Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun im Wassermann

(1835-1848)

 

Nie war der Fortschrittsglaube stärker, selbstsicherer als im 19. Jahrhundert. Er kam aus dem 17. und 18. Jahrhundert; er hatte zu tun mit dem Fortschreiten der Wissenschaft, und die schritt ja eindeutig und gewaltig vorwärts; er verband sich mit der politischen Geschichte, in der man ein Fortschreiten zur Freiheit, Selbstregierung zu bürgerlich-vernünftiger Ordnung sah. (Golo Mann.)

Wenn wir sagten, daß zu jeder höheren Kultur die zeitliche Di­mension gehört und aus dieser Tatsache die Notwendigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit folgt, so hat die Zeit ja noch eine andere Richtung - nämlich diejenige in die Zukunft. Viel­leicht ist das der wesentliche Unterschied des Wassermanns ge­genüber dem Steinbock, denn ebenso wie jener für die Vergangen­heit steht, steht dieser für die Zukunft. So mußte nun auf die überbetonte Aufarbei­tung der Vergangenheit notwendigerweise der Gegenpendelschlag folgen, der dieses alles in Frage stellte und stattdessen ein neues Zeitalter heraufbeschwor. Daß Zu­kunfts­perspektiven erst dann entwickelt werden können, wenn zuvor die Vergan­genheit aufgearbeitet wurde, leuchtet un­mittelbar ein, denn erst aus dem, was man aus dem Gestern gelernt hat, lassen sich Folgerungen und Abstraktionen für zu­künftige Entwicklungen ableiten. Ebenso verfahren wir hier ja in unserer astrologi­schen Methode. Hatte Hegel noch mit der Selbstvollendung der Antike den Abschluß der ganzen Kunstentwicklung kommen se­hen, so sah man jetzt im Aufbruch einer noch unerschlossenen Zukunft plötz­lich ungeahnte Möglichkeiten. Die Dogmen der bisherigen Künste wurden nun plötzlich in Frage gestellt, aber nicht nur die Kunst als solche, sondern auch ihr Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft wurde zum Ge­genstand der Kritik und Neubesin­nung. Wo noch in den Bildern Themen der Vergan­genheit behandelt wur­den, waren diese sicht­lich nur Vorwand für neue Inhalte, wie es etwa im Werk Delacroix' sehr deutlich wird. Zu dieser Zeit wurde die neubelgi­sche Schule mit ihrer detaillier­ten Ausar­beitung einzelner Menschen mit indi­viduali­stischer Physiogno­mie, die mehr auf den konkreten Einzelfall verwiesen als auf das darin enthaltene Allgemeine (Individuen im Sinne des Was­sermann- und Uranus-Prin­zips!), zum Vorbild auch der deutschen Maler. Man warf der bisherigen Malerei plötzlich vor, daß sie keine konkre­te Wirk­lichkeit erziele, und man suchte nun bewußt die Einzelpersönlichkeit herauszu­arbeiten; und selbst bei der Dar­stellung hi­storischer Per­sönlichkeiten, deren tatsächli­ches Aus-sehen man nicht mehr kannte, ver­fuhr man nach der Manier des Pseudo-Rea­lismus, al­so in einer Als-ob-Manier, indem man sie so dar­stellte, wie sie ausgesehen haben könnten - und zwar so, daß die Illu­sion möglichst per­fekt war. "Haben nun die belgischen Künstler weniger von diesem Geist der Ge­schichte, weil sie vielleicht die Knöpfe an den Kleidern ihrer Figuren ab­zählen, oder weil sie auch den Falten an ei­ner ledernen Hose ihre Auf­merksamkeit nicht entzie­hen?" fragte etwa Ludwig In­gelsheimer. Und Peter Cornelius schrieb 1843: "Irgendein Ergebnis der Ge­schichte, von welcher Art es sei, tale quale wieder her­vorrufen zu wollen, halte ich für eine Ge­spensterbeschwörung, aber voll­ends das bloße Konservieren für Leichenbalsamie­rung. Wer aber in die ursprüngliche Not­wendigkeit des einst Entstandenen zu­rück­geht und sie faßt, wird bald - zwar nicht gleiche - aber ähnliche Momente finden; und nur dann kann der Genius entbunden jene stille Verwandlung beginnen, die pro­teusartig nur nach au­ßen wechselt, im In­nern aber ewig dasselbe bleibt." Man mag über die aus dieser Anschauung entstan­dene sehr wesentliche Stilrichtung der Ma­lerei des neunzehnten Jahrhunderts denken wie man will, doch man kann ihr nicht ab­sprechen, daß sie die Effektkunst bis zu ih­rer äußersten Möglichkeit gesteigert hat - sie war vielleicht pathetisch, aber zugleich auch sensationell. Auch das ist eine typi­sche Wassermann-Entsprechung. Hier voll­zog sich insofern in der Kunst nochmals das gleiche, was sich unter Pluto im Wasser­mann im politischen Bereich abgespielt hatte: die Bewußtwerdung des Individu­ums.

