Thema Soziologie

Dieser Bericht wurde im Jahr 2005 geschrieben

Möllemanns Ende

 

Gedanken zum Tode von Jürgen W. Möllemann:

Der frühere NRW-FDP-Landeschef Jürgen W. Möllemann ist am Donnerstag (05.06.03) bei einem Fallschirmabsprung in Marl-Loehmühle ums Leben gekommen. Der Bundestag gedachte am Donnerstagnachmittag Möllemann. Die Kritik an dem langjährigen Mitglied des Parlaments dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich Möllemann „in seiner jahrzehntelangen politischen Arbeit sehr viel Anerkennung erworben hat“, so die amtierende Sitzungspräsidentin Susanne Kastner (SPD)... In einer am Dienstag veröffentlichten Kondolenzanzeige trauert die NRW-FDP „um unseren ehemaligen Vorsitzenden". Möllemann sei eine "herausragende Persönlichkeit der FDP“ gewesen. „Unser tiefer Respekt gilt seiner herausragenden politischen Leistung“, so der liberale NRW-Lan­desverband und die Fraktion im Düsseldorfer Landtag.

In der Internet-Redaktion WDR.de, der diese Mitteilung entnommen wurde, war eine Kondolenzliste zum Tode Jürgen W. Möllemanns ausgelegt: eine sehr gute Möglichkeit, um die Meinung der Durchschnittsbürger zu der Affäre zu erkennen, die ja in den Medien immer beiseitegeschoben wurde! Zwar bestehen grundsätzlich immer berechtigte Zweifel an der Richtigkeit oder zumindest notwendigen Differenziertheit von „Volkes Stimme“, aber als Gegenüberstellung zu der in den Medien veröffentlichten Meinung ist sie zumindest von ‚phänomenologischem’ Interesse. Da die Kondolenzliste sehr lang war, kann sie hier nicht wiedergegeben werden. Es genügt, die prozentuale Auswertung wiederzugeben:

