Thema Mundan-Astrologie

Neptun in den Zeichen

(1779-1820)


Neptun in der Waage

(1779-1792)

Es gibt bei den Zeichenübergängen immer Ereignisse, die sowohl zu dem vorherge­henden als auch zu dem folgenden Zeichen passen. Das macht die Dinge aber alles an­dere als beliebig. Da die Grundsätze der 1776 verfaßten amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aus ande­ren Gründen natürlich auch noch sehr gut zu der Waage passen, kann es nicht wun­dern, daß sie bald die Gemüter der Men­schen in Europa und besonders in Frank­reich bewegten. Wir sollten deshalb daraus noch einige Sätze zitieren, um uns das zu verdeutlichen:

"...Wenn eine lange Kette von Mißbräuchen und Anmaßungen, stets das gleiche Ziel verfolgend, die Absicht enthüllt, ein Volk unter den unbeschränk­ten Despotismus zu beugen, so ist es sein Recht, ist es seine Pflicht, eine solche Herr­schaft abzuschütteln und sich neue Bürg­schaften für seine zukünftige Sicher­heit zu schaffen. Solcher Art ist das ge­duldige Lei­den dieser Kolonien gewesen, und so zwingt sie jetzt die Notwendigkeit, ihr frü­heres Regierungssystem zu ändern. Die Ge­schichte des gegenwärtigen Königs von England ist die Geschichte wiederhol­ter Beleidigungen und Anmaßungen, die alle das direkte Ziel verfolgen, eine unbe­schränkte Tyrannei über diese Staaten auf­zurichten... so geben wir feierlich bekannt und erklären, daß diese Vereinigten Kolo­nien... von jeder Untertanenpflicht gegen die briti­sche Krone befreit sind, und daß jeder poli­tische Zusammenhang zwischen ihnen und dem Staate Großbritannien völ­lig gelöst ist und sein soll, und daß sie als freie und un­abhängige Staaten die volle Macht besitzen, Dinge vorzunehmen, die unabhängige Staa­ten von Rechts wegen tun dürften..."

Natürlich können starke Ideen den Willen eines Volkes oder wie hier der britischen Kolonien, die erst ein eigenständiges Volk werden wollten, beflügeln, doch kam hier auch zusätzliche Unterstützung von außen. Es ist aber kaum denkbar, daß der französi­sche König Ludwig XVI. die Unabhängig­keitsbestrebun­gen dieser Kolonien gegen Großbritannien auch dann unterstützt hätte, wenn er geahnt hätte, was er sich damit in das eigene Haus holte. Wenn er politisch etwas verständiger gewesen wäre, hätte er sich allerdings sa­gen müssen, daß das, was das neue ameri­kanische Volk für sich in Anspruch nahm, auch für sein eigenes Volk gelten mußte und daß diese Erkenntnis frü­her oder später in diesem erwachen würde. Da er diese Einsichtsfähigkeit aber nicht besaß, holten ihn die weiteren Entwicklun­gen von außen ein. Es begann damit, daß sein Finanz-Minister Jacques Nekker ihn bezüglich der bedrohlichen Fol­gen warnte, die eine weitere militärische Unterstützung der Amerikaner für den französischen Staats­haushalt haben mußte, wenn der Krieg sich noch lange fortsetzte. Das war etwa in der Mitte des Jahres 1780.

Jedes Zeichen hat auch seine negativen Sei­ten, und eine davon ist bei der Waage ihre oftmalige Entschlußunfähigkeit oder ihr hinhaltendes Taktieren. Eben dieses kenn­zeichnet das Verhalten des unglücklichen Königs Ludwig XVI., das entscheidend mit dazu beigetragen hat, daß die Dinge in sei­nem Land bald eskalierten. Er war auch durch sein eigenes Horoskop stark waagebestimmt und zudem ein entscheidender Handlungsträger dieser Zeit und mußte sie deshalb in ir­gendeiner Form zum Ausdruck bringen. Trotz seiner fähigen Minister wie Males­herbes, Turgot oder Necker zeigte er sich unfähig, die inzwischen notwendig gewor­denen Strukturreformen zur Sanierung des Ancien régime, besonders hinsichtlich der Steuern und Finanzen, durchzusetzen. Es wäre dazu notwendig gewesen, vor allem die Steuerprivilegien der Notabeln abzu­schaffen oder zu beschneiden, doch hätte das eine entsprechende Durchsetzungsfä­higkeit erfordert, da sich diese Kreise dem naturgemäß widersetzten. Als Necker im Mai 1751 erstmals die bis dahin geheimge­haltenen Staatsfinanzen veröffentlichte, um auf die schlimme Wirtschaftslage aufmerk­sam zu machen, fiel dem König nichts bes­seres ein, als ihn einfach zu entlassen - vielmehr ließ er sich zu diesem Schritt durch die Notabeln nötigen. Na­türlich än­derte das an der Finanzlage nichts, sondern ließ sie nur noch schneller in die Katastro­phe gleiten. Es kam noch hinzu, daß Necker im Volk sehr populär war, weil man ihm dort vertraute, und daß er aus sei­nem Schweizer Exil weiterhin öffentlich Kritik an der französischen Finanzsituation übte. Was die Finanzlage so sehr bedrohte, war das Steuersystem: die Steuereinnahmen waren nämlich insgesamt alles andere als hoch - England etwa erzielte wesentlich höhere Prokopf-Steuern -, doch was die Unzufriedenheit und dementsprechend auch die Steuerverdrossenheit des Volkes stei­gerte, war vor allem die Ungerechtigkeit der Belastungen unter den Ständen. Ob­wohl also die Engländer fast doppelt so ho­he Steuern zu bezahlen hatten, murrten sie nicht darüber, da sie einsahen, wozu das diente, während die Franzosen nur überall Mißwirtschaft und Korruption erlebten und dagegen die einzige Waffe einsetzten, die ihnen blieb: sie verleugneten ihre Einnah­men, wo sie nur konnten. Wo die Regie­rung sich mit Gewalt durchzusetzen ver­suchte, scheiterte sie oft auch an der Pro­vinzialstruktur des Landes: als der Gouver­neur des Languedoc die Steuererlasse durchsetzen wollte, wurde er vom Parla­ment von Toulouse einfach eingesperrt. Unter solchen Umständen gab es viele Menschen, die in der Anarchie einen per­sönlichen Ausweg suchten: es wimmelte von Landstreichern, Randexistenzen und Räubern, die vor allem die Landstraßen verunsicherten. Strafmaßnahmen halfen diesen Zuständen nicht ab, weil die Ursache im System des Staates lag, der eigentlich kaum noch verdiente, als solcher bezeichnet zu werden.

Natürlich schaffte es auch der Nachfolger Neckers, der seit 1782 eingesetzte Gene­ralkontrolleur Callonne, nicht, die Staatsfi­nanzen zu sanieren und die ständig wach­senden Schulden einzudämmen. Auch die königliche Hofhaltung war vollkommen unverhältnismäßig und verschlang unge­heure Summen besonders zur Zahlung der überzogenen Gehälter des Hofadels. Statt hieran zunächst etwas zu ändern, rief der König angesichts dieser Lage im Jahre 1787 eine Versammlung der Notabeln ein, zu denen vornehmlich die Geistlichen, Ade­ligen und höheren Beamten des Landes ge­hörten, die die Arbeit der Parlamente be­hinderten. Diese Versammlung zeigte aber auch jetzt kein Verständnis für die Not­wendigkeit einer Änderung ihrer Haltung und verlangte zunächst von Calonne, alle Einzelheiten der Finanzsituation offenzule­gen, wogegen dieser sich verwahrte. Als er nun seine Reformpläne in der Öffentlichkeit bekannt gab, wurde auch er entlassen. So mußte im nächsten Jahr die Staatskasse den Bankrott erklären, was im Volk die Stim­mung umso mehr gegen die Regierung und den König aufbrachte. Inzwischen war als neuer Finanz-Generalkontrolleur Loménie de Brienne eingesetzt worden, der jedoch auch scheiterte und im folgenden Jahr 1788 entlassen wurde. Jetzt rief der König Necker in das Amt zurück. Was sollte er aber noch retten? Das Ancién regime stand vor dem Zusammenbruch. Die sich daraus ergebenden Teuerungen der Grundnah­rungsmittel wurden noch verstärkt durch eine Mißernte. Während die Privilegierten weiterhin fast steuerfrei blieben, kam es zu Hungersnöten unter dem einfachen Volk.

Daß es unter der Waage aber auch ganz anders zugehen kann, zeigte die neue Ver­fassung der Vereinigten Staaten von Ame­rika. In dieser war vor allem die Trennung der Gewalten geregelt - in Legislative, Exekutive und Rechtsprechung, die sich als voneinander unabhängige Organe gegen­seitig kontrollierten. Während die Legisla­tive beim Kongreß lag, lag die Exekutive beim Präsidenten. Diese amerikanische Verfassung hatte großen Einfluß auf die Gestaltung der Formulierung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Verfas­sunggebende Nationalversammlung (Constituante) der französischen Revolu­tion, deren Ziele es waren, das Feudalsy­stem und die Kirchenabgaben abzuschaffen, die Leibeigenschaft und die gutsherrliche Gerichtsbarkeit sowie alle Privilegien ein­schließlich der Steuerfreiheiten aufzuheben, alle Bürger zu zivilen und militärischen Ämtern zuzulassen, den Ämterkauf zu un­terbinden, die Abgeordneten zu verpflich­ten, ihre Wähler zukünftig um Zustimmung für ihre Maßnahmen zu fragen usw. Eine merkwürdige Blüte der Waage war es da­bei, daß man bei alledem noch bis zuletzt - also bevor die Menschenrechte, die vorerst nur Absichtserklärungen waren, wirklich deklariert worden waren  - davon ausging, der König werde diese Beschlüsse sanktio­nieren: man wollte ihn zu diesem Zeitpunkt, also noch nach der Erstürmung der Bastille, noch darum bitten, sich der Nationalver­samm­lung zur Verfügung zu stellen und sich als Erneuerer der französischen Frei­heit fei­ern zu lassen. Aber wie immer der König sich dazu gestellt hätte: am Lauf der Dinge hätte es ohnehin nichts geändert. Die end­gültige Formulierung der Menschen- und Bürgerrechte las sich dann auszugs­weise so:

Die als Nationalversammlung eingesetzten Vertreter des französischen Volkes haben in der Erwägung, daß die Unkenntnis, das Vergessen oder Verachten der Menschen­rechte die alleinigen Ursachen des öffentli­chen Unglücks und der Korruption der Regierungen sind, beschlossen, in einer fei­erlichen Erklärung die natürlichen, un­ver­äußerlichen und heiligen Rechte des Men­schen darzulegen, damit diese Erklä­rung allen Mitgliedern der Gesellschaft ste­tig vor Augen steht und sie unablässig an ihre Rechte und Pflichten erinnert; damit die Handlungen der legislativen und exeku­tiven Gewalt zu jeder Zeit mit dem Zweck jeder politischen Einrichtung ver­glichen werden können und dadurch ent­sprechend geachtet werden; damit die An­sprüche der Bürger von heute an auf ein­fachen und un­bestreit­baren Grundsätzen beruhen und immer auf die Erhaltung der Verfassung und das Glück aller hinzielen. Demzufolge aner­kennt und erklärt die Na­tionalversamm­lung in Gegenwart und un­ter dem Schutz des Höchsten Wesens nach­stehende Menschen- und Bürgerrechte:

Artikel 1: Die Menschen sind und bleiben von Geburt an frei und gleich an Rechten. Soziale Unterschiede dürfen nur im Allge­meinnutzen begründet sein.
Artikel 2: Das Ziel einer jeden politischen Vereinigung besteht in der Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Menschen­rechte. Diese Rechte sind Freiheit, Sicher­heit und Widerstand gegen Unterdrückung.
Artikel 3: Die Nation bildet den haupt­säch­lichen Ursprung jeder Souveränität. Keine Körperschaft und kein  Individuum können eine Gewalt ausüben, die nicht ausdrücklich von der Nation ausgeht.
Artikel 4: Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was dem anderen nicht schadet. Somit hat die Ausübung der na­tür­lichen Rechte jedes Menschen nur die Grenzen, die anderen Mitgliedern der Ge­sellschaft den Genuß derselben Rechte ga­rantiert. Diese Grenzen können nur gesetz­lich festgelegt werden.
Artikel 5: Dem Gesetz allein obliegt es, die der Gesellschaft schädlichen Handlungen zu verbieten. Alles, was nicht gesetzlich verbo­ten ist, kann nicht verhindert werden.
Artikel 6: Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens. Alle Bürger sind be­rechtigt, persönlich oder durch ihre Ver­tre­ter an seiner Gestaltung mitzuwirken...  Da alle Bürger in seinen Augen gleich sind, ha­ben sie auch gleichermaßen Zu­gang zu allen Würden, Stellungen oder öf­fentlichen Äm­tern, je nach Fähigkeiten, ohne einen ande­ren Unterschied als den ihrer Tugend oder Talente.
Artikel 7: Kein Mensch kann anders als in den gesetzlich verfügten Fällen und den vorgeschriebenen Formen angeklagt, ver­haftet oder gefangengenommen werden. wer willkürlich Befehle verlangt, ausfer­tigt, ausführt oder ausführen läßt, muß be­straft werden.
Artikel 8: Das Gesetz soll nur unbedingte und offensichtlich notwendige Strafen fest­legen. Niemand kann wegen eines Geset­zes bestraft werden, das nicht vor dem Tatmo­ment erlassen, verkündet und ange­wendet worden ist.
Artikel 9: Da jeder Mensch nur solange für unschuldig gilt, wie er nicht für schul­dig befunden ist, soll, wenn eine Verhaf­tung unumgänglich ist, jede unnötige Härte zur Versicherung seiner Person ge­setzlich streng verboten sein.
Artikel 10: Niemand darf wegen seiner Meinung, selbst religiöser Art, belangt werden, solange die Äußerungen nicht die gesetzlich festgelegte Ordnung stören.
Artikel 11: Gedanken- und Mei­nungsfrei­heit ist eines der kostbarsten Men­schen­rechte; jeder Bürger kann daher frei schreiben, reden und drucken, unter Vor­behalt des Mißbrauchs dieser Freiheit in den gesetzlich festgelegten Fällen.
Artikel 12: Die Sicherung der Menschen- und Bürgerrechte erfordert eine Streit­macht, die zum Vorteil aller eingesetzt wird, und nicht zum besonderen Nutzen de­rer, denen sie anvertraut ist.
Artikel 13: Für den Unterhalt der Streit­macht ist eine allgemeine Abgabe unum­gänglich.
Artikel 14: Die Bürger haben das Recht, selbst oder durch Vertreter die Notwendig­keit der öffentlichen Ausgaben zu  über­prü­-
fen und zu bestimmen.
Artikel 15: Die Gesellschaft hat das Recht, von jedem öffentlichen Beamten Rechen­schaft über seine Verwaltung zu fordern.
Artikel 16: Jede Gesellschaft, in der die Garantie dieser Rechte nicht erfolgt und in der die Gewaltenteilung nicht festgeschrie­ben ist, hat keine Verfassung.
Artikel 17: Da das Eigentum ein unverletz­liches und heiliges Recht ist, kann es nie­mandem genommen werden, außer im Falle öffentlicher Notwendigkeit unter der Be­dingung einer gerechten und vorherigen Entschädigung.

Leider aber blieb Neptun nicht in der Waa­ge stehen, sondern trat danach in den Skorpion - und wir wissen, was danach aus diesen schönen Absichten wirklich wurde.

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