Thema Soziologie

Die Stadt

 

Im Wesen einer Stadt erkennen wir, daß es offenbar so etwas wie Kollektivseelen gibt, die die persönlichen überrlagern und auch in einem noch größeren Rahmen in den unterschiedlichen Nationalcharakteren zum Ausdruck kommen. Das ist ein Umstand, der übrigens gerade im Zusammenhang mit der sog. Euro-Krise wieder aktuell wurde, weil diese nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß er von deren Strategen sträfluich vernachlässigt wurde....

Ein Fremder kommt in eine Stadt. Er beobachtet ihre Einwohner etwa auf dem Markt und stellt fest, daß sie insgesamt eine Atmosphäre verbreiten, die er noch nirgendwo sonst erlebt hat und die offenbar für diese Stadt typisch ist. Er richtet seinen Blick auf zufällige Einzelpersonen, die ihm hier als typisch erscheinen: Was ist es, das sie von ihm selbst unterscheidet? Er fragt sich: Was hat dieser Mensch an sich, das ich nicht habe, und wohin gehöre ich selbst? Mit welchen anderen Menschen könnte ich eine bestimmte andere Atmosphäre erzeugen? Bin ich überhaupt ein Stadtmensch oder gehöre ich in gar keine Gruppe? Er sieht diesen anderen Bürger als Einzelperson und ist dann unter Umständen nicht mehr in der Lage, das in ihm zu erkennen, was ihn in der Gruppe seiner Mitbewohner zuvor als so typisch erscheinen ließ. Gewinnt er erst seine Eigenart unter ihnen? Wir haben es hier offenbar wieder mit der neuplatonischen Problematik des Einen und des Vielen zu tun. Es ist das gleiche, was man etwa bei Ameisen beobachtet: Die einzelne Ameise zeigt ihr wahres Wesen erst in der Gemeinschaft mit anderen Ameisen. Sie ist ein Staatswesen. Als Einzelwesen zeigt sie nicht ihr wahres Gesicht und entfaltet auch nicht ihre eigentlichen Fähigkeiten. Aber es gibt andere Tiere, die sind offenbar nur als Individuen gedacht und verlieren gerade in der Gruppe die für sie typischen Eigenschaften. Wir kennen das aus der Soziologie. Gerade bei Menschen wird der Gegensatz des Massentypus und der Individualisten sehr deutlich. Aber die Bewohner einer Stadt gehören durchaus nicht alle zum Massentypus, sondern können teilweise sehr individualistisch sein; dennoch haben sie hier alle etwas Gemeinsames, was weder mit dieser noch irgendeiner anderen Eigenschaft zu tun hat. Was ist es also, das den Stadtmenschen ausmacht und das wir nicht nur in den für eine Stadt typischen Menschen erkennen, sondern auch in den dazugehörigen Gebäuden, Straßen und Plätzen, in der Art und Weise, wie sie darin leben und miteinander umgehen, wie sie sprechen und gestikulieren, mit welchen Dingen sie sich beschäftigen, wofür sie sich Zeit nehmen und wofür sie offenbar keinen Blick haben? Das alles ist für jede einzelne Stadt anders, und stets hat man dabei den Eindruck, als wüßten die Menschen selbst nicht, was ihre Eigenart ausmacht, und als wären sie höchstens im Vergleich mit irgendwelchen Fremden in der Lage, diese zumindest zu erahnen. Das ist es vielleicht auch, was den Bewohnern eines Landes an den sie besuchenden Touristen so wichtig ist. Sie benötigen sie als Spiegel, um sich selbst zu erkennen.

