Thema Underground

Dumbo, der Usurpator

 

 

Daß Vandalen die wahren Bewohner des Undergrounds sind, dürfte hinlänglich bekannt sein. Doch ist es in der jüngsten Vergangenheit einigen von ihnen sogar gelungen, selbst in die höchsten Spitzenämter unserer Gesellschaft zu gelangen!! Das ist allerdings weniger normal und gesund! Ein musterhaftes Beispiel für die subversive Taktik eines Usurpators liefert unsere im folgenden Bericht gesuchte Person, bei deren Aufstieg sich leider auch die Medien in Außerachtlassung ihres demokratischen Auftrages als Spießgesellen aktiv beteiligt haben. Das sollten wir niemals vergessen!

 

Wer war’s?

 

Die gesuchte Person XXX stammt aus einer Familie mit insgesamt fünf Kindern. Der Vater gehörte zum Dienstpersonal des fahrenden Volkes und wurde schließlich an die Kriegsfront geschickt, von wo er nicht zurückkam. Der Sohn, der seinen Vater kaum gekannt hatte, besuchte die Grundschule und machte danach eine Lehre als Verkäufer in einer Eisenwarenhandlung. Gleichzeitig arbeitete er als Bauhilfsarbeiter. Als 21-jähriger holte er in einer Abendschule die mittlere Reife nach, absolvierte das Abitur mit 25 Jahren auf dem zweiten Bildungsweg und holte bis zu seinem 32 Lebensjahr auch ein Jurastudium nach. Abgesehen von einer kurzfristigen und nicht näher erläuterten Tätigkeit als freier Rechtsanwalt hat er offenbar einen praktischen Beruf nie ausgeübt, sondern verlegte sich schon sehr frühzeitig fast ausschließlich auf eine politische Laufbahn. Bereits mit 19 Jahren trat er in eine große Partei ein und wurde recht früh Vorsitzender in deren Nachwuchsorganisation. Er zog danach sogar in ein Provinzparlament ein und wurde dort Oppositionsführer. Sehr bald wurde er sogar der Regierungschef seines Landes.

