Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun in der Jungfrau

(1928-1942)

 

Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln. Die Knaben kommen vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, son­dern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort noch nicht ganz Nationalsozialisten geworden sein soll­ten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate ge­schliffen. Und was dann noch an Klassenbewußt­sein oder Standesdünkel vorhanden sein sollte, das übernimmt die Wehrmacht. Und dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, so­fort wieder in SA, SS und so weiter. Und sie wer­den nicht mehr frei, ihr ganzes Leben.(4)

Wie gesagt gibt es künstlerische Äußerun­gen unter allen Zei­chen, jedoch mit wech­selndem Ausdruck. Wenn ein Astrologe etwa hört, daß nach einer fünfjährigen un­unterbrochenen Ära der Girls diese plötz­lich abklingt, Josefine Baker sogar ein Auf­trittsverbot erhält und stattdessen ein Ro­man wie der von Wal­demar Bonsels mit dem Titel Die Biene Maja zum Spit­zen­rei­ter auf dem Buchmarkt wird, dann braucht er gar nicht mehr in die Ephemeri­den zu sehen, sondern er weiß auch so, daß der Neptun vom Löwen in die Jungfrau ge­wechselt ist.(5) Neptun trat im No­vember 1928 in die Jungfrau, kehrte ab März des fol­genden Jah­res nochmals in den Löwen zurück und trat dann end­gültig im Au­gust 1929 in die Jungfrau: Anfang des nächsten Mo­nates teilte die Deutsche Verlagsanstalt mit, daß das erfolg­reiche Kinder­buch be­reits im 700. Tausendsten erschien. Stand etwa der Jupi­ter da auch in der Jungfrau? Nein - er stand in den Zwillingen, was unter anderem für literarischen Erfolg ganz all­gemein steht. Aber natürlich ist das Thema des Insektenstaa­tes ein ge­radezu klassi­sches Jungfrau-Thema, an dem man wie kaum irgend­woanders die Bedeutung des Zeichens veranschaulichen kann: ein auf der Geschichte selbst beruhender Erfolg eines Bu­ches mit diesem Titel wäre jedenfalls un­ter dem Löwen völlig undenkbar gewe­sen.(6) Die Jungfrau will sich ja anpassen und ein­fügen, sie will aber auch Pflichten über­nehmen und arbeiten und am lieb­sten ihre persönliche Individualität ganz aufge­ben, wozu etwa paßt, daß die Türkei im No­vember 1928 die Einführung des latei­ni­schen Alphabetes beschloß. Sie steht aber auch für Ex­aktheit und Analyse, wozu wie­derum paßt, daß die Türkei im Januar 1929 auch noch die Einführung der europäischen Ma­ße beschloß. Ende 1928 wurde der spießige Hugenberg zum Vorsitzenden der Deut­schnationalen gewählt, bezogen die Stuttgarter Nachrichten ein Hochhaus (Verwaltungsgebäude sind eine typische Jungfrau-Entsprechung), begannen in Kioto Krönungsfeierlichkeiten für Hirohito (das entsprechende japanische Zeremoniell ist nie­mals dem Löwen zuzuord­nen: es ist un­glaublich jungfraumäßig) und wurde Hitlers Auf­tritt im Berliner Sportpalast ein Reinfall (was nicht heißt, daß sein Erfolg unter der Jungfrau nachließ - er hatte wohl nur noch nicht gemerkt, daß jetzt ein anderes Klima herrschte, dem er sich anpassen mußte).

