Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun im Stier

(1875-1889)

 

Schon in den 1870er, dann aber vor allem in den 1880er Jahren, ließ sich ein allmähliches Erstarken der quasiräuberischen Geschäftsmethoden, des Statusgefühls, der anthropomorphen Vorstellungen und der konservativen Haltung im allgemeinen feststellen. (Veblen: Theorie der feinen Leute.)

Großbritan­nien begann unter Neptun im Widder seinen Aufstieg zu einem Welt­reich, der sich nun machtvoll fortsetzte und für den es in der abendländischen Ge­schichte zuvor nur das Beispiel des römi­schen Reiches gegeben hatte. Doch man hat auch hier den Ein­druck, daß es dabei eher getrieben wurde als daß es einer von vorn­herein feststehenden Absicht folgte. Bei dem im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Erscheinung tretenden Im­perialismus (den wir schon unter Pluto im Stier erwähnt hat­ten, der jetzt aber erst ei­gentlich einsetzte) spielte England die Vor­reiterrolle, und dort war wiederum der Premierminister Benjamin Disraeli die dies­bezüg­lich treibende Kraft. Noch 1870 hatte die britische Regierung den Erwerb eines ihr vom Khedive von Ägypten angebotenen Suez­kanal-Aktienpaketes abgelehnt, und erst der Erwerb dieser Akti­en im Jahre 1875 durch Disraeli kennzeichnete den ent­scheiden­den Wandel der britischen Politik, der zugleich symbolisch war für den neuen Imperialismus. Denn der Suezkanal ver­kürzte ent­scheidend die Verbindung nach Indi­en, das der Grundpfeiler des britischen Empire war, so daß nun die Kontrolle über die Verbin­dungswege dorthin zu einer zen­tra­len Aufgabe der britischen Po­litik wurde. In der Folgezeit stieg das Volumen des eu­ropäi­schen Handels mit Indien auf das Doppelte. 1877 wurde Königin Victoria zur Kaiserin von Indien ernannt, was Disraeli als de­monstrative Geste zur Bekundung der Entschlossenheit Englands empfohlen hatte, seinen Anspruch auf Indien mit allen Mit­teln zu verteidigen. Von diesen ersten eher zufällig wirkenden An­fängen nahmen die Dinge dann aber bis zu der europäischen Rau­ferei um Kolonien um 1885 einen sehr ziel­gerichteten Verlauf.

Es lag in dieser Periode etwas Neues in der Luft: hatte in der Widder-Phase der reine Pioniergeist den Gang der Dinge und be­sonders der Technik vorangetrieben, so wurde nun die trei­bende Kraft vornehmlich das industrielle Profitstreben. Schon die Tatsache, daß die neuen Fertigungsmetho­den der Massenpro­duktion zur Investition gewaltiger Werkzeugmaschinen zwangen, führte zur Notwendigkeit der Kapitalkon­zentration. So trat an die Stelle des reinen Erfindergeistes jetzt das Element der Fi­nanz­kraft und des wirtschaftsorientierten Denkens: Patente konnte man schließlich kaufen und Techniker anstellen. Auf diese Weise traten ganz andere Charaktere in das erste Glied, und Edison verkörpert insofern einen Übergangstyp, als er so­wohl Erfin­der­geist als auch die Fähigkeit zu wirt­schaftlichem Denken in sich vereinte. Es ging jetzt nicht mehr um Innovatio­nen als Selbst­zweck, sondern um die Rationalisie­rung von Ar­beitsprozessen und den Umsatz von Massen und Mengen. Das brach­te so­wohl von der Hersteller- als auch von der Abnehmer­seite her die Notwendig­keit so­zialer Umstrukturierungen mit sich, denn die Massengüter waren Konsumgüter und als solche auf die Abnahme angewiesen, für die man nun neben den Bürgern auch zu­nehmend die Arbeiter­schaft selbst gewinnen und in die Lage ver­setzen mußte. In glei­chem Maße mußte man sich nun aber auch jenseits der nationalen Grenzen um Ab­satzmärkte sowie Rohstoff-Zulieferer kümmern, wodurch die Basis für den Ko­lonialismus ge­schaffen wurde. Was als Machtzuwachs gedacht war, erwies sich zugleich als verstärkte Abhängigkeit von diesen neuen Struktu­ren: man mußte nun vorwärtsgehen und sowohl den eigenen Be­reich absichern (was überall den Protektio­nismus förderte) als auch neue Bereiche dazugewinnen. Da die eigene bäuerliche Struktur und Kultur sich in den neuen In­dustrienationen zunehmend auflö­ste, mußte in überseeischen Ländern dafür Ersatz ge­funden wer­den. So war nach der neo-mer­kantilistischen Logik jede Indu­strienation gezwungen, sich ein eigenes Kolonialreich zu schaf­fen. Natürlich förderte diese Politik als Kombination von for­cierter Eroberung und gleichzeitiger Abschottung das Kon­kur­renzdenken unter den europäischen Ländern und Amerika, wodurch gleichzei­tig der Nationalismus verschärft wurde - eine Entwick­lung, deren Folgen sich erst im zwanzigsten Jahrhundert zeigen sollten.

Ein Fünftel der gesamten Landflächen des Erdglobus kam im letzten Viertel des neun­zehnten Jahrhunderts unter die direkte Herrschaft der Europäer. Man kann die Entwicklung dieser Jahre kaum noch ratio­nal erklä­ren, wenn man es auch oft versucht hat. Der Imperialismus brachte den Län­dern, die ihn betrieben, nämlich kaum einen wirklichen wirtschaftlichen Vorteil, sondern diente eher ihrem bloßen Machtstreben. Alle Großmächte bemühten sich jetzt um neue Eroberungen und führten dazu auch meistens kostspielige Kriege. Es hatte ja schon früher vereinzelte Kolonien gegeben, die aber zugleich auch als moralische Ver­pflichtung gegenüber den kolonialisierten Ländern gesehen worden waren, jetzt aber ging es nur noch um Macht- und Besitz­ausdehnung und Prestige. Es ging um rein wirtschaftliche Überlegungen und politi­sches Konkurrenzdenken, das in allen eu­ropäischen Ländern nicht nur die politi­schen Führer leitete, sondern auch von der ganzen Ba­sis der Völker getragen wurde. Völlig stier-gemäß ging es dabei um die Faszination des territorialen Zugewinns, des Aus­baues des eigenen Machtbereiches, der sich auch in der Faszina­tion gegenüber den wachsenden Industrieanlagen und kau­sal oder transkausal den wachsenden Groß­städten zeigte. Was die übrigen Europäer leitete, war vor allem das Beispiel des wachsenden britischen Empire: man raufte sich schließlich um den Rest der Welt, die man vollends in den eigenen Besitz bringen wollte.

Die Zeit des Neptun im Stier war die große Zeit vor allem zwei­er deutscher Autoren; Theodor Storm und Theodor Fontane. Be­son­ders Fontanes später Durchbruch ab 1878, als er, der lange im Schatten seiner Altersgenossen gestanden hatte, plötzlich zu einem Idol der Jugend wurde, erinnert insofern an den Fall Schopenhauer. Im Werk Storms und Fontanes spürt man förmlich die dampfende Erde, was keines­wegs abwertend gemeint ist, ganz im Ge­genteil, denn Bildhaftigkeit und Plastizität ist ja das höchste, was ein Künstler errei­chen kann, wozu er aber auch die nur schicksalhaft (d.h. astrologisch) zu fassende Rückkoppelung der Gesellschaft braucht - und das ist stets eine Funktion des Erd-Elementes. Unter Feuer werden die Werke gezeugt, unter Luft werden sie von der je­weilig aktuellen Szene diskutiert, unter Wasser werden sie von einigen be­sonders sensibelen Gei­stern tief empfunden, und un­ter Erde erfahren sie ihre Festi­gung im Be­wußtsein der Nachwelt, wobei es im Sinne der drei Erdzeichen wiederum verschiedene Möglichkeiten gibt: unter der Jungfrau müssen wir in der Schule oft wi­derstrebend z.B. Ge­dichte auswendig ler­nen, unter dem Steinbock wird uns das Bild geistiger Au­toritäten vermittelt (wie etwa Gerhard Hauptmann oder Thomas Mann), und unter dem Stier erleben wir die vergan­genen Dichter im anheimelnden Rahmen von Vorlesestunden, die uns ein Nacherle­ben ermöglichen: so gehören Storm und Fon­tane üblicherweise nicht zu den Auto­ren, derer wir uns eher unfreu­dig erinnern, son­dern wir empfinden sie als einen Teil unse­res gewachsenen kulturellen Bodens - unse­re Väter und Großväter je­denfalls emp­fan­den es so. 1876 erschien auch der Ro­man Ein Kampf um Rom von Felix Dahn. Aber auch den Schweizer Conrad Ferdi­nand Meyer müssen wir entschieden unter Nep­tun im Stier sehen, denn wenn er auch schon wie erörtert unter dem Widder tätig war, so veröffentlichte er doch das meiste unter dem Stier. So auch seinen Roman Der Heilige, dem wir den folgen­den Text­auszug entnehmen, der besonders gut geeig­net ist, die Stier-Qualitäten zu veran­schau­lichen:

Jetzt erscholl auf dem Holzboden der be­dachten Brücke, welche sich unfern der Stadt über den Sihlstrom legt, der dumpfe Hufschlag eines Pferdes, und unter dem Sparrenwerk der finstern, den Stadtmauern zugewendeten Öffnung erschien ein einsa­mer Reiter. Seine feste Gestalt war so warm in einen grobwollenen Mantel ge­wickelt, und er hatte sich dessen Kapuze derart über den Kopf gezogen, daß von seiner Person kaum mehr als ein breiter grauer Bart zum Vorschein kam. Hart hinter dem starken Gaul von heimischer Rasse trabte mit beschneitem Rücken und melancholisch gesenkter Schweiffahne ein großer Pudel. Der polternde Widerhall des Hufes in der Holzwölbung weckte die drei Reisegefährten aus dem Halbschlummer, den Frost und Schnee über sie gebracht hatten, und stellte ihnen Tor und Herberge in nahe Aussicht... Rechts, wo der Bäcker seine frischen Laibe ausgab, links, wo un­ter dem ru­ßigen Vordach der Rollen­schmiede der Amboß erdröhnte und die Funken sprüh­ten... Die alemannischen Laute aber, in welchem er Gruß und Rede zurückgab, schlugen so rund und frank aus seinem Munde... "Erzähle, Hans," rief der Chorherr mit zitternder Lebendigkeit und richtete sich, die alten Hände auf die Armlehnen stützend, begierig in seinem Stuhl in die Höhe. Der Armbru­ster schürte schweigend das Feuer und faßte seine Ge­danken zusammen. Seine festen eckigen Züge waren finster geworden, und seine funkelnden Augen san­nen...

Und so weiter: Die Welt­sicht, die sich hinter dieser Darstellung verbirgt, ist völlig materialistisch. Meyer war ein Darwinist und - wenn auch unein­gestanden - Sozialdarwinist, und gerade in seinem Heiligen kann man auch auffal­lende Parallelen zu Nietzsche finden. Im Grunde konnte es in dieser Welt keine Mo­ral ge­ben, die nicht letztlich auch kausal-wissen­schaftlich zu begründen war. Die Moral konnte sich nur dadurch rechtferti­gen, daß man durch sie im Kampf ums Da­sein auch sehr real stark und überlegen wurde. Alles dieses müssen wir auch unter dem gleich­zeitigen Pluto im Stier sehen. Wenn wir in Antiquariaten die Buchausgaben aus dieser Zeit noch aufstöbern, so finden wir sie vor­nehmlich mit dicken Lederrücken versehen und in braunen Farbtönen gehalten: so wollte es der damalige Zeitgeschmack, in dem übrigens auch ein entsprechendes Vokabular vorherrschte - mit Begriffen wie z.B. „kollossal“.

