Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun im Schützen

(1807-1820)

 

Alle epochemachenden Umwälzungen..., die reli­giösen Revolutio­nen und mit ihnen die staatli­chen, sozialen und häuslichen Ver­haltensweisen der be­troffenen Nationen, fielen mit dem Auf­stieg und dem Untergang metaphysischer Systeme zusam­men. (Samuel Taylor Coleridge.)

Im Jahre 1807 begann Bettina von Arnims Briefwechsel mit Goethe: ein äußerst interessantes Beispiel für das Thema Schütze. (Dieser Briefwechsel erschien aber erst 1835 unter Neptun im Wassermann und sollte dort diesem entsprechend „eine neue Epoche der Goetheverehrung" (3) einleiten.) Da das Thema der Romantik unter dem Gesichtspunkt des Vorstel­lungs­prinzipes wohl von sich aus einleuchtet, können wir uns nun der Tatsache zuwenden, daß diese Vor­stellung etwa ab 1807 eine besondere Ten­denz bekam. Sie wurde jetzt zunehmend idealisti­scher und veredelte sich gewisser­maßen. In diesem Jahre wurde in Preußen der Freiherr vom Stein leitender Minister, der im folgenden Jahr mit umfangreichen Reformen begann. Preußen hatte Männer wie ihn und Hardenberg, Scharnhorst und Gneisenau drin­gend nötig, denn nur ihrer Kraft verdankte es sei­nen Wiederauf­stieg, nachdem Napoleon es schon fast vernichtet hatte. Die Nachfolger des großen Friedrich waren schon von sich aus nicht in der Lage gewesen, sein Vermächtnis fort­zuführen, besonders aber waren sie der Gewalt Napo­leons nicht gewachsen. Es ist na­türlich müßig, darüber zu spekulieren, ob Friedrich II. es ge­wesen wäre, aber er hatte eine ganz ande­re Statur gehabt, schon in moralischer Hinsicht. Er war sogar Napoleons Vorbild gewe­sen, der ihn aufrichtig bewunderte: "Der große Friedrich", sagte er, "ist der Held, den ich im Krieg wie in der Verwal­tung als Vorbild betrachte; ich habe seine Grundsätze mitten im Feldlager stu­diert, und seine persönlichen Briefe sind für mich Lektionen in Philosophie." Doch des­sen Nachfolger auf dem preu­ßischen Thron, Friedrich Wilhelm II. (reg. 1786-1797), hatte sich of­fenbar eher Ludwig XV. zum Vorbild erkoren, ohne zu mer­ken, daß das nicht mehr zeitgemäß war und daß sein Land für ei­nen solchen Monarchen keine Grundlage bieten konnte. Preußen war noch geschwächt von den Kriegen seines Vorgängers, die ei­gentlich nur den Rahmen ge­schaffen hatten, der jetzt dringend mit Substanz hätte ausgefüllt werden müssen - mit ethischer Sub­stanz vor allem, zu der weder Friedrich Wilhelm II. noch dessen Nachfolger Friedrich Wil­helm III. (reg. 1797-1840) die Voraus­setzungen besaßen. Vor allem die Regierungszeit dieses Königs ist durch Entscheidungsschwäche gekenn­zeichnet. Nach der ver­nichtenden Nieder­lage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806 brach der alte preußische Staat endgültig zusammen - Napoleon selbst residierte nun im Berliner Schloß, von wo aus er die Kontinental­sperre gegen England anordnete. Preußen hatte etwa 6o% seines früheren Gebietes und fast ebensoviel seiner Bevölkerung verloren. Viele prophezeiten, daß es niemals wieder eine Rolle in der deutschen Geschichte spielen würde. Dieses war die Situation, die der Freiherr vom Stein vorfand, und ohne ihn und seine erwähnten Mitkämpfer wäre Preußen wohl tatsäch­lich untergegangen.

