Thema Mundan-Astrologie

Neptun in den Zeichen

 

 

Neptun im Steinbock

(1984-1997)

 

Das Publikum, das allein für Verzie­rung, für deko­rativen Stil empfänglich ist, wendet sich von den Werken ab, die ei­ne Moral sind, zugunsten orna­mentaler und dekorativer Werke - die ich der Un­moral bezichtige. (Und die sich im allgemei­nen auf die konventio­nelle Moral stützen und nicht auf ei­ne Moral oder Linie, die dem Menschen, der sich nur als Vehikel bestimmter tieferer Kräfte betrach­tet, eigen ist. (Jean Cocteau.)

Wir hatten bereits unter dem Schützen fest­gestellt, daß sich die sonst anscheinend in allen anderen Zeichendurchgängen zei­gen­de Verstärkungsfunktion Neptuns teilweise auch in ihr Gegen­teil verwandelte und als "Auflösung" zeigte, und müs­sen das jetzt unter dem Steinbock noch mehr feststellen(1). Der Annahme, daß das auch etwas mit der Be­sonderheit des Zei­chens zu tun haben könnte, scheint die Tat­sa­che zu widersprechen, daß wir unter dem letzten Steinbock-Durchgang - also der Zeit Metternichs und Hegels - eher eine Inten­sivierung feststellen konnten. Wenn dieses dem ersten An­schein nach (denn wir wer­den das später noch relativieren) jetzt of­fenbar nicht der Fall ist und sich eher die Auflösungs­funktion Neptuns zeigt, so müs­sen wir das wohl auf den Selbst­bestim­mungsfaktor der Zeit oder Gesellschaft zu­rückführen. Die sich dar­aus ergebende Be­deutung der Auflösung von Autorität und Macht oder ethischen Normen steht aber nicht immer unbedingt im Wi­derspruch zu der an­deren Bedeutung betonter Härte, denn wie wir am Beispiel des Metternich-Systems feststellen konnten, ent­sprach auch das einer geistigen Desorientierung.

Ob die Entlassung des Bundeswehr-Gene­rals Günter Kießling im Dezember 1983 Neptun im Schützen oder (dem noch nicht gegebe­nen) Steinbock zuzurechnen war, hängt davon ab, ob man das auf die Be­gründung durch sein angeblich zu freizügi­ges Privatleben oder die Schädigung seines öffentlichen Ansehens und seines Mi­litär­sta­tus bezieht. Als je­denfalls Neptun am 19. Januar 1984 in den Steinbock trat, ent­wic­kelte sich die Angelegenheit zu einer Krise für den neuen Verteidigungsminister Wör­ner, der sich gezwungen sah, seine An­schuldigungen zurückzunehmen und Kieß­ling zu rehabilitieren. Dadurch kam nicht nur die Bundes­wehr, sondern auch die Bundes­regierung in ein ungünstiges Licht. Letztere hatte unter der Auflösungsfunkti­on Neptuns im Steinbock in der Folgezeit beson­ders zu leiden, da nacheinander fast jeder neue Minister in ir­gendeine Affäre geriet, ohne sei­nen Sessel zu räumen, und am Ende ein SPD-Politiker die nicht unbe­gründete Frage stellte, ob ein Minister neu­erdings erst beim Diebstahl silberner Löffel erwischt werden müsse, um sus­pendiert zu werden. Der Regie­rungsstil des neuen Kanzlers Kohl bestand in solchen Fällen darin, daß er die jeweilige Krise einfach "aussaß", wie es bald hieß: eine schöne Entsprechung von Neptun im Steinbock!

In der Sowjetunion zeigte sich diese inzwi­schen auf die Weise, daß im Februar 1984 der Staats- und Parteichef Jurij Andropow und bereits im März des folgenden Jahres sein Nachfolger Tschernenko starben, wo­bei man das Steinbock-Thema auch auf das hohe Alter der beiden Männer und den da­nach folgenden Generati­onswechsel bezie­hen kann. Wenn Neptun in den Steinbock tritt, so heißt das im mundanen Sinn eben auch, daß Machtblöcke aufge­löst werden bzw. die Machtfrage auf eine neue Weise interpre­tiert wird, was sich in der Folgezeit im gesamten Sowjetblock und schließlich besonders im Vielvölkerstaat Jugoslawien ver­wirklichen sollte. Wie gesagt stellt sich dabei die Konstella­tion oft in ganz wörtli­cher Benennung ein - so auch hier: der neue Generalsekretär der KP Michail Gorbar­schow brachte nämlich bald das Wort Glasnost in Umlauf, was etwa mit Trans­parenz, Durchleuchtung der Macht­struktu­ren zu übersetzen ist und damit ganz genau der Bedeutung Neptuns im Stein­bock ent­spricht.

Ähnliche Bedeutungen zeigten sich aber auch in anderen Dimen­sionen immer wieder - man kann sie etwa in den Nebelmännern des im April 1984 uraufgeführten Filmes Momo sehen (wobei der Ne­bel natürlich für Neptun und das autoritäre Auftreten und die Bedeutung der Männer für den Stein­bock stehen) sowie in der Tatsache, daß im Februar französische Lastwagenfah­rer eine mehrtägige Blockade begannen (wobei das Steinbock-Thema auf ei­ne reichlich asoziale Weise interpretiert wurde) oder darin, daß die Grünen aus­schließlich Frauen in den Bundestag schick­ten (und damit die vor­nehmlich auf ökolo­gische Ziele gerichtete Absicht ihrer Wähler sehr eigenmächtig uminterpretierten und ge­fährdeten) sowie schließlich in dem Start des Kabelfernse­hens in München, worin Kulturkritiker die Auflösung ethischer Normen im Sinne rein kommerzieller Ziele sahen und wodurch die neue Bundesregie­rung nun sehr deutlich zu verstehen gab, wie das mit der geistig-mo­ralischen Wende gemeint gewesen war. Denn das, was danach auf die Fernsehteil­nehmer zu­kam, sollte sich bald als absoluter Tiefst­stand des kulturellen und geistigen Niveaus (Steinbock) in der Nachkriegszeit erweisen. Wir hatten das auch schon als Entspre­chung von Pluto im Skorpion gese­hen, können es aber auch unter Neptun im Steinbock sehen: jetzt herrschte nur noch das Diktat der Einschaltquoten, und selbst Unterhaltungs­filme üblicher Machart schie­nen für die geistesträge Masse der­artig an­strengend zu sein, daß sie bald in die Nachtzeit ver­legt wurden, so daß tagsüber nur noch Blödel- und Quizsendungen zu sehen waren.(2) Dabei entspricht das geringe Niveau Neptun im Steinbock (was man aber nur rückwirkend so interpretieren darf, denn von vornherein könnte es auch einer Niveausteigerung ent­sprechen) und der In­halt der Sendungen dem Skorpion-Pluto.

Die Niveausteigerung zeigte sich jedenfalls gottseidank bei der Wahl des neuen Bun­despräsidenten Richard von Weizsäcker im Mai 1984, dem es gelang, in seinem Amt mehr Sensibilität zum Aus­druck zu bringen als sein Vorgänger. Auch in Indien erfolgte mit dem Sieg Radjiv Gandhis eine glückli­che Wahl, doch sollte sich für ihn später ei­ne andere Bedeutung dieser Konstellation dadurch zeigen, daß er einem Attentat zum Opfer fiel. Anfang 1985 verließen die letz­ten DDR-Flüchtlinge die Botschaft der BRD in Prag, nachdem sie sie bestzt hatten, um dadurch ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen, was sie hiermit aufgaben. Die Tatsache, daß spätere Besetzer damit mehr Erfolg haben sollten, zeigt wieder die Schwierigkeit astrologischer Bestim­mung, denn die Konstellation spricht auf verschie­denen Bedeu­tungsebenen stets nur das Thema an, nicht aber die Lösung. Im Saar­land wurde jetzt der Datenschutz in die Verfassung aufge­nommen, und in Bonn kam es zum Streit über die Frage der Leih­mütter, nachdem bereits im Vorjahr in Mel­bourne die Geburt ei­nes Babys aus einer tiefgefrorenen befruchteten Eizelle erfolgt war. Im Februar fiel die Entscheidung für den Standort Wackers­dorf für die erste kommerzielle Wiederaufbereitungsanlage ato­marer Brennstoffe in Deutschland. We­gen der heftigen und teil­weise militanten Angriffe von Demonstranten war diese Anlage mit einer äußerst aufwendigen riesi­gen Absperrungsanlage verse­hen worden, was sich später alles als überflüssig erwies, als die Betreibergesellschaft ihre Nutzungs­absicht fallen ließ - zu einem Zeitpunkt, als die Gegner schon fast alle Hoffnungen und ihren Kampfgeist hatten fahren lassen. Im März wurden mehrere RAF-Mitglieder zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verur­teilt, während Brasilien nach 21 Jahren wieder eine zivile Re­gie­rung bekam. Nach dem Generationswechsel im Kreml trat auch in Albanien ein neuer Parteichef sein Amt an. Im April wurden 17 000 Gruben­arbeiter in Südafrika fristlos entlassen, und im Mai verhängte Ronald Reagan ein Em­bargo ge­gen Nicaragua, ausge­rechnet am Tage sei­ner Ankunft zu einem Staatsbesuch in West­deutschland und ungeachtet der Tat­sache, daß viele deutsche Bürger - vor­nehmlich die Intellektuellen - in dieser An­gelegen­heit eher mit Nicaraguas Sandini­sten als mit der Reagan-Admini­stration sympathisierten. Daß ihn weder der Wille des nicara­guanischen Volkes, aus dessen Revolution gegen das Somoza-Regi­me die Sandinisten hervorgegangen waren, noch die Meinung der Weltöffentlichkeit interes­sierten bzw. er diese Dinge gar nicht als Problem erkannte, ist natürlich auch unter Neptun im Steinbock zu sehen. In ähnlicher Weise muß auch der instinktlose Besuch von Reagan und Kohl auf dem Soldaten­friedhof in Bitburg gewer­tet werden. 1984 wurde übrigens auch Isabel Allendes Roman Das Geisterhaus ein Bestseller - eine sehr deutliche Entsprechung von Neptun im Steinbock, denn das Buch handelte vor dem Hintergrund des Staatstreichens in Chile: hier löste sich nicht nur der Staat, sondern auch jede Ethik auf, während die nackte Gewalt an ihre Stelle trat.