Wie man auch zu den Einzelerscheinungen stehen mag: das neun­zehnte Jahrhundert ist sicher das kreativste in der abendländi­schen Geistesgeschichte überhaupt gewesen, und es wa­ren vor al­lem auch zwei Komponi­sten, die es insofern entschei­dend mitge­stal­teten: Beethoven und Wagner, die - mag ih­re son­stige Bewer­tung (vor allem, was Wagner betrifft) auch persönli­che Ge­schmackssache sein - bezüglich der reinen Erfindungshöhe ihrer musikalischen Ideen und der dadurch erreichten Aussage- und Ausdrucksstärke keinen Vergleich mit an­deren Komponisten beson­ders anderer Jahrhunderte zu scheuen brauchen. Wir wollen hier aber nicht bewerten; es genügt die reine Feststellung, daß Wag­ner wie kein anderer Komponist bis heute eine feste und sich immer er­neuernde Gemeinde stetiger Bewunderer hat und daß es sich bei diesen (abgesehen von der Schickeria, die nur um der Sensation und der Obligation willen ebenfalls erscheint) nicht um Musikunkun­dige handelt. Er und seine Musik sind ganz zwei­fellos eine archetypische Urge­walt, was sich nicht nur in sei­ner Wirkungsge­schichte zeigt, sondern auch - wiederum, wie es scheint, geradezu transkausal, also wie von einem höheren Re­gisseur bewußt gelenkt - in der gesamten Dramaturgie sei­ner persönlichen Legende: man denke nur an die wirklich märchen­hafte Beziehung zu dem Märchenkönig Lud­wig II., die natür­lich bestens geeignet war, die Phantasie der Zeitgenossen zu beflü­geln. Am 13. August 1876 wurden die Bay­reuther Festspiele (deren eigentliche Verwirklichung erst Wag­ners Witwe Cosima überlassen blieb, während Bayreuth bis dahin an sich nur als Uraufführungstheater diente) mit der Erst­auf­führung des Ring des Nibelungen in Anwesenheit Kaiser Wil­helms I. eröffnet. Wie erörtert hatten schon früher Wagners ro­mantische Opern ihre Erstaufführungen erlebt, aber der Ring ist kaum noch als ro­man­tisch zu sehen, wenn auch immer wie­der ent­sprechende Motive durchbrechen - man könnte ihn insgesamt eher als expres­sioni­stisch bezeichnen. Aber solche Stilbe­zeichnungen sind immer et­was problema­tisch - am ehesten hilft uns auch hier wieder die astrologische Zuordnung weiter: schon das Ringmotiv als sol­ches, das uns hier in doppeltem Sinn begegnet - nämlich einmal als zentrales Handlungsthema und zum an­deren als gleich­bedeu­tend mit der ganzen Opern-Tetralogie - ist ja ein ausge­sproche­nes Stier-Thema. Es bezeich­net zugleich die erstrebte Materie und das abgesteckte Territorium, das sich hier auf gei­stige Dinge bezieht und diese zu einer inneren Einheit zu ver­schmel­zen sucht. Diese Ver­schmelzung war in der Tat notwendig, denn die einzelnen Werkteile waren über einen längeren Zeitraum etwa seit der Jahrhun­dertmitte entstanden, dementsprechend un­ein­heitlich und eigentlich nur durch die neue Leitmotiv-Technik zusammengehal­ten. Diese ist eine wagnersche Erfindung, derzu­folge ein musikalisches Motiv mit dem jeweiligen Auftauchen ei­nes Gegen­standes oder einer Person verbunden wird, was natür­lich die Zuordnungs- und Identi­fikations­mög­lich­keit erhöht. Stiermäßig sind aber vor allem auch die dabei verwen­deten Ko­stüme der Sänger gewesen, die in der damaligen Form heute nicht mehr ganz dem Zeitgeschmack entsprechen. Erst wenn Neptun das nächste Mal wieder in den Stier tritt, könnten also die Sänger wieder derar­tig auftreten. Stierhaft war ja auch die Idee des Bayreuther Theaters selbst, das der ei­gentlichen Darstellung der Wagnerschen Musik diente, also der Absicherung und Mani­festation eines Werkes. Leider gehö­ren auch weniger erfreuliche Dinge wie der Gobineausche Rassismus dazu.

