Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun in den Zwillingen

(1889-1901)

 

Es liegt mir noch so sehr am Herzen, eines Tages eine Buchhandlung zu malen, mit Schaufenstern voller Romane, gelb und rosa, am Abend, und mit schwarzen Passanten - das ist ein ausgesprochen modernes Motiv. (Vincent van Gogh: Ende November 1889 in einem Brief an seinen Bruder Theo.)

Im Jahre 1889 hatte der Ingenieur James Gibb in seiner Küche ein harmloses Spiel begonnen, bei dem er mit Zigarrenkisten­deckeln kleine Korkbälle über den Tisch trieb. Er kam dabei auf die Idee, dieses Spiel technisch zu verbessern und es auf den Markt zu bringen. In Zusammenarbeit mit der amerikanischen Firma Celluloid gelang es ihm nach mehreren Versuchen, die nun hohlen Bälle mit solchen Spring­qualitäten zu versehen, daß er sie unter dem Namen Pingpong auf den Markt bringen konnte. Das Spiel setzte sich von England ausgehend bald auch in ande­ren Ländern durch und wurde zu einer weltweiten Mo­de. Wir kön­nen uns den neuen Zeitgeist auch an einigen Kunstwerken dieser Periode veranschaulichen: So malte Seurat das Bild Zirkus und Toulouse-Lautrec Tanz im Moulin-Rouge sowie Tanz der Golue. Si­gnac malte den Hafen von St.Tropez, Ensor die Skelette im Streit mit einem Hering, Munch die Pubertät. Berühmte Maler der Zeit waren außerdem: Gauguin, Pissarro, Slevogt, Corinth, Leibl, Lieber­mann usw. Die jetzt vorherrschenden Stile auch in der Literatur waren der Impressio­nismus und der Symbolismus. Beide Stile haben das improvisatorische Moment ge­meinsam, denn auch im Symbolismus, für den litera­risch besonders Stéphane Mallar­mé stand, stellte sich die Dichtung erst auf der Ebene der Sprache her, also erst im Ausdrucksmit­tel selbst, in dessen Folge, so hoffte man, sich auch der Inhalt einstellte. Mallarmé schrieb seine Gedichte, ohne vor­her zu wissen, wohin sie ihn führen würden: die Kenntnis des ganzen Gedichtes war also für das Verständnis seiner Teile nicht von vornherein nötig. Eben dieses ist typisch zwillingsgemäß, denn der merkurische Zwil­ling steht wie gesagt vor allem für das Informationsprinzip und sammelt somit viele Einzelinformationen, ohne sie unbe­dingt zu einem umfassenden Ganzen zu verbinden. Auch das Pingpong-Spiel hackt den Fluß des Ganzen in sehr betonte Ein­zelakte - und offenbar hat der Weltgeist bei dieser Namensfindung deutlich nachgehol­fen. Aus der Diskontinuität folgt aber auch in positiver Hinsicht eine große intellektuelle Klarheit und Nüchternheit. Dieses jedenfalls war das Ziel der sog. 98er Generation in der spanischen Literatur, als deren bekanntester Vertreter Pío Baroja gilt. Diese Literaten wollten einen unkomplizierten, kurzen und realistischen Satzstil schreiben. „Setzt ein Ding hinter das andere. Nicht mehr, das ist alles“, formulierte Barojas Freund Azorin, „habt ihr nicht beobachtet, daß der Fehler eines Redners oder eines Schriftstellers darin besteht, daß er eines ins andere schachtelt, indem er Paranthesen, Einschübe, beiläufige, zufällige, nebensächliche Erwägungen gebraucht? Nun - das Gegenteil davon ist, die Dinge - Gedanken, Empfindungen hintereinander zu setzen...“ Dieses Programm kennzeichnet schon das Stilideal der ganzen Generation, und es ist eben typisch zwillingsgemäß: andere Zeiten sehen dagegen gerade in den erwähnten angeblich zu vermeidenden Dingen die wahren Möglichkeiten literarischen Ausdrucks, und es erscheint ihnen unerfindlich, warum man darauf verzichten sollte.

Dem Zwillings-Prinzip entspricht natürlich besonders wie schon erwähnt die Gestalt des deutschen Kaisers Wilhelms II. Auch hier gibt es wieder wie bereits im Zeichen Stier die Überlage­rung von Pluto und Nep­tun wegen ihres vorübergehend gleichzei­ti­gen Durchganges durch das selbe Zeichen, was also zur Ver­stärkung der Entsprechun­gen führt. Das hatte unter dem Stier zur imperialistischen Hysterie geführt und führt jetzt zu einer Zeit (der sog. Belle epoque), die man gewissermaßen als betont flatterhaft bezeichnen könnte, was nicht unbedingt moralisch gemeint ist, sondern nur rein phänomenologisch den Gesamteindruck zusammenfaßt. Es ras­selt nur so von Motoren, Säbeln, flotten Sprü­chen, zackigem Ge­habe, Flimmerfilmen, in­tellektualistischen Theorien, im Winde flat­ternden Segeln der Segelschiffe, Fahrrad- und Autorennen und ähnlichen Sportarten sowie filigranen Ingenieurkonstruktio­nen und dergleichen. Von Perspektive also keine Spur, denn das ist nicht des Zwillings starke Seite - seine Stärke liegt darin, daß er stets auf Zack ist, also immer gut in­for­miert und immer vor Ort und am Ball. (Natürlich sollte man sich davor hüten, das auf einen Menschen zu übertragen, der durch sein Ho­roskop stark zwillingsbetont ist, denn nur selten hat jemand alle Planeten in diesem Zeichen, und selbst dann wirken auch bei ihm die unbesetzten Zeichen, und überhaupt kann man aus al­ledem höchstens auf das Temperament schließen, nicht aber auf das Gesamtniveau: wie gesagt ist kein Zeichen von sich aus hö­her- oder geringer­wertiger als andere Zeichen, jedes ist eine notwendige Stimme im Gesamtkonzert des Universums.)

„Man kann das Ende des 19. Jahrhunderts als die Pionierzeit des Fahrrades ansehen“, heißt es im Vorwort eines kleinen Buches über Fahrradpatente (4). „Warum es gerade zu einer bestimmten Zeit zur explosionsartigen Popularisierung eines technischen Systems kommt, läßt sich - zumindest beim Fahrrad - nicht genau feststellen. Es scheint im Nachhinein einfach „die Zeit reif“ gewesen zu sein. In jedem Fall haben aber unzählige Erfindungen zu der atemberaubenden Vielfalt der Fahrräder beigetragen.“ Von den insgesamt 82 Patenten, die in diesem Buch vorgestellt werden, wurden 71 innerhalb der Zeit von 1885 - 1914 (Pluto in den Zwillingen) und immerhin noch 62 innerhalb der Zeit von  1890 - 1903 (Zusätzlich Neptun in den Zwillingen) angemeldet!!!

Ab 1890 machte der Flugpionier Otto Lili­enthal von sich reden, der bis zu seinem tödlichen Absturz sechs Jahre später an die 2000 Flugversuche mit seinen Gleitflug-Konstruktionen unter­nahm, bei denen er Entfernungen bis zu 350 Meter überwand. Er veröffentlichte auch ein Buch mit dem Titel: Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst und war mit seinen Versuchen nicht allein. In Amerika unternahmen die Brüder Wright ähnliche Ver­suche, und auch in anderen europäischen Ländern gab es ver­schiedene Flugpioniere. Ab 1890 verbreiteten sich auch immer mehr die ersten Heftromane in den USA (und zwar zunächst mit der Serie „Adventures of Nick Carter“), die später auch in Europa Mode wurden. Im Pressewesen setzen sich zu dieser Zeit die ersten Inserate durch. 1891 begann der Weltruhm von Ambrose Bierce, in dessen Stil eine deutliche Distanz zur Ausdrucksweise der Stier-Zeit zu erkennen ist. Während dort noch von festen Schritten und Minen die Rede war, so heißt es bei Bierce etwa sehr skeptisch: „Sein Gesicht war schmal und zeigte eine hohe Nase, eine breite Stirn und eine ‘Festigkeit’ von Kinn und Unterkiefer, die von denjenigen, welche sie besitzen, als Zeichen der Willensstärke gedeutet wird.“ (5) Wer sich den überaus aufschlußreichen Spaß derartiger literarischer Vergleiche machen will, kann auch in dieser Zeit bei Björnsterne Björnsen fündig werden und dessen Stilwechsel den verschiedenen Neptunständen sehr deutlich zuordnen. So zeigten etwa die Erzählungen Der Falbe (1868) und Ein Lebensrätsel (1869) noch zeitgemäß einen deutlichen Widder-Einschlag, dagegen die Erzählungen Staub (1882) und Ein schauriges Erlebnis (1889) sowie Es flaggen Stadt und Hafen entsprechend Stier-Einschlag und die Erzählung Mutters Hände (1892) einen ebenso deutlichen Zwillings-Einschlag. Diese letztgenannte Erzählung beginnt wie folgt:

Säbel rasselten schneidig auf den Steinplatten des Bahnsteigs; von dem hohen Glasdach des Bahnhofs kam ein Widerhall; der Stahlklang klirrte in das Zischen des Lokomotivdamfs; helles Lachen, einzelne schrille Laute aus lebhaftem Gespräch drangen in ein dichtes, dumpfes Getön von rollenden Schubkarren, von kräftigen Schritten und von dem Lärm der Gepäckverladung. Immer aufs neue erklang Säbelgerassel, immer neue Reihen von Kavallerieoffizieren kamen an den Glastüren zum Vorschein; auch viele Artillerieoffiziere erschienen, von der Infanterie ebenfalls einige... usw.

Ende des Jah­res 1894 erregte der Dreyfus-Prozeß das Interesse der französischen Öffentlich­keit. Der Schriftsteller Emile Zola enga­gierte sich persönlich in dieser Angelegen­heit so weit, daß er etwa zwei Jahre später in ei­nem Schreiben unter dem Titel Ich klage an dazu öffentlich Stellung nahm und darin die Verurteilung und Inhaftierung des angebli­chen Spions verurteilte. Diese wurde näm­lich nicht auf­gehoben, obwohl inzwischen Dreyfus' Unschuld feststand. Mit den Zwil­lingen hat das insofern etwas zu tun, als diese auch immer für Literaten, sowie den Journalistenberuf und das Pres­sewesen ste­hen: in der Presse entstand nämlich eine allgemeine Entrü­stung, nach­dem Zola diese Vertuschungspraxis aufge­deckt hatte.

Im Jahre 1895 lernte Gabriele d’Annunzio die Schauspielerin Eleonora Duse kennen und kam es zu den ersten Vorführungen von lebenden Bildern in den europäischen Ländern. In einem Berliner Varieté wurden so von den Brüdern Skladanowsky Jahr­marktsattraktionen und Straßenszenen über das noch in den Anfängen steckende Medi­um des Filmes vorgeführt, während die Brüder Lumiére gleichzeitig in Paris ähnli­che Filme zeigten. Wir kennen diese Filme selbst noch und wissen, wie die Menschen darin herumhoppeln: es ist das Schreckge­spenst einer Welt, die um ihre Kontinuier­lichkeit gebracht und in lauter Einzelakte aufgeteilt wurde, deren Ver­bindung nur noch der erkennende Geist des Beobachters herstellt (nach einer bekannten Theorie des Physikers David Bohm ist das aber auch sonst ganz allgemein so).

