Thema Underground

Eine Weltverschwörung?!

 

Das Wort „Globalisierung“ ist seit den 1990er Jahren ein Allerweltsschlagwort; und es zeigt sich dabei die universale Verwendbarkeit dieser Metapher. Während es nämlich für die einen ein Schimpfwort ist, ist es für die anderen ein positives Ziel. Und selbst diejenigen, die diesen Begriff negativ belegen, tun das aus unterschiedlichen Gründen. Lassen wir das beiseite: Was wir selbst an dieser Stelle wirklich mit dem Begriff bezeichnen wollen, ist nichts anderes als die Gefahr einer Weltverschwörung. Das ist ein großes Wort - sicher; und man soll vorsichtig mit solchen Worten umgehen, weil es danach keine Steigerung mehr gibt. Wir müssen deshalb gleich sagen, daß wir niemanden persönlich dieser globalen Verschwörung bezichtigen wollen. Es gibt da keinen Dr. No in persona, sondern es handelt sich zunächst um Strukturen, in die bestimmte Erscheinungen und Verhaltensweisen politisch und wirtschaftlich einflußreicher Kreise hineinpassen, die aber insgesamt eine umfassende Gefahr darstellen, die am Ende unseren ganzen Planeten zerstören kann. Dieses näher zu erklären, ist heute allerdings nicht mehr allzu schwer, aber wie weit ausgebaut die entsprechenden Strukturen bereits sind, wird uns zunehmend beklemmend bewußt. Eine allgemeine Bedrohung, die bis dahin nur in diffusen Einzelhandlungen hier und dort bestand, erhielt inzwischen eine immer greifbarere Gestalt, und zunehmend wurden die entsprechenden Handlungen bestimmter Akteure auch immer zielgerichteter. Es gibt mittlerweile sehr bewußt handelnde Gruppierungen und Interessenverbände, denen sogar u.U. ehemalige Statsoberhäupter vorstehen.

Das, was diese Leute so gefährlich macht, ist die Tatsache, daß sie keineswegs offensichtlich als Weltverschwörer arbeiten und auftreten, sondern daß sie und ihresgleichen zunächst nur sehr gezielt an der Veränderung des gesellschaftlichen Paradigmas arbeiten und daß sie dafür ein reichhaltiges Instrumentarium verwenden, wie u.a. die Umdeutung positiver Begriffe, in derem Interesse sie vorzugehen behaupten. So können sie ihre Zwecke durchaus als scheinbare Ehrenmänner verfolgen, und oft ist es ihnen noch nicht einmal nachzuweisen, daß sie sich der negativen Folgen ihres Handelns bewußt sind: „Negativ - für wen? Das, was in Euren Augen negativ ist, ist es im wohlverstandenen Interesse der meisten unserer Mitbürger noch lange nicht! - Und auf welche Ethik und Moral beruft Ihr Umweltschützer und Wahrheitsapostel Euch überhaupt?: Ihr, die Ihr die Natur vergöttert wie die Indianer! Heiden seid ihr, nichts anderes; unsere Mitbürger aber, deren wirtschaftliche Interessen und Arbeitsplätze Ihr bedroht, sind gute Christen!“

So etwa stellt sich ihre Sicht der Dinge wohl dar. Den Staat gibt es für diese Ehrenleute nur unter zwei Aspekten: zum einen als den Garanten der bürgerlichen Ordnung im Sinne von „Law and Order“, zum anderen aber neuerdings immer mehr als etwas, das man möglichst abbauen muß („schlanker Staat“), weil es nur von den anständigen Leuten und deren Steuern bezahlt werden muß. Das ist natürlich ein Widerspruch, aber der Bürger lebt aus Widersprüchen, mit denen er in einer Weise jongliert, daß er es schon selbst nicht mehr merkt.

Der Nationalstaat steht also plötzlich all diesen Leuten, die in den Besitz kumulierenden Kapitals gekommen sind, das sie in irgendeiner Form realisieren müssen, bei der Verfolgung ihrer Interessen immer mehr im Wege. Schon gibt es multinationale Konzerne, die ebenso stark oder sogar noch stärker sind wie viele Nationalstaaten, und schon versuchen sie deren ihren eigenen Interessen entgegenstehende Macht immer mehr zu untergraben: das ist eine der jetzt immer konkreter werdenden Strukturen, die nicht nur das ökologische Gefüge unseres Planeten, sondern auch das soziale der Nationalstaaten in noch nie dagewesener Weise bedrohen. So steht dann das, was die Physiker entsprechend dem zweiten Hauptsatz der Ther­modynamik eigentlich erst am Ende aller Zeiten kommen sahen, schon jetzt draußen vor unserer Tür: nämlich die „maximale En­thro­pie“, die Auflösung aller Ordnung und das totale Chaos. Das ist die Gefahr, mit der wir es zu tun haben und der unser schon recht verzweifelter Kampf gelten muß - wobei wir es mit einem wirklich tückischen Feind zu tun haben, der unsere Worte und Absichten u.U. einfach nur umfunktioniert und mit dem größeren Kapital scheinbar alle Waffen in seiner Hand hat, da wir oder unsere Vorderen es zugelassen haben, daß alle Werte zu einer Funktion dieses Kapitals geworden sind - selbst die Kunst und die Religion. Das ist die wirkliche babylonische Sprach­ver­wirrung. Es ist ein Geist aus der Flasche, der sich aber jetzt nicht nur gegen unsere geistigen und kulturellen Werte richtet, sondern inzwischen auch unsere gesunden Wirtschafts­strukturen untergräbt. Das allerdings ist auch eine große Chance für uns, denn wenn man den Bürgern ihre wirtschaftliche Basis nimmt, werden sie hoffentlich immer mehr zu Mitstreitern. In der gewaltsamen Rück-Horizontalisierung der eigentlich vertikalen bürgerlichen Gesellschaft liegt auch die Chance zu ihrer Rück-Vergeistigung. Das ist dann ein Prozeß, der sich nicht mit verbalen Verdrehungen leugnen und aus der Welt schaffen läßt. Das ist am Ende wahrscheinlich die einzige und wirkliche Chance zur Gesundung unserer Gesellschaft.Aber so weit ist es noch nicht, und vielleicht muß es auch nicht so weit kommen, vielleicht auch wirken alle Prozesse und Formationen durcheinander. Im Augenblick hat sich jedenfalls die gegen die Nationalstaaten gerichtete Macht schon sehr deutlich formiert. Die 29 reichsten Industrieländer der Welt - die OECD-Länder - haben ihren deutlichen Willen bekundet, ein sog. Multilateral Agree­ment for Investment (MAI) zu schließen, in dem die Regierungsvertreter der unterzeichnenden Staaten gerade im Namen dieser Staaten deren Bankrott gegenüber den mächtigen Wirtschaftsmultis erklären sollen. Die Staaten und ihre Vertreter sollen zukünftig nichts mehr gegen die Interessen dieser Multis beschließen können. Das ist nur möglich, weil diese Vertreter nicht wissen (oder vielleicht auch aus persönlichen Gründen gar nicht wissen wollen), worin das wirkliche Interesse ihrer Staaten liegt: liegt es denn nicht im transnationalen Wirtschaftsverbund, und ist das nicht im Interesse aller angeschlossenen Staaten? Dann aber bestimmen nicht mehr die nationalen Regierungen im Auftrag ihrer Bürger, wie deren Arbeitsverträge und sonstige Lebensbedingungen aussehen sollen, sondern die Konzerne bestimmen die Arbeitsschutzgesetze, die Mindestlöhne, die Auflagen für den Umweltschutz und letztlich auch die Presse- und Meinungsfreiheit. Wer sagt denn auch, daß das Interesse der Menschen und der Natur das höchste Prinzip zu sein hat und nicht das der globalen Konzerne? Sind die es denn nicht, die das Geld verdienen und auf deren Schultern die ganze Verantwortung der Welt liegt, und kann nicht der, der diese trägt, auch am besten beurteilen, was darunter zu verstehen ist? Vielleicht könnten solche Dinge nochmals in einer Grundsatzdebatte geklärt werden - die aber findet nicht mehr statt, weil ansich schon alles entschieden ist. Die Legislative hat auch in unserem Land längst ein Gesetzeswerk geschaffen, das dem Interesse von sog. Investoren überall die höchste Priorität beimißt, hinter dem die Bürgerrechte zurückzustehen. Sog. wirtschaftliche Zwänge gelten als Naturgesetze. Vielleicht sehen einzelne Politiker das anders, aber die politischen Mehrheiten stehen dann nicht auf ihrer Seite. Sie gelten als unrealistisch oder gar weltfremd. Jedenfalls verstehen sie nichts von „der Wirtschaft“. Umweltschutz und Bürgerrechte sind schön und gut, aber schließlich muß man die ja auch bezahlen können. Und wer bezahlt das alles, wenn nicht die „Unternehmer“ und "Investoren"? Und da das so ist, muß man ihnen auch die Entscheidungen überlassen, was letztlich getan wird. Sie tun es ja auch nicht aus Übermut, sondern weil sie eben besser einzusehen vermögen, daß es gar nicht anders geht. Diese Argumentation wird keineswegs immer offen vorgetragen, sondern auf allen Ebenen subtil und faktisch verwirklicht. Wer schon lange im Voraus bestimmte Weichenstellungen vorgenommen hat, braucht später nicht mehr besonders anzuzeigen, wohin der Zug fahren soll. Derartige Weichenstellungen nennen wir Institutionalisierung. Damit sind Strukturen aufgezeigt, in denen sich auch unversehens die Umweltschützer selbst verfangen. Es verwundert deshalb kaum, daß von deren Seite zu all diesen Dingen bisher keine Kritik zu hören war. Schließlich sind auch sie Kinder unserer Gesellschaft, und diese ist nun einmal spätestens seit der Aufklärung und dem 19. Jahrhundert positivistisch geprägt. So liegt es auf der Hand, daß selbst die Ökologen akzeptierten, daß „die anderen“ von der „Wirt­schaft“ letztlich mehr verstanden und daß die Argumentation, nur reiche Länder könnten sich überhaupt den Umweltschutz leisten, ihnen zwar ärgerlich, jedoch nicht völlig falsch erschien. (C.A.)

(Dieser Artikel wurde bereits 1998 geschrieben.)

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