Wagner paßte allerdings auch sehr in das Konzept der wilhelmi­nischen Ära. Wer die Geschichte der Entstehung des zweiten deutschen Kaiserreiches verfolgt, gewinnt dabei eher den Ein­druck einer bewußten und gezielten theatralischen Inszenierung als den einer natürlichen Gewachsenheit. Dieses folgt schon aus der außerordentlich kurzen Zeitspanne und Überstürzung der Ent­wicklung und enthält keineswegs den Vorwurf einer grundsätzli­chen Unechtheit oder Usurpation, denn es betrifft lediglich den Vorgang des Zusammenschlusses zu einer größeren Einheit, nicht aber die Sub­stanz dessen, was sich da zusammenschloß. Die ge­schichtliche Gewachsenheit der deut­schen Nation steht ansonsten außer Frage, da die deutschen Länder seit Otto dem Großen trotz ihrer Selbständigkeit und Vielzahl dennoch eine gemeinsame Nation bildeten, die zudem das Kernland des Heili­gen römischen Reiches (deutscher Nation!) und des Abendlan­des darstellte. Die Zer­splitterung der deut­schen Länder war eine Folge der Fürsten­politik Friedrichs II. von Hohenstaufen und bestand also seit dem Mittelalter - dieser Zustand hatte sich seit­dem so sehr verfe­stigt, daß es schon außer­gewöhnlicher Er­eignisse bedurfte, hieran noch etwas zu än­dern. Doch alle Ent­wick­lungen des neun­zehnten Jahrhunderts be­wirkten dieses Un­er­wartete insgesamt in ih­rer Aufeinander­folge dennoch, wobei kein Einzelschritt fehlen durfte, wie es aussieht. Die Aufein­ander­folge dieser Schritte er­scheint aus dem Rückblick derartig zielvoll und not­wendig, daß man sich dem Ein­druck einer bewuß­ten Inszenierung wie ge­sagt nicht entziehen kann. Den letzten Schritt in die­ser Folge aber vollzog der ei­gentliche Thea­terre­gisseur unter den Tier­kreiszeichen - nämlich der Stier. Es gibt gu­te Gründe, ihn so zu nennen, denn es ist seine Funkti­on, gei­stige Gegebenheiten so handfest zu machen, daß sie als Realität empfunden werden können: allenfalls den Löwen und die Waage kann man noch mit dem Theater in Verbindung bringen, aber eher in einer absichtlosen und spielerischen Weise, die nur Selbst­zweck ist. Der Stier jedoch ver­folgt die Absicht der Verfesti­gung: er si­chert ab, fundamentiert, baut aus, sammelt alles Da­zugehörige und um­gibt es mit einer eigenen Mauer. So sehr schon die ge­schichtlichen Ereignisse unter Pluto im Stier dieses Ziel verfolgten, wie wir sahen, umso mehr verstärkte sich das unter Nep­tun im Stier, da nun ab 1876 beide munda­nen Planeten gleich­zeitig in diesem Zeichen standen. Wenn überhaupt irgendwann, dann müßten wir in dieser Zeit erfahren, was der Stier bedeu­tet. In der Tat war ihr Haupt­thema die Verfestigung und Bild­haft-Ma­chung des bis dahin Vorbereite­ten - insbe­sondere im neuen deutschen Reich. Natür­lich gibt es in einem geistge­schaf­fenen Uni­versum Materie nur als gei­stige Fiktion, aber der Stier macht uns diese mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln handfest er­lebbar - nur in diesem Sinne und unter die­sem Vor­be­halt steht er für Mate­rie. So war auch das neue deutsche Reich eigentlich nur eine Fiktion, die jetzt so sehr verfestigt wurde, daß am Ende niemand mehr daran zweifelte, daß sie Reali­tät war, denn unter dem Stier konnte solcher Zwei­fel zumindest nicht offiziell werden. Auch alle Mittel der Kunst waren auf dieses Ziel gerichtet, was vor allem bei den systemkon­formen Künst­lern der wilhelminischen Ära sehr deutlich wird, wie etwa bei dem Maler Anton von Werner, der sein unbestreitbar großes Ta­lent so sehr in den Dienst des Staates stellte, daß er sich noch zu seinen Lebzeiten überlebte, als die Entwicklung über ihn hinwegging, so daß wir ihn heute kaum noch kennen. Allen­falls als Maler der Kai­serproklamation ist er uns noch aus den Geschichtsbüchern bekannt, und seine Bil­der finden wir eher im Nationalmuseum als in einem Kunstmuseum. Diese hatten zu ih­rer Zeit den Zweck, die politisch wichtigen Ereignisse möglichst naturgetreu und mit dem Anschein der unmittelbaren Berichter­stattung wiederzugeben und dabei die we­sentlichen politischen Akteure möglichst wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die natu­ra­listischen Darstellungen Kaiser Wilhelms I., seines Sohnes und späteren 99-Tage Kaisers Friedrich III. des Jahres 1888, Wil­helms II., Bismarcks und Moltkes sowie weiterer wichtiger Per­sönlichkeiten - vor allem Militärs - schmückten bald als Wand­gemälde fast jedes öffentliche Treppenhaus und waren aus Schu­len und Rathäusern nicht mehr wegzudenken. Die Pickelhau­benträ­ger (war nicht schon dieser Pickel ein stilisiertes Stierhorn?) schmückten auch als Denkmäler fast jeden Park und Marktplatz und als Bilder zudem sogar jedes Wohn­zimmer: niemals zuvor oder später hat es eine solche Invasion von bildhaften Darstel­lungen der Staatrepräsentanten gegeben. Dabei muß bemerkt werden, daß einerseits von Realistik nur im Sinne eines Anspru­ches die Re­de sein konnte, nicht aber im Sinne von Tatsachen, (denn selbst­verständ­lich waren die meisten Bilder gestellt und ideale Fik­tionen), daß aber diese Darstel­lun­gen andererseits vom Volk vor­nehmlich völlig unkritisch als wirkliche Realität hin­genommen wurden. Das mag uns aus heu­tiger Sicht wundern, aber unter dem Stier konnte es gar nicht anders sein, denn mit nationalen Ab­wandlungen spielte sich in den anderen Ländern das gleiche ab, was auch der Grund für die nationalistische Konfrontation be­sonders zwischen Frank­reich und Deutschland war, die sich jetzt gegenseitig als "Erbfeinde" stilisierten. Der durchschnittliche Bürger fühlte sich als Zeit­zeuge gewaltiger historischer Ent­wicklun­gen, während er doch selbst an deren Er­zeugung direkten Anteil hatte, indem er durch seine Reaktion zu ihrer Verfesti­gung beitrug: eben dieses ist die Sicht der Astrologie, die im Gegensatz zum positivi­stischen Weltbild die ebenfalls den astrologi­schen Konstellationen entsprechenden Er­kenntnisakte in das Geschehen einbezieht, statt das freie Subjekt einem objektiven Geschehen gegenüberzustellen und die Ge­schichte als solches zu begreifen. Ge­schichte aber ist wie gesagt immer subjektiv - sowohl zum Zeitpunkt ihres Geschehens wie zum Zeit­punkt der späteren Berichter­stattung und Reflektion.

Auf dem Platz vor dem Pariser Eiffelturm wurde anläßlich der Weltausstellung von 1889 eine heute noch dort befindliche Pla­stik aufgestellt, die lediglich aus einem Stierkopf besteht (wörtlich heißt Neptun im Stier ja auch: aufgelöster Stier, wozu auch die Tatsache paßt, daß in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts fast alle Bisons in Nordamerika ausgerottet wurden). Man moch­te das also damals offenbar, wenn man sich auch keine Rechenschaft darüber abgab, warum - nur die Astrologen können das erklären. Interessanterweise verwen­dete Eiffel auch sehr viel Mühe auf die Konstruktion der Fundamente seines Tur­mes, denn der Stier will sich absichern und fest stehen; ein siche­rer Stand auf abge­stecktem Territorium: darum geht es ihm vor allem. Auch die Beschaffung und lang­fristige Finanzierung der zum Turmbau be­nötigten Gelder machte sich Eiffel zu einer höchstpersönlichen Sache, was üblicher­weise in dieser Betonung nicht gerade eine ausgesprochene Ingenieuraufgabe ist. Was die Fundamente anging, so wurde schon das Baugelände selbst ent­scheidend unter dem Gesichtspunkt der Tatsache ausge­wählt, daß der Baugrund ausgezeichnet war. Es handelte sich um eine dicke, feste Schicht trockenen Lehmes, über dem sich eine hohe Kiesla­ge befand: "Man mußte für die beiden am weitesten von der Seine ent­fernten Pfeiler ein Trockengründungssy­stem verwenden und das der Druckluft­gründung für die beiden Pfeiler, die sich am näch­sten bei der Seine befinden." Das Pro­blem der Schlamm- und Mer­gelschicht an der zum Fluß liegenden Seite machte Eiffel  also zu schaffen, und so kam er auf die Idee einer nachträglich je­derzeit justier­baren Druckluftgründung, deren techni­scher Auf­wand entsprechend ungewöhnlich war. Er traf dabei alle nur denkbaren Maß­nahmen gegen eventuelle Zwischenfälle. Es ging ihm vor allem darum, die vier Fuß­punkte des Turmes auf einer voll­kommen horizon­talen Ebene zu halten, weshalb er in jedem Sockel einen Hohlraum schuf, um dort eine hydraulische Presse und He­be­vorrichtung mit einer Kraft von 800 t zu in­stallieren: "Diese Pressen sollten ermögli­chen, die Streben zu verschieben und im nötigen Maß zu heben. Sie haben, als das nötig war, die genaue Nivellierung aller Unter­stützungspunkte bewirkt. Es war vor­treff­lich, das Zusammenfügen einer so be­achtli­chen Masse regeln zu können, wie der Geometer seine Wasserwaage mit Hilfe ei­ner Schraube richtet." Die gewaltigen Fun­damente konnten tatsäch­lich ein sehr viel größeres Gewicht als das des Turmes tra­gen, aber sicher ist sicher. Die Funda­men­tierungsarbeiten nahmen al­leine vier Mona­te in Anspruch.

