Thema Soziologie

Ein Ruck durch Deutschland

Eine Science-Fiction-Story

 

Wenn wir die Namen unserer ehemaligen Bundespräsidenten Revue passieren lassen, könnte uns zumindest hinsichtlich der grundsätzlichen Einstellung gegenüber dem Leistungsprinzip kein größerer Gegensatz als der zwischen Theodor Heuß und Roman Herzog auffallen. Während der erstere unserer damaligen Fußballmannschaft auf ihre Reise nach London die Parole mitgab: „Nun siegt mal schön!“, ist uns der andere durch seine sog. „Ruck-Rede“ im Gedächtnis geblieben. Der blieb uns auch nachträglich noch durch seine Kopfsteuer-Ideen, seine immer präsenten Adam-Riese-Apelle sowie seine diversen Vorsitze in diversen Kon­ven­ten erhalten, die sich gegen alle nur denkbaren Formen von "Sozialschmarotzertum" gebildet haben.

„Ein Ruck muß durch Deutschland gehen!“ mahnte dieser unser stets unvergessene Bundespräsident Roman Herzog in einer seiner ersten Reden nach seiner damaligen Wahl. Und bei anderer Gelegenheit erläuterte er: „Ich frage mich, wie eine Hochschule eigentlich die Qualität ihrer Ausbildung überprüfen will, solange nicht auch handfeste Daten über die beruflichen Werdegänge ihrer früheren Studenten ausgewertet werden.“ Klare Karrieren sind schließlich durch eindeutige Daten gekennzeichnet und daran zu erkennen. Selbst Vincent van Gogh könnte so immerhin heute noch nachträglich einen Leistungsnachweis wenigstens dadurch erbringen, daß er auf den inzwischen handelsüblichen Preis seiner Bilder verwiese. Das müßte unser Bundespräsident eigentlich noch gelten lassen - oder? Allerdings zu Vincents Lebzeiten, da sah es böse aus und da hätte unser Bundespräsident im Leistungsstadion unseres Standortlandes leider den Daumen nach unten senken müssen. Härte tut manchmal ganz gut, damit alle wissen, worauf es heute ankommt: auf Leistung nämlich - und zwar meßbare. Meßbar ist aber eben nur die jeweilige Stufe auf der Karriereleiter oder der Kassenstand. Als früherer Richter ruhte unser Präsident insofern auf zwei handfesten Säulen und hätte seiner ehemaligen Hochschule sicher zur Ehre gereicht, während Vincent noch als über Dreißigjähriger in eine Malerklasse für Vierzehnjährige zurückversetzt wurde. Aber falls unser Präsident den Namen Van Gogh jemals gehört haben sollte (denn weder als Richter brauchte er das, noch war es für seine sonstige Karriere von Bedeutung - es sei denn, beim Smalltalk mit einflußreichen Persönlichkeiten), so benötigte er solches Bildungsgut als Bundespräsident erst recht kaum noch, denn da hat man natürlich seine Ghostwriter, die einem alles das abnehmen, was sich nicht in handfesten Daten über die beruflichen Werdegänge niederschlägt. Aber unser Präsident sagte ja nur, was inzwischen überall gesagt wird und was uns demnach als der einzige Ausweg aus unserer Standortmisere erscheinen muß. Wir wissen ja oder bekommen es wenigstens täglich gesagt, daß nur eine Orientierung an der globalen Konkurrenz uns noch das wirtschaftliche Überleben garantieren kann. Unter dem Begriff Fortschritt verstehen wir deshalb ganz zwangsläufig schon lange nicht mehr das, was noch die französische Revolution darunter verstand (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), sondern den Einstieg in die Informationsgesellschaft und die Eroberung neuer Märkte. Statt alter Sprachen und Geschichte - denn was soll das alles? - geht es jetzt um Computer, Internet und Gentechnologie. Natürlich versteht davon auch Herr Herzog kaum etwas, aber für seine Karriere war das auch nicht nötig. Wie uralt muß uns da ein Präsident wie Theodor Heuß erscheinen, der unsere Fußballer mit dem Spruch nach England schickte: „Nun siegt mal schön!“ Heute würde man ihn deshalb wohl als Karrieremuffel bezeichnen und gar nicht mehr verstehen, wie der in sein Amt gekommen war.

