Thema Politik

Das Wirtschaftswunder

 

 

Die fruchtbare Konkurrenz zweier Wirtschaftsmodelle

Das sog. Wirtschaftswunder, das wir heute mit dem Namen Ludwig Erhards verbinden, erschien den Zeitgenossen wie die Geburt eines Phönix‘ aus der Asche des zweiten Weltkrieges. Dieser Vorgang erklärte sich aber aus einer Reihe bestimmter günstiger Umstände, die andererseits hinsichtlich unserer heutigen Verwirrung Modellcharakter haben könnten, wenn es nicht zu viele Gruppeninteressen und selbstverursachte Blockaden gäbe, die uns kollektiv daran hindern, uns darauf zu besinnen. Vielmehr wird der Name Ludwig Erhards neuerdings für einen regelrechten Etikettenschwindel seitens derer verwendet, die dieses Modell ganz im Gegenteil vorsätzlich auf den Kopf stellen wollen. (Siehe dazu unseren Beitrag: ‚Subversion und Etikettenschwindel’.).

 

Einige Zitate von Ludwig Erhard, aus denen ersichtlich wird, wie sehr sich die Auffassungen über die eigentlichen Aufgaben der Wirtschaft inzwischen geändert haben (Hervorhebung von uns):

September 1946 (um den Alliierten zu versichern, daß er nicht mehr die Wirtschaftsziele der Nazis verfolgte): Daß dieses wirtschaftlich wie sozial begründete Streben nach einer zur Sicherung der materiellen Fortexistenz ausreichenden Lebensgrundlage zur Rückgewinnung eines umfassenden Wirtschaftsraumes drängt, hat nichts, aber auch gar nichts gemein mit machtpolitischen, imperialistischen Aspirationen ei-nes Staates, dem die Wirtschaft unter Entfremdung ihrer eigentlichen und ewigen Aufgabe - der sozialen Wohlfahrt zu dienen - nur Mittel zum Zweck der Verfolgung eigensüchtiger nationalistischer Ziele war. (1)

Oktober 1946: Es ist charakteristisch, daß die abweichenden Auffassun-gen immer in der Zuspitzung auf scheinbar unversöhnliche Extreme - hie freie Wirtschaft, dort Planwirtschaft, hie Sozialismus, dort Kapita-lismus - Ausdruck finden, während die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung uns fragen lassen sollte, ob nicht von beiden Fronten her Einflüsse wirksam sind, die auf eine Annäherung der Standpunkte schließen lassen. Wer unter freier Wirtschaft immer nur das hemmungslose Freibeutertum der früh- und hochkapitalistischen Ära zu verstehen geneigt ist, wird der Dynamik hochentwickelter Volkswirt-schaften so wenig gerecht wie der beziehungslose Individualist, der Planwirtschaft schlechthin mit Verödung und Bürokratisierung einer seelenlosen Wirtschaft gleichsetzt... Die freie und meist als kapitalistisch gekennzeichnete Wirtschaft schließt die volle Berücksichtigung sozialer Erfordernisse keineswegs aus... Unter den heutigen Bedingungen besteht die Notwendigkeit, daß der Staat der Wirtschaft planend und regulierend Ziele setzt und die richtungsweisenden wirtschaftspoliti-schen Grundsätze aufstellt... Gerade jetzt muß erkannt werden, daß die Wirtschaft dem sozialen Fortschritt nicht feindlich gegenübersteht, sondern an diesem ihren Wertmesser findet. Alle Maßnahmen, die zu einer gerechten Verteilung des Sozial-produkts, d.h. zugleich des Volkseinkommens, führen, bedürfen ernstester Überlegung. Dieses Problem aber ist gerade in Würdigung der sich uns aus unserer Not aufzwingenden Aufgaben lösbar, wenn nur die Sache über das Dogma gestellt wird...

