Thema Soziologie

Brief an eine alte Tante

Ein Brief zum Thema 68er und die sog. 'Frankfurter Schule'.

 

Liebe Tante Lucia!

Du hast mir einen Artikel über die „Frankfurter Schule“ geschickt und möchtest wissen, wie ich darüber denke, weil Du davon ausgehst, daß ich zur Zeit der bekannten Studentenunruhen um 1968 selbst Student und an dem ganzen Komplex irgendwie beteiligt war.

Das wird notwendigerweise allerdings ein langer Brief werden.

Du sagst, daß Du diesen Aufstand damals nicht begreifen konntest, weil wir ja gerade den Krieg überwunden und am Kommunismus vorbeigekommen waren: und nun dessen Zurückholung??? Ich glaube, daß ich zunächst wirklich einmal erklären sollte, was die Studenten damals bewegte. Ich kann dabei natürlich nicht für alle damaligen Studenten sprechen, aber ich glaube in der Tat, daß ich damals mitten darunter war und sehr deutlich mitempfinden konnte, was sie ganz allgemein bewegte:

Wie wir uns alle noch erinnern können, waren die unmittelbaren Nachkriegsjahre durch den Wiederaufbau und zunehmende Vollbeschäftigung gekennzeichnet. Davon können wir heute nur träumen, aber jede gute Sache hat auch ihre Schattenseiten. Da also jeder Bürger an seinem Arbeitsplatz stand, war der damit verbundene unangenehme Nebeneffekt eine zunehmende Verspießerung der Gesellschaft, die allmählich – zumindest für die heranwachsende Generation – immer unerträglicher wurde. Das kann ich besonders aus meinem Elternhaus bestätigen: wir Kinder waren Menschen zweiten Grades; wir hatten nur zu sprechen, wenn wir gefragt wurden; wir hatten bei Tisch gerade zu sitzen und wenn Besuch kam, unseren Diener zu machen usw... Von diesem unglaublichen Muff machen sich die heutigen Jugendlichen einfach keine Vorstellung. Die Kinder lagen den Erwachsenen imgrunde nur auf der Tasche und hatten sich anständig zu verhalten  (ebenso, wie nach heutiger ebenso abwegiger Sichtweise die Alten den Jungen nur auf der Tasche liegen). Die Studenten studierten nur vom Geld der anderen und hatten deshalb gefälligst nur zu studieren, um schnell fertig zu werden und nichts anderes: „Wir haben das Land wieder aufgebaut“, hieß es in der Springer-Presse, „und Ihr habt Euch uns deshalb zu fügen.“ (Oder so ähnlich. Als wenn es nicht die verdammte Pflicht einer jeden Generation wäre, der Nachfolgegeneration nicht nur ein notdürftig repariertes, sondern ein gar nicht erst zerstörtes Land zu übergeben!) Jeder Bürger stand eben an seinem Platz, las i.a. die Bild-Zeitung und deren Ansichten über die Studenten, und jeder, der nicht arbeitete, weil er u.a. noch studierte, hatte sich dieser durch die Bild-Zeitung normierten Spießerlogik anzupassen und nur ja nicht aufzufallen. Dabei gab es in der Gesellschaft und im Bildungswesen unglaubliche Mißstände, und wie es so ist, empfinden gerade junge Menschen – und unter ihnen diejenigen, die geistig etwas aufgeschlossener und informierter sind, wie es bei den Studenten nun einmal der Fall ist – bestimmte Mißstände in der Gesellschaft besonders stark. Außerdem war das Recht zur freien Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht ein verfassungsmäßig verbürgtes Recht. Aber mit dem Demokratiegedanken hatte die Hitler-Generatin eben noch beträchtliche Schwierigkeiten. Du schreibst, daß wir doch glücklicherweise gerade am Kommunismus vorbeigekommen waren, und das schien den meisten dieser Generation erstaunlicherweise wirklich viel wichtiger zu sein als die Tatsache, daß wir den Faschismus überwunden hatten. Das war nämlich offensichtlich noch keineswegs der Fall, denn der wirkte nach wie vor in den Köpfen der Älteren nach. Die Gesellschaft war weiterhin latent faschistoid, nicht nur in den Institutionen (viele Richter und sonstige Amtsträger waren einfach von früher übernommen worden), sondern auch hinsichtlich der allgemeinen Glaubensgrundsätze und Verhaltensweisen. Es gab einen unglaublichen Normierungsdruck auf allerunterstem geistigem und moralischem Niveau, der sich u.a. in den genormten Presseorganen niederschlug, mit denen die intelligenteren Jugendlichen nichts anfangen konnten. So lasen die Studenten auch nicht die Bunte oder ähnliche Zeitschriften, in denen ihnen u.a. die heile Welt des Schahs und seiner Soraja vermittelt werden sollte, sondern sie wußten schon damals, was heute alle wissen: nämlich daß dieser Schah (wie später etwa Saddam Hussein) ein von den USA installierter sehr despotischer Dikator war, der sein Volk drangsalierte, nachdem von den USA zuvor die demokratische Mossadegh-Regierung deinstalliert worden war. Als die Studenten nun wieder wagten, anläßlich des Schah-Besuches in Berlin zu demonstrieren, wurden sie vom Begleitpersonal des Schahs mit schweren Knüppeln teilweise krankenhausreif geprügelt, ohne daß unsere Polizei dagegen etwas unternahm. Als aber schließlich sogar ein deutscher Polizist einen deutschen Studenten (Benno Ohnesorg) auf offener Straße erschoß, da war wirklich das Maß voll. Ich weiß selbst, welche verzweifelte Wut ich dabei empfand, und ich war sofort mit auf der Straße. Überall zugleich gingen in diesem Moment die wirklichen Studentenrevolten los und griffen auch auf Frankreich über. Die Bild-Zeitung hatte daran ihren guten Anteil, und deshalb richteten sich auch viele Anschäge gerade gegen Häuser der Springer-Presse.

