Thema Soziologie

Das Ende der Arbeit?

 

Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte sind so wenige Arbeitskräfte nötig gewesen, um die für die Weltbevölkerung notwendigen Produkte und Dienstleistungen zu erbringen, meint der Autor Jeremy Rifkin in seinem Buch Das Ende der Arbeit: „Seit dem Beginn der Moderne bemißt sich der Wert eines Menschen am Marktwert seiner Arbeitskraft. Jetzt, da diese Ware in einer automatisierten Welt zusehends überflüssig wird, müssen wir den Menschen in seinem Verhältnis zur Gesellschaft neu definieren.“ Vielleicht müssen wir ihn wirklich neu definieren, aber möglicherweise nicht zu seinen Ungunsten. Der Mensch ist in der Situation, sich weitgehend von den niederen Arbeiten befreit zu haben oder befreien zu können. Das muß ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Die reine Arbeiterklasse verschwindet immer mehr und wird zunehmend durch Maschien ersetzt: das wäre dann wirklich der Aufbruch ins bürgerliche Zeitalter. „Uns geht die Arbeit aus“, stellt Rifkin fest, und das klingt bei ihm wie die Ankündigung einer Katastrophe.

Roosevelts „New Deal“.

Unmittelbar nach seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten im Jahre 1933 startete F.D. Roosevelt seinen „New Deal“ (als übrigens auch Hitlers Autobahnbau praktisch mit Falschgeld finanziert wurde: eine sonst nicht gerade empfehlenswerte Methode staatlicher Geldschöpfung, die hier nur wegen der Begeisterung für den „Führer“ nicht den Markteinbruch bewirkte): Auch Roosevelt sah in staatlichen Arbeitsprogrammen den einzig möglichen Ausweg aus der damaligen Massenarbeitslosigkeit, allerdings nur als Startprogramm für die sonstige Wirtschaft. Mit seiner Civil Works Administration verschaffte er vier Millionen Menschen eine neue Arbeit. Das Geld war dabei nicht verlorren, sondern wurde durch diese Leute zwangsmäßig sofort wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt. Da ihre Kaufkraft stieg, faßte der Basismarkt wieder Fuß, auf dem aber die höheren Branchen aufbauen und so fort. Roosevelt hatte erkannt, daß er das alles am wirkungsvollsten dadurch erreichen konnte, daß er Projekte startete, die sehr arbeitsintensiv waren, bei denen also der Lohnanteil neben den sonstigen Kosten verhältnismäßig hoch war, sodaß pro Arbeitskraft nur geringes sonstiges Startkapital erforderlich war. Vor allem wurden Jugendliche und Ältere wieder beschäftigt, das Arbeitslosengeld und die sonstigen Sozialleistungen wurden erhöht und ein gesetztlicher Mindestlohn eingeführt. Gegenfinanziert wurde das ganze vor allem durch die Erhöhung der allgemeinen Einkommen- und Vermögensteuer. Um den Geldfluß wieder in Gang zu bringen, sollte das Geld dort fortgenommen werden, wo es lediglich gehortet wurde, um es dorthin zu bringen, wo es unmittelbar in den Kreislauf zurückfloß. Leider haben die Wirtschaftsexperten derartige Modelle offenbar wieder völlig vergessen.

