmal als sinnvoll erachtet, weil es die Bildung von Monopolen verhindern sollte. Seit der Regierung Kohl wird das aber offenbar anders gesehen. Die Politik setzt eher dem Kartellamt Schranken als fusionswilligen Unternehmen. Der Grund liegt scheinbar auf der Hand: nur mächtige Konzerne können im internationalen Globalisierungsmonopoly bestehen. Um also international mit dabei sein zu können, nimmt man im eigenen Land in Kauf, daß mächtige Monopole entstehen, die nicht nur eine Bedrohung für den Verbraucher und die eigene Arbeitnehmerschaft, sondern auch für die mittelständische Konkurrenz und letzten Endes sogar für die Politik selbst sind - von der ausländischen Wirtschaft, gegen die sie letztlich aufgebaut werden, ganz zu schweigen (obwohl damit wiederum auch ausländische Absatzmärkte geschwächt werden und auch diese Rechnung somit wieder zurückkommt). Das scheint ein Dilemma zu sein, aber gibt es wirklich nur ein Entweder-Oder? Sollte nicht der Staat, wenn er schon so große Konzerne entstehen läßt und fördert, wenigstens versuchen, seine Hand mit im Spiel zu behalten und etwa darin wichtige Aufsichtsratspositionen zu besetzen? Das aber widerspricht der Privatisierungsidee, riecht sogar ein wenig nach Sozialismus und kostet den Staat auch Geld. Im Gegenteil ist der ja immer mehr bemüht, im Interesse der Aufbesserung seiner Kassenlage auch noch seine letzten Anteile zu verkaufen. Aber soweit Geld und Macht zwei Seiten einer Medaille sind und der Staat ja immer noch eine gewisse Macht hat, könnte er hier statt des Geldes auch hin und wieder einfach ein Machtwort einlegen. Oder ist er tatsächlich schon so schwach, daß er diese Möglichkeit nicht mehr hat oder sieht?[1] Einfacher ist es natürlich, den Kopf in den Sand zu stecken und die Bedrohung durch Fusionen einfach zu verneinen. Selbst in Branchen, die bisher grundsätzlich reguliert waren, soll der Markt geöffnet werden. Das gehört zum Konzept der Deregulierung. Daß sie damit der internationalen Konkurrenz ausgesetzt und dann auch unter Fusionsdruck geraten, wird ignoriert. Damit erklärt der Staat praktisch seinen eigenen Bankrott. Er müßte ansich daran interessiert sein, seine Kontrolle zurückzugewinnen, aber er zieht sich immer mehr aus jeder Verantwortung und Kompetenz zurück. Das geht sogar so weit, daß er in einem Fall paradoxerweise den umgekehrten Weg nimmt, also den der Auflösung großer Konzerne und Stückelung in kleinere Einheiten, was dort wie in plötzlicher und erstaunlicher Erkenntnis als Wettbewerbsvorteil gesehen wird: nämlich in dem Fall, wo die Konzerne sich zuvor in Staatsbesitz befanden, wie etwa im Bereich der Energieversorgung und Infrastruktur. Da wird die Fusionsidee plötzlich von der Privatisierungsidee überlagert. Als gemeinsamer roter Faden bleibt dann nur noch die Tatsache, daß sich der Staat in jedem Fall aus der Gesamtverantwortung und -kontrolle zurückzieht und sich dafür so widersprüchlicher Argumente bedient, daß er damit auch ebensogut ein gegenteiliges Handeln begründen könnte, wenn er nur wollte. Jedenfalls entfällt damit die Möglichkeit, sich auf äußere oder globale Notwendigkeiten berufen zu können: Wäre nicht auch ein gewaltiger Staatskonzern international wettbewerbsfähiger, und entsteht nicht andererseits durch die Bildung von Privatmonopolen eine neue Wirtschaft, die mit Deregulierung und Marktfreiheit nicht das Geringste zu tun hat, sondern schon wieder planwirtschaftliche Züge trägt?

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