Mir war der praktizierte Kommunismus, wie ich ihn einmal bei einem Besuch in Ostberlin selbst handfest zu spüren bekommen hatte, absolut unsympathisch. Aber darum ging es gar nicht. Nur die wenigsten unter den Studenten sympathisierten wirklich mit den Kommunisten. Sie wußten nur, daß sie damit die Spießbürger am meisten provozieren konnten, die in der Zeit des kalten Krieges offenbar keinen schlimmeren Feind kannten, obwohl im Westen ganz offensichtlich auf andere Weise die gleiche geistige Unfreiheit herrschte. Allerdings sympathisierten – besonders vor dem Hintergrund des imperialistischen Vietnamkrieges - viele Studenten mit der Idee des Kommunismus und insofern viel eher mit Kuba (Che Guevara!) als mit Moskau; und wenn ich mir dazu einen Kommentar erlauben darf, ist mir die Feindschaft der Kirche dem eigentlichen Kommunismus gegenüber selbst nie verständlich gewesen. Ist die kommunistische Idee als solche nicht dem Urchristentum verwandt – abgesehen davon, daß sie zwar nicht kapitalistisch, aber rein diesseitig materialistisch ist, weil es ihr nur um die gerechtere Verteilung irdischer Güter geht? Aber das erklärt mir die gegenseitige Feindschaft nicht. Man sollte eigentlich meinen, daß sich die Kirche und die Kommunisten in gemeinsamer Ablehung des Kapitalismus einig wären, aber mit dem Kapitalismus hat sich inzwischen die Kirche arrangiert, obwohl sie ihn, bzw. dessen Basis, die Zinsnahme, früher jahrhundertelang abgelehnt und den Juden überlassen hatte.

Ich will jetzt aber endlich auf den Artikel über die „Frankfurter Schule“ zu sprechen kommen. Darin wird gleich zu Anfang festgestellt, daß deren Ideen bisher kaum zur Kenntnis genommen wurden. Das ist in der Tat, so scheint es auch mir, richtig, und deshalb könnte man es eigentlich bei dieser Feststellung belassen. Aber es wird ja weiter gesagt, daß diese sich deshalb umso mehr hinter dem Rücken des kollektiven Bewußtseins etablieren konnten.