  1. Bei den 708 Eintragungen sind ca. 75% positiv gegenüber Möllemann eingestellt - 25% dagegen negativ (gezählt: 405:109). Wegen der wechselnden Zwischentöne ist die Abgrenzung aber nicht immer eindeutig vorzunehmen. Viele sind auch als neutral oder insofern nichtssagend zu bezeichnen (194). Diese bleiben hier außer Betracht. Die Entwicklung hinsichtlich des Gegensatzes von positiv zu negativ ist dabei dynamisch, d.h. sie verändert sich im Laufe der 12-tägigen Auslage der Kondolenzliste und wird dabei immer eindeutiger. Also: Tendenz zunehmend für Möllemann. (Vielleicht liegt das auch an der inzwischen bekanntgewordenen Friedmann-Affäre, auf die dann viele Bezug nehmen. Das wäre demnach eine Verlängerung des Bildes, das sich auch schon während der ganzen Entwicklung gezeigt hat.)
  2. Ca. 50% wünschen der Familie Beileid, auch viele von den Negativen (was dann allerdings fast immer infam wirkt und oft auch so gemeint ist).
  3. Von den Negativen übernehmen die meisten die offizielle Selbstmord-Version, davon wiederum verbinden das sehr viele (insges. ~ 5%) mit entsprechenden Vorwürfen gegen M., nicht wenige davon sogar mit dem angeblichen Mitleid gegenüber seiner Familie. Ein oder zwei bemühen dabei sogar die Religion. (Das einmal in Gebetform sogar in Verbindung mit Verdächtigungen gegenüber der Familie:„Seiner Familie und seinen Freunden empfehle ich, besinnen Sie sich, mißbrauchen Sie seinen Tod nicht für Ihre Rache. Amen.“ Natürlich ist das ein extremes Beispiel, aber es zeigt, wie weit manche zu gehen bereit sind.)
  4. Von den Positiven zweifeln die meisten (insges. anfänglich ~ 50% mit zunehmender Tendenz) an der Selbstmord-Version und halten Unfall (ggf. auch Herzdefekt während des Falles) oder noch eher direkten Mord für möglich, einige sind sich dessen sogar sicher (insges.10%+). Davon wiederum etwa die Hälfte lassen eine Verschwörungstheorie anklingen.
  5. Viele der Positiven weisen darauf hin, daß die Selbstmord-Version nicht zu Möllemanns Charakter paßt. Das wird indirekt auch durch diejenigen Negativen bestätigt, die diese von ihnen akzeptierte Version mit Feigheits-Vorwürfen verbinden, was, so sollte man meinen, M. sicher vorhergesehen hätte und was - zumal hinsichtlich der ganzen Affäre - bestimmt nicht zu seinem Charakter paßte. (Erinnert an Münteferings auf den Kopf gestellten Vorwurf gegen Linksabweichler in seiner Partei, diese seien feige.)
  6. Viele ( ~ 5%) fühlen sich auch an den Fall Barschel erinnert.
  7. Einige (~3%) halten für Möllemanns Tod den Mossad für verantwortlich, ohne das aber mit dem Fall Barschel in Verbindung zu bringen.
  8. Einige (~1%) sind aber sicher, daß sowohl Barschel als auch Möllemann ermordet wurden.
  9. Es ist sehr deutlich, daß längst nicht alle Positiven Möllemann überwiegend unkritisch sehen. So lautet denn auch bei etwa 50% (insgesamt etwa 40%) der Grundtenor: „Ich war zwar kein Freund Möllemanns, aber...“ (Das war es vielleicht, was Henryk M. Broder in den falschen Hals bekam, als er seine Spiegel-Leserbriefe in einem Radio-Interview bewertete, denn hier findet sich kein einziger, der mit dem Satz beginnt: „Ich bin zwar kein Antisemit, aber...“. Folge der fast presseüblichen Gleichsetzung von Möllemann mit Antisemit!)
  10. Etwa 2/3 der Positiven (also insgesamt immerhin über 50% mit zunehmender Tendenz) bedauern in Möllemanns Abgang den Verlust eines farbigen bzw. des einzig ehrlichen Politikers; eines Mannes, der zu seiner Meinung stand und diese auch artikulierte; einer, der sagte, was los ist; der die Wahrheit sagte usw. Das war fast immer mit einer deutlichen Kritik an den übrigen Politikern verbunden, die besonders im Zusammenhang mit dieser Affäre als farblose Leistetreter abqualifiziert wurden. Bei dieser - alarmierend hohen und deutlichen - Politiker-Schelte standen i.a. die FDP-Politiker im Vordergrund, deren führende Vertreter - besonders hinsichtlich der nachträglichen Beileidsbekundungen - als Heuchler oder Mobber empfunden werden. („..daß die Politiker in Deutschland heutzutage nur noch Schauspieler sind und mit Bedacht aufpassen, um ja nichts 'heißes' anzupacken und möglichst wenig anzuecken.“ - „Politiker sind ja dafür bekannt, daß  sie korrupt sind und sich Stimmen mit Lügen und falschen Versprechungen erhaschen“ - „Würden nur Politiker mit 'weißer Weste' einen Staatsakt nach Ihrem Tod erhalten, würde diese Tradition wohl abgeschafft. Oder hatte beispielsweise F.J. Strauß eine weiße Weste?“) Derartige Kritik klang sogar bei einigen Negativen durch, die sonst überhaupt keine Sympathie für Möllemann hatten. Nach diesem Meinungsbild über unsere Politiker kann man sich vorstellen, warum die alle nur noch mit Bodyguards herumlaufen.[1]
  11. Etwa 8% stehen vollends positiv zu Möllemann und sehen ihn in keiner Weise negativ, auch früher nicht. Damit liegt er bemerkenswerterweise über dem FDP-Level.
  12. Nur sehr wenige der Negativen (nur ~1%!!!) nehmen den Antisemitismus-Vorwurf wörtlich auf. (Herr Möllemann hat als einziger Politiker ein Wort gegen Juden gesagt. Genau das ist, was wir in Deutschland, trotz ' Demokratie ' nicht dürfen.) Davon bleibt unberührt, wie viele das auch meinen, ohne es wörtlich zu sagen.
  13. Kein einziger ist selbst deutlich antisemitisch oder auch nur irgendwie rechtslastig (das kann allerdings daran liegen, daß die Redaktion die gelöscht hat?) Nur zwei- oder dreimal konnte etwas derartiges in einem Kommentar durchklingen. Das läßt wiederum vermuten, daß doch keine Kommentare gelöscht wurden. Oft wurde aber Kritik an Israel und insbesondere Scharon geübt, manchmal sogar am hiesigen Zentralrat der Juden.
  14. Die Kritik an Friedman übertrifft die an Möllemann bei weitem.
  15. Einige üben Medienkritk (~ 8%) (Z.B.: „Medienhatz“ oder: „erst wenige Tage liegt der Tod Möllemanns zurück, und schon jetzt verblassen jegliche Mitteilungen diesbezüglich in den Medien/Nachrichten“ Auch der übrigens interessante Hinweis „Sommerloch“!)
  16. Etwa 10% erheben den Mobbingvorwurf gegen Medien und Politik.
  17. Einige üben Kritik an der Staatsanwaltschaft, die sich erst zu einem Zeitpunkt für die Herkunft des Möllemann-Geldes interessierte, als es in sehr politischer Weise verwendet wurde, und nach der so plötzlichen Razzia („Hat man für Altkanzler Helmut Kohl auch die Immunität aufgehoben?“) nach dem Tode M.s ebenso plötzlich jedes Interesse an der Aufklärung der Herkunft wie auch der Todesursache verlor.
  18. Einige beklagen die Tatsache, daß wegen der Einstellung des Verfahrens jetzt die Familie das vermeintlich unrechtmäßige Geld behalten darf, es fällt ihnen dabei aber nicht auf, daß sie damit der Staatsanwaltschaft unterstellen und das wohl auch für richtig halten, daß die Razzia nur politisch motiviert war. (Einer sagt aber: „Damals waren es Stasi- Spitzel , heute sind es Steuerfahnder, die im Auftrag des Staates Menschen verfolgen.“)

 

Main page Contacts Search Contacts Search