Thema Soziologie

Manager und Karrieristen

 

Die Zeit der Pioniere

Das eigentliche Problem unserer Gesellschaft ist wohl die Tatsache, daß sie keine glaubwürdige Elite mehr hat. Die frühere Adels-Elite hat sich besonders durch die Gestalt unseres letzten Kaisers fragwürdig gemacht und sich danach konsequenterweise aufgelöst, weil sie sich ohnehin überlebt hatte. Aber die heutige Plutokratie ist ein nicht weniger fragwürdiger Ersatz dafür, besonders nachdem in der Erben- und Managergeneration auch kaum noch erkennbare Fähigkeiten - es sei denn, bestenfalls organisatorische - in deren lichte oder finstere Hallen führen und sich mit ihnen die Ratlosigkeit über die ganze restliche Gesellschaft verbreitet. Im Adel waren es immer nur bestimmte Einzelpersonen, die den Stand gelegentlich fragwürdig erscheinen lassen konnten und dann auch oft zu Volksaufständen geführt haben. Denn insgesamt konnte die Elite nur durch ihre moralische Glaubwürdigkeit auch ihre faktische Macht sichern. Die Adelstugenden waren deshalb ein ständiges Thema der Literatur und der Künste, die sie im kollektiven Bewußtsein lebendig hielten. Diese Tugenden dienten so der Gesellschaft gewissermaßen als innerer Kompaß. Aus ihnen erwuchs auch die physische Wehrhaftigkeit der Völker, denn um für eine Sache kämpfen und sie verteidigen zu können, bedürfen die Soldaten einer eindeutigen Idee dieser Sache und klarer Ideale, für die zu kämpfen es sich für sie lohnt. In einer zunehmend internationalisierten Welt mag sich diese Notwendigkeit im Außenverhältnis verlieren, aber im Innenverhältnis ist es nach wie vor nötig, daß die Menschen klare Vorstellungen von richtig und falsch, unten und oben haben. Ein bezeichnendes Merkmal der Plutokratie ist allerdings offenbar die Unhinterfragbarkeit des Erfolges. Wer Geld hat, hat es - zumindest in unserem Sprachgebrauch - wie selbstverständlich ‚verdient‘ (daß er es hat). Er hat sich damit auch den dadurch möglichen gesellschaftlichen Einfluß verdient und bedarf dazu keiner weiteren Legitimation. Der Sozialdarwinismus, mit dem die Plutokratie sich zunächst eine theoretische Legitimation zu geben versuchte, hat sich in seiner Übersteigerung im Faschismus eigentlich bereits genug ad absurdum geführt, lebt aber neuerdings im Neoliberalismus wieder auf. Es ist die alte Geschichte vom Überleben des Tüchtigeren, in der man ein Naturgesetz zu erkennen meint. Dabei beruht sie ansich nur auf einem Zirkelschluß, denn wenn man fragt, worin diese Tüchtigkeit besteht, so erhält man letztlich keine andere überzeugende Antwort als die: in der Fähigkeit, zu überleben. Die sich daraus ergebende Moral glaubt demnach, auf jeden höheren Bezug und jede höhere Legitimation verzichten zu können, sieht sich dabei aber auf sich selbst zurückgeworfen und in der Situation eines Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen muß. Da das aber nicht möglich ist, versinkt sie am Ende.

Werfen wir einen kurzen Blick zurück, um zu erkennen, wie es zu dieser Entwicklung kam. Die wirtschaftliche Situation in der deutschen Nachkriegszeit stellte einen Ausnahmefall dar. Sicher hat es auch schon früher, zumal auch in anderen Ländern, solche sozialen und wirtschaftlichen Phasen gegeben - etwa im sog. ‚goldenen Zeitalter‘ Amsterdams (~1580-1670), oder in England während der sog. ‚industriellen Revolution‘ oder auch in Deutschland selbst während der Gründerzeit, aber zumindest letztere stellte wegen ihrer sozialen Verspannungen kaum einen volkswirtschaftlichen Idealfall dar. Die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg war aber insofern nahezu ideal und hierzulande insofern einzigartig. Es kamen dabei mehrere Ursachen zusammen, aber einer der wichtigsten war wohl der, daß es sich um einen völligen Neuanfang handelte, der durch die Notwendigkeit der Überwindung eines äußeren Notzustandes gekennzeichnet war, der alle Kräfte zum gemeinsamen Handeln vereinte, wie es eben eine ideale Volkswirtschaft kennzeichnet. Gerade der Umstand, daß damals die gesamte Volkswirtschaft in allen ihren Elementen einen Urstart erlebte, der eine regelrechte Gründergeneration schuf, hat aber dazu geführt, daß es keine gesellschaftlichen Überlagerungen dieser Entwicklungslinien gab. Es war gewissermaßen ein künstlicher Start vom Reißbrett aus. In einer normal und organisch gewachsenen Gesellschaft entstehen bestimmte Gründerfamilien nach und nach, sodaß der Aufstieg der einen zeitgleich mit dem Abstieg einer anderen verlaufen kann. Das eröffnet die Möglichkeit von überlagernden Querverbindungen, die sich gegenseitig befruchten können. Die Erfahrung einer Generation und der neue Schwung einer anderen greifen dabei ineinander. Was ist aber, wenn alle diese Stämme gleichzeitig begonnen haben? Dann müssen sie auch kollektiv gleichzeitig sterben. Merkwürdigerweise finden sich für alle soziologischen Fälle auch Beispiele in der Natur. Wir kennen das Problem nämlich auch vom Bambus. Viele Bambusarten sterben kollektiv nach etwa 25 bis 35 Jahren ab, nachdem sie zuvor ein einziges Mal geblüht haben, und sind dann zunächst fast vollständig verschwunden. Das ist im Falle einer menschlichen Gesellschaft fatal, weil damit auch die Erfahrungen der Gründergeneration kollektiv verloren gehen. Ihre Erben sind dann weder fachlich noch mental darauf vorbereitet, auf organische und verantwortliche Weise die Nachfolge anzutreten. Sie haben deshalb zumeist auch kein Interesse daran. Es ist ohnehin vielleicht nur ein Ausnahmefall, daß ein Geschäft innerhalb der Familie weitergegeben wird. Normalerweise entscheidet der Patriarch über den möglicherweise auch außerfamiliären Nachfolger und ist hinsichtlich dieser Entscheidung auch in eine kollektive Tradition eingebunden. Aber wenn eine Generation ziemlich zeitgleich abtritt - Väter, Mütter und auch die sonst noch die Tradition gewährleistenden Onkel und Tanten - und die Nachfolger auf keinerlei Quererfahrung mehr zurückgreifen können und auch nicht organisch in die Nachfolge eingewiesen wurden, sondern die Nachfolge nur nach dem Erbschaftsprinzip erfolgte, sehen wir eine ratlose und wenig motivierte Erbengeneration, die sich mangels traditioneller Einbindung nur noch an der gegenseitigen Ratlosigkeit orientiert.

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