Ich glaube, daß der Einfluß dieser Schule dabei völlig überschätzt wird. Natürlich hat es das später gegeben, was einige Studentensprecher damals als den „langen Marsch durch die Institutionen“ propagiert haben, aber das hätte sich auch ohne diese Schule vollzogen. Naturgemäß stellen die Studenten die späteren Akademiker dar und besetzen dann i.a. entsprechende Ämter in der Gesellschaft, und was diese Studenten anging – die sog. 68er – so waren sie nun einmal sehr durch diese angesprochenen Ereignisse geprägt, aber dazu brauchten sie nicht die „Frankfurter Schule“. Man muß dazu wissen, daß diese eigentlich keine Philosophenschule war, sondern daß ihre Vertreter und übrigens auch alle anderen bereits institutionalisierten Sprecher der Studentenbewegung eigentlich alle nur Soziologen waren. Es entsprach aber studentischer Absicht, diese ihre Sprecher zu Philosophen aufzuwerten, und diese ließen sich das ihrerseits gerne gefallen. Es gab also einen Rückkoppelungseffekt der gegenseitigen Aufwertung, und insofern erlebte die „Frankfurter Schule“ damals ihre kurze Blütezeit. Tatsächlich aber waren die meisten ihrer Mitglieder durch diese Rollenzuweisung überfordert. Besonders gilt das jedenfalls für den in dem Artikel hervorgehobenen Habermas, der m.W.  als einziger der Schule heute noch lebt. Ein einziger Satz von ihm kann das verdeutlichen, den ich hier auch deshalb hervorhebe, weil dabei der in dem Artikel mehrfach benannte Deutsche Idealismus mit zur Sprache kommt: er äußerte u.a., dieser sei ursächlich verantwortlich für den späteren Faschismus. Da kann man nur sagen: O, si tacuisses, philosophus mansisses! (Oh, hättest Du geschwiegen, wärest Du ein Philosoph geblieben!)  Immerhin weiß doch jedes Kind, daß die Grundphilosophie des Faschismus der Sozialdarwinismus und daß dieser nur eine Pervertierung des schon für sich einseitigen und fragwürdigen Darwinismus ist (es gibt nämlich noch viele andere teilweise sehr mystische überlagernde Evolutionsmechanismen), der als Theorie einen der Grundbausteine des Materialismus darstellt. Mit anderen Worten: der Faschismus ist Ausdruck eines pervertierten und verabsolutierten Materialismus. Für den besagten Ausspruch von Habermas gibt es aber zwei Gründe: Einerseits hat er als Nichtphilosoph niemals zu einer wirklichen Hinterfragung des Weltbildes der Aufklärung gefunden und übernimmt das wie der Mann auf der Straße insofern imgrunde völlig unkritisch, was dazu führt, daß ihm die Anschauungen des Deutschen Idealismus wie des philosophischen Idealismus überhaupt völlig unverständlich sind. Man muß dabei daran erinnern – und das sieht auch der hier zu erörternde Artikel nicht richtig -, daß der Deutsche Idealismus eine philosophische Bewegung etwa zur Zeit der Lehrtätigkeit von Hegel war, also etwa maximal einen Zeitraum von 20 Jahren um 1820 herum umfaßte, der es vor allem darum ging, der aufkommenden und als viel zu positivistisch und utilitaristisch empfundenen Philosophie der Aufklärung ein Gegengewicht entgegenzusetzen, in der man nur eine Mode und Pseudo-Philosophie sah. Aber selbst Goethe, den man unbedingt zu diesen Deutschen Idealisten dazurechnen muß, ist es mit all seinem Gewicht nicht gelungen, diese Mode und den damit aufkommenden Materialismus aufzuhalten. Zum anderen hat Habermas aber den Grund für seine Äußerung, daß es für die Frankfurter Schule und die Mitgliedschaft darin gewissermaßen ein Grunddogma ist, gegen den Deutschen Idealismus zu sein. Das ergibt sich aus deren Gründungsstatuten. Wie nämlich in dem Artikel teilweise ganz richtig ausgeführt, wurde diese Schule von ursprünglich aus Deutschland ins Exil in die USA gegangenen Juden gegründet, die nach dem Kriege nach Deutschland mit einem Ziel zurückkamen, das man wohl als einen kulturellen Morgenthau-Plan bezeichnen muß: den deutschen Faschismus mit seinen vermeintlichen philosophischen Wurzeln auszurotten, und die sah man in Unkenntnis der Philosophiegeschichte und in durchaus nicht harmloser Absicht im Deutschen Idealismus. Das heißt, man machte genau den Falschen als den Urheber aus, denn schließlich hatten gerade diese Idealisten am meisten gegen den Materialismus gekämpft. Aber die Frank­furter waren eben einerseits selber aufklärerische Materialisten und sahen andererseits nicht, daß der Faschismus eine übernationale Bewegung und insofern vielmehr eine zeitweilige Übersteigerung des allgemein verbreiteten Materialismus war. Stattdessen identifizierten sie ihn einseitig mit Deutschland und dessen spezifischen kulturellen Wurzeln und machten so ausgerechnet, indem sie die wirklichen Tatsachen auf den Kopf stellten, die Deutschen Idealisten als wahre Verursacher aus.

