Thema Mundan-Astrologie

Neptun in der Zeichen

(1862 - 1901)

 

 

Neptun im Widder

(1862-1875)

Unter der hier zu erörternden Periode voll­zog sich nun etwas, für das es eigentlich schon fast zu spät war und das die euro­päi­schen Mächte nur zwanzig Jahre später, im Zeitalter des Im­perialismus, kaum noch zu­gelassen hätten - nämlich die Gründung des deutschen Reiches. Dabei ist es offensicht­lich, daß selbst der vermeintliche Regisseur dieses Stückes - Otto von Bismarck - zu Beginn dieser relativ kurzen Zeitspanne noch selbst nicht wußte, wohin seine Akti­vitäten führen würden, denn so wie die Dinge anfangs standen, schien es aussichts­los, etwas derartiges ins Auge zu fassen - ja, Bismarck konnte anfangs noch nicht einmal den Wunsch dazu haben. So wurden also eigentlich alle Akteure nur wie Mario­netten geführt. Es begann damit, daß Bis­marck im September des Jahres 1862 zum preußischen Ministerprä­sidenten ernannt wurde. "Nicht durch Reden und Majori­tätsbe­schlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden", sagte der Konflikt­minister, wie ihn die Liberalen bald nann­ten, in seiner Antrittsrede, "sondern durch Eisen und Blut." Das lag in der Zeit: der Italiener Cavour äußerte sich ganz ähnlich, denn nicht nur Eisen, sondern auch wegen seiner roten Farbe das Blut sind ausgespro­chene Widder-Entsprechungen. Bismarck meinte, daß derjenige, der die Macht habe, genötigt sei, sie zu gebrauchen, weil ande­renfalls das Staatsleben stillstehe. Er war darin nicht zimperlich, wandte sich sogleich gegen die in der Opposi­tion stehenden Be­amten und verstärkte den Kampf gegen die Mehr­heit des Parlamentes, für das er ohne­hin nur Verachtung emp­fand. Die Abge­ordneten verstanden seiner Meinung nach von außenpolitischen Dingen ohnehin nichts. Völlig unnötig verstärkte er die Auseinandersetzungen mit dem Parlament. 1863 ließ er so­gar durch ein Sonderstatut freie Äußerungen der Presse untersa­gen und mißliebige Zeitungen ganz verbieten. Dadurch wurde das innenpolitische Klima der deutschen Staaten angeheizt und das Ansehen Preußens geschädigt, denn das, was in Preußen nicht er­scheinen durfte, er­schien umso profilierter in den Presseorga­nen der deutschen Nachbarstaaten. Wie sehr er sich zu dieser Zeit noch von dem späteren Bündnistaktiker unterschied, zeig­ten auch seine aggressiven Töne etwa ge­genüber Österreich. "Für die Phrasen vom Bruderkrieg", sagte er, "bin ich stichfest und kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug und bar." Bei anderer Gelegenheit äußerte er sich: "Man schießt nicht mit öffentlicher Mei­nung auf den Feind, sondern mit Pulver und Blei." Die Österreicher andererseits ver­suchten, die durch Bismarcks provozie­ren­des Verhalten entstandene anti­preu­ßische Stimmung im Sinne der habsburger Politik auszunut­zen. Dennoch fanden sich Öster­reich und Preußen in ihrem ge­mein­samen Vorgehen gegen Dänemark zusam­men, ge­gen das sie Ende 1863 einen Krieg began­nen, durch den Schleswig-Holstein zu Deutschland und Österreich kam. Dieses stärkte Bismarcks innen­politische Stellung erheblich. "Wenn Preußen und Österreich ei­nig sind", stellte er jetzt fest, "so sind sie 'Deutschland', und die Aufstellung eines andern Deutschland neben ihnen kommt in kriegerischen Zeiten einem Verrat der deut­schen Sache gleich." Immer noch ging es ihm bei solchen Äußerungen, mit de­nen er sich zugleich gegen das Abgeordneten­haus wandte, prinzi­piell um den Gegensatz zwi­schen dem preußischen Thron und der deutschen Gesamtdemokratie, die sich sei­ner Meinung nach nur unter der preußi­schen Führung verwirklichen ließ. So woll­te er nun die erfolgreiche Verbindung der beiden deutschen Großmächte für den ge­meinsamen Kampf gegen Demokratie und Revolution er­halten. Scharf richtete er sich in dieser Zeit gegen alle Kräf­te, die innen­politischen Widerstand leisteten. Man sieht an al­ledem, wie wenig er noch sein späteres Ziel der Gründung des deutschen Reiches vor Augen hatte, doch nahmen diese Dinge ih­ren eigenen Weg, denn zugleich ver­schärfte sich auch wieder der Gegensatz zu Österreich, mit dem es schon wegen des problemati­schen gemeinsamen Besitzes von Schleswig-Holstein zu Spannungen kam. Österreich wollte aus diesen Herzogtümern einen selbst­ständigen Bundesstaat machen, während Bismarck sie allein Preu­ßen an­zugliedern gedachte. Im August 1865 kam es zu der Konven­tion von Gastein, in der Öster­reich Holstein und Preußen Schleswig zugesprochen wurde.

