Thema Mundan-Astrologie

 

Neptun im Wassermann

(1998-2012)

(Dieser Artikel wird zur Zeit überarbeitet und ergänzt. Vor allem wird dabei die Geschichte des Internets und des Mobilfunks im Vordergrund stehen, die in dieser Zeit zum beherrschenden Thema wurden, bis dann immer deutlicher ab 2012 vor allem die Fische-Themen Krise und Angst - die "Euro-Krise"! - in den Vordergrund traten.)

Neptun trat zum ersten Mal im Januar 1998 in den Wassermann, kehrte im August nochmals in den Steinbock zurück und ging endgültig im November in das neue Zeichen. Wie schon des Öfteren gesagt steht Neptun auch für Auflösung und der Wassermann unter anderem für den Sozialismus oder die Sozialdemokratie und die entsprechenden Parteien. Dieses Thema kündigte sich bereits an, als im März des Jahres der bisherige Ministerpräsident von Niedersachsen, Gerhard Schröder, seine Landtagswahl zur Kandidatenkür für die Kanzleranwartschaft der SPD machte. Das war ansich ein Trick, mit dem er den eigentlichen Anspruch des bisherigen Parteivorsitzenden Lafontaine auf die Kanzlerkandidaten-Anwartschaft untergrub - ein Trick zudem, der schon deshalb funktionieren konnte, weil die Bürger Niedersachsens dadurch zusätzlich motiviert wurden, Schröder über ihr Land hinaus in den Kanzlersessel zu verhelfen, weil der dort möglicherweise auch bundespolitisch für ihre Landesinteressen eintreten konnte. Tatsächlich gewann Schröder die Niedersachsen-Wahl, wurde dadurch anschließend Kanzlerkandidat und gewann im September die Bundestagswahl und wurde so gleich der neue deutsche Kanzler, während er ohne diese Verbindung noch nicht einmal völlig sicher gewesen sein konnte, niedersächsischer Ministerpräsident zu werden. Daß er das alles nur mit der Akzeptanz und direkten Mithilfe seines Parteigenossen Oskar Lafontaine hatte schaffen können, vergaß er allerdings sogleich nach der Wahl und unterlief mit seinem Helfer zugleich auch das gesamte linke Lager seiner Partei, für deren Ruhigstellung Lafontaine zuvor vertrauensvoll gesorgt hatte. Wie Schröder zuvor bereits immer ansich nur seine höchsteigenen Interessen über diejenigen seiner Partei gestellt hatte, führte er dieses nun in usurpatorischer Manier in bis dahin noch nie so offenbarer Brutalität mit Hilfe der auf seiner Seite stehenden Medien weiter fort. Seinen Helfer Lafontaine, der auch in den Augen der Wähler für die Kontinuität sozialdemokratischer Politik hatte sorgen sollen, ließ er durch einen eigens dafür installierten bis dahin fast unbekannten Parteigenossen hinausmobben. Daß dadurch auch die Interessen der traditionellen SPD-Wähler verkauft wurden, quittierten diese allerdings in den folgenden Jahren mit massenweisen Parteiaustritten und Wahlenthaltungen. Die älteste und traditionsreichste deutsche Partei war bald nur noch ein Schatten ihrer selbst und mußte sich zudem die Frage stellen, was sie noch von der anderen sog. Volkspartei CDU unterschied.

Wir erinnern uns heute kaum noch an die Euphorie, mit der der Machtwechsel von einer erstaunlich breiten Wählermehrheit begrüßt wurde. Ein Politikwechsel erschien noch nie so nötig wie zu diesem Zeitpunkt. Was hatte die Kohl-Regierung in ihrer Jedem offensichtlichen Unfähigkeit aus der Wirtschaft Ludwig Erhards und dem Sozialstaat der Gründerväter der Republik gemacht? Besonders die ostdeutschen Bürger hatten erkannt, daß sie den Anschluß an diese Zeit mit der bisherigen Regierung nicht schaffen konnten. Die Begeisterung für den Wechsel war auch bei den Intellektuellen spürbar, denn sie sahen dringenden Handlungsbedarf in der Umwelt- und Kulturpolitik. Auch viele sog. Linke in der SPD glaubten, den Politikwechsel sogar mit Schröder schaffen zu können - Oskar war ihm ja als Aufpasser an die Seite gestellt worden. Zwar hatte eine der Profiliertesten, Frau Matthäus-Maier, von vornherein zu erkennen gegeben, daß sie mit Schröder schon persönlich nicht konnte, und stand deshalb nach der Wahl ihrer Partei nicht mehr zur Verfügung, aber ein anderer ebenso profilierter Sozialpolitiker, Rudolf Dressler - immerhin ein personaler Grundpfeiler der Partei, der durch seine intensive parlamentarische Arbeit ihr Bild in der Öffentlichkeit entscheidend mitgeprägt hatte - machte sich durchaus Hoffnungen auf eine Verwirklichung seiner Politik, die er bisher immer nur in der Opposition geführt hatte. Er hatte festgestellt, daß die Massenarbeitslosigkeit die Sozialsysteme in ihrer Existenz gefährdete: „Und dieser bedrohlichen Entwicklung wird man nicht gerecht, wenn man ihr einfach bei Sozialleistungen hinterkürzt: Wer das will, der muß einen anderen Koalitionsvertrag schließen, als SPD und Bündnisgrüne ihn gerade geschlossen haben. Dieser nämlich schließt derartige Tendenzen aus. Er skizziert vielmehr verläßliche sozialstaatliche Politik für die nächsten vier Jahre! Es lohnt sich, für die dort vereinbarten Inhalte zu werben und zu streiten!“ Wer hätte damals für möglich gehalten, daß diese Vereinbarungen in so schneller Zeit und so vollkommen auf den Kopf gestellt würden? So schnell verändern sich die immer wieder vorgeschobenen äußeren Umstände nicht, um das zu begründen. Die Schwierigkeiten kamen dabei weniger von außen als von innen, wo sich die große Traditionspartei ein teuflisches Kuckucksei ins Nest gesetzt hatte. Dabei hinkten die ungläubigen Beobachter permanent den Ereignissen hinterher. So war etwa der Rücktritt Lafontaines zwar dramatisch genug, aber keineswegs das Ende, sondern erst der Anfang einer Entwicklung, an derem Ende man sich fragte, wozu der Machtwechsel überhaupt stattgefunden hatte und ob es nicht besser gewesen wäre, bei Kohl zu bleiben.