Habermas kann aber seinen Werdegang nicht verleugnen und hat wohl auch nicht das entsprechende Talent zu einem wirklichen Philosophen. Er ist nach wie vor durch diese Position, in der er heute allerdings infolge der allgemeinen Ratlosigkeit unserer Gesellschaft weiterhin offiziell bestätigt wird, m.E. völlig überfordert. Was seine neueren Bücher angeht, die ich hin und wieder überflogen habe, so finde ich darin den Schopenhauer-Ausspruch bestätigt: „Wenn er nun sich seiner eigenen Schwäche bewußt ist, wenn er gewohnt ist, mancherlei zu hören, was er nicht versteht, und doch dabei zu tun, als verstände er es; so kann man ihm dadurch imponieren, daß man ihm einen gelehrt und tiefsinnig klingenden Unsinn, bei dem ihm Hören, Sehen und Denken vergeht, mit ernsthafter Miene vorschwatzt, und solches für den unbestreit­baren Beweis seiner eigenen Thesen ausgibt...“ Aber was soll jemand in philosophierender Absicht auch schreiben, für den „die Welt alles das ist, was der Fall ist“ (wie es ein anderer Positivist ausgedrückt hat) – und auch nur das?

Ich denke also, daß sowohl die Frankfurter Schule wie auch deren heute noch lebender Vertreter Habermas völlig überschätzt werden – nicht nur hinsichtlich ihrer Bedeutung ohnehin, sondern auch hinsichtlich ihrer heute noch bestehenden gesellschaftlichen Wirkung. Zwar bekommt Habermas immer noch irgendwelche Auszeichnungen, aber was heißt das schon: niemand versteht seinen Sermon, ebensowenig wie er selbst.

Der Autor des Artikels hat das auch ganz richtig gesagt, indem er meinte, daß alle diese neueren Modephilosophen (wenn sie denn überhaupt nennenswert in Mode wären) keine neuen Ideen hervorgebracht oder verwirklicht haben. Richtig ist auch wie gesagt, daß sie auf Marx und der sog. Aufklärung aufbauen. Wenn er aber dann noch weiter zurückgeht und die Wurzeln bis Rosseau verfolgt, wird es reichlich gewaltsam, insbesondere, wenn er von da aus wieder zu den heutigen Grünen in die Gegenwart zurückleitet. Hier standen wohl eher die persönlichen Emotionen des Autors Pate, wenn er diesen sogar ökologische Besessenheit attestiert, und wenn er ausführt, daß sich die „Frankfurter“ an die intellektuell und psychosozial verelendeten Subjekte im Bildungssystem wendeten. Da hat er sich wohl seine Meinung, wie es auf Plakaten so schön heißt, vor allem aus der Bild-Zeitung gebildet. Mir kommt diese Sprache übrigens von 68 her noch sehr bekannt vor. Der Autor bringt überhaupt vieles durcheinander, was so nicht zusammengehört. Wenn er etwa Nietzsche als Nihilist und Atheist bezeichnet, so hat er durchaus recht, wenn er aber im gleichen Atemzug auch Schopenhauer so bezeichnet, so frage ich mich, ob er den jemals gelesen hat und was er vor allem unter den so beispielhaft hervorgehobenen Deutschen Idealisten versteht, wenn er Schopenhauer nicht dazuzählt. Schopenhauer ist sicher kein orthodoxer Christ, und das sollte man von einem Philosophen auch nicht verlangen. Er macht sich auch keine konkrete Vorstellung von Gott, aber schließlich stellt sich auch kein Christ Gott als eine Art Weihnachtsmann vor. Das heißt aber alles nicht, daß er nicht von einer höheren Realität hinter unserer irdischen Erscheinungswelt ausginge. Immerhin heißt sein Hauptwerk: „Die Welt als Wille und Vorstellung“, was schlicht bedeutet, daß unsere gegenständliche und immanente Welt nur eine Vorstellung (ggf. Gottes) ist, oder wie es die Buddhisten sagen, nur Schein. Schopenhauer steht auch wirklich dem Buddhismus sehr nahe, aber niemand sollte doch sagen, daß das gleichbedeutend mit Nihilismus und Atheismus ist.

Die falschen Zuweisungen gehen aber noch weiter. So macht er allen Ernstes die „Frankfurter“ für die fortschreitende Pornographie in den Medien und Verschweinerung der Gesellschaft verantwortlich. Also: wenn jemals eine Philosophenschule (nennen wir sie einmal so) eine derartige Wirkung gehabt hätte, dann jedenfalls nicht in der heutigen Zeit, in der die Medien – und nicht nur die Springer-Presse - sich geradezu als antiintellektuell zu profilieren versuchen. Ich möchte zwar nicht politisch werden, aber wer diese Entwicklung etwa im Fernsehen beobachtet hat, der mußte feststellen, daß der negative Wandel mit dem Aufkommen der Privatsender einherkam, also etwa ab 1982: und wer war da an der Regierung und hat die allgemeine Privatisierung geradezu programmatisch vorangetrieben? Ich will aber der Einseitigkeit des Autors keine andere Einseitigkeit entgegensetzen und durchaus einräumen, daß diese Entwicklung von der Schröder-Regierung fast noch verstärkt fortgesetzt wurde. Wie auch immer: die Frankfurter sehe ich daran kaum beteiligt, höchstens sehr im Hintergrund als eine von vielen Zeiterscheinungen, die alle ein wenig mitspielen. Einige abwegige und inzwischen längst wieder überholte Fehlexperimente im familiären Bereich wie die Theorie der antiautoritären Erziehung (vielleicht auf Marcuse zurückgehend) kann man allenfalls in diese Tüte stecken, aber das wär‘s dann auch.