Doch mißtraute Österreich jeder Stärkung Preußens, so daß die Konflikte zwischen beiden deutschen Mächten sich wieder zu­spitzten. Bismarck hatte dieses zwar zu verhindern versucht, doch sah er ein, daß er sich durch eine entsprechende Bündnis­poli­tik absichern mußte. Er war dabei bereit, dem bayrischen König die militärische Füh­rung in Süddeutschland zuzugestehen, falls dieser die Vormachtstellung Preußens in Norddeutschland anerkannte. Doch stellte sich Bayern ebenso wie die übrigen süd­deutschen Staaten auf die Seite Österreichs, zu denen sich auch Sachsen gesellte, wäh­rend die norddeutschen Kleinstaaten auf der Seite Preußens standen. Die Aussichten für den Krieg, der sich dann ergab und der zum Entscheidungskampf mit Öster­reich wurde, waren von vornherein für Preußens nicht sehr gün­stig beurteilt worden, aber durch die überlegene militärische Führung Moltkes kam es dabei dennoch zu dem ra­schen preußischen Sieg bei Königgrätz. Dieser Sieg, zu dem Moltke auch durch die erstmalige Verwendung moderner techni­scher Hilfsmittel wie Te­legraf und Eisen­bahn gekommen war, war Bismarcks Durchbruch, den er durch einen maßvollen Friedensvertrag mit Österreich si­cherte. Dieses schied damit allerdings aus Deutschland endgül­tig aus. Es gab dabei aber noch einen anderen Verlierer, näm­lich Frankreich, das sich nun nicht wie erhofft seiner Rolle als lachender Dritter erfreuen konnte und sich einem starken preußischen Staat gegenübersah, den es in jedem Fall hatte ver­meiden wollen. Jetzt erst konnte Bismarck größere Pläne schmie­den, und diese hatten zu seiner Zeit durchaus revo­lutionären Charakter, denn er wollte die nach 1848 gerade wieder erstark­ten monar­chistischen Systeme nun beseitigen. Zum erstenmal seit Friedrich dem Großen stand jetzt ein Mann an der Spitze der preußi­schen Regierung, der bewußt preußische Großmachtpolitik betrieb. Während Bis­marck noch vor Königgrätz der meistge­haßte Mann Deutschlands gewesen war, war ihm nun seine Bedeutung nicht mehr abzusprechen.