1896 lenkte Kaiser Wilhelm II. durch seine Krüger-Depesche die Aufmerksamkeit auf sich, die ein kennzeichnendes Beispiel sei­nes diplomatischen Geschickes ist. Er hatte dem Präsidenten der Republik Trans­vaal, Ohm Krüger, Glückwünsche zu sei­nem Sieg gegen britische Soldaten zuge­sandt, was natürlich die Spannun­gen zwi­schen England und Deutschland ver­schärfte. Seit Mitte des Jahres 1888 fühlte sich Wilhelm als unumschränkter Herr­scher über Deutschland, und was auch immer sich die Gründer des deutschen Reiches darun­ter vorgestellt hatten - eine derartige Tri­viali­sierung, wie sie durch diesen vermeint­lichen Nachfolger der Zäsaren personifiziert wurde, sicher nicht. So wurde Bis­marck selbst eines der ersten Opfer seines Werkes, doch der neue Kaiser war natürlich weit davon entfernt, die Dinge so zu sehen: er begriff das neue Konstrukt als gottgewollt und sah sich selbst wie in langer Herrscher­tradition stehend, obwohl diese Macht ja in der von ihm verstandenen Form seinen unmittelbaren Vorfahren nicht zu­erkannt worden war: von natürlicher Ge­wachsen­heit war also keine Rede, zumal er noch nicht einmal rechtmäßiges Oberhaupt aller Deutschen war. Denn das Deutsche Reich war ein Bundesstaat, das aus vier Königrei­chen sowie sechs Großherzogtü­mern, di­versen Herzogtümern, Fürsten­tümern und Stadtrepubliken bestand, über die der Kai­ser nur neben dem Bundesrat und dem Reichstag herrschte, zumal Preu­ßen in die­sen Gremien lediglich über eine Stimmen­mehrheit verfügte, nicht aber über alle Stimmen. Doch war Wilhelm kaum zu dif­ferenzierteren Betrachtungen fähig, und seine Lands­leute zumeist eben­sowenig. Der zackige Schnurrbart dieses neuen Herr­schers wurde jedenfalls bald zur allgemei­nen Männermode in Deutschland. Wilhelm paßte in seine Zeit und repräsen­tierte sie insofern durchaus rechtmäßig. Er war in der Tat das merkurische Gegenprin­zip etwa zu dem jupiterhaften oder neptuni­schen Ludwig II. Was sie beide aber mit­einander gemein hatten, war ihre Vorliebe zur Ko­stümierung. Wilhelm hatte schon seinen ro­ten Übermantel selbst entworfen, in dem er zum ersten Mal den Reichstag eröff­nete, und eine seiner ersten Amtshand­lungen war danach die Ab­nahme der Kieler Flottenpa­rade in Admiralsuniform. Auch seine ersten Auslandsbesuche machte er mit der Hilfe seiner eigenen Jacht Hohenzollern und bemerkte später stolz: "Die Erschei­nung meiner Schiffe in fremden Häfen war ge­eignet, sie die an­erkennende Beurteilung des Auslandes finden zu lassen." Die Ent­hüllung von Denkmälern war eine seiner Lieblingstätigkeiten. Bei der Enthüllung des Denkmales für den Prinzen Friedrich Karl schon im ersten Jahre seiner Regierungszeit äußerte er sich so: "Es gibt Leute, die sich nicht entblöden, zu behaupten, daß Mein Vater das, was er mit dem seligen Prinzen gemeinsam mit dem Schwert erkämpfte, wieder herausgeben wollte. Ich glaube, daß darüber nur eine Stimme sein kann, daß wir lieber unsere gesamten 18 Armee­korps und 42 Millionen Einwohner auf der Wal­statt liegen lassen, als daß wir einen einzigen Stein von dem, was Mein Vater und der Prinz Friedrich Karl errungen ha­ben, ab­tre­ten."

Man verbindet das den Zwillingen zuge­ordnete dritte astrologi­sche Haus auch mit der Selbstdarstellung und kurzen Reisen. Auch das traf das Wesen dieses Kaisers, der sich keine Gelegen­heit der Selbstinsze­nierung entgehen ließ und dazu permanent von einem Ort zum anderen in seinem Lande unterwegs war. Seine diversen di­plomatisch unüberlegten Telegramme brachten das Deutsche Reich auch bald an den Rand eines Krieges mit England. Der schon erwähnte naturgegeben abgehackte Telegramm-Sprachstil schien auch auf des Kaisers all­gemeine Ausdrucks- und Denk­weise abzufärben. An seinem Schreibtisch saß er übrigens auf einem Pferdesattel, was diesen Eindruck unterstreicht. Er vertrat auch die Auffassung, daß brenzlige Situa­tionen nichts für Zivi­listen seien; diese müß­ten vom Sattel aus entschieden werden (hopp-hopp-hopp: gemäß dem Zwillings-Prinzip).

