Thema Mundan-Astrologie

 

Neptun in den Zeichen

(1902 - 1942)

 

 

Neptun im Krebs

(1902-1915)

Während die mundane Bedeutung des Krebses unter Pluto vor allem diejenige von Volk hatte, so scheint unter Neptun ent­sprechend der abweichenden Wirkung die­ses Planeten eher die von Heimat und den damit verbundenen Dingen betont zu sein, wobei das natürlich nicht immer deutlich abzugrenzen ist. Jedenfalls meldeten die Zeitungen bereits Ende des Jahres 1901, nachdem Neptun gerade in den Krebs ge­treten war, einen neuen Trend: "Die Wan­dervögel kommen." Diese Jugendbewegung war von einem Berliner Studenten gegrün­det worden und fand nun besonders in den Großstädten immer mehr Anhänger. Man wandte sich gegen die als immer bedrohli­cher empfundenen Begleiterscheinungen der Industrialisierung und Vermassung und suchte ein gemeinschaftliches und einfaches Leben in der Natur. Die jungen Leute woll­ten das Volkslied, den Volkstanz, das Wandern und das Laienspiel pflegen und suchten sich auch bewußt von der älteren Generation abzusetzen. Schon im Juli 1901 war Neptun zum ersten Mal vorübergehend in den Krebs getreten, und im August erschien Thomas Manns Roman Die Buddenbrooks. Wen dessen außerordentlichen Erfolg wundert, sollte bedenken, daß er sowohl als Familienroman als auch wegen der Tatsache, daß darin eine Frau die Hauptrolle spielt, eine ausgesprochene Krebs-Entsprechung ist.

Nachdem wir jetzt einen vollen Neptunum­lauf durch alle Zeichen verfolgt haben, be­finden wir uns in der Lage, Vergleiche mit den vorhergehenden gleichen Zeichen­durchgängen anstellen zu können. Wir erin­nern uns, daß der frühere Neptunstand im Krebs in die Periode des Rokoko fiel, in der - soweit es den Unterabschnitt Neptun betraf - die Themen Frauen, Vegetative Formen usw. in den Vorder­grund traten. Sind diese nun auch hier als auf­fällig zu er­kennen? Oh ja: und zwar so sehr, daß man sich wundern muß, daß zwischen dem Ro­koko und dem Beginn des zwanzig­sten Jahrhunderts so selten Vergleiche an­gestellt wurden. Aber das liegt wohl daran, daß erst die Astrologie den Blick darauf lenkt. Je­denfalls fällt schon die Ähnlichkeit in der Frauenmode auf: wieder sind die Kleider und Figuren durch Korsetts, die jetzt wi­dersinnigerweise als Gesundheitskorsetts bezeichnet werden, eng geschnürt, um ih­nen dadurch be­stimmte Proportionen (1) zu verleihen, die dem Schönheitsempfinden entsprechen. Wieder auch sind jetzt in den Abendklei­dern die Dekolletés sehr offen­herzig betont, und wieder rücken die Frau­en ganz allge­mein ins Blickfeld. Es gab z.B. Plakate, die dem Text nach für bestimmte Produkte warben wie etwa Fahrräder, auf denen aber eigentlich nur Frauen zu sehen waren, wäh­rend die Produkte selbst kaum zu erkennen waren. In der Kunstmode herrschte nun der - wiederum durch vegetati­ve Formen be­stimmte - Jugendstil vor (dieser sonst etwas merkwürdig anmutende Name entspricht dem gleichzeitigen Zwillings-Pluto, seine Ausformung aber durch Neptun), der sich aus dem Stil der englischen Präraffeliten fortent­wickelt hatte, aber jetzt nicht mehr wie dort noch vor allem das Inhaltliche be­tonte, sondern nur noch rein dekorativ war, zumal er auch vornehmlich in der Plakat­kunst sowie beim Möbel- und Ausstat­tungsdekor zur An­wendung kam. Nicht Bilder also standen mehr im Vordergrund, sondern Gebrauchs­gegenstände aller Art. Die Ähnlichkeit zum Rokoko fällt dabei be­sonders auf, und ei­gentlich waren beide Zeiten gleichermaßen oberflächlich - soweit es die zum Dekorati­ven neigende Mode an­geht, denn es würde uns in die Irre führen, den Krebs insgesamt als oberflächlich zu bezeichnen. Es muß auch berücksichtigt werden, daß dabei die Stände der übrigen Planeten eine abwei­chende Einfärbung be­wirkten. Der andere Plutostand im Skorpi­on des Rokoko be­wirkte beispielsweise un­ter anderem eine größere Betonung der se­xuellen Thematik, während zu Beginn des zwanzigsten Jahr­hunderts durch den Zwil­lings-Pluto eine größere Hektik vor­herrschte: man war ge­wissermaßen eher aufgekratzt. So sollten die Dekolletès der Frauen zwar zwillings­gemäß zur weiblichen Selbstdarstellung dienen, aber zu nicht mehr - im Gegenteil war diese Zeit eher prüde.

