Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun im Löwen

(1915-1928)

Wie zu erwarten war, ergab sich unter dem Zei­chen des Löwen eine Eskalation der Ent­wicklung. Am 24. September 1914 trat Neptun in den Löwen, und am 28. Oktober griff die Türkei ohne Kriegserklärung russi­sche Schiffe an. Im Dezember forderten deutsche Industrielle im Kriegsausschuß der deutschen Industrie, das Reich durch Annektion zu vergrößern und da­mit die deutsche Rohstoffbasis auf dem Kontinent zu verbessern. Der Reichstag billigte inzwi­schen einen Kriegskredit, und im Februar 1916 begann dann die Schlacht um Verdun. Zwar gab es bereits Anfang des nächsten Jahres vermehrte Anzeichen für eine allge­meine Kriegsmü­digkeit in Europa, doch standen dem die Expansionsforderungen der kriegführenden Mächte entgegen. Die löwenhaften Äußerungen blieben aber nicht auf das Kriegsgeschehen be­schränkt, son­dern machten sich auch sonst bemerkbar - vor al­lem politisch, wobei die Verstrickung in das Kriegsgeschehen fast immer nahelag. Im November 1915 kam es in Paris zu ei­nem Manifest des Philosophieprofessors und Politikers Masaryk zur Gründung eines selbstständigen tsche­choslowakischen Staa­tes. 1916 trat der deutsche Großadmiral Tirpitz zurück, weil er sich mit seiner For­derung nach einem unbeschränkten U-Boot-Krieg nicht durchsetzen konnte, vor dem selbst Wilhelm II. zunächst zurück­schreckte. Allerdings kam es im folgenden Jahr doch noch dazu. Im März 1917 brach die Februarrevolution in Rußland aus, und im gleichen Jahr folgte dort die Oktoberre­vo­lution.

Nach dem Ende des Krieges war die lö­wenhafte Zeit natürlich keineswegs vor­über, sondern sie äußerte sich nur etwas anders. Das zeigte sich aber schon im letz­ten Kriegsjahr. So hatte bereits Anfang 1918 der kommunistische Spartakusbund Mas­senstreiks organisiert mit der Pa­role: "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" 200 000 Arbeiter folgten in Berlin seinem Versammlungsaufruf und for­derten die sofortige Kriegsbeendigung. Ihr Aufstand weitete sich auf das ganze Reich aus und brachte im Ruhrgebiet eine halbe Million Arbeiter auf die Straße. Im Februar 1918 kam es zum Bürgerkrieg in Rußland, während ab der Mitte des glei­chen Jahres in Deutschland alle Macht in den Händen des Militärs lag. Die neue Militärregie­rung un­ter Hindenburg und Ludendorff versuchte nun mit einem Propagandafeldzug den Sie­geswillen zu heben. Im Juli kam es zum Mord an der Zarenfamilie und im Novem­ber zur Revo­lution in Deutschland. Ende des Jahres stand Deutschland sogar unmit­telbar vor einem Bürger­krieg. Im Juli 1919 wählte die deutsche Nationalversammlung die neuen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold, und im August gab es eine Re­kordbe­teiligung bei der Leipziger Herbst­messe. Der Anfang des Jahres 1920 war durch eine Hetzkampagne gegen den Fi­nanz­minister Matthias Erzberger gekenn­zeichnet, weil er schneller als andere deut­sche Politiker die Wende zum Verständi­gungsfrieden mit den Nachbarländern ein­geleitet hatte. Wenn aber der große Krieg nun vorbei war, so gab es doch weitere Krisenherde: Adolf Hitler verkündete 1920 schon ein 25-Punkte-Programm, während nur wenig später in Berlin mit dem Kapp-Putsch die Reichswehr zum Angriff auf die Republik blies. Im Februar 1921 be­gann ein Bür­gerkrieg in Irland, und im Ok­tober des nächsten Jahres erfolgte in Ita­lien Mussoli­nis Marsch auf Rom. Ende 1922 wurde dann die UDSSR gegründet. Vom März 1923 an wuchs in Deutschland der Wider­stand gegen die französische und belgische Besatzung. Die Besatzer sa­hen sich ge­zwungen, den deutschen Eisenbah­nern die Todesstrafe anzudrohen, falls sie ihren pas­siven Widerstand fortsetzten und damit den Abtransport der Kohlelieferun­gen