1896 fanden die ersten Olympi­schen Spiele der Neuzeit statt, 1897 hatte Bernhard Shaw seinen ersten großen Bühnenerfolg, und 1898 wurde in Deutschland das erste Flottenge­setz verabschiedet, womit nach der Vor­stel­lung Wilhelms II. der Übergang Deutschlands zur Weltmachtpolitik möglich werden soll­te. Zunächst ging es dabei um den Bau einer Schlachtflotte. Im Jahre 1900 wurde dann das zweite Flottengesetz verab­schiedet, bei dem man davon ausging, daß die deutsche Flotte so stark sein müsse, daß eine Auseinandersetzung mit ihr für jede aus­ländische Macht der Welt ein großes Risiko bedeute. Zugleich glaubte man da­durch aber auch Deutschlands allgemeine Position in der Welt zu stärken und sich ei­ne Politik der freien Hand zu ermögli­chen. 1899 veröffentlichte Houston Stewart Chamber­lain sein Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, in dem er seine Theorie vertrat, die Rasse sei das wesentli­che Element jeder kulturellen Entwicklung, und besonders die germanische Rasse sei die höchste Elite. Im Jahre 1900 fand der erste Flug­versuch mit einem Zeppelin in Friedrichshafen am Bodensee statt, der da­bei eine Höhe von 400 Metern erreichte. Derartige Erfolge unterstützten den allge­meinen Fortschrittsglauben, der in dieser Zeit so ungebrochen war wie niemals zu­vor. Man glau­bte, über kurz oder lang alle Menschheitsprobleme lösen zu kön­nen und setzte dabei auf den weiteren Siegeszug der Naturwis­senschaften und der menschlichen Intelligenz. Sigmund Freud un­ternahm in seinem um die Jahrhundertwende erschie­nenen Buch Die Traumdeutung, mit dem er die Wissenschaft der Psychoana­lyse be­gründete, den Versuch, auch das Unterbe­wußtsein des Men­schen und seine Traum­welt systematisch zu analysieren. Er ver­stand die Träume als eine symbolische Verkleidung unterbewußter Wünsche des Menschen, wobei diese durch eine unter­bewußte Zen­sur in einer Weise übersetzt werden, die ihre Verarbeitung und Ak­zeptanz ermöglicht. Über die Brücke der Traumdeutung wollte Freud zum eigentli­chen Inhalt des Unterbewußtseins und der un­bewältigten Probleme seiner Klienten vorstoßen. So wurden selbst die letzten Tabus durchanalysiert, und die „Aufgeschlossenheit“ für sexuelle Proble­me galt ebenfalls als Fortschritt. Jetzt konn­te man die großen Empfindungen früherer Gene-rationen auf das Sezierbrett legen mit­samt allen Geheimnis­sen, die sich früher damit verbanden. Längst hatte man ja er­kannt, daß der Mond nur ein toter Him­melskörper war, und die vermeintlichen Er­fahrungen der Astrologie, daß diesem das Un­terbewußtsein zu­geordnet werden muß, gelten den Analytikern oh­nehin als aben­teuerlicher und mittelalterlicher Aberglau­ben. (Daß allerdings die Menstruation sich den Mondperioden anpaßt, kann man sich bis heute kausal nicht erklären: die astrolo­gi­sche Erfahrung ordnet beides dem Krebs-Archetypus zu.) Wenn man erst genau ver­standen hat, was den Menschen im Inner­sten be­wegt, so kann man ihn schließlich auch gegen seine eigene Natur beschützen. Freud erläuterte seine Sicht der Dinge in einem später erschie­nenen Buch unter an­derem so:

Wir nehmen an, daß das Seelenleben die Funktion eines Apparates ist, dem wir räum­liche Ausdehnung und Zusammenset­zung aus mehreren Stücken zuschreiben, den wir uns also ähnlich vorstellen wie ein Fernrohr, ein Mikroskop u. dgl. Der kon­sequente Ausbau einer solchen Vorstellung ist ungeachtet gewisser bereits versuchter Annähe­rung eine wissenschaftliche Neu­heit... Infolge der vorgebildeten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Mus­kelaktion  hat das Ich die Verfügung über die willkürli­chen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfüllt sie, indem es nach außen die Reize kennen­lernt, Erfahrungen über sie aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermei­det (durch Flucht), mäßigen Reizen begeg­net (durch Anpas­sung) und endlich lernt, die Außenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil zu verändern (Aktivität); nach innen gegen das Es, indem es die Herrschaft über die Triebansprüche ge­winnt, entscheidet, ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sol­len, diese Befriedi­gung auf die in der Außenwelt günstigen Zeiten und Umstände ver­schiebt oder ihre Erregungen überhaupt unterdrückt. In sei­ner Tätigkeit wird es durch die Beachtun­gen der in ihm vorhandenen oder in das­selbe eingetragenen Reizspan­nungen gelei­tet. Deren Erhöhung wird allgemein als Unlust, deren Herabsetzung als Lust emp­funden... Das Ich strebt nach Lust, will der Unlust ausweichen. Eine erwar­tete, vor­ausgesehene Unluststeigerung wird mit dem Angstsignal beantwortet, ihr An­laß, ob er von außen oder innen droht, heißt eine Gefahr. Von Zeit zu Zeit löst das Ich seine Verbindung mit der Außenwelt und zieht sich in den Schlafzustand zurück, in dem es seine Organisation weitgehend ver­ändert. Aus dem Schlafzustand ist zu schlie­ßen, daß diese Organisation in einer besonde­ren Verteilung der seelischen Energie be­steht. usw.