Das Klima hatte sich in der Tat geändert, was sich etwa an der Tatsache zeigte, daß die deutsche Industrie jetzt mit der Aus­sperrung von Streikenden begann und die Berliner Ärztekammer die Sterilisierung "fortpflanzungsunwür­di­ger" Menschen for­derte (man kann da leicht an die Drohnen der Bienen denken). Anfang 1929 erschien Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues, und es kam zum Aussöh­nungsvertrag zwischen Italien und dem Vatikan, denn die Jungfrau mag keine Auf­regung, sondern steht eher für einen Ver­gleich, wenn auch aus anderen Gründen als die Waage. Im Februar 1929 gab es zu­dem ganz wörtlich einen klimatischen Kälteein­bruch in ganz Europa, wobei wir das statt unter dem Steinbock auch unter der Jung­frau sehen können und die näheren Umstän­de auch darauf verwiesen: hier geht es statt des äußeren Schicksals eben eher um die fraglose Hinnahme der Umstände, die nun geradezu freudig trainiert werden kön­nen. Doch eigentlich steht die Jungfrau ebenso­wenig für Freude wie der Steinbock. Auch hier haben wir zu vermerken, daß die Ar­beitslosenzahl auf 2,3 Millionen gestie­gen war und daß der Reichstag über The­men wie die deutschen Reparationszahlun­gen an die Franzosen und Belgier, ein Ab­kommen über die Räumung des Rheinlan­des und die Änderung der Arbeitslosenver­sicherung beriet.

Am 24.10. 1929 kam es dann nach einem Börsensturz in New York zu der großen Weltwirtschaftskrise, mit der die Löwe-Zeit endgül­tig vorüber war. „Sie platzte urplötzlich wie eine Naturkatastrophe mitten in eine Atmosphäre wirtschaftlicher Euphorie, die teilweise von der amerikanischen Regierung künstlich aufrecherhalten wurde.“(7) Ende dieses Jahres war in Deutschland die Ar­beitslosenzahl be­reits auf 3,3 Millionen gestiegen. Im März 1930 rief in Indien Gandhi zum Streik auf und begann mit seinem Feldzug der Ge­hormsams­ver­weigerung und der ge­setz­widrigen Salzgewinnung. Salz ist ein Grundnahrungsmittel, das der Körper be­nötigt, und die Jungfrau legt Wert auf sol­che Dinge. Sie steht aber auch für Sauber­keit und Ordnung, doch sagt sie nichts dar­über aus, auf welchem ethischen Niveau diese reali­siert wird: was Stalin unter seinen ab Mitte 1930 einsetzenden Säuberungen verstand, gehört deshalb im weitesten Sinne auch dazu, und unter einem anderen Zei­chen hätte er für diese seine Maßnahmen sicher einen anderen Namen gefunden, wenngleich dieser sich danach einbürgerte und auch weiterhin verwendet wurde. Ab Beginn des folgenden Jahres kündigte Mo­lotow die Kollektivierung der sowjeti­schen Landwirtschaft an, womit das Modell der Biene Maya jetzt auch im menschlichen Be­reich verwirklicht wurde. Inzwi­schen war es in Indien nach der Festnahme Gandhis zu großen Un­ruhen und offenen Ausschreitun­gen gegen die britische Ver­wal­tung ge­kommen, die sich dadurch ge­zwungen sah, Gandhi freizu­lassen und mit ihm zu verhan­deln. Seine Forderungen waren die Freilas­sung der politischen Ge­fangenen sowie all­gemein größere Freizü­gigkeit besonders bezüglich der Salzgewin­nung. Als er schließlich doch wieder An­fang 1932 in­haftiert wurde, begann er (sehr jung­fraumäßig!) mit einem Hungerstreik.(8)

