Thema Soziologie

 

Die Gegenkarriere eines inszenierten Populisten

Nein: So harmlos sind die Medien wirklich nicht gewesen, wie sie sich nachträglich wieder zu geben versuchten. Wenn wir dabei von der Boulevardpresse und der Springerpresse incl. der Bild-Zeitung einmal absehen, denn bei denen war eigentlich nichts anderes zu erwarten, können wir auch ebensogut an die Rolle derjenigen Zeitungen erinnern, die sich ein anspruchsvolleres Image zu geben versuchen. Lang, lang her ist z.B. die Zeit, als jemand den Spiegel als Bild-Zeitung für Intellektuelle bezeichnet hat. Was früher einmal kritisch gemeint war, muß heute schon als schmeichelhaft gelten. Da demgegenüber etwa der Focus nie etwas anderes als der Spiegel für Bild-Zeitungs-Leser gewesen ist, genügt es, wenn wir uns einmal nur die Kommentare des Spiegel vornehmen, um uns an diesem Beispiel vor Augen zu führen, welche Substanz die gegen Möllemann in dieser Affäre erhobenen Vorwürfe hatten. In dieser Zeitung kommentierte den Fall einer der schlimmsten Hetzer überhaupt: Henryk M. Broder. Wer sich die verschiedenen insofern zumindest phänomenologisch sehr interessanten Artikel von Broder vor Augen führt, erkennt das Strickmuster: Er hat in allen bestimmte immer wiederkehrende Text- und Argumentationsbausteine, die er oft sehr gewaltsam modifiziert und zusammenleimt. Das mag zwar zum Journalistenhandwerk gehören, jedenfalls wenn man auf ein Thema abonniert ist, aber er macht sich die Sache doch etwas zu leicht, weil er auch seine Einzelargumente so zusammenklebt. Zum Beispiel lautet der erste Satz in seinem Spiegel-Artikel „Der moderne Antisemit“ über Möllemann so:

Es kann sein, daß Möllemann ein taktischer Antisemit ist. Oder ein emotionaler. Einer, der mit dem Bauch denkt und mit dem Kopf fühlt. Oder nur ein Opportunist. Ein Antisemit ist er auf jeden Fall.

Wie ist der Gang der verblüffenden Argumentation? Es ist klar, daß am Ende die Behauptung, Möllemann sei ein Antisemit, als unwiderlegbar herauskommen soll. Um das zu begründen, beginnt er mit einer vorsichtigen und gewissermaßen das Leitmotiv aufbauenden (wir kennen das von Wagner) Einführung: Es kann sein, daß M. (zumindest) ein taktischer Antisemit ist. Damit hat er trotz vorsichtiger und relativierender Einführung dennoch mit dem Duktus der Präzision gewissermaßen einen Pudding (taktischer Antisemit) an die Wand genagelt. Dann kommt ein Satz mit oder, um sicherzugehen, daß der nicht mehr zur Seite abfließen kann, und um gleichzeitig dem Leser noch etwas Zeit zum Durchatmen zu geben. Danach kommt etwas, was zwar nicht böse klingt, aber doch das erkorene Opfer für den finalen Niederschlag bannen soll, gleichzeitig aber auch dazu dient, seine eigene Argumentation zu legitimieren bzw. einer damit verbundenen Kritik, soweit sie ihn selbst treffen kann, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dann kommt noch ein Satz mit oder, aber jetzt schon mit dem Wirbel vor dem Paukenschlag, der dann in dem letzten Satz als Konsequenz ganz einfach reif ist. Der Leser muß nun verblüfft zustimmen - oder auch nicht. Das wird ihm aber nicht viel nützen, denn das Geld für diese Spiegel-Ausgabe ist allemal verloren. Also kann er auch noch weiterlesen. Und so geht es dann eben weiter, nachdem die erste Aussage feststeht:

Ein Antisemit hat nichts gegen die Juden, sie haben etwas gegen ihn, und deswegen muß er sich gegen sie zur Wehr setzen.

Damit holt er zwar weit aus bis in die Ecke, in die er Möllemann bringen will, es ist aber nur die Umformung des nüchternen Ausgangstatbestandes, daß Möllemann (Antisemit) und Friedman (die Juden) sich in den Haaren haben. Danach kommt ein jetzt fälliger Baustein Geschichte des Antisemitismus. Den zu zitieren können wir uns sparen, weil er natürlich auch voller Sätze wie Deswegen hat der Antisemit auch immer ein gutes Gewissen ist und auch nur dazu dient, deutlich zu machen, wohin Möllemann eigentlich gehört. Dann kommt mit einem Seitenhieb auf Finkelstein[1] (moderner Antisemit) ein Baustein Nahost-Politik: ebenso wie deutsche Antisemiten handeln auch palästinensische Terroristen immer in Notwehr, egal wie viele Unbeteiligte sie in den Tod mitnehmen. Der stammt zwar aus seiner eigenen schon reichlich abgegriffenen Kiste, ist aber trotzdem zu zwei Dritteln von Scharon geklaut. Dann aber muß zumindest versuchsweise sogar Friedman dran glauben:

Nehmen wir an, Möllemann hätte Recht und Friedman wäre intolerant und gehässig und noch einiges dazu.

Das ist zwar eine faire Vorgabe, aber wie will er da herauskommen? Ganz einfach:

Darf ein Jude nicht intolerant und gehässig sein, ohne daß alle Übrigen dafür abgemahnt werden?