Die eigentliche Reichsgründung wurde aber erst durch den Sieg über Frankreich 1870/71 möglich, da er die Idee der deut­schen Identität verstärkte. Der Grund zu diesem Krieg lag sicher in der Tatsache, daß Frankreich die politische Einigung Deutsch­lands verhindern wollte, doch der Anlaß war eher nebensächlich: es ging um die spanische Thronfolge, um die ein klein­licher Konflikt ausbrach, da Frankreich es nicht dulden wollte, daß - wie ursprünglich vorgesehen - ein Hohenzoller den spani­schen Thron bestieg. Zwar führte der fran­zösische Protest zum Thron­verzicht des Preußen, aber Frankreich forderte, daß der preußi­sche König auch für die Zukunft aller derartigen Ansprüche ent­sagte. Die Form, in der das geschah, war dabei so massiv, daß man in Deutschland allgemein entrüstet war und sich dementspre­chend äußerte, was wiederum Frankreich zum Kriegsent­schluß brachte. Wie sehr dieses dann zum Zusammenschluß der deutschen Staaten führte, ist daraus ersichtlich, daß Bayern sich dabei ursprünglich nicht auf die Seite Preußens stellen wollte, doch durch den Druck der nationalen Bewegung den Bündnisfall aner­kennen mußte. Wieder ge­lang es nun dem Feldherrn Moltke, einen Sieg herbeizuführen und die französischen Heere vernichtend zu schlagen, während gleichzeitig Bismarck durch seine ge­schickte Bündnispolitik verhindern konnte, daß Frankreich von anderen Ländern Un­terstützung erhielt. Das französische Kai­serreich wurde gestürzt, und Napoleon III. geriet in preußische Gefan­genschaft. Auch die bis dahin bestehende französische Be­setzung Italiens fand damit ein Ende, und Rom wurde nun zur Hauptstadt des italieni­schen Nationalstaates. Der preußische Kö­nig hatte sich allerdings bis zuletzt dagegen gewehrt, in Versailles zum neuen deutschen Kaiser ernannt zu werden, wurde aber vom Gang der Ereignisse und Bismarcks ge­schickter Regie überrollt. Spä­teren Gene­rationen wurde dieser historische Augen­blick durch das berühmte Bild Anton von Werners vermittelt, doch muß dabei be­dacht werden, daß es kein anderer war als Bismarck selbst, der dieses Bild zu propa­gandistischen Zwecken in Auftrag gege­ben und dazu buchstäblich alle Darsteller mit­samt Kostümen ar­rangiert und regelrecht gegen ihren Willen zusammengezerrt hatte. Doch schuf er damit Fakten, die danach niemand mehr än­dern konnte und die die politische Landschaft des Abendlandes ent­scheidend veränderten. Hinter dem wie selbstverständlich wirkenden Bild stand al­so der bewußt konstruierende Wille eines Regisseurs, der selber ganz offensichtlich (und wie Bismarck sich auch selbst des öf­teren geäußert hat) von dem Willen noch stärkerer Mächte geführt wurde, die alles äußerst zielgerichtet zurechtrückten. Die Hauptstadt des deutschen Reiches wurde nun  Berlin.

Auch die sonstigen Entwicklungen über­stürzten sich: 1863 hatte Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterver­ein gegründet, in der Schweiz wurde das Rote Kreuz gegründet, in England kam es zur er­sten Internationale, in Nordamerika wurde 1865 nach vierjähriger Dauer der amerika­nische Bürgerkrieg zwi­schen den Nord- und Südstaaten beendet, 1866 grün­deten amerika­nische Arbeiter die erste Ge­werk­schaft, die Sklaven wurden für frei erklärt, in London fuhr die erste U-Bahn mit Dampf, in ganz Europa kam es zu Re­for­men im Krankenhauswesen usw. Auch in nebensächlicheren Dingen zeigte sich der Pioniergeist der Zeit: so gelang die erste Besteigung des Matterhorns, und in Ame­rika ging die Produktion des ersten Win­chester-Gewehres und des Colt in Serie. Zwischen den großen Segelschiffen auf den Ozeanen gab es derweil regelrechte Wett­rennen - bei den Wettrennen der sog. Tee­klipper galt dasjenige Schiff als Sieger, des­sen Mannschaft als erste im Londoner Ha­fen ein Päckchen Tee an Land brachte.