Wenn wir nochmals zu Schinkel zurückkommen und seine Entwicklung weiterverfolgen, so können wir feststellen, daß auch bei ihm nach der Schütze- und Steinbock-Zeit jetzt die Wassermann-Zeit angebrochen war: im März 1836 bezog er die von ihm selbst gebaute Bauakademie, nicht nur sein am weitesten in die Zukunft weisendes Projekt, dessen Geist auch noch sehr deutlich in der bewußten Industriearchitektur späterer Zeit wie etwa der berühmten Turbinenhalle von Peter Behrens zu erkennen ist, sondern auch das eigentliche „Nerven­zentrum der preußischen Architektur“, wie man es genannt hat.

1839 veröffentlichte Stendhal (Pseudonym des französischen Au­tors Henri Bayle) seine Kartause von Parma, in der die Mächte der Erde gegen die Ordnungsmäch­te kämpfen: ein typisches Wassermann-Thema, in dem aus dem Chaos nach dem Untergang aller napoleonischen Hoffnungen die neue Welt erwuchs. Im gleichen Jahr veröffent­lichte er auch seinen Roman Lamiel, des­sen Heldin nicht zuletzt durch Simone de Bauvoir zu einem Idol der heu­tigen Femini­stinnen wurde. Lamiel nimmt keine Rück­sicht auf das ihr durch die Ge­sellschaft auf­er­legte geschlechtsbedingte Rollenverhal­ten;  sie ist zum Kampf für ihre Freiheit ent­schlossen und fühlt sich den Männern über­legen. Interessant ist auch die Auseinander­setzung Stendhals mit Balzac (einem ande­ren typischen Wassermann-Vertreter, auf den wir noch unter Uranus im Wassermann näher eigehen werden): Balzac hatte die Kartause von Parma in einem sehr aus­führli­chen Zeitungsartikel besprochen und trotz auch positiver Würdi­gungen den Ro­man insgesamt abgewertet. Das Unge­wöhnliche an dieser Würdigung (entspre­chend Wassermann) war die Tatsa­che, daß Balzac es nicht für nötig hielt, sich bei seinen Zitaten an die tatsächliche Vor­lage zu halten, sondern sie in eigener Ver­sion wiedergab. Stendhal antwortete darauf natürlich empört und erklärte das Mißver­ständnis Balzacs mit der völlig unterschied­lichen Ausgangsabsicht beider Autoren: er selbst verachte näm­lich das Publikum, wäh­rend es Balzac um Erfolg um jeden Preis gehe. Er verzichte auch auf eine konse­quente Handlung, es ginge ihm um die Spontaneität des Schreibaktes, und er ignoriere dafür alle von Balzac angeführten Regeln, die er als style bourgeois empfinde, dem sich außer Balzac auch Autoren wie Victor Hugo und George Sand verpflichtet hätten. In der Tat hat sich Stendhal kaum stilistisch an seinen Zeitgenossen orien­tiert, sondern seine Vorbilder vornehmlich in an­tiken Au­toren gesucht - was man in dieser Form kaum noch als romantischen Rück­griff, sondern als bewußte Kontrasthaltung zur eigenen Zeit sehen muß: eben auch ein ty­pisch wassermännischer Ansatz.