Aber mal im Ernst: Der Existenzkampf wird wirk­lich härter, und dieser unser Präsident hat nicht mehr und nicht weniger getan, als uns das deutlich zu sagen, weil wir sonst das internationale Klassenziel nicht erreichen. Wir müssen uns der Dynamik des Weltmarktes fügen, ob wir das wollen oder nicht. An unseren Arbeitsplätzen herrscht deshalb auch schon überall ein anderer Ton. Nur noch derjenige, der einen lückenlosen beruflichen Werdegang nachweisen kann, hat eine Chance. Und diesen Werdegang muß man gewissermaßen in allen seinen Gesten, Gedanken und Bewegungen spüren. Der moderne Angestellte muß effektiv sein - er muß genau wissen, wieviel Zeit er für ein Telefonat erübrigen kann und muß usw. Denn wenn er etwa mit irgendeinem seiner Geschäftspartner zu wenig spricht, hat er zu wenig Akten auf seinem Schreibtisch, und wenn er mit ihm zu viel spricht - etwa über sein Hobby, die französische Küche - hat er bald zu viele Akten dort liegen.

Das sind ja aber schöne Aussichten!
Wie soll das nur weitergehen?

Um uns das plastisch vorzustellen, sollten wir vielleicht versuchen, einen Blick in die Welt der Zukunft zu werfen - vor allem auch deshalb, um zu sehen, ob die Mahnung des Bundespräsidenten da in irgendeiner Weise gefruchtet hat. Begeben wir uns einmal etwa in das Jahr 2050 und statten wir einem zukünftigen Büro einen kurzen Besuch ab. Wir sehen hier allerdings wohl nur noch die wenigen Glücklichen, die es geschafft haben, selbst unter den unsere heutigen Vorstellungen noch in den Schatten stellenden Leistungsbedingungen ihren Job zu behalten, während vermutlich die weit überwiegende Mehrzahl aller sonstigen Men­schen gar nicht mehr weiß, was ein geregelter Arbeitsplatz ist, und dementsprechend natürlich auch von jeder Versorgung abgeschnitten ist. Denn daß diese alle dann nicht auch noch von der inzwischen so geschrumpften Zahl der noch verbliebenen Arbeitnehmer mitbezahlt werden können, leuchtet schon ganz unmittelbar mathematisch ein. Im übrigen muß es ja auch spürbar werden, wenn jemand es versäumt hat, sich den herzöglichen Ruck selbst zu geben („sich am Riemen zu reißen“, wie man das früher auch nannte).

Wir lassen uns also als eine Art Zeittouristen von einem Begleiter in eines dieser zukünftigen Büros führen und sehen dort die möglicherweise allerletzten Büroangestellten bei ihrer Arbeit. Sie arbeiten in einer uns geradezu einschüchternden Geschwindigkeit. Unsere Augen vermögen kaum den über die Schreibmaschinentastatur gleitenden Händen zu folgen. Diese Zukunftsmenschen haben es auch gelernt, mehrere Arbeiten gleichzeitig zu erledigen - etwa gleichzeitig mehrere Telefonate zu erledigen (das können allerdings unsere heutigen Börsianer auch schon) und dabei auch noch einen Brief zu schreiben, während sie etwa im Kopf eine schwierige Rechnung bewältigen. Dabei müssen sie nicht nur geistig derartig schnell, sondern auch körperlich über alle Maßen fit und lebendig sein. Jederzeit müssen sie in der Lage sein, ihren Platz zu verlassen und mit einer unglaublichen Virtuosität zwischen den Tischen ihrer Kollegen hindurchzugleiten, etwa um einen entfernten Aktenschrank zu erreichen. Bei allem genügt der bloße Augenschein gar nicht, uns die volle Bandbreite der Fähigkeiten dieser Wundermenschen zu veranschaulichen. Tatsächlich sind sie derart mit ihren Computersystemen verbunden, daß ein Großteil der Programme in ihrem Kopf existiert und sie jederzeit die wichtigsten Daten auch auswendig hersagen könnten. Das kennen wir im Prinzip schon aus unserer Zeit, es wurde aber im Laufe der folgenden Jahrzehnte noch derartig vervollkommnet, daß die Menschen selbst wandelnde Computer sind; anderenfalls wären sie vermutlich auch gar nicht in der Lage, die äußerst komplexen Informationen ihrer digitalen Werkzeuge richtig zu interpretieren. Ständig schwirren auch uns unverständliche Stichworte in einer Art Codesprache durch den Saal, die von allen zuständigen Beteiligten offenbar stets richtig interpretiert werden. Ähnliches kennen wir ja aber auch heute schon aus unseren Börsen und von besonderen Märkten. In der Tat scheint das uns bekannte Geschehen an der Börse und auf den Finanzmärkten hier in extremer Form fortentwickelt worden zu sein.

