Thema Mundan-Astrologie

Neptun in den Zeichen

(1821-1862)

 

Neptun im Steinbock

(1821-1834)

Die unmittelbare Folge des geistigen Auf­bruchs unter dem voran­gegangenen Zei­chen war ein betonter Historismus, unter dem man in Deutschland begann, die eigene nationale Vergangenheit auf­zuarbeiten. Man wurde sich immer mehr der eigenen Wurzeln be­wußt und gewann eine rück­wärtige Perspektive, die bis dahin einfach nicht existiert hatte. Dieser Umstand ist wichtig, weil er den kreativen Aspekt der Geschichtsschreibung verdeutlicht, denn in hohem Maße sind diese Dinge nur insofern existent, als man sich ihrer bewußt ist: Ge­schichte ist ein kultureller Pro­zeß und wird erst durch geistige Aufarbeitung zur Ge­schichte. Archaische Völker haben keine Geschichte, weil sie nur in der Gegenwart leben. Zur Existenz einer Nation gehört die Tatsache, daß sie sich ihrer nationalen Exi­stenz bewußt ist, wozu sie ei­ne zeitliche Dimension vor allem in die Vergangenheit gewinnen muß. Dieser Vorgang vollzog sich in den deutschen Ländern, aus denen ja erst eine Nation zu werden begann, bis in die dreißi­ger Jahre des neunzehnten Jahr­hunderts. Es war aber auch ein gesamteu­ropäischer Vorgang, durch den das neu­zeitliche Weltbild Gestalt gewann und der die Geschichtswissenschaft zu einer bis da­hin nie gekannten Bedeutung erhob. Es war ein Vorgang, der sich keineswegs auf die Historiker beschränkte, sondern alle Berei­che des Geisteslebens erfaßte - so vor allem die Literatur und Malerei, die sich vor­nehmlich historischer Stoffe annahmen, wobei der Literatur die Vorreiterrolle zu­kam. In Deutschland erschienen ab 1826 die Monumenta Germaniae historica und gleichzeitig Raumers Geschichte der Ho­henstaufen sowie Grab­bes Stauferdramen. Das Bedürfnis, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, erfaßte aber alle Be­völkerungsschichten und war nicht nur eine Sache der Intellektuellen: man wollte die Vergangenheit förmlich nacherleben und lebte eher in ihr als in der Gegenwart, zu­mal diese durch den übermächtigen Ein­bruch der Technik und den damit verbun­denen allgemeinen Wandel der Lebensum­stände die meisten Menschen emotional überforderte. Die Hinwendung zur Ver­gangenheit, die deutlich in den Kunst­stilen zum Ausdruck kam und mit einer Flut von Denkmälern ein­herging, war also auch eine Flucht aus der Gegenwart. Natürlich gab es auch weitere äußere (kausalistische) Grün­de, die den Historismus begünstigten - so etwa die Tatsache, daß der Pariser Lou­vre die von Napoleon aus aller Welt zu­sam­mengeraubten Kunst­schätze nun erst­mals einer breiteren Öffentlichkeit zugäng­lich machte und in dieser dadurch die Ver­gan­genheit lebendig wurde, sowie die Tat­sa­che, daß das durch die industrielle Revo­lu­tion auf England gerichtete Interesse dazu führte, daß man sich auch mit dessen My­thologie verstärkt auseinandersetzte. Vor allem Shakespeare stärkte übernational das kulturelle Selbstbewußt­sein der nordeuro­päischen Völker gegenüber der bis dahin allzu sehr vorherrschenden klassischen An­tike und führte zu einer fruchtbaren Ver­bindung der nordischen und der antiken Kultur­welt.