Eine der Aufgaben des Wassermann und des ihm zugeordneten Ura­nus ist es eben, den Steinbock zu hinterfragen, was beson­ders in Preußen bald dringend nötig wurde und uns somit als eine uni­versale Notwen­digkeit einleuchtet. Diese Funktion über­nahm Schopenhauer gegenüber dem "preußischen Staatsphilosophen" He­gel, über den er sich z.B. folgendermaßen äu­ßerte: "Die größte Frechheit im Auftischen baren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer rasender Wortgefechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernom­men hatte, trat endlich im Hegel auf und wurde das Werkzeug der plumpesten all­gemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabel­haft er­scheinen und ein Denkmal deutscher Niai­serie bleiben wird." Solche starken Sprüche Schopenhauers machten ihn bald zu einem Original, das viele fälsch­lich nur als solches sahen. Wir können in­dessen feststellen, daß, wenn ihn der Welt­geist ebenso gese­hen hätte und als nichts mehr, er ihn bereits unter diesem Zeichen­stand zum Erfolg hätte kommen lassen. Da das jedoch noch nicht der Fall war, müssen wir uns den Spaß versagen, weitere derar­tige Sprüche zu zitieren, für die er aller­dings immer gut war. Doch gehört er laut höherem Beschluß noch nicht in dieses Kapitel, so daß wir uns ihm erst im folgen­den näher widmen kön­nen.

Der Wassermann wird vom Uranus be­herrscht, so daß dieser hier sein eigentliches Territorium sieht und eher das Spiel zu be­stimmen scheint - ähnlich wie unter Pluto in den Fischen Neptun zum Durchbruch kam. Während dort also die politischen Dinge ei­nen Anstrich bekamen, der sonst eher Nep­tun zuzurechnen wäre, bekommen hier die Dinge einen Aspekt, der eigentlich eher in den Bereich der Wissenschaft und Sozio­logie gehört. Das weitere Schicksal der Brüder Grimm etwa wurde nun durch die Tatsache be­stimmt, daß der neue König von Hannover, Ernst Au­gust II., dem die Göttinger Uni­versität unterstand, nach sei­nem Amtsan­tritt im Jahre 1837 ein äußerst eigenwilliges und selbst­herrliches Verhalten an den Tag legte. Er kann uns ein Bild da­von geben, wie es ist, wenn Uranus selbst die Funktion Saturns übernimmt, also die des Herrn und Gesetzgebers. Bereits weni­ge Tage nach seiner Amtsübernahme er­klärte Ernst Au­gust, das bis­he­rige Staats­grundgesetz sei für sein Land nicht zweck­dienlich und für ihn selbst nicht rechtsver­bindlich. Zur all­gemeinen Em­pörung ließ er diesen Stand­punkt durch ihm dienliche Gutachter unter­bauen und die Beamten ih­res bisherigen Ei­des entbinden. Dieser of­fensichtliche Ver­fassungsbruch erhielt zu­sätzliche Schärfe durch sein Verlangen, daß die Beamten und Professoren ihm persön­lich zu huldigen hat­ten. So kam es zu dem bekannten Protest der sog. Göttinger Sie­ben, womit sieben Professoren der Göttin­ger Universität, un­ter ihnen die Brüder Grimm, ge­meint wa­ren, die sich gegen diese Willkürmaßnah­men öffentlich bekun­deten. Die bereits nicht mehr ganz jungen Brüder nahmen damit das Risiko ihrer Ent­lassung in Kauf, aber sie wollten nicht da­durch vor ihren Studenten ihr Gesicht ver­lieren, daß sie jetzt nicht mehr zu ihren Grundsätzen stan­den, die sie bis­her in ihrer Lehre vertreten hatten. Die Aufrichtigkeit ihrer wissen­schaftlichen Arbeit war be­droht, und sie waren im Gegen­satz zu ihren meisten dün­kelhaften Kollegen, zu denen sie ohne­hin keine Beziehung gehabt hatten, keine Kar­rieristen. Ende des Jahres 1837 entließ der König diese sieben Professoren, an de­ren Schicksal die ganze Nation Anteil nahm. Erst der neue preu­ßische König Friedrich Wilhelm IV., der als Romantiker auf dem Thron bekannt wurde, sicherte ihre wei­tere Existenz durch eine Berufung nach Berlin im Jahre 1840, weil er ebenso wie früher der große Friedrich die Wichtigkeit der geistigen Identität für den Staat erkann­te und dadurch zu sichern suchte, daß er füh­rende Gelehrte und Künstler in sein Land rief.

Neptun war bereits Mitte des Jahres 1834 in den Wassermann ge­treten, und nur weni­ge Tage später veröffentlichte Georg Büch­ner seine sozial-revolutionäre Flugschrift Der Hessische Land­bote, die an die Bau­ern verteilt werden sollte und mit dem Auf­ruf begann: "Friede den Hütten, Kampf den Palästen". Der Kampf galt der sozialen Un­gerechtigkeit, man prangerte den Reichtum der Besitzenden an, der im völligen Gegen­satz zu der Armut der Bauern und Arbeiter stand. Man wollte also den einfa­chen Leu­ten ihre soziale Situation ins Bewußtsein rufen und sie dementsprechend wachrüt­teln. Um die gleiche Zeit bildete sich auch ein Bund der Geächteten, der sich in sei­ner hierarchi­schen Struktur an französi­schen revolutionären Geheimgesell­schaften orien­tierte und unter dem Einfluß des Früh­sozia­listen Wilhelm Weitling stand. Diese Intel­lektuellen, Arbeiter und Handwerker muß­ten allerdings Deutschland verlassen, weil sie verfolgt wurden, und gingen zwei Jahre später in der Geheimor­ganisation Bund der Gerechten der deutschen Emi­granten in Pa­ris auf. Was diesen Leuten be­reits im Kopf herumspukte, war nichts we­niger als der spätere Kommunismus, der al­so hier sei­nen Ursprung hatte. Es ging ih­nen um die Er­richtung einer klas­senlosen Gesellschaft, in der es kein Privateigentum mehr geben soll­te. Sie wollten nun endlich die Verwirkli­chung der in den durch die französische Revolution proklamierten Menschenrechten enthaltenen Grundsätze anmahnen. In der Folgezeit bildeten sie weitere Stützpunkte in Hamburg, in der Schweiz und in London. Auch der französi­sche Sozialphilosoph Charles Fourier ge­hörte zu diesem Kreis utopischer Soziali­sten, die von einer mora­li­schen Verurtei­lung der bestehenden Ge­sellschaftsstruktu­ren aus­gingen und Un­gleichheit, Ausbeu­tung und Unterdrückung bekämpf­ten. Fou­rier wollte das Land in au­tonome Produkti­onsgenossen­schaften auf­teilen, in denen je 300 Familien eine autarke Le­bensgemein­schaft bildeten. Seine Ziele lagen in der Selbstver­wirklichung des Men­schen und Verwandlung der Arbeit in Ge­nuß. Auch Claude Henri Saint-Simon sah den Zusam­menhang ökonomischer Fakto­ren und ge­sellschaftlicher Entwicklungen. Der nach ihm be­nannte Saint-Simonismus trat für die Kollektivierung des Eigen­tums, die Ab­schaffung erblicher Privilegien, eine plan­wirt­schaftliche Lenkung und die Emanzipa­tion der Frauen ein. Im Mai 1838 verfaßte die Londoner demokratisch-sozia­listische Arbei­terbewegung, die sog. Char­tistenbe­wegung, als Reaktion auf die Wahl­rechtsre­form von 1832, (durch die das Wahlrecht immer noch an persönlichen Be­sitz und Einkommen gekoppelt war, wo­durch we­sentliche Teile der Bevölkerung ausge­schlossen wurden), ihr Grundsatzpro­gramm unter dem Titel Peoples Charter, in dem li­berale Grundrechte auch für Arbeiter ge­fordert wurden. Sie verlangten das allge­meine Wahlrecht für alle Männer über 21 Jahre, eine gerechte Wahlkreisordnung, ein geheimes Wahlverfahren, jährliche Parla­mentswahlen usw. In den folgenden Jahren organi­sierten die Chartisten zur Durchset­zung ihrer Forderungen in mehreren engli­schen Städten, die durch den Frühkapita­lismus be­sonders gekennzeichnet waren, wie Manchester, Birmingham und Ne­w-port, mehrere Demonstrationen, an denen sich teilweise über 100.000 Menschen be­teiligten. Die Chartistenbewegung bewirkte das erste geschlossene politische Auftreten der Arbeiterklasse in Großbritannien, zerfiel allerdings nach 1848 wieder(!).

Der Wassermann sieht sich wie gesagt in bewußtem Gegensatz zum Steinbock und als sein Gegenprinzip - er will ihn gewis­sermaßen auf den Kopf stellen. Genau diese Formulierung wählte jeden­falls Marx, als er sein Verhältnis zu Hegel beschrieb. Gerade die Kritik am Hegelschen Staatsrecht hatte ihn zum Kommunismus geführt. Dieser gei­stige Umbruch fiel bei ihm etwa in das Jahr 1843, als er in Paris eintraf. Plötzlich nah­men die neuen Ideen ihn mit äußerster Ge­walt in ihren Besitz - so sehr, daß er den Plan faßte, ein völlig neues philosophischen System zu errich­ten. Dabei war für ihn das Studium der französischen Soziali­sten und der Geschichte der französischen Revolu­tion von großer Bedeutung. In Paris wurde er bald mit den führenden Sozialisten per­sönlich bekanntgemacht, und er besuchte auch viele Arbeiter­versammlungen, die ihn sehr beeindruckten: "Die Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung, die wieder die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin, die Brüderlichkeit der Menschen ist keine Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen, und der Adel der Menschheit leuchtet uns aus den von der Arbeit verhärteten Ge­stal­ten entgegen." Im Jahre 1842 fand das erste Zusammentreffen zwischen Marx und En­gels statt. Wir wollen hier nicht nochmals die Geschichte des Kommunismus aufrol­len, denn sie ist Allge­meingut, wir erwäh­nen nur, was für unsere Betrachtungen wichtig ist: daß nämlich die weitere Ent­wicklung des kommunistischen Aufbruchs bis in das Jahr 1848 eskalierte, wo sie ihren vorläu­figen Abschluß fand - als nämlich Neptun in die Fische trat.

Wir können hier also unsere Vorstellungen über das Wassermann-Prinzip präzisieren: es hat unter anderem etwas mit der Arbei­terbewegung sowie mit parlamentarischer und außerparlamentari­scher Opposition zu tun. Da es diese Dinge allerdings erst in der menschlichen Gesellschaft gibt, äußern sie sich auf tiefe­rer Ebene noch anders. Doch sei hier die Anmerkung erlaubt, daß es oft schwierig ist, über das archetypische Prin­zip, sofern man es erkannt zu haben glaubt, durch abstrakte Überlegungen zu den kon­kreten Entsprechungen vorzudringen und daß man oft die Zuordnungen ganz einfach auswendig lernen muß. Denn es scheint tat­sächlich so zu sein, daß der Weltgeist dazu neigt, sich an wörtliche Entsprechungen zu klammern und darin oft erstaunlich kleinlich ist (obwohl wir ja glauben, daß wir selbst Schöpfer unserer Sprache sind, was die astrologische Erfahrung in Über­einstim­mung mit der Linguistik - auch in dieser vollbrachten die Brüder Grimm eine Pio­nierleistung - allerdings widerlegt[1]). Im üb­rigen hat der Wassermann immer etwas mit Fortschritt zu tun, und Neptun im Wasser­mann steht somit sicher auch für den Fort­schrittsglauben, der um diese Zeit trotz al­ler gesell­schaftlicher Umbrüche das Denken der Menschheit bestimmte. Der Fort­schrittsglaube, der sich mit den Erfolgen der Wissenschaft und Technik verband, war sogar zu einer Art Religionsersatz ge­wor­den; er war eine der wichtigsten Ideen des 19. Jahrhunderts. Wir müssen dabei den gleichzeitigen Pluto im ^ berücksichtigen, der dem Sozialismus seine ursprüngliche Form gab. Spengler sagte dazu:

Der ethische Sozialismus ist - trotz seiner Vordergrundillusionen - kein System des Mitleids, der Humanität, des Friedens und der Fürsorge, sondern des Willens zur Macht. Alles andere ist Selbsttäuschung. Das Ziel ist durchaus imperialistisch: Wohlfahrt, aber im expansiven Sinne, nicht der Kranken, sondern der Tatkräftigen, denen man die Freiheit des Wirkens geben will, und zwar mit Gewalt, ungehemmt durch die Widerstände des Besitzes, der Geburt und der Tradition... Alle Ethik die­ses Stils will Ausdruck des Willens zum Unendlichen sein, und dieser Wille fordert Überwindung des Augenblicks, der Ge­genwart, der Vordergründe des Lebens. An Stelle der sokratischen Formel: "Wissen ist Tugend" setzte schon Bacon den Spruch: "Wissen ist Macht". Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist. Der Sozialist will sie der Form, dem Gehalt nach organisieren, um­prägen, mit seinem Geist erfüllen... Die ganze Welt soll die Form seiner An­schauung tragen.

Während des Plutoeintritts in den Widder wurde wie erörtert in England die erste Ei­senbahnlinie eröffnet, doch kam es erst jetzt auf dem Kontinent zu ersten derartigen Versuchen: im Jahre 1835 wurde die erste deutsche Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth eröffnet, und in Belgien wurde im gleichen Jahr so­gar die erste staatliche Ei­senbahnlinie der Welt eröffnet. Ab 1834 war in mehreren europäischen Ländern mit dem Ausbau der ersten Schie­nennetze be­gonnen worden, die sich wie auch in Ame­rika nur weni­ge Jahrzehnte später zu flä­chendeckenden Netzten ausgedehnt hatten. Damit trat auch der Kontinent in das Indu­strie-Zeital­ter ein, denn durch die Anbin­dung der verschiedenen Produkti­onsstätten an ein Verkehrsverbundsystem wandelte sich die mer­kantilistische Struktur in eine industrielle um, deren Kennzei­chen die Konzentration auf spezialisierte Produktio­nen und das Arbeitsteilungsprinzip waren. Im Zuge dieser Entwick­lung wuch­sen sich viele bisherige Kleinstädte zu Großstädten aus. Nie­mals zuvor hatten die Städte sich so explosionsartig ausge­dehnt. Das hatte eine völlige Veränderung der soziologi­schen Strukturen zur Folge, denn die Indu­striegesellschaft ist eine städtische Gesell­schaft, in der nun auch der Gedanke der Aus­bildung der Arbeiterschaft wichtig wurde, und zwar nicht nur in Bezug auf ih­re unmittelbaren Arbeitsbelange, sondern ganz all­gemein. Das Analphabetentum ging nun zunehmend zurück, wo­durch sich auch der Bedarf an Tageszeitungen und Zeit­schriften sowie Büchern schlagartig ver­stärkte. Im Jahre 1846 wurden in England und Amerika die ersten Rotations-Druck­maschinen in Be­trieb ge­nommen, die bis zu 20.000 Druckseiten stündlich her­stellen konnten. Gleichzeitig setzte sich ab 1840 die interna­tionale Verbreitung der elektri­schen Telegrafie durch, womit die bishe­ri­gen optischen Telegrafennetze abgelöst wurden. Das Arbeits­teilungsprinzip führte sehr bald zur Massenproduktion, was wie­derum gewaltige gesellschaftliche Verände­rungen bewirk­te. Alle diese Entwicklungen bewirkten einen zweiten soziolo­gischen Entwicklungsschub seit der französischen Revolution: während damals das Bürger­tum entstanden war, so entstand jetzt (zumindest auf dem Kontinent erst jetzt) die Arbeiterschaft, wogegen es zuvor nur Handwerker und Bauern gegeben hatte. Damit war ein neues Proletariat entstanden, das weder auf einer ange­stammten Scholle saß, noch auf der Übernahme von Familien­tradi­tionen aufbauen konnte, wie es die Handwerkerschaft tat, wo der Sohn vom Vater in Standesrechte und damit verbun­dene Fertigkei­ten eingeführt wurde. Das neue Proletariat saß somit zunächst zwi­schen allen Stühlen und war dementspre­chend rechtlos. Die Umstände, unter denen die Arbeiter zur Zeit des Frühkapitalis­mus leben mußten, waren in der Tat im höchsten Maße freudlos und menschenunwürdig. Sie arbeiteten in der Regel bis zum Um­fallen nur für das nackte Überleben. So wurden also die Arbei­terbewegungen durch die äu­ßeren Umstände erzwungen.