Ende des Jahres 1900 erschien übrigens das Buch Das Jahr­hun­dert des Kindes, das ein beispielloser Erfolg und zum Schlag­wort der ganzen Epoche wurde. Auch Kin­der werden ja den Zwil­lingen zugeordnet. Man ging dabei von der Überzeugung aus, daß man es den Kindern ermöglichen müsse, sich natürlich zu entwic­keln, wie es schon Rousseau gefordert hatte. 1896 war üb­ri­gens auch die Münchner illustrierte Wo­chenzeitschrift Jugend ge­gründet worden, womit sich bereits der Jugendstil ankün­digte.

Natürlich sind auch wissenschaftliche Theorien, wie Thomas S. Kuhn in seinem großartigen Buch Die Struktur wissen­schaftli­cher Revolutionen dargelegt hat, ein Modefrage, und so kann es nicht wun­dern, daß jetzt wieder einmal (siehe dazu die Korpus­keltheorie von Newton) die Theorie der Quanten­natur des Lichtes die Oberhand gewann: am 14.12.1900 war die Geburtsstunde der Quantentheorie von Max Planck. Wenn die Na­turwissenschaft­ler wüßten, daß man von allen ihren Ent­deckungen Horoskope machen kann, in de­nen deren Struktur zu erkennen ist! Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung standen gleichzeitig fünf Planeten gerade im Schüt­zen: wäre nämlich die Mathematik eine rein merkurische (also rational-verstandesmäßi­ge) Angelegen­heit, so würde sie über die Grundrechenarten niemals hinausgekom­men sein. Tatsächlich spielen dabei aber mystische Offenbarungsmo­mente eine ganz ent­schei­dende Rolle - von den gesellschaft­li­chen Verstärkungsme­chanismen im Sinne des 10. astrologischen Hauses ganz abge­sehen (als Präsident der Gesellschaft, vor der man seine Theorie vor­trägt, findet man natürlich leichter Gehör als ein noch Unbe­kannter). John Grib­bin: "Plancks Glei­chung stimmte hervorragend mit den Be­obach­tungen überein. Doch im Unter­schied zu den bei­den halbrichtigen Geset­zen, aus denen sie aufgebaut war, hatte sie keine physika­lische Grundlage." Der be­rühmte Mathematiker Johann von Neu­mann soll einmal zu einem seiner Studenten gesagt haben: „In der Ma­thematik ist es nicht nötig, daß sie alle Dinge immer be­greifen - Sie gewöhnen sich einfach daran.“(6) Die starke Besetzung des Schützen zum Zeitpunkt der Veröffentli­chung erklärt aber die außerordentliche philosophische Wir­kung der Quantentheo­rie, die sich schon in der ersten Hälfte die­ses Jahrhunderts unter den Physikern zeigte und heute vornehm­lich die esoterische Szene erfaßt hat. Es gibt eine wahre Fülle von Literatur (z.B. Fritjof Capra), die sich mit der Analogie zwischen Quanten­physik und östlicher Philosophie befaßt.

 


1 Lagenevais in "Revue des Mondes" am 15.6.1875, als Neptun gerade in den Stier getreten war.
2 Montrosier in "L'Art".
3 Anthony Sampson: Globalmacht Geld.
4 Ulrich Herzog: FahrradPatente.
5 Aus: Eine Totenwache.
6 Im übrigen haben die Beweise in der höheren Mathematik nur dann den Charakter von Punktbeweisen im Sinne einer Ableitung, aus der schlüssig, widerspruchsfrei und allgemeinverbindlich das "quod erat demonstran­dum" hervorgeht, wenn das Problem sehr eindeutig und damit entsprechend trivial ist, während höhere Ab­lei­tungen bei komplexen Problemen eher durch ein (neuartiges) Be­weissystem einer Lösung zugeführt werden, deren Gesamtheit al­lerdings nur die Vermutung eines Beweises hat, der sich durch die Vielzahl der auf das Ziel verweisenden (und für sich vielleicht im Einzelnen auch irrigen) Wegweiser verdichtet - ganz ähn­lich wie die "Beweise", die in diesem Buch für eine höhere Gesamtaussage geführt werden: jede Exaktheit verliert sich bei zunehmender Komplexität des Problemes und erfordert dann in jedem Falle die Kongenialität der persönlichen Mitvollzuges desjenigen, dem et­was bewiesen werden soll. Hier berühren sich also alle Natur- und Geisteswissenschaften.
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