1931 erschien Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften, und 1933 Thomas Manns Roman-Zyklus Josef und seine Brüder. Im gleichen Jahr gelangte bekanntlich in Deutschland Hitler an die Macht, der sogleich unter dem kon­struier­ten Vorwand des vorausgegangenen Reich­s­tagsbrandes ein Ermächtigungsgesetz er­ließ, mit dem er prak­tisch diktatori­sche Vollmachten an sich riß. Dieses Gesetz zur Behebung von Not von Volk und Reich er­mächtigte ihn, für die Dauer von vier Jah­ren Regierungsge­schäfte ohne das Parla­ment durchzuführen. Kurz danach wurde ein Gleichschal­tungsge­setz verabschiedet, mit dem die politische Eigen­ständigkeit der Länder außer Kraft gesetzt wur­de. Es ent­stand also buchstäblich der reinste Insek­tenstaat, der auch bald ein im­mer schlimme­res Gesicht be­kam, da schon im ersten Jahre der Regierungsübernahme durch die NSDAP die ersten KZs entstan­den. Die Gleichschaltung wurde auf jeder Ebene mit totaler Konsequenz fortgesetzt - auch na­türlich auf der der Propaganda, wofür z.B. die Versorgung der Haushalte mit einem neuen Einheitsradio oder Volksempfänger sorgen sollte. Die im November stattfin­dende Reichstagswahl brachte dann auch mit 92,1% der Wähler­stimmen eine fast to­tale Zustim­mung zur NSDAP. Anfang 1934, also nur ein Jahr nach Hitlers Macht­übernahme, war dann der Einheitsstaat per­fekt: Alfred Ro­sen­berg, der Leiter des Au­ßenpolitischen Amtes und Kampfbundes für deutsche Kul­tur(!), wurde mit der ge­samten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Er­ziehung der Partei und al­ler gleichgeschal­teter Verbände sowie des Werkes Kraft durch Freu­de betraut. Gleich­zeitig trat ein Sterilisierungsgesetz in Kraft und wurde die Arbeitsdienstpflicht für Abiturienten vor der Aufnahme des Stu­di­ums sowie nach der Schulzeit ein Landjahr für die Stadtjugend verordnet. Inzwischen war die Gesamtauf­lage des Volksempfän­gers schon auf 600 000 Stück gestiegen. Im März 1934 begann mit dem Bau von Auto­bahnen Hitlers Ar­beitsbeschaf­fungspro­gramm, dem sich Verordnungen zur Um­schichtung aller Ar­beitskräfte an­schlossen, wobei vor allem die arbeitslose Stadt­bevöl­kerung auf das Land geschickt wurde. Die Partei kontrol­lierte nun bereits auch alle Kulturschaffenden. Im Juli über­nahm Himmler die Be­fehlsgewalt über die KZs, und im Oktober kam es zu einer neuen Reichsverkehrsordnung. Im nächsten Jahr er­hielten die Gesundheitsäm­ter besondere Abteilungen für "Erb- und Rassenpflege", heiratete Hermann Göring die "Staatsschauspielerin" Emmy Sonne­mann und wurde der Arbeitsdienst zur Pflicht. Ebenso gab es eine Sportpflicht für Studie­rende aller Fakultäten und einen Gesund­heitspaß für die Hitlerjugend. Im Septem­ber 1935 wurde der Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg eröffnet. Auch im fol­genden Jahr gaben 99% der Wähler Hitler ihre Stimme, und auch im Ausland waren die Stimmen gegenüber diesen Ereignissen keineswegs so kritisch wie in späteren Zei­ten - und zwar nicht nur deshalb, weil sie da erst erkannten, wozu das alles geführt hatte, sondern weil sie inzwischen auch grundsätzlich anders empfanden. Das zeigt uns den feinen Unterschied zwischen den archetypischen und den lediglich daraus zu­fällig konkret wer­denden Entsprechun­gen, bei denen natürlich auch ein Selbst­be­stim­mungsfaktor der Gesellschaft mitspielt, der dazu führen kann, daß das Prinzip unter Neptun u.U. wie hier noch gewaltsa­mer als unter Pluto zur Durchführung kommt.