Thema Underground

Gegenbewegungen

 

Das parlamentarische System als solches funktioniert nicht mehr so, wie es die Väter unserer Verfassung vorgesehen hatten, nämlich als Interessenvertretung des gesamten Volkes; es kann sich nicht mehr selbst kontrollieren, weil seine innere moralische Kraft degeneriert ist. Wie ein Rückblick zeigt, erhielt es seinen ersten wirklich ernsthaften Schlag ausgerechnet mit jener angeblich ‚geistig-moralischen Erneuerung‘ des Kanzlers Kohl. Von diesem Schlag hat es sich nicht mehr erholt, sondern wurde besonders von Kohls Nachfolger Schröder endgültig zu Boden geworfen, indem er sich über seine eigenen Wahlversprechen in einer bis dahin nicht für möglich gehaltenen Weise nur lustig machte, sie sogar auf den Kopf stellte und den Willen seiner eigenen Parteibasis durch Erpressungen konterkarierte. Auch die Kulturszene, die ansich als öffentliches Forum eine geistige und moralische Kontrollinstanz sein sollte, funktioniert seither nicht mehr in diesem Sinn, weil sie inzwischen selbst zu einem Instrument des Kapitals bzw. des Marktes geworden ist. Unsere Gesellschaft scheint inzwischen weitgehend unfähig zu geistiger Erneuerung zu sein, weil sie am Ende einer Entwicklung in Richtung des totalen Materialismus angelangt ist. In Italien ist mit Berlusconi einTiefpunkt erreicht. Noch weiter geht es wohl kaum in diesem Sinn. Selbst die Esoterik, als eine Art verzweifelter Religionsersatz in einer Zeit, in der die traditionelle Kirche sich immer unglaubwürdiger macht, ist nichts anderes als ein neuer Markt. Das betrifft aber nur die öffentlichen Wege und Instrumente - an der Basis dagegen scheint es mittlerweile sehr zu brodeln. Das ist auch dringend nötig, denn nur von hier kann unter diesen Umständen noch eine effektive Gegenkraft entstehen. Diese Basis ist nicht unbedingt nur eine politische, sondern sie tritt auch als künstlerischer oder esoterischer ‚Underground‘ in Erscheinung bzw. ist als solcher latent wirksam. Kennzeichnend für sie ist nur die Tatsache, daß sie sich keiner offiziellen Wege bedient. Wenn sie aber politisch wirksam werden will, muß sie sich dennoch über die Mittel bemerkbar machen, ohne die es keine öffentliche Wahrnehmung mehr gibt und wohl auch niemals gegeben hat. Das ist ein paradoxer und labiler Zustand, der praktisch automatisch irgendwann zur Etablierung und damit offenbar zwangsläufig zu jener Entartung führt, die wir heute leider bei den Grünen feststellen müssen. Aber vielleicht kann man sich alle diese Zustände nicht statisch, sondern immer nur prozessual vorstellen.

Wie auch immer: Nachdem die aus einer ehemaligen Basisbewegung hervorgegangene Partei der Grünen vollends von den Karrieristen übernommen wurde und praktisch kaum noch etwas mit der einstigen Basisbewegung zu tun hat, suchen globalisierungskritische Menschen nach einer neuen organisierten Identität. Dafür bieten sich inzwischen mehrere Basisorganisationen an, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, nachdem die neoliberalen Provokationen immer dreister wurden. Im November 1997 erschien in der französischen Zeitung ‚Le Monde diplomatique‘ ein Artikel des Chefredakteurs Ignacio Ramonet unter dem Titel ‚Entwaffnet die Märkte!‘, in dem er die Gründung einer Organisation unter dem vorgeschlagenen Namen ‚Attac‘ anregte. Dieser Artikel ist inzwischen ein historisches Dokument und gewissermaßen der Gründungsaufruf der ganzen Bewegung. ‚Attac‘ bedeutet ‚Action pour une Taxe Tobin d'aide aux citoyens‘, also auf deutsch ‚Aktion für die Einführung der Tobin-Steuer zum Wohle der Bürger‘. Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger James Tobin hatte 1972 erstmals vorgeschlagen, eine weltweit gültige Steuer auf alle Devisengeschäfte einzuführen. Durch diese Abgabe, so meinte er, könnte es gelingen, einerseits die globalen Finanzmärkte halbwegs zu bändigen und andererseits mit dem dabei erhobenen Steuergeld etwa Entwicklungshilfeprojekte zu finanzieren. Der sich darauf beziehende Artikel hatte eine unglaubliche Resonanz; er erhielt etwa 4.000 Leserbriefe. Wenig später wurde ‚Attac‘ von den Herausgebern der Zeitschrift und Initiatoren der Idee tatsächlich in Frankreich gegründet und hatte bald mehrere Ableger in verschiedenen Ländern. Erst relativ spät sprang der Funke nach Deutschland über, weil es dort bereits mehrere andere konkurrierende Splittergruppen gab (z.B. ‚Stiftung Umverteilen‘, ‚Weed‘, ‚Pax Christi‘), die sich erst - Anfang 2000 - unter dem gemeinsamen neuen Dach zusammenfinden mußten. ‚Attac‘ wurde dann zum Zentrum eines neuen und sich schnell ausbreitenden internationalen Netzwerkes. Mit den neuen Techniken wie Handy und Internet können sich derartige Netzwerke tatsächlich sehr schnell über die ganze Welt ausdehnen, sofern hinter ihnen eine genügend durchschlagende Idee steckt, die geeignet ist, unterschiedliche Menschen in mehreren Kontinenten ideologisch zu verbinden. So wird aus zuvor überall einzeln agierenden Menschen und Gruppen plötzlich eine einzige große Familie, die überall vor Ort ist und überall ihre Beobachter hat, die ihre eigenen Erfahrungen einbringen können. Das einzige, was sie dann noch vom internationalen Netzwerk der Mächtigen unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie weder viel Geld haben noch an den Hebeln der Macht sitzen. Aber im Zeitalter der Medien tritt ein anderer Faktor in den Vordergrund: nämlich die Information. Und die kann ohne Geld und Macht sogar noch wirksamer sein, wenn ihre Basismotivation stärker und verbindender ist. Information ist notwendig, um sich über gemeinsames Handeln und die theoretischen Hintergründe des Konfliktes zu informieren und darüber neue Mitglieder anzuwerben; Information ist aber auch nötig, um die Identität, die Schwachstellen und die Bewegungen des Gegners rechtzeitig zu erkennen sowie die Aktionen richtig umzusetzen und möglichst wirksam in die Öffentlichkeit zu bringen. Der allgemeine Krieg ist gerade über die Börsen sehr virtuell geworden, und es wäre nur konsequent, wenn sich hier schließlich zeigen würde, daß er sich nicht nur vom realen Markt, sondern auch vom realen Geld losgelöst hat, sodaß am Ende das gültige Geld nur noch zu einer fiktiven Rechengröße wird, die Realgeld und schließlich auch reale Macht überflüssig macht. Dann wären die Fronten ausgeglichen. Die Deregulierer könnten so paradoxerweise ihre eigene Macht untergraben, indem sie ihr ansich angestammtes Feld, die ihnen vorgeblich so wichtigen Märkte, immer unrealer werden lassen.

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