„Das ist ja unglaublich!“ entfährt es uns. „Wie sind solche Fähigkeiten nur möglich? Wir zu unserer Zeit...“

„Ja, ja“, sagt unser Begleiter. „Damals! Wir kennen das noch aus den Geschichtsbüchern. Sie möchten gerne wissen, wie solche Leistungssteigerungen möglich waren? Dafür gibt es eine ganz nüchterne Erklärung, und die ist mit einem Wort zu umschreiben: Konkurrenz! Wir haben ja ein schier unerschöpfliches Potential an alternativen Arbeitskräften, die un­mit­telbar vor der Tür stehen und jederzeit bereit sind, den gleichen Job zu übernehmen, wenn einer der jetzigen Angestellten in seiner Leistung nachläßt. Im übrigen haben wir auch gegen den langjährlichen und beharrlichen Widerstand der allerdings auch immer machtloser werdenden europäischen Gewerkschaften das amerikanische Arbeits- und Sozialmodell übernommen. Das bedeutet, daß derjenige, der seinen Arbeitsplatz verliert, nach einer kaum nennenswerten Übergangszeit ohne jede Versorgung dasteht. Ein hartes System, aber überaus wirksam. Was letztlich zu seinem Durchbruch geführt hat, waren die praktischen Ergebnisse, deren Zeugen Sie werden konnten. Derartige Leistungen, wie Sie sie hier erlebt haben, wären ohne diese scharfe Konkurrenz wohl kaum denkbar gewesen.“

In der Tat! Natürlich fallen uns auch inzwischen etwas weniger schmeichelhafte Erklärungen für die beobachtete Leistungssteigerung ein - etwa die, daß wir es hier vielleicht mit geclonten Menschen zu tun haben könnten, oder die, daß möglicherweise der überwiegende Teil dieser Angestellten aus sogenannten Kalenderidioten bestehen könnte. Aber das sind eigentlich nur ästhetisierende Betrachtungen, wie sie intellektuellen Kritikern stets dann einfallen, wenn sie vor der immer drangvolleren Notwendigkeit stehen, ihre eigene allgemeine Unfähigkeit mit billigen Erklärungen zu relativieren. Irgendwer hat einmal aus diesem Prinzip das Entstehen aller Kultur erklärt - als es darum noch ging! Zumindest müssen sich ja die Intellektuellen immer erklären, warum gerade sie für ihre Arbeit am Ende kein Geld bekommen - jedenfalls, wenn es sich um echte Vertreter des Geistes handelt und nicht nur um deren bürgerliche Darsteller! (Und das schärft ihre Abstraktionsfähigkeit: ist es nicht so?)

Lassen wir aber derartige fruchtlose Betrachtungen beiseite, die ohnehin keine Chance haben, in einer völlig ökonomisierten Welt ernst genommen zu werden. Inzwischen haben wir nämlich mit unserem Führer das Büro verlassen. Er will uns jetzt zeigen, daß die erstaunliche Arbeit, deren Zeuge wir geworden sind, auf der anderen Seite auch einen ebenso erstaunlichen Wohlstand erwirtschaftet hat. Wir werden jetzt nämlich durch eine prachtvolle Megastadt mit unerschöpflichen Konsumangeboten geführt und gelangen schließlich an einen geradezu paradiesisch anmutenden Strand, an dem eine unübersehbare Schar von Badegästen liegt. Allerdings möchten wir gerne wissen, wer denn diese offenbar dritte existierende Kategorie von Menschen ist, die sich ein solches Luxusleben leisten kann, denn weder die Arbeitslosen noch die Angestellten könnten sich das natürlich erlauben, weil sonst der erwähnte Leistungsantrieb nicht mehr gegeben wäre.

Die Antwort unseres Begleiters überrascht uns eigentlich kaum, denn irgendwie hatten wir uns das so schon gedacht. „Wer das ist?“ fragt er - und jetzt ist er es, der offenbar etwas überrascht ist: „Natürlich die Aktionäre - wer sonst?“

Natürlich! Wir haben es also inzwischen mit einer recht deutlich gegliederten Drei-Klassen-Gesellschaft zu tun. Der moderne Großstadtmensch der Postpostmoderne will seine Freizeit genießen: die Selbstverwirklichung ist die wahre Frucht echter Leistung - denn daß zwischen Arbeit und Leistung ein erheblicher qualitativer Unterschied besteht, wissen wir schon aus der Physik, und hier wird es uns wirklich plastisch vor Augen geführt! Auf diese Weise ist es uns selbst - wir werden als Gäste entgegenkommenderweise den Leistungsmenschen zugerechnet - ebenfalls vergönnt, hier noch einen wunderbaren Nach­mittag zu verbringen. Am Abend machen wir dann noch eine Spazierfahrt in dem Rolls Royce unseres Begleiters. Erst jetzt bemerken wir, daß es kaum noch andere Autotypen gibt und dieser Luxuswagen demnach zum eigentlichen Volkswagen geworden zu sein scheint (eine Entwicklung, die sich bereits im Jahre 1998, wie einige sich erinnern werden, anbahnte). „Natürlich“, bestätigt unser Begleiter, „wer sich keinen Rolls Royce leisten kann, zeigt ja, daß er als Spekulant relativ glücklos ist, und das möchte jeder vermeiden.“

„Und die Angestellten, die wir gesehen haben?“

„Die dürfen mit ihren Fahrrädern kostenlos unsere Straßen benutzen. Wir brauchen sie ja irgendwie.“

Wir sind noch bis zum nächsten Tag geblieben, um uns auch in eine Nachbarstadt zu begeben, in der es noch viele Arbeiter gibt. Im Vergleich mit den Angestellten scheinen diese allerdings noch mehr - sofern eine Steigerung überhaupt denkbar ist - unter Leistungsdruck zu stehen, vermutlich weil sie noch leichter ersetzbar sind. Wir werden auf ein Fabrikationsgelände geführt, auf dem merkwürdigerweise auch Bettler und Obdachlose herumliegen. Unser Führer erklärt uns, daß man diese hier dulde, weil sie besonders geeignet seien, durch den mit ihnen verbundenen Abschreckungseffekt die Arbeitsmoral der noch Beschäftigten aufrechtzuerhalten. Die Art und Weise, wie er uns das zu demonstrieren versucht, mutet uns allerdings reichlich unschön und geschmacklos an. Er kommandiert einen der für uns herbeigerufenen Arbeiter zu sich und läßt ihn die Tagesparole seines Betriebes aufsagen (wir kannten Ähnliches schon in unserer Zeit aus Japan). Da ihm das nicht laut und deutlich genug gesagt erschien, läßt er sie den armen Menschen noch mehrmals wiederholen und ihn zu unserer gedachten Belustigung einige etwas lächerlich anmutende Gymnastikübungen machen, bevor er ihn wieder fortschickt. Zu unserer Zeit hätten wohl selbst Soldaten einen solchen Kommandostil und eine derartige Schikane seitens ihres Vorgesetzten kaum ertragen, insbesondere nicht Fremden gegenüber (der Arbeiter wußte von uns allerdings wohl nur, daß wir einem höheren Stand angehörten); aber die Zeiten haben sich offenbar geändert. Um nun die Führung dieses Tages zu beenden, werden wir auch noch in eines der hiesigen Büros geführt. In diesem geht es nicht nur völlig gleich zu wie in dem Büro am Vortage, sondern auch alle Menschen kommen uns merkwürdig bekannt vor. Das ganze Team besteht scheinbar aus den gleichen Personen, die alle jeweils an den gleichen Plätzen eine gleiche Arbeit erledigen wie in dem ersten Büro. Wir sehen etwa ein Mädchen und einen jungen Mann, die wie eine Zwillingsschwester und ein Zwillingsbruder der vergleichbaren gestrigen Personen erscheinen. Jetzt haben wir wirklich den Verdacht, daß es sich möglicherweise um geclonte Menschen handeln könnte, und wir äußern diesen Verdacht gegenüber unserem Begleiter.