aus dem Ruhrgebiet unterbanden. In den Essener Krupp-Werken gab es ei­nen schweren Zwi­schen­fall, als ein franzö­sischer Offizier in die Menge schießen ließ, weil er sich be­droht glaubte. Nicht aber der Offizier, son­dern die bei dem Vorfall gar nicht selbst anwesenden Direktoren und Betriebsräte der Firma Krupp wurden dar­aufhin von ei­nem französischen Kriegsge­richt verurteilt. Diese Zustände begünstig­ten natürlich den politischen Radikalismus (zumindest im kausalistischen Sinn, wäh­rend die Astro­logie uns ja eher die syn­chronistische Sichtweise nahe­legt!): Im Mai kam es zu einem Kommunistenaufstand im Ruhrgebiet sowie zu einer bewaffne­ten Demonstration Hitlers und der von ihm or­ganisierten Ar­beitsgemeinschaft der vater­ländi­schen Kampfverbände. In Berlin er­schien bereits ein Buch mit dem Titel: Das dritte Reich, dessen Autor dazu aufrief, ein neues Deutschland zu schaffen. Im April des fol­genden Jahres 1924 gelang in Italien den Faschisten der Wahlsieg mit fast zwei Drit­teln aller Stimmen, und im Monat Mai sa­ßen als Folge der Wahlen auch im deut­schen Reichstag mehr Radika­le von rechts und links als je zuvor. Im März 1927 gab es in Berlin eine bluti­ge Auseinanderset­zung zwischen Kom­munisten und Nazis, und im Juni stand in Wien der Justizpalast in Flam­men.

Wir wollen es bei dieser Aufzählung belas­sen. Selbstverständlich hätten wir hier aber noch die ganzen Dinge wiederholen kön­nen, die wir bereits unter Pluto im Krebs behan­delt haben und die sich natürlich auch unter Neptun im Löwen sehen lassen - ge­nauer gesagt als eine Mischung aus beiden und der sonstigen Konstellationen. Erwäh­nens­wert ist aber noch, daß es auch die Zeit der Löwenmenschen war, in der sich eben solche Gestalten wie Hindenburg, Lenin, Hitler oder Mussolini profilieren konnten. Schon im November 1914 wurde Hinden­burg zum Oberbefehlshaber der deutschen Ostfront ernannt, die er aber erst über ein Jahr später über­nahm. Im April 1925 wurde er, nachdem er bereits zu einem nationalen Mythos geworden war, nach Ebert der zweite Präsident des deutschen Reiches. Als im November 1927 das Tannen­berg-Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht eingeweiht wurde, war er der Mittelpunkt dieser gigantischen Feier, an der 70.000 Menschen teilnahmen. Die Veranstaltung geriet zu einer per­sönlichen Ehrung des früheren Generalfeldmarschalls, dem der Kaiser ausrichten ließ: "Möchte der Hel­dengeist von Tannenberg unser zerrissenes Volk durchdringen." Leider waren bei die­ser Feier aber bereits Hakenkreuzfahnen zu sehen. Als Hindenburg im nächsten Monat seinen 80. Geburtstag feierte, wurde dieser nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich mit ei­nem Glanz begangen, wie er bis dahin noch keiner Persönlichkeit zu­teil geworden war. Es kam zu Jubelumzü­gen und über das ganze Reich verteilten Feiern, und in Berlin standen Hundert­tau­sende von Menschen an den Straßen, an denen der Nationalheld vorbeifuhr. Seit dem Ende des Krieges war dieses der größ­te Tag der ganzen Nation, an dem sich of­fenbar alle sonst so zerstrittenen Parteien einig waren. Aber das lag in einer Zeit, in der es auch geschehen konnte, daß die Schüler noch für Bilder des schon lange im Exil lebenden Kaisers streikten, worin al­lerdings bereits eine ausgesprochen reak­tionäre Gesinnung zum Ausdruck kam. Un­ter dem Wechsel vom Krebs zum Löwen hatte sich die Wandervogelbewegung im­mer mehr poli­tisiert und radikalisiert. Zwar war es ja auch unter dem Krebs zu radika­len Äußerungen ge­kommen, aber da war das Motiv noch ein anderes gewesen: jetzt stand nicht mehr eigentlich der Nationalis­mus im Vordergrund, sondern immer mehr ein anfangs noch unartikulierter Ras­sismus auf der einen Seite und eine ebenso starke Gegenmotivation auf der anderen "linken" Seite, die sich als sozialistisch verstand. Das Löwe-Zeichen verweist uns allerdings darauf, daß es hier vornehmlich um den Selbstausdruck als solchen ging. Ende 1916 wurde am russischen Zarenhof der Mönch und Wunderheiler Rasputin ermordet, des­sen Einfluß und Macht immer unheimlicher geworden war, so daß er be­reits bei der Be­setzung höchster Staats­äm­ter die Personal­entscheidungen traf. Im fol­genden Jahr rei­ste Lenin in einem plombier­ten Zug durch Deutschland, denn obwohl es der deutschen Regierung als wünschenswert er­schien, daß der Revolutionär nun aus der Schweiz über Deutschland nach Rußland gelangen konn­te, weil sie hoffte, daß er mit Hilfe seiner Anhänger Druck auf die dor­tige Regierung im Sinne eines Friedens­schlusses ausüben würde, wollte man doch jeden Einfluß sei­ner Person auf die deut­sche Innenpolitik vermeiden. Im gleichen Jahr wurde übri­gens ein Elfjähriger der neue Kaiser von China. Ab 1920 machte sich dann Adolf Hitler, der seine Zeit für gekommen hielt, im politi­schen Untergrund immer deutlicher bemerk­bar. Im August nahm er lediglich als Mün­chener Delegierter an einem Treffen der österreichischen Nationalsozialisten teil, und schon im Juli des nächsten Jahres war er Vorsitzender der NSDAP und erhielt dort uneinge­schränkte Vollmachten. 1924 kam es nach einem im vorangegangenen Jahr in München ge­scheiterten Putsch zu einem Hochverratsprozeß gegen ihn und weitere Mitangeklagte - unter ihnen auch Ludendorff und Röhm. Allerdings war das richterliche Urteil ebenso merkwürdig milde wie die folgende Festungshaft Hitlers. Der Prozeß, an dem die Presse lebhaft An­teil nahm, war gekennzeichnet durch dessen demagogische Reden und Angriffe auf die Republik zu seiner Rechtfertigung, bei de­nen er von den bayrischen Richtern nicht unterbrochen wurde und dadurch den Pro­zeß in eine politische Agitation umwandeln konnte, durch die er erstmals über Bayern hinaus bekannt wurde. Die eigentliche Haftzeit geriet für ihn so komfortabel, daß er dabei Gelegenheit hatte, an seinem Buch Mein Kampf zu arbeiten und zugleich durch seine Stellvertreter die Nazi-Bewe­gung weiter zu führen. Als Assistent stand ihm bereits Rudolf Heß zur Verfügung, der sich kurzerhand ebenfalls in dieser so an­heimel­nden und sonnigen Ge­fängnisunter­kunft ein­quartieren ließ. Hitler konnte wäh­rend der ganzen Zeit seine persönliche Freizeitklei­dung tragen, Zeitungen lesen und Besuche empfangen. In Italien hatte Mussolini 1919 die faschistische Bewegung gegründet und war bereits drei Jahre später so einfluß­reich, daß er immerhin die Entlas­sung eines linken Präfekten erzwingen konnte.

Aber auch verschiedenste andere Persön­lichkeiten erreichten eine erstaunliche Re­sonanz oder Verehrung. Das zeigte sich etwa bei dem Operntenor Enrico Caruso, der ein international ge­feierter Star war und bei Florenz wie ein Fürst auf einem eigenen Schloß residierte, oder beim Tode der deut­schen Exkaiserin Auguste Victoria, bei des­sen Nachricht im April 1921 die Ber­liner Zeitungen mit Trauerrand erschienen (während der 1941 erfolgte Tod des Kai­sers später kaum notiert wurde). Die Beer­digungs­feier für die frühere Kaiserin geriet zu einer Massenveranstal­tung, bei der Tau­sende im Potsdamer Park übernach­teten, um am folgenden Tage dabeisein zu kön­nen. Viele Mitglieder deutscher Fürsten­häuser folgten dem Sarg, ebenso wie frü­here kai­serli­che Repräsentanten und Mili­tärs. Einen Monat später erfolgte in Paris eine Militär­parade zum 100. Todestage Napoleons, und im Juli stieß der indische Dichter Ra­bindranath Tagore in Ber­lin auf eine wirk­lich ungewöhnliche Begeisterung. Er wurde wie ein Prophet einer neuen Heils­botschaft bewundert, und seine Bü­cher wurden zur Mode. Nicht immer aber war es für die be­troffenen Persönlichkeiten erfreulich, wenn sie in ähnlicher Weise zu Helden oder Mär­tyrern wurden - weder für den Zentrums­abgeordneten Matthias Erz­berger, der im August 1921 er­mordet wurde und nach dessen Tod der Ausnah­mezustand im Reich verhängt wurde, noch für den österreichi­schen Exkaiser Karl I., der 1922 verstarb, oder für den deutschen Außenminister Walther Rathenau, der im im Juni des glei­chen Jahres ermordet wurde und dessen Tod die Re­publik erschütterte. (Neptun in b steht ja auch für die Auflösung der Lö­we-Entsprechungen.) 1925 starb der erste Reichspräsident Ebert, für den eine äußerst theatra­lisch inszenierte Trauerfeier vor dem Potsdamer Bahnhof veranstaltet wurde, sowie Rudolf Steiner, dessen Tod seine Anhänger und Bewunde­rer bewegte. Im Jahre 1922 kam es zu der Premiere des Filmes Fridericus Rex, wäh­rend die Bevöl­kerung dem Verlust des deutschen Schiffes Bismarck nachtrau­erte, das nach den Be­stimmungen des Frie­densvertrages an Eng­land ausgeliefert wur­den mußte und von nun an Majestic hieß. So dubiose Gestalten wie der Großindu­strielle Hugo Stinnes, der sich an Krieg und Inflation gewaltig berei­chert hatte, konn­ten sich ebenso profilieren wie die Theaterleute Max Reinhardt oder Erwin Piscator oder der Atomphysiker Nils Bohr, der im De­zember 1922 den Nobel­preis erhielt und in seiner dänischen Heimat bereits ein Natio­nalidol geworden war. Als Max Reinhardt im Oktober 1926 sein 25-jähriges Bühnen­jubiläum feierte, erhielt er Gratulationen aus der ganzen Welt und wurde zum Eh­renmitglied des Moskauer Künstlertheaters ernannt.

Die Kunstszene dieser Zeit ist natürlich ein Thema für sich. Wir können auch hier wie­der Ver­gleiche zum letzten Stand Neptuns im Löwen ziehen: damals unter Ludwig XV. hatte Paris als strahlende Metropole im Blickpunkt ganz Europas gestanden, und auch dieses Mal stand eine Stadt in ähn­licher Weise als Kulturmetropole im Blick­punkt: nämlich die ja noch relativ neue deutsche Hauptstadt Berlin, die jetzt erst richtig lebendig wurde. Wenn wir von Kul­tur und Kunst sprechen, so müssen wir da­bei sehen, daß diese als solche kein Ar­chetypus sind, sondern daß insofern immer die Motivation entscheidend ist, weshalb es zum künstlerischen Ausdruck kommt. Da­bei können theoretisch alle Tierkreise mit­spielen und dem Geschehen ihren jeweils eigenen Stempel geben. Wenn aber der Löwe im Spiel ist, geht es um das Motiv des Selbstaus­drucks, also der Kreativität als solcher - im absolut immanenten Sinn, wenn auch bisweilen eine transzendente Thematik vorgeschoben wird oder sich an dieser das kreative Potential entzün­det. Eben dieses war die Atmosphäre Berlins in den Zwanziger Jahren. Das Thema der Krea­tivität im weitesten Sinne hatte sich bereits seit mehreren Jahren verstärkt be­merkbar gemacht. So war etwa im Oktober 1914 die Universität Frankfurt/M. einge­weiht und zwei Jahre später das Deutsche Stadion in Berlin feierlich eröffnet worden. Im Juli 1917 hatte der deutsche Bundesrat die Konzessionsvergabe für Kinos be­schlossen, und im Oktober gab es dann den Herbst der Theaterpremieren, nach­dem es dort während des Krieges zu drei Jahren Pause gekommen war. Dabei über­wogen allerdings noch etwas flache Lust­spiele, die die Funktion hatten, die Men­schen ihre All­tagssorgen vergessen zu las­sen. In diesen Zusammenhang können wir übrigens auch die Tatsache einordnen, daß die neue Na­tionalversammlung in Weimar statt­fand, wobei ja der Gedanke maßgeblich war, daß sich mit dem Namen dieser Stadt ein völlig unpreußischer und eher kreativer Geist ver­band. Im April 1919 wurde dann in Weimar durch den Architekten Wal­ter Gropius auch das Staatliche Bauhaus gegründet. Daß dieses somit den Neptun im Löwen in sei­nem Horoskop hatte, sollte sich in der Fol­gezeit sehr be­merkbar ma­chen. Namen wie Paul Klee, Wassily Kand­insky, Lyonel Fei­ninger, Oskar Schlem­mer usw. stehen da­für. Im November 1919 konnte Max Rein­hardt seine Idee eines Massen­theaters ver­wirklichen, indem er den Berliner Zirkus Schumann zu einem Groß­theater umbau­te, das 5000 Zuschauern Platz bot und dessen Eröffnung zu einem spektakulären Ereignis für Berlin wurde. Trotz des als Folge der politischen Unruhen immer noch herr­schenden Belage­rungszu­standes waren alle Plätze ausverkauft. Zu Weihnachten dieses Jahres erwiesen sich üb­rigens wie kaum je zuvor Bücher als be­liebte Geschenke. Im Februar 1920 war dann die Pre­miere des expressionistischen Filmes Das Kabinett des Dr. Caligari. Die sich bald einstellende allzugroße Freizügig­keit wurde allerdings durch ein neues Lichtspielgesetz gezügelt, doch der Unab­hängigkeitsdrang schuf sich andere Wege: im Juni war die erste inter­nationale Dada-Messe in Berlin, die sich als totale Absage gegen die bisherigen Kunst­normen verstand und empörte Reaktionen der Tagespresse hervorrief. Im Januar 1921 wurde die etwas versnobt-in­tellektuelle Zei­tung Querschnitt gegründet, die aber in der Masse der sonstigen Publikationen fast un­terging. Allein in Berlin gab es jetzt etwa hundert Zeitungen, und in den letzten drei Jahren nach dem Krieg war die Ge­samtzahl der deutschen Zeitungen auf fast das Dop­pelte ge­stiegen. In den USA erfolg­te der­weil die Premiere des Chaplin-Filmes The Kid, und in Wien gab es einen Skan­dal um das als zu halbseiden empfundene Stück Der Reigen, wobei die Zu­schauer von einer aufgebrachten Menge verprügelt wurden. In Deutschland kam um diese Zeit der Jazz sowie eine Reihe neuer Tänze aus den USA in Mode. Im August fanden die ersten Do­naueschinger Kammermusiktage statt, und im September gab es einen wahren Boom des Kabaretts - besonders in Berlin, das nicht weniger als 38 Stück da­von hatte. In den anderen deutschen Städ­ten waren es zusätzlich etwa 140 Kabaretts, die aller­dings zumeist nur den ober­flächlichen Ver­gnügungsbedarf des Publikums befrie­dig­ten, doch oft auch ausgesprochen poli­tisch waren - das heißt natürlich eher im linken Sinn, da es der rechten Szene dazu an der nöti­gen Intelligenz mangelte.(2) Im Oktober war die Uraufführung der Operet­te Tanz ins Glück von Robert Stolz, und im März des folgenden Jahres 1922 wurde der Film Nosferatu von Wilhelm Murnau uraufge­führt, die Urfassung der zahlreichen späte­ren Drakula-Versionen, von denen al­ler­dings dieses Niveau kaum je wieder er­reicht wurde, abgesehen von der­je­nigen von Wer­ner Herzog mit Klaus Kinski. Im Septem­ber 1922 war dann in München die er­ste Premiere eines Dramas von Bert Brecht mit dem Titel Trommeln in der Nacht. Im Au­gust 1923 zeigte das Bauhaus in Weimar, was es in den vier Jahren seit seiner Grün­dung voll­bracht hatte. Im folgenden Monat hatte der erste Tonfilm und einen weiteren Monat danach das erste Radiokonzert Premiere. Im Juli 1924 zählte man in Berlin insgesamt 51 Theater, und im gleichen Mo­nat fand die erste deutsche Kunstausstel­lung in Moskau statt. Das folgende Jahr war von einer un­erhörten Jazz-Begeiste­rung in Berlin ge­kennzeichnet, in dem man zum ersten Mal auch Bands zu hören be­kam, deren Mit­glieder nur aus Schwarzen bestanden: der Jazz hatte damit seinen Durchbruch ge­schafft. In diesem Jahr lief auch die Revue Die Nacht der Nächte mit außerordentli­chem Erfolg, wurde das Deut­sche Museum in München eingeweiht, hatte sogar ein FKK-Film der UFA unangefoch­ten Premie­re, wurde die Damenmode mit einer Her­renschnitt-Linie ausgesprochen extravagant (der Löwe gilt ja auch als männliches Zei­chen), wurde die Ausstel­lung Neue Sach­lichkeit in Mannheim eröff­net sowie das berühmte Romani­sche Café in Berlin zum Treffpunkt der Literaten und Boheme, er­schien zum ersten Mal im Ro­wohlt-Verlag die Zeitschrift Die literari­sche Welt, fand die erste surrealistische Ausstel­lung in Paris statt und wurde in Moskau der später be­rühmte Film Panzer­kreuzer Potemkin des Regisseurs Sergej Ei­senstein uraufgeführt - ein wirklich un­glaubliches Programm! Ende 1926 wurde dann das neue Bauhaus in Dessau gegrün­det, das seinen Weimarer Standort ver­las­sen hatte, weil es dort zu sehr im politi­schen Schußfeld gestanden hatte. Anfang 1927 kam es zur Urauffüh­rung des monu­mentalen Filmes Metropolis, der uns aller­dings vor allem we­gen seiner einfältigen Story im Ge­dächtnis geblieben ist. Wie ge­sagt ist es nicht unbedingt die starke Seite des Löwen, sich um die Perspektive zu be­mühen, was sich auch in der äußerst lö­wenhaften Ge­stalt eines Publikumslieblin­ges dieser Zeit offenbarte, nämlich in der des Sängers Ri­chard Tauber. Natürlich hat­ten auch die Stars späterer Zeiten nicht un­bedingt mehr Hinter­grund, aber sie schei­nen alle stets da­für um Entschuldigung ge­beten zu haben, wofür es bei Tauber kaum Anzeichen gab. Im März des Jahres 1929 kam dann Neptun nochmals in den Löwen zurück, nachdem er zuvor bereits in die Jungfrau gewechselt war: zum letzten Mal gab es jetzt eine Ge­denkfeier für den ver­storbenen Schauspieler Albert Steinrück, die zu einer äu­ßerst ein­drucksvollen Selbst­darstellung der Thea­terwelt geriet und zu der fast alle Berühmt­hei­ten des deutschen Theaters erschienen.

Natürlich dürfen wir unter dem Löwen auch die Themen Spiel und Mode nicht vergessen. Teilweise ist das schon erwähnt worden, erwähnen wir deshalb nur noch kurz, daß im März 1920 Schottenröcke in Mode kamen, Mitte 1921 ein Grand-Prix-Rennen in Le Mans stattfand sowie der Wettbetrüger Max Klante Konkurs machte (dessen merkwürdiger Erfolg bei der Aus­beutung zumeist armer Leute, die ihm ihre letzte Hinterlassenschaft anvertrauten, kann na­türlich durch das Löwe-Zeichen er­klärt werden, das immer mit Spiel und Spekula­tion in Verbindung gebracht wird). Im fol­genden Jahr kam es zu einem Autorennen in Monza, und ein Jahr darauf sprach man in Berlin von der Ära der Girls, als dort große Ausstattungsre­vuen in Mode kamen. Anfang des Jahres 1926 wurde auch der Charleston zum Mo­detanz. Es war die Zeit Josefine Bakers, die jetzt auch in Berlin tanzte und dort großen Erfolg hatte. Mil­lionen von Menschen gingen jetzt täglich ins Kino: im Jahre 1925 sollen in den deut­schen Kinos fast tau­send verschiedene Filme gelaufen sein, davon über ein Drittel aus deutscher Produktion. Es gab etwa 3000 Kinos in Deutschland - doch war das noch gar nichts gegen Amerika, wo es fast siebenmal so viele gab.

Als Höhepunkt und Abschluß der Golde­nen(!!) Zwanziger Jahre in Berlin kann man sicher die Uraufführung der Dreigrosche­noper von Bert Brecht und Kurt Weill se­hen, die am 31.08.1928 er­folgte, als Nep­tun auf 29°15' Löwe stand. Kurt Tucholsky hat sich über diese in einer Weise geäußert, die deutlich das Löwe-Prinzip zum Aus­druck bringt. Er meinte, Brecht zeige in ihr eigentlich gar keine Über­zeugung: "Es würde ihm auch schwerfallen, denn die seine ist nicht zu eruieren." Das sollte sich erst später än­dern, z.B. in Brechts später veröffentlichtem Dreigroschenroman oder Dreigroschen-Film. Der außerordentliche Erfolg der sog. Oper aber beruhte wohl vor allem darauf, daß es damit Brecht gelungen war, (abschließend) einen Extrakt der 'Roaring twenties' zu brauen - zündend, frech und von kalt­schnäuziger Brillanz.(3)

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