Wenn wir hier über das Wesen der Stadt sprechen wollen, tun wir das aus einer anderen Perspektive als die üblichen soziologischen Analysen und stellen stattdessen den organischen Aspekt in den Vordergrund. Die zentrale Frage dabei ist folgende: Wie geschieht es, daß in einer Stadt die Vielzahl der Bewohner quasi zu einem einzigen Gesamtorganismus werden? Natürlich soll nicht bestritten werden, daß sie ihre jeweilige Individualität behalten; zugleich aber sieht es so aus, als hätte die Stadt eine eigene Überseele, die sich aus der Gesamtheit ihrer Bewohner zusammensetzt und dabei auch eine sehr eigene Gesamtindividualität besitzt, die sich deutlich von derjenigen anderer Städte unterscheidet. Das gilt auch für ganze Völker, die jeweils eine andere Mentalität haben, die sich erst im Kollektiv offenbart und nicht unbedingt auch in den einzelnen Bürgern zu erkennen ist. Bisweilen spürt das ein Ortsfremder ganz unmittelbar: hier ist etwas, das ihn selbst organisch oder temperamentmäßig ausschließt. In etwa erinnert das an die Formationen von Starenschwärmen, bei denen man kaum noch glauben kann, daß deren teilweise äußerst kunstvolle Figuren lediglich das Ergebnis von in den einzelnen Vögeln enthaltenen Informationen und Codes sind, sondern bei denen sich der Eindruck einstellt, daß sie eine gemeinsame Überseele besitzen, die alles so harmonisch steuert. Wir bezeichnen so etwas gelegentlich mit dem Begriff ‚konzertiert’, und in der Tat kann man auch nicht glauben, daß in einem Orchester lediglich alle Musiker ihren jeweils eigenen Part spielen und daß dennoch alles so harmonisch zusammenwirkt. Allerdings wird jedes Musikstück vorher ausgiebig einstudiert, sodaß im Prinzip alle ihren jeweiligen Einsatz sowie auch den der anderen kennen. Aber kann das für das jeweils exakte ‚Timing’ genügen? Wer kein Talent zum Musiker hat, könnte es vermutlich auch deshalb nicht werden, weil er viel zu große Angst hat, seine Einsätze zu verpassen, selbst wenn er alles noch so sehr einstudiert hätte. Denn an den Dirigenten können sich die Musiker auch nur mit zeitlicher Versetzung halten; und kann das genügen, daß dann alle sekundengenau dem Zeichen folgen? Müssen sich die Musiker nicht in einer Art Gesamtrausch befinden, um das kollektive ‚feeling’ zu haben, das sie zu einem jeweiligen Teil des Gesamtorganismus macht? Ein Orchester ist ein Organismus eigener Art, gebildet aus einer Vielzahl von Einzelinstrumentalisten, die zu einem gemeinsamen Klang­körper zusammenwachsen müssen, der nur lebt, wenn alle seine Organe und Glieder harmonisch aufeinander eingestimmt sind. Man kann sich denken, daß dabei auch alle über die Musik hinaus miteinander verbunden sein müssen. Etwas davon muß es auch in einer Stadt geben. Somit ist das wesentlichste Element einer Stadt die gemeinsame Kommunikation. Selbst wenn diese auch auf allen möglichen sonstigen Ebenen abläuft, spielen dabei die üblichen uns bekannten Medien eine zentrale Rolle. Natürlich hat es nicht immer schon Zeitungen und Stadtorgane wie die heutigen gegeben, aber einerseits waren die frühen Städte noch nicht so groß, und andererseits hat es da bereits Vorläufer gegeben wie etwa den Nachtwächter und den Ausrufer oder die Schankwirte. Wenn alle nur für sich gelebt und gewirtschaftet hätten, hätte es kein wirkliches Gemeinwesen geben können.