Der Krieg von 1870/71 wurde wie kein an­derer vor und nach ihm vor allem in der Malerei thematisiert. Es gab - vielfach zum Verdruß der Kritiker, die aber der Tatsache ihrer unbestreitba­ren Popularität Rechnung zu tragen hatten - eine nicht enden wollen­de Flut von Schlachtenbildern. Die soge­nannte Militärma­lerei wurde zu einer spe­ziellen Disziplin, und es gab sogar speziali­sierte Militärmaler. Besonders in Frank­reich, wo ein Kritiker über einen dieser Maler sagte: "Niemand gibt besser als Al­phon­se de Neuville die peinigenden Ängste in den ent­scheidenden Auseinandersetzun­gen und im Todeskampf wieder; niemand verleiht sei­nen Bildgestalten ergreifendere Ausdrucks­formen und variiert die Typen auf intelli­gentere Weise, wobei er durch­gehend auf der Tonleiter des Schrecklichen bleibt, die er kaum verläßt." Verständli­cherweise wurde auf diesen stets patrioti­schen Bil­dern der jeweilige Feind als beson­ders grausam und arrogant und die eigenen Soldaten da­gegen als heldenhaft dargestellt. Objek­tivi­tät war dabei nicht gefragt und wurde sogar als subversiv erachtet. Natür­lich wurde diese Malerei mit dem Eintritt Nep­tuns in die Folgezeichen nicht plötzlich unmodern, doch traten mit dem Ein­tritt Neptuns in den Stier andere Themen und Motive in den Vordergrund, und die kriti­schen Stimmen gegenüber den Schlach­tenbildern wurden von da an immer lauter. So forderte ein französischer Kritiker 1875: "Schluß mit den verletzten, überraschten und flüchtenden Franzosen, Schluß mit den Leichen im Vordergrund, mit den klaffen­den Wun­den und der zerrissenen Klei­dung!"(1) Und 1878 stellte ein ande­rer fest: "Es möge uns indessen erlaubt sein, unsere Militärma­ler vor einem der Grundbestand­teile ihres Erfolges zu warnen: der Aktuali­tät. Die Aktualität, die zu ihrer Beliebtheit beige­tragen hat, beginnt schwächer zu wer­den, und diese graduelle Abschwä­chung macht eine Fortentwicklung ratsam, auf die sie sich klugerweise vorbereiten sollten."(2) Allerdings war auch un­ter Nep­tun im Wid­der die Zustimmung zu den Mi­litärbildern kei­neswegs allgemein. Es gab sogar ausge­sprochen antimilitaristi­sche Künstler, die aber bezeichnenderweise keine Chance hat­ten, ausgestellt zu werden und sich deshalb eher als Graphiker äu­ßer­ten. Der bekannte­ste unter ihnen war sicher Honoré Daumier, dessen Zeichnungen sich nicht nur gegen den Militarismus rich­teten, sondern gegen das Spießertum ganz allge­mein. Zudem gab es noch eine ganz andere Künstlergruppe, die sich überhaupt nicht politisch äußerte, weder im staatstragenden noch im op­positionellen Sinn, sondern de­nen es um die Kunst als solche ging: Im Jahre 1874 rief in Paris eine Ausstellung junger Künstler au­ßerhalb des offiziellen Salons einen Skandal hervor. Ein Journalist bezeichnete diese Künstlergruppe in Anleh­nung an den Titel des Bildes eines ihrer Mitglieder, Claude Monet, als Impressio­nisten, was zwar als Verhöhnung gedacht war, sich jedoch bald so allgemein durch­setzte, daß die Künstler diesen Namen an­nahmen. Zu ihnen gehör­ten des weiteren die Maler Pis­sarro, Manet, Degas, Cézanne, Sisley, Renoir, Bazille, Guil­laumin und Berthe Morisot.

So gegensätzlich alle diese Künstler schein­bar waren, so läßt sich dennoch feststellen, daß sie sich alle unter ein gemeinsa­mes Prinzip zusammenfassen lassen - nämlich unter das Widder-Prinzip. Das leuchtet bei den Militärmalern ganz unmittelbar ein, und auch die äußerst bissigen und aggressiven Karikaturen Daumiers bereiten hinsichtlich dieser Subsumierung keine Schwierigkei­ten, was aber ist bei den Impressionisten widder­haft? Es ist folgendes: auf den ersten Blick erinnert die Mal­weise der Impressio­nisten an William Turner, der vielfach als einer ihrer Vor­läufer genannt wird, doch ist diese Ähnlichkeit nur formal, nicht durch die eigentliche Motivation begründet. Wäh­rend näm­lich Turner als romantischer Maler durch seine duf­tige Malweise eine Wirk­lichkeitsüberhöhung und -enthebung zu er­reichen such­te, war es für die Impressioni­sten das genau ge­genteilige Mo­tiv, das sie zu einem ähnlichen Ausdruck brachte: sie wollten die ihnen aus der Wirklichkeit be­gegnenden Ein­drücke möglichst unver­fälscht aufnehmen, und zwar so unmittel­bar, daß ihnen für den Umsetzungsprozeß kaum noch Zeit blieb. Das sich daraus er­gebende Flüchtigkeitsmoment führte also zu der Diffusität ihrer Malweise, nicht die Überhebung. Turner galt die Wirklichkeit als unwichtig, die Impressionisten nahmen sie dagegen so wich­tig, daß ihnen das Wie­dergabemedium unwich­tig wurde, und so ka­men beide zu einem auf den ersten Blick ähnlichen Ergebnis. Folgerichtig verließen die Impressionisten ihre Ateliers und gingen hinaus in die Natur, und ihre Bilder ent­standen zumeist auf der Feldstaffelei. Das alleine war eine Neuerung, denn bis dahin hatten selbst die Landschaftsmaler ih­re Bil­der fast aus­schließlich im Atelier gemalt, die deshalb in höherem Maße Kunstpro­dukte waren. Die pointilistische Malweise der Impres­sionisten entsprach ihrem Tem­perament: der Widder hat keine Zeit zu langewährenden Prozessen, er sucht die unmittel­bare Tat und stellt sich der Wirk­lichkeit so, wie sie ist. Zu­gleich wa­ren diese Maler natür­lich auch Pioniere und Kämpfer für eine Idee, die sie für rich­tig hielten und in deren Namen sie mit den überkommenen Tradi­tionen brachen. Die Öffentlich­keit hielt sie für Revolutionäre und verstellte ih­nen den Weg zu den Sa­lons, aber das schien sie in ihrer Begeisterung für ihre Sa­che nicht zu stören. So verweist uns die Astrologie auf das eigent­lich Verbindende dieser Maler, die ansonsten nur schwer auf ei­nen Nenner zu bringen sind, da sie ganz widderge­mäß auch unter­einander oft kei­neswegs sehr freundschaftlich miteinander ver­bunden waren. Monet drückte es so aus: "Ich habe schon immer Theorien verab­scheut. Mein Verdienst war lediglich, daß ich di­rekt nach der Natur gemalt habe, in­dem ich danach strebte, meine Impression der flüchtigen Effekte wiederzuge­ben." In der Tat ging den Impressionisten alles Theoretische vollends ab. Sie entwickelten keine besonderen Kunsttheorien, sondern ver­wiesen nur auf ihre Ergebnisse - das rein Maleri­sche, die Tat als solche, bedeutete ihnen alles. Sie deuteten nichts hinein in die Natur, sondern nahmen sie so wie sie war und nicht, wie sie etwa ihrer Meinung nach sein sollte und könnte.