Das Thema Frauen war aber deutlich be­tont. So wurde im März 1907 durch eine preußische Schulreform bei der Mädchen­ausbildung das Gewicht statt bisher auf Ge­fühl und Ästhetik mehr auf die Förderung des Verstandes gelegt. Im gleichen Jahr wurde in Norwegen ein Gesetz erlassen, das den Frauen das staatsbürgerliche Wahl­recht zuerkannte. Allerdings kam es auch zu Rückschlägen wie etwa Ende dieses Jah­res in Kiew, wo alle Studentinnen von der Universität verbannt wurden. Doch derar­tige Repressalien wollten die Frauen nun nicht mehr hinnehmen - die Frauenbewe­gung machte sich immer deutlicher be­merkbar. Am 21. Juni 1908 kam es im Londoner Hyde Park zu einer riesigen Ver­sammlung bei einer von der Women's Social and Political Union unter der Lei­tung von Emmeline Pankhurst und ihrer Tochter Christabel veranstalteten Demon­stration, die darauf zielte, auf die Regierung im Interesse der Frauen Druck auszuüben. Die Suffragetten wurden bald immer mili­tanter und scheuten auch nicht vor persön­lichen Angriffen auf Polizisten zurück, um deshalb ins Gefängnis zu kommen, weil sie dadurch die Sympathie der Bevölkerung für ihre Sache zu erwecken hofften. Auch in Deutschland kam es zu Frauenversammlun­gen, die sich auch für geschlechtsunspezifi­sche Dinge engagierten, so etwa im Mai 1915, als 1500 Frauen vor dem Reichstags­gebäude für den Frieden und gegen die Teuerung demonstrierten. Daß diese Dinge archetypisch waren, läßt sich vielleicht auch aus dem sensationellen Fund der Venus von Willendorf im August 1908 schließen, einer etwa 30.000 Jahre alten Steinfigur mit überdimensionierten weiblichen Formen, die man als Fruchtbarkeitssymbol zu deuten suchte.

Wo das Thema Frauen angesprochen wird, ist natürlich auch das Thema Mode nicht weit. Jedenfalls war diese Zeit sehr mode­bewußt und sogar extravagant. Die ver­wendeten Farben waren dabei hell und freundlich, wie es dem zumindest in den er­sten Jahren des Jahrhunderts vorherrschen­den Optimismus entsprach. Die Kleider der wohlhabenden Frauen waren mit Vorliebe aus Tüll und Seidenmusselin, Chiffon oder Crêpe de Chine, dekoriert mit Blumenmu­stern und Stoffbändern. Es kam dabei al­lerdings oft zu Übertreibungen und ge­schmacklichen Fragwürdigkeiten. Etwas merkwürdig war auch die Mode der durch die kaiserliche Vorliebe für die Marine in­spirierten Matrosenkleider (ebenfalls be­dingt durch die gleichzeitige Plutostellung in den Zwil­lingen). 1906 kam der erste Dauerwellen­apparat auf den Markt und Ende 1907 ge­waltig ausladende Damenhüte in Mode. Das Berliner Kaufhaus Wertheim wurde zum Vorbild für ganz Europa, was vom Konsum auf die Architektur zurück­wirkte, denn ein Hauptthema der Architek­ten war jetzt der Entwurf von Kaufhäusern, die vor allem in den Großstädten immer zahlreicher wurden. Besonders eindrucksvoll waren die großen Pariser Kaufhäuser.

