Thema Underground

Es lebe die freiheitlich-demokratische Grundordnung!


Fotos und Texte von Oskar Maus

Es Lebe C

Es Lebe B

 

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Auf dem Flur näherten sich Schritte. Gleich darauf öffnete sich die Tür, und ein Mann mittleren Alters betrat den Raum.

 

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„Es lebe die freiheitlich-demokratische Grundordnung!“ sagte er.

„Es lebe die freiheitlich-demokratische Grundordnung!“ sagte 00015.

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Er war aufgesprungen und bemühte sich, einen ehrerbietigen Eindruck zu machen.

"Bleiben Sie ruhig sitzen“, sagte 0027. „Je mehr Sie sich bewegen, desto mehr Energie verbrauchen Sie.“

3 Er trat ans Fenster, um hinauszusehen. 00015 hatte den Eindruck, daß er etwas wollte und wartete ab. Er wußte, daß seine ganze Zukunft, sofern er noch eine hatte, nur noch von 0027 abhing.
2 „Ich war übrigens vorhin bei 034“, sagte 0027, während er immer noch aus dem Fenster sah und 00015 den Rücken zudrehte. – „Bei 034!“ sagte 00015 tonlos.
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„Man hat ihm einen Fernsehapparat gegeben. Zwar einen sehr alten mit ständig wanderndem Bild, aber immerhin.“

„Einen Fernsehapparat!“ sagte 00015.

„Er hat mir sogar erlaubt, einen Film mit anzusehen“, sagte 0027 nicht ohne Stolz.

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„Einen Film!“ sagte 00015.

„Wir haben uns später lange darüber unterhalten. Es war ein sehr positives Gespräch. Ich hoffe nun, daß 034 einen guten Eindruck von mir hat und mich höherenorts weiterempfiehlt.“

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Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Kontaktpflege kann die eigene Position nur verbessern, finden Sie nicht auch?“

„Selbstverständlich!“ beeilte sich 00015 zu sagen.

8 „Ich hatte aber bisher nicht den Eindruck, daß Sie sich in dieser Hinsicht sehr bemühen“, sagte 0027 und sah wieder aus dem Fenster auf die Straße, auf der gerade eine Art Sanitätswagen mit Blaulicht und Sirene vorbeifuhr. „Sie sind jetzt bald seit 4 Jahren ein Sozialfall, 00015. Wenn die 4 Jahre voll sind, bekommen Sie eine Nummer mit einer weiteren Null davor.“
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„Aber Sie könnten doch…!“

„Natürlich könnte ich ein Wort für Sie einlegen. Aber Sie wissen ja: wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und auch ich muß Produktion nachweisen. Schließlich steht es um mich nicht sehr viel besser als um Sie. Wenn Sie aufgestuft werden, steht Ihnen mehr Geld zu. Unser Lager ist aber bemüht, sich durch weniger Geldverbrauch gegenüber anderen Lagern zu qualifizieren. Andererseits qualifiziert es sich auch dadurch, daß es wider alle Erwartungen doch zur Leistung Befähigte wieder in den Produktionsprozeß zurückführt. Ich stehe also, was Sie betrifft, vor einer schwierigen Entscheidung, von der auch für mich alles abhängt.“

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Das Fahrzeug auf der Straße war jetzt vor einem der letzten Häuser unmittelbar vor der Mauer stehengeblieben. Zwei Männer in weißen Kitteln sprangen heraus und liefen in das Haus.

„Haben Sie eines dieser Häuser einmal von innen gesehen?“ fragte 0027.

11 „Ich war noch nie dort, aber man erzählt sich so einiges“, sagte 00015.
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„Immerhin sollten Sie sich auf die Möglichkeit einstellen, dort auch wohnen zu müssen. Dort werden alle einquartiert, die 4 Nullen vor ihrer Zahl haben. Sie bekommen nur so wenig zugeteilt, daß sie nur durch äußerste Einschränkung ihres Kalorienverbrauchs überleben können. Sie liegen den ganzen Tag in großen Säälen und bewegen sich so wenig wie möglich. Darin liegt zugleich die letzte ihnen verbliebene Möglichkeit, sich durch Wohlverhalten leistungsmäßig zu qualifizieren. Ein hartes System, aber vielleicht das einzige, sie dazu zu bringen, endlich an sich zu arbeiten.“

 

 

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„Ich jedenfalls habe mich bemüht…“

„Sie haben sich bemüht, sicherlich“, sagte 0027. „Sie haben sich bemüht! Das ist leider nicht genug. Was zählt, ist einzig und allein die Leistung. Und worin besteht Ihre Leistung?“

„Ich habe keinen Grund zur Klage gegeben. Ich habe doch getan, was ich konnte!“

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„Sie haben einen beschäftigten Eindruck gemacht, zugegeben, aber das ist eine Qualifikationsmöglichkeit auf weit höherer Ebene. In Ihrer Situation war das falsch, ja vermessen. Sie hätten sich möglichst still verhalten müssen, denn auch für Sie kommt es darauf an, effektiv zu sein – das heißt in Ihrem Fall, wenig Kalorien zu verbrauchen. Ich frage Sie also noch einmal: worin besteht Ihre Leistung?“

„……“

16 „Wenn Sie es schon nicht wissen, wie soll ich es Ihnen dann sagen?“ fragte 0027. „Sie können sich nicht verkaufen, das ist es! Aber ich will Ihnen etwas ganz Grundsätzliches verraten.“
17 Er trat nahe an 00015 heran und senkte seine Stimme: „Ihre Leistung, mein Lieber, kann doch letzten Endes nur darin bestehen, daß ICH Sie an höherer Stelle weiterempfehle. Und um das zu erreichen, haben Sie – das will ich zugeben – in der Tat doch schon einiges getan. Zum Beispiel haben Sie mich immer bei meiner Nummer genannt und es geduldet, wenn auch ich das bei Ihnen tat, obwohl Sie durchaus Anspruch auf Ihren Familiennamen haben. Aber schließlich können Sie mir ja nicht zumuten, mit Ihnen wie mit einem Gleichgestellten zu verkehren. Sie haben mir dadurch manchmal selbst den Rücken gestärkt, was auch mir geholfen hat, mich meinerseits an höherer Stelle zu empfehlen. Sie waren auch sonst ehrerbietig und sind mir – von diesem Fachlichen einmal abgesehen – im übrigen persönlich durchaus nicht unsympathisch. Insofern stehen Ihre Chancen durchaus nicht schlecht. Aber bitte sehen Sie mein Risiko.“
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0027 war einige Zeit nachdenklich durch den Raum gegangen und sah nur zufällig, wie draußen ein Bewohner des letzten Hauses von den beiden weißbekittelten Männern in den Wagen gestoßen wurde.

„Wenn dort jemand durchdreht, ist es aus“, sagte er. „Wahrscheinlich wieder so einer, der durch Selbstgespräche und Schlimmeres die anderen nervös machte oder am Schlafen hinderte.“

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„Wahrscheinlich jemand, der nicht begreifen konnte, worum es geht“, sagte 00015 und setzte sich nunmehr behutsam wieder auf seinen Bettrand.

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0027 reagierte positiv: „Ich habe den Eindruck, daß Sie es nun jedenfalls begriffen haben. Aber Sie müssen mir noch einmal erzählen, wie es zu Ihrer Einlieferung kam.“

„Ich war ein Idealist. Als ich schließlich merkte, worum es ging, war es bereits zu spät.“

„Es geht um Leistung. Haben Sie jetzt verstanden, was das ist?“

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„Ich glaube: ja. Aber jetzt ist es zu spät.“

„Nie ist etwas zu spät.“

„Aber jeder weiß über mich Bescheid.“

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„Jeder weiß über jeden alles. Das zwingt jeden, alles im Mögliche an seinem Platz zu tun. Wer nicht aufsteigt, der fällt.“

„Wenn ich nur wüßte, was aber Aufstieg bedeutet!“

„Für Sie zum Beispiel, wenn Sie meinen Grad erreichen. Bedenken Sie, daß auch das sofort jeder wissen wird. Man wird sagen: der Mann hat sich besonnen, er ist ehrgeizig, er scheint doch fähig zu sein. Dadurch werden sie weiterempfohlen. Dieses wiederum wird weitere Zweifel beseitigen. Bald sind Sie dann aus dem Lager heraus.“

„Und dann? Jeder weiß, daß ich im Lager war.
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„Aber da wieder herausgekommen zu sein, wird man Ihnen hoch anrechnen. Sie werden Karriere machen. Sie werden sich alles, aber auch alles, kaufen können.“

„Ist es das vor allem, was man erstreben sollte?“

25 „Was fragen Sie? Derartige Fragen sind es ja, denen Sie Ihre Situation zu verdanken haben. Wer so fragt, flippt aus, mein Lieber, und wer kann sich das schon leisten? Niemand gehört sich selber, das sollten Sie doch nun wirklich begriffen haben. Denn alles wird registriert. ‚Aha’, heißt es dann, ‚dann und dann sind Sie ausgeflippt! Erklären Sie uns das!’ Und es kommt verdammt darauf an, für jeden Atemzug eine Erklärung zu haben und jemanden zu finden, der einem diese Erklärung abnimmt. Findet man ihn nicht, geht es abwärts, immer mehr, und wo Sie dann landen, das wissen Sie nun. Das sollte Ihnen in Zukunft, wenn Ihnen die Umkehr gelingt, die nötige geistige Reife verleihen, vorwärts zu gehen. Es geht ja nicht um den Erwerb irdischer Güter, sondern es geht um das Eigentliche: den Glauben. Das heißt im wohlverstanden Sinn: den Glauben an sich selbst. Und den kann man nur durch Erfolg gewinnen. Und Erfolg läßt sich nun einmal nur an der Summe der erworbenen Güter ablesen. Alles andere wäre Selbstbetrug. Idealist! Daß ich nicht lache! Was ist das anderes als Selbstbefriedigung? Die Gemeinschaft hat ein Recht darauf, mehr von Ihnen zu verlangen."
26 „Mein Fehler war, daß ich zu egoistisch war“, sagte 00015 nachdenklich.

0027 war wieder zur Tür gegangen. „Ich weiß nicht, ob es richtig ist“, sagte er. „Aber ich werde es mit Ihnen versuchen.“

„Vielen Dank“, sagte 00015.

„Schon gut. Ich hoffe nur, daß Sie später auch einmal an mich denken.“

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