(9) Um das archety­pische Prinzip selbst zu verste­hen, sollten wir uns auch hier wieder den vorhergehenden Neptunstand in der Jung­frau noch ein­mal ins Gedächtnis rufen. Es war ja jene Zeit, in der z.B. der junge Schiller auf einer regelrechten Elitezucht­schule gedrillt wurde: damals hätte man si­cher auch sehr viel Verständnis für diese neue Zeit gehabt und vor allem natürlich für Hitlers na­tionalsozialistische Schulungs­zen­tren, die sog. Ordensburgen, von de­nen 1936 gleich drei Stück entstanden, sowie vor allem für den Geist der Berliner Olym­piade des Jahres 1936, die ja - so un­glaub­lich uns das heute erscheint - zu ihrer Zeit auf in­ternationale Bewunderung stieß! Auch die filmische Dokumenta­tion durch Leni Riefenstahl wurde selbst von kriti­schen Stimmen als künstlerisches Ereignis bewundert. Offenbar sah man den - wenn auch multinational verbrämten - un­ter­schwelligen Rassismus nicht (der sich hier zwar nicht gegen andere Völker, doch aber gegen alle weniger ideal gestalteten Men­schen richtete: auch die Biene ist ja in ihrer äußeren Gestalt genormt!) und litt auch nicht unter der unerträglichen Pathetik, die ja einer neuen Empfindsamkeit entsprach. In diesem Sinne wurde dann auch im fol­genden Jahr die Ausstellung Schaffendes Volk in Düsseldorf und die Aus­stellung Schönheit der Arbeit in München eröff­net: alles klassische Jungfrau-Entsprechun­gen - der Geist Winckelmanns war insofern wie­der auferstanden! Inzwischen war auch die erste Jungvolkfüh­rerschule zur Heran­bil­dung von Führer­nachwuchs geschaffen wor­den. 1938 kam es zu neuen Verkehrs­regeln und der Grundsteinle­gung für das Volkswagen-Werk, 1939 zur Arbeits­dienstpflicht für alle Mädchen unter 25 Jah­ren und zur Einführung der Reichsklei­der­karte für den Bezug von Textilien sowie zur Haftpflicht für Kraftfahrzeuge, und die dann folgenden Kriegsjahre brachten da­nach ohnehin Entbehrungen mit sich, was sich schon 1940 mit der Rationalisierung von Lebensmitteln zeigte.

Wir wollen aber noch die internationale Entwicklung etwas mehr ins Auge fassen. Im November 1928 war etwa Herbert Hoover zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden, der eine typische Selfma­deman-Karriere vom Waisenkind über die Stationen Kellner, Ingenieur, Millionär bis zum Handelsminister hinter sich hatte und in seiner folgenden Amtszeit u.a. das Hilfs­werk für die Quäker in Europa, die sog. Hoover-Speisungen durchführen sollte. Da seine bisherige liberale Handelspolitik den wirt­schaftlichen Aufschwung in den USA bewirkt hatte, zog man dar­aus leider wie immer den kausalistischen Schluß, daß das ein Patentrezept auch für die folgende Zeit sein müsse, was sich allerdings nicht bestä­tigte, denn auch die USA hatten ja unter der folgenden Weltwirtschaftskrise zu lei­den. Als im Oktober 1929 Albert Ein­stein über den Rundfunk Edison zum 5o-jährigen Jubiläum der Glühbirne gratulierte, hatte er da­bei nicht weni­ger als 15 Millionen Zuhö­rer. Die