Thema Mundan-Astrologie

 

 

Neptun im Skorpion

(1793-1806)

 

Die folgenreichste psychologische Erscheinung des frühen 19. Jahrhunderts war die Entstehung und Ausbreitung des poetischen Satanismus und die Tatsache, daß der Schriftsteller eine starke Affinität zum Teufel verspürte und sich bereitwillig auf seine Seite schlug. So gesehen erscheint der Romantizismus teilweise als eine Umwandlung von Werten. Der Künstler erkannte im Laufe des 18. Jahrhunderts und ganz plötzlich nach der Französischen Revolution, daß er von der sozialen Organisationsstruktur ausgeschlossen war. Bis dahin hatte er seinen festumrissenen und von ihm selbst nie in Frage gestellten Platz innerhalb der Gesellschaft gehabt.... Als aber die Trennung von der gesellschaftlichen Struktur vollzogen und der Schriftsteller plötzlich ganz auf sich gestellt war, erlebte er zum ersten Mal, was es bedeutete, von Sorgen erfüllt und nicht gebunden zu sein, Angst zu verspüren und stolz darauf zu sein, daß er isoliert oder, wie er es formulierte, unverstanden war. In der Konfrontation mit den Problemen wuchs nun auch sein Ehrgeiz, sie zu lösen. Da er keinen bestimmten, von der Gesellschaft anerkannten Platz mehr hatte, beanspruchte er sie alle, jedoch im Grunde ohne die Absicht, einen bestimmten von ihnen einzunehmen und sich dort zu einem Experten zu entwickeln... Schon schwang er sich zum Nebenbuhler der Mächtigen auf, wobei er Gefahr lief, sich ihren Zorn zuzuziehen: er empfand sie bereits als einengende Gewalt. Damit war der Intellektuelle geboren, ein bis dato nicht vorstellbarer Menschentyp, der Unparteilichkeit in seiner Arbeit anstrebte, es aber nicht verschmähte, dem Volk auf dem Marktplatz zuzuhören... (Roger Caillois: Die Geburt Luzifers.)

Wir hatten uns unter der Waage nicht über die Kunststile ausge­lassen, denn es sieht so aus, als hätten diese unter ihr kein zei­chentypisches Gesicht, was daran liegen mag, daß der Waage ohnehin die Venus zugeordnet ist. Den Übergang von der Waage zum Skorpion können wir aber zum Beispiel recht deutlich im Werk Goyas er­kennen, sofern es seine direkten Auftrags­arbeiten anging (denn offenbar ist eben niemand persön­lich gezwungen, den mundanen Konstella­tionen zu entsprechen, es sei denn, es geht ihm um öf­fentliche Resonanz). Ab 1793 bekommen seine bis dahin noch re­lativ freundlichen Bilder - merkwürdigerweise protestierten seine von ihm portraitierten Kunden nicht gegen die bloßstel­lende Weise ihrer Darstellung - einen deutlichen Zug ins Düste­re. Irgendwie war das aber bei ihm auch schon vorher latent an­gelegt, und deshalb liefert uns sein Werk insgesamt bereits ei­ne gute Vorstellung dessen, was wir uns unter Neptun im Skorpi­on vorzu­stellen haben. Unter der Waage lauteten die Titel sei­ner Bilder etwa noch Die Blumen­verkäufer, Die Schaukel, Das Blinde-Kuh-Spiel, unter dem Skorpion lauten ty­pische Ti­tel: Geisslerprozession und Das Irren­haus. David malte 1793 sein Bild Der er­mordete Marat, und Füssli seinen Eselskopf (man muß ihn kennen, um seine Skorpion-Zuordnung zu verstehen!) sowie Satan und Tod usw. In der Literatur wurde man zu­nehmend auch gegenüber dem Thema Se­xualität freizügi­ger. Im Jahre 1795 z.B. veröffentlichte in Deutschland Ludwig Tiek Die Geschichte des Herrn William Lovell, in dem offen über dessen diesbezüg­liche Erlebnisse und Phantasien gesprochen wurde. Das lag in­so­fern in der Zeit, als mit dem Machtverlust der Kirche auch die ganze Moral freier wurde und viele sich als Herren ihrer eige­nen Moral und eigener Gesetze erachteten. Gleichfalls hierher gehö­ren die im Jahr 1805 erschienenen noch viel radikaleren Nachtwachen, die uns eine sehr gute Vorstel­lung der skorpionischen Seite der Ro­mantik geben können, eines anonymen Autors, dessen Pseudonym Bonaven­tura trotz vieler Zuordungsversuche nie enttarnt wurde.

Am 3. September 1792 wurde der Marquis de Sade Sekretär der Section de Piques, des für ihn zuständigen Gemeindeamtes, und wenig später in dieser Sektion Richter und sogar Gerichtsvor­sitzender: Neptun war nämlich schon im Januar 1792 auf 29°50' Waage gekommen, also dicht vor den Skorpion, in den er nach einer Rückläufigkeitsphase endgül­tig ab dem 2.11.1792 eintrat. De Sade hatte bis dahin bereits etwa 17 Jahre hinter Gefängnis­mau­ern verbracht, und erst jetzt wollte man ihm sozusagen gestatten, das, was er bis dahin nur literarisch praktiziert hatte, in die Tat umzusetzen. Doch zeigte sich hier et­was, was ihn selbst möglicherweise über­raschte: er war gar nicht so böse, wie man ihn - mit seiner Nachhilfe allerdings - stili­siert hatte. Der Nachwelt ist sein Name als Sadismus ein Synonym für Perversion und Grausam­keit geworden, aber in Wirk­lichkeit war er eher ein tragisches Opfer seiner Zeit. Sicher hatte er in seiner Jugend ein wüstes Leben geführt, und sein Hang zu sexuellen Per­versionen ist offenbar unbe­streitbar, doch war er darin zu seiner Zeit besonders unter seinen adeligen Standesge­nossen keine Ausnahme. Zu seinem schlechten Ruf war er eher deshalb ge­kommen, weil er Skanda­le geradezu ge­sucht oder sie entweder wil­lentlich oder ungeschick­terweise nicht vermieden hatte, und weil einerseits das immer selbstbewuß­ter werdende Bürgertum in ihm den Sack schlug, wäh­rend es den Esel - nämlich den Adel insgesamt - meinte, und anderer­seits die Aristokratie einen Sündenbock brauchte, um von ihren eige­nen Verfehlun­gen abzulenken (besonders Ludwig XV. neigte dazu). De Sade hatte vor allem als Sonderling kei­nerlei Freunde bei Hofe, die sonst wie üblich jeden Angriff auf ihn bei­zeiten abgewürgt hätten, sondern er hatte dort im Gegen­teil mächtige Feinde. Vor al­lem seine dem bloßen sog. Roben-"Adel" ange­hörende Schwiegermutter ge­hörte dazu, deren Feindschaft er sich da­durch zugezogen hatte, daß er auch ihre jüngere Tochter, al­so seine Schwägerin, verführt hatte - und zwar wiederum derart, daß die Sache zu ei­nem öffentlichen Skan­dal wurde, womit die Hei­ratschancen des Fräuleins aussichtslos wurden. Seine Schwiegermutter vor allem war es gewe­sen, die ihn ins Gefängnis gebracht hatte, wo er erst der Schriftsteller wurde, der er für die Nachwelt ist. Nun aber kamen ihm gerade die Akten seiner Schwiegereltern auf sei­nen Richtertisch, und er hätte leicht seine Un­terschrift unter ihr Todesurteil set­zen kön­nen, aber er legte diesen Vorgang so­lange beiseite, bis den Kandidaten die Flucht ins Ausland ge­lungen war. De Sade war aller­dings inzwischen die wahre Natur des neuen Regimes zu Bewußtsein gekom­men, nachdem er zuvor die Revolution her­beige­sehnt hatte. Als jetzt aber die Guillo­tine immer schneller arbeitete, wollte ihm das, was er in seinen Ro­manen so drastisch be­schrieben hatte, nicht mehr gefallen, nach­dem es Wirklichkeit geworden war. Hierin lag offenbar der Unterschied zwi­schen ihm und seinen Zeitgenossen: wäh­rend er die Grausamkeit des Menschen um der Wahr­haftigkeit Willen immer drastisch ausgemalt und sie auch theoretisch zu be­gründen ver­sucht hatte, zeigte sich jetzt, wie sehr Recht er damit hatte, soweit es die Natur seiner Mitmenschen betraf, während er sich be­züglich seiner eigenen getäuscht hatte. Vielleicht lag hierin das eigentliche Miß­verständnis seines ganzen Lebensdra­mas: sie nämlich wollten es nicht wahrha­ben, weil sie sich entlarvt füh­len mußten, wäh­rend er es nicht als einen wirklichen Teil sei­ner selbst empfand, weil er es litera­risch kompensieren konnte. Sollte man dem Bür­ger nicht wirklich das gleiche Recht auf seine vielleicht notwendige Lebenslüge ge­ben wie dem Dichter sein Recht auf die Wahrheit? Vermutlich muß das gegensei­tige Rollenspiel so sein.

Hier aber hatte De Sade reichlich Gelegen­heit, die Realität der menschlichen Natur zu studieren, denn die Guillotine hörte erst auf zu wüten, nachdem Zehntausende von Menschen durch sie getö­tet worden waren und das Volk dieses Schauspieles allmäh­lich überdrüssig wurde. Es scheiterte dann an der nachlassenden Re­sonanz und offen­bar an nichts anderem. Wem dieser Ge­danke uner­träglich ist, der kann sich damit trösten, daß die Menschen nicht immer die gleichen sind, denn ihre Natur ändert sich of­fenbar mit den planetaren Konstellationen - und überhaupt: muß uns die astrologische Erfahrung nicht grundsätzlich an der Selbstbestimmtheit des Menschen zweifeln lassen? Unter Neptun im Skorpion aber trat die französische Revolution in ihre schlimmste Phase. Das Volk umlagerte die Guillotinen, die nun an mehreren Stellen in Paris und anderen französischen Städten gleichzeitig arbeiteten. Natürlich war es der blanke Sadismus, und das heißt auch eine Art sexueller Erregung, der sie veran­laßte, sich nicht die geringste Kleinigkeit entge­hen zu lassen, während die Opfer die Stufen zum Schafott bestiegen, lustvoll aufzujoh­len, wenn die blutigen Köpfe die dafür be­reitgehaltenen Körbe verfehlten und zu ih­ren Füßen rollten, und mit den Hen­kern gröhlend zu lachen, die den schon gefessel­ten Frauen noch einmal die Röcke hoben. Dachte im Publikum niemand daran, daß er morgen schon selbst an der Reihe sein konnte, da ja im völligen Gegensatz zu den Erklärungen der Menschenrechte jetzt nur die geringste Denunzia­tion dazu reichte, das Todesurteil auszu­stel­len, oder bereitete dieser Gedanke sogar noch einen zusätzli­chen Lustgewinn? Das ist ja die wahre Na­tur des Skorpionischen!

So kam es zu der paradoxen Situation, daß der Autor des Schrecklichen an der ihn überholenden Wirklichkeit auf eine Weise scheiterte, die bald für ihn selbst lebensge­fährlich wer­den sollte. Denn da er sich als Richter als allzu milde erwies, mußte er sich immer öfter rechtfertigen und wurde schließlich durch einen rigoroseren Kolle­gen abgelöst. Am 8.12.1793 wurde De Sa­de unter einem Vorwand selbst verhaftet, der noch paradoxer als der Vorwurf einer zu großen La­schheit bei seinem blutigen Amt war - nein: man warf ihm auch hier be­reits wieder zu geringe Gläubig­keit und Atheismus vor - jetzt nämlich gegenüber Robespierres Höchstem Wesen, worüber dieser sich persönlich geärgert hatte, was in diesen Tagen sehr ungesund war. Vorerst kam er aber nur in Haft. "Ist es möglich", hielt der Marquis den Kol­legen seiner Sek­tion vor, "daß die Nation, die meine Ketten zerriß, sie mir nun kaum drei Jahre später von neuem umlegen will?" Nun ja, die Zei­ten ändern sich, aber die persönlichen Ho­ro­skope nicht! Vielleicht auch mochte man­cher seiner Kamera­den mit ihm fühlen, aber es wäre jetzt lebensgefährlich gewe­sen, ge­gen den jeweiligen Strom zu schwimmen. Der blanke Schrecken und die nackte Angst herrschte in jedem Winkel des Landes, und mancher war schon deshalb überreizt, weil er nachts kein Auge mehr schließen konnte, da die Straßen auch dann noch von dem Geratter der Wagen widerhallten, auf denen die Delin­quenten nach einem Schnellge­richtsverfahren zu den nun durchge­hend ar­beitenden Guillotinen gebracht wurden. De Sade hatte es geschafft, für eine Beste­chungssumme in ein Privatkrankenhaus zu kommen, dessen Patienten vorerst unbehel­ligt blieben, weil man Kranken gegenüber noch einen Rest von Zurückhaltung übte. Doch wurde dann genau vor de Sades Fen­ster eine große Grube für ein Massen­grab ausgehoben. Endlich, am 28. Juli 1794 er­eilte die Guillotine auch Robespierre selbst, und ganz Paris atmete auf.