Schon unmittelbar nach der Wahl geriet Schröder mit wichtigen Parteileuten aneinander, weil er nicht mehr gelten lassen wollte, was vor der Wahl vereinbart worden war. Schon während des Wahlkampfes gab es Mißhelligkeiten. Franz Müntefering, der auch mit Schröders Zustimmung als Chef des Kanzleramtes vorgesehen gewesen war, erklärte nach einem Streit um die Festlegung von Plakaten, daß er mit ihm nicht zusammenarbeiten könne. Lafontaine schlug deshalb Peter Struck für das Kanzleramt vor. Schröder war davon nicht begeistert, weil er auch zu diesem kein gutes Verhältnis hatte, aber er stimmte zu. Ungeachtet dieser Zusage, aufgrund deren Lafontaine Struck bereits für sein neues Amt vorbereitet hatte, erfuhren beide einige Wochen später, daß ein fast unbekanntes Parteimitglied nun der Chef im Bundeskanzleramt werden sollte - nämlich ein Herr namens Bodo Hombach. Lafontaine war nicht nur verärgert über die Tatsache, wie hier Vereinbarungen und Zusagen ignoriert wurden, die er selbst Peter Struck in Schröders Namen gegeben hatte, sondern auch darüber, daß damit der Grundsatz verletzt wurde, der zwischen ihnen zuvor feierlich besiegelt worden war - nämlich wichtige Personalentscheidungen künftig nur gemeinsam zu treffen. Gerade der Chef des Bundeskanzleramtes mußte seiner Meinung nach, um erfolgreich arbeiten zu können, nicht nur das Vertrauen des Bundeskanzlers, sondern auch das des Parteivorsitzenden haben.

Dieser chaotische Stil ging nach Lafontaines späterer Darstellung selbst nach Hombachs Abgang so weiter und wurde auch bald jedem Wahlbürger als der typische Schröder-Regie­rungs­stil bekannt. Es war ein Mischmasch aus Taktik, Opportunismus und Intrige, bei dem grundsätzlich keinerlei Zusagen Gültigkeit hatten. Es gab weder eine Moral noch eine Idee oder ein Programm außer dem des eigenen Machterhaltes. Allerdings kannte man diesen Stil auch schon teilweise von Helmut Kohl. Bei Schröder aber kam noch das Mißtrauen hinzu, das aus seiner unsicheren Stellung zwischen Partei und Medien herrührte. Es gab für ihn keine Basis, in der er wurzelte, und er schien zum Taktieren gezwungen. So waren seine Entscheidungen kaum vom Gedanken der jeweiligen Richtigkeit bestimmt, sondern davon, wie sie unmittelbar ankamen - natürlich in erster Linie in der Öffentlichkeit. Das konnte ihn dazu bringen, selbst solche Maßnahmen oder Personalentscheidungen abzulehnen, die er eigentlich für richtig hielt, weil er befürchtete, damit zu sehr den Eindruck zu vermitteln, von Lafontaine gegängelt zu werden. Nicht eigene Zusagen und Einsichten brach­ten ihn schließlich dazu, Hombach von seinem Sessel zu entfernen, sondern die auch für ihn nicht mehr übersehbare Tatsache, daß der nicht nur innerhalb der Partei, sondern auch vor der Öffentlichkeit schlicht unzumutbar geworden war.

In der Regierungsarbeit des Kanzlers ging es immer mehr durcheinander. Seine Minister dien­ten ihm weniger als Mitarbeiter als als Sündenböcke, um seine eigenen Fehler auszuwetzen. So etwa, als es sich erwies, daß ein von ihm leichthin gegebenes Versprechen in der Zeitschrift Bild am Sonntag: „Volle Rente schon ab 60“ nicht haltbar war. Seine Mitarbeiter rechneten ihm vor, daß das angesichts der demoskopischen Entwicklung kaum finanzierbar war. Hinter dem Kanzler gab es Getuschel, warum denn keiner besser auf ihn aufpaßte und vorher seine Interviews durchlas. Aber das hätte auch nicht viel genutzt, denn er stand unter Profilierungsdruck und wollte wohl eigene Kompetenz beweisen, weshalb er zu eigenen plötz­lichen Entschlüssen neigte. Bekannt wurde für die Schröder-Politik der Begriff: ‚Machtwort‘. Der war neu, denn den hatte es bei Kohl in dieser Form noch nicht gegeben. Immer wieder konnte man in der Presse lesen: „Der Kanzler spricht ein Machtwort“. Das sollte eigentlich Schröders Durch­setzungsfähigkeit beweisen und war auch von diesem so inszeniert worden, aber es brachte auch zum Ausdruck und unterstrich damit, daß dieses Machtwort verdammt nötig geworden war, weil es zuvor drunter und drüber gegangen war. Was ist das für ein Sauhaufen?, mußte man sich eigentlich fragen, aber dazu war der Begriff selbst von der hörigen Presse nicht geschaffen worden. Tatsächlich versuchte sich Schröder immer wieder auf Kosten aller seiner Mitarbeiter zu profilieren. Was ist das für eine politische Arbeit? Basiert diese nicht auf Teamarbeit, und zeigt sich gute Teamarbeit nicht gerade darin, daß alles reibungslos funktioniert? Aber dann hätte sich Schröder ja nicht in der Öffentlichkeit machtpolitisch profilieren können. Er hatte einfach seinen Etablierungsstil, der ihn auf Kosten seiner Partei in dieses Amt gebracht hatte, so weit verinnerlicht, daß er ihn auch gegenüber seiner eigenen Mannschaft beibehielt. Und auch die Presse konnte wohl nicht mehr umdenken. Tatsächlich war es oft eher so, daß die betroffenen Mitarbeiter erst aus dieser erfuhren, daß wieder einmal ein Machtwort von Schröder nötig geworden war. Die Schuld trugen dann immer die anderen, auch dann, wenn gar nicht einmal klar war, wofür, weil die ganze Sache eben nur inszeniert war. Aber im Falle der Rente mit 60 war tatsächlich etwas falsch gelaufen. Wenn etwas wie hier nicht durchführbar war, so setzte man eben auf die Vergeßlichkeit der Öffentlichkeit. Vorerst wurde diese Sache Walter Riester in die Schuhe geschoben, der damit eigentlich gar nichts zu tun gehabt hatte, aber nun dafür sogar öffentlich beschimpft wurde. Der Regierungsstil war ansonsten nicht völlig neu, denn er erinnerte wie gesagt an Helmut Kohl und dessen ebenso spekulative Methode, alles einfach auszusitzen, aber auch insofern ging eben alles weiter wie bisher und wurde sogar nur noch schlimmer. Auch das sog. ‚Schrö­der­-Blair-Papier‘ war eine solche Angelegenheit, die ohne innerparteiliche Absprache von Schröder durchgezogen wurde. Es stellte nicht nur die Erwartungen der Wähler der neuen Koalition auf den Kopf, sondern bedeutete auch außenpolitisch eine Wende. In Bezug auf das so sensibele und für die bisherige Politik so zentrale deutsch-französi­sche Verhältnis war es ein Affront, der in Frankreich nicht unbemerkt bleiben konnte. Mit einem Schlag erlitt die Vorarbeit aller vorhergehenden Kanzler damit schweren Schaden, ohne im Gegenzug dafür irgendetwas zu erreichen. Es war - nach Oskar Lafontaine - ohne dessen Wissen und unter Mißachtung seiner Zuständigkeit als Parteivorsitzender von Bodo Hombach im Auftrag des Kanzlers vorbereitet worden und enthielt alle die hohlen Floskeln der Consultant-Weisheiten, die von den meisten Wichtigtuern in Politik und Medien als bare Münze genommen wurden. Nur wenige äußerten sich kritischer. So nannte Ralf Dahrendorf dieses ‚Papier‘ ein Dokument, das voller ihnhaltsloser und hohler Wörter war und nichts an­deres erkennen ließ als den Willen zur Macht. Dieser Willen zur Macht verbarg sich allerdings hinter dem Schutzschild der Wirtschaft, der diese beiden Apologeten diesseits und jenseits des Kanals so hörig waren. Gerade in einem Moment, in dem es noch möglich und höchst notwendig gewesen wäre, die Wirtschaft wieder in ihr angestammtes Feld zurückzuverweisen, wurde nun von der Selbstbeschränkung der Politik gesprochen, was nichts anderes bedeutete, als daß die Politik hinter die Wirtschaft zurückzutreten und sich ihr gegenüber zu entmündigen hatte. Paradoxerweise widersprach das nicht dem Machtwillen dieser Politiker, denn sie setzten damit ihre beschränkte Weltsicht über alle anderen politischen und - was zumindest Deutschland nach der Wahl betraf - allein demokratisch legitimierten Willensbekundungen. Wenn man sein Fundament aufweicht, wird es unter bestimmten Umständen von anderen Elementen so sehr nach oben gequetscht, daß man selbst darauf umso höher steht.

