Thema Mundan-Astrologie

Neptun in den Zeichen

 

Neptun in der Waage

(1943-1956)

Im Jahre 1943 begann der Weltruhm Jean Paul Sartres und Simone de Beauvois, bei denen wir unter dem Aspekt des gerade in die Waage getretenen Neptuns beachten sollten, daß sie eben als Paar in Erscheinung traten. Im gleichen Jahr wurde auch der Roman Das Glasperlenspiel von Her­mann Hesse veröffentlicht, dem wir bereits das Eingangszitat entnahmen, - und Spiele ganz allgemein können wir im­mer dem Waage-Prinzip zuord­nen. Interes­sant ist aber auch die Erläuterung dieses Spieles, aus der wir den folgenden Roman-Auszug wiedergeben, der das Spiel als eben das kennzeichnet, was wir auch mit kleinen Abweichungen vor allem bezüglich der Me­thode unter der Astrologie verstehen, die ja von alters her als die Königin der Wissen­schaften be­zeichnet wurde:

Man erlernt die Spielregeln dieses Spieles der Spiele nicht anders als auf dem übli­chen, vorgeschriebenen Wege, welcher manche Jahre erfordert, und keiner der Eingeweihten könnte je ein Interesse daran haben, diese Spielre­geln leichter er­lernbar zu machen. Diese Regeln, die Zeichenspra­che und Grammatik des Spieles, stellen ei­ne Art von hochentwickelter Geheim­spra­che dar, an welcher mehrere Wis­senschaf­ten und Künste, namentlich aber die Ma­thematik und die Musik (beziehungsweise Musikwissenschaft) teilhaben und welche die Inhalte und Ergebnisse nahezu aller Wissenschaf­ten auszu­drücken und zuein­ander in Beziehung zu setzen imstande ist. Das Glasperlenspiel ist also ein Spiel mit sämtlichen Inhal­ten und Werten unse­rer Kultur... Was die Menschheit an Er­kennt­nissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöp­ferischen Zeitaltern hervor­gebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Be­trachtung auf Begriffe ge­bracht und zum intellektuellen Besitz ge­macht ha­ben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glas­perlenspieler so gespielt wie eine Or­gel vom Organisten, und diese Orgel ist von einer kaum auszudenkenden Vollkom­menheit, ihre Manuale und Pedale tasten den ganzen geistigen Kosmos ab, ihre Re­gi­ster sind beinahe unzählig, theoretisch ließe mit diesem In­strument der ganze geistige Weltin­halt sich im Spiele repro­duzieren. Diese Manuale, Pedale und Re­gister nun stehen fest, an ihrer Zahl und ih­rer Ordnung sind Änderungen und Ver­suche zur Vervollkommnung ei­gentlich nur noch in der Theorie mög­lich: die Bereiche­rung der Spielspra­che durch Einbeziehung neuer Inhalte unterliegt der denkbar strengsten Kontrolle durch die oberste Spiellei­tung. Dagegen ist inner­halb dieses feststehenden Gefüges oder, um in un­serem Bilde zu bleiben, innerhalb der komplizier­ten Mechanik dieser Rie­sen­orgel dem ein­zelnen Spieler eine ganze Welt von Mög­lich­keiten und Kombina­tionen gegeben, und daß unter tausend streng durchgeführ­ten Spielen (analog: Horoskopen) auch nur zwei einander mehr als an der Oberfläche ähnlich seien, liegt bei­nahe außerhalb al­les Möglichen. Selbst wenn es geschähe, daß einmal zwei Spieler durch Zufall ge­nau die­selbe kleine Aus­wahl von The­men zum Inhalt eines Spieles machen sollten, könnten diese beiden Spiele je nach Denk­art, Charakter, Stim­mung und Vir­tuosität der Spieler vollkom­men verschieden aus­sehen und verlaufen... Wir finden es (das Spiel) als Idee, als Ah­nung und Wunsch­bild schon in manchen früheren Zeitaltern vorge­bil­det, so zum Beispiel bei Pythago­ras, dann in der Spät­zeit der antiken Kul­tur, im hellenistisch-gnostischen Krei­se, nicht minder bei den alten Chine­sen, dann wieder auf den Hö­hepunkten des arabisch-maurischen Gei­stesle­bens, und weiter­hin führt die Spur sei­ner Vorgeschichte über die Scholastik und den Humanismus zu den Mathe­mati­ker-Akademien des sieb­zehnten und acht­zehnten Jahrhunderts uns bis zu den ro­manti­schen Philosophien und Runen der magischen Träume des No­va­lis... Je­dem Versöhnungsversuch zwischen Wissen­schaft und Kunst oder Wissenschaft und Religion lag dieselbe ewige Idee zugrun­de... Geister wie Abälard, wie Leibniz, wie Hegel ha­ben den Traum ohne Zweifel ge­kannt, das geistige Universum in konzen­trische Kreise einzufangen und die leben­dige Schön­heit des Geistigen und der Kunst mit der magischen Formu­lierkraft der exakten Disziplinen zu vereinigen. In jeder Zeit, in welcher Musik und Ma­the­matik nahezu gleichzeitig eine Klassik er­lebten, waren die Befreun­dungen und Be­fruch­tungen zwischen beiden Disziplinen häufig...

Indem der Spieler (oder Astrologe) das Spiel des Universums zu erkennen und sich durch nie nachlassende Bemühung in seine Gesetzmäßigkeiten einzustimmen versucht und indem er die beobachteten Dinge auf stets neue Weise in seinem Bewußtsein formt, sieht er seine Strukturen immer deutlicher. In diesem Sinne können wir jetzt weiter­hin feststellen, daß im November 1942 der im Dritten Reich umstrittene Dich­ter Ger­hard Hauptmann seinen 80. Geburtstag fei­erte und daß - da die Nazis be­fürchten mußten, daß dieser den zugleich erfolgen­den Geburtstag des ihnen näherste­henden, doch im Ausland kaum bekannten, Schrift­stellers Adolf Bartels überschatten könnte - dabei die Presse angewiesen wurde, über die Geburtstage beider Litera­ten im glei­chen Umfang zu berichten. Die­ses war zumindest die kausale Erklärung, während die astrologische eben darin lag, daß Nep­tun ei­nige Tage zuvor in die Waage getre­ten war. Daß Anfang Februar des folgenden Jahres Gandhi seinen Hun­gerstreik begann, müssen wir nun unter ei­nem etwas anderen Aspekt sehen als unter der Jungfrau. Jetzt ging es um das Gerech­tigkeitsprinzip. Ab­gesehen von einigen ein­deutigen Vor­kommnissen ist der Zei­chen­wechsel oft zu­nächst wie schon gesagt nur in der Akzent­verschiebung zu bemerken, doch wird diese allmählich zunehmend deutlicher. Man sagt z.B. der Waage Ent­schei­dungsschwäche nach, weil sie dazu neigt, jede Sache von allen Seiten zu sehen, doch scheint sie das in gewisser Weise mit der Jungfrau gemein zu haben. Während diese dabei aber den Wald vor Bäumen nicht sieht und immer wei­ter untersucht, was denn nun eigentlich gespielt wird, ge­winnt die Waage ihr ge­genüber Über­sicht und ist deshalb besser geeig­net, das Blatt zu wenden. Es ist jeden­falls nicht zu über­sehen, daß die Alliierten in den ersten Kriegsjahren wie paralysiert waren und deshalb von den Aggressoren einfach über­rollt wurden. Doch dann wendete sich das Blatt: im Oktober 1942 war Neptun in d getreten, und schon im November erober­ten die Alliierten Tobruk in Nord­afrika und zwangen dadurch das Afrikakorps Rom­mels zum Rück­zug. Gleichzeitig kam es zu einer sowjetischen Gegenof­fensive an der Wolga. Schukows Armee schloß die deut­sche 6. Ar­mee in Stalingrad ein. Die neue Lage verunsicherte Hitlers Partner Musso­lini, der ihm dringend zur Beendi­gung des Ostfeld­zuges riet. Die Sowjets forderten in­zwischen den deutschen Ge­ne­ralfeldmar­schall Paulus zur Kapitu­lation auf, began­nen aber fast gleichzeitig eine Of­fensive zur Eroberung Stalingrads, nach­dem Paulus sich Hitlers Anweisungen zu­folge nicht er­gab. Nach der Teilung des Kessels begann ihr letzter Angriff auf Sta­lingrad, dessen südlicher Kessel bald kapi­tulieren mußte. Mussolini hatte schon im Februar 1943, al­so kurz bevor in Deutsch­land Goebbels den totalen Krieg verkün­dete, seine Regie­rung überraschend völlig umgebildet, um einen Kurswechsel ein­zulei­ten. Nachdem jedoch die Alliierten im Juli in Sizilien ge­landet waren, führte das zu seiner Entmachtung, und schon im Ok­tober erklärte die neue ita­lienische Regierung Deutschland den Krieg. Ab April 1944 ver­stärkten die Alliierten den  Luftkrieg über Deutschland. Auch der innenpolitische Wi­derstand gegen Hitler formierte sich nun immer mehr. Rommel war inzwischen zu seinem entschiedensten Gegner geworden und betei­ligte sich an ei­ner Widerstandsor­ganisation. Zusammen mit dem Militärbe­fehls­haber in Frankreich, Stülpnagel, erör­terte er ei­ne Verhaftung Hitlers. Zur glei­chen Zeit begann gegen Hitlers ausdrückli­che Anordnung der deut­sche Rückzug von der Krim. Im Juni 1944 lan­deten die Alliier­ten in der Normandie und rückten danach an al­len Fronten zu­gleich unaufhaltsam vor. Im Mai 1945 en­dete der Zweite Weltkrieg mit der bedin­gungslosen Kapitula­tion Deutsch­lands. Auch die Japaner mußten im August nach den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki aufgeben. Doch war die Zeit der überra­schenden Wenden mit dem Krieg noch nicht vorbei. Das zeigte sich, als die alten Fronten sich sehr bald gründlich ver­scho­ben und Churchill schon im März 1946 von einem Eisernen Vorhang sprach und aus­drücklich vor dem alten Verbündeten, der Sowjet­union, warnte. Schon im Juni 1950, also nur fünf Jahre nach Kriegsende, stell­ten die USA Überlegungen über die Aufrü­stung der BRD an.

Kommen wir aber nochmals zu den innen­politischen Entwicklungen zurück. Nach der deutschen Niederlage in Stalingrad nahm der bürgerliche und militärische Wi­derstand gegen Hitler zu. Es kam zu meh­reren Attentatsversuchen gegen ihn, die je­doch alle scheiterten. Auch in Dänemark wuchs der Widerstand gegen die deutschen Besatzer, als deutlich wurde, daß die däni­schen Juden von Deportationen bedroht waren, und im folgenden Jahr brach in Ko­penhagen ein Generalstreik aus. Im Okto­ber 1943, kurz nachdem Himmler schon die allgemeine Judenvernichtung erörtert hatte, war es zu einem Aufstand des Arbeits­kommandos im KZ Sobibor ge­kommen. Auch die Japaner konnten ihre Stellung in Indien nur mit äußerster Brutalität halten und nicht verhindern, daß über­all die Wi­derstandsbewegungen wuchsen. Der japa­nische Kaiser Hirohito bezeichnete die La­ge als "wirklich ernst". Die Ent­schiedenheit und Brutalität nahm jetzt überall deutlich zu. Ein sog. Sonderkommando Eichmann begann ab März 1944 mit dem Ab­transport ungarischer Juden nach Auschwitz, und im Juni kam es zu einem Massaker in dem französischen Dorf Oradour sur Glane. Als sich im Mai 1945 die Rote Armee Prag nä­herte, erhob sich die dortige Bevölkerung gegen die Deutschen und begann ihrer­seits mit der Verfolgung aller deutschen Staats­bürger, selbst nachdem die Ro­te Armee schon längst Prag besetzt hatte. Unmit­tel­bar nach dem Kriege kam es auch in Deutschland zu dem inzwi­schen von den meisten Deutschen selbst dringend erhoff­ten Wech­sel der Ver­hältnisse. Im Zuge der  Entnazifizierungen wur­den u.a. ehe­malige Nazis als Beamte entlassen.

Es war natürlich die Zeit der großen Ab­rechnungen. Das war schon während des Krieges so gewesen, als unter dem Vorsitz des Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, in wirk­lich maßloser Weise vermeintliche Volksfeinde meistens zum Tode verurteilt wurden - unter ihnen die Geschwister Scholl und sonstige Wider­stands­kämpfer. Die Serie der Prozesse und Hin­richtungen nahm gegen Kriegsende hek­tisch zu und endete erst Anfang Mai 1945. Nur einen Monat lang war danach Ruhe, bis dann wiederum die US-Militärgerichte in Aachen die ersten Todesurteile fällten. Im Juli 1945 wurde in Frankreich Marschall Petain als Kollabo­rateur vor Gericht ge­stellt, im September Vidkun Quisling von einem norwegischen Gericht zum Tode verurteilt, und fast gleichzeitig eröffnete in Lüneburg ein britisches Militärge­richt ein Verfahren gegen Angehörige der Mann­schaft des KZ Bergen-Belsen. Im Novem­ber begann der Nürnberger Prozeß gegen die 24 deutschen Hauptkriegsverbrecher. Im folgenden Jahr rich­tete bereits der Län­derrat der US-Besatzungszone eigene Spruch­kammern ein, vor denen die ehema­ligen Nationalsozialisten zur Verantwor­tung gezogen werden sollten, womit die deutschen Amts- und Oberlandesgerichte ihre Tätigkeit wieder aufnehmen konnten. Zur gleichen Zeit erhob ein internationales Militärgericht in Tokyo Anklage gegen 28 Japaner wegen Kriegsverbrechen, während in Deutschland von einem amerikanischen Kriegsgericht weitere 58 Angehörige der Wachtmannschaft des KZ Mauthausen zum Tode verurteilt wurden.

Abgerechnet wurde aber nicht nur durch Gerichte, sondern auf allen Ebenen, natür­lich auch schon während des Krieges. So ver­kündete der britische Luftmarschall Ar­thur Harris - später von den Engländern durch ein Denkmal geehrt und von den Deutschen schlicht als "Bomber-Harris" be­zeichnet - im November 1943: "Wir kön­nen Berlin von einem Ende zum anderen in Trümmer le­gen." Tatsächlich geschah das dann nicht nur mit Berlin. Schon im Sep­tember 1944, also lange vor Kriegsende, legte der US-Staatssekretär Henry Mor­genthau dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt seinen Plan der Neugestaltung Deutschlands nach dem Kriege vor, in dem vorgesehen war, daß Deutschland praktisch in einen Agrarstaat zurückverwandelt wer­den sollte und sich im üb­rigen Bedingungen zu unterwerfen hatte, gegen die die Re­strik­tionen nach dem ersten Weltkrieg noch sehr milde gewesen waren. Dieser im übrigen nicht völlig neue Plan - man denke etwa an Friedrich Barbarossas Verfahren mit der Stadt Mailand - stieß allerdings in der amerikanischen Öf­fentlich­keit auf wenig Resonanz. Noch weniger Rückhalt fand Morgenthau bei dem nächsten US-Präsidenten Harry S. Truman. Als er zur Durchsetzung seiner persönlichen Teilnahme an der Potsdamer Konferenz mit seinem Rücktritt drohte, nahm Truman sein Ab­schiedsgesuch an. Damit war diese kaum nüchternen Überle­gungen entstammende Sache gottseidank vom Tisch, die der Welt sicher keinen Frie­den gebracht hätte. Auf der folgenden Potsdamer Kon­ferenz wurde allerdings Deutschland geteilt. Schon seit Anfang 1944 hatte unter den Alliierten die Absicht bestanden, Deutsch­land nach dem Krieg in Besat­zungszonen aufzuteilen. Entspre­chend den gegenseitigen Vereinbarungen zogen sich bereits ab Juli 1945 die Amerikaner und Engländer aus den östlichen deut­schen Ländern zurück und überließen diese den Russen; nur in Berlin blieben alle vier Mächte zugleich vertreten und teilten le­diglich das Stadtgebiet in vier Sektoren auf. Allerdings wa­ren sich die Großmächte noch bezüglich der Ausgestaltung der Frieden­verträge mit den ehemaligen deutschen Partnerstaaten un­einig. Im September be­gann die Demontage der deutschen Indu­strieanla­gen und die Neuordnung der Län­der in der US-Zone.