Der allgemeine Kunst- und Literaturstil die­ser Zeit war der Realismus: man nahm auch hier die Realität, wie man sie sah, und ver­suchte, sie so wiederzugeben. 1866 er­schien etwa Dostojewskijs Roman Schuld und Sühne, dessen Held Raskolnikow ein Mörder ist, wenn auch kein solcher, der seinen Mord aus niedrigen Mo­tiven begeht, sondern - und das ist das wirklich Er­schreckende - aus philosophischen Grün­den: er begeht seinen Mord um der Idee selbst Willen. Wenn es keinen Gott gibt, meint Raskolni­kow, so ist alles erlaubt, und es können für den Einzelnen zu­mindest keine allgemein­gültigen Prinzipien gelten. Raskolnikows Idol war Napoleon, also der Übermensch, mit dem hier bereits Nietz­sche vorwegge­nommen wurde. Das zeigt uns die Kehr­seite dieser Zeit: es ist die tota­le Diesseitig­keit, die sich ihre Ideen an den Fakten und nicht an übergeordneten ethi­schen Prin­zi­pien bildet. Schon im Jahre 1862 wurde auch der erste Roman von Ju­les Verne mit dem Titel Fünf Wochen im Ballon mit so großem Erfolg veröf­fentlicht, daß er ihm drei Jahre später ei­nen weiteren mit dem Ti­tel Von der Erde zum Mond. Di­rektflug in 97 Stunden und 20 Minuten. folgen ließ. Es ging darin um den Bau einer Kanone, die ein bemanntes Projektil bis zum Mond schießen konnte. Verne schuf mit diesem Roman eine neue Gat­tung, den phantasti­schen Roman, und widmete sich in vielen Fol­gewerken nun ganz phanta­stisch-na­turwissenschaftlichen Themen.