In der Tatsache, daß nach Schröders Umgruppierungen im Regierungslager nun Lafontaine so sehr als Buhmann galt, und daß sich der Kanzler daraus einen geradezu künstlichen Konflikt machte, der kaum von Lafontaine provoziert wurde, drückte sich auch eine Konfrontation zwischen zwei Machtlagern aus: nämlich einerseits des Plebiszits, also des erklärten Wäh­lerwillens, den Lafontaine zumindest programmatisch vertrat, und andererseits des entgegengesetzten Willens der Wirtschaftslobby und der ihr hörigen Medien. Schröder pendelte hilflos zwischen diesen Gegensätzen. Er schien es nicht wirklich von vornherein darauf angelegt zu haben, den Wählerwillen außer Betracht zu lassen, denn er war auch ein Mensch, der von möglichst Vielen geliebt werden wollte, aber in dieser Hinsicht stand er zumindest innerhalb seiner Partei im Schatten des größeren Lieblings Lafontaine, und das erweckte auch seine Eifersucht. Obwohl er - viel eher als Lafontaine - ursprünglich ja als Person gewählt worden war, stand in diesem Sinne immer jemand vor ihm, der, wenn der erste Glanz, mit dem er die breite Wählerschaft geblendet hatte, von ihm gefallen war, noch beliebter war als er selbst. Nach Lafontaine war das Joschka Fischer. Das trieb Schröder wohl ganz automatisch ins Lager der ‚Bosse‘. Dazu kam aber wohl auch die Tatsache, daß er die Welt immer aus der Froschperspektive gesehen hatte und daß es ihm an Intelligenz fehlte, diese in eine Vogelperspektive zu verwandeln. So sah er in jeder wie auch immer etablierten Elite eine Elite und suchte sich ihr anzudienen. Er war ja selbst ein Produkt der Erscheinungsorientiertheit der Menschen und deshalb selbst auch kaum in der Lage, Erscheinungen zu hinterfragen. Diese Dinge wurden im Persönlichkeitsbild dieses in jeder Hinsicht so kleinen Mannes sehr deutlich. Eine seiner ersten ‚Amtshandlungen‘ war die, daß er sich in einer Illustrierten als ‚Dressman‘ mit großem Mantel und dicker Zigarre fotografieren ließ. In der Tat wäre das der richtige Beruf für ihn gewesen, denn dafür hätte er Talent gehabt. Sowie er aber sich zu bewegen oder zu reden begann, fiel die Wirkung schnell ab. Das Wort vom ‚Medienkanzler‘ galt deshalb nur sehr begrenzt, denn nicht nur, aber besonders seine Reden auf Gewerkschaftstagen, also dort, wo eigentlich seine Basis sein sollte, wirkten hölzern und stereotyp, merkwürdig roboterhaft in den wenigen immer wiederkehrenden Gesten und Redefloskeln und kaum glaubhaft. Wohl kein Politiker wäre wohl so leicht durch einen gar nicht einmal sehr komplizierten Roboter zu ersetzen gewesen: Das war bald auch schon einigen Kabarettisten aufgefallen. Selbst sein Vorgänger Kohl hätte dabei ein viel größeres Computerprogramm erfordert.

Insgesamt ergab sich nun ein merkwürdiges Bild, besonders wenn man in Berlin das Bundeskanzleramt besuchte: Auch dort fiel auf, daß der größere Teil des unnötig aufgeblasenen Gebäudes nichts anderes als Fassade war, die ziemlich mutwillig bis zur Kongreßhalle (im Volksmund als einstiges Geschenk der USA auch ‚Carters Lächeln‘ genannt) langgezogen wurde, um mit dieser gewissermaßen noch die gebleckten Zähne, das stereotype Strahlen, in die Fassade einzubinden. Was steckte hinter dieser gewaltigen Fassade?: ein kleiner Mann, dem selbst sein Anzug zu groß war, der von der Presse und der Wirtschaft gehetzt wurde und jede Verantwortung delegierte. Man fühlte sich an die Geschichte ‚Der Zauberer von Oz‘ erinnert, der am Ende auch nur ein ganz ziviles, enttäuschend kleines Männchen hinter einer Riesenfassade war. Vielleicht ergibt sich dieses Bild nachträglich erst im Geiste, wenn man über diesen ‚Shogun’ nachdenkt, denn es ist schon erstaunlich, was er mit dem so ungewöhnlich Wenigen, was ihm auf seinen Lebensweg mitgegeben wurde, immerhin gemacht hat. Das wenigstens zu schaffen, schien sein höherer Sinn und Zweck zu sein. Man müßte ihn dafür bewundern, wenn es nicht auch verantwortungslos wäre, mit diesem Wenigen die Hebel der Macht an sich zu reißen und danach nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen soll. Seine Unsicherheit verbarg er hinter Gemeinplätzen wie etwa der Aussage, daß man unser Land nicht gegen die Wirtschaft regieren kann. Das wirkte wie gegen Lafontaine gemünzt, war aber noch viel mehr wieder eine vor dem Hintergrund des eigenen Wahlprogrammes und des daraus folgenden Wählerauftrages unangebrachte Schuldzuweisung gegen seine eigene Partei unter gleichzeitiger Deckungssuche bei der Wirtschaft und den Medien. Eine Politik gegen die Wirtschaft sei mit ihm nicht zu machen, bekannte er völlig ungefragt, da niemand das so von ihm verlangt hatte. Aber er konnte sein Spiel mit seinen Mitarbeitern so treiben, weil auch die zumeist nur Karrieristen waren. Da er aber nicht alle angreifen und zu Sündenböcken machen konnte, ohne völlig unglaubwürdig zu werden, fehlte es ihm im Laufe der Zeit immer mehr an Profilierungsmaterial, und die von ihm doch eigentlich so sehr gesuchte Öffentlichkeit mußte ihn immer mehr vermissen. Der große Extrovertierte wurde so immer mehr zum Einsiedler wider Willen. Auch die Blüten der Mediokratie verblühen schnell und gehen an ihrem Substanzmangel zugrunde. Schröder war sogar nur wenige Monate nach seiner Wahl als erster Kanzler in der Fernsehsendung ‚Wetten daß...?‘ mit Thomas Gottschalk aufgetreten, und als einmal ein Fernsehteam im ‚Kanzlerpark‘ einen Film drehte, kam er ungebeten dazu, weil er die Aufnahmen aus seinem Fenster gesehen hatte. Er lief buchstäblich jeder Möglichkeit hinterher, sich der Öffentlichkeit zu zeigen, und schien zunächst auch gar keine andere Vorstellung von seiner Politik zu haben. Vielleicht irrte er auch nur deshalb so ratlos in seinem Park herum, weil ihm nun nach dem Abgang Lafontaines der große Widerpart fehlte, gegen den er sich wirksam profilieren konnte. Seine Politik stand unter der ständig spürbaren Frage: „Na, wie sehe ich aus?“ Das führte ihn zu einer Shareholder-value-Politik des kurzen Erfolges, die negative Schlagzeilen verbot.

Im März 1999, keine fünf Monate nach seinem Regierungsantritt, trat Lafontaine von seinem Doppelamt als Wirtschaftsminister und Parteivorsitzender zurück. Auch sein Bundestagsmandat legte er nieder. „Ich bin zu der Einsicht gekommen, daß Teile der SPD-Führung, allen voran der neue Parteivorsitzende, nicht verstanden haben, womit und warum wir die Bundestagswahlen gewonnen haben“, versuchte er diesen Schritt später zu erklären. Nach dem unerwarteten Rücktritt Willy Brandts war das der spektakulärste Vorfall in der Geschichte der BRD. Er ist bis heute auch in der breiten Öffentlichkeit ebensowenig wirklich verstanden worden. Soweit es seine eigene Informationspolitik betraf, war das nicht anders zu erwarten, denn er lehnte es zunächst völlig ab, sich öffentlich zu erklären - auch in seinem Rücktrittsschreiben an Kanzler und Partei waren keine Erklärungen enthalten -, und als er es später doch noch versuchte, gelang es ihm kaum noch, die dadurch verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Er erschien da nur noch als ein Querschläger. Die ersten zaghaften Erklärungen bezogen sich auf das „schlechte Mannschaftsspiel“ innerhalb der Regierung; er wollte aber auch dazu zunächst keine Namen nennen. So schossen die Spekulationen ins Kraut. Vor allem und nicht zu Unrecht geriet dabei der Kanzleramtschef Bodo Hombach ins Visier: War er der Drahtzieher einer Verschwörung, die Lafontaine öffentlich demontieren sollte? Aber das hätte der kaum ohne Rückendeckung des Kanzlers tun können. Die Frankfurter Rundschau kam immerhin zu dem Ergebnis, daß es nach allem für Lafontaine nur noch die Alternative gegeben hatte, entweder „den Kanzler zu stürzen oder selbst den Bettel hinzuwerfen.“ Er stieß sicher auf immer mehr Widerstand für seine Politik - auch innerhalb seiner eigenen Partei, nachdem Schröder dort seine früheren Mitstreiter entmachtet hatte. Dabei war Lafontaine - seinem eigenen Buchtitel zum Trotz - eigentlich gar kein wirklicher Linker. Er versuchte sich lediglich für mehr soziale Gerechtigkeit und die immer noch bestehende Gesellschaftsordnung auszusprechen. Damit restaurierte er aber noch nicht einmal das, was unter den Regierungen Brandt und Schmidt und selbst in der Anfangszeit der Regierung Kohl noch als selbstverständlich gegolten hatte. Mit ‚Keynesianismus’ hatte seine Politik schon deshalb nichts zu tun, weil er sich in dem knappen halben Jahr seiner Amtszeit strikt an die Maas­tricht-Kriterien gehalten und den Sparkurs seines Vorgängers Waigel fortgesetzt hatte. Wenn von staatlichen Eingriffen in seiner Politik die Rede sein konnte, so nur in dem Sinn, daß er dabei das tat, was er mit den Mitteln des Staates und im Interesse der Bürger zumindest versuchen mußte: nämlich  den negativen sozialen Auswirkungen der Globalisierung und den ungesunden Wucherungen des Marktes entgegenzutreten. Er versuchte dabei, das in einen internationalen Rahmen einzubinden. Dabei konnte er aber nur eher den französischen Finanzminister ins Auge fassen, denn für die Briten und besonders die britische Presse galt er als der schlimm­ste europäische Buhmann überhaupt. Auch die Amerikaner standen natürlich nicht auf seiner Seite und machten ihm klar, daß sie keinen Eingriff in den ungehemmten Fluß des Kapitals duldeten. So waren die Fronten schnell klar: Kontinentaleuropa gegen die Angelsachsen. Aber das ging Schröder gegen den Strich. Und die deutsche Wirtschaft verband sich mit dem Kanzler gegen den Finanzminister - besonders als der es wagte, einige von deren inzwischen liebgewordenen Steuerprivilegien anzutasten. Lafontaine versuchte vor allem, die milliardenschweren Rücklagen der Energiekonzerne zu besteuern. Diese verfügten jedoch über ein Gegendruckmittel, mit dem sie einen Keil zwischen die Koalitionsparteien treiben konnten: Sie drohten mit dem Ausstieg aus den sog. Energiekonsensgesprächen über den Ausstieg aus der Atomenergie, die den Grünen so wichtig waren. Dumbo fühlte sich bemüßigt, in den Konflikt einzugreifen, und wies Lafontaine im Kabinett zurecht: Er lasse mit sich keine Politik gegen die Wirtschaft machen, sagte er, und drohte sogar - wie später wiederholt - indirekt mit dem Rücktritt: "Es wird einen Punkt geben, wo ich die Verantwortung für eine solche Politik nicht mehr übernehmen werde." Infam daran war nicht nur, daß Informationen über diese Sitzung vom Kanzleramt anschließend gezielt der Presse zugespielt wurden, sondern daß das Ganze auch sonst vom Zaun gebrochen war, um Lafontaine zu demontieren. Denn dieser hätte den Satz natürlich ebensogut unterschreiben können, daß keine Politik gegen die Wirtschaft gemacht werden sollte. Infam war die Unterstellung, daß Lafontaine das mit seinen Maßnahmen versucht hätte. Aber es war klar, was Schröder damit sagen und signalisieren wollte: nämlich nichts anderes als die grundsätzliche Aufkündigung jeder gegenseitigen Solidarität und Zusammenarbeit. Deshalb trat Oskar Lafontaine am nächsten Tag zurück.