Der Trend zur Gnosis und Esoterik hat dagegen ganz andere Wurzeln und hängt m.E. vor allem damit zusammen, daß sich die christliche Kirche viel zu sehr auf das Wort zum Sonntag beschränkt(e) und insofern ein Vakuum entstehen ließ, das eben nach Ausfüllung verlangt. Die Kirche muß sich einfach um mehr Glaubwürdigkeit und praktischen Vollzug ihrer Ethik bemühen und dabei verstehen, was in der Gesellschaft wirklich vorgeht. Autoren wie dieser Artikelverfasser sind dabei allerdings nicht sehr hilfreich und zeigen exemplarisch den falschen Weg. Wenn dieser hier – offenbar in einer orthodoxen Zeitung – beklagen kann: „Diese technikfreindliche Grundströmung in unserer Gesellschaft führt den „Grünen“ ein Wählerpotential von 10%, führt „Greenpeace“ und den Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden finanzielle und humane Ressourcen zu und macht die Ökologie zum Staatsziel Nr. 1 und zur alles in ihren Bann schlagenden Ideologie...“ und deshalb den Zusammenbruch des Kapitalismus und den Aufhalt des technischen Fortschritts befürchtet, dann frage ich mich wirklich, was das noch mit christlichem Gedankengut zu tun haben soll. Schließlich sollten wir doch froh sein, wenn es so wäre - wenn es wirklich durchschlagend wäre, was ich allerdings bezweifele. Immerhin waren das alles bereits die Argumente, die man auch den Deutschen Idealisten vorgehalten hat (daß sie den technischen Fortschritt und den Materialismus bzw. Kapitalismus aufhielten), die der Autor aber doch (wie auch ich selbst) als die wahre Philosophie den Frankfurtern entgegenhält. In gewisser Weise waren diese Idealisten und besonders Goe­the auch schon Esoteriker, nur die Frankfurter eben nicht, die hier völlig mit dem Autor konform liegen. Ein reichlich verworrenes Feindbild also! Völlig stammtischgemäß wird der Autor aber dann auf Seite 37 unten ab dem Satz: „Seit Verkündung dieser Botschaft---„ und über die ganze Seite 38 hinweg. Ich will da nur herausgreifen, daß er es beklagt, daß die Presse nur über Gewalt von Deutschen an Ausländern, nicht aber über Gewalt von Ausländern an Deutschen berichte. Wir können nur von Glück sagen, daß da die Presse insofern etwas verantwortungsbewußter ist als dieser Autor, denn wir alle sind doch sowohl daran interessiert, daß wir nicht – von wem auch immer – auf der Straße überfallen werden, wie wir auch daran interessiert sind, nicht in einem Land zu leben, in dem solches den bei uns lebenden Ausländern angetan wird. Für ersteres aber sorgen schon die Polizei und die Gerichte, für letzteres aber benötigen wir die Medien, die insofern für eine moralische und ethische Erziehung unserer Bevölkerung sorgen können und müssen. Der Autor möchte gerne das Gegenteil erreichen und de facto zur verstärkten Hatz auf die Ausländer blasen – und schreibt das wohl auch noch in einer christlichen Zeitung!!! Das ist es, was ich als mangelhafte Glaubwürdigkeit bezeichne, wenn soetwas üblich wird. Wenn der Autor in seiner Zusammenfassung also beklagt, daß die Kritische Theorie gegen christlich-bürgerliche Ideen gerichtet sei, so halte ich dagegen, daß ich es einerseits für völlig unrelevant halte, wogegen diese Theorie gerichtet ist, weil ihre Bedeutung hier maßlos überschätzt wird, und daß ich andererseits glaube, daß die Zusammenfassung dieser beiden Begriffe „christlich“ und „bürgerlich“ ohnehin schon immer sehr problematisch war, weil darin stets eine weltliche Formalisierung zum Ausdruck kam, insbesondere aber dann, wenn man unter „bürgerlich“ nur das versteht, was unsere liebe Bild-Zeitung darunter versteht, in der auch unser Autor leider viel zu oft geblättert zu haben scheint.

Du siehst also, daß ich nicht sehr begeistert von diesem Artikel bin. Ich vermute aber, daß Du im  Grunde auch gar nichts anderes erwartet hast und daß ich Dich mit meiner Stellungnahme nicht allzu sehr enttäuscht habe. Nach meinem Eindruck wird hier eine regelrechte Verschwörungstheorie aus dem Zylinder gezogen, um damit ein Feindbild und einen Sündenbock konstruieren zu können, weil das immer sehr bequem ist. Die Wirklichkeit ist aber immer sehr vielschichtig und wird niemals demjenigen durchschaubar sein, der eigentlich gar nicht die Absicht hat, irgendetwas zu durchschauen, sondern der sich nur eine möglichst handfeste und plaklatierbare Meinung BILDen will.

 

Ich wäre Dir übrigens dankbar, wenn Du mir mitteilen könntest, in welcher Zeitung dieser Artikel erschienen ist, weil ich dann diesen Brief in etwas abgeänderter Form ggf. dorthin auch als Leserbrief schicken könnte.

 

P.S.: Beim nochmaligen Durchlesen meines Briefes erscheint er mir allerdings etwas zu bestimmt zu sein. Vielleicht hätte ich mich etwas verbindlicher ausdrücken sollen. Aber ich denke, daß Du mir das in diesem Fall nicht ganz abgenommen hättest. Du wolltest ja eine Meinung von einem der damals Beteiligten hören und wärest sicher unzufrieden gewesen, wenn ich mich da herausgeredet hätte. Du konntest diese Studentenunruhen nicht verstehen und wolltest deshalb einmal die Sache von jemandem erläutert haben, der sie eben sehr gut verstehen konnte. Das habe ich Dir zu erklären versucht und mußte dazu notwendigerweise eine Gegenposition einnehmen.

 

 

In diesem Sinne:

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