Wenn man sich bezüglich des Ergebnisses dessen zwar nie sicher sein kann, so scheint doch die Waage in ihrer Grundtendenz im­mer auf den Ausgleich ausgerichtet zu sein, und insofern ist es für die Nachkriegszeit ein Glücksfall, daß dabei Neptun statt unter dem Löwen nun unter der Waage stand. Das bestimmte den Zeitgeist vorteilhaft auch bezüglich der Innenpoiltik der Län­der. Schon 1944 hatte etwa der Ober­ste Sowjet den sowjetischen Einzelrepubliken größere Autonomie gewährt. Im Januar 1946 ver­handelten die Automobilfirmen Ford und Chrysler mit den US-Ge­werkschaften über Tariffragen, im Februar kam es zu einer Bo­denreform in der sowjetischen Besat­zungszone, und im März ver­sprach der neue britische Premierminister Indien die Freiheit. Schon 1945 wurde in der französi­schen Presse die schlechte Be­hand­lung der deutschen Kriegsgefangenen kritisiert, wäh­rend amerikanische Wohlfahrtsorganisatio­nen zur gleichen Zeit sich unter dem Na­men CARE zusammenschlossen mit der Absicht, die notleidenden Menschen Euro­pas mit Lebensmitteln, Kleidung und Medi­kamenten zu versorgen. 1946 schickte Ge­orgias Gouverneur Polizei gegen den Ku-Klux-Klan, kam es zu einer Bodenreformen in der sowjetisch besetzten Zone Deutsch­lands, bei der viele Neubauern Land erhiel­ten, erklärte der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung in Bussen für un­vereinbar mit der Ver­fassung und forderte der frühere US-Präsident Herbert Hoover die amerikanische Bevölkerung zur Hilfe für die 800 Millionen Hungernden in aller Welt auf. Während der US-Ankläger in Ja­pan aus politischen Gründen keinen Prozeß gegen Kaiser Hirohito führen wollte, gab die sowjetische Militäradministration in Deutschland ein Ge­setz über gleichen Lohn für gleiche Arbeit heraus. In England wur­den die Sozialleistungen verbessert, und der neue US-Deutschlandplan sah bereits die Mitwirkung eines Deutschen Nationalrates vor. Im Februar 1947 wurden 1,5 Millio­nen Mitläufer der NSDAP in der briti­schen Zo­ne amnestiert. In Amerika sah man, daß die deutsche Bevölkerung auf dem niedrig­sten Versorgungsstand seit 100 Jahren stand und dringender Hilfe bedurfte. Präsident Truman sah es als seine Aufgabe an, die freien Völker darin zu unterstützen, sich gegen Unterdrüc­kung von oben und be­waffnete Minderheiten zu schützen. Im Mai 1947 versprach in Südafrika Ministerpräsi­dent Smuts eine den Schwarzen entgegen­kommende Politik zu betreiben, und ab dem folgenden Monat lief der Wiederauf­bau in Europas mit Unterstüt­zung durch den Marshall-Plan an. Die USA erließen Italien Repa­rationen und gaben sogar einen Goldschatz zurück, der von der amerikani­schen Armee in Norditalien gefunden wor­den war. Gleichzeitig rief die UNO Grie­chenland und andere Balkanländer zum Frieden auf, während das Osloer Nobel-Komitee den Friedens­preis an die Quäker in New York verlieh. Im Dezember forderte US-Außenminister George Marshall die UDSSR auf, die Demontage deutscher Firmen zu beenden. Im März 1948 hob der Gouverneur der amerikanischen Besat­zungszone, Lucius D. Clay, das Verfah­ren gegen 300 000 Mitläufer der Nazis auf. 1949 rief der erste deutsche Bundespräsi­dent Heuß die Juden zur Rückkehr auf. 1953 verabschiedete der deutsche Bundes­tag ein Wiedergutmachungsge­setz, und noch im gleichen Jahr wurden in Berlin im Rahmen ei­ner Hilfsaktion 130 000 Pa­kete an Bewohner der DDR verteilt. Dort kam es in den Jahren 1951 und 1956 zu großen Amnestien, und zwischen Bonn und Paris konnten 1956 Regelungen für das Saarge­biet getroffen werden, an die zu frü­heren Zeiten nicht zu den­ken gewesen war und nach denen ab Beginn des nächsten Jahres das Saarland an Deutschland zu­rückgege­ben werden sollte.