Wenn es noch 1998 eine letzte Chance gegeben hatte, die Macht der Wirtschaft in bestimmte notwendige Schranken zu verweisen, so schien sie nach Lafontaines Abgang endgültig verspielt. Die Möglichkeit, zu einem gesunden sozialen Ausgleich zu kommen, bestand danach weniger denn jemals zuvor. Wenn es schon hieß, Lafontaines Vorstellungen, das zu schaffen, hätten sich als illusionär erwiesen, so war es das in Zukunft wohl erst recht. Aber der Eindruck blieb: Er hätte es noch schaffen können, wenn er wenigstens den Rückhalt bekommen hätte, auf den er nach Maßgabe normaler menschlicher Umstände hätte hoffen dürfen. Die SPD hätte so viel Charakter wahren müssen, daß sie solange in der Opposition geblieben wäre, bis sie als die Partei wieder an die Macht gekommen wäre, die sie traditionsgemäß war. Denn diese Tradition war zwar historisch, aber dennoch auch modern und in ihrer gesellschaftlichen Notwendigkeit unvermindert lebendig. In das Vakuum, das sie hinterlassen hatte, mußten danach wohl andere Parteien treten, denen die Worte des Godesberger Programms ‚Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität‘ keine hohlen Floskeln waren. Dresslers Worte verhallten vorerst wie die aus einer längst vergangenen Zeit, als man noch hoffen konnte: „Wir haben doch nicht 16 Jahre gegen diese ökonomische Irrlehre mit ihren verheerenden Folgen, mit Massenarbeitslosigkeit und riesigen Schuldenbergen, mit finanziell ausgemergelten Sozialsystemen und einer ökonomisch entmündigten Arbeitnehmerschaft angekämpft, um mit diesem Quatsch jetzt nach dem Regierungswechsel weiter zu machen.“

Aber es gab noch andere Entsprechungen des Neptun um Wassermann. Neptun steht ja eben auch für die jeweilige Mode oder das, was das geistige Klima bestimmt oder aus ihm entsteht. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, daß jetzt gerade bestimmte Science-Fiction-Filme einen neuen Qualitätsstandard definierten, die mehr als die bis dahin gängigen bloßen Action-Filme waren - etwa die Fime 'Matrix', 'Event Horizon' oder 'Dejavu'. Zwar enthielt etwa der sehr bekannt gewordene, maßgebende und mit vier Oskars versehene Film ‚Matrix’ aus dem Jahr 1999 noch viele Action-Elemente, war darüber hinaus aber wie die beiden anderen genannten auch philosophisch zu interpretieren. "Hattest du schon einmal einen Traum, von dem du glaubtest, er sei real?", fragt eine Art Raumschiffkommandant den Helden der Handlung. "Und was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachen würdest? Woher wüßtest du, was Traum ist und was Realität?" Offensichtlich ist das, was hier noch für die Realität gehalten wird, schon seit langem manipuliert. Dabei fällt wiederum auf, daß das nicht nur für die Filmhandlung gilt, sondern auch für das, was die Kinogänger erleben, wenn sie den Kinosaal wieder verlassen. Eine Gestalt wie der Kanzler Schröder und dessen Unterstützung durch die Medien hat kaum noch etwas mit dem zu tun, was man früher und einigermaßen sinnvoll für Realität gehalten hat und halten mußte, denn in der Tat setzte er sehr verstärkt eine Politik seines Vorgängers Kohl fort, die dieser erst vorbereitet hatte – nämlich eine Virtualisierung der Wirtschaft und Politik. Die Börsenlogik wurde damit zu einem allgemeinen Gesetz erhoben und hob die Realwirtschaft und die Realgesellschaft sowie alle reralen Denknormen aus den Angeln. Das Orwellsche 'Neusprech' wurde nicht nur direkt als sog. 'Denglisch' verwirklicht, sondern auch durch Aushöhlung oder Verkehrung der sprachlichen Realbezüge. Das ausschließlich unter dem Pluto im Schützen und im Sinne einer äußeren Gesetzmäßigkeit zu sehen, scheint kaum möglich, denn es ist darin auch sehr viel nur Modisch-Modernistisches im Sinne des Wassermann-Neptun. Dabei realisiert sich der Neptun nicht nur als Zeitgeist, sondern auch eben als Auflöser: In der Tat trat jetzt mit der Consultant-Logig und -Sprache eine neue Auffassung von Modernität in den Vordergrund, die sich nur noch so gebärdete und dabei das wirkliche Modernitätsverständnis sogar verkehrte. So sah es auch der SPD-Politiker Dreßler, indem er sich zu Beginn der rot-grünen Regierung Gedanken über das Verständnis dieses Begriffs in den Augen des Schröder-Kandidaten Stollmann machte:

In einer der letzten vorbereitenden Sitzungen der sozialdemokratischen Seite der Koalitionsrunde setzte sich Herr Stollmann, der uns ja nun wieder abhanden gekommen ist, neben mich, und wir haben uns unterhalten. Es war ein recht zwangloses und freundliches Gespräch, das wir führten. Aber dieses Gespräch hatte Folgen, für die Herr Stollmann selbst eigentlich gar nichts konnte. In der folgenden Nacht hatte ich nämlich einen Alptraum. Und in dem erschien mir Stollmann ständig im Schlaf mit den Worten: „Herr Dreßler, werden Sie endlich ein Modernisierer“... Als ich am nächsten Morgen völlig gerädert aufwachte, in Schweiß gebadet ins Bad wankte und mich selbst im Spiegel sah, habe ich mir - allein um mir solche Nächte zukünftig zu ersparen - dann wirklich die Frage gestellt: „Rudolf, taugst Du zum Modernisierer?“ ... Und dann hab’ ich mich an der Frage abgearbeitet, was es für mich bedeutet, wenn ich mich plötzlich als Modernisierer outen würde: Als Modernisierer müßte ich zukünftig vor allem über Dinge reden, von denen ich eigentlich gar nichts verstehe! Wenn ich etwas sagen würde, müßte es nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben, sondern es müßte sich nur gut anhören. ...Ich müßte den Eindruck von Bewegung vermitteln, selbst dann, wenn ich auf der Stelle träte. ... Mir wurde bewußt, daß das ein aussichtsloses Unterfangen wäre. Und so sagte ich mir: Du hast eben einen Begriff von Moderne, der sich mit dem Zeitgeist kaum in Einklang bringen läßt. Was modern ist, leitest du von den Inhalten ab, das ist dein eigentliches Handikap. So habe ich denn beschlossen, mit dem als Vorwurf gedachten Etikett  ‚Traditionalist‘ weiterzuleben. Ich denke, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der SPD haben eine Verpflichtung. Und jetzt in der Regierungsverantwortung noch mehr als in der Opposition. Wir müssen unserer Sozialdemokratie helfen, Kurs zu halten.

Da er damit aber nicht dem neptunbestimmten Zeitgeist entsprach, ließ sich dieser Vorsatz in der Folgezeit leider nicht mehr realisieren.