Im Jahre 1877 lief das erste Tankschiff der Welt für den Trans­port von Erdöl vom Stapel, 1879 wurde die erste Registrierkas­se zum Patent angemeldet, und 1880 liefer­te ein erstes Dampfheiz­werk Fernwärme. Im gleichen Jahr wurden die ersten Münz­fern­sprecher in Europa und den USA ein­gerichtet, 1882 wurden einige Straßen und Plätze Berlins erstmalig mit elektrischen Straßen­laternen erleuchtet, 1883 wurden die ersten Kugellager für Fahrräder und Nähmaschinen hergestellt, die Glühfaden­lampe von Edison auf dem Markt einge­führt sowie in Chicago die ersten Wolken­kratzer gebaut. Ab 1885 lieferten in Berlin die Städtischen Electricitäts-Werke Strom nicht nur für die Stra­ßenlaternen, sondern auch für private Haushalte. 1889 fand üb­ri­gens auch die erste Exekution in den USA auf einem elektri­schen Stuhl statt. Bereits 1882 gründete der amerikanische In­dustri­elle John Davison Rockefeller den Standard Oil Trust, ei­nen Zusammenschluß von 40 Ölgesellschaften, die zu seiner Stan­dard Oil Company gehörten bzw. von ihr kontrol­liert wurden. Er versuchte damit ein Gesetz zu umgehen, das Monopolgesell­schaf­ten und Preisabsprachen verhindern sollte, in­dem er den Trust als zentrale Treuhand- und Kapitalgesellschaft organi­sierte. Er konnte damit alle Phasen der Öl­gewinnung und -produktion bis hin zum Vertrieb kon­trollieren. Da er dadurch Un­abhängigkeit von anderen Ölunternehmen erhielt, hatte er enorme Wettbewerbs­vortei­le und be­herrschte kurz darauf den gesam­ten Öl­markt.

Am 28. Oktober 1886 weihte der amerika­nische Präsident Cleve­land vor dem Hafen von New York die Freiheitsstatue ein, ein Geschenk des französischen Volkes an das amerikanische. Die Statue ist auf einem 27 Meter hohen Podest verankert, das sei­ner­seits auf einem 20 Meter hohen Beton­sockel ruht. Sie sollte bald zum Symbol der USA für Einwanderer aus Europa werden, doch leider wurden keine Armen und auch keine Farbigen mehr in das Land gelassen, sowie auch keine Kriminellen und Geistes­kranken. Das Bezeichnende daran ist, daß es darum ging, daß die amerika­nische Kul­tur keinen Identitätsverlust erleiden sollte, sondern so bleiben sollte, wie die Pilgervä­ter sie begründet hatten. Sie sollte vor al­lem nicht durch asiatische Einflüsse ver­frem­det werden. Die Schwarzen dagegen waren nicht betroffen, denn man betrach­tete sie inzwischen als integralen Bestand­teil der nordamerikanischen Geschichte.

Übrigens hatte in dieser Zeit eine amerikanische Malergruppe allen Ernstes begonnen, „...in einem sozialen Klima, das der Geldmanie des späten 20. Jahrhunderts ähnelte, Banknoten zu malen. Der erste aus dieser Schule, William Harnett, malte im Jahre 1877 ein Trompe-l’oeil einer Fünf-Dollar-Note... Auf Harnett folgte ein noch begabterer Banknoten-Maler: John Haberle; und beide wurden vom Federal Secret Service beobachtet und verwarnt, der sie in Wirklichkeit für Fälscher hielt. Andere Geldmaler hatten radikalere Motive, darunter Victor Dubreuil, der The Cross of Gold (Das Goldkreuz) malte und Geldscheine in der Form eines Kruzifixes anheftete - und damit auf die große volkstümliche Rede von William Jennings Bryan über das Kreuz des Goldes zu jener Zeit anspielte. Die Motive dieser seltsamen Maler waren unterschiedlich. Aber alle schienen geradezu manisch am Thema des Geldes interessiert als einer Art Religionsersatz.“(3)

Main page Contacts Search Contacts Search