Doch waren die Veränderungen nicht nur auf diesen Stand be­schränkt, denn das na­turwissenschaftliche Denken hatte sich als Zauberlehrling einen Geist aus der Flasche geholt, der ihre weitere Notwendigkeit um­so zwingender machte. Es gab jetzt kein Zurück mehr, denn Naturwissenschaft und Technik hatten die Ge­sellschaft in einen Teufelskreis geführt, der das gleichsam noch mittelalterliche Wirtschafts- und So­zialgefüge völlig au­ßer Kraft setzte. Was gestern noch richtig war, konnte heute nicht mehr gelten, Väter konnten ihren Söhnen keine Ratschläge mehr geben, alles war vollkommen neu. Natürlich konnte man jetzt nur noch auf die Hoffnung setzen, daß die Naturwissen­schaftler einen Ausweg und neue Lösungen für die auftauchenden Probleme wußten, was diesen Wissenschaf­ten einen faktischen Au­toritätsgewinn so­wie die Richtigkeitsvermutung ihrer Aussa­gen zutrug, gegen die Kulturskeptiker und Philosophen vergeblich angingen. Doch nur wenige waren so unbefangen, zu erkennen, daß sich hier nur ein Rückkoppelungspro­zeß abspielte, der lediglich nachträglich die Grundannahmen bewies, die ja erst zu die­sen Entwicklungen geführt hatten. Die "normative Kraft des Fakti­schen" ist des­halb so stark, weil sie über alle Wirklich­keits­ebenen auf den Einzelnen einwirkt, so daß selbst heute noch die meisten Men­schen größte Schwierigkeiten haben, zu er­kennen, daß die Naturwissenschaft nichts anderes beweisen kann als das, was sie be­reits vorausgesetzt hat. Das gilt ebenso für die ethi­schen wie die intellektuellen Vor­aussetzungen. Die Dinge bewei­sen sich durch ihren Wirklichkeitscharakter, und wirklich ist das, womit wir täglich zu rech­nen haben. Die Naturwissenschaft wurde zunehmend zum Religionsersatz, nicht weil ihre Grundan­nahmen schon immer richtiger gewesen waren, sondern weil sie es von nun an waren. Justus Liebig nannte die Na­turphilosophie die "Pestilenz, den schwar­zen Tod des Jahrhunderts", doch waren es ja ganz im Gegenteil seine vermeintlich zum Wohle der Menschheit ersonnenen Neue­rungen wie Kunstdünger und Fleischex­trakt, die im Zu­sammen­klang mit den me­dizinischen Fort­schritten (die nur aus der In­teressenlage des Einzelnen ein Fortschritt sind) erst die Mas­sengesellschaft schufen. Der Mensch ist ei­ne große Idee, aber wenn man aus einer Qualität eine bloße Quantität macht, darf man sich über die daraus er­wachsenden Fol­gen nicht wundern. Mit die­sen hatte er al­lerdings zu seiner Zeit noch nicht so viel zu tun wie wir heute, so daß sein gedanklicher Ansatz verständlich ist, und schließlich ist es nicht jedem gegeben, die Dinge aus philo­sophischer Perspektive zu sehen.

1844 kam es zum Aufstand der schlesi­schen Weber, von denen uns Gerhard Hauptmann durch sein Drama ein anschau­liches Bild ver­mittelt hat. Sie erhoben sich, weil sie unter katastrophalen Bedingungen arbeiten und existieren mußten. Sie sahen in den Textilunternehmern ihre Ausbeuter, doch hatten auch diese sich dem zuneh­menden Konkurrenzdruck durch die neuen industriellen Produktionsmethoden mecha­nischer Webstühle zu stellen und wälz­ten das auf ihre vornehmlich als Heimarbeiter tätigen und dem­entsprechend rechtlosen Zulieferer ab. Die Regierung hatte je­doch keinerlei Verständnis für die Not der Weber und setzte ge­gen sie Soldaten ein, um ihren Aufstand blutig niederzuschla­gen.

Erwähnen wir noch in aller Kürze einige Ereignisse und Kunst­werke, die in dieser Zeit entstanden, soweit sie uns etwas über das Wassermann-Prinzip sagen können: Im Jahre 1835 verließ ein großer Buren-Treck die Kap-Kolonie in Südafrika, um in die fast unbesiedelten nördlichen Gebiete zu ziehen. 1836 wurde Texas unabhängig von Mexiko. 1840 erfolgte ein gescheiterter Putsch Louis Napoleons. 1842 zogen ame­rikani­sche Siedler nach Oregon. 1844 wurde der Gründer der Mormonen­sekte gelyncht. 1847 entstand die Sklavenrepu­blik Liberia in Afrika. Im gleichen Jahr er­hielten die preußischen Stände mehr Mit­spracherechte, und Young führte die Mor­monen nach Utah. 1840 malte Millet Moses mit den Gesetzestafeln, 1843 Tur­ner Am Abend vor der Sintflut und im gleichen Jahr Ingres Das golde­ne Zeit­alter.

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