Das Widderprinzip zeigte sich in unter­schiedlichsten Variatio­nen: allgemein war man auf Konfliktdenken ausgerichtet. Der Papst hatte das unverfrorene Dogma seiner eigenen Unfehlbarkeit verkün­det und damit in Deutschland den sog. Kulturkampf aus­ge­löst, als dessen Folge die katholische Kir­che große Rückschläge und Machteinbußen hinnehmen mußte. Der kämpferische Stil zeigte sich auch übrigens nicht nur in den Erscheinungsformen der Kunst, sondern in den Strukturen der Szene. So wurde ei­gentlich in dieser Zeit das erfunden, was wir heute unter dem Begriff Public relati­ons verstehen, denn niemals zuvor hatten die Künstler sich derartig direkt und unter Ausnutzung aller gege­benen Mittel selbst zu managen versucht. Der schweizer Ro­man­cier Conrad Ferdinand Meyer etwa machte sich unter Hintanset­zung nicht nur seines künstlerischen Gewissens, sondern auch seiner eigentlichen Gestaltungsabsich­ten den von ihm erkannten Zeitgeist in der Weise zunutze, daß er den ansonsten bana­len Deutschen Schmied (eine deutliche Widder-Entsprechung!) ver­öffentlichte, der die Verse enthielt: "Den Erbfeind trifft der zweite Schlag,/ Daß er sich nimmer rühren mag." Wie vorauszuse­hen, war er damit im Gespräch. Es hätte aber zu dieser Zeit wohl keinen Sinn gehabt, auf eine Etablierung auf höherer Ebene zu hoffen, denn ein Künstler hatte jetzt nur dann eine Chance, wenn er in irgendeiner Weise Partei nahm. Der deutsch-französische Gegensatz be­herrschte die Zeit und machte auf lange Zeit jede Indifferenz in der Öffentlichkeit unmöglich. Doch machte sich Meyer diese Erkenntnis nicht nur bezüglich seiner Etab­lierungs­aktivitäten zu eigen, sondern stellte auch seine literarische Produktion selbst darauf ab und entwickelte so einen "virtuosen" Stil, den man je nachdem so oder anders interpretieren konnte, so daß jede Seite darin ihre Auffassung bestätigt sehen konnte, der aber in jedem Fall die la­tente Aggression des Lesers ein­kalkulierte. Ein antikes Beispiel dafür ist etwa der del­phische Orakelspruch: "Wenn du den Fluß überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören."

Auch die Frühphase des großen amerikani­schen Erfinders und In­dustriepioniers Edison gehört in diese Zeit, in der es zu tech­nischen Neuerungen auf allen nur denkbaren Gebieten kam. Schon 1861 war das Telefon erfunden worden, ab 1862 machte die Foto­grafie immer größere Fort­schritte, im gleichen Jahr war ein französi­sches Patent auf den Viertaktmotor ange­meldet worden, es gab bereits ein erstes U-Boot mit Motorantrieb und Straßen­wagen mit Verbrennungsmotoren und ab 1865 die erste Erdöl-Pipe­line in den USA. Ab 1867 wurden in New York die ersten Hochbah­nen gebaut, 1867 stellte Krupp die erste Riesenkanone vor, in London regelten ab 1868 bereits Ampeln den Straßenverkehr, 1869 wurde der Suez-Kanal für die Schif­fahrt freigegeben, die Tech­nisierung im Haushalt machte zuvor nie geahnte Fort­schritte usw.

Der Philosoph dieser Zeit war, was uns nicht wundert, eigent­lich gar kein richtiger Philosoph, sondern ein Mann der Tat, des­sen Waffe die Schreibfeder war: Karl Marx, der 1867 sein Werk Das Kapital veröf­fent­lichte, das wie kaum ein anderes theo­reti­sches Werk die Zukunft mitgestalten und verändern soll­te. Auch in Japan kam es zu einschneidenden Veränderungen, als 1868 der Kaiser Meiji die Macht übernahm, der sich als radika­ler Erneuerer erwies und den Wettstreit mit den Westmächten auf der Grundlage voller Gleichberechtigung auf­nehmen wollte. Unter diesem Tenno be­gann eine derartig kraftvolle politische und so­ziale Revolution, daß sie Japans Aufstieg zu einer modernen Großmacht bewirkte, das neben Deutschland nun für die anderen Mächte zu einer neuen Realität wurde, mit der sie zu rechnen hatten. Der neue Kaiser verlegte zunächst den Regierungssitz von Kioto nach dem heutigen Tokio, das den Namen Edo er­hielt und zur Haupt­stadt des Landes wurde, baute ein schlagkräftiges Heer und eine ent­sprechende Marine auf, schaffte das Feu­dalsystem ab, zentra­lisierte die Verwaltung und förderte den Erwerb von Kenntnissen im Ausland, die er vor­nehmlich für den Ausbau der Wirtschaft zu nutzen gedachte. So wurden vor allem die Naturwissenschaf­ten schon in den Schulen gefördert. Wie es aussieht, hatte Preußen bei diesen Maß­nahmen weitgehend als Mo­dell gedient. Alles in allem waren die sech­ziger und frü­hen siebziger Jahre des neun-zehnten Jahr­hunderts eine Periode, in der die Weichen für die Zukunft gestellt wur­den, und man hat den Eindruck, daß hier wie von höherer Stelle vor allem die ent­scheidende Rolle Deutsch­lands und Japans im zwanzigsten Jahrhundert ganz zielge­richtet vorbe­reitet wurde.

Main page Contacts Search Contacts Search