Sowjetunion führte zu dieser Zeit eine kürzere Woche ein, indem sie den Samstag und Sonntag aus dem Kalender strich. Im Januar 1930 kam es zum Ab­schluß der Zweiten Haager Konferenz, auf der ver­bindlich alle Reparations­zahlungen Deutschlands geregelt worden waren und zu deren Durch­führung eine internationale Bank gegründet wurde. Darüber wurde al­lerdings in Deutschland später noch erheb­lich gestritten. In Frankreich wurde derweil eine Regierungsvorlage zur Einführung ei­ner Sozialversicherung gebilligt. Der fran­zösische Außenmini­ster Aristide Briand legte jetzt sogar ein Memorandum zur Grün­dung der Organisation eines Systems eines europäischen Staa­tenbundes vor. Im britischen Parlament wurde inzwischen die Kürzung des Arbeitslosengeldes abgelehnt, obwohl es in England ebenso wie in Frank­reich Etatprobleme gab, die in den dortigen Parlamenten ebenso diskutiert wurden wie in Deutschland. Alle Länder litten jetzt un­ter den Folgen der Weltwirt­schaftskrise, und überall kam es zur Mas­senarbeitslosig­keit. Während Anfang 1931 in Deutschland die Arbeitslosenzahl über 4 Millionen stieg, lag sie in den USA bei 7 Millionen und das dortige Staatsde­fizit bei 1 Milli­arde Dollar. Eine Pfund-Krise in England brachte das europäische Währungssystem erneut in Ge­fahr, nachdem bereits zuvor die Unsicher­heit in der Frage der deutschen Rückzah­lungs­fähigkeit bezüglich ihrer Re­parations­leistungen das Währungsge­füge der Sie­germächte empfindlich verunsichert hatte. Im Juli waren die Währungen von 15 Län­dern unter ihren nominellen Gold­wert ge­sunken, und die Weltwirtschaft stand vor dem völligen Zusammenbruch. Das führte zum vorübergehenden Stillstand des inter­nationalen Zahlungsverkehrs. In Deutsch­land war der An­sturm ausländischer Gläu­biger auf die Banken nicht mehr zu brem­sen. Mit dem Zusammenbruch einer großen deutschen Bank wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, und es kam zum Ansturm auf alle deutschen Banken. Die Regierung mußte deshalb per Notverordnung alle Banken und Sparkassen schließen lassen. Wenige Tage darauf wurde eine Sieben-Mächte-Konferenz in London abgehalten, an der die USA, Großbritannien, Frank­reich, Italien, Japan Belgien und Deutsch­land teilnahmen und auf der es allein um das Thema der deutschen Wirtschaftslage ging. Dabei zeigte sich besonders Frank­reich bezüglich der deutschen Reparations­zahlungen unnach­giebig. So mußte die deutsche Regierung mit einem ganzen Bün­del von Notverordnungen den Geldwert stabilisieren, um den Zah­lungsverkehr wie­der in Gang zu bringen. Ein Stillhalteab­kommen mit den ausländischen Banken gab dabei der deutschen Wirtschaft eine Über­lebenschance. Im November 1931 lag die Zahl der Ar­beitslosen in Deutsch­land schon bei 4,8 Millionen und in Eng­land bei 2,6 Millionen. Anfang 1933 lag sie in den USA sogar bei 15 Millionen.