Doch in der Zwischenzeit bis zu Napoleons Machtübernahme wurden die Romane De Sades noch in anderer Hinsicht Wirklich­keit. Nie­mals zuvor und niemals später nämlich soll es so viele Prosti­tuierte auf den Straßen von Paris gegeben haben. Sogar Kinder ab dem siebenten Lebensjahr boten sich an jeder Ecke an. Da die Polizei andere Probleme hatte und die Menschen oft keine andere Überlebensmöglichkeit sahen, war das eine folgerichtige Ent­wicklung. Was de Sades weiteres Schicksal anging, so änderte sich dieses prinzipiell auch nach dem Zu­sammenbruch des Ancien régimes und des Revolutionstribunals nicht, denn das unter Na­poleon neu erstandene Bürgertum er­wies sich sehr bald als das, was es seitdem immer gewesen ist. So war de Sade wieder der ge­eignetste Sündenbock, über dessen perverse Phantasie man sich ereiferte - si­cher auch viele von denen, die noch kurz zuvor die eifrigsten Zuschauer unter den Guillotinen gewesen waren. Am 6.März 1801 wurde de Sade also wieder verhaftet und erhielt seitdem für weitere 13 Jahre bis zu seinem Tode nie wieder seine Freiheit, nur steckte man ihn einer neuen Methode des na­poleonischen Polizeiministers Fouché entsprechend statt ins Ge­fängnis ins Irren­haus von Charenton. Dort allerdings erhielt er die Erlaubis, mit Hilfe seiner Mitpatien­ten als Laienschauspie­lern mehrere seiner Stücke zu inszenieren, die bald - nach dem Eintritt Neptuns in den Schützen! - ein Geheim­tip der Pariser Theaterszene wurden.

Rekapitulieren wir den Verlauf der Revolution in der Skorpion-Periode: Ab August 1792 machten die radikal-demokrati­schen sog. Sansculotten von sich reden (also diejenigen ohne die bisher üblichen Knie­hosen), als die die Revolutionäre nun bezeichnet wurden, weil sie beinlange Ho­sen trugen. Es handelte sich vornehmlich um An­gehörige der Unterschichten. Ihr Wortführer war Jean Paul Ma­rat, der nun gemeinsam mit dem neuen Justizminister Georges Jaques Danton einen revolutionä­ren Terror organisierte, um da­durch der neuen radikalen Bergpartei im National­konvent die Mehrheit zu sichern. Die Radi­kalisierung der Revolution war auch eine Folge der Tatsache, daß sie sich durch die Interven­tion ausländischer Mächte bedroht sah. Dieser Nationalkonvent erklärte am 20.9.1792 den König für abgesetzt und proklamierte am nächsten Tage die Fran­zösische Republik. Der Führer der Bergpar­tei, Maximilien de Robespierre, erklärte in einer Rede vor der Nationalversammlung, daß es für den König kein Pardon und auch keinen regulären Prozeß geben dürfe, denn "Wenn man vorschlägt, Ludwig XVI. den Prozeß zu machen, so stellt man die Revo­lution in Frage. Kann er gerichtet werden, so kann er frei­gesprochen werden. Kann er freigesprochen werden, so kann er un­schuldig sein. Ist er aber unschuldig, was wird aus der Revo­lution?... Ihr habt kei­neswegs ein Urteil zu fällen, sondern eine Maßnahme des öffentlichen Wohles zu treffen, einen Akt der nationalen Vorse­hung zu vollziehen." So wurde über das Schick­sal des Königs einfach nur abge­stimmt, und mit äußerst knapper Mehrheit und erst nach mehreren Tagen erhielt Ro­bespierres An­trag für die Todesstrafe die Zustimmung des Nationalkonventes. Lud­wig XVI. war nach Robespierre "ein Kö­nig, dessen Name allein schon der Nation den auswärtigen Krieg zuzieht. Weder Ge­fängnis noch Verbannung können seine Existenz unschuldig machen. Lieber soll Ludwig sterben als Hunderttausende guter Bürger! Ludwig muß sterben, weil das Va­terland leben muß!" Das Todesurteil wurde am 21.1.1793 durch die Guillotine voll­streckt.

Kaum drei Monate später setzte der fran­zösische Nationalkonvent als Exekutivor­gan den sog. Wohlfahrtsausschuß unter seinem Leiter Danton ein. Dieser Ausschuß erhielt diktatorische Voll­machten im Inter­esse der nationalen Verteidigung, worunter vor allem die Beseitigung von Volksfeinden gehörte. Damit begann die Schreckensherr­schaft der Jakobiner. Zwi­schen diesen und den Girondisten kam es während des Pro­zesses gegen den König zur Spaltung. Die Girondisten hatten sich für den König ein­ge­setzt und zettelten in Lyon sogar einen Aufstand gegen die Ja­kobiner an, um da­nach Verbindungen zu den Royalisten auf­zuneh­men. Doch miß­traute ihnen das Volk, weil sie für die Privi­le­gien der Besitzbürger eintraten: Der Na­tionalkonvent stand seit der Hinrichtung des Königs unter dem Druck der Straße. Anfang Juni 1793 kam es zu einem Auf­stand der Pariser Sanscu­lotten ge­gen die Girondisten. Das führte diesen gegenüber zu einer Stär­kung der Jacobiner, die im Oktober 21 Girondisten hinrichteten und danach im Wohlfahrtsaus­schuß diktatori­sche Macht ausübten. Es folgten Massen­hinrichtungen. Aber auch sonst war im ganzen Land der Teufel los. Bauern in der Provinz ermordeten revolu­tionäre Bürger und vor allem ihre früheren Herren, deren Ver­achtung sie empfanden, sowie anderer­seits Ungläubige und Ket­zer. Danton hatte darauf eine einfache Antwort: "Seien wir schrecklich, damit das Volk es nicht zu sein braucht. Dies ist ein Gebot der Humanität!" Doch wußte bald niemand mehr, was ge­spielt wurde. In Marseille schickten An­tisansculotten Jacobiner aufs Schafott, und bald herrschte der allgemeine Bürgerkrieg. In ganz Frankreich kam es zu föderalisti­schen Aufständen gegen die Hauptstadt, und es wurden Truppen aufge­stellt, die ge­gen Paris marschierten. Giron­disten, Ka­tholiken und Royalisten kämpften gegen die Pariser Regierung der Jakobiner, die da­durch umso geschlossener und radi­kaler wurde. Ihnen kam allerdings die Er­mor­dung ihres Führers Marat sehr gelegen, weil sie da­durch einen Märtyrer erhielten. Dazu kam die äußere Bedrohung Frank­reichs durch eindringende österreichische, sardini­sche und spanische Truppen. Der ganze Terreur der Revolution ist eigent­lich nur durch diese innere und äußere Bedro­hung verständlich. Daß das Volk dieser Bedro­hung überhaupt standhielt, ist nur da­durch zu verstehen, daß es eben zum ersten Mal ein solches war, das zwar noch in den sich selbst hervorbringenden Geburtswehen lag und sich wohl auch selbst zerfleischt hätte, wenn nicht eben die äußere Bedro­hung die eigene Identität erst hervorge­bracht hätte. Jetzt entstand zum ersten Mal ein wirkli­cher Volkskrieg, in dem die ganze junge Nation bedingungslos und un­einge­schränkt in den Dienst der Landesverteidi­gung ge­stellt wurde.

Natürlich gehört jede Form von Fanatismus zu unserem Skorpion-Thema, auch der re­ligiöse, und in diesem Zusammenhang muß noch der Kult des Höchsten Wesens er­wähnt werden. Am 10.11.1793 wurde in Notre Dame dieser neue Vernunft-Kult er­öffnet. Die Ka­thedrale wurde zu seinem Tempel. Eine Schauspielerin spielte dabei die Rolle der Vernunft, und das ganze Opernballett wirkte mit. Der Kult stellte sich bewußt gegen das Christentum, das dabei lächerlich gemacht wurde, doch auch die Götter der Auf­klärung mußten Federn lassen, denn die Philosophenbüsten wurden durch diejenigen der Helden der Revolution ersetzt, vor allem der von Marat. Robe­s­pierre, der Hohepriester der neuen Religi­on, ließ sich von der Idee leiten, daß wenn es keinen Gott gä­be, man ihn erfinden müsse. Der Gedanke eines Höchsten We­sens, das die Unschuld beschützt und das Verbrechen bestraft, er­schien ihm sehr volkstümlich. Da er selber an der Quelle saß, konnte er auch selbst definieren, was als Unschuld und was als Verbrechen zu gelten hatte, und das sollte sich für seine wei­teren Absichten als sehr wichtig erwei­sen, denn etwa fünf Monate später begann seine eigentliche Diktatur. Den Atheismus be­kämpfte er mit den Worten: "In den Au­gen des Gesetzgebers ist alles wahr, was der Welt nützlich und in der Praxis gut ist. Der Gedanke des Höchsten Wesens und der Unsterblichkeit der Seele ist eine stete Mahnung zur Gerechtigkeit, er ist somit sozial und republikanisch." In diesem Sinne konnte er nun alle seine Feinde nicht nur als Verschwörer, sondern auch als Athei­sten brandmarken. Er verlangte, daß der neue Kult national sein müsse und die ganze Er­ziehung daraufhin ausgerichtet werde. Wir erkennen hier deutliche Paralle­len zum späteren Nationalsozia­lismus in Deutsch­land, denn die Rezepte sind immer die glei­chen, weil sie archetypisch sind. Am 8.6.1794 erhielt der neue Kult unter Robe­spierres oberster Leitung seine Weihe, die zum größten aller Revolutionsfeste wurde. Robespierre war eine Napo­leon völlig ent­gegengesetzte Natur, denn statt weltlicher Machtausdehnung ging sein Sinn mehr auf religiöse Überhöhung. Seine Mitstreiter nahmen ihn allerdings bald kaum noch ernst, wenn sie auch seine Macht zu fürch­ten hatten. Wir wollen uns die ge­naue Schilde­rung der Feierlichkeiten ersparen - bezeich­nend für ihre Sentimentalität ist die Tatsa­che, daß dabei auch ein Wagen voller blin­der Kinder mitwirkte, die Hymnen auf die neue Gott­heit sangen.

Uns gibt dieses aber einen Hinweis auf die eigentliche Natur des Skorpions, der ja an sich von sich aus ebensowenig schreck­lich sein muß wie die anderen Zeichen: es ist wie gesagt das Vorstellungs­prinzip, das ab 1800 auch erst die Romantik ermöglichte. Denn erst aus dem Zusammenklang von Pluto in den Fischen und Neptun im Skorp­ion konnte diese entstehen, ebenso wie die Aufklärung eine Folge des Zusammenklan­ges von Pluto im Schützen und Neptun im Löwen war. Die Romantik entstand aus der Kraft des Vorstel­lungsprinzipes, dessen Fähigkeit darin liegt, viele Teile zu einem neuen Gan­zen zu verbinden - ähnlich, aber mit anderer Ten­denz, dem Wassermann-Prinzip. Dra­stisch, blutig und selbst­zerstö­rerisch genug ging es auch in vielen Wer­ken der Roman­tik zu, so etwa in Kleists Penthesilea[1], in der aus Liebe, Krieg, Tragik und Tod eine Existenzüberhöhung gewon­nen wird: "Zärtlichen Herzen gefühlsvoll geweiht. Mit Hunden zerreißt sie, welchen sie liebet, und ißt, Haut dann und Haare, ihn auf." Aus dem Tierreich kennen wir dieses mörderi­sche Liebes­spiel, etwa von Spinnen oder der Gottesanbeterin, das als letz­te Konse­quenz aber in aller Wollust an­gelegt ist.