Er greift damit also in seine Kiste „Standard­erwiderungen“, die selbst in schweren Fällen hilft und deren Bausteine in allen seinen Artikeln auftauchen, obwohl sie ganz überwiegend noch nicht einmal seine eigene Erfindung sind. Der ebenfalls nicht gerade zimperliche Möllemann hatte übrigens ganz ähnliche Argumentationsbausteine, die Broder eigentlich kennen müßte, nach dem Muster: Darf ein Deutscher nicht auch Israel kritisieren? Um dem gar nicht erst Raum zu geben, greift Broder in seine Schimpfwörterkiste, denn dieser Baustein fehlt noch:

Möllemanns aufgeblähtes, dumpfes, schmierantenhaftes (?) Auftreten....

usw. In diesem Sinne geht es immer weiter.

Einen anderen Text von Broder, den er wohl selbst im Spiegel nicht unterbringen konnte, konnte man auf seiner Homepage finden: Unter der Überschrift „Die Wahrheit über die 18“ erklärt Broder, daß diese Zahlen natürlich für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets stehen, also für A und H, demnach: A.H., das Namenskürzel des „Führers“!

Die Wahrheit über die Achtzehn: Einmal ist keinmal. Zwei sind ein Paar, drei eine Familie. Audi hat vier Ringe. Im Rheinland kennt man fünf Jahreszeiten. Sechs ist ein halbes Dutzend. Sieben Leben hat die Katze. Acht - horizontal geschrieben - bedeutet unendlich. Gott gab Moses zehn Gebote mit auf den Weg, ein Jahr hat 12 Monate und ein Tag 24 Stunden. Fast jede Zahl hat eine Bedeutung, nicht nur die böse 13. Was aber hat Jürgen W. Möllemann dazu gebracht, sich das "Projekt 18" auszudenken? Warum nicht "17" oder "19"? Würde auch gut klingen. Warum mußte es ausgerechnet die "18" sein? Die Zahl ist schon besetzt. In der Symbolik rechtsradikaler Gruppen steht die 18 für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets da, für A.H., Adolf Hitler, während "88" H.H. bedeutet: Heil Hitler. Wo immer auf dem flachen Lande eine Kneipe die "18" oder die "88" im Namen zeigt, wissen alle, wer willkommen ist. Auch Möllemann hat gesagt, er wolle sich um Wähler am rechten Rand bemühen. Allerdings: die 18 hat noch eine andere Symbolik. Im hebräischen Alphabet heißt der 18. Buchstabe "Chai" und der bedeutet: Leben. Würde gut passen: Für die FDP geht es um Leben und Überleben. Wußte Möllemann das, als er sein Projekt startete? Hat er sich vielleicht heimlich bei einem Rabbi Rat geholt? Die Kabbala studiert? Und ist jetzt nur zu bescheiden, um die Quelle seiner Weisheit aufzudecken? Oder möchte er nicht in den peinlichen Verdacht geraten, ein Philosemit zu sein? Was würden die Wähler vom rechten Rand dazu sagen? Kamerad Jürgen, gib uns unsere deutsche "18" wieder! (HMB, Bln, 8.6. 2oo2 )

Was uns doch die Beschäftigung mit der Zahlenmystik alles sagen kann! Die Sache ist allerdings keineswegs so abwegig wie sie auf den ersten Blick erscheint, denn die Neonazis verwenden tatsächlich eine derartige Zahlensymbolik. Das schon, aber hier ist Broder über seine eigene Bausteinlogik gestolpert. Möllemann war nämlich kein Neonazi, und er war wirklich kaum so dumm, deren Symbolik zu verwenden. Aber Broder war über seinen eigenen Beweis, daß Möllemann ein Antisemit ist, offenbar derartig begeistert, daß er darauf gleich weitere Beweise aufgebaut hat, im Prinzip so: Möllemann = Antisemit; Antisemit = Nazi; Nazi = Zahlensymbolik; also klar: 18 = Hitler; und da schließt sich der Kreis. Seine Leserschaft hat es ja immer schon geahnt, aber Broder hat es jetzt bewiesen. Übrigens sind ihm auch die Rheinischen Narren insofern sehr verdächtig. „Es kann kein Zufall sein, daß der Höhepunkt der närrischen Saison – oder wie man im Rheinland sagt: der fünften Jahreszeit – auch in diesem Jahr mit dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – Holocaustgedenktag – zusammenfällt. Kurz vor Rosenmontag, wenn die Humormaschine voll aufgedreht wird, feuern auch die Holocauster aus allen Rohren.“ (Henryk M. Broder.)

Man sollte sich aber nicht über ihn lustig machen, denn der Mann ist böse und hat, da er sich nun einmal zum Anwalt der Naziopfer machen will, sicher dafür gute Gründe. Nur ist ihm hier der Möllemann das, was dem Dabbeljuh der Saddam ist: ein Sack, auf den er haut, weil er den Esel nicht treffen kann, weil der inzwischen viel zu abstrakt geworden ist - schon ganz allgemein, für Bush und dessen Freund Broder aber allemal. Daß er dabei mit Unterstellungen und Ver­drehungen, unmöglichen Gleichsetzungen usw. arbeitet, müßte ihm hin und wieder selbst auffallen, aber er will ja eben keinen Essay, sondern ein Pamphlet schreiben. Wozu soll das aber dienen, wenn es nicht der Wahrheit dient und auch nicht dazu - so sollte man meinen -, nur sein Honorar zu verdienen?

Natürlich ist es eine nicht ganz neue Erkenntnis, daß man öffentliche Wahrheiten auch herstellen kann. Am nächsten Tag steht das auch in anderen Zeitungen, weil bekanntlich ein Journalist vom anderen abschreibt, und am Ende haben wir dann das, was Orwell in seinem Roman „1984“ bereits vorhergesehen hatte.

Main page Contacts Search Contacts Search