Dieser lächelt nur und sagt, wir würden bald eine andere Erklärung für den Tatbestand der erstaunlichen Ähnlichkeit der Angestellten erhalten. Er wolle nur den Dingen nicht vorgreifen.

Dann führt er uns wieder auf den Hof des Fabrikgeländes. Während wir diesen überschreiten, werden wir durch die Reihen der jetzt noch zahlreicher gewordenen Bettler geführt, die uns bittend ihre Hände entgegenstrecken. Je weiter wir gelangen, desto schauerlicher wird die Szene. Allmählich ist der Hof dabei in eine übliche Straße übergegangen, und wir werden jetzt durch die Reihen der Häuser eines äußerst verwahrlosten Stadtteils geführt. Schauderhafte Gerüche und Geräusche dringen aus den Fenstern und Türen der Häuser. Dabei sind diese Häuser diejenigen der Arbeiter, denn die anderen haben natürlich überhaupt kein Dach über dem Kopf.

Unser Begleiter scheint zu glauben, seiner Vorstellung noch einen Höhepunkt verleihen zu können, indem er uns in eines dieser Häuser führt. Er läßt sich davon auch nicht durch unseren ausdrücklichen Protest abhalten.

„Öffnen Sie nur diese Tür hier. Sie werden eine Überraschung erleben!“ meint er.

Und da wir immer noch zögern, stößt er uns regelrecht in das Haus hinein. Widerstrebend öffnen wir also die Haustür. Doch wie erstaunt sind wir, als wir statt der erwarteten Finsternis nun plötzlich von gleißendem Licht geblendet werden! In der Tat stehen wir nämlich jetzt in einer Art Wüste, und indem wir überrascht zurückblicken, erkennen wir, daß wir lediglich durch ein Loch in einer Bretterwand hierher gelangt sind. Die Stadt, durch die wir zuvor gegangen sind, war offenbar eine Art Filmstadt, und jetzt stehen wir hinter deren Kulissen, die mehrere Stockwerke hochragen und durch ein eisernes Ständerwerk abgestützt werden!

„Damit erklärt sich für Sie hoffentlich auch die erstaunliche Ähnlichkeit der Angestellten“, meint unser Führer.

Uns dämmert in der Tat dabei, daß es sich um eine Art Wanderausstellung handeln muß und die Angestellten offenbar nur Schauspieler waren, die Leuten wie uns lediglich das vorführen sollten, was wir zu sehen erwarteten.

„Wir brauchen diese Darstellung auch deshalb, weil wir dadurch erst richtig begreifen, was Wohlstand ist. Dieser bedarf tatsächlich einer gewissen Darstellung. Inzwischen sind die Vorstellungen, von der Sie offenbar noch ausgehen, nämlich schon lange von der Wirklichkeit überholt worden.“

„Dann waren also auch die Arbeiter nur Darsteller?“

„Ja, glauben Sie wirklich, wir würden unsere Mitmenschen heute noch so behandeln? Übrigens waren natürlich auch die Bettler und Obdachlosen nicht echt.“

Das beruhigt uns tatsächlich. Offenbar befinden wir uns doch in einer Zukunftswelt, in der die Vernunft gesiegt hat und alle Menschen im Wohlstand leben.