Natürlich steht die Waage auch für Wahlen, Unentschiedenheit und dergleichen. Fassen wir in etwas freierer Anordnung einige der unterschiedlichen Dinge zusammen, um daraus die ganze Be­deutungsbreite zu er­kennen: Im Jahre 1946 gingen 94% der Nie­derländer zur Wahl, während gleichzei­tig Dauerstreiks die US-Wirtschaft lähmten. Im folgenden Monat wurden in England die Sozialleistungen verbessert. Gleichzeitig begann die Pariser Friedenskonferenz und erfolgte die Schlußrede im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. Es kam zu Todes­strafen in KZ-Prozessen und weiteren Pro­zessen gegen Nazi-Generale. Auch NS-Richter wurden verurteilt. Ende 1946 er­schien George Orwells Roman Animal-Farm und wurde zum Buch des Mo­nats. Er gab den darin dargestellten Tieren ganz menschliche Züge, so daß der Vergleich mit der menschlichen Gesellschaft offensichtlich war, was sich das Publikum unter anderen Zeichen vielleicht weniger gerne hätte ge­fallen lassen. Anfang 1948 sah das oberste Verfassungs­gericht in den USA den Religi­onsunterricht als Verfassungsbruch an. Im folgenden Monat kam es zu Todesurteilen gegen 14 SS-Füh­rer, und im Juni 1948 zur deutschen Währungsreform, bei der je­der Bürger ungeachtet seines Standes oder der Person DM 40,- erhielt. Deutschland be­kam jetzt auch eine neue Verfassung. Im folgenden Jahr begannen die Berlin-Ge­spräche zwischen USA und UDSSR, wäh­rend in Ungarn sogar ein Kardinal verurteilt wurde. Papst Pius XII. sprach sich für die  Internationalisierung Je­rusa­lems aus, und im Osten kam es zum Pakt zwischen Mao und Stalin. Auch in der Schweiz gab es eine Verbesserung der Ar­beitslosenversiche­rung, es gab allgemeine Wahlen in der DDR und weitere Urteile gegen führende Nazis in Braunschweig und Frank­furt, wäh­rend einige der in den Nürnberger Prozes­sen Verurteil­ten bereits wieder entlassen wurden. Im Oktober 1950 trat der neue Bundesinnenminister Gustav Heinemann zurück, weil er Ade­nauers Politik der Wie­derbewaffnung und -eingliederung in das europäische Mi­li­tärsystem mißbilligte. An­fang 1955 kam es zu einem Aufruf zur Deutschen Einheit in der Frankfurter Paulskirche, und die Mini­sterpräsidenten der Länder unterzeichneten ein Abkommen zur Vereinheitlichung des Schulwesens.

Natürlich ist aber die Waage auch das Zei­chen der Diplomatie, und so können wir in dieser Zeit besonders viele Konferenzen verzeichnen wie die Pariser Friedenskonfe­renz, die Gipfelkonfe­renz der Drei in Jalta, die Geheimkonferenz in Casablanca, Kon­fe­renzen in Kairo und Teheran, die Grün­dungsversammlung der UNO, die Grün­dung der Montanunion und des Warschauer Paktes, den Genfer Gipfel der Großmächte und die Atomenergiekonferenz. Über­haupt war die Nachkriegszeit von einer äußerst hekti­schen di­plomatischen Tätigkeit ge­kenn­zeichnet. Wir dürfen aber auch nicht über­sehen, daß es unter der Waage durch­aus auch zu fana­tischen Ausuferungen des Ge­rechtigkeitsbe­dürfnisses kommen kann, wenn auch unter Neptun offenbar viel we­niger als unter Pluto. Die ersten Kommuni­stenver­folgungen in den USA Ende 1953, mit denen sich die Mc-Carthy-Ära ankün­digte, müssen allerdings unter dem gleich­zeitig in den Skorpion tretenden Saturn ge­sehen werden. (Sie setzten sich dann noch ver­stärkt fort, als Neptun in den Skorpion trat). Auch der Fall des Atomphysikers Op­pen­heimer, der von allen Bombenprojekten der USA ausgeschlossen wurde, weil er die Wasserstoffbombenversuche kritisiert hatte, und der für weltweites Aufsehen sorgte, muß unter diesem gleichzeitigen Sa­turn­stand gesehen werden.

Wenn wir unter der Waage auch noch über Kunst und Mode spre­chen, so hat diese Zu­sammenfassung bereits einen tieferen Grund, der in der Bedeutung des Zeichens liegt. Der Waage ist ja die Venus zugeord­net, doch steht diese ihrerseits in ihren Hauptbedeutungen für Kunst und Liebe. Soweit sie aber für Kunst steht, ist sie sehr deutlich eher dem Stier zuzuordnen, und auch das nur, soweit dabei der bewußt-dramaturgische und nicht der absichtslos-kreative Aspekt im Vordergrund steht, den wir ja eher dem Löwen zuordnen. Lediglich also die Venus-Bedeutung der Liebe kön­nen wir der Waage zuordnen, wobei wir wiederum se­hen müssen, daß damit nur un­ter anderem die Liebe zwischen Mann und Frau gemeint ist, vor allem aber die Liebe ganz allgemein, die sich vornehmlich als Gerechtigkeits- und Harmonieliebe ar­tiku­liert. Es ist aber eher eine formale als eine inhaltsbeton­te Liebe, eher also ein luftbe­tontes Geplänkel, eine Kokette­rie, die aber auch dazu tendiert, im Sinne einer bewuß­ten Ziel­setzung inhaltliche Formen anzu­nehmen, bei deren Erreichung sie sich da­gegen nicht lange aufhält. Bei der Waage geht es inso­fern um die Begegnung mit dem Nicht-Ich, durch die sich das Ich der eige­nen Position bewußter werden will. Inso­fern ist es das Bewußtheitsprinzip schlechthin. Wir dürfen uns deshalb nicht wundern, wenn die Ausbeute im Bereich der Kunst unter diesem Zeichen weit gerin­ger ist als es die Venuszuordnung eigentlich erwarten läßt. Das hatten wir bereits beim letzten Waage-Durch­gang Neptuns festge­stellt, und es zeigt sich auch hier. Kausa­li­stisch können wir sagen, daß in der Nach­kriegszeit andere Dinge im Vordergrund standen und daß zumal in Deutschland eine Zeit der geistigen Neuorientierung nach der brutalen Diktatur des Ungeistes erfolgen mußte. Erst 1950 blühte hier das Kultur­le­ben wieder auf, und im Dezember gab es den "Bambi" für die beliebtesten Schau­spie­ler in der BRD: Sonja Ziemann und Rudolf Prack - beide ausgesprochene Waage-Ve­nus-Entsprechungen. Im Mai 1951 gab es den ersten Bundesfilmpreis für das Doppelte Lottchen, deren Darstellerin­nen man auch so sehen kann. Alles war sehr lieblich und konformistisch - das erfolg­reichste Genre war der sog. Heimatfilm, denn Uranus stand gerade im Krebs, was zugleich für etwas kuriose Ausuferungen sorgte. Was die Mo­de anging, so hatte diese auch während der Kriegsjahre eine ge­wisse Rolle gespielt. So wurden die Röcke der Frauen Ende 1942 wieder kür­zer. In den fünfziger Jahren sorgte der Ura­nus im Krebs für eine wirklich fragwürdige Stilrichtung, in der Nie­rentische auf Stöckelbeinen und Lampen mit Trichtertü­tenschir­men, monströse Musicboxes und bei den Kleidern der Pet­tycoat das Bild be­stimmten. Im April 1956 wurde der Hollywood­film Vom Winde verweht end­lich vom Programm abgesetzt, nach­dem 0,6 Mil­lionen Kinobesucher ihn gesehen hatten. Insgesamt muß man diese Zeit wohl als ei­ne Fortsetzung der kulturellen Desorientie­rung sehen - der Geist hatte noch nicht zu seinen Wurzeln zurückgefunden. Dieses aber allein der Waage anzulasten, wäre wohl kaum richtig.

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