Der romantische Geist wandte sich jetzt ei­nem Thema zu, das wir auch leicht dem Steinbock zuordnen können: dem Befrei­ungskampf des griechischen Volkes gegen die Türken. Diese Idealisierung des klassi­schen Griechentums hatte sich schon in den vergange­nen Jahren immer mehr in unzähli­gen Gedichten und Bildern ver­stärkt und führte nun unmittelbar zur Tat. Bezeich­nenderweise spielte dabei der romantische Held Lord Byron eine Schlüssel­rolle, der sich in seinen Dichtungen für die Sache der Grie­chen einge­setzt hatte und nun durch grie­chische Gesandte selbst aufgefor­dert wurde, einen unmittelbaren Anstoß zu ge­ben. Aus der nüch­terneren Perspektive an­derer Konstellationen fragen wir uns na­tür­lich, weshalb man dazu ausgerechnet einen Dichter bemühte, statt Soldaten und Waf­fen, aber der Geist kann unter Umständen mächtiger sein als die nackte Gewalt. Der symbolische Akt seiner Betretung des grie­chischen Bodens war machtvoll genug, den Griechen selbst die Kraft zu ihrem eigenen Befreiungs­kampf mit der mora­lischen Un­terstützung der europäischen Intellektuellen zu ver­lei­hen, die ihnen unter Pluto in den Fischen gefehlt hatte und ihnen nun unter Pluto im Widder wieder zuwuchs.

In Preußen blieben nun allerdings die Re­formen Harden­bergs in der überall sich durchsetzenden Restauration stecken; er selbst starb im Jahre 1822 im Amt. Doch hatte sich vor allem die preußische Heeres­re­form erhal­ten, die neben der Städteord­nung der er­folgreichste Teil des preußi­schen Wieder­aufbaus war. Sie war das Werk Gnei­senaus und Scharnhorsts, die ei­ne neue Führungs­schicht des Hee­res hatten bilden müssen, nachdem diese durch den Zusammenbruch des Staates aufgelöst worden war. Das Heer hatte neue Techni­ker und Strategen erhalten und war in sei­ner ganzen Struktur neu organisiert wor­den. Wie sehr der gei­stige Zustand eines Volkes auch seine äu­ßere Kraft beeinflußt, wird daraus ersicht­lich, daß der Heeres­theoretiker Clausewitz unmittelbar durch den Deutschen Idealismus beeinflußt war. Die Grundidee dieser Män­ner war die einer Nation unter Waffen, denn ihrer Meinung nach konnte Napoleon nur mit seinen eige­nen Waffen bekämpft werden. Zu besiegen war er nur durch et­was, was sich in Frank­reich seit der dorti­gen Revolution inzwi­schen verloren hatte: einen poli­tischen Ge­danken, der das ge­samte Volk erfüllte und ihm eine unbe­dingte innere geistige Identi­tät gab. Diese Kombination der durchor­ganisierten Hee­resreform mit einer geistig-politischen Er­weckung des Volkes begrün­dete die neu erwachte Kraft des preußi­schen Staates. Das Heer wurde als Verbin­dung eines Be­rufsheeres und einer Natio­nalmiliz organ­isiert, wobei man davon aus­ging, daß es durch den freien Wehrwillen der Nation moti­viert wurde. Dabei wurde der Standes­charakter des Heeres zugun­sten des Bür­gertums verändert, das nun eben­falls Gele­genheit zur Militärkarriere erhielt. Napole­on wurde dabei durch das sog. Krümpersy­stem getäuscht: die Krümper waren nur re­lativ kurz ausgebildete Solda­ten, die bald anderen Rekruten Platz ma­chen mußten, so daß trotz der vorgeschrie­benermaßen geringen Heeresstärke fast das ganze Volk militärisch ausgebildet wurde. Auf diese Weise konnte Preußen den fran­zösischen Massenheeren eigene Massen­heere entge­gensetzen.

Doch hatte diese aus der Not geborene Stärke des preußischen Staates auch eine Kehrseite - nämlich die der geistigen Per­spektivlosigkeit: Preußen wurde zu dem Staat, als der er seit­her gilt. Leider litten die preußischen Reformen zudem unter der Tatsache, daß die führenden gesellschaftli­chen Gruppen ei­nen eigenen Lokalpatiotis­mus entwickelten, der das alte Preu­ßentum über den Geist der Gesamtnation setzte. So wurde der Deutsche Idealismus durch die Engstirnigkeit dieses preußischen Staats­egoismus untergraben. Das ist es bis heute vor allem, was uns einen schlechten Beige­schmack am Preußentum verursacht, wäh­rend die mit ihm verbundene Staatsidee im Sinne Steins und Hardenbergs durchaus ei­nen Zug von Größe besitzt. Leider ist so etwas in der Regel immer nur auf einige Wenige beschränkt, die die anderen allzu­sehr überragen. Aber es gab dennoch in Preußen Geister, die über diesem äußeren Wandel ihre Kraft nicht verloren, sondern sie nach innen wandten und ihr einen neuen Anstrich gaben. Zu denken ist hier vor al­lem an den preu­ßischen Architekten Karl Friedrich Schinkel, der nun keine Do­me, romantischen Gemälde und Bühnenbilder mehr schuf (er gehör­te unter Neptun im Schützen selbst auch zu den bedeutenden romantischen Malern), son­dern dem klassi­zistischen Stil verpflichtete Monumentalge­bäude. Er wurde jetzt der eigentliche Bau­meister Berlins - ein Staats­bau­meister, dem es vor allem oblag, Berlin das architektoni­sche Gesicht einer Haupt­stadt zu geben, die es allerdings zunächst somit nur der Form nach war. Im Werk Schinkels können wir über­aus deutlich den Umbruch vom Schüt­zen zum Steinbock er­kennen, der sich ab 1821 vollzog, als sein Entwurf zum Schauspielhaus ausgeführt wurde. Wie be­reits erörtert kann das bei Auftrags-Schaf­fenden gar nicht anders sein, wenn sie so sehr wie Schinkel das Gesicht ihrer Zeit prägen.

Schinkels Wendung zum Klassizismus fand eigentlich mit dem Schauspielhaus statt... Der Klassizismus steht nun im Vordergrund und wird zum Stil der großen realisierten Werke... Die sich hier stellende Frage lautet: Warum entwirft Schinkel seine drei wichtigsten Berliner Bauten, ausgenommen die Bauakademie (Anm.: wir kommen darauf nochmals unter Neptun im Wassermann zurück), klassizistisch? Es wäre ihm zu jener Zeit unmöglich gewesen, Wache, Schauspielhaus und Museum am Lustgarten stilistisch anders aufzufassen. Die Hoffnungen vor und während der Befreiungskriege waren ins Leere gelaufen und die Sujets der Bilder jener Zeit durch die Realität überholt. Den nunmehr zu entwerfenden Staats- und Repräsentationsbauten kam allein eine klassische Form zu... (W. Büchel).

Der Zeitgeist hatte sich allerdings inzwi­schen sehr geändert, denn die Proteste auf dem Wartburgfest (der ersten öffentlichen Kundgebung der politischen Opposition) und die Bewegung der deutschen Bur­schenschaften (die zu ihrer Zeit durchaus ideali­stisch im besten Sinne waren und das Gegenteil dessen, was re­aktionäre Studen­ten daraus später machten: sie waren die ent­schiedenste Bewegung für die nationale Einheit) hatten die Re­aktion auf den Plan gerufen. 1819 war es deshalb zu den Karls­bader Beschlüssen gekommen, durch die die Unterdrückung der op­positionellen Be­wegungen an den Universitäten vorbereitet wur­den. Die damit verbundenen restrikti­ven Maßnahmen setzten sich in den folgen­den Jahren zunehmend durch. Es kam zu einem Verbot der Burschenschaften und zur Verstärkung der Staatsaufsicht über die Universitäten sowie zur Einrichtung einer Untersu­chungskommission in Mainz gegen "revolutionäre Umtriebe".

1818 war Georg Wilhelm Friedrich Hegel Fichtes Nachfolger in Berlin geworden, und 1820 wurde er Ordentliches Mitglied der Königlich-Wissenschaft­lichen Prüfungs­kommission der Provinz Brandenburg. Er wurde zunehmend zum preußischen Staats­philoso­phen, der entsprechend 1821 einen Teil seines Hauptwerkes her­ausgab, die Grundlinien der Philosophie des Rechts. Dieses Buch ist ein regelrechtes Lehrwerk zur Bedeutung des Steinbock-Themas. "Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig" hieß es darin. Denn was die Dinge dazu gemacht hat, daß sie die Wirklichkeit bestimmten, war ihr logi­scher Ablauf - es mußte also un­ter den gegebenen Umständen so sein. "Der Staat an und für sich ist das sittliche Ganze, die Verwirklichung der Freiheit, und es ist absoluter Zweck der Vernunft, daß die Freiheit wirklich sei. Der Staat ist der Geist, der in der Welt steht und sich in derselben mit Bewußt­sein realisiert." Hier setzte natürlich die Kritik der Libera­len ein, die Hegel als konservativen Pragmatiker und Opportuni­sten anprangerten - den Die­ner einer reaktionären Regierung, der er die theoretische Rechtfertigung für ihre Politik schuf. Da­bei hatte Hegel natürlich unter ei­nem gewissen Aspekt recht, denn wer woll­te bestreiten, daß eine Zivilisation, also nach seinem Verständnis das Leben der einzelnen Bürger in einer Ge­meinschaft, der Sittlichkeit bedarf und also der Gesetze? Eine Gemeinschaft, so sagte er, könne nur Bestand haben, wenn sie zu ihrem Schutz der Freiheit auch Grenzen setzt. Die Sitten müssen ein gemeinsames Band sein, nicht ein persönliches Recht nach jedermanns Fasson. Die Einschränkungen der indivi­duellen Frei­heit durch Sitten und Gebräu­che sind die ältesten, die am mei­sten ver­breiteten und beständigsten Maßnahmen, die jede Gemeinschaft für ihren Fortbestand und ihr Wachstum trifft. Da diese Regeln vor allem durch die Familie, die Schule und Kirche vermittelt werden, sind diese Insti­tutionen eine lebenswichtige Voraussetzung für jede Gemeinschaft. In der Erziehung aber, meinte Hegel, dürften Frei­heit und Spiel nicht (wie bei Pestalozzi und Fichte) zum Fetisch gemacht werden. Er ging so weit, daß er meinte, der Zweck von Bestra­fungen sei die Erhebung des Allge­meinen in das Bewußtsein des Einzelnen und in seinen Willen. Die Religion sei ein ideales Instru­ment zur Zivilisierung - zur Umwandlung von Wilden in Staatsbürger, denn sie setze das Indi­viduum in Beziehung zur Gesamt­heit, "indem die Religion das ihn für das Tiefste der Gesinnung integrierende Mo­ment ist, von al­len seinen Angehörigen zu fordern, daß sie sich zu einer Kir­chen­ge­meinde halten - übrigens zu irgendeiner, denn auf den In­halt, insofern er sich auf das Innere der Vorstellung bezieht, kann sich der Staat nicht einlassen." Somit ist der Staat die größte Errungenschaft des Men­schen, er ist das Organ der Ge­mein­schaft zum Schutz und zur Weiterentwick­lung des Menschen. Das Gesetz ist die Freiheit des zivilisierten Menschen, denn es gewährt ihm Schutz vor Ungerechtigkeit und Gefahr als Gegenlei­stung für seine Zu­sage, anderen Menschen keinen Schaden zuzufü­gen. Na­türlich braucht der Staat Au­torität, um das Chaos in ei­ne Ordnung um­wandeln zu kön­nen, wobei bisweilen die Anwendung von Gewalt nicht ausgeschlos­sen werden kann. Polizei und ggf. Zwangseinberufungen sind nötig, aber im übrigen ist der Staat eine Organisation der Vernunft.

Wie gesagt, nur ein Anarchist könnte die Richtigkeit der Staatsidee im Prinzip be­streiten, doch war es ihre merkwürdige Be­tonung, an der sich Hegels Kritiker stießen. Diese ging bis­weilen sogar scheinbar bis zur Vergötzung des Staatsprinzips: "Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist; sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Ver­nunft. Bei der Idee des Staates muß man nicht besondere Staaten vor Augen haben, nicht besondere Institutionen, man muß viel­mehr die Idee, diesen wirklichen Gott, für sich betrach­ten." Was Hegel hier aber meinte, ist natür­lich, daß es sich bei die­ser Idee um ein ar­chetypisches Prinzip handelt, das überall im Universum waltet. Dieser Gedanke wird durch die Astrologie be­stätigt, denn nicht umsonst ist das Steinbock-Prinzip einem der zwölf Tierkreise zugeordnet - es ist also eines der zwölf Hauptprinzipien des Uni­versums, doch nicht das Ein und Alles, wie man es glau­ben könnte, wenn man dieses Werk Hegels liest. So muß es uns also ei­gentlich wun­dern, daß er mit dieser Philo­sophie zu sei­ner Zeit zum Modephiloso­phen wurde, ge­gen den Schopenhauer nicht ankam, ob­wohl der es starrsinnig versuchte. Hätte er etwas von Astrologie verstanden und den Neptunstand berücksichtigt, so wäre ihm allerdings die Aussichtslosigkeit seines Ver­suches aufgegangen. Er hätte vielmehr in aller Seelenruhe spätere Zei­ten abgewartet, in denen er tatsächlich selbst noch zum Mode­philosophen werden sollte.

Machen wir uns den in dieser Periode herr­schenden Zeitgeist an den zu dieser Zeit entstandenen Kunstwerken deutlich: Unter Neptun im Schützen hatte Friedrich noch das Kreuz im Gebirge gemalt, während er jetzt das Kreuz aus solchen Bildern weg­ließ. Es ent­standen Bilder wie Riesenge­birgslandschaft, Felsenriff am Meeres-strand oder Der Watzmann und Die ge­scheiterte Hoff­nung (das Bild mit den riesi­gen Eisschollen). Corot malte: Das Kollos­seum, Bewaldeter Felsen und Felsiges Waldtal bei Civita Castel­lana. Ingres brau­chen wir eigentlich gar nicht zu zitieren, denn er strahlt in allen sei­nen Bildern schon durch die Darstellungs­weise das Steinbock-Thema aus, wenn auch diffe­renzierter als Overbeck in seiner jetzt vorgestellten Italia und Germania. Ble­chen malte Gebirgs­landschaft im Winter und Grotte mit Mön­chen am Golf von Neapel, Kobell die Gem­senjäger, Carus das Hochgebirge. Consta­ble malte Die Kathedrale von Salisbury. Kathedralen können ja je nachdem un­ter dem Schütze- wie auch unter dem Stein­bock-Aspekt ge­sehen werden, und so malte auch Corot noch Die Kathedrale von Char­tres. De­lacroix malte in dieser Zeit Bilder wie Die Schlacht von Nancy usw. Das soll nicht heißen, daß zu dieser Zeit nur Bilder mit solchen Themen entstanden, es ist aber ganz offen­sichtlich, daß der Zeitgeist solche begünstigte. Auch die Brü­der Grimm wid­meten sich in ihren Arbeiten nun sehr viel spröde­ren Themen, und zugleich war ihre äußerliche Situation uner­freulich geworden. Der neue Kurfürst von Hessen (die Brüder ar­beiteten an der Kasseler Bibliothek) hatte für ihre wissen­schaftliche Arbeit nicht viel übrig und ließ die inzwischen überregional geachteten Wissenschaftler ohne weiteres ziehen, als sie ihr Abschiedsgesuch ein­reichten, um an die Universität Göttingen zu wechseln. Jacob widmete sich jetzt der Herausgabe der Deutschen Grammatik(!), deren Erstauflage umgehend vergrif­fen war, so daß schon 1822 eine Neuauflage er­scheinen mußte. So­dann beabsichtigte er, einen Beitrag zur Rechtsreform zu lei­sten, während Wilhelm sich der Deutschen Hel­densage widmete, die 1829 erschien.

Ein typischer und außerordentlich wirksa­mer Maler dieser Zeit war Josef Anton Koch, der vor allem durch seine Alpenland­schaf­ten bekannt wurde. Fast alle bedeu­tenden Persönlichkeiten der Zeit - unter ih­nen die Brüder Humboldt und Schlegel - besuchten ihn an seinem Wohnsitz in Rom, wo er der Mittelpunkt und die höchste Au­torität eines großen Künstlerkreises war. 1823 malte er sein berühmtes Bild Der Grindelwald-Gletscher und im näch­sten Jahr Das Wetterhorn. Für unsere Be­trach­tungen ist die Akzentverschiebung wichtig, die in seinen Bildern gegenüber de­nen der Romantik zum Ausdruck kam: hier war nicht mehr die vom Betrachter erlebte Na­tur das eigentliche Thema, bei der diese al­so nur Vorwand zur Darstellung subjekti­ver Erlebnisse ist, sondern vielmehr ein mo­ralischer Imperativ. Koch wollte gewis­ser­maßen das ewige Gesetz des Universums darstellen; die Alpen­welt diente ihm zur Veranschaulichung ewig gleicher und abso­lu­ter Werte - seine Bilder waren insofern klassizistisch, obwohl sie sich eines Themas bedienten, das keine klassische Tra­di­tion besaß. Es lag aber wohl in der Zeit, denn auch der füh­rende europäische Politi­ker dieser Zeit, Metternich, verglich sich selbst oft genug mit einem Felsmassiv. Ein gegen ihn ge­richtetes Pamphlet kommen­tierte er so: "Ein Verrückter, der sich den Schädel an einem Felsen einzurennen im Begriffe steht, ist nicht der Feind des Hin­dernisses, sondern sein eigener Feind. In­dem er die Widerstandskraft des Felsens erprobt, gibt er nur einen Beweis von der Schwäche sei­ner Hirnschale." Von den Al­pen schwärmte er dagegen: "Sie erheben die Seele, weil es im Wesen des Menschen liegt, mit hohen Dingen im Verein zu wach­sen, sie demütigen die Seele, durch die Überlegenheit ihrer ragenden Gewalt. Nichts ist kleinlich noch mittelmäßig in die­ser Landschaft, zwanzig Fuß hoch liegt der Schnee, die Bäche sind wildschäumen­de Wasserströme, Berge stürzen, wenn die Erde in Bewegung gerät, das Gelände be­steht aus Erhebungen und Ab­gründen, so weit der Blick reicht."

Die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse waren vor allem Metter­nichs Werk. Sie brachten wie gesagt eine Zeit der Reaktion, die sich lähmend über das ganze europäi­sche Festland legte. Rahel Varnhagen stellte in Wien fest, daß "die Häupter nur noch mit leeren Formeln hantieren, ...daß sie die Welt wie ein Rad in ihrem Lauf zurückhal­ten und auf die alte Stelle, wo es ihnen ge­fiel, zurückführen möchten." Ihr Ehemann, Karl August Varnha­gen, der sich als Di­plomat allzu reformfreudig gegeben hatte, wurde jetzt nach seiner bisherigen steilen Karriere ohne Angabe von Gründen von seinem Posten abberufen. Es blieb nicht nur beim Verbot der Burschenschaften, sondern auch die Zensur wurde verschärft sowie li­berale Professoren gemaßregelt und ver­folgt. So kehrten die Varnhagens wieder nach Berlin zurück, wo Rahel nun ihren zweiten Salon eröffnete, obwohl sie feste­stellte: "Nichts gefällt mir hier... Meine größte Hauptqual ist hier: daß, was noch übrig blieb von meinem Vorigen, so alt, so abgetragen, so verkrüppelt, so häßlich ge­worden ist... Der Tod hat unter unseren Freunden... gewütet, vom Krieg unter­stützt: an jeder Ecke in unserem Viertel, wo sonst Unsrige wohnten, sitzen Fremde. Es sind Grabstätten. Die ganze Konstella­tion von Schönheit, Grazie, Koketterie, Neigung, Liebschaft, Witz, Ele­ganz, Kor­dialität, Drang die Ideen zu entwickeln, redlichem Ernst, unbefangenem Aufsuchen und Zusammentreffen, launigem Scherz, ist zerstiebt." Die ganze Atmosphäre erschien ihr ver­steinert - auch die Geselligkeit hatte ihre frühere Zwanglosig­keit verloren und erforderte mehr Aufwand. Dennoch nahm sie ih­re Kontakte zu ihren früheren Freun­den wieder auf, soweit diese noch zur Ver­fügung standen und stehen wollten. Sie paßte sich der neuen Zeit an. Ihre Gäste wurden "geschmeichelt, bewirthet, ge­pflegt, nicht persönlich widersprochen, um­gangen." Obwohl sie der vergangenen Zeit nachtrauerte, versuchte sie das beste aus der gegebenen Situation zu machen, weil sie nun einmal eine Ge­sellschaftsnatur war, und trotz allem den alten unkonven­tionel­len Geist nach Möglichkeit zu wah­ren. Ihrem außerordentlichen Geschick war es zu ver­danken, daß sie auf diese Weise in dem spitzelverseuchten Preußen einen klei­nen Freiraum schaffen konnte.

In Rom war der ab 1823 als neuer Papst amtierende Leo XII. da­bei, den Vatikan in einen regelrechten Polizeistaat zu verwan­deln. Er verdammte Toleranz und Freimau­rerei und begünstigte die Jesuiten und kehr­te die Reformen seines Vorgänger in ihr Gegenteil um. Der Adel erhielt wieder seine früheren Funktionen und Ämter im Vati­kan, die Lehrstühle der Vatikan-Universität wurden strikt überwacht, um jede Kritik schon im Ansatz zu un­terbinden, und die Juden kamen wieder ins Ghetto. Alles war mit Spitzeln durchsetzt, jede revolutionäre Regung sollte unter­drückt werden, mit Mit­teln von der Überwachung des Privatlebens bis hin zur Exekution. Obwohl der Papst im persönlichen Umgang liebenswürdig war, wurde er doch allseits gehaßt wie kaum ei­ner seiner Vorgänger, und er wurde dafür verantwortlich gemacht, den Vati­kan in ei­nen der rückständigsten Staaten ganz Eu­ropas verwandelt zu haben. Zugleich suchte Leo jede Gelegenheit, die Gleichstel­lung des Katholizismus in Eng­land zu fördern und erreichte tatsächlich, daß die dortigen Katholiken zum Parla­ment und öffentlichen Ämtern zugelassen wur­den. Zwar war sein Nachfolger Pius VIII. etwas liberaler, doch wurde er nach sei­nem bereits nach wenig mehr als einem Jahr er­folgten Tod durch Gregor XVI. abgelöst, der ebenso wie sein Vorvorgänger freien Gedanken kompro­mißlos gegen­überstand.

Was hätte Pius VIII. tun müssen, um seinen vorzeitigen Tod zu vermeiden? Astrologen hätten ihm einen anderen Rat gegeben als die Ärzte!

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