Natürlich spielte auch das Thema Haus und Familie eine große Rolle. Man machte sich jetzt sogar Gedanken über die Haussklave­rei in den deutschen Kolonien, worüber es im März 1903 zu einer Debatte im Reichs­tag kam. Ende des Jahres kam es zu ei­ner internationalen Sanitätskonferenz in Paris, und in Holland genehmigte der Senat ein Arbeiter-Unfall-Gesetz. Schon 1903 hatte auch Großbritannien einen bedenklichen Geburtenrückgang verzeichnet. Im März 1905 appellierte der amerikanische Präsi­dent Roosevelt in einer Rede vor dem Na­tional­kongreß an die Mutterpflichten, weil er die Gefahr sah, daß die Frauen durch die Be­quemlichkeiten des modernen Lebenssti­les verwöhnt nur noch an sich selbst däch­ten und darüber die Lust an der ange­stammten Mutterrolle verlören, was natür­lich zu die­ser Zeit noch als ein bevölke­rungspoliti­sches Problem gesehen wurde. Neptun steht ja nicht nur für die Themati­sierung der Zeichenentsprechungen, son­dern auch für deren Auflösung - also hier: Thematisierung der Frauen und Auflösung der Familie (es hätte aber auch umgekehrt sein können). Zur gleichen Zeit führte England den Acht-Stunden-Tag für Kohle­arbeiter unter 18 Jahren ein. Im Februar 1906 konnten Kaiser Wilhelm und seine Gattin Auguste Victoria unter großer An­teilnahme der Bevölkerung ihre Silber­hoch­zeit feiern. Noch im gleichen Jahr wur­den Gelder für die Verbesserung von Ar­bei­ter­wohnungen bewilligt und die Neu­ordnung der Schulaufsicht gefordert, die nicht mehr wie bis dahin durch Pastoren er­folgen soll­te. Auch in Frankreich wurden keine Kru­zifixe mehr in Klassenzimmern zugelassen. Sozusagen im Gegenzug erlie­ßen in Spa­nien derweil die Bischöfe Hirten­briefe ge­gen die Zivilehe, während der deutsche Publizist Maximilian Harden einen Skandal verursachte, indem er Mitglieder des preu­ßischen Adels homosexuel­ler Verfehlungen bezichtigte. Im nächsten Jahr kam es in die­ser Affäre zu neuen Ent­hül­lungen sowie zu der Skandalehe des Jah­res der wegen Ehe­bruchs geschiedenen Kron­prinzessin Luise von Sachsen mit ei­nem ita­lienischen Piani­sten. Am 1. April 1909 trat ein Gesetz zum Schutz der Kin­der in Eng­land in Kraft, während aus den USA die Nachricht kam, daß trotz der er­wähnten Bedenken des Präsidenten die amerikani­sche Bevölkerung seit 1900, also in nur neun Jahren, um 21% gestiegen war. Im Juli 1912 kam es zu ei­nem betont fami­liären Treffen zwischen dem russischen Zar und dem deutschen Kaiser, und im Oktober des gleichen Jahres wurden von der Stadt Paris die ehemaligen Befestigungsgürtel am Stadtrand in Spiel­plätze umgewandelt oder zur privaten Be­bauung freigegeben.

