Thema Mundan-Astrologie

Pluto im Schützen

1995-2008

 

Die Globalisierung

Drei aufwühlende Herbsttage in San Francisco, Ende September 1995: Die Machtelite der Welt, 500 führende Politiker, Konzernchefs und Wissenschaftler, diskutieren hinter verschlossenen Türen das 21. Jahrhundert. Die Einschätzung der Weltenlenker ist verheerend: Nur mehr ein Fünftel aller Arbeitskräfte werde in Zukunft benötigt. Der überwältigende Rest – 80 Prozent – müsse mit „tittytainment“ bei Lane gehalten werden, einer Mischung aus Entertainment und Ernährung am Busen („tits“) der wenigen Produktiven. – Mit beängstigender Geschwindigkeit nähern sich die bisherigen Wohlstandsländer dieser Schreckensvision. Das Tempo der Globalisierung überfordert alle. Verunsicherte Bürger suchen ihr Heil in Abgrenzung und Abspaltung. Vor dem eiskalten Effizienzwettlauf fliehen sie hin zur vermeintlichen Wärme moderner radikaler Verführer – von Scientology bis zu Jörg Haider. Doch der Angriff auf Demokratie und Wohlstand ist keineswegs das Resultat eines unaufhaltsamen technischen und wirtschaftlichen Fortschritts. Es gibt realistische Alternativen, die Globalisierung muß nicht in die Sackgasse führen. Ein Leben in sozialem Frieden wäre weiterhin möglich… (Martin / Schumann: Die Globalisierungsfalle. 1996)

Pluto trat zum ersten Mal im Januar 1995 in das Sternbild Schütze, ging im April nochmals in den Skorpion zurück und kam endgültig im November in den Schützen. Im September 1995 kündigte sich bereits das globale Thema der neuen Zeit unter diesem Zeichen an – und zwar mit jenem Ereignis, von dem die beiden Autoren in ihrem obigen Zitat sprachen. Wer nämlich noch einmal auf einen Philosophie-Schub gesetzt hätte, wie es dem letzten Durchgang (1749-1762) entsprach, hätte sich geirrt. Denn die Bedeutung des Schützen besitzt eben eine gewisse Bandbreite und steht bekanntlich u.a. auch für das Ausland, Kosmopolitismus, Weltöffnung usw.  Wer konnte sich aber zu diesem Zeitpunkt bereits unter dem Stichwort ‚Globalisierung’ wirklich etwas vorstellen, wie es wenig später in aller Munde sein sollte und erst mit dem Börsencrash Ende 2008 wieder in den Hintergrund trat, als Pluto in den Steinbock trat?  Da nämlich schüttelte man dann nur noch den Kopf über die Selbstverständlichkeit und deren Folgen, mit der man unter dem Schützen von Deregulierungskonzepten ausging, als hätte es niemals zuvor eine Volkswirtschaftslehre gegeben.

Das besagte Ereignis im September 1995 wurde später als Beginn dieses neuen Zeitgeist-Wahns angesehen. Dabei handelte es sich um ein Treffen von 500 führenden Politikern, Wirtschaftsführern und Wissenschaftlern der ganzen Welt im Fairmont-Hotel in San Franzisco. Dabei stand vor allem das Thema des Buches des US-Ökonomen Jeremy Rifkin „Das Ende der Arbeit“ im Vordergrund, demzufolge es durch die fortschreitende Rationalisierung im Produktions- und Dienstleistungsbereich und den weltweiten Einsatz der Informationstechnologien zur Gefährdung von immer mehr Arbeitsplätzen kommen würde und sich dadurch das Arbeitslosenproblem und die Sozialkosten immer weiter erhöhen würden. Normalerweise sollte man sich eigentlich vor den Kopf fassen und sich die Frage stellen, wieso ein Rationalisierungsvorteil etwas Nachteiliges sein soll, denn aus rein volkswirtschaftlicher Sicht ergibt sich dadurch nur ein neu gestelltes Verteilungsproblem. Im Grunde war dadurch ja nur ein uralter Menschheitstraum endlich in Erfüllung gegangen, demzufolge der Mensch jetzt immer mehr für höhere Aufgaben und Ziele befreit war – aber das entsprach eben wohl nicht dem neuen Zeitgeist der Globalisierung, die im Prinzip ja nichts anderes war als eine neoliberale Perversion. Um es auf eine einfache Formel zu bringen, sei daran erinnert, daß noch in den 80er Jahren das Zukunftsszenario kolportiert wurde, im Jahre 2000 würde nur noch ein Mann morgens aufstehen müssen, um alle Hebel des Apparates in Bewegung zu setzen, und dann würde der Streit darum gehen, wer dieser eine sein solle, da der auch lieber nur noch am Strand liegen würde – als dann aber das Jahr 2000 endlich gekommen war, war inzwischen der Neoliberalismus ausgebrochen und hatte denjenigen, die allein noch an den Hebeln saßen, die Idee gegeben, diese Hebel gehörten ausschließlich ihnen allein und alle anderen seien nur faule Müßiggänger, die es sich schon lange viel zu gut hatten gehen lassen – oder wie es der im Jahre 2004 neu angetretene Bundespräsident und Ex-IWF-Chef Horst Köhler sagte: „Der Sozialstaat hat sich übernommen“. Das sollte natürlich heißen: die kleinen Leute hatten es sich lange viel zu gut gehen lassen und nicht etwa diejenigen, die sich jetzt auf das ‚Leistungs’-Prinzip zurückgezogen hatten.

Demzufolge hatte sich das ursprüngliche Rationalisierungsziel in ein neues Verteilungsproblem verwandelt, das dementsprechend an die Menschen neue ethische und gesamtverantwortliche Anforderungen stellte, die mit dem technologischen Fortschritt nicht Schritt gehalten hatten. Während der Vater der Wirtschaftstheorie, Adam Smