Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun in den Fischen

(1849-1862)

Als am 18. Februar 1848 Neptun in Das Zeichen Fische trat, brach in Europa die Hölle los. Dennoch verpuffte dieses Ereignis, das man eigentlich eher als einen Spuk, denn als wirkliche Revolution bezeichnen muß, kurze Zeit später wieder, als hätte sich alles nur um einen Irrtum aller Beteiligten gehandelt. Vielleicht war es nur eine Theaterrevolution, was natürlich wirklich eher zu den Fischen als zum Wassermann paßt. Golo Mann:

Das März-Erlebnis - so nannte man es später - sollte niemandem wehe tun. Jubel, Verbrüderung, Versöhnung mit Fürsten, die ihren Irrtum einsahen, Fahnen, Fackeln, Triumphpforten - das war die Stimmung. Kein mörderischer Zusammenbruch wie in Frankreich im Jahre 1792, kein Neubeginn der deutschen Geschichte. Gar keine Gewaltanwendung womöglich, nur Überredung, verstärkt durch ein wenig revolutionäre Schaustellung... Die „März-Errungenschaften“ waren einem momentanen Nervenzusammenbruch der Herrschenden zu danken, nicht ihrer entscheidenden Niederlage. Noch mehr: die Sieger selber wünschten eine solche Niederlage nicht. Man wollte keine Revolution im Sinne der französischen. Die Worte: „Es ist alles bewilligt“, welche damals in Deutschland so oft mit Jubel gehört wurden, zeigen es an: man wollte sich die Freiheit von der traditionellen Autorität bewilligen lassen. Reform, Kompromiß, „Vereinbarung“ waren die bevorzugten Begriffe der deutschen Liberalen.

Noch ein anderes merkwürdiges Ereignis dieser Zeit ist in die Geschichte eingegangen: „Daß Schopenhauer erst so spät, dann aber mit so außerordentli­cher Macht zu wirken begann, erklärt sich aus dem Wandel der Zeitform nach 1848, die, im Gegensatz zu der vorhergegangenen, eine ei­gen­tümliche Mischung aus Voluntaris­mus und Pes­simismus darstellte. Für das breite Publikum war Scho­penhauer der Würg­engel der kompro­mittie­renden Hegelschen Ideologie und das Sprachrohr des politischen Katzenjammers der Reaktionszeit.“(2) Nach 1848 war die Schopenhauersche Philosophie natürlich für die gescheiterten Revolutionäre plötzlich sehr attraktiv ge­wor­den. Wagner etwa drückte es so in ei­nem Brief an Franz Liszt aus: "So habe ich dagegen (in der Philosophie Schopenhau­ers) doch nun ein Quietiv gefunden, das mir einzig in wachen Nächten zu Schlaf verhilft; es ist die herzliche und innige Sehnsucht nach dem Tod: volle Bewußtlo­sigkeit, gänzliches Nichtsein, Ver­schwin­den aller Träume - einzigste endliche Erlö­sung." Besser läßt sich überhaupt nicht sa­gen, was Neptun in den Fischen be­deuten kann. Die Kausalisten sagen also, Schopen­hauer hatte seine so sonderbare und gewal­tige Spät­wirkung, mit der er aus seiner jahrzehnte­langen Anonymität heraustrat und von da an für länge­re Zeit vor allem die jungen Menschen geistig bestim­men sollte, einer Zeitstimmung zu verdanken, die sich nach den ge­scheiterten Revolutionen als ganz na­türlich erwies, doch kön­nen wir hier sehr gut beobachten, daß solche Erklärun­gen immer nur Zirkelschlüsse sind: die Re­volu­tionen waren ja ihrerseits erst an die­sem plötzlichen Stimmungsumschwung ge­schei­tert. Während zwar das dem Zeitgeist ent­sprechende Pessimismus-Mißverständnis Schopenhauers Ruhm gefördert haben mag, paßt jedoch auch das eigentlich Bedeut­same seiner Philosophie zu den Fischen - nämlich der darin liegende Mystizismus. Dieses ist das Bleibende an ihr, wäh­rend das Weltschmerz-Element daran als Trivial-Mystizismus uns heute eher als (nach-) ro­mantische Zeitmarotte erscheint, die wir trotz der gerade wieder offeneren Haltung gegenüber dem Buddhismus, dem Scho­penhauer es entnehmen zu können glaubte (die Lehre von den Leiden), kaum noch nachempfinden können und die auch noch keinen Philo­sophen macht. Die bis zum Überdruß immer wieder hervorgehobene Aus­sage, Schopenhauer sei ein Pessimist gewesen, bezieht sich auf ganze drei Kapi­tel seiner Abhandlung Die Welt als Wille und Vorstellung, die zu seinen schwäch­sten gehören, wofür bei­spielsweise sein darin enthaltener Beifall zu Voltaires Miß­ver­ständnis gegenüber Leibniz' "besten aller Welten" steht, womit dieser ja nur meinte, daß sie denknotwendig(!) so ist wie sie ist, was indessen nichts darüber sagt, ob das ei­ne optimisti­sche oder pessimisti­sche Fest­stellung ist. Eben dieses muß man auch über Schopenhau­ers diesbezügliche Aussa­gen sagen, die sich insofern als Stim­mungs­frage entpuppen, nicht aber als eine Frage von philosophi­scher Relevanz. Kein anderer als der Wissenschaftsphilosoph Karl Pop­per stellte übrigens fest, daß Schopen­hauers Pessi­mismus sich in Bezug auf unse­re heu­tige Zeit als wilder Opti­mismus er­wiesen habe.

Nicht nur Schopenhauer gelangte übrigens in dieser Zeit zu Spätruhm, sondern auch Eduard Mörike. Ein Zeitgenosse, David Friedrich Strauß, vermerkte später dazu: "...Nun bei seiner Idylle wollte es einmal des Dichters Stern, daß er mit einem duf­tenden Korbe frischer Waldbeeren in ei­nem Zeitpunkt unter das Publikum trat, wo soeben alle dichtungskonsumierenden Mä­gen von fortgesetztem Genuß politischer Schaumweine und arabischer Gewürze vertauscht waren. Wie schmackhaft fand man jetzt die einfache Naturkost!" Und wie wunderbar ist es für uns heute, daß wir diese zeitgenössischen Aussagen über den damaligen Geschmackswandel haben, denn der Übergang vom Wassermann-Ge­schmack zum Fische-Geschmack läßt sich gar nicht besser beschreiben! Wir treten jetzt in die eigent­liche Zeit der Spätroman­tik ein, die wie gesagt einen deutlich zitie­renden Charakter hatte - in dem Sinne, daß nun nochmals etwas ins Bewußtsein geru­fen wurde, was der Form nach bereits be­kannt und in den Grundlagen erar­beitet war. Gerade dadurch aber konnte es auf ei­ne bewußtere Ebene gehoben werden, worin allerdings auch die Gefahr der Über­steigerung lag, also der Um­schlag des allzu hohen Tones, wenn man diesen nicht be­herrschte. So lag in der Pose Schopen­hau­ers auch wieder ein Zug Romantik, den man sich jetzt aber gerne gefallen ließ, weil er in die Zeit paßte. Daß er ein Son­derling und vielleicht auch ein Pes­simist war, ver­dient so viel oder richtiger so wenig Be­to­nung wie die mögliche Ansicht, Hei­degger sei ein Schwarzwaldprovinzler gewesen, nur weil er die persön­liche Marotte hatte, sich ent­spre­chend zu kleiden. Natür­lich be­ruht die Vorliebe vieler Le­ser für Schopen­hauer gerade auf seinen immer wieder vor­kommen­den Eskapaden und grimmigen Sei­tenhieben, aber man kann sich des Ein­drucks nicht erwehren, daß er diese selbst kaum ernst nahm. Der Niveauunterschied die­ser Ausfälle gegenüber dem Kern seiner Philosophie ist zu groß. Wir können uns diesen, der alleine besondere Beachtung verdient, etwa an folgen­dem Auszug ver­deutlichen, der zugleich deutlich macht, worin tatsächlich sein Gegensatz zur herr­schenden posi­tivistischen Weltanschau­ung lag und weshalb er von den meisten gar nicht begriffen wurde. Es ist ja wie schon erörtert über­haupt ein beachtenswerter und eigentlich nur durch die Astrolo­gie erklär­barer (Wirkungsgeschichte im Sinne der jeweiligen Konstellationen) Umstand der Kulturgeschichte, daß das, was man allge­mein von einem Philosophen zur Kenntnis nimmt, etwas ganz anderes sein kann als das, was sein eigentli­ches Hauptanliegen war, worüber uns doch sehr einfach der je­weilige Umfang seiner Ausführungen zu bestimmten Themen be­lehrt. (Dazu noch die An­merkung, daß Kant dargelegt hatte, daß Raum und Zeit apriorisch, also erfah­rungsunabhängig gegeben und somit Kate­gorien des Bewußtseins sind, und da schließlich alle Körper raumdurchdrungen sind, diese jenseits des erken­nen­den Be­wußt­seins noch nicht einmal gedacht werden können):

Waren wir nun dem Materialismus, mit an­schaulichen Vorstellungen, bis hierhin ge­folgt, so werden wir... mit ei­nem Male in­ne, daß sein letz­tes, so mühsam herbeige­führ­tes Re­sultat, das Erkennen, schon beim allerer­sten Ausgangs­punkt, der blo­ßen Materie, als unumgängliche Bedin­gung vorausge­setzt war, und wir mit ihm zwar die Materie zu denken uns eingebildet, in der Tat aber nichts anderes als das die Ma­terie vorstel­lende Subjekt, das sie se­hende Au­ge, die sie fühlende Hand, den sie erkennenden Ver­stand gedacht hatten... Plötzlich zeigte sich das letzte Glied als der Anhaltspunkt, an welchem schon das erste hing, die Kette als Kreis; und der Materialismus gliche dem Frei­herrn von Münchhausen, der, zu Pferde im Wasser schwim­mend, mit den Beinen das Pferd, sich selbst aber an seinem nach vorne überge­schlagenen Zopf in die Höhe zieht. Dem­nach be­steht die Grundabsurdi­tät des Materialismus darin, daß er vom Ob­jekti­ven ausgeht, ein Ob­jektives zum letzten Erklä­rungs­grunde nimmt, sei nun dieses die Materie, in ab­stracto, wie sie nur ge­dacht wird, oder die schon in die Form eingegan­gene, empirisch ge­gebene, also der Stoff, et­wa die chemischen Grund­stoffe, nebst ih­ren nächsten Ver­bindungen. Derglei­chen nimmt er als an sich und ab­so­lut existie­rend, um daraus die orga­ni­sche Natur und zuletzt das erken­nende Subjekt hervorge­hen zu las­sen und diese da­durch vollständig zu erklären; - während in Wahrheit alles Objektive, schon als sol­ches, durch das er­kennende Sub­jekt, mit den Formen seines Erkennens, auf mannig­faltige Weise bedingt ist und sie zur Vor­aussetzung hat, mithin ganz verschwindet, wenn man das Subjekt wegdenkt. Der Ma­terialis­mus ist also der Versuch, das uns unmittelbar Ge­gebene aus dem mit­telbar Gegebenen zu erklären. Alles Ob­jektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles Mate­rielle, welches der Materialismus für ein so solides Fundament seiner Erklä­rungen hält, daß eine Zurückführung dar­auf... nichts zu wünschen übrig lassen könne, - alles dieses ist ein nur höchst mit­telbar und bedingterweise Gegebenes, demnach nur relativ Vorhandenes: denn es ist durchge­gangen durch die Maschinerie und Fabri­kation des Gehirns und also ein­gegangen in deren Formen, Zeit, Raum und Kausali­tät, vermöge wel­cher allererst es sich dar­stellt als ausgedehnt im Raum und wirkend in der Zeit: aus einem solcherma­ßen Ge­gebenen will nun der Materialis­mus sogar das unmittelbar Gegebe­ne, die Vor­stellung (in der jenes al­les dasteht), und am Ende gar den Willen erklären, aus welchem viel­mehr alle jene Grundkräfte, welche sich am Leitfaden der Ursa­chen und daher ge­setzmäßig äußern, in Wahrheit zu erklären sind. - Der Behauptung, daß das Erkennen Modifikation der Materie ist, stellt sich al­so immer mit gleichem Recht die umge­kehrte entgegen, daß alle Materie nur Modifika­tion des Er­kennens des Subjekts, als Vor­stel­lung derselben, ist. Dennoch ist im Grunde das Ziel und das Ideal aller Natur­wissenschaft ein völlig durch­geführ­ter Ma­terialismus. Daß wir nun diesen hier als of­fenbar unmög­lich erkennen, be­stätigt eine andere Wahrheit, die aus unserer fer­neren Be­trachtung sich ergeben wird, daß nämlich alle Wissenschaft im ei­gentlichen Sinne... nie ein letztes Ziel erreichen noch eine völ­lig ge­nügende Erklärung geben kann; weil sie das innerste Wesen der Welt nie trifft, nie über die Vor­stel­lung hinaus kann, viel­mehr im Grunde nichts weiter, als das Ver­hältnis einer Vorstellung zur ande­ren ken­nen lehrt...

Denn "kein Objekt ohne Subjekt" ist der Satz, welcher auf immer allen Materialis­mus unmöglich macht. Sonnen und Pla­ne­ten, ohne ein Au­ge, das sie sieht, und einen Ver­stand, der sie erkennt, lassen sich zwar mit Worten sagen: aber diese Worte sind für die Vorstellung ein Sideroxylon (Ei-senholz). Nun leitet aber dennoch ande­rerseits das Ge­setz der Kausalität und die ihm nachgehende Betrachtung und For­schung der Natur uns notwendig zu der si­cheren An­nahme, daß, in der Zeit, jeder höher organisierte Zu­stand der Materie erst auf einen ro­heren gefolgt ist: daß näm­lich die Tiere früher als Menschen, Fi­sche frü­her als Landtiere, Pflanzen auch früher als diese, das Unorgani­sche vor al­lem Organi­schen dagewesen ist; daß folg­lich die ur­sprüngliche Masse eine lange Reihe von Verän­derungen durchzugehen gehabt, be­vor das erste Auge sich öffnen konnte. Und dennoch bleibt immer von diesem ersten Auge, das sich öffnete, und habe es einem Insekt angehört, das Dasein jener ganzen Welt abhängig, als von dem not­wendig Vermittelnden der Er­kenntnis, für die und in der sie al­lein ist und ohne die sie nicht einmal zu denken ist: denn sie ist schlecht­hin Vorstellung und bedarf als solche des erkennenden Subjekts als Trä­ger ihres Da­seins: ja, jene lange Zeitreihe selbst, von unzähligen Veränderungen ge­füllt, durch wel­che die Materie sich stei­gerte von Form zu Form, bis endlich das erste erkennende Tier ward, diese ganze Zeit selbst ist ja al­lein denkbar in der Identität eines Bewußt­seins, dessen Folge von Vorstellungen, des­sen Form des Er­kennens sie ist und außer der sie durchaus alle Be­deutung verliert und gar nichts ist. So sehen wir einer­seits notwendig das Da­sein der ganzen Welt ab­hän­gig vom ersten erkennenden Wesen, ein so unvollkomme­nes dieses auch sein mag; andererseits eben so not­wendig dieses erste erkennede Tier völlig abhängig von einer langen ihm vor­hergehenden Kette von Ur­sachen und Wirkungen, in die es selbst als ein kleines Glied eintritt... Der sich uns hier zuletzt notwendig ergebende Widerspruch findet je­doch seine Auflösung darin, daß in Kants Sprache zu reden, Zeit, Raum und Kausali­tät nicht dem Dinge an sich zukom­men, sondern allein sei­ner Erscheinung, de­ren Form sie sind; welches in meiner Spra­che so lautet, daß die objek­tive Welt, die Welt als Vorstellung, nicht die ein­zige, sondern nur die eine, gleich­sam die äußere Seite der Welt ist, welche noch eine ganz andere Seite hat, die ihr in­nerstes Wesen, ihr Kern, das Ding an sich ist:... Wille.

Wohlgemerkt: diese Sätze wurden bereits 1844 bzw. früher ge­schrieben, als von den Erkenntnissen der Quantenphysik noch keine Rede war. Seit die Physiker über Elektro­nenmikroskop und Teilchenbe­schleuniger verfügen und dementsprechend in die Welt des Mikrokosmos eingedrungen sind, ist ihr Positivismus dahin, und ihre seitherigen Äußerungen in unserem Jahr­hundert klingen zum größten Teil noch sehr viel mystischer als die der Natur­philoso­phen des neunzehnten Jahrhunderts (z.B. die Viele-Wel­ten-Theorie). So neu waren diese Erkenntnisse also gar nicht, doch of­f­enbar ist erst heute die Zeit reif dafür. Schopenhauers Betrachtungen, zu denen er ohne alle technischen Hilfsmittel gekommen war, lassen aber die gleichen Fragen offen wie die der modernen Physiker: wie kom­men wir aus dieser paradoxen Situa­tion heraus? "Die Welt als Vorstellung aber... hebt allerdings erst an mit dem Aufschla­gen des ersten Auges..." Doch dieses Auge er­schuf damit erst eine Welt, in der es selbst bereits entstanden war! Glückli­cher­weise führte uns Schelling schon weiter: "Das Weltsystem ist eine Art von Organi­sation, das sich von einem gemeinschaftli­chen Zen­trum aus gebildet hat... Der stete und feste Gang der Natur zur Organisation verrät deutlich genug einen regen Trieb... Es ist der allgemeine Geist der Na­tur, der allmäh­lich die rohe Materie sich selbst anbildet... Es ist keine Organisa­tion denk­bar ohne produktive Kraft. Ich möch­te wis­sen, wie eine solche Kraft in die Materie käme, wenn wir dieselbe als ein Ding an sich an­nehmen... Das System der Natur ist zu­gleich das System unseres Geistes." Es sei der Hinweis gestattet, daß hier der An­satz­punkt für die theoretische Basis der Astro­logie liegt, ebenso wie in Schopen­hauers folgenden Ausführungen (womit nicht ge­sagt sein soll, daß die Naturphilo­sophen, zu deren Ausläufern auch Scho­penhauer noch gerechnet werden kann, sich  dieser Nähe bewußt waren), die auch zei­gen, daß Scho­penhauer von den Astrologen ebensoviel Aufmerksamkeit verdient wie etwa C.G. Jung:

...Sonach nun bilden alle jene in der Rich­tung der Zeit fortschreitenden Kausalket­ten ein großes gemeinsa­mes viel­fach ver­schlungenes Netz, welches ebenfalls mit seiner ganzen Breite sich in der Richtung der Zeit fortbewegt und eben den Weltlauf ausmacht. Versinnbildlichen wir uns jetzt jene einzelnen Kausalketten durch Meri­diane, die in der Rich­tung der Zeit lägen, so kann überall das Gleich­zeitige und eben deshalb nicht in direktem Kausalzusam­men­hang stehende durch Parallelkreise ange­deutet werden. Ob­wohl nun das unter dem­selben Parallelkreise gelegene nicht unmit­telbar vonein­ander abhängt, so steht es doch vermöge der Verflechtung des gan­zen Netzes oder der sich in der Richtung der Zeit fortwälzenden Gesamtheit aller Ursa­chen und Wir­kungen mittelbar in ir­gendei­ner, wenn auch entfern­ten, Verbin­dung: seine jetzige Gleichzeitigkeit ist da­her eine notwendige. Hierauf nun beruht das zufäl­lige Zusam­mentref­fen aller Be­dingungen einer im hö­heren Sinne not­wendigen Bege­ben­heit, das Geschehen dessen, was das Schicksal gewollt hat... Und ebenso nun be­ruht hierauf auch das Eintref­fen zur rechten Zeit der im Lebens­lauf des Einzelnen für ihn wichtigen und entscheidenden Anlässe und Umstände, ja endlich wohl gar auch der Eintritt der Omina, an welche der Glau­be so allgemein und un­vertilgbar ist, daß er selbst in den überlegensten Köpfen nicht selten Raum gefunden hat.

...Wenn wir nun, um die dargelegte Ansicht uns einigerma­ßen faßlich zu machen, die anerkannte Ähnlichkeit des in­dividuellen Lebens mit dem Traume zu Hilfe genom­men haben, so ist andererseits auf den Um­stand aufmerksam zu machen, daß im blo­ßen Traume das Verhältnis ein­seitig ist, nämlich nur ein Ich wirk­lich will und emp­findet, während die Übri­gen nichts als Phantome sind, im großen Traume des Le­bens hin­gegen ein wechselseitiges Verhält­nis stattfindet, indem nicht nur der eine im Traume des anderen, geradeso wie es da­selbst nötig ist, figuriert, sondern auch die­ser wieder in dem seinigen, so daß vermöge einer wirklichen vorher be­stimmten Har­monie, jeder doch nur das träumt, was ihm, seiner eigenen metaphysi­schen Len­kung gemäß, angemessen ist, und alle Le­bens­träume so künstlich ineinander ge­flochten sind, daß jeder erfährt, was ihm ge­deihlich ist, und zugleich leistet, was an­dern nötig; wonach denn eine et­waige große Weltbe­gebenheit sich dem Schick­sale vieler Tau­sender, jedem auf indivi­duelle Weise, an­paßt. Alle Er­eignisse im Leben eines Men­schen ständen demnach in zwei grundver­schiedenen Arten des Zu­sammenhangs: erstlich im objekti­ven kau­salen Zusammen­hang des Naturlaufs, zweitens in einem sub­jektiven Zusammen­hang, der nur in Bezie­hung auf das sie er­lebende In­dividuum vor­handen und so subjek­tiv wie dessen eigene Träume ist, in welchem jedoch ihre Suc­cession und Inhalt ebenfalls notwendig be­stimmt ist, aber in der Art wie die Succes­sion der Szenen ei­nes Dra­mas, durch den Plan des Dichters. Daß nun jene beiden Ar­ten des Zu­sam­menhangs zugleich bestehen und die näm­liche Begebenheit, als ein Glied zweier ganz verschiedener Ket­ten, doch beides sich genau ein­fügt, infolge wovon jedes­mal das Schicksal des einen zum Schicksal des anderen paßt und jeder der Held seines ei­genen, zugleich aber auch der Figurant im fremden Drama ist. Dies ist freilich etwas, das alle unse­re Fassungskraft übersteigt und nur vermöge der wundersa­men harmo­nia praestabilita als möglich ge­dacht werden kann... Es ist ein großer Traum, den jenes Eine We­sen träumt: aber so, daß alle seine Per­sonen ihn mitträu­men. Daher greift alles inein­ander und paßt zu­einan­der. Geht man nun darauf ein, nimmt man jene doppelte Kette al­ler Begebenhei­ten an, vermöge deren je­des Wesen einer­seits seiner selbst daist, seiner Natur gemäß mit Not­wendigkeit handelt und wirkt und seinen eigenen Gang geht, anderer­seits aber auch für die Auf­fassung eines fremden We­sens und die Einwirkung auf dasselbe so ganz bestimmt und ge­eignet ist wie die Bil­der in dessen Träumen - so wird man dieses auf die ganze Natur, also auch auf Tiere und er­kenntnislose Wesen, auszudehnen haben... indem nämlich das, was nach dem Lauf der Natur notwendig eintritt, doch an­dererseits wieder anzusehen ist als bloßes Bild für mich und Staffage meines Lebens­traumes, bloß in Be­zug auf mich gesche­hend und exi­stierend.

Kommen wir aber zurück zu dem hier zu behandelnden Zeitgeist. Schopenhauers Persönlichkeit steht bereits sehr für diesen, denn er war in der Tat von einem grandio­sen Selbstgefühl getra­gen, das ihn über je­den Selbstzweifel und Zweifel an der allei­nigen Richtigkeit seiner Gedanken hinaus­hob - eher eine Künst­lernatur als ein typi­scher Philosoph. Doch der Geniekult lag wieder einmal in der Zeit, und deshalb kam er damit an. Den Fi­schen entspricht er auch insofern, als er demonstrativ jenseits der Gesellschaft stand und sich über diese er­hob. Man warf ihm vor, er habe mit seinem Hohn alles untergraben, woran man noch glaubte, und das war insofern Heuchelei, als man tatsächlich an gar nichts mehr au­ßer an reine Äußerlichkeiten glaubte - ganz im Gegensatz zu Schopenhauer, der wenig­stens noch an sich sel­ber glaubte und schon deshalb kein echter Pessimist war, weil er in allem Geschehen einen tiefen Sinn walten sah. Die hier zu behandelnde Zeitspanne war also die eigentliche Nachromantik, in die auch die Uraufführung des Lohengrin (1850) fiel. Von jetzt an machten auch in England die sog. Präraffaeliten von sich reden, die deutlich unter einem nachroman­tischen Einfluß standen. Es waren Maler wie Dante Gabriel Rossetti, William Hol­man Hunt, John Everett Millais, Ford Ma­dox Brown, William Morris usw. Auch die eigentliche Zeit der Spätgotik, unter der plötzlich wieder sehr viele Kirchen und so­gar weltliche Gebäude im gotischen Stil ge­baut wurden - ab 1850 wurden vor allem die katholischen Kirchen für die nächsten 20 Jahre alle im neugotischen Stil errichtet -, erreichte in dieser Zeit ihren Höhepunkt, wenngleich sie einen etwas weiteren Zeit­rahmen um­spannte. Doch können wir hier auch erkennen, daß die Grenze zum Frag­würdigen oft überschritten wurde, zumal etwa in neugoti­schen Möbeln, in denen sich unsymmetrische Formen mit gotisie­renden Stilmitteln verbanden, während die eigentli­che Gotik ja stets streng symmetrisch ge­wesen war. Über Geschmack läßt sich na­türlich immer streiten, und es läßt sich zu­mindest nicht be­streiten, daß - wie wir etwa an den Plastiken neugotischer Kir­chen se­hen - diese Periode eine Blütezeit des sehr bewußten Ef­fektes war. Das kann man al­lerdings auch als Konsequenz des in­neren Abstandes in einer völlig materialistischen Zeit sehen, die den Ausdruck um seiner selbst Willen suchte.

Im Jahre 1849 gab der Großherzog von Sachsen-Weimar den Auftrag zur Renovie­rung der bereits stark verfallenen Wartburg, die er zu einem historischen Monument des deutschen Geistes ausgestal­ten wollte. Von 1854 bis 1857 malte Moritz von Schwindt an ih­ren Wänden einen Freskenzyklus, in der die deutsche Geschichte verklärt wurde. Wir müssen hier die Akzentver­schiebung gegen­über dem Schützen und dem Steinbock sehen: hier stand nicht der geistige Aufbruch in die Vergangenheit oder deren Thematisie­rung als solche im Vordergrund, sondern ihre Verklärung in ei­nen überwirklichen Bereich hinein. Das sind feine Unterschiede, die dem Blick des Historikers leicht entgehen, ohne die aber die besondere Dynamik der Entwicklungen und ihre jeweilige Mo­tivation nicht wirklich erklärt werden kann. Nur unter dem Stein­bock wurde die Vergangenheit als solche thematisiert, wäh­rend sie unter dem Schüt­zen und den Fischen eigentlich nur Vor­wand war - im ersteren Fall für eine ganz allgemeine Sinnsuche, im zweiteren für eine Transzendierung der Realität. Der Dichter Joseph Victor Scheffel versprach dem Großherzog unter dem Schwind-Gemälde Der Sängerkrieg auf der Wartburg, einen Roman über die thüringische Geschichte um das Jahr 1200 zu schreiben, seinen al­lerdings niemals zum Abschluß gekomme­nen Wartburg-Ro­man, in dem auch die Kreuzzüge behandelt werden sollten. Das Nibelungenlied stand zu dieser Zeit im Mit­telpunkt eines allge­meinen Interesses, da es wie keine andere Dichtung der Vergan­gen­heit geeignet war, den Deutschen eine gei­stige Identität zu geben, die sich auch deut­lich gegen die französische geschicht­liche Herkunft abgrenzte. Die bedeutendsten Il­lustratoren der Zeit widmeten sich dieser li­terarischen Vorlage, so zum Bei­spiel Julius Schnorr von Carolsfeld. Der bezüglich der Breitenwirkung erfolgreichste deut­sche Roman des neunzehnten Jahrhun­derts überhaupt war dagegen Scheffels Ekke­hard, der im Jahre 1855 veröffent­licht wurde und dem Leser auf leichte Weise das Mittelalter vor Augen führ­te.

1853 beendete Charles Dickens seine Ar­beit an seinem Roman Bleak House, dem wir noch den folgenden Auszug entnehmen, der uns auf andere Weise das damalige Fi­sche-Zeitgefühl vermittelt:

Nebel überall. Nebel stromaufwärts, wo der Strom zwi­schen grünen Inseln und Wiesen fließt; Ne­bel stromabwärts, wo er sich schmutzig zwischen Reihen von Schiffen und dem Uferunrat einer großen (und schmutzigen) Stadt hindurchwälzt. Nebel über den Sümp­fen von Essex und Nebel auf den Höhen von Kent. Nebel kriecht in die Kombüsen der Kohlenschiffe; Nebel liegt draußen auf den Rahen und klimmt empor durch das Tauwerk großer Schiffe; Nebel senkt sich auf die Schandecks von Barken und kleinen Booten. Nebel dringt in die Augen und Kehlen alter Greenwich-Invaliden, die am Kamin in ihrem Kämmerchen husten; Ne­bel dringt in das Rohr und in den Kopf der Nachmittagspfeife des grimmigen Schiffers unten in seiner engen Kajüte; und Nebel beißt scharf in die Zehen und Finger seines fröstelnden kleinen Schiffsjungen an Deck. Vorübergehende schauen von der Brücke über das Geländer hinunter in einen Ne­bel­himmel und sind rings vom Nebel um­geben, als ob sie in einem Luftballon in den grauen Wolken hingen. Gas flimmert hier und da in den Straßen trübäugig durch den Nebel, rot wie die Sonne, die jetzt der Bauer vom durchweichten Feld aus erblickt. Die mei­sten Läden haben zwei Stunden eher als sonst Licht anzünden müssen - was das Gas zu wissen scheint, denn es sieht blaß und mürrisch aus.

1857 veröffentlichte Baudelaire seine Blumen des Bösen.

 


[1]Besonders hat dem der Sprachforscher Jesse Chomsky widersprochen.
2 Egon Friedell (Anm.: "Voluntarismus" bezieht sich auf Scho­penhauers Betonung des Willens.)
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