Das ebenfalls Krebs-typische Thema Hei­mat war, wie bereits eingangs er­wähnt, während der ganzen Zeit stark be­tont. Das zeigte sich etwa im Jahre 1903, als bei ei­nem Zionistenkongreß praktische Arbeit für Palästina gefordert wurde und es zum Deutschen Städtetag in Dresden kam, wäh­rend sich gleichzeitig viele griechische Freiwillige für den Kampf gegen die Bulga­ren meldeten und in den Kinos einer der er­sten Wildwestfilme aufgeführt wurde, in denen es ja immer um die zu erobernde neue Heimat ging und in denen sich in der Haustür stehende schürzen­bekleidete Müt­ter um ihre heldenhaften Männer und Söhne sorgten. Anfang 1904 agitierte der irische Nationalistenführer Edward Redmond in Irland für die Homerule-Bewegung im Sinne der iri­schen Autonomie. Wenig spä­ter kam es in Rußland wegen der Armut zu Unruhen. Ende 1906 wurde der Grundstein zum Deutschen Museum in München ge­legt und in Bulgarien ein Gesetz gegen die Auswan­derung erlassen. Im Mai 1907 wurde in Hamburg der Bund vaterländi­scher Verei­ne gegründet, und im Juli des gleichen Jahres war der eigentliche Beginn der Pfadfinderbewegung. Schon im folgen­den Monat wurde das Jugendherbergssy­stem gegründet. Anfang 1908 kam es zum Aus­wanderungsstop für Japaner in die USA und im September in Rußland zu einer Verordnung, nach der nur noch Russisch an den Schulen gesprochen werden durfte. An­fang 1910 mußte der Dalai Lama vor den Chinesen aus Tibet flüchten. Immer noch war in dieser Zeit die Wandervogel-Be­wegung sehr aktiv, nicht nur in Deutsch­land, sondern auch in England, aber sie be­kam nun überall und staatlich gefördert ei­nen fast paramilitärischen Charakter.

Das Krebs-Thema hat auch immer etwas mit der Landwirtschaft zu tun. Dazu paßt, daß Anfang des Jahres 1903 eine deutsche Generalversammlung des Bundes der Landwirte stattfand, zu dem etwa 6% aller Großgrundbesitzer des Reiches gehörten. Etwa gleichzeitig verabschiedete der Reichsrat ein Gesetz über die Beschrän­kung der Arbeitszeit von Kindern in der Landwirtschaft. 1909 kam es bei der Bil­dung des Deutschen Bauernbundes zum Zusammenschluß der Kleinbauern, die sich gegen den mächtigen Bund der Landwirte wandten.

Vor allem aber machte sich in dieser Zeit der Nationalismus zunehmend be­merkbar. schon 1903 kam es zu einer Revolte in Ma­zedonien, wobei zwei­hundert Dörfer ver­wüstet wurden. 1906 begannen Agitation in der russi­schen Presse gegen Wolgadeut­sche, weil sie gutes Land besaßen. 1907 mußte die irische Frage im britischen Un­terhaus debattiert werden. Im Okto­ber 1908 annektierte Österreich Bos­nien und Herzegowina, während der deutsche Kaiser einem britischen Jo­unalisten ein äußerst in­stinktloses und wenig friedensförderndes Interview gab. Im November des gleichen Jahres kam es vor der Wiener Universität zu einer Schlägerei zwischen Deutschna­tio­nalen und Zionisten, während die In­ter­view-Affaire des Kaisers das deut­sche Par­lament aus den Angeln zu he­ben drohte: zwei Tage lang tobte ein Reichstagsaufruhr gegen den abwesen­den Kaiser. Die Abge­ordneten waren ungeheuer entrüstet, und es heißt, der Kaiser habe sich von diesem Schlage nie wieder erholt. Im Jahre 1909 spitzte sich dann die Krise auf dem Balkan zu. Serbien rüstete bereits auf, weil es ter­ri­toriale Ansprüche auf Bosnien und Herze­gowina stellte. Deutschland, England und Frankreich schalteten sich vermittelnd ein, und auch Österreich bot Serbien einen Ausgleich an. Doch Serbien verkündete be­reits ein Großserbisches Programm, lenk­te aber im folgenden Monat noch einmal ein.

Im folgenden Jahr kam es jedoch zu Span­nungen zwischen der Türkei und Griechen­land sowie zwischen Nicara­gua und den USA. Auch in Polen regte sich der Natio­nalismus. Anfang 1911 sahen sich die euro­päischen Politiker genötigt, ihren Frie­denswillen zu beto­nen. Doch die Entwick­lung schien un­aufhaltsam. Mitte des Jahres 1913 kam es bereits zum offenen Krieg um den Balkan, wobei Serbien, Bulgarien und Griechenland die Türkei besiegten. Der er­ste Weltkrieg rückte näher.

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