Das internationale Klima war also durch die überall vorherr­schende hoffnungslose Wirt­schaftslage gekennzeichnet, die den Einzel­nen umso stärker in das kollektive Schick­sal und in den Strom der Masse einband. Doch kam es jetzt auch immer wieder zu deutlichen Zeichen der allgemeinen Soli­da­rität. Im Oktober 1931 sah sich sogar der Papst veranlaßt, eine Enzyklika gegen die Vernachlässigung der Arbeits­losen zu erlas­sen, und Berliner Ki­nobesitzer stellten für Arbeitslose monat­lich 60.000 Freikarten aus. Derweil erließ allerdings die Regierung eine neue Notver­ordnung für höhere Stra­fen für Autodiebe, denn natürlich sind die einzelnen Menschen nicht gezwungen, im Sinne vermeintlich eigener Entschlüsse ebenfalls den mundanen Konstellationen zu entsprechen, doch werden sie bald durch offizielle Maßnahmen dazu gezwungen. Dieses Prinzip und mit ihm zugleich das vorherr­schende Klima zeigte sich auch in den Filmen, die in dieser Zeit Premiere hat­ten - so etwa in dem Film M von Fritz Lang, der im Mai 1931 in die Kinos kam. Das eigentliche Thema dieses Filmes ist die kollektive Angst. Es gibt abgesehen von dem Mör­der eigentlich nur ein Kollektiv, das diesen jagt und in dem der Wille aller Einzelnen jetzt zu einem einzigen Ge­­­samtwillen vereinigt ist. Die eigentliche Tat des Mörders rückt dabei völ­lig in den Hin­tergrund, denn sein wirkliches Vergehen liegt in dem Umstand, daß er überhaupt auffällig geworden ist. Nicht seine Tat ist das Thema, sondern seine Konfrontation zu der Masse. Im November 1931 gab es ei­nen Prozeß um den Tod von 75 Säuglin­gen bei Impfungen, der mit der Verurtei­lung der Ärzte endete. Das allem Gemein­same ist dabei wiederum die Logik des In­sektenstaa­tes, die auf der einen Seite sich als äußerst emp­findlich gegenüber der Verletzung eines kollektiven Prinzips durch Einzelne und im anderen Fall gegenüber der gemeinsamen Brutpflege zeigt. Im weite­sten Sinne gehören zu diesem Prinzip auch Erscheinungen wie die Reichskristallnacht von 1938. Albert Speer sagte übrigens später in einem Interview, daß ihn die brennenden Synagogen vor allem in seinem Ordnungssinn verletzt hätten - was ja ausgezeichnet zur Jungfrau paßt. Können wir ihm diese anscheinende Gefühllosigkeit vorwerfen oder sollen wir ihm zugestehen, daß er als Vertreter des offiziellen Zeitgeistes offenbar von den astrologischen Konstellationen in höherem Maße beherrscht wurde als seine weniger im Zentrum des Geschehens stehenden Zeitgenossen? - Wenn es jetzt zu einem Film kam, der scheinbar nicht zu dem Jung­frau-Prinzip gehörte, kann er entweder nicht er­folgreich und verbindlich gewesen sein oder aber man muß an ihm den besonde­ren Aspekt sehen. Zweifellos war etwa der Film Der große Kö­nig von Veit Harlan über Friedrich II. als NS-Propagandafilm durch­aus verbind­lich, doch ging es dabei weniger um das löwe­hafte Königs-Thema oder die stein­bockmäßige historische Aufar­beitung und Rechtfertigung der nationalen Identität als um die jetzt im Krieg viel aktuellere Aus­sage: "Am Sieg zu zweifeln, das ist Hoch­verrat!" Auch die Umstände, unter denen der Film gedreht wurde, waren eher jung­frau- als löwenmäßig, denn der Regis­seur bekam ein außerordentliches Stati­stenma­terial zur Verfügung gestellt: neben 5000 Pferden und der gesamten Berli­ner Polizei auch echte Soldaten, mit denen er sehr rea­listische Schlachtenszenen stellen konnte. Auf Geld soll es dabei nicht ange­kommen sein, und kein Aufwand war zu groß, denn welche Rolle spielt unter der Jungfrau schon der Einzelne?

In den USA wurde 1933 das erste Autoki­no eingerichtet, und ab 1935 gab es dort bereits teilweise Dosenbier zu kaufen. Im gleichen Jahr wurde in Deutschland als er­stem Land ein regulä­res Fernsehpro­gramm eingerichtet, und im April 1938 brachten zwei US-Firmen die ersten Leuchtstoffröh­ren auf den Markt. Daß die Hitler-Diktatur sehr stark von Jungfrau-Prinzipien be­stimmt war, zeigte sich z.B. an solchen Maßnahmen wie etwa der Verwer­tung von Küchenabfällen im Rahmen der Aktion Kampf dem Ver­derb im Jahre 1937. Aber auch Maßnahmen wie die Bücherverbren­nungen und überhaupt das Mißtrauen ge­gen Intellektuelle passen in diesen Rahmen - was übrigens nicht der Tatsache wider­spricht, daß die Jungfrau als intellektuelles Zeichen gilt, denn es kommt immer darauf an, unter welchem Aspekt sich ein Prinzip verwirklicht. So können auch die teilweise unglaubli­chen Grausamkeiten der KZ-Ärzte durchaus unter diesem Prinzip gesehen werden, denn die Jungfrau analysiert und will alles ganz genau wissen. Schon von sich aus ist sie dabei für Per­spektivität nicht zuständig, und wir müssen auch immer wieder den unter Umständen sehr negativen Selbstbestimmungsfaktor be­rücksichtigen, der aus den planetaren Konstellationen nicht ab­zulesen ist. Auf der anderen Seite müssen wir auch die Interna­tionale Wahl­fangkonferenz in London im Juli 1938 dem Jungfrau-Prinzip zurechnen, weniger aus Gründen der Tierliebe, die sich dabei nur mittelbar ergibt, sondern wegen des öko­logischen Prinzips, das in jedem Fall den Rhythmus der Natur sichern will und die­sem alle Einzelinteressen unterordnet.

 


1 Die Korsett-Mode herrschte aber schon seit längerem zum Ende des 19. Jahrhunderts und wäre auch eher eine Entsprechung von Saturn im Krebs, wenn es nicht überhaupt so wäre, daß sich die Dinge oft vor dem Hintergrund ganz anderer Konstellationen einstel­len als denen, denen man sie unwillkürlich zuordnet. Das liegt an der Variationsbreite der Archetypen, die alleine eine zumindest an­nähernd kontinuierliche Welt ermöglicht.
2 Richtiger gesagt liegt das natürlich bereits im Ansatz begründet: weil Satire eine Sache des 11. astrologischen Hauses, also des Wassermann-Prinzips, ist.
3 Zitat Marianne Kesting in Bertold Brecht, Hamburg 1959.
4 Adolf Hitler im Völkischen Beobachter, 1938.
5 Vorausgesetzt er weiß, daß der Neptun zuvor im Löwen stand (was man bei den mundanen Planeten allerdings immer weiß), denn solche Dinge können sich auch natürlich unter anderen Aspekten darstellen: aber es läßt sich immerhin mit Gewißheit sa­gen, daß bei einem Erfolg eines Buches unter diesem Titel unter Neptun im Löwen der Akzent eher auf der Kreativität als solcher gelegen hätte, während der Inhalt kaum interessiert hätte, was hier aber nicht der Fall war: die Geschichte war es, die den Erfolg aus­löste.
6 Bei einiger Erfahrung braucht ein Astrologe tatsächlich nur noch selten in die Ephemeriden zu sehen: er kann zum Beispiel schon am Wechsel des Fernsehprogrammes die Planetenwechsel erken­nen - vornehmlich bei Life-Programmen.
7 André Kostolany.
8 Er begann damit am 20. September 1932. Am Tage zuvor hatte es eine Jupiter-Neptun-Konjunktion in der Jungfrau gegeben, was wörtlich übersetzt auf großen Idealismus und persönliche Entsa­gung deutet, die hier im mundanen Sinne verbindlich werden.
9 Man sollte diesen Selbstbestimmunggsfaktor aber nicht überbewerten, denn es ist ja offensichtlich, daß diese Dinge nicht auf Deutschland und auch nicht nur auf Europa beschränkt waren (Italien, Spanien, Ja­pan). Scheinbar gibt es für das aber unzweifel­haft plutonische Element in diesen Dingen keine Erklärung durch die mundanen Planetenstände, doch muß in diesem Zusammen­hang die Entdeckung Plutos im Jahre 1930 erwähnt werden, die wichtig genug ist, eine solche Wirkung auszulösen. Hierin kann man eine Vorankündi­gung der Ereignisse des Jahres 1933 sehen, zumal aus dem Entdeckungskoroskop ausgesprochen aggressiv-in­tellektualistische und gewaltsame Tendenzen hervorgehen (Sozialdarwinismus).
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