März 1951: Der Sparverzicht hat aber die volkswirtschaftlich unbequeme und ungünstige Wirkung, daß unsere Volkswirtschaft nicht mehr gleichmäßig durchblutet wird, daß sich alle Kaufkraft mit hohem sozialem Druck auf die Konsumgütermärkte stürzt, während mangels Sparkapitalbildung - und in Zukunft wohl auch mangels allzu leichter Eigenfinanzierung durch die Änderung der Steuergesetzgebung - auf dem Kapitalmarkt ein Vakuum entsteht, das der Ausfüllung bedarf.. (Dieser Satz ist deshalb bemerkenswert, weil er zeigt, wie sehr Erhard in der Tradition der Merkantilisten die Wirtschaft als Organismus betrachtete. Eben-so bedenklich wie eine zu sehr auf Konsumption ausgerichtete Wirtschaft ist aber eine gegenteilige Wirtschaftspolitik, die den Bürgern ihre Kaufkraft entzieht.)

 
     

In der heute schon fast vergessenen Zeit des kalten Krieges konkurrierten zwei gegensätzliche Wirtschaftsmodelle miteinander - die kommunistische Planwirtschaft und die demokratische Marktwirtschaft. Letztere gab sich sehr bewußt das Attribut ‚sozial‘ und nannte sich tatsächlich nicht nur ‚Soziale Marktwirtschaft‘, sondern bemühte sich in der Folgezeit auch wirklich darum, sozial zu sein. Das hatte auch propagandistische Gründe, denn man war sich im Westen klar darüber, daß man den kalten Krieg nicht nur mit Waffen führen, sondern ihn letztlich nur dann gewinnen konnte, wenn man ihn ideologisch gewann - ein Konzept, das sich schließ­lich als erfolgreich erweisen sollte. Man wollte also zeigen, daß das westliche Wirtschaftssystem das bessere war, und wie selbstverständlich folgte damals daraus die - inzwischen mit dem ideologischen Gegner untergegangene - Erkenntnis, daß die Idealform einer Volkswirtschaft eine Mischung aus Plan- und Marktwirtschaft war, in der aus dem Wechselspiel staatlicher Lenkung einerseits und freiem Unternehmertum und Privatinitiative andererseits eine organische gegenseitige Ergänzung folgt, die den Markt zur Entfaltung bringt. So hieß es in den von Ludwig Erhard entscheidend initiierten ‚Düsseldorfer Leitsätzen‘ der CDU im Jahre 1949: „Die Planwirtschaft ernährt ebenso wie die überwundene ‚freie Wirtschaft‘ überflüssige Nutznießer der Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Nur die soziale Marktwirtschaft vermag das Schmarotzertum auf allen Gebieten auszuschalten.“ Das ist ein Satz, den unsere heutigen neoliberalen Wirtschaftstheoretiker und Lobbyisten nicht gerne hören würden - zumal diejenigen nicht, die sich heute dreisterweise immer noch auf Ludwig Erhard zu berufen versuchen, obwohl sie die Schmarotzer nicht in ihren eigenen Reihen sehen wollen, sondern - im Gegensatz zu den Autoren dieser Leitsätze - bei denen, denen damals die sozialen Zwecke zugute kommen sollten. Wollte man diese unterschiedlichen Auffassungen gegeneinanderstellen, so ginge der Streit vermutlich wieder aus wie das Hornberger Schießen, doch läßt sich unzweifelhaft feststellen, daß die damalige Auffassung aus einem Denkgebäude kam, das zu einem in der Geschichte nahezu beispiellosen wirtschaftlichen Boom geführt hat, während die heutige Auffassung aus einem Denkgebäude stammt, dem wir die heutige wirtschaftliche Katastrophe zu verdanken haben. Wer die Volkswirtschaft als Organismus begreift, erkennt leicht, daß der Sozialstaat - entgegen der Auffassung unseres neuen Bundespräsidenten - kein aufgesetztes Luxusattribut einer Wohlstandsgesellschaft ist, sondern daß sich eines aus dem anderen ergibt und sich somit gerade in den unterschiedlichen Auffassungen zu diesem einen Punkt sogar die eigentliche Ursache für das unterschiedliche Ergebnis sehen läßt.

Die Nachkriegssituation war insofern ein volkswirtschaftlicher Idealfall, weil hier ausnahmsweise alle vor der gleichen Aufgabe standen, nämlich dem Wiederaufbau des gemeinsamen Landes. Wenn nicht alle Kräfte sich in gegeneinander gerichteten Interessen neutralisieren und sich in unfruchtbaren Gegenrechnungen verlieren, sondern gemeinsam die Ärmel hochkrempeln, entsteht im Prinzip das Geld von ganz alleine, weil es ansich nichts anderes als ein bloßes Wirtschaftshilfsmittel ist und insofern aus der Tatsache seine Funktion als universales Wertäquivalent erhält, daß alle es als Tauschmittel für ihre jeweils in die Volkswirtschaft eingebrachte persönliche Leistung akzeptieren. Theoretisch könnte man also mit Spielgeld beginnen, aber das scheitert natürlich an der Praxis. Ein Teil dieser Praxis ist bereits das große Geschrei, das sich gegen alle derartigen ‚fundamentalistischen‘ Überlegungen erhebt - nicht aber deshalb, weil sie falsch sind, sondern weil sie die Geister emanzipieren und damit aus der Knebelmaschine befreien könnten, in die besonders der moderne Neoliberalismus alle Wirtschaftssubjekte‘ einbinden möchte, weil er ohne sie nicht auskommt, obwohl er alles sonstige unternimmt, das dennoch zu versuchen. Während die kommunistische Planwirtschaft durch die endlosen Schlangen vor den Läden gekennzeichnet war, in denen es für das Geld kaum etwas zu kaufen gab, ist die heutige neoliberale Angebotspolitik dadurch gekennzeichnet, daß zwar die Läden von den angebotenen Waren überquellen, aber immer weniger Menschen in der Lage sind, sie zu kaufen.

Für Ludwig Erhard und die meisten seiner Zeitgenossen war dagegen selbstverständlich, was da­mals als ‚Fordismus‘ galt (Henry Ford hatte gesagt: „Wenn ich will, daß meine Arbeiter meine Autos kaufen sollen, dann muß ich sie auch so viel Geld verdienen lassen, daß sie dazu in der Lage sind.“). Nur wenn man die Wirtschaft als einen Organismus begreift, in dem alles ineinandergreift, kann man sie so lenken und gestalten, daß dieser Organismus sich entfaltet und damit zur eigentlichen Quelle das Geldes wird. Das Geld entsteht - gewissermaßen als das Blut dieses Organismus - tatsächlich nur auf dem Markt aus den dort vollzogenen Tausch­akten, weil es eben wie gesagt nichts anderes als das universale Wertäquivalent ist, das seine Gültigkeit, oder richtiger: den kollektiven Glauben an diese Gültigkeit, dadurch erhält, daß es dort in Permanenz angenommen wird und entsprechend zirkuliert. Geld, das nicht zirkuliert, verliert dagegen seine Funktion als Wertäquivalent und wird zu einem bloßen Hort, das heißt, es ist eigentlich kein Geld mehr, sondern eine bloße Ware - eine Erkenntnis, die zur Zeit der Goldmünzen noch unmittelbar einleuchtete, die aber heute in der Virtualwelt der Finanzmärkte entschwindet. Unsere heutigen Finanzminister scheinen tatsächlich dem Glauben zu huldigen, daß das Geld seinen Wert in sich selbst hat und daß es demnach aus irgendeiner sehr realen Quelle kommt - oder eben nicht. Irgendwie scheint dahinter die Vorstellung zu stehen, daß man das Geld so erhält wie die Bergleute die Kohle aus dem Bergwerk abbauen oder die Fischer ihre Fische aus dem See fangen. Haben die Fischer nichts gefangen, dann ist eben kein Fisch da, und hat unser heutiger Finanzminister kein Geld, dann hat er eben keines. Das sind dann die berühmten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, gegen die wir vermeintlich wehrlos sind. Sind die Kassen leer, ist eben kein Geld da - zumindest nicht für die, für die man früher aus heute längst vergessenen ideologischen und auch binnenmarkttechnischen Gründen immer welches hatte.

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