1Genauer gesagt ist es keine zweifache und gegenteilige Wir­kung, sondern nur eine einzige: Neptun führt zur Übersteigerung des Realen oder real Notwendigen, indem er es in eine höhere Ebene hebt. Daraus resultiert eine scheinbare Doppelwirkung, die sich je­doch aus dem allgemeinen Niveau des Horoskopeigners oder der Gesellschaft erklärt: ist sie nicht zur Sublimation fähig, so pervertiert sie das Prinzip des Zeichens, was uns dann als Auflö­sung erscheint. Aus diesem Grunde zeigt sich der positive Effekt Neptuns gerade auf der Ebene der Intellektuellen und der Kunst, weil erst hier die Voraussetzungen für eine positive Umsetzung ge­geben sind. Im übrigen muß es nicht unbedingt an dem zu geringen Niveau des Horoskopeigners liegen, wenn ihm die Sublimation nicht gelingt: es kann auch an seiner Umgebung liegen.
2 Hierin kann man die höhere Weisheit der Tatsache erkennen, daß die Revolution von 1848 gescheitert war, denn sonst hätten wir die Diktatur der Massen schon viel früher gehabt und es wäre nicht zu der geistigen Evolution gekommen, die wir bei aller Kritik dem Szientismus und der Technologisierung dennoch zusprechen müs­sen. Wir können nur hoffen, daß dieses jetzt lediglich eine Über­gangszeit ist, die sich beim Eintritt Plutos in den Schützen und des Uranus in den Wassermann Anfang 1996 sublimieren wird. (Siehe dazu auch die Fußnote im Kapitel "Uranus im Widder").
3 Natürlich entspricht die Mauer dem Steinbock, ihre Bemalung entspricht Neptun und ihre Bearbeitung durch die Mauerspechte dem Uranus im Steinbock.
4 In den entsprechenden Jahren 1821 - 1834 kam es - wie bereits erwähnt - zur Unabhängigkeit Perus, Brasiliens, Mexicos, Bolivi­ens, Uruguays, Griechenlands, Ecuadors und zur Revolution in Belgien, während Portugal konstitutionelle Monarchie wurde.
5 Denn zwar sind Kritiker im allgemeinen eher eine Wassermann-Entsprechung - aber auch nur dann, wenn sie die gegebenen Zustände kritisieren, also von unten nach oben - hier aber stehen die Kritiker selbst als Autoritäten da und kritisieren von oben nach unten.
6 Siehe dazu die Anmerkungen unter dem gleichzeitigen Pluto im Skorpion.
7 Einer der erfolgreichsten Galeristen sagte kürzlich im Fernse­hen, es sei im Grunde unvorhersehbar, wohin die Kunst gehe - sie ma­che, was sie wolle. Wir müssen hier natürlich eigentlich schon des­halb den Begriff Kunst in Anführungsstreichen setzen, weil es sich um ein Phänomen handelt, das man keinesfalls für sich absolut setzen kann, sondern das in alle möglichen gesellschaftlichen Me­chanismen integriert ist.
8 Ortega y Gasset in Der Aufstand der Massen: "Man glaube ja nicht, daß das Wünschen ei­ne so einfache Sache sei. Beobachten Sie doch die eigentümliche Angst des Neureichen. Er hat die Möglichkeit, seine Wünsche er­füllt zu sehen, in der Hand, ertappt sich aber dabei, daß er nicht weiß, was er sich wünschen soll. Insgeheim merkt er, daß er keine Wünsche hat, daß er unfähig ist, aus eigenem Antrieb et­was zu begehren und unter den ungezählten Dingen, die seine Umwelt ihm bietet, auszuwählen. Deshalb sucht er einen Vermitt­ler, der ihn belehrt, und findet ihn in der Gestalt der Wünsche, die bei den anderen vorherrschen. Das ist der Grund, weshalb sich der Neureiche als erstes ein Auto, ein Pianola und ein Grammophon kauft. Er hat es den anderen überlassen, für ihn zu wünschen... Man kann sich vor­stellen, wie schwierig der echt schöpferische Wunsch ist, der Wunsch, der das Nichtvor­handene fordert, der das noch unwirkli­che vorwegnimmt... Und wenn jemand unfähig ist, sich selbst zu wünschen, weil er kein klares Selbst kennt, das er zu verwirklichen trachtet, so kann er natürlich auch nur Scheinwünsche hegen, Schemen von Verlan­gen ohne Mark und Kraft. Vielleicht ist die grundlegende Krankheit unseres Zeitalters eine Krise der Wün­sche... es herrscht eine übermäßige Verdrossenheit, und zwar des­halb, weil der heutige Mensch nicht weiß, was er sein soll, es fehlt ihm an Phantasie, um das Thema seines eigenen Lebens zu erfin­den."
9 So äußerte sich auch Schopenhauer in seinem Aufsatz Das innere Wesen der Kunst. „Ein willkürliches Spielen mit den Mitteln der Kunst, ohne eigentliche Kenntnis des Zweckes, ist, in jeder, der Grundcharakter der Pfuscherei. ein solches zeigt sich in den nichts tragenden Stützen, den zwecklosen Voluten, Bauschungen und Vorsprüngen schlechter Architektur, in den nichtssagenden Läufen und Figuren, nebst dem zwecklosen Lärm schlechter Musik, im Klingklang der Reime sinnarmer Gedichte usw.
10 Wenn es nämlich nicht hin und wieder derartige Entwertungen gäbe, wären schon 80% aller Bürger Millionäre, und niemand woll­te mehr arbeiten, wodurch es dann auf andere Weise zur Geldent­wertung käme, da keine Gegenwerte mehr produziert würden.
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