„Es gibt bei uns in der Tat keine Bettler mehr“, erklärt unser Begleiter. „Kennen Sie übrigens die Geschichte von dem Mann, der seinem Pferd das Fressen abgewöhnen wollte?“

„Wie ist die ausgegangen?“

„Nun: Fast hatte er es so weit, da ist es ihm gestorben. Das war natürlich Pech - ein Fehler des Systems, das aber letztlich auf unvorhergesehene Weise den eigentlichen Beweis seiner prinzipiellen Richtigkeit erbrachte. Aber ganz ähnlich hat sich das Problem mit den Bettlern schon vor Jahrzehnten von alleine erledigt und damit den endgültigen Beweis der Richtigkeit des kapitalistischen Systems erbracht - zu einer Zeit, als einige schon daran zu zweifeln begonnen hatten. Auch das war unschön, doch inzwischen brauchen wir uns deshalb mit dem Problem nicht mehr zu beschäftigen.“

„Zweifler gibt es nicht mehr?“

„Ebensowenig wie nach dem dreißigjährigen Krieg Protestanten in Böhmen.“

„Aber passiert es heute nicht mehr, daß ständig neue Leute in Armut fallen?“

„Doch, natürlich. Das ist sogar ein Schicksal, das jeden von uns täglich ereilen kann - jedenfalls wenn er nicht dagegen versichert ist. Man braucht sich sonst nur zu verspekulieren. Andererseits gibt es keinen Sinn, den Aktionären noch Bettler vorzuführen, und deshalb geschieht das auch nur noch bei dieser Ausstellung - für Gäste und Zeitgenossen mit einem etwas abwegigen Geschmack. Ich kann Ihnen auch versichern, daß fast alle Aktionäre versichert sind, sodaß Fälle von plötzlicher Armut eigentlich eine große Ausnahme sind. Allerdings muß sich jeder selbst versichern, denn der Staat kommt für keinen mehr auf.“

„Aber wer nicht rechtzeitig genügend Geld erworben hat, um sich derartig versichern zu können?“

„Die meisten sind ja schon Erben und haben in jedem Fall ein erhebliches Startkapital.Wußten Sie, daß auch die meisten der wohlhabenden Venezianer ihren Wohlstand erst der Pest zu verdanken hatten?“

„Aber wenn es auch keine Angestellten und Arbeiter mehr gibt: Wer erledigt dann denn deren Arbeit?“

„Darüber wird kaum noch gesprochen, weil es sich teilweise von alleine erklärt. Genaueres wissen die Leute auch gar nicht mehr darüber: Vermutlich doch wohl die Maschinen, Roboter und Computer. Alle die Arbeiten, die Sie vorgeführt bekommen haben, können ja durch Automaten noch sehr viel schneller erledigt werden, und schon deshalb ergäbe eine derartige menschliche Leistungssteigerung gar keinen Sinn. Lediglich in einer Übergangszeit war es wohl notwendig, den Menschen solche Szenarien vorzuführen, um ihnen ein derartiges Leistungsethos zu vermitteln.“

Das eigentliche Geheimnis, das nur wir als Zeitgäste erfahren, liegt nämlich darin, daß die Banken das Geld, mit dem die Spekulanten operieren, gar nicht mehr realiter haben, weil die ganzen Börsenspiele ja dafür keinen Gegenwert erzeugen.

„Kommt es nicht vor, daß jemand dennoch sein Geld abheben und realisieren will?“ fragen wir unseren Begleiter.

„Natürlich, etwa für unsere Luxusautos. Doch weil jeder sie hat, haben sie auch ihren Prestigewert verloren, und nur wenige bestehen auf dem Besitz eines Autos. Doch für diese Fälle kommen die Versicherungen der Banken auf: das Risiko läßt sich statistisch berechnen. Das hat sich übrigens schon nach den früheren Bankkrächen ergeben, weil damals letztlich die Steuerzahler dafür aufkommen mußten. Wußten Sie übrigens, daß uns dieser Luxusstrand mit seinen ganzen Millionären, den Sie gesehen haben, nicht mehr kostet, als wenn sich lauter Habenichtse daran tummelten? Abgesehen von einer gewissen Drapierung natürlich, deren Herstellung aber für die Automaten kein Problem ist. Auch die Tatsache, daß die Leute ihrer Sachen immer bald wieder überdrüssig werden, läßt sich ja statistisch berechnen, sodaß die in einem Leasingverfahren nur noch nach zwischenzeitlicher Überholung verschoben werden.“

„Ist das nicht wieder eine Art Staatskapitalismus wie im Kommunismus?“

„Natürlich. Der Kommunismus hat ja nur deshalb nicht funktioniert, weil niemand mehr daran glaubte, daß er funktionieren konnte. Das, was man erhalten muß, ist lediglich die kollektive Illusion.“

„Und wie ist es mit der Kultur?“

„Ach, die Kunstwerke!“

„Sagen Sie bloß nicht, daß die auch von Maschinen hergestellt werden!“

„Schlimmer noch: von erbärmlichen Wichten, die bitterarm wären, wenn ihnen die Spekulanten nicht einen Haufen Geld für ihre Produkte bezahlten!“

„Logisch!!? - Warum aber alle diese Spielchen?“

„Weil die ganze Gesellschaft heute nur noch auf der Basis der Grundversorgung beruht, während die Automaten wie gesagt vollständig die Produktion übernommen haben. Aber das will ja keiner wissen.“

Diese Dinge gingen uns noch lange im Kopf herum, und da wir mit unserem Urteil zu keinem rechten Ergebnis kommen konnten, beschlossen wir, noch weitere fünfzig oder hundert Jahre in die Zukunft zu gehen. Was wir dabei erlebten, war allerdings äußerst überraschend für uns. In dieser Zeit gab es nur noch zwei Stände, die wir der Einfachheit halber - um möglichst treffend ihr Selbstverständnis in unserer Sprache wiederzugeben - als A-Rucker und B-Rucker bezeichnen können, die in ähnlicher Weise wie die Eloi und die Morlocks in H.G.Wells berühmtem Roman Die Zeitmaschine zusammenlebten. Die den Eloi entsprechenden A-Rucker waren offenbar die Nachfolgeklasse der früheren Aktionäre, und die B-Ruk­ker entsprachen dabei den Morlocks, die die Eloi unterdrückten. Sie waren allerdings keine Affenwesen wie bei Wells, sondern Roboter, die mit ruckartigen Bewegungen (was ihren Namen rechtfertigt) eine außerordentliche Effektivität erreichten - zumindest in dieser Welt, deren Maßstäbe sie selbst geschaffen hatten. Daß sie letzteres tun konnten und dabei die Eloi (die A-Rucker) so unterdrücken konnten, lag vermutlich auch an der völligen Passivität der A-Rucker. Wie war das möglich? Waren die nicht gerade diejenigen, die sich am entschiedensten den berühmten Ruck gegeben hatten und dabei doch Menschen geblieben waren? Aber es war ähnlich wie bei den Eloi: Bücher kannten sie kaum noch; an deren Stelle war ein einziger Brei von Unterhaltungsprogrammen aller Art getreten, und ihre Konversation spielte sich auf einem entsprechend niedrigen Niveau ab. So hatten sie auch ihre ganze kulturelle und geistige Identität verloren und dabei vermutlich gar nicht einmal bemerkt, daß sie inzwischen immer mehr zum Werkzeug der Roboter geworden waren. Denn diese verkörperten letztlich am konsequentesten diejenigen Ideale, die sie selbst zum Maßstab aller Dinge erhoben hatten. Zudem wußten sie am Ende wohl gar nicht mehr, wie sie sich noch beschäftigen sollten, und  hatten deshalb Computerspiele entwickelt, die ihnen die Illusion einer aufregenden Leistungswelt vermittelten. Immer noch empfanden sie sich wohl als die eigentlichen Arbeitgeber dieser Roboter-Kreaturen, die aber, wie früher einmal die Karolinger den Merowingern, den A-Ruckern inzwischen alle Entscheidungsbefugnisse aus der Hand genommen hatten.

An dieser Stelle wollen wir unseren Bericht beschließen. Wir sind inzwischen in die Gegenwart zurückgekehrt und müssen uns nun noch überlegen, wie wir das alles unserem ehemaligen Bundespräsidenten übermitteln sollen. Es ist zu befürchten, daß er vieles davon einfach nicht verstehen wird und daß es ihn bei seiner immer noch so überaus fruchtbaren Lobbyarbeit in den diversen Konventen, in denen er seiner eigentlichen Begabung gemäß auch zumeist den Vorsitz innehat, möglicherwise demotivieren könnte. Damit würde doch ein äußerst fruchtbarer Kreativitätsquell versiegen - und das wäre zu schade für unsere Kultur!

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