Thema Mundan-Astrologie

Uranus von 1885 - 1934

 


Uranus in der Waage (1885-1890)

Aus Anlaß des hundertsten Jahres­tages der ersten Ausstel­lung der Berliner Akademie wurde 1886 im neuen Ausstel­lungsgebäude am Lehrter Bahnhof eine spektakuläre Jubilä­umsausstellung veranstaltet, die zu­gleich eine Selbstdar­stellung der wilhel­minischen Kunst- und Kulturpolitik war. Im Mittelpunkt dieser aufwendigen Feier stand ein Bauwerk, das als lebensgroßes Pasticcio farblich rekonstruiert Teile des Zeus-Tempels von Olym­pia und des Zeus-Altars aus Per­gamon "nachschöpfend" in sich vereinte. Zu diesem Zweck hatte man um einen terrassenförmigen Unterbau mit großer Freitreppe die Reliefs des großen pergamenischen Frieses in Gips kopiert und ergänzt. Die Jubiläumsausstellung bot eine gute Gelegenheit, die langjährigen archäologisch-künstlerischen Be­mühungen des Bildhauers Alexan­der Tondeur (1829-1905) um die Rekonstruktion der perga­menischen Gi­gantomachie einem breiten Pu­blikum vorzustellen. Die schöpferi­sche Rekonstruktion der antiken Monumente fand ihre konsequente Ergänzung im soge­nannten Per­gamonfest, das nicht weniger als 1300 Mitwirkende aus der Berliner Künstlerschaft zählte. Durch sie wurde die ephimere Verge­genwär­tigung antiker Ar­chitektur und Kunst zu einer großen Ku­lisse und das ganze Spektakel als Massen-In­szenierung unter Anton von Wer­ners Leitung zu einem riesigen "Lebenden Bild" und Fest-Theater. Durch das Pergamonfest versuchte - mit den Worten Werners - "die Künstlerschaft vermittels der Vor­führung vergangener Zeiten voll maleri­schen Rei­zes nicht nur den Sinn für Schönheit zu pflegen, son­dern auch die welt- und kunst­ge­schichtliche Bedeutung ins Grab der Vergessenheit gesunkener Epo­chen in ihrer äu­ßeren Erscheinung wieder lebendig zu machen". Tat­sächlich dürften die Grenzen zwi­schen historischem Ernst und komi­scher Travestie fließend gewesen sein; nicht we­nige Teile dieses Fe­stes sind denn auch von den Tücken der unfreiwil­ligen Komik schwer gezeichnet: "In den malerischen Massen­bildern von unbeschreiblich groß­artiger Wirkung unter dem strahlenden Sonnenschein dieses Tages waren die im Triumph mitge­führten Gruppen von gefan­genen Jungfrauen von entzüc­kender An­mut und Schönheit und ehrwürdi­gere Erschei­nungen als Priester wie die unserer lang­bärtigen Kollegen wird es auch im klassi­schen Alter­tum schwerlich gegeben haben. Am Abend entwickelte sich in einem Teile des Gartens ein lu­stiges anti­kes Jahr­marktsleben. Ein Charon führte Neugie­rige dorthin über den Styx, d.h. über den klei­nen künstli­chen Teich des Ausstellungspar­kes, und Julius Stinde ver­kündete als Prie­ster in einem kleinen Tempel den Eintre­tenden das Schicksal." Also nur noch in der Sphäre der Kunst und Künstlichkeit, nur noch als Fest fürs Auge ist der Gegen­satz zwischen der vermeintlichen Gel­tung der an­tiken Formenwelt und der längst au­ßer Geltung gesetzten antiken Lebenswelt, zwischen der historischen Wirklichkeit der Antike und der so ganz anderen Lebens­wirklichkeit des Jahres 1886 zu überbrüc­ken. Nicht ganz zu überhö­ren ist denn auch ein resignativer Unterton, der den inneren Wi­der­spruch dieser Evokation der Histo­rie und das Scheitern des assoziati­ven Histo­rismus bereits miteinzu­schließen scheint. Fast wie eine - dazu passende - historische Po­inte kann es erscheinen, daß dieses Fest-Spektakel ausge­rechnet durch den Freitod König Ludwigs II. im Starnberger See verschoben werden mußte und die Feststimmung da­durch wesentlich beein­trächtigt wurde.12

Ein ungewöhnliches Fest also, das uns die Bedeutung des Uranus in der Waage sehr plastisch vor Augen führt. Die Waage steht ja aber nicht nur für das gesellschaftliche Parkett, Diplomatie und Feste, sondern eben auch, wie wir schon wissen, für Wan­del und Gerechtigkeit - bzw. die Forderung danach. So kam es in England zu dem Rücktritt des konservativen Kabinetts Sa­lisbury und dem Amtsantritt des Liberalen William Gladstone, der allerdings bald an der Home Rule Bill für Irland scheiterte, so daß Salisbury wieder Ministerpräsident wurde. In den USA kam es im gleichen Jahr (1886) zu Streiks für den Achtstun­dentag und der Gründung der Gewerk­schaftsvereinigung American Federation of Labour - hier tatsächlich insofern eher dem Waage- als dem Wassermann-Prinzip ent­sprechend, als man dabei auf ein ideolo­gisch begründetes Reformprogramm ver­zichtete.

Am 28.Oktober 1886 wurde dann die Frei­heitsstatue an der Hafeneinfahrt von New York von Präsident Cleveland eingeweiht - ein Geschenk des französischen Volkes an das amerikanische, das zum Symbol der amerikanischen Ideale werden sollte - unter dem gleichzeitigen Neptun im Stier erhielt die Statue auch einen gewaltigen Sockel.

Das Jahr 1887 war durch die Politik des Bismarckschen Bündnissystemes gekenn­zeichnet, das auf dem politischen Gleich­gewicht der fünf Großmächte Großbritan­nien, Frankreich, Deutschland, Rußland und Österreich-Ungarn beruhte. Das fol­gende Jahr 1888 war das Drei-Kaiser-Jahr in Deutschland, in dem nach dem Tode Wilhelms I. und seines nur 99 Tage amtie­renden Sohnes Friedrich III. der Enkel Wil­helm II. auf den deutschen Thron gelangte (Waage im Sinne von Wende). Im Jahr 1889 fand dann auf Initiative der USA in Washington der erste Panamerika­nische Kongreß statt, an dem sich 19 Län­der be­teiligten und bei dem es um die Gründung einer Zollunion und die Einrich­tung eines Schiedsgerichtes für Streitfälle ging. Der Kongreß scheiterte jedoch am Mißtrauen der Teilnehmer. Das Jahr 1890 endlich brachte in den USA ein Antitrust-Gesetz und in Deutschland eine politische Wende nach der Entlassung des Reichs­kanzlers Bismarck durch den neuen Kaiser.

 

 

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