Besonders deutlich geht das Skorpion-Prinzip auch aus einem Brief Friedrich von Hardenbergs (Novalis) an Schiller hervor, in dem es über den Herbst heißt: Die fruchtbare Reife be­ginnt in Verwesung überzugehen, und mir ist der Anblick der langsam hinsterbenden Natur beinah rei­cher und größer als ihr Aufblühn und Le­bendig­werden im Frühling. Ich fühle mich mehr zu edeln und erhabe­nen Empfindun­gen jetzt gestimmt als im Frühjahr, wo die Seele im untätigen Empfangen und Genie­ßen schwimmt und, anstatt sich in sich selbst zurückzuziehn, von jedem anziehen­den Gegenstande ange­zogen und zerstreut wird. schon das Los­reißen von so viel schönen, lieben Gegen­ständen macht die Empfindungen zusam­menge­setzter und in­teressanter. Daher fühl ich mich auch nie so reingestimmt und empfänglich für alle Eindrücke der höhern, heiligen Muse als im Herbst.

Der Todes­wunsch ist ein typisches Motiv der Roman­tik - Kleist hatte ihm schließlich wirklich ent­sprochen, doch ob auch Novalis ihm gefolgt wäre, muß bei seinem ohnehin frü­hen Tod eine offene Frage bleiben. Lange Zeit nach dem Tode seiner Verlob­ten So­phie von Kühn hatte er jedenfalls den im­mer wieder schriftlich festgehaltenen fe­sten Vorsatz, ihr bald zu folgen. Der be­rühmte Eichendorff-Vers ist also geradezu pro­grammatisch:

Hör' ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will -
Ich möcht' am liebsten sterben,
Da wär's auf einmal still.

Worum es hier geht, ist die Vereinigung mit dem Umgreifenden und Transzendenten, dem nur im Tode zu findenden Einklang aller Seelen, der sich in dieser Zeit als durchge­hender Zug in der Lyrik findet. In Eichen­dorffs Ahnung und Gegenwart nimmt die Sünderin Romana ein entspre­chendes Ende: "...Sie hatte sich ge­rade ins Herz geschos­sen. Der müde Leib ruhte schön und fromm, da ihn die heidnische Seele nicht mehr regierte. Er kniete ne­ben ihr hin und betete für sie aus Herzens­grunde."

Aber eigentlich läßt sich eben der ganze Kunst­stil der Romantik überhaupt nicht oh­ne das Skorpion-Prinzip verstehen, weil es hier um nichts anderes geht als Umwand­lung - Umwandlung alles Naturgegebenen, dem die Empfindsamen und Klassiker noch so sehr nacheiferten, nach den eigenen Ge­setzen des menschli­chen Geistes. Es sei falsch, schrieb der Theoretiker der Roman­tik, Friedrich Schlegel, zu sagen, die Natur sei in der Kunst Norm für den Menschen, sondern es müsse heißen, der Mensch sei in der Kunst Norm der Natur. Denn die bloße Darstellung natür­licher oder geschichtlicher Wirklichkeit mache noch keine Kunst aus, sondern bliebe eben bloße Nachahmung; tatsächlich könne eine solche Wiedergabe nur Mittel zur Darstellung dessen wer­den, was die Kunst eigentlich offenbaren müsse. In diesem Sinne ging es den Romantikern um das Unbekannte, Geheimnisvolle und zu Offenbarende, wie Novalis schrieb. Und Schlegel sagte:

Als die Grundfähigkeit des Bewußtseins haben wir die Einbildungs­kraft, das innere Dichtungsvermögen, ge­funden; dies ist die universelle objektive Kraft im menschlichen Geiste... Der Mensch dichtet gleichsam diese Welt, nur weiß er es nicht gleich... Chaos und Eros sind die beste Erklärung des Romanti­schen... Aus der Liebe und dem Chaos muß die Poesie abgeleitet werden, alle romanti­sche Poesie ist im engeren Sinne chao­tisch... Die höchste Schönheit, ja die höch­ste Ordnung ist denn doch nur das Chaos, nämlich eines solchen, welches nur auf die Berührung der Liebe wartet, um sich zu ei­ner harmonischen Welt zu entfalten.2

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