Thema Mundan-Astrologie

Uranus von 1801-1844

 

Zur Erörterung der Wirkung des dritten mundanen und teilweise schon persönlichen Planeten Uranus (er bezieht sich oft auf die Wirkung besonders markanter öffentlicher Personen) wollen wir uns etwas kürzer fassen und uns auf zwei Jahrhunderte beschränken. Beginnen wir dazu im frühen 19.Jahrhundert:

 

Uranus in der Waage (1801-1807)

 

Die Waage sucht wie gesagt immer den Ausgleich und ist deshalb um Distanz be­müht - wie der Maler, der von seiner Lein­wand zurücktritt, um das, was er unter der Jungfrau vielleicht etwas allzu genau ausge­führt hat, aus dem Abstand besser beurtei­len zu können. Die­ses müssen wir zur Be­ur­teilung dessen, was wir unter der Ro­mantik verstehen, in jedem Fall mit be­rücksichtigen: Uranus in der Waage steht hier für das, was die Kunsthi­storiker unter der romantischen Ironie verstehen, die sich merkwürdig konträr zur gleichzeitigen Vorstellungsvertiefung des Skorpion-Nep­tuns verhielt. Diese gleich­zeitigen Konstel­lationen modifizierten also den Fische-Pluto, dessen eigentliche Bedeu­tung wir deshalb kaum aus der historischen Praxis beurteilen können, son­dern höchstens durch Erahnung des ab­strakten Prinzips. Das ist auch wichtig be­züglich eines Vorhersage­versuches über die Bedeutung des nächsten Fische-Plutos (ab 2044): eine neue Roman­tik wird daraus kaum folgen, denn diese war aus zwei Gründen ein einmaliges Er­eignis des 19. Jahrhunderts - nämlich zum einen deshalb, weil die Romantik eben als Kombination aller Planetenstände in Er­scheinung trat, und zum anderen deshalb, weil es auch in jeder Zeitepoche einen Selbstbestimmungsfaktor gibt, der sich weitge­hend aus den vorhergehenden Ereignissen ableitet. So ist die Romantik ja eine durch­gehende Erscheinung des 19. Jahrhunderts und kei­neswegs nur auf die Fische-Durch­gänge der mundanen Planeten beschränkt, in denen es allerdings zu einer auffallenden Betonung kam, sondern deren Dynamik auch in den Zwischenperioden latent le­bendig blieb. Das Fische-Prinzip stand da­bei lediglich für die Wirklichkeits-Überhö­hung bzw. -Ent­sagung. Die romantische Ironie allerdings war als Korrektiv nur eine Erscheinung der Hochromantik, nicht aber der Spätroman­tik, die deshalb den inneren Abstand oft all­zusehr vermissen ließ und zu fragwürdigen Exzessen neigte.[1]

Was wir unter diesem Begriff verstehen, ist die innere Distanz, die sich sonderlich ge­genüber dem Überschwang des Sturm und Drang und dessen Auffassung der Kunst als Ausdruck der Seele und des Gefühls äußerte. Der Künstler, so meinte man nun, müsse sich von dem unmittelbaren Erleben lösen und zu einer kritischen Distanz gelan­gen. Auch gegenüber dem Klassizismus, der das dichterische Werk als ein in sich ge­schlossenes Ganzes sah, das alle seine Teile aus einer Gesamt-Logik - einem Mi­kro­kosmos, einer statischen, harmoni­schen, einheitlichen inneren Ruhe - heraus bildete, stand die neue romantische Auffassung in totalem Gegensatz. Jetzt wurde die Will­kürlichkeit zum Prinzip erhoben und ein bewußter Formalismus begründet, der zu­mindest in der Theorie schon das 20. Jahr­hundert vorwegnahm, wenn auch diese praktische Konsequenz vermieden wurde. Die typisch romantischen Dichtungen sind Flickteppichen vergleichbar, in denen alle möglichen Einschübe oft bewußt sorglos miteinander arrangiert wurden - z.B. Briefe, völlig verschiedene und selbstständige Ge­schichten, Gedichte u.dgl. Schlegel hat das Prinzip der Künstlichkeit betont gefordert: er forderte Absichtlichkeit und meinte, daß Personen und Begebenheiten in einem Ro­man nicht der letzte Endzweck sein sollten, sondern nur als ein Zeichen für et­was ste­hen sollten, das er als Ahnung um das Ganze bezeichnete. Die von ihm so aufge­faßte Ironie sollte den Sinn für das Unend­liche erwecken, indem zugleich mit dem Dargestellten dessen Willkürlichkeit offen­bart wurde, mit dem Unterton: "es geht ja eigentlich gar nicht um diese Sache, son­dern sie steht für etwas anderes, das aber nur anhand von Konkretionen darge­stellt werden kann". Schlegel sagte es so: "Alle Schönheit ist Allegorie. Das Höchste kann man eben, weil es unaussprechlich ist, nur allegorisch sagen." Um ein plasti­sches Bild zu gebrauchen, so kann man sich für diese Auffassung wohl einen Dichter vor­stellen, der seine eigentlich ernst ge­meinte Dichtung möglichst albern vorträgt, damit bloß niemand merkt, wie ernst es ihm dabei ist: der innere Widerspruch ist un­verkenn­bar, wenn er auch in gewisser Weise philo­sophisch schlüssig begründet wurde.

Uranus in der Waage steht ja aber auch für eine ausgefallene oder bis zur letzten Kon­sequenz verfolgte Rechtsauffassung, und das klassische und schon sprichwörtliche Beispiel dafür ist Kleists Michael Kohlhaas, der im Jahre 1805 veröffentlicht wurde. Dieser Mann nimmt sich am Ende ein Recht, das ihm die Gesellschaft verwei­gert, und zwar in einer allerdings etwas überzogenen Weise.

Vergessen wir nicht zu erwähnen, daß im Jahre 1804 der Code Napoleon veröf­fent­licht wurde, womit aus astrologischer Sicht allerdings keine Kritik verbunden ist, da Uranus wie alle Archetypen wertneutral ist. Wir müssen auch daran erinnern, daß Schlegel sich auch politisch äußerte und sich dabei vor allem für den Ausgleich zwi­schen Frankreich und Deutschland aus­sprach, wobei er einem neuen Trend ent­sprach oder diesen unter den Intellektuellen begründete. Auf französischer Seite war es vor allem die Gefährtin seines Bruders, Madame de Stael, die in gleicher Weise handelte und in ihrem Buch D l'Allemagne den geistigen Aufbruch Deutschlands be­geistert würdigte und übri­gens das Wort vom Volk der Dichter und Denker prägte. Im übrigen steht die Waage auch für einen Wandel ganz allge­mein, und man kann in dieser Hinsicht feststellen, daß sich nun vornehmlich die Haltung gegenüber der gotischen Architek­tur änderte, die noch Goethe in seiner Ju­gend entsprechend der damaligen allgemeinen Auffas­sung als bar­barisch empfunden hatte, wäh­rend sie nun zunehmend bewundert wurde. Die Waage steht aber auch für den gesell­schaftlichen Umgang, Konversation, Di­plomatie, Ele­ganz usw., und es ist auffal­lend, wie sehr zu dieser Zeit praktisch alle Gebildeten unter­einander verkehrten und sich gegenseitig kannten. Nur beiläufig er­wähnt so Achim von Arnim, daß er gerade von einem Be­such bei Goethe komme, bei dem offenbar alle Welt ein und aus ging, als sei er nichts als ein netter Onkel gewesen. Auch die Brüder Humboldt verkehrten per­sönlich mit Goethe und Schiller, ebenso wie die Brüder Grimm, die ihrerseits mit Bren­tano und Arnim korrespondierten oder ver­kehrten usw.: uns Heutigen kommt die damali­ge Welt wie ein kleines Dorf vor, in dem jede Berühmtheit jede andere persönlich kannte. Natürlich gehörten sie ohnehin in der Regel einer nur hauchdünnen gesellschaftlichen Ober­schicht an, aus der von vornherein Bil­dungsprivilegien folgten, so daß mancher schon in seiner Kindheit mit den Berühmt­heiten in Berüh­rung kam, weil sie im Hause seiner Eltern verkehrten, bevor er selbst produktiv wurde und von sich reden machte. An Kon­taktmöglichkeiten schien jedenfalls kein Mangel zu herrschen, doch ist es erstaun­lich, wie viele Talente aus die­ser dünnen Schicht entstanden. Hegel, Höl­derlin und Schelling hatten übrigens bereits als Stu­denten in Tübingen ein gemeinsames Zim­mer gehabt!

Eine weitere Bedeutung der Waage ist die der Partnerschaft, und Uranus kann dafür sorgen, daß diese sich ungewöhnlich gestal­tet. In diesem Zusammenhang ist von Inter­esse, daß E.T.A.Hoffmann sich in seinen Werken aus dieser Zeit immer wieder über das Thema der Künstlerliebe ausgelassen hat, das für ihn ein unerschöpflicher Quell im­mer wieder neuer Ideen und Variationen war, an denen er sogar seine gesamte Weltsicht und Philosophie darstellte.

 

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