Im Juni 1985 kam es dann zu dem flauen EG-Kompromiß in der Frage des Abgas-Kata­lysators für PKWs, im Juli brachte ein Dammbruch in Italien eine Überschwem­mungskatastrophe, und im August gab es endlich eine positive Nachricht: ein einseiti­ges sowjeti­sches Atomtest-Morato­rium trat in Kraft. Diese einseitigen Kon­zessionen der Sowjetunion durch Gorba­tschow rech­nete Reagan später der Tatsa­che zu, daß er vor seiner maßlosen Aufrü­stung kapituliert hatte, wodurch er sich ebenfalls als Frie­densbrin­ger feiern lassen konnte. Gleichfalls im August wurde der Spen­denprozeß ge­gen Brauchitsch, Lambs­dorff und Friede­richs eröff­net, und im No­vember mußte in Frankreich der Verteidi­gungsmini­ster Hernú wegen der Verwick­lung des franzö­sischen Geheimdien­stes in die Affäre um ein Greenpeace-Schiff zurück­treten (das Schiff, das die Atomversuche im Muroroa-Atoll beobachten woll­te, wurde versenkt). Im deutschen Fernsehen startete inzwischen die Un­terhaltungsserie Schwarzwaldklinik. Im Oktober wurden bei ei­nem Einbruch in ein Pariser Museum viele wertvolle Ge­mälde ge­stohlen, konnten sich bei den Grü­nen die Realos ge­gen­über den Fun­dis durchsetzen und stieg Daimler bei AEG ein. Im November konnte dann in Genf ein Gip­feltreffen zwischen Rea­gan und Gorba­tschow stattfinden, während Flick sein Im­perium verkaufte.

Im Januar 1986 kam es zu einer Einigung im britisch-französi­schen Kanaltunnelbau­projekt, im Februar flüchtete der Diktator Papa Doc Duvalier von Haiti nach Frank­reich, und wenige Tage da­nach trat auch der Staatspräsident und Diktator Marcos auf den Philippinen von seinem Amt zurück und stieg in ein Flugzeug nach Hawaii, während Corazon Aquino, die Frau des ei­nem Atten­tat zum Opfer gefallenen Oppo­sitionsführers, zur neuen Staats­präsidentin gewählt wurde. In Bonn beschloß derweil der Bundes­tag die Einführung eines ma­schinen­lesbaren Personalausweises, und im März gab die Demoskopin Noelle-Neu­mann bekannt, daß es inzwischen zu einem Wertewandel bei den Bundesbürgern ge­kommen war: eine ganz genaue Entspre­chung von Neptun im Steinbock! Das ergab sich zumal aus der Art des Wertewandels, wonach Eigen­schaften und Vorstellungen, die üblicherweise als positiv be­wertet wer­den, wie Nationalismus, Idealismus, Pflicht und Ord­nung - also alles Steinbock-Ent­sprechungen - nun keine Vorrang­stellung mehr hatten, sondern daß Freizeit und Le­bensgenuß an erster Stelle standen. Inzwi­schen zeigte sich auch die OPEC nach ei­nem Ölpreissturz uneinig, während im deut­schen Fernsehen das Programm 1+ startete. Im April kam es zu der Atomreaktor-Kata­strophe von Tschernobyl. Im Mai wurde der argentinische Ge­neral Galtieri zu 12 Jahren Haft (auch das Verhalten und Selbstverständnis des ganzen argentinischen Militärs gehört hierher) und vier Rheinme­tall-Manager wegen Waffenexport eben­falls zu Haftstrafen verurteilt. Eine wunderbare Entsprechung von Neptun im Steinbock war natürlich der Vorgang um das ge­werk­schaftseigene Wohnungsbauunternehmen Neue Heimat, die durch den DGB im No­vember für nur 1 DM an einen Brotfa­bri­kanten verkauft wurde. Zugleich gab es in Westdeutschland einen wahren Boom an Museumsneubauten, während der Bundes­tag in ein Was­serwerk umzog - was der na­türlich auch möglichen umgekehrten Be­deutung des Steinbocks im Neptun ent­sprach (der ja den Fi­schen zugeordnet ist, die auch für Wasser stehen). Im Oktober wurde dann im französischen Cattenom trotz Protesten ein riesi­ges Atomkraftwerk in Betrieb genommen - praktischerweise ein­fach an der Grenze (Steinbock) nach Deutschland, wo man inzwi­schen noch nicht einmal mehr eigene derartige Kraft­werke akzep­tierte.

1987 setzte Gorbatschow seine Reformen fort, kam es in Hattin­gen im Ruhrgebiet zur Stillegung von zwei Hochöfen, in Guate­mala zu einer Erdbebenserie, bei VW durch Devisenmanipulationen zu Verlusten von 480 Millionen DM, zur Versteigerung eines Van Gogh-Gemäldes zu 72 Millionen DM und einer weiteren ein paar Monate danach zu 90 Millionen DM, zum Rücktritt des SPD-Vorsit­zenden Willy Brandt, zur Lan­dung des Sportfliegers Mathias Rust auf dem Roten Platz in Moskau, trotz Verlu­sten zu der dritten Amtsperiode Margaret Thatchers, dem Besuch Erich Honeckers in Bonn, zu Kursstürzen an allen Börsen der Welt, zur Krise bei Kohle und Stahl, zum Selbstmord des ehemaligen schleswig-hol­steinischen Ministerpräsidenten Uwe Bar­schel, zur Tötung von zwei Polizisten bei Krawallen an der Frankfurter Startbahn West, zur Washingtoner Unterzeichnung eines Ver­trages über den Abbau aller ato­maren Mittelstreckenwaffen zwischen Gor­batschow und Reagan, zum Rücktritt des Fernsehmoderators Werner Höfer wegen der Kritik an seiner NS-Vergangenheit, dem Streik von Stahlarbeitern im Ruhrre­vier und einem neuen Rekord-Tief des Dollars. Daß Hochöfen und Stahl dem Steinbock-Prinzip entspre­chen, dürfte ein­leuchten. Das gleiche gilt für ein Unter­nehmen wie VW oder Gemälde, die zu ei­ner Institution werden - wobei wir hier ei­nerseits insofern die verstärkende Wirkung Neptuns feststellen als auch wiederum die auflösende, denn es ist klar, daß die Tatsa­che, daß ein Bild, das nur noch als kapitali­sti­sches Spekulationsobjekt gesehen wird, die Absicht des Künst­lers auf den Kopf stellt: hatte Van Gogh seine Bilder etwa für diese Kundschaft gemalt? Rusts Lan­dung auf dem Roten Platz brachte nicht nur die Sowjetmacht insgesamt und ihr Militär­sy­stem in ein merkwürdiges Licht, sondern auch den Stuhl des Ver­teidigungsminster ins Wanken. Frau Thatcher kann man als Wie­der­ver­körpe­rung Metternichs sehen, Honeckers Besuch in Bonn war nur mög­lich, weil beide Seiten von ihren verhärteten Posi­tionen herunterkamen, und die anderen Dinge sprechen ohnehin für sich.

Das nächste Jahr 1988 brachte u. a. folgen­de Ereignisse:

In Japan wurde der längste Unterwasser­tunnel der Welt er­öffnet. Die amerikanische Patentbehörde genehmigte erstmals ein Pa­tent für ein gentechnisch manipuliertes hö­heres Lebewesen, nämlich eine Maus. In Nordrhein-Westfalen kam es zu dem bisher größten Hormonskandal bei der Kälber­zucht. Vor der schwedischen Nord­seeküste breitete sich ein giftiger Algenteppich aus (es war jetzt auch Uranus gerade in den Steinbock getreten). In der un­garischen KP wurde ein Reformkurs eingeleitet, während auch das Zentralkomitee der polnischen KP die Partei­führung radikal um­bildete. In Rumänien kam es derweil zur ersten Kritik an Ce­aucescu. Im Juli begann auch die KPDSU damit, Staat und Partei zu refor­mieren. Durch einen Großbrand wurde im August die hi­storische Altstadt von Lissa­bon zerstört. In Deutschland ereig­nete sich inzwischen das Geiseldrama von Glad­beck, bei dem es sich ein Zeitungsjournalist ein­fal­len ließ, die Kidnapper zu begleiten und ihnen den Weg durch die Kölner In­nenstadt zu wei­sen. Im September erklärte in War­schau die Regierung ihren Rücktritt, wäh­rend es in Haiti zu einem Militärputsch kam und nach dortigen Unruhen Bergkara­bach in der Sowjetunion einem Mi­litär­komman­do unterstellt wurde. Bei den Olympischen Spielen kam es zu Dopings­kandalen, und in Moskau zur Abrüstung, nachdem Gorba­tschow nun die Ämter der  Staats- und Par­teiführung in ei­ner Hand vereinigte. Eine schöne Entsprechung von Neptun im Stein­bock war auch die Be­gräbnisfeier für Franz Josef Strauß im Ok­tober dieses Jahres, die an Pomp derjenigen eines Königs ent­sprach: es ist schon immer eine zweifelhafte Ehre gewesen, mit einer zu großen Latte gemessen zu werden, vor die Bayern damit nicht nur Strauß, sondern auch sich selbst stellte.