Das archetypische Organ dieses Gemeinwesens ist aber die Vertikalachse, die das Gemeinwesen und dessen Anforderungen und Gesetze repräsentiert. In größerem Rahmen steht diese Achse für den Staat. Diese Normierungs- und Kommunikationsachse muß alle Vorgänge informativ in sich einbinden und von sich aus wieder alles ebenso permanent in die Außenbereiche zurückbringen. Das sinnfällige Beispiel dafür ist die Fokussierung unseres Blickes auf einen Punkt, den unser Geist aber nicht verstehen würde, wenn er nicht zugleich die weniger scharfen Randbezirke in die Gesamtinformation einbeziehen würde. Diese Vertikalachse ist - wie schon erwähnt (siehe dazu unsere Essays im Bereich 'Hintergrundstrukturen') - zugleich die Hauptachse der Welt, die axis mundi, die auch in der Stadt wie ansatzweise in jeder Gemeinschaft pars pro toto wiederkehrt. Sie wird dargestellt durch den Weltenbaum, der sich von der Unterwelt bis in die Überwelt erstreckt. Der Punkt, an dem er die Horizontalebene durchstößt, ist der geistige, aber nicht real lokalisierbare Mittelpunkt der Welt, also jener Punkt, aus dem ursprünglich alles hervorgegangen ist. In den Frühkulturen war er identisch mit dem Herd des Hauses, der mythologisch der Göttin Hestia zugeordnet wird. Auch in jeder Stadt ist dieses Prinzip wirksam, wie im familiären Rahmen die Frau des Hauses, die ihre auf der Straße spielenden Kinder permanent im Blickfeld haben muß. Die Exponenten des Gesamtgeschehens sollen wieder in einem mittleren Bereich zu einer Einheit zusammengefaßt werden. Das ist praktisch das, was wir uns unter der Buntheit des bürgerlichen Lebens oder des Lebens einer Großstadt vorstellen, die erst dadurch lebendig wird, daß in ihr die unterschiedlichsten Elemente und menschlichen Temperamente zusammenwirken, dabei aber zugleich eine mehr oder weniger bewußte Vorstellung von ihrer gemeinsamen Mitte entwickeln, auf die sie sich beziehen. Und je stärker sie das tun, desto typischer werden sie eben für das fragliche Gemeinwesen. Wir müssen uns dazu nochmals vergegenwärtigen, daß die moderne Großstadtkultur nicht denkbar ist ohne das Informationsprinzip und die Infrastruktur [1], also die Kommunikation mittels Telegraph, Radio, Presse, Telefon, Fernsehen, Au­to, Schiffs- und Flugzeugverkehr. Durch diese Mittel werden die verschiedenen Weltbereiche zumindest im Geiste der sie bevölkernden Menschen - die dabei jeweils pars pro toto stehen - zu einer informativen Einheit zusammengefaßt, in der zwar nicht unbedingt jeder über alles andere, was irgendwo sonst in der Welt geschieht, ständig Bescheid weiß, aber doch ständig Bescheid wissen kann, wenn er es will. Tatsächlich haben wir ja immer das Gefühl, uns über alles in der Welt unterhalten und dabei anderen gegenüber alles voraussetzen zu können. Dieses mag zwar eine Illusion sein, weil die anderen vielleicht nur mit dem Kopf nicken, wenn wir über etwas Bestimmtes sprechen, aber die Illusion ist fast perfekt und stimmt auch in einem funktionell hinreichenden Maße. Dieses so wichtige Informationsprinzip wird bekanntlich dem Gott Hermes/Merkur zugeordnet, also jenem Gott, an dessen Füßen sich Flügel befinden und dessen Attribut der Merkurstab ist - ein Stab mit einer ihn umringelnden Doppelschlange. In diesem Symbol drückt sich tatsächlich der Umstand aus, daß der den Stab umgebende Bereich in den Stab, die axis mundi, hinein zentriert wird, wobei die gegensätzlichen Schlangen das duale Prinzip darstellen, das wir auch als Yin und Yang kennen: die ganze Buntheit der Welt ist nur dadurch entstanden, daß sich alles in komplementäre Gegensätze aufgespalten hat, die aber auch wieder in den Mittelbereich des zentralen Stabes zurückgeholt werden können (und müssen), wo sie sich dann allerdings zu Null ergänzen, so daß dieser Hereinholungsprozeß in letzter Konsequenz zur Auflösung der Welt führen müßte. Da das gleichzeitig verhindert werden muß, ergibt sich ein paradoxer Zustand, der die gegensätzlichen Prinzipien der Ausdehnung wie der Zentrierung zusammenfaßt: einerseits existiert die Welt nur dadurch, daß sie in die sie darstellenden dualistischen Erscheinungen auseinandergefaltet ist - andererseits führt diese Entfaltung aber zum Leiden im Samsara, zur Auslieferung der Seele im bloß Erscheinungshaften, das sie nicht nur dem Wesentlichen entfremdet, sondern auch von ihrer eigenen Wurzel löst. Denn je mehr die Welt sich in eine bunte Vielfalt aufspaltet, desto weniger sind die sie repräsentierenden Seelen darin noch zentriert: gerade das ist ja wiederum das Dilemma der modernen Großstadtkultur. Deshalb kann die Großstadtkultur nur auf der Basis des Informationsprinzips existieren, wobei dieses - repräsentiert durch die Doppelschlange - ständig die Vielfalt in das zentrale Bewußtsein zurückholt. Wenigstens im Geiste ist sie dadurch noch vollständig, aber dieser Geist stößt dabei irgendwann an seine Grenzen. Der moderne Großstadtmensch ist permanent überfordert durch eine Vielfalt von Informationen und Eindrücken, die er kaum noch bewältigen kann und die ihn in einem Zustand permanenter Hektik halten. Gerade er leidet unter der Entfremdung von der Mitte, die auch seine eigene Mitte ist, und versucht dieses Manko zumindest durch permanente Information und Kommunikation wettzumachen - durch jenes Prinzip, das erst seine Existenz als Großstädter ermöglicht hat.

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