Nur fünf Tage nach seinem Amtsantritt hatte Stein eine Prokla­mation vorbereitet, auf die viele preußische Bauern und Bürger schon lange gewartet hatten. Das neue Re­zept ging von einer in­neren Stärkung aus und setzte nicht auf das Militär, sondern ei­ne neue innere Staatsstruktur. Die neuen Männer dachten tat­sächlich in erster Linie nur an Preußens Wiederaufstieg, aber un­ter der napoleonischen Bedrohung konnten sie die äußere Stär­kung nur über die zunächst un­merkliche innere erreichen. Stein erkann­te, daß Preußens Schwäche vor allem in seiner Feudal­struktur lag, die es auch un­fähig machte, sich der Konkurrenz der eng­lischen industriellen Re­volution gewachsen zu zeigen. Jeder Einwohner des preußi­schen Staates sollte von nun an das Recht erhalten, Land zu kaufen und zu besitzen, was bisher den Bauern verwehrt worden war und womit erst eine notwendige Agrar­reform ermöglicht wurde. Zudem sollte je­dem Bürger gestat­tet sein, sich jeder er­laubten Beschäftigung und Unternehmung zu widmen, was alle Ta­lentreserven des Volkes mobilisierte, die bis dahin brach gelegen hatten. Außerdem wurde alle Gu­ts-un­tertänig­keit aufgehoben, und ab 1810 sollte es nur noch freie Bürger in Preußen geben. Vor allem kostete es Stein und seine Hel­fer viel Mühe, die Städte von der Herr­schaft der Barone und pensio­nierten Offi­ziere zu befreien. Es läßt sich denken, auf welchen Widerstand bei den bisherigen Privilegierten er dabei stieß, aber nachdem dieser gebrochen war, begann das Leben in den Ge­meinden auf eine Weise zu blühen, die den neuen Aufstieg Preu­ßens erklärte. Zwar fiel einer von Steins Briefen Napole­on in die Hände, der daraufhin seine Entlas­sung erzwang, doch konnte Hardenberg sein Werk ohne weiteres fortsetzen. Napo­leon hat es später als seinen größten Fehler bezeichnet, daß er nicht er­kannte, welche Kraft dort entstand: in nicht mehr als sechs Jahren war Preußen wieder so stark, daß es der natürliche Füh­rer bei den Befreiungs­kriegen gegen ihn wurde. Diese Kraft war keine militärische, sondern eine geistige (Schütze). Dem ent­sprach die Tat-sache, daß im Jahre 1808 in Preußen eine Mora­lisch-wissen­schaftliche Vereini­gung von mehreren Universitätsprofessoren ge-grün­det worden war, die der Befreiung Preu­ßens dienen sollte und unter dem Namen Tugendbund bekannt wurde.

Die Tatsache, daß die französische Revolu­tion in Deutschland keine politischen, son­dern kultu­relle Auswirkungen hatte, hing vor allem damit zusammen, daß Deutsch­land in unzählige Klein­staaten zersplittert war, die eigentlich nur in kultureller Hin­sicht eine gemeinsame Nation bildeten. Zwar waren auch die Dialekte so unter­schiedlich, daß die eine Hälfte des Volkes die andere nicht verstand, aber sie alle hat­ten eine gemeinsame Schriftsprache, und so lag es in der Natur der Sache, daß diese zum Ventil des geistigen Aufbruchs wurde, worin Deutschland aus der Not eine Tu­gend machend zur führenden europäischen Kraft wurde, nachdem es noch im vergan­genen Jahrhundert vollkommen unter dem kulturellen Einfluß Frankreichs gestanden hatte. Der Deutsche Idealismus, der schon im Sturm und Drang begonnen hatte und jetzt wie­der auflebte, wandte sich dabei deutlich ge­gen den allzu perspektivlosen Rationalismus der Aufklärung. Die deut­schen Intellektuellen forderten nun eine Be­freiung des Ge­fühls von der Vernunft und darüber hinaus auch weitere Freihei­ten des Einzelnen - sei es vom Staat oder den allzu engen Bin­dungen der Familie. Alte Tabus und Gesetze, die die geistige Entfaltung behin­dert hatten, sollten ihrer Meinung nach gebro­chen werden, und vor allem soll­ten die Klassenun­terschiede der Vergan­genheit angehören. Jeder, der Talent in sich spürte, sollte Kar­riere machen können, alle sollten gleiche Chancen ha­ben und frei sein, ihre Beschäftigung zu wählen sowie den Lebensgefährten, die Religion, Regierung und Moral. Zwar wa­ren das zunächst nur Forderungen, aber sie wurden mit immer lauterer Stimme erhoben, so daß die Herr­schenden sie nicht mehr überhören konnten. Die deutschen Intellektuellen erkannten auch bereits die bedenklichen Seiten der Aufklärung, die die Massen mobilisiert hatte, denen die Kulturskeptiker mißtrauten und in denen sie sogar eine neue Gefahr sa­hen. Ohne Nietzsches Über­menschen-Phi­losophie zu nahe treten zu wollen, muß doch wie schon erörtert die Frage gestattet sein, ob der Ge­danke, daß alle Menschen gleich sind, nicht die Idee des Menschen zu sehr vulgarisiert, in­dem sie aus einer Quali­tät eine bloße Quantität macht. Nicht zu­letzt muß diese Frage auch im Interesse der Massen selbst ge­stellt werden, die sich nach dieser Maß­gabe keine eigene Per­spektive geben kon­nten und sich somit um die Chancen der Be­frei­ung durch die industri­elle Re­volution brachten. Befreiung im Hinblick auf wel­ches Ziel? Vorerst hatte es ihnen in Eng­land, wo sich schon die schlimmen Aus­wüchse des Frühkapitalis­mus zeigten, auch noch nicht einmal in ma­terieller Hinsicht ei­ne Befreiung gebracht. Hinzu kam das Problem der Massenpsycho­lo­gie, das sich in der französischen Revolu­tion in aller Deut­lichkeit gezeigt hatte. Man hatte die­sen Menschen ihre Religion ge­nommen, für die natürlich der Kult des Höchsten We­sens ein nur fragwürdiger Er­satz war. Die­ses alles war allzu sehr ausge­dacht und oh­ne Empfindung - der Mensch war von sei­nen eigenen Wurzeln abge­schnitten wor­den, zu denen nun die Ro­man­tiker zu­rück­führen wollten.

Statt in den Ideen der Aufklärung eine Lö­sung zu sehen, suchten die zu geisti­gem Selbst­bewußtsein erwachten deutschen In­tellektuellen nach ihren eigenen Wurzeln - einer nationalen Idee, die sie in ihrer eige­nen Geschichte zu finden hofften. Sie muß­ten dabei allerdings notge­drungen sehr weit zurückgehen und landeten so direkt im Mit­telalter. Am intensivsten widme­ten sich die­ser Aufgabe die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die uns vor allem als Herausge­ber ihrer berühmten Märchensammlung be­kannt sind, die aber auch als die eigentli­chen Be­gründer einer damals neuen Wis­senschaft gelten, der Germanistik. Ihr ei­gentliches Interesse galt der Ergründung der geistigen Wurzeln des deutschen Vol­kes, und in diesem Sinne began­nen sie be­reits in jungen Jahren in Bibliotheken, Klö­stern und Privatbibliothe­ken nach alten lite­rarischen Quellen und Dokumenten zu su­chen. Zugleich gingen sie aber auch den mündlichen Überlieferungen nach und lie­ßen sich besonders von älteren Frauen per­sönlich er­zählen, was diese noch aus dem alten Märchenschatz im Gedächtnis behal­ten hatten. Uns könnte dabei die Frage in­teres­sieren, was sie wirk­lich dazu trieb, denn sicher war es nicht unbedingt die Ver­gangenheit, die sie interessierte, sondern ei­ne unbestimmte Ah­nung, daß es etwas ge­ben müsse, das über die Banalität des All­tages hinauswies. Diese nämlich empfanden sie beide als bedrüc­kend perspek­tivlos - zumal in ihrer Heimat, wie sie sich ihnen noch zu ihrer Zeit dar­stellte. Es war ihnen nicht gegeben, als Durchschnittbürger ei­nem normalen Brot­beruf nachzugehen, und lieber nahmen sie äußere Armut für sich in Kauf als sich einer Tätigkeit zu widmen, die sie persönlich un­be­friedigt und un­glücklich gelassen hätte. Interessant ist hierbei auch die Frage, ob es tatsächlich unser persönli­cher Antrieb ist, der uns veranlaßt, die Dinge zu tun, die wir tun, oder ob wir - oder jedenfalls einige Menschen - nicht doch eher unter einem hö­heren Auftrag stehend gesehen werden müssen, denn es fällt auf, daß diese Brüder von einer plötzli­chen Sehnsucht getrieben wurden, die sie zunächst weder wirklich formulieren konn­ten und die auch noch im vorherge­henden Jahrhundert allgemein un­bekannt war, und die sie zudem zu den be­sten Entsprechun­gen der hier zu behan­delnden kosmischen Konstellation machte.

Die Brüder Grimm hatten allerdings Vor­läufer und wurden angeregt etwa durch Tieks 1803 herausge­gebene Minnelieder aus dem Schwäbi­schen Zeitalter sowie Bo­dmers Sammlung von Min­nesängern aus dem Jahre 1758. Auch Lessing, Klopstock und Voß hatten schon Gedanken und An­sätze in dieser Richtung bekundet, doch erst die Romantiker gingen diesen Spuren be­stimm­ter nach. Die von ihnen aufgestö­berten alten Ausgaben in kaum verständ­li­chem Deutsch erfüllten die Brüder Grimm laut eigenem Zeugnis mit "eigner Ahnung... Solche Anblicke hielten die größte Lust in uns wach, unsere alten Dichter genau zu le­sen und verstehen zu lernen." Und Wil­helm schrieb an seinen im Zusammenhang seines Studiums in der Pariser Bibliothek arbei­tenden Bruder: "Ich habe daran ge­dacht, ob Du nicht in Paris einmal unter den Manu­skripten nach alten deutschen Ge­dichten und Poesien suchen könntest, vielleicht fän­dest Du etwas, das merkwür­dig und unbe­kannt." Später bekundete Wilhelm: "Damals schon hatte ich das Vorhaben ge­faßt, unsere herr­liche alte deutsche Litera­tur, so viel an mir lag, gründlich zu studie­ren." So konnten die Brüder die von den Romantikern Clemens Brentano und Achim von Arnim herausge­gebenen Bände Des Knaben Wunderhorn bald mit ihren eige­nen Sammlungen berei­chern. "Bei uns Deut­schen", schrieb Wil­helm, "war schon zu viel untergegan­gen, ehe man daran dach­te, es zu sam­meln." Sogar Goethe erfuhr von der Tätigkeit der Brüder Grimm und veranlaßte die Zusen­dung mehrerer Schrif­ten an sie aus den ihm in Weimar unterstell­ten Bibliotheken. Als die Brü­der im Jahre 1806 mit der Samm­lung ih­rer Märchen be­gannen, erfuhr Preu­ßen seine Niederlage in der Schlacht von Jena und Auerstedt, und Wilhem sagte spä­ter: "Damals umgab diese Stu­dien noch die Frische und der Reiz des ersten Begin­nens... Ohne Zweifel hatten die Weltereig­nisse und das Bedürfnis, sich in den Frie­den der Wissenschaft zurückzu­zie­hen, bei­getragen, daß jene lange vergessene Lite­ratur wieder erweckt wurde; allein man suchte nicht bloß in der Vergangen­heit ei­nen Trost, auch die Hoffnung war natür­lich, daß diese Richtung zu der Rück­kehr einer andern Zeit etwas beitragen könne... Die Wissenschaft für deutsche und nordi­sche Altertümer ist bei uns im Entstehen, sie bildet sich soeben, und es herrscht der lebhafteste Eifer für alle alten Denkmä­ler." Und 1811 schrieb er über eine Sammlung nordischer Heldengedich­te: "Diese Samm­lung übertrifft an Reichtum alles, was ir­gendein neueres europäisches Volk, die Spanier etwa ausgenommen, aus so früher Zeit aufbewahrt hat... In ihren Abweichun­gen zeigt sich schon das Cha­rakteristische dieser Gegenden, das Mär­chenhafte, Wilde, Rätselhafte und Grauen­volle." Wie man sieht, entstand hier im Au­genblick der hoff­nungslosesten politi­schen Niederlage ein Phönix aus der Asche, denn wie unser Ein­gangszitat zeigt, ist es immer der Geist, der die eigentliche Stärke eines Volkes begrün­det. Deshalb sind übrigens die Angrif­fe der Positivisten auf den deut­schen Idealismus auch aus ihrer eigenen Perspektive völlig un­begründet. Die ersten Exemplare der Kinder- und Haus­märchen, gesammelt durch die Brüder Grimm er­schienen im Jahre 1812, als Napoleon sich aus Rußland zurückziehen mußte. Es war die Blütezeit der Romantik. Auch die Schwestern Jenny und An­nette von Droste-Hülshoff, auf de­ren Schloß die Brüder zu Be­such weilten, konnten ihnen noch viele Märchen erzäh­len. Sie sangen zudem dort abends gemein­sam Volkslieder und spielten da­zu auf dem Waldhorn oder der Flöte oder machten ausgedehnte Spaziergänge in den umlie­genden westfälischen Wäldern: die Mär­chenwelt war fast zur Wirklichkeit gewor­den. Die Märchensamm­lung selbst war so populär, daß 1819 bereits die zweite Auf­lage erscheinen konnte. Auch in Eng­land fand sie gro­ßen Beifall und mußte in Lon­don gleich dreimal in einem Jahr aufge­legt werden. Die Brüder waren sich der Tatsa­che bewußt, daß sie hier gerade noch einen Schatz aus der Versenkung bergen konn­ten, der sonst für immer verloren ge­wesen wäre, da vor allem die Tradition der münd­lichen Überlieferung nun immer mehr ver­siegte.

Neptun war bereits 1806 in den Schützen getreten, und im glei­chen Jahr erschien die erste (Goethe, der wie im Falle der Brü­der Grimm auch hierfür seine Bibliothek zur Verfügung ge­stellt hatte, zugeeignete) Ausgabe von Des Knaben Wunderhorn - einer Sammlung alter deutscher Volkslie­der, herausgegeben von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Der Er­folg war so groß, daß be­reits im Jahre 1807 der zweite Teil erschien; insgesamt er­schienen drei Teile. Worum es dabei ging, hatten die Herausge­ber so formuliert: "Wir glauben durch diese Sammlung dem allge­meinen Wunsche nach näherer Kenntnis deutscher Volkslieder al­les das zu gewähren, was ähnliche Sammler in Schottland und Eng­land bey leichterer Mitteilung kaum er­reichten."

Überall in Deutschland wandten sich jetzt die Intellektuellen und Künstler der Ver­gangenheit ihres Volkes zu. Besonders die Burgruinen und die alten gotischen Dome waren Zeugen die­ser Vergangenheit und rückten jetzt ins Bewußtsein der Menschen. Die Gotik hatte ja unter dem Rokoko noch als barbarisch gegol­ten! In Köln wür­digte man die mittelalterliche Kölner Ma­ler­schule wieder, Joseph Görres weckte das alte rheinbezogene kaiserliche Deutsch­land im Bewußtsein seiner Zeitge­nossen und die Brüder Boisserée begannen wie be­reits erwähnt für die Idee des Weiter­baues des Kölner Domes als Symbol der deut­schen Einheit zu werben. Während der durch die französische Revolution aufge­kommene Internationalismus mit der durch sie bewirkten Enttäu­schung zerging, spukte den so Getriebenen im Kopfe herum, das wiederbelebte Deutschtum zum Träger ei­ner neuen Kultursendung zu machen. Die Gewalt Na­poleons hatte endlich das deut­sche Selbstwertgefühl erweckt, das sich jetzt zunächst seine Kraft aus der Ge­schich­te holte. Die Erregung der Romantik, die außer den Deutschen vor al­lem die Englän­der erfaßte, war unmittelbar und von einer noch niemals zuvor gekannten Tiefe. Über allem stand als Staatsmann dieser Zeit, der sie mit seinen Charakter­eigen­schaften am in­nigsten verkörperte, der preußische Mini­ster Freiherr vom Stein. Er besaß einen un­beugsamen Willen, war von Abscheu gegen alles Intrigenwesen und je­de Form der Un­wahrhaf­tigkeit gelei­tet und bei aller Un­beugsamkeit zugleich beschei­den und den kleinen Leuten zugewandt - ein Humanist im besten Sinne des Wortes. Trotz seiner vorzeitigen Entlassung wirkte sein Geist weiter. Durch Hardenbergs Volks­schulre­form wurde die Erziehung des Volkes von der Basis her vorbereitet, während die Gym­nasien die Antike, das Christentum und den deutschen Klassi­zismus zu einer inneren Einheit zu­sammenfaßten. Zugleich befaß­te sich der preußische Kultusminister Wilhelm von Humboldt mit der Universi­tätsreform. Die Universität Berlin stand un­ter dem Geiste Kants und wurde in der Absicht gegründet, den neuen deutschen Menschen für die Zu­kunft zu erziehen. Am 12. Mai 1809 reichte Wilhelm von Hum­boldt seinen Antrag auf Errichtung der Universität Berlin ein. Mit Stein hatte er die äußerst kurze Dauer sei­nes Amtes bei gleicher noch bis in die heu­tige Zeit spürba­rer historischer Wirksam­keit gemein. Als im Herbst 1810 die Vorle­sungen in der neuen Universität begannen, war Humboldt bereits wieder aus seinem Amt ausgeschie­den - die nach seinem Ent­wurf konstituierte Universität aber galt während des ganzen 19. Jahrhunderts und bis in die Hitlerzeit hinein als ein Zen­trum der Wissenschaft von internationalem Rang und gab Preußen das geistige Gewicht, das es unter anderem zum natürlichen Füh­rer der deutschen Eini­gung machte. Ihr Prinzip beruhte auf der Einheit von Forschung und Lehre: die Pro­fesso­ren kamen aus der Pra­xis und lehrten, was sie zuvor und parallel aus eigenen Ex­perimenten an Erkenntnissen gewonnen hatten. Humboldts Erziehungs-Ideal brachte er selbst so zum Ausdruck: „Der wahre Zweck des Menschen... ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Diese Auffassung entsprach der idealistischen (deutschen) Philosophie seiner Zeit: der tiefere Sinn des menschlichen Lebens wird weniger darin gesehen, was der Einzelne konkret in die Tat umsetzt und „leistet“, sondern darin, was er aus sich selbst macht - in der Idee seiner selbst, die er aus sich heraus zu einer harmonischen Gesamtheit gestaltet. Nicht also gesellschaftliche Nützlichkeit steht dabei im Vordergrund, sondern: „die Bildung der Individualität ist der letzte Zweck des Weltalls.“

Erwähnen wir einige Kunstwerke aus dieser Zeit: 1807 malte Da­vid Napoleon auf dem Thron, 1808 Friedrich Das Kreuz im Ge­birge sowie Kreidefelsen auf Rügen, Mönch am Meer und Wanderer über dem Nebelmeer, Kügelgen Friedrich von Schil­ler und Johann Wolfgang von Goe­the, 1811 malte Blake Die geistige Ver­fassung des Menschen, Crome das Mondlicht über dem Yare, Goya das Mädchen mit Sonnen­schirm, Gros Napoleon an den Pyramiden, Ingres Jupiter und Thetis (der Jupiter ist dem Schützen zugeordnet), 1810 malte Kobell sein Pferderennen bei München (auch Pferde werden dem Schützen zu­ge­ord­net, entsprechend kommen bei Goya ab 1807 immer mehr Rei­ter wie auch religiöse The­men ins Bild), Reinhart malte die Ideal­landschaft mit ruhenden Hirten (übrigens ist Beethovens 1808 entstandene Pastorale eine vollkommende Entsprechung von Jupi­ter und Schütze), 1816 malte Geri­cault die Heroische Land­schaft mit Fi­schern sowie 1819 sein berühmtes Floß der Me­du­sa, 1818 malte Friedrich eine Frau am Fenster usw. Gerade dieses Thema wie auch das des erwähnten be­rühmten Gemäldes Mönch am Meer ist geeignet, uns die Bedeutung des Schützen zu verdeutlichen - nämlich die unbestimmte Erwartung, Hoffnung und Sehnsucht. Das Bild Wanderer über dem Nebelmeer ist insofern vergleichbar, ent­spricht aber auch im Sinne des gleichzeitigen Pluto-Standes dem typischen Fische-Thema Nebel.

Wir kön­nen auch hier selbst die krie­geri­schen Unternehmungen dieser Zeit dem Schützen zuordnen: 1812 überschritten die Franzosen die Memel, und es kam zum Übergang über die Beresina. Spanien gab sich im gleichen Jahr eine liberalere Staats­ordnung. 1813 kam es zu den Befreiungs­kriegen gegen Napoleon, der Schlacht bei Victoria, dem Kriegseintritt Österreichs und der Völkerschlacht bei Leip­zig. Im gleichen Jahr kämpfte Mexiko für seine Unabhängig­keit, und im Jahre 1814 holte sich Preußen seine Quadriga zurück, die Na­po­leon vom Brandenbur­ger Tor geholt hatte. Gleichzeitig begann der Wiener Kon­greß.

 


1 Eigentlich paßt das eher zum Uranus im Skorpion, weil dieses Werk erst 1808 erschien, als Uranus in dieses Zeichen trat.
2 Es ist übrigens interessant, diesen Skorpion-Durchgang Neptuns mit anderen zu vergleichen: so stand er z.B. während der Re­nais­sance, während des 30-jährigen Krieges und im zwanzigsten Jahr­hundert während der Zeit des kalten Krieges und der atoma­ren Hochrüstung ebenfalls im Skorpion. Die Ereignisse des 30-jähri­gen Krieges bedürfen keiner näheren Erläuterung bezüglich der Skorpion-Zuordnung - was aber hat Neptun im Skorpion wäh­rend der Renaissance bewirkt? Zitieren wir dazu einen anderen Autor - nämlich Thomas Ring in seinem Buch Genius und Dämon: "Diese Stellung von Neptun im gewitterschwangeren Zeichen Skor­pion hat die ganze Generation gemeinsam (Anm.: in ihrem Horo­skop), die den Übergang zur Hochrenaissance auslöste. Die gro­ßen Kunstwerke werden getragen von einer Welle des Suchens, von religiösen und magischen Strebun­gen. Neben Formschönem steht Makabres, Zerschlagen von Werttafeln, Machtkriege, begin­nender Hexenwahn, Pest und bisher unbe­kannte Seuchen (Syphilis), zu schweigen von sozialen Gärungen und der Kunde von frem­den Ras­sen."
3 W. Oelke.
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