1989 wurde im Januar in Prag ein Bürger­protest von der Polizei niedergeknüppelt und im Februar in Paraguay der Diktator Stroess­ner durch einen Militärputsch ge­stürzt. Die Bedeutung Neptuns im Steinbock zeigte sich hier nicht nur für das Volk, son­dern auch für Stroessners Sohn, weil der Initiator des Put­sches ausge­rechnet sein Schwiegervater war. Im gleichen Monat kam es zu dem Mordaufruf Khomeinis ge­gen den Autor Rushdie, wobei natür­lich nicht nur das übliche Verständnis der Reli­gion, sondern auch das ei­nes religiösen Führers perver­tiert wurde. Für Neptun im Stein­bock steht somit auch die ganze in­nenpolitische und re­ligiöse Entwicklung des Iran sowie ande­rer islamischer Völker. Im Juni starb dann Khomeini, was mit seinen Begleiterschei­nun­gen einer äußerst viel­deutigen und viel­fa­chen Bedeutung unseres Prinzips ent­sprach. Gleichzeitig wurde in Peking ein Massenpro­test in einem Blutbad er­stickt, wäh­rend es in Deutschland einen grandio­sen Empfang für Gorbatschow gab. Im Juli feierten die Franzosen ihre Revolu­tion und streik­ten sowjetische Bergleute. Im August kam es zu einer Massen­flucht von DDR-Bürgern und im Oktober zu Ho­neckers letztem Auf­tritt sowie dem ersten Langen Donnerstag in der BRD, womit ei­nes der dümmsten Dogmen der Gewerk­schaft endlich gebrochen wurde. Im No­vember öffnete die DDR ihre Grenzen zur BRD und trat in der CSSR die gesamte Führung der KP zurück, während es auch in Bulgarien zum Macht­wechsel kam. Im Dezember trat dann auch die neue DDR-Führung mit Egon Krenz zurück, kam es zu ei­nem blutigen Umbruch in Ru­mänien und erwies sich schließlich sogar für die Militärs in Chile, daß sie keine Chance mehr hat­ten.

1990 wurde in Südafrika der Bürgerrechtler Nelson Mandela aus der Haft entlassen, gab es in England massive Proteste gegen die Kopfsteuer, waren in Berlin fast 300 000 Zuschauer bei der Rockveranstaltung The Wall (3) - ausgerechnet auf dem ehemaligen Todesstreifen -, besetzten Iraks Truppen ohne die geringste plausibele Begründung Kuwait und kam es bezüglich der darauf zu erfolgenden Antwort zum ersten Mal zu ei­ner Einig­keit zwischen den Supermächten. Im Oktober gab es in Deutschland Jubel um die Wiedervereinigung und seit langer Zeit wieder ein gesamtdeut­sches Parlament. Im November löste ein Religionskrieg eine Krise in Indien aus, während es in London zum Rücktritt der Eisernen Lady kam. Im Dezember stellte sich heraus, daß sich in der UdSSR trotz Rekordern­ten die Versor­gungslage drastisch verschlechtert hatte: kau­sal war das zwar nicht zu erklären, astrologisch aber durch­aus! In Deutschland kam es inzwischen zu einem etwas merk­würdigen Manöver Oskar Lafontaines, der  plötz­lich nicht mehr für den Parteivorsitz in der SPD kandidie­ren woll­te, sowie zum St­asi-Verdacht gegen Maziere u.a. Allein die vie­len Stasi-Affären dieser Zeit thematisier­ten den Neptun im Steinbock permanent, be­sonders in der Person des brandenburgi­schen Mi­nisterpräsidenten Stolpe.

Im Jahre 1991 zeigte sich bald, daß unter dem Eindruck des Golfkrieges die Zahl der Wehrdienstverweigerer in der BRD sprung-haft gestiegen war. Während der War­schauer Pakt aufgelöst wurde, mußten die Kurden aus dem Irak flüchten, wobei im­mer die gesamten Umstände gesehen wer­den müssen. Als im Mai in Südin­dien Radj­iv Gandhi ermordet wurde, bedeutete das nicht nur den Tod einer Autorität, son­dern auch das Ende einer Dynastie. Im Juni be­gann der Bürgerkrieg in Jugoslawien, im Juli wurde der Warschauer Pakt offiziell aufgelöst, im August lief ein mit 10 000 al­banischen Flüchtlingen besetzter Frachter im italieni­schen Hafen Bari ein (alle wurden wieder zurückgeschickt), im November wurde bekannt, daß die Krankheit Aids nicht nur Risi­kogruppen betraf, und im De­zember existierte die Sowjetunion nicht mehr.

Wir beenden damit unsere Datenreihe. Ins­gesamt läßt sich sagen, daß in dieser Peri­ode, in der Neptun in diesem Jahrhundert im Steinbock stand und die natürlich noch lange nicht zu Ende ist, so viele Macht­blöcke, Autoritäten und Diktaturen auf der ganzen Welt zusammengebrochen sind wie niemals zuvor in so kurzer Zeitspanne (es sei denn im vorigen Steinbock-Durchlauf Neptuns im 19. Jahrhundert (4): es gibt gott­seidank kaum noch irgendwo welche. So­gar der Mafia ging es an's Leder, was diese aller­dings nicht hinderte, den Neptun im Steinbock auf andere Weise zu verwirk­li­chen.

Wenn wir nun auf sämtliche Neptun-Durchgänge zurückblicken, mag es auf­fallen, daß in der Besprechung dieses Jahr­hunderts die ja besonders unter dem Ein­fluß Neptuns stehende Kunstent­wick­lung etwas zu kurz gekommen ist, während wir sie im 18. und 19. Jahrhundert recht aus­giebig erörtert hatten. Das hatten wir schon einleitend im ersten Neptun-Kapitel be­gründet: diese Dinge treten im politischen Alltag, wenn man also zu nah an den Din­gen steht, etwas in den Hintergrund und werden dann nicht mehr so deutlich gese­hen. Wir wollen deshalb stellvertretend für die anderen letzten Kapitel noch kurz un­tersuchen, ob und inwieweit Neptun hier die Kunst oder Mode beeinflußt - in die­sem Falle im Sinne des Steinbocks. Was ist also steinböckisch an der gegenwärtigen Kunst? Wenn wir etwa auf moderne Kunstaus­stel­lungen wie die Kasseler Documenta gehen, gibt es da auf den ersten Blick offenbar nichts, was an die Gebirgsbilder der letzten Steinbock-Periode im 19. Jahrhundert erin­nert, es gibt anscheinend auch keinen Steinbock-Philosophen wie Hegel. Doch da fällt uns etwas ein: wie ist es denn mit dem Reich-Ranicki? Aber ja doch! Und nicht nur der, sondern seine ganze Kritiker-Runde! Wann hat es das denn schon einmal gegeben, daß nicht et­wa irgendwelche Lite­raten, sondern überall nur noch Kritiker die eigentlichen Stars der Szene waren? (5) In der Tat hat sich in letzter Zeit kein Literat mehr wirklich profilieren können; man hört nur noch etwas von den Kritikern (gegen deren augenblick­liche Empfehlungen sich aller­dings der eingangs zitierte Spruch Cocteaus vermerken läßt). Und jetzt können wir auch das Stein­böckische in den anderen Künsten erkennen: es liegt nicht etwa in den Werken und Objekten, sondern in der Struktur der Szene. Natürlich gibt es auch Steinbock-Kunst wie etwa Kohle-Objekte, aber das ist nichts Wesentliches, sondern nur eine Skurrilität am Rande. Es kann uns dagegen heute leicht passieren, daß uns z.B. zwei Stück Brikett vorgelegt werden und man uns erklärt, das eine sei ein Kunstwerk und das andere bloß ein ge­wöhnliches Stück Kohle. Das eine trägt dann eine bedeut­same Signatur und kostet ungeheuer viel Geld, während das ande­re nur ein paar Groschen kostet. Es mag Leute geben, die das auf höhere oder tie­fere ideelle Gründe zurückführen - wie et­wa jener Kritiker, der sich über das man­gelnde Kunstverständnis von einigen Putz­frauen entrüstete, die eine von Josef Beuys be­arbeitete Bade­wanne wieder säuberten; aber wir sollten doch in der Lage sein, zu erkennen, daß hier (im Sinne des 10. astrolo­gischen Hauses) Machtstrukturen darüber entscheiden, was Kunst ist und was nicht. Es ist also die Macht des einfluß­reichen Galeristen oder irgendwelcher son­stiger Ausstellungsmacher, die bestimmen, was als Kunst zu gelten hat und was nicht - wer dazu­gehört und „in“ ist und wer nicht. Man mag diese Entwicklung als letzte Kon­se­quenz aus der Tatsache sehen, daß die vorherge­hende Entwicklung gezeigt hat, daß heute praktisch alles in der Kunst mög­lich ist und daß sich einige Szenen-Ma­cher das zu­nutze gemacht haben oder so viel Freiheit einfach für unmöglich hielten und deshalb künstlich für Stabilität sorgen woll­ten - doch sind das alles nur kausalisti­sche Erklärungen(6). Denn wenn man fragt, wer da ei­gentlich alle Fäden in der Hand hat, so wird man bald zu der Erkenntnis kommen, daß niemand allein so einflußreich sein kann(7). Dann fällt auch auf, daß diese Ent­wick­lung erst begann, als Neptun in den Steinbock trat: es war die Zeit, in der die Jungen Wilden plötzlich nicht mehr ge­fragt waren. Nun domi­nierten (um nur von der deutschen Szene zu spre­chen) plötzlich Künstler wie Penck, Baselitz, Lü­pertz, Im­men­dorf usw., die üb­rigens alle bei einem einzigen Ga­leristen na­mens Werner unter Vertrag standen oder immer noch stehen und bei denen als Gemein­sam­keit vor allem ihr persönli­ches Gebaren auffällt: sie denken nicht mehr daran, mit anderen über das Kunst-Problem zu disku­tieren, sondern stellen sich als fraglose Autorität dar. Ihr Gebaren gibt zu verstehen, daß sie keinen Widerspruch dulden und offenbar niemals unter der Spur eines inneren Zwei­fels ge­litten haben. Lüpertz etwa präsen­tierte sich in einem Por­trait-Film mit Gama­schen aus ei­nem Lu­xusauto steigend. Ande­re wiederum tragen an jedem Finger einen Ring, und daß sie dabei zum Malen ihre Finger gar nicht mehr zusammenbekom­men, scheint für sie keine Rolle zu spielen, da sie viel zu sehr mit ihrem Berühmtsein beschäftigt sind, um noch wirklich zum Malen zu kommen. Ja, man will gera­de­zu dadurch ganz demon­strativ das Prinzip der „reduzierten Kunst“ darstellen, daß man es über­haupt nicht mehr für nötig hält, irgen­detwas zu beweisen, und seine Autorität umso deutlicher zum Ausdruck bringt, je weniger Legitimität gleich­zeitig vorgezeigt wird. Wenn man in ist, hat man das auch kaum noch nötig - und es wird allgemein nur noch zwischen in und out unterschie­den, wobei es tödlich für Insider sein kann, das zu ignorieren. So antwortete Penck (Nomen est Omen!) auf die Frage eines Fernseh­reporters, ob jener Krackel, den der hier gerade selbst mache, auch Kunst sei: „Natürlich nicht!“ Auf die Frage, warum nicht, antwortete er: „Das ist eben keine Kunst. Das kann Ihnen jeder sagen, der et­was davon versteht.“ Ebenso hätte er die Frage nach dem Warum seiner eigenen Be­deu­tung mit der lapidaren Ent­gegnung be­antworten können: „Darum!“

Im neuen Kölner Wallraf-Richartz-Museum hängen derweil mehrere Gemälde von Lü­pertz, die mehr oder weniger gute Picasso-Nach­empfindungen sind, und da das so of­fensichtlich ist, kann man sich kaum vor­stel­len, daß Lüpertz das nicht selbst ge­merkt hat. Er verfährt aber offenbar nach der Methode: „Bei mir wird ge­gessen, was auf den Tisch kommt!“ Und alle, alle, ma­chen mit!!! Was die unmittelbare Ausstrah­lung dieser Künstler-Dar­steller angeht, so erinnert diese tatsächlich eher an die von Polizisten: der wahre Polizist ist ein Typ, der als Legitimation seiner Autorität keiner Uniform bedarf, sondern der theore­tisch auch mit einer Irokesen-Frisur er­scheinen könnte und sich dabei jedes Ge­lächter verbäte - ja, es auf geheimnisvolle Weise gar nicht erst aufkommen ließe. Lü­pertz etwa hält es für originell und indivi­dualistisch (oder weiß, daß es das nicht ist, und macht es dennoch), mit modischem Zweitagebart auf Kinn und Kopf (ebenso wie sein Kollege Baselitz - was aber heute, wie jeder beob­achten kann, vornehmlich nur solche Leute tragen, die früher einen Gamsbart-Hut ge­tragen hätten), mit Ring im Ohr und Schlapphut aufzutreten. Haben wir etwas ähnliches schon einmal früher er­lebt? Oh ja: Lord Byron z.B. präsentierte sich der er­staunten Öffentlichkeit auf dem Höhepunkt seines Ruhmes mit einem eigens angefertig­ten antiken Helm. Interessanter­weise ge­schah das im Jahre 1821/22, als die gegen­wärtige Uranus-Neptun-Konjunktion zum letzten Mal exakt war - ebenfalls im Stein­bock. Und das ist es auch, was diesen Er­scheinungen aussagemäßig entspricht: Nep­tun im Steinbock ist die steinböckische Szene, und Uranus im Steinbock sind diese merkwürdigen Typen, die nun seltsamer­weise allseits akzeptiert werden.

Es ist nichts anderes als das übliche Bürgerspek­takel, in dem sich nur vorder­gründige Gel­tungssucht und ungenierter Materialismus äu­ßern. Denn die Frage, woher die Galeri­sten die Macht bekommen haben, sol­che Leute zu „pushen“, ist - in der kausalisti­schen Vari­ante - leicht beantwortet: durch das Geld bürgerlicher Vielverdiener wie etwa Zahn­ärzte, die sich zuvor die Finger an diversen Bau­herrenobjekten verbrannt und jetzt plötzlich ihr Herz für die Kunst entdeckt hatten. Und da sie bisher noch keine Zeit gehabt hatten, sich darüber Ge­danken zu machen, was darunter zu ver­ste­hen sei, so fragten sie eben ir­gendwelche Leute, die es schließlich wissen mußten. Dabei konn­te sich für diejenigen Ga­leristen, denen in Be­zug auf Einfluß ein Anfangs­er­folg gelungen war, leicht ein Rückkoppe­lungseffekt er­ge­ben: sie waren bedeu­tend, weil sie bedeu­tend waren und wur­den des­halb bald immer bedeutender. So hatten sie nun alle Fä­den in der Hand, und es gab demnach nur noch Galeristenkunst statt Künstlerkunst, die die Galeristen schon im Ansatz spürten und verständlicherweise gar nicht erst aufkom­men lassen woll­ten, weil sie sich dann um ihren ausschließlichen De­finitions­status ge­bracht hätten. Der Stein­bock antwortet auf jedes Warum immer nur lakonisch mit einem Darum, denn jeder Begründungsversuch, auf den sich ja jede Künstlerkunst rückbezieht, steht unter sei­ner Würde. Na­türlich floß nun auch al­les Geld bei ihnen zusammen, denn die Bilder wurden ja wie bereits gesagt von den Anle­gern nicht etwa um ihrer selbst wil­len, son­dern wegen des Preises und des wichtigen Künstlerna­mens gekauft - vor­nehmlich um sie auf der nächsten Party den staunenden Gästen präsentie­ren zu kön­nen.(8) Auch äl­te­re Pluto-in-der-Jungfrau-Autoren konn­ten so aus innenarchitektoni­schen Gründen für ihre Bücher immer noch hohe Auflagen er­zielen, bis auch sie die an­dere Wir­kungs­weise Neptuns erwischte. In der Ar­chitek­tur zeigt sich mit der sog. Postmoderne ei­ne ähnliche Tendenz, denn diese ist ganz stein­bock-gemäß durch eine Überbe­tonung des Formalen und der Fas­sade gekenn­zeichnet. Bei der neuerrichte­ten Bonner Museums-Meile (sic!) beträgt deren An­teil etwa 50%, die mit noch nicht einmal vor­wandmäßig begründe­ten Ele­menten zu­sammengestellt sind: so etwa stehen vor der Fassade funktionslose Säu­len und sind an anderer Stelle ebenso unbe­gründete und kaum verstandene (offenbar in zum Prinzip erhobener Ignoranz gar nicht verstehen gewollte) Ägyptizismen vorgeklatscht - ei­ne fundamentale Grund­sünde in der Archi­tektur wie in jeder Kunst, da hier die Form noch nicht einmal dem Anschein nach in­haltlich begründet wird.(9) Was mag in den Architekten vorgehen, die einmal in der Hoffnung in ihren Beruf ge­gangen sind, in die Fußstapfen eines Frank Lloyd Wright oder Le Corbusier zu treten und die jetzt solche Dinge machen müssen? Denn selbst in den Projekten Le Corbu­siers, in denen er auf ähnliche Weise im Formalen schwelgte, geschah das doch auf einem Niveau, das heute nicht nur wegen mangelnder Talente (die vielleicht einfach nur nicht zum Zuge kommen), sondern of­fenbar aus definitori­schen Gründen strikt verfehlt wird.

Natürlich können wir schon die weitere Entwicklung vorhersehen: wenn Neptun das Zeichen wechselt, werden alle diese „Kunst“-Ob­jekte, sofern sie nicht aus phäno­menologisch-dokumentatori­schen Gründen in irgendeinem Museum untergekommen sind, nur noch Sperrmüll sein, wobei ein Verzögerungseffekt das noch über wei­tere 10 Jahre hinausschieben kann. Die Zahn­ärzte sind dann wie­der ihr Geld los und müssen von vorne beginnen zu bohren: der Wirtschaftskreislauf des Geldes ist damit wieder geschlossen, und die Idee des Gel­des kann mit neuen Zielvorstellungen verse­hen werden, denn nur dadurch funktioniert die bürgerliche Szene.(10) Es läßt sich allge­mein zwar nicht vorhersagen, ob es unter Neptun im Steinbock zu einer Niveauhe­bung oder -senkung kommt, doch rückwir­kend läßt sich jetzt schon feststellen, daß es dieses Mal zu einem kulturellen Tiefpunkt gekommen ist, wie wir ihn im letzten Nep­tun-Durchgang unter allen Erdzeichen fest­stellen konnten. So können wir aus astro­logischer Sicht mit ziemlicher Gewißheit davon ausge­hen, daß auch diese Steinbock-Kunst den Weg der übrigen Erd-Kunst ge­hen wird - nämlich, wenn nicht wie gesagt direkt auf den Sperrmüll, so in irgendwel­che Archive, wo sie niemand mehr se­hen will: direkt neben die Stier-Kunst (Pickelhauben-Kunst) und die Jung­frau-Kunst (Nazi-Kunst).

Dadurch, daß gleichzeitig Pluto im eigenen Zeichen steht, wird auch das Thema der Masse ins Spiel gebracht, die nun durch ih­re mißbrauchte Kaufkraft sogar die Kunst­szene pervertiert und von der Ortega sagte: "Wenn die einzelnen, aus denen die Masse be­steht, sich für be­sonders begabt hielten, hätten wir es nur mit einem Fall per­sönli­cher Täu­schung, aber nicht mit einer so­zio­logischen Umwäl­zung zu tun. Charak­teristisch... ist es jedoch, daß die gewöhnli­che Seele sich über ihre Gewöhnlichkeit klar ist, aber die Un­verfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzu­tre­ten und es überall durchzusetzen." Die da­durch zum Prinzip erhobene Impo­tenz der gegenwärtigen Kunstszene ist brutal of­fen­sichtlich: Nep­tun kann in keinem Zei­chen so schädlich sein wie im Steinbock, besonders wenn wie mo­mentan auch noch der Uranus im Stein­bock steht und beide sich mit Pluto im Skorpion verbinden. Das, was hier ange­sprochen wird, ist ja nicht nur das Problem eines elitären Bereiches, sondern der Elite schlechthin, denn der Kunstszene obliegt vor allem die Funktion eines geistigen Korrektivinstrumentes, auf dessen Funktio­nieren die ganze Ge­sellschaft angewiesen ist, und wenn die­ses nicht mehr die Macht der Kontrolle hat, weil jede wirkliche Diskussion durch einen am Gelde und seinen Gesetzen orientier­ten Machtapparat ausge­schaltet ist - und das ist ja der gegen­wärtige Stand -, dann ist die Gesellschaft um ihre geistige Perspektive gebracht und muß deshalb notwendigerwei­se degene­rieren. Gottseidank wechseln al­lerdings die Konstellationen nach einer gewissen Zeit, doch auch das kann von sich aus keine Niveauhebung bewirken, um die die Gesellschaft sich nicht ver­dient gemacht hat - das alte Problem des Selbstbestim­mungsfak­tors, mit dem wir es auch beim einzelnen Menschen zu tun haben.


 

Neptun im Wassermann

(1998-2012)

(Dieser Artikel wird zur Zeit überarbeitet und ergänzt. Vor allem wird dabei die Geschichte des Internets und des Mobilfunks im Vordergrund stehen, die in dieser Zeit zum beherrschenden Thema wurden, bis dann immer deutlicher ab 2012 vor allem die Fische-Themen Krise und Angst - die "Euro-Krise"! - in den Vordergrund traten.)

Neptun trat zum ersten Mal im Januar 1998 in den Wassermann, kehrte im August nochmals in den Steinbock zurück und ging endgültig im November in das neue Zeichen. Wie schon des Öfteren gesagt steht Neptun auch für Auflösung und der Wassermann unter anderem für den Sozialismus oder die Sozialdemokratie und die entsprechenden Parteien. Dieses Thema kündigte sich bereits an, als im März des Jahres der bisherige Ministerpräsident von Niedersachsen, Gerhard Schröder, seine Landtagswahl zur Kandidatenkür für die Kanzleranwartschaft der SPD machte. Das war ansich ein Trick, mit dem er den eigentlichen Anspruch des bisherigen Parteivorsitzenden Lafontaine auf die Kanzlerkandidaten-Anwartschaft untergrub - ein Trick zudem, der schon deshalb funktionieren konnte, weil die Bürger Niedersachsens dadurch zusätzlich motiviert wurden, Schröder über ihr Land hinaus in den Kanzlersessel zu verhelfen, weil der dort möglicherweise auch bundespolitisch für ihre Landesinteressen eintreten konnte. Tatsächlich gewann Schröder die Niedersachsen-Wahl, wurde dadurch anschließend Kanzlerkandidat und gewann im September die Bundestagswahl und wurde so gleich der neue deutsche Kanzler, während er ohne diese Verbindung noch nicht einmal völlig sicher gewesen sein konnte, niedersächsischer Ministerpräsident zu werden. Daß er das alles nur mit der Akzeptanz und direkten Mithilfe seines Parteigenossen Oskar Lafontaine hatte schaffen können, vergaß er allerdings sogleich nach der Wahl und unterlief mit seinem Helfer zugleich auch das gesamte linke Lager seiner Partei, für deren Ruhigstellung Lafontaine zuvor vertrauensvoll gesorgt hatte. Wie Schröder zuvor bereits immer ansich nur seine höchsteigenen Interessen über diejenigen seiner Partei gestellt hatte, führte er dieses nun in usurpatorischer Manier in bis dahin noch nie so offenbarer Brutalität mit Hilfe der auf seiner Seite stehenden Medien weiter fort. Seinen Helfer Lafontaine, der auch in den Augen der Wähler für die Kontinuität sozialdemokratischer Politik hatte sorgen sollen, ließ er durch einen eigens dafür installierten bis dahin fast unbekannten Parteigenossen hinausmobben. Daß dadurch auch die Interessen der traditionellen SPD-Wähler verkauft wurden, quittierten diese allerdings in den folgenden Jahren mit massenweisen Parteiaustritten und Wahlenthaltungen. Die älteste und traditionsreichste deutsche Partei war bald nur noch ein Schatten ihrer selbst und mußte sich zudem die Frage stellen, was sie noch von der anderen sog. Volkspartei CDU unterschied.

Wir erinnern uns heute kaum noch an die Euphorie, mit der der Machtwechsel von einer erstaunlich breiten Wählermehrheit begrüßt wurde. Ein Politikwechsel erschien noch nie so nötig wie zu diesem Zeitpunkt. Was hatte die Kohl-Regierung in ihrer Jedem offensichtlichen Unfähigkeit aus der Wirtschaft Ludwig Erhards und dem Sozialstaat der Gründerväter der Republik gemacht? Besonders die ostdeutschen Bürger hatten erkannt, daß sie den Anschluß an diese Zeit mit der bisherigen Regierung nicht schaffen konnten. Die Begeisterung für den Wechsel war auch bei den Intellektuellen spürbar, denn sie sahen dringenden Handlungsbedarf in der Umwelt- und Kulturpolitik. Auch viele sog. Linke in der SPD glaubten, den Politikwechsel sogar mit Schröder schaffen zu können - Oskar war ihm ja als Aufpasser an die Seite gestellt worden. Zwar hatte eine der Profiliertesten, Frau Matthäus-Maier, von vornherein zu erkennen gegeben, daß sie mit Schröder schon persönlich nicht konnte, und stand deshalb nach der Wahl ihrer Partei nicht mehr zur Verfügung, aber ein anderer ebenso profilierter Sozialpolitiker, Rudolf Dressler - immerhin ein personaler Grundpfeiler der Partei, der durch seine intensive parlamentarische Arbeit ihr Bild in der Öffentlichkeit entscheidend mitgeprägt hatte - machte sich durchaus Hoffnungen auf eine Verwirklichung seiner Politik, die er bisher immer nur in der Opposition geführt hatte. Er hatte festgestellt, daß die Massenarbeitslosigkeit die Sozialsysteme in ihrer Existenz gefährdete: „Und dieser bedrohlichen Entwicklung wird man nicht gerecht, wenn man ihr einfach bei Sozialleistungen hinterkürzt: Wer das will, der muß einen anderen Koalitionsvertrag schließen, als SPD und Bündnisgrüne ihn gerade geschlossen haben. Dieser nämlich schließt derartige Tendenzen aus. Er skizziert vielmehr verläßliche sozialstaatliche Politik für die nächsten vier Jahre! Es lohnt sich, für die dort vereinbarten Inhalte zu werben und zu streiten!“ Wer hätte damals für möglich gehalten, daß diese Vereinbarungen in so schneller Zeit und so vollkommen auf den Kopf gestellt würden? So schnell verändern sich die immer wieder vorgeschobenen äußeren Umstände nicht, um das zu begründen. Die Schwierigkeiten kamen dabei weniger von außen als von innen, wo sich die große Traditionspartei ein teuflisches Kuckucksei ins Nest gesetzt hatte. Dabei hinkten die ungläubigen Beobachter permanent den Ereignissen hinterher. So war etwa der Rücktritt Lafontaines zwar dramatisch genug, aber keineswegs das Ende, sondern erst der Anfang einer Entwicklung, an derem Ende man sich fragte, wozu der Machtwechsel überhaupt stattgefunden hatte und ob es nicht besser gewesen wäre, bei Kohl zu bleiben.

Schon unmittelbar nach der Wahl geriet Schröder mit wichtigen Parteileuten aneinander, weil er nicht mehr gelten lassen wollte, was vor der Wahl vereinbart worden war. Schon während des Wahlkampfes gab es Mißhelligkeiten. Franz Müntefering, der auch mit Schröders Zustimmung als Chef des Kanzleramtes vorgesehen gewesen war, erklärte nach einem Streit um die Festlegung von Plakaten, daß er mit ihm nicht zusammenarbeiten könne. Lafontaine schlug deshalb Peter Struck für das Kanzleramt vor. Schröder war davon nicht begeistert, weil er auch zu diesem kein gutes Verhältnis hatte, aber er stimmte zu. Ungeachtet dieser Zusage, aufgrund deren Lafontaine Struck bereits für sein neues Amt vorbereitet hatte, erfuhren beide einige Wochen später, daß ein fast unbekanntes Parteimitglied nun der Chef im Bundeskanzleramt werden sollte - nämlich ein Herr namens Bodo Hombach. Lafontaine war nicht nur verärgert über die Tatsache, wie hier Vereinbarungen und Zusagen ignoriert wurden, die er selbst Peter Struck in Schröders Namen gegeben hatte, sondern auch darüber, daß damit der Grundsatz verletzt wurde, der zwischen ihnen zuvor feierlich besiegelt worden war - nämlich wichtige Personalentscheidungen künftig nur gemeinsam zu treffen. Gerade der Chef des Bundeskanzleramtes mußte seiner Meinung nach, um erfolgreich arbeiten zu können, nicht nur das Vertrauen des Bundeskanzlers, sondern auch das des Parteivorsitzenden haben.

Dieser chaotische Stil ging nach Lafontaines späterer Darstellung selbst nach Hombachs Abgang so weiter und wurde auch bald jedem Wahlbürger als der typische Schröder-Regie­rungs­stil bekannt. Es war ein Mischmasch aus Taktik, Opportunismus und Intrige, bei dem grundsätzlich keinerlei Zusagen Gültigkeit hatten. Es gab weder eine Moral noch eine Idee oder ein Programm außer dem des eigenen Machterhaltes. Allerdings kannte man diesen Stil auch schon teilweise von Helmut Kohl. Bei Schröder aber kam noch das Mißtrauen hinzu, das aus seiner unsicheren Stellung zwischen Partei und Medien herrührte. Es gab für ihn keine Basis, in der er wurzelte, und er schien zum Taktieren gezwungen. So waren seine Entscheidungen kaum vom Gedanken der jeweiligen Richtigkeit bestimmt, sondern davon, wie sie unmittelbar ankamen - natürlich in erster Linie in der Öffentlichkeit. Das konnte ihn dazu bringen, selbst solche Maßnahmen oder Personalentscheidungen abzulehnen, die er eigentlich für richtig hielt, weil er befürchtete, damit zu sehr den Eindruck zu vermitteln, von Lafontaine gegängelt zu werden. Nicht eigene Zusagen und Einsichten brach­ten ihn schließlich dazu, Hombach von seinem Sessel zu entfernen, sondern die auch für ihn nicht mehr übersehbare Tatsache, daß der nicht nur innerhalb der Partei, sondern auch vor der Öffentlichkeit schlicht unzumutbar geworden war.

In der Regierungsarbeit des Kanzlers ging es immer mehr durcheinander. Seine Minister dien­ten ihm weniger als Mitarbeiter als als Sündenböcke, um seine eigenen Fehler auszuwetzen. So etwa, als es sich erwies, daß ein von ihm leichthin gegebenes Versprechen in der Zeitschrift Bild am Sonntag: „Volle Rente schon ab 60“ nicht haltbar war. Seine Mitarbeiter rechneten ihm vor, daß das angesichts der demoskopischen Entwicklung kaum finanzierbar war. Hinter dem Kanzler gab es Getuschel, warum denn keiner besser auf ihn aufpaßte und vorher seine Interviews durchlas. Aber das hätte auch nicht viel genutzt, denn er stand unter Profilierungsdruck und wollte wohl eigene Kompetenz beweisen, weshalb er zu eigenen plötz­lichen Entschlüssen neigte. Bekannt wurde für die Schröder-Politik der Begriff: ‚Machtwort‘. Der war neu, denn den hatte es bei Kohl in dieser Form noch nicht gegeben. Immer wieder konnte man in der Presse lesen: „Der Kanzler spricht ein Machtwort“. Das sollte eigentlich Schröders Durch­setzungsfähigkeit beweisen und war auch von diesem so inszeniert worden, aber es brachte auch zum Ausdruck und unterstrich damit, daß dieses Machtwort verdammt nötig geworden war, weil es zuvor drunter und drüber gegangen war. Was ist das für ein Sauhaufen?, mußte man sich eigentlich fragen, aber dazu war der Begriff selbst von der hörigen Presse nicht geschaffen worden. Tatsächlich versuchte sich Schröder immer wieder auf Kosten aller seiner Mitarbeiter zu profilieren. Was ist das für eine politische Arbeit? Basiert diese nicht auf Teamarbeit, und zeigt sich gute Teamarbeit nicht gerade darin, daß alles reibungslos funktioniert? Aber dann hätte sich Schröder ja nicht in der Öffentlichkeit machtpolitisch profilieren können. Er hatte einfach seinen Etablierungsstil, der ihn auf Kosten seiner Partei in dieses Amt gebracht hatte, so weit verinnerlicht, daß er ihn auch gegenüber seiner eigenen Mannschaft beibehielt. Und auch die Presse konnte wohl nicht mehr umdenken. Tatsächlich war es oft eher so, daß die betroffenen Mitarbeiter erst aus dieser erfuhren, daß wieder einmal ein Machtwort von Schröder nötig geworden war. Die Schuld trugen dann immer die anderen, auch dann, wenn gar nicht einmal klar war, wofür, weil die ganze Sache eben nur inszeniert war. Aber im Falle der Rente mit 60 war tatsächlich etwas falsch gelaufen. Wenn etwas wie hier nicht durchführbar war, so setzte man eben auf die Vergeßlichkeit der Öffentlichkeit. Vorerst wurde diese Sache Walter Riester in die Schuhe geschoben, der damit eigentlich gar nichts zu tun gehabt hatte, aber nun dafür sogar öffentlich beschimpft wurde. Der Regierungsstil war ansonsten nicht völlig neu, denn er erinnerte wie gesagt an Helmut Kohl und dessen ebenso spekulative Methode, alles einfach auszusitzen, aber auch insofern ging eben alles weiter wie bisher und wurde sogar nur noch schlimmer. Auch das sog. ‚Schrö­der­-Blair-Papier‘ war eine solche Angelegenheit, die ohne innerparteiliche Absprache von Schröder durchgezogen wurde. Es stellte nicht nur die Erwartungen der Wähler der neuen Koalition auf den Kopf, sondern bedeutete auch außenpolitisch eine Wende. In Bezug auf das so sensibele und für die bisherige Politik so zentrale deutsch-französi­sche Verhältnis war es ein Affront, der in Frankreich nicht unbemerkt bleiben konnte. Mit einem Schlag erlitt die Vorarbeit aller vorhergehenden Kanzler damit schweren Schaden, ohne im Gegenzug dafür irgendetwas zu erreichen. Es war - nach Oskar Lafontaine - ohne dessen Wissen und unter Mißachtung seiner Zuständigkeit als Parteivorsitzender von Bodo Hombach im Auftrag des Kanzlers vorbereitet worden und enthielt alle die hohlen Floskeln der Consultant-Weisheiten, die von den meisten Wichtigtuern in Politik und Medien als bare Münze genommen wurden. Nur wenige äußerten sich kritischer. So nannte Ralf Dahrendorf dieses ‚Papier‘ ein Dokument, das voller ihnhaltsloser und hohler Wörter war und nichts an­deres erkennen ließ als den Willen zur Macht. Dieser Willen zur Macht verbarg sich allerdings hinter dem Schutzschild der Wirtschaft, der diese beiden Apologeten diesseits und jenseits des Kanals so hörig waren. Gerade in einem Moment, in dem es noch möglich und höchst notwendig gewesen wäre, die Wirtschaft wieder in ihr angestammtes Feld zurückzuverweisen, wurde nun von der Selbstbeschränkung der Politik gesprochen, was nichts anderes bedeutete, als daß die Politik hinter die Wirtschaft zurückzutreten und sich ihr gegenüber zu entmündigen hatte. Paradoxerweise widersprach das nicht dem Machtwillen dieser Politiker, denn sie setzten damit ihre beschränkte Weltsicht über alle anderen politischen und - was zumindest Deutschland nach der Wahl betraf - allein demokratisch legitimierten Willensbekundungen. Wenn man sein Fundament aufweicht, wird es unter bestimmten Umständen von anderen Elementen so sehr nach oben gequetscht, daß man selbst darauf umso höher steht.

In der Tatsache, daß nach Schröders Umgruppierungen im Regierungslager nun Lafontaine so sehr als Buhmann galt, und daß sich der Kanzler daraus einen geradezu künstlichen Konflikt machte, der kaum von Lafontaine provoziert wurde, drückte sich auch eine Konfrontation zwischen zwei Machtlagern aus: nämlich einerseits des Plebiszits, also des erklärten Wäh­lerwillens, den Lafontaine zumindest programmatisch vertrat, und andererseits des entgegengesetzten Willens der Wirtschaftslobby und der ihr hörigen Medien. Schröder pendelte hilflos zwischen diesen Gegensätzen. Er schien es nicht wirklich von vornherein darauf angelegt zu haben, den Wählerwillen außer Betracht zu lassen, denn er war auch ein Mensch, der von möglichst Vielen geliebt werden wollte, aber in dieser Hinsicht stand er zumindest innerhalb seiner Partei im Schatten des größeren Lieblings Lafontaine, und das erweckte auch seine Eifersucht. Obwohl er - viel eher als Lafontaine - ursprünglich ja als Person gewählt worden war, stand in diesem Sinne immer jemand vor ihm, der, wenn der erste Glanz, mit dem er die breite Wählerschaft geblendet hatte, von ihm gefallen war, noch beliebter war als er selbst. Nach Lafontaine war das Joschka Fischer. Das trieb Schröder wohl ganz automatisch ins Lager der ‚Bosse‘. Dazu kam aber wohl auch die Tatsache, daß er die Welt immer aus der Froschperspektive gesehen hatte und daß es ihm an Intelligenz fehlte, diese in eine Vogelperspektive zu verwandeln. So sah er in jeder wie auch immer etablierten Elite eine Elite und suchte sich ihr anzudienen. Er war ja selbst ein Produkt der Erscheinungsorientiertheit der Menschen und deshalb selbst auch kaum in der Lage, Erscheinungen zu hinterfragen. Diese Dinge wurden im Persönlichkeitsbild dieses in jeder Hinsicht so kleinen Mannes sehr deutlich. Eine seiner ersten ‚Amtshandlungen‘ war die, daß er sich in einer Illustrierten als ‚Dressman‘ mit großem Mantel und dicker Zigarre fotografieren ließ. In der Tat wäre das der richtige Beruf für ihn gewesen, denn dafür hätte er Talent gehabt. Sowie er aber sich zu bewegen oder zu reden begann, fiel die Wirkung schnell ab. Das Wort vom ‚Medienkanzler‘ galt deshalb nur sehr begrenzt, denn nicht nur, aber besonders seine Reden auf Gewerkschaftstagen, also dort, wo eigentlich seine Basis sein sollte, wirkten hölzern und stereotyp, merkwürdig roboterhaft in den wenigen immer wiederkehrenden Gesten und Redefloskeln und kaum glaubhaft. Wohl kein Politiker wäre wohl so leicht durch einen gar nicht einmal sehr komplizierten Roboter zu ersetzen gewesen: Das war bald auch schon einigen Kabarettisten aufgefallen. Selbst sein Vorgänger Kohl hätte dabei ein viel größeres Computerprogramm erfordert.

Insgesamt ergab sich nun ein merkwürdiges Bild, besonders wenn man in Berlin das Bundeskanzleramt besuchte: Auch dort fiel auf, daß der größere Teil des unnötig aufgeblasenen Gebäudes nichts anderes als Fassade war, die ziemlich mutwillig bis zur Kongreßhalle (im Volksmund als einstiges Geschenk der USA auch ‚Carters Lächeln‘ genannt) langgezogen wurde, um mit dieser gewissermaßen noch die gebleckten Zähne, das stereotype Strahlen, in die Fassade einzubinden. Was steckte hinter dieser gewaltigen Fassade?: ein kleiner Mann, dem selbst sein Anzug zu groß war, der von der Presse und der Wirtschaft gehetzt wurde und jede Verantwortung delegierte. Man fühlte sich an die Geschichte ‚Der Zauberer von Oz‘ erinnert, der am Ende auch nur ein ganz ziviles, enttäuschend kleines Männchen hinter einer Riesenfassade war. Vielleicht ergibt sich dieses Bild nachträglich erst im Geiste, wenn man über diesen ‚Shogun’ nachdenkt, denn es ist schon erstaunlich, was er mit dem so ungewöhnlich Wenigen, was ihm auf seinen Lebensweg mitgegeben wurde, immerhin gemacht hat. Das wenigstens zu schaffen, schien sein höherer Sinn und Zweck zu sein. Man müßte ihn dafür bewundern, wenn es nicht auch verantwortungslos wäre, mit diesem Wenigen die Hebel der Macht an sich zu reißen und danach nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen soll. Seine Unsicherheit verbarg er hinter Gemeinplätzen wie etwa der Aussage, daß man unser Land nicht gegen die Wirtschaft regieren kann. Das wirkte wie gegen Lafontaine gemünzt, war aber noch viel mehr wieder eine vor dem Hintergrund des eigenen Wahlprogrammes und des daraus folgenden Wählerauftrages unangebrachte Schuldzuweisung gegen seine eigene Partei unter gleichzeitiger Deckungssuche bei der Wirtschaft und den Medien. Eine Politik gegen die Wirtschaft sei mit ihm nicht zu machen, bekannte er völlig ungefragt, da niemand das so von ihm verlangt hatte. Aber er konnte sein Spiel mit seinen Mitarbeitern so treiben, weil auch die zumeist nur Karrieristen waren. Da er aber nicht alle angreifen und zu Sündenböcken machen konnte, ohne völlig unglaubwürdig zu werden, fehlte es ihm im Laufe der Zeit immer mehr an Profilierungsmaterial, und die von ihm doch eigentlich so sehr gesuchte Öffentlichkeit mußte ihn immer mehr vermissen. Der große Extrovertierte wurde so immer mehr zum Einsiedler wider Willen. Auch die Blüten der Mediokratie verblühen schnell und gehen an ihrem Substanzmangel zugrunde. Schröder war sogar nur wenige Monate nach seiner Wahl als erster Kanzler in der Fernsehsendung ‚Wetten daß...?‘ mit Thomas Gottschalk aufgetreten, und als einmal ein Fernsehteam im ‚Kanzlerpark‘ einen Film drehte, kam er ungebeten dazu, weil er die Aufnahmen aus seinem Fenster gesehen hatte. Er lief buchstäblich jeder Möglichkeit hinterher, sich der Öffentlichkeit zu zeigen, und schien zunächst auch gar keine andere Vorstellung von seiner Politik zu haben. Vielleicht irrte er auch nur deshalb so ratlos in seinem Park herum, weil ihm nun nach dem Abgang Lafontaines der große Widerpart fehlte, gegen den er sich wirksam profilieren konnte. Seine Politik stand unter der ständig spürbaren Frage: „Na, wie sehe ich aus?“ Das führte ihn zu einer Shareholder-value-Politik des kurzen Erfolges, die negative Schlagzeilen verbot.

Im März 1999, keine fünf Monate nach seinem Regierungsantritt, trat Lafontaine von seinem Doppelamt als Wirtschaftsminister und Parteivorsitzender zurück. Auch sein Bundestagsmandat legte er nieder. „Ich bin zu der Einsicht gekommen, daß Teile der SPD-Führung, allen voran der neue Parteivorsitzende, nicht verstanden haben, womit und warum wir die Bundestagswahlen gewonnen haben“, versuchte er diesen Schritt später zu erklären. Nach dem unerwarteten Rücktritt Willy Brandts war das der spektakulärste Vorfall in der Geschichte der BRD. Er ist bis heute auch in der breiten Öffentlichkeit ebensowenig wirklich verstanden worden. Soweit es seine eigene Informationspolitik betraf, war das nicht anders zu erwarten, denn er lehnte es zunächst völlig ab, sich öffentlich zu erklären - auch in seinem Rücktrittsschreiben an Kanzler und Partei waren keine Erklärungen enthalten -, und als er es später doch noch versuchte, gelang es ihm kaum noch, die dadurch verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Er erschien da nur noch als ein Querschläger. Die ersten zaghaften Erklärungen bezogen sich auf das „schlechte Mannschaftsspiel“ innerhalb der Regierung; er wollte aber auch dazu zunächst keine Namen nennen. So schossen die Spekulationen ins Kraut. Vor allem und nicht zu Unrecht geriet dabei der Kanzleramtschef Bodo Hombach ins Visier: War er der Drahtzieher einer Verschwörung, die Lafontaine öffentlich demontieren sollte? Aber das hätte der kaum ohne Rückendeckung des Kanzlers tun können. Die Frankfurter Rundschau kam immerhin zu dem Ergebnis, daß es nach allem für Lafontaine nur noch die Alternative gegeben hatte, entweder „den Kanzler zu stürzen oder selbst den Bettel hinzuwerfen.“ Er stieß sicher auf immer mehr Widerstand für seine Politik - auch innerhalb seiner eigenen Partei, nachdem Schröder dort seine früheren Mitstreiter entmachtet hatte. Dabei war Lafontaine - seinem eigenen Buchtitel zum Trotz - eigentlich gar kein wirklicher Linker. Er versuchte sich lediglich für mehr soziale Gerechtigkeit und die immer noch bestehende Gesellschaftsordnung auszusprechen. Damit restaurierte er aber noch nicht einmal das, was unter den Regierungen Brandt und Schmidt und selbst in der Anfangszeit der Regierung Kohl noch als selbstverständlich gegolten hatte. Mit ‚Keynesianismus’ hatte seine Politik schon deshalb nichts zu tun, weil er sich in dem knappen halben Jahr seiner Amtszeit strikt an die Maas­tricht-Kriterien gehalten und den Sparkurs seines Vorgängers Waigel fortgesetzt hatte. Wenn von staatlichen Eingriffen in seiner Politik die Rede sein konnte, so nur in dem Sinn, daß er dabei das tat, was er mit den Mitteln des Staates und im Interesse der Bürger zumindest versuchen mußte: nämlich  den negativen sozialen Auswirkungen der Globalisierung und den ungesunden Wucherungen des Marktes entgegenzutreten. Er versuchte dabei, das in einen internationalen Rahmen einzubinden. Dabei konnte er aber nur eher den französischen Finanzminister ins Auge fassen, denn für die Briten und besonders die britische Presse galt er als der schlimm­ste europäische Buhmann überhaupt. Auch die Amerikaner standen natürlich nicht auf seiner Seite und machten ihm klar, daß sie keinen Eingriff in den ungehemmten Fluß des Kapitals duldeten. So waren die Fronten schnell klar: Kontinentaleuropa gegen die Angelsachsen. Aber das ging Schröder gegen den Strich. Und die deutsche Wirtschaft verband sich mit dem Kanzler gegen den Finanzminister - besonders als der es wagte, einige von deren inzwischen liebgewordenen Steuerprivilegien anzutasten. Lafontaine versuchte vor allem, die milliardenschweren Rücklagen der Energiekonzerne zu besteuern. Diese verfügten jedoch über ein Gegendruckmittel, mit dem sie einen Keil zwischen die Koalitionsparteien treiben konnten: Sie drohten mit dem Ausstieg aus den sog. Energiekonsensgesprächen über den Ausstieg aus der Atomenergie, die den Grünen so wichtig waren. Dumbo fühlte sich bemüßigt, in den Konflikt einzugreifen, und wies Lafontaine im Kabinett zurecht: Er lasse mit sich keine Politik gegen die Wirtschaft machen, sagte er, und drohte sogar - wie später wiederholt - indirekt mit dem Rücktritt: "Es wird einen Punkt geben, wo ich die Verantwortung für eine solche Politik nicht mehr übernehmen werde." Infam daran war nicht nur, daß Informationen über diese Sitzung vom Kanzleramt anschließend gezielt der Presse zugespielt wurden, sondern daß das Ganze auch sonst vom Zaun gebrochen war, um Lafontaine zu demontieren. Denn dieser hätte den Satz natürlich ebensogut unterschreiben können, daß keine Politik gegen die Wirtschaft gemacht werden sollte. Infam war die Unterstellung, daß Lafontaine das mit seinen Maßnahmen versucht hätte. Aber es war klar, was Schröder damit sagen und signalisieren wollte: nämlich nichts anderes als die grundsätzliche Aufkündigung jeder gegenseitigen Solidarität und Zusammenarbeit. Deshalb trat Oskar Lafontaine am nächsten Tag zurück.

Wenn es noch 1998 eine letzte Chance gegeben hatte, die Macht der Wirtschaft in bestimmte notwendige Schranken zu verweisen, so schien sie nach Lafontaines Abgang endgültig verspielt. Die Möglichkeit, zu einem gesunden sozialen Ausgleich zu kommen, bestand danach weniger denn jemals zuvor. Wenn es schon hieß, Lafontaines Vorstellungen, das zu schaffen, hätten sich als illusionär erwiesen, so war es das in Zukunft wohl erst recht. Aber der Eindruck blieb: Er hätte es noch schaffen können, wenn er wenigstens den Rückhalt bekommen hätte, auf den er nach Maßgabe normaler menschlicher Umstände hätte hoffen dürfen. Die SPD hätte so viel Charakter wahren müssen, daß sie solange in der Opposition geblieben wäre, bis sie als die Partei wieder an die Macht gekommen wäre, die sie traditionsgemäß war. Denn diese Tradition war zwar historisch, aber dennoch auch modern und in ihrer gesellschaftlichen Notwendigkeit unvermindert lebendig. In das Vakuum, das sie hinterlassen hatte, mußten danach wohl andere Parteien treten, denen die Worte des Godesberger Programms ‚Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität‘ keine hohlen Floskeln waren. Dresslers Worte verhallten vorerst wie die aus einer längst vergangenen Zeit, als man noch hoffen konnte: „Wir haben doch nicht 16 Jahre gegen diese ökonomische Irrlehre mit ihren verheerenden Folgen, mit Massenarbeitslosigkeit und riesigen Schuldenbergen, mit finanziell ausgemergelten Sozialsystemen und einer ökonomisch entmündigten Arbeitnehmerschaft angekämpft, um mit diesem Quatsch jetzt nach dem Regierungswechsel weiter zu machen.“

Aber es gab noch andere Entsprechungen des Neptun um Wassermann. Neptun steht ja eben auch für die jeweilige Mode oder das, was das geistige Klima bestimmt oder aus ihm entsteht. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, daß jetzt gerade bestimmte Science-Fiction-Filme einen neuen Qualitätsstandard definierten, die mehr als die bis dahin gängigen bloßen Action-Filme waren - etwa die Fime 'Matrix', 'Event Horizon' oder 'Dejavu'. Zwar enthielt etwa der sehr bekannt gewordene, maßgebende und mit vier Oskars versehene Film ‚Matrix’ aus dem Jahr 1999 noch viele Action-Elemente, war darüber hinaus aber wie die beiden anderen genannten auch philosophisch zu interpretieren. "Hattest du schon einmal einen Traum, von dem du glaubtest, er sei real?", fragt eine Art Raumschiffkommandant den Helden der Handlung. "Und was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachen würdest? Woher wüßtest du, was Traum ist und was Realität?" Offensichtlich ist das, was hier noch für die Realität gehalten wird, schon seit langem manipuliert. Dabei fällt wiederum auf, daß das nicht nur für die Filmhandlung gilt, sondern auch für das, was die Kinogänger erleben, wenn sie den Kinosaal wieder verlassen. Eine Gestalt wie der Kanzler Schröder und dessen Unterstützung durch die Medien hat kaum noch etwas mit dem zu tun, was man früher und einigermaßen sinnvoll für Realität gehalten hat und halten mußte, denn in der Tat setzte er sehr verstärkt eine Politik seines Vorgängers Kohl fort, die dieser erst vorbereitet hatte – nämlich eine Virtualisierung der Wirtschaft und Politik. Die Börsenlogik wurde damit zu einem allgemeinen Gesetz erhoben und hob die Realwirtschaft und die Realgesellschaft sowie alle reralen Denknormen aus den Angeln. Das Orwellsche 'Neusprech' wurde nicht nur direkt als sog. 'Denglisch' verwirklicht, sondern auch durch Aushöhlung oder Verkehrung der sprachlichen Realbezüge. Das ausschließlich unter dem Pluto im Schützen und im Sinne einer äußeren Gesetzmäßigkeit zu sehen, scheint kaum möglich, denn es ist darin auch sehr viel nur Modisch-Modernistisches im Sinne des Wassermann-Neptun. Dabei realisiert sich der Neptun nicht nur als Zeitgeist, sondern auch eben als Auflöser: In der Tat trat jetzt mit der Consultant-Logig und -Sprache eine neue Auffassung von Modernität in den Vordergrund, die sich nur noch so gebärdete und dabei das wirkliche Modernitätsverständnis sogar verkehrte. So sah es auch der SPD-Politiker Dreßler, indem er sich zu Beginn der rot-grünen Regierung Gedanken über das Verständnis dieses Begriffs in den Augen des Schröder-Kandidaten Stollmann machte:

In einer der letzten vorbereitenden Sitzungen der sozialdemokratischen Seite der Koalitionsrunde setzte sich Herr Stollmann, der uns ja nun wieder abhanden gekommen ist, neben mich, und wir haben uns unterhalten. Es war ein recht zwangloses und freundliches Gespräch, das wir führten. Aber dieses Gespräch hatte Folgen, für die Herr Stollmann selbst eigentlich gar nichts konnte. In der folgenden Nacht hatte ich nämlich einen Alptraum. Und in dem erschien mir Stollmann ständig im Schlaf mit den Worten: „Herr Dreßler, werden Sie endlich ein Modernisierer“... Als ich am nächsten Morgen völlig gerädert aufwachte, in Schweiß gebadet ins Bad wankte und mich selbst im Spiegel sah, habe ich mir - allein um mir solche Nächte zukünftig zu ersparen - dann wirklich die Frage gestellt: „Rudolf, taugst Du zum Modernisierer?“ ... Und dann hab’ ich mich an der Frage abgearbeitet, was es für mich bedeutet, wenn ich mich plötzlich als Modernisierer outen würde: Als Modernisierer müßte ich zukünftig vor allem über Dinge reden, von denen ich eigentlich gar nichts verstehe! Wenn ich etwas sagen würde, müßte es nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben, sondern es müßte sich nur gut anhören. ...Ich müßte den Eindruck von Bewegung vermitteln, selbst dann, wenn ich auf der Stelle träte. ... Mir wurde bewußt, daß das ein aussichtsloses Unterfangen wäre. Und so sagte ich mir: Du hast eben einen Begriff von Moderne, der sich mit dem Zeitgeist kaum in Einklang bringen läßt. Was modern ist, leitest du von den Inhalten ab, das ist dein eigentliches Handikap. So habe ich denn beschlossen, mit dem als Vorwurf gedachten Etikett  ‚Traditionalist‘ weiterzuleben. Ich denke, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der SPD haben eine Verpflichtung. Und jetzt in der Regierungsverantwortung noch mehr als in der Opposition. Wir müssen unserer Sozialdemokratie helfen, Kurs zu halten.

Da er damit aber nicht dem neptunbestimmten Zeitgeist entsprach, ließ sich dieser Vorsatz in der Folgezeit leider nicht mehr realisieren.


1Genauer gesagt ist es keine zweifache und gegenteilige Wir­kung, sondern nur eine einzige: Neptun führt zur Übersteigerung des Realen oder real Notwendigen, indem er es in eine höhere Ebene hebt. Daraus resultiert eine scheinbare Doppelwirkung, die sich je­doch aus dem allgemeinen Niveau des Horoskopeigners oder der Gesellschaft erklärt: ist sie nicht zur Sublimation fähig, so pervertiert sie das Prinzip des Zeichens, was uns dann als Auflö­sung erscheint. Aus diesem Grunde zeigt sich der positive Effekt Neptuns gerade auf der Ebene der Intellektuellen und der Kunst, weil erst hier die Voraussetzungen für eine positive Umsetzung ge­geben sind. Im übrigen muß es nicht unbedingt an dem zu geringen Niveau des Horoskopeigners liegen, wenn ihm die Sublimation nicht gelingt: es kann auch an seiner Umgebung liegen.
2 Hierin kann man die höhere Weisheit der Tatsache erkennen, daß die Revolution von 1848 gescheitert war, denn sonst hätten wir die Diktatur der Massen schon viel früher gehabt und es wäre nicht zu der geistigen Evolution gekommen, die wir bei aller Kritik dem Szientismus und der Technologisierung dennoch zusprechen müs­sen. Wir können nur hoffen, daß dieses jetzt lediglich eine Über­gangszeit ist, die sich beim Eintritt Plutos in den Schützen und des Uranus in den Wassermann Anfang 1996 sublimieren wird. (Siehe dazu auch die Fußnote im Kapitel "Uranus im Widder").
3 Natürlich entspricht die Mauer dem Steinbock, ihre Bemalung entspricht Neptun und ihre Bearbeitung durch die Mauerspechte dem Uranus im Steinbock.
4 In den entsprechenden Jahren 1821 - 1834 kam es - wie bereits erwähnt - zur Unabhängigkeit Perus, Brasiliens, Mexicos, Bolivi­ens, Uruguays, Griechenlands, Ecuadors und zur Revolution in Belgien, während Portugal konstitutionelle Monarchie wurde.
5 Denn zwar sind Kritiker im allgemeinen eher eine Wassermann-Entsprechung - aber auch nur dann, wenn sie die gegebenen Zustände kritisieren, also von unten nach oben - hier aber stehen die Kritiker selbst als Autoritäten da und kritisieren von oben nach unten.
6 Siehe dazu die Anmerkungen unter dem gleichzeitigen Pluto im Skorpion.
7 Einer der erfolgreichsten Galeristen sagte kürzlich im Fernse­hen, es sei im Grunde unvorhersehbar, wohin die Kunst gehe - sie ma­che, was sie wolle. Wir müssen hier natürlich eigentlich schon des­halb den Begriff Kunst in Anführungsstreichen setzen, weil es sich um ein Phänomen handelt, das man keinesfalls für sich absolut setzen kann, sondern das in alle möglichen gesellschaftlichen Me­chanismen integriert ist.
8 Ortega y Gasset in Der Aufstand der Massen: "Man glaube ja nicht, daß das Wünschen ei­ne so einfache Sache sei. Beobachten Sie doch die eigentümliche Angst des Neureichen. Er hat die Möglichkeit, seine Wünsche er­füllt zu sehen, in der Hand, ertappt sich aber dabei, daß er nicht weiß, was er sich wünschen soll. Insgeheim merkt er, daß er keine Wünsche hat, daß er unfähig ist, aus eigenem Antrieb et­was zu begehren und unter den ungezählten Dingen, die seine Umwelt ihm bietet, auszuwählen. Deshalb sucht er einen Vermitt­ler, der ihn belehrt, und findet ihn in der Gestalt der Wünsche, die bei den anderen vorherrschen. Das ist der Grund, weshalb sich der Neureiche als erstes ein Auto, ein Pianola und ein Grammophon kauft. Er hat es den anderen überlassen, für ihn zu wünschen... Man kann sich vor­stellen, wie schwierig der echt schöpferische Wunsch ist, der Wunsch, der das Nichtvor­handene fordert, der das noch unwirkli­che vorwegnimmt... Und wenn jemand unfähig ist, sich selbst zu wünschen, weil er kein klares Selbst kennt, das er zu verwirklichen trachtet, so kann er natürlich auch nur Scheinwünsche hegen, Schemen von Verlan­gen ohne Mark und Kraft. Vielleicht ist die grundlegende Krankheit unseres Zeitalters eine Krise der Wün­sche... es herrscht eine übermäßige Verdrossenheit, und zwar des­halb, weil der heutige Mensch nicht weiß, was er sein soll, es fehlt ihm an Phantasie, um das Thema seines eigenen Lebens zu erfin­den."
9 So äußerte sich auch Schopenhauer in seinem Aufsatz Das innere Wesen der Kunst. „Ein willkürliches Spielen mit den Mitteln der Kunst, ohne eigentliche Kenntnis des Zweckes, ist, in jeder, der Grundcharakter der Pfuscherei. ein solches zeigt sich in den nichts tragenden Stützen, den zwecklosen Voluten, Bauschungen und Vorsprüngen schlechter Architektur, in den nichtssagenden Läufen und Figuren, nebst dem zwecklosen Lärm schlechter Musik, im Klingklang der Reime sinnarmer Gedichte usw.
10 Wenn es nämlich nicht hin und wieder derartige Entwertungen gäbe, wären schon 80% aller Bürger Millionäre, und niemand woll­te mehr arbeiten, wodurch es dann auf andere Weise zur Geldent­wertung käme, da keine Gegenwerte mehr produziert würden.
Main page Contacts Search Contacts Search