Aber die Provinz genügte ihm nicht. Deshalb arbeitete er außerdem sehr zielgerichtet an seinem Aufstieg im Bundesvorstand seiner Partei. Es kam ihm zugute, daß der bisherige Kronprinz wegen einer Verwicklung in eine Affäre zurücktreten mußte und er sich somit als dessen Nachfolger bewerben konnte. Allerdings fehlte es ihm an Rückhalt an der Parteibasis, sodaß an seiner Stelle ein anderer Kandidat gewählt wurde. Nach der für die Partei jedoch erfolglos verlaufenen Wahl zum Regierungschef des Hauptstadtparlamentes mit dem bisherigen Spitzenkandidaten versuchte sich XXX mit etwas mehr Nachdruck erneut ins Gespräch zu bringen. Dabei brachte er die Tatsache ins Spiel, daß er sich als Provinzgouverneur bereits medienwirksam profiliert hatte. Seine Taktik, sich mit Hilfe der Medien und der Öffentlichkeit sogar gegen seine Partei und vor allem gegen die Willensbildung der Parteibasis aufzubauen, wurde dabei immer deutlicher. Er setzte dabei sehr zielgerichtet dramaturgische Elemente ein und erreichte so zunächst immerhin, daß er zusammen mit dem bisherigen Spitzenkandidaten und dessen Stellvertreter vor der Öffentlichkeit als Mitglied eines Spitzentrios auftreten konnte. Allerdings diente ihm auch das offensichtlich nur dazu, seine beiden Mitstreiter lediglich als Sprungbrett zu benutzen. Seine Profilierungsversuche in den Medien auf Kosten der Partei wurden entsprechend immer aggressiver. Nachdem er dabei sogar seine Parteispitze öffentlich kritisiert und erklärt hatte, deren Grundprogramm bedürfe einer fundamentalen Neuorientierung und habe sich mehr an moderner Wirtschaftspolitik auszurichten, und nachdem er zudem Zweifel an den Führungsqualitäten des bisherigen Spitzenkandidaten geäußert und ihm das Recht auf die weitere Anwartschaft auf die nächste Wahlkandidatur zum Hauptstadt-Regierungschef abgesprochen hatte, entzog ihm dieser das Amt des wirtschaftspolitischen Sprechers der Partei. Eine zweite persönliche Schlappe erlebte XXX, der bis dahin nur den bisherigen Spitzenkandidaten als - seiner Meinung nach leicht zu überwindenden - innerparteilichen Gegner gesehen hatte, als auf einem kurz danach stattfindenden Parteitag spontan dessen bisheriger Stellvertreter von der Parteibasis zu dessen Nachfolger als Parteivorsitzender gewählt wurde. Dieser zeigte sich allerdings moderat und versuchte XXXs ungebrochenem und überschäumendem Ehrgeiz entgegenzukommen, indem er ihn in das Amt des wirtschaftspolitischen Sprechers zurückrief. Vielleicht wäre es dabei geblieben, denn der neue Vorsitzende war nun der unbestrittene starke Mann seiner Partei, und auf einem der folgenden Parteitage bestätigte die Basis ihn sogar mit 93,2% der Stimmen als Parteivorsitzenden. Als solcher war es auch sein Vorrecht, für die kommende Wahl erneut zum Kanzlerkandidaten gewählt zu werden. Das war er nämlich bereits acht Jahre zuvor gewesen und hatte dabei nur sehr viel Pech gehabt – unter anderem wegen eines gegen ihn gerichteten Attentats. Jetzt stand die Partei wie kaum jemals zuvor personell und programmatisch völlig geschlossen hinter ihm. Der neue starke Mann forderte – ganz im Gegensatz zu XXX - widerspruchslos eine Besinnung auf die alten Grundwerte der Partei. Demgegenüber hatte XXX mit seiner Aussage, er wolle nur als Regierungschef, nicht aber als dessen Minister die Hauptstadtwahl gewinnen, für Unmut gesorgt. Viele wollten darüber schul­terzuckend hinweggehen, denn seine Wünsche standen nicht zur Diskussion; doch er verfiel auf einen Trick, der ihn doch wieder als Spitzenkandidat ins Spiel brachte. Er machte seinen - ansich gar nicht gefragten - Verzicht darauf von der Tatsache abhängig, wie er bei der der Gesamtwahl vorausgehenden Wahl seines Provinzlandes abschneiden würde. Sollte er dabei mehr als 2% verlieren, so wäre der bisherige Favorit Spitzenkandidat gewesen, sollte er dagegen erfolgreich sein, so wäre er selbst der neue Hauptstadtkandidat. Sein Kalkül, daß die Wähler seines Provinzlandes ihm unter solchen Umständen helfen würden, ging dabei auf. Ob er ohne diese Verkoppelung diese Wahl auch so deutlich gewonnen hätte, war zwar fraglich gewesen, aber nachdem der Wahlsieg nach dieser Maßgabe eindeutig war, war XXX automatisch auch Kandidat für die folgende Gesamtwahl. So hatte er - eigentlich gegen den Willen seiner Partei und unter Voransetzung seines ausschließlich eigenen Ehrgeizes – den bisherigen Favoriten von dessen Spitzenplatz verdrängt, konnte aber nicht verhindern und versuchte auch davon zu profitieren, daß er diesen für den Wahlkampf mit in eine Doppelspitze übernehmen mußte. Nachdem er so mit diesem gemeinsam die Gesamtwahlen gewonnen hatte, ging er danach ziemlich zielgerichtet daran, ihn als Machtkonkurrenten zu beseitigen. Auch alle anderen dem alten Hauptprogramm seiner Partei verschworenen Parteimitglieder wurden von ihm bald nach der Wahl entmachtet, aus dem Kabinett entfernt oder gar ins Ausland versetzt und der ganze dazugehörige Flügel innerhalb der Partei mit Hilfe der Medien und der Wirtschaftslobby ins politische Abseits geschoben. Schließlich konnte er noch kurz vor dem Ende der ersten Regierungsamtszeit auch den noch verbliebenen früheren Spitzenkandidaten entmachten, nachdem der sich wiederholt öffentlicher Kritik ausgesetzt hatte. Statt dessen brachte er neue Leute in einflußreiche Positionen, die zuvor selbst innerhalb der Partei kaum bekannt gewesen waren oder aber gar keine Parteimitglieder waren. Nachdem ein völlig indiskutabeler Kandidat für das Amt des Wirtschaftsministers sich schon vor der Wahl selbst diskreditierte, wurde ein parteiloser ‚Mann der Energiewirtschaft‘ in das Amt gesetzt. So machte er aus der altehrwürdigen Partei - als sei diese als solche niemals nötig gewesen - am Ende eine Kopie ihres früheren parlamentarischen Gegenlagers, so als sei er nur deren Trojanisches Pferd gewesen. Wenn Parteimitglieder gegen seine diversen Ellenbogenmaßnahmen aufmuckten, hielt er sie mit wiederholten eigenen Rücktrittsdrohungen in Schach - denn wenn viele ihn auch gerne losgeworden wären, so sahen sie sich jetzt doch in einer Lage, in der sie auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden waren. Als XXX schließlich wieder den Parteivorstand aufgab, den er nach dem von ihm betriebenen Abgang des früheren Amtsinhabers mit denkbar schlechtem innerparteilichem Wahlergebnis übernommen hatte, sahen darin die meisten Beobachter den Versuch, den katastrophalen Einbruch in Meinungsumfragen sowie den enormen Mitgliederschwund der Partei aufzuhalten. Nach Ansicht Vieler kam XXX mit diesem Rücktritt entsprechenden Forderungen aus den Landesverbänden der Partei gerade noch zuvor.

Vermutlich hat er nie etwas anderes gelesen, als das, was für ihn einzig relevant war - und das bezeichnete er selbst einmal als einen Mix von Boulevardblättern. Jedenfalls ließ seine Politik keine wesentlich anderen Einflüsse erkennen. Sein politischer Stil erschien bald als derartig opportunistisch, unqualifiziert und chaotisch, daß er nach seinem Regierungsantritt schnell seine Popularität als sog. ‚Mann der Medien‘ einbüßte und sogar zum öffentlichen Buhmann wurde. Das hatte insbesondere seine Partei in verschiedenen Provinzwahlen und der Europawahl des Folgejahres zu büßen, bei denen sie teilweise dramatische Einbrüche erlebte. XXX begegnete auch dem mit bloßer Taktik: Er holte nach und nach alle entmachteten Provinzgouverneure der Partei als neue Minister in die Hauptstadt. XXX ‚kaufte‘ somit ganz einfach diese innerparteilichen Kritiker. Auf der anderen Seite stärkte er erheblich die Position seiner Freunde - besonders die des neuen ‚Gouverneurs’ der größten Provinz, den er später sogar zum ‚Superminister‘ in der Hauptstadt machte, obwohl der mit seiner Politik seine Partei selbst in der früheren Parteihochburg fast hoffnungslos in die Defensive gebracht hatte. XXX umgab sich offenbar gerne mit Verlierern, vielleicht um dadurch selbst besser dazustehen, doch bald waren die innerparteilichen Möglichkeiten dazu ausgeschöpft.

Darüber war das Bild des Medienlieb- und -zöglings - und damit seine einzige Trumpfkarte und auch ansich sein einziges Talent - immer mehr verblaßt. Schon rein optisch war den Wählern aufgefallen, daß der neue Kanzler, den sie vor der Wahl praktisch nur in Fensterausschnitten gesehen hatten, in Ganzkörperbildern weniger hermachte. Besonders bei außenpolitischen Auftritten machten die Wähler eine bis dahin ungewohnte Erfahrung. Nach seinem Vorgänger, einem wahren Riesen, sahen sie nun neben den verschiedenen ausländischen Regierungschefs im­mer nur einen recht kleinen eigenen Repräsentanten, der mit seinem schwindenden Charisma auch weiterhin zu schrumpfen schien. Der neue Regierungschef und besonders dessen Frau wurden immer mehr zum gefundenen Fressen der Kabarettisten. XXX bot dazu reichlich Vorwand, schließlich war er nicht nur politisch glücklos, sondern auch privat angreifbar. Daß er schon zum vierten Mal verheiratet war, wurde längst nicht überall so leicht hingenommen, wie er das gerne gesehen hätte. Auch seine innerparteiliche und politische Taktiererei wurde in ihrem hohlen Machtanspruch sowie ihrer Ideen- und Perspektivlosigkeit immer deutlicher wahrgenommen. Allzu dumm war sein Programm, und auch seine Redewendungen und Reden erschienen immer stereotyper, hölzerner und unglaubwürdiger. Er wirkte fast wie ein Roboter. Da nicht viel hinter seiner Fassade steckte, kannte man ihn bald in- und auswendig. Vielleicht kommt noch der Zeitpunkt, wo man ihm einen eigenen Namen geben muß, um ihn von einem Vorgänger gleichen Namens unterscheidbar zu machen. Da das einzige, was an ihm nicht geschrumpft ist und damit vergleichsweise immer größer wurde, seine Nase und seine Ohren zu sein scheinen, wird er - auch wegen seines quadratischen Schädels und Körperbaues - gewissermaßen nicht nur in seiner Politik, sondern auch äußerlich als immer vollkommenere Entsprechung des Materieprinzips - zunehmend dem kleinen Disney-Elefanten namens Dumbo ähnlich. Der Name würde auch phonetisch einen Sinn ergeben - als reichlich dummer Genosse der Bosse. Denn denen hatte er sich - aus seiner nie überwundenen Perspektive als Underdog und Aufsteiger wohl verständlich - immer angebiedert, und sie hatten dem in mehrfacher Hinsicht kleinen Mann gönnerhaft ihren Arm auf die Schulter gelegt, da er ja so willfährig infolge sonst mangelnder Perspektiven ihre Interessen vertrat. Natürlich wäre diese Namensgebung gehässig, aber es träfe wirklich nicht den Falschen, denn selten hat jemand seinen eigenen Ehrgeiz derartig über die Interessen eines ganzen Volkes und namentlich auch der Bürger gestellt, die zwar vielleicht seine Partei, aber nicht diese Politik gewählt hatten und nun - unter dem hämischen Beifall der ‚Bosse‘ - deren Folgen zu tragen hatten. Dumbo regierte übrigens sehr bald längst nicht mehr selbst. Das Wort von der ‚Räterepublik‘ machte die Runde: Für alles und jedes setzte er Kommissionen und Räte ein, um ihm über seine eigene Ratlosigkeit hinwegzuhelfen. Man sollte eigentlich annehmen, daß jemand, der sich in ein solches Amt wählen läßt und dabei noch kräftig nachhilft, eigentlich selbst weiß, was er da will. Aber das schien nicht der Fall zu sein.

 

Und die Moral aus der Geschicht’?

Natürlich sollte jeder Mensch alle Chancen haben, aber wenn wir deshalb auch nicht die Frage seiner gesellschaftlichen Herkunft überbewerten sollten (denn dieses Prinzip hat sich zuletzt auch nicht bewährt), so kann das doch andererseits nicht heißen, daß sich jemand über jede derarige Legitimation hinwegsetzt. Nehmen wir an, daß die Menschen weniger durch den Stand ihrer Geburt unterschieden sind, so müssen eben andere Dinge an dessen Stelle treten, die in ihnen dennoch eine gewisse Rechtfertigung für eine höhere gesellschaftliche Funktion erahnbar machen - irgendwelche besonderen Fähigkeiten oder charakterlichen Qualitäten etwa und auch - eigentlich unverzichtbarerweise - ein bestimmtes allgemeines und über das rein Fachliche hinausgehendes Bildungsniveau, das sie in die Lage versetzt, ihre Position und die damit verbundenen Aufgaben in einen gewissen historischen, kulturellen und geistigen Kontext zu stellen und sie somit holistisch zu begreifen. Anderenfalls stellt man sie einfach vor eine Wand und sagt: „so, jetzt mach mal.“ Es ist ein nicht zu übertreffender Skandal, daß jemand, der – und jetzt werden wir etwas konkreter - die Regierungsgeschäfte immerhin eines der beiden Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reiches führt, dazu seine Vorstellungen einer Boulevardzeitung entnimmt. So hat sichtbar der vermutlich aus dieser Zeitung stammende Begriff der ‚Neidsteuer‘ Dumbos fiskalpolitische Vorstellungen beeinflußt. Wir haben den Materialismus einfach zu weit getrieben und uns dadurch auch in unseren Elitestrukturen jenseits jeder höheren Legitimation gestellt. Die Tibeter zum Beispiel legen hinsichtlich der Wahl ihres Dalai Lama auch keinerlei Bedeutung auf den gesellschaftlichen Stand seiner Eltern, aber sie setzen dabei dennoch eine höhere Legitimation aufgrund einer vorinkarnatorischen Bestimmung voraus. Die Frage, ob sich dahinter eine höhere Wirklichkeit verbirgt, ist dabei ansich zweitrangig - wichtig ist, daß daran kollektiv geglaubt wird, denn das hält die kollektive Moral aufrecht. Wenn aber nur noch der nackte Sozialdarwinismus an die Stelle jeder anderen Rechtfertigung und Moral tritt, entsteht ein perspektivischer Zirkelschluß, an dem die Gesellschaft irgendwann zugrunde gehen muß.

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