Zur Zeit des Frühkapitalismus, des Merkantilismus, hat man bewußt vermieden, Maschinen einzuführen, die zu viele Menschen arbeitslos machten - das entsprach weder der Ethik noch einer damals offenbar noch etwas intelligenteren Einsicht in wirtschaftliche Zusammenhänge (was vielleicht daran liegen kann, daß man noch nicht so weit entfernt war von den Wurzeln aller Geldwirtschaft) -, doch heute haben Politiker und Unternehmen hierin alle Skrupel verloren. Da daran kaum etwas zu ändern ist, sollte man versuchen, aus dem Übel das beste zu machen. Ist es nicht die originäre Aufgabe allen Wirtschaftens, sich die Arbeit so leicht wie möglich zu machen? So gesehen wären also alle Rationalisierungsschritte nur konsequent und ansich noch keineswegs von übel - nur darf man dann nicht dabei stehen bleiben. Die Rationalisierung und damit verbundene Freisetzung einer Arbeitskraft wäre dann eben nur ein halber Schritt, dem in jedem Fall der nächste zu folgen hat, nämlich die Neubeschäftigung des freigesetzten Menschen. Da er (sie) nun von einer niederen Arbeit, die auch von einer Maschine erledigt werden kann, befreit ist, ist er(sie) frei für eine bessere Tätigkeit. Welche könnte das sein? Wir müssen uns dazu veranschaulichen, daß die bürgerliche Welt nur funktioniert, wenn sie sich als solche selbst darstellt. Eine reine Freizeitgesellschaft kann es schon insofern gar nicht geben - abgesehen davon, daß sie auch wohl in kulturpolitischer Hinsicht nicht wünschenswert wäre. (Die Vorstellung, daß alle Menschen ihre Freizeit auch intelligent ausfüllen würden, widerspricht zum einen allen Erfahrungen, ist aber auch ebenfalls aus inszenatorischen Gründen kaum denkbar. Nicht zufällig richten sich deshalb stets die alten Rollenspiele immer wieder ein.) Diese Überlegungen führen automatisch zur Betonung des Dienstleistungssektors. Die freigesetzten Menschen könnten alle möglichen Aufgaben im sozialen Bereich übernehmen: da müßten offensichtlich die meisten Menschen in Zukunft tätig sein. Bezahlen läßt sich das durchaus, anderenfalls wären die Maschinen unnütz: da diese jetzt die frühere Tätigkeit der nun im sozialen Bereich Tätigen erledigen, wird insgesamt ein mehr an Leistung erzielt, und das kann ja nicht zu einem wirtschaftlichen Verlust führen. Was dazu nötig wäre, um das richtig einzurichten, ist lediglich eine richtige wirtschaftspolitiche Steuerung. Insgesamt läßt sich damit die Hoffnung auf eine allgemeine Qualitätssteigerung verbinden - sowohl in persönlicher Hinsicht wegen der qualifizierteren Tätigkeiten als auch in kollektiver Hinsicht wegen der Zunahme des sozialen Sektors.

Eine andere Frage ist die, wer diesen Wandel herbeiführen soll. Vermutlich werden es eher reine Sachzwänge sein, als eine allgemein wachsende Einsichtsfähigkeit. Schon heute sind die Arbeiter, sofern es sie noch gibt, als Stand völlig verbürgerlicht und damit von sich aus - also abgesehen von den Sachzwängen - kaum noch für einen gesellschaftlichen Wandel ansprechbar. Das ist auch die Erfahrung in den neuen Bundesländern. Im Klartext bedeutet das, daß eine gesellschaftliche Veränderung nur über das Zwischen­stadium einer wachsenden Arbeitslosigkeit erreicht werden kann. Nur wenn das alte System einfach nicht mehr funktioniert, wird sich ein neues ergeben. Die meisten Menschen denken eben nicht mit ihrem Kopf, sondern mit ihrem Magen. Imgrunde ist es nicht zu verstehen, warum die Menschen nicht viel mehr wie etwa in den Tauschringen zu Selbsthilfemaßnahmen greifen. Ob man solche al­ter­nativen Wege als ersten, zweiten oder dritten Arbeistmarkt bezeichnet, ist imgrunde ganz egal. Welcher Unterschied besteht etwa zwischen dem „ersten“ und „zweiten“ Arbeitsmarkt? Der erste ist derjenige, der von den Unternehmern angeboten wird, der zweite kann vom Staat initiiert werden - etwa in Form von ABM-Maßnahmen, aber wenn die Unternehmer alle möglichen Zugeständnisse bekommen, wenn sie einen Arbeitsplatz anbieten, ist das finanzpolitisch prinzipiell nichts anderes. Wenn im Ruhrgebiet pro Arbeitsplatz mehr Subventionsgelder als bei einer üblichen ABM-Maßnahme bezahlt werden, dreht sich das Verhältnis sogar um. Bezahlen läßt sich der zweite Weg immer, wenn die dafür erbrachte Leistung den Gegenwert des Geldes erbringt. Die sozialistische Planwirtschaft war ansich nichts anderes als ein einziges ABM-System. Das hat höchsten organisatorische und praktische Nachteile, nicht aber prinzipielle. Rifkin:

Erhöhte Staatsausgaben haben sich in den letzten 60 Jahren als das einzig wirksame Mittel erwiesen, um den „Teufel der geringen Nachfrage auszutreiben“... In einer solchen Situation mutet die Angebotstheorie naiv, wenn nicht sogar dumm an. (B.R.)

(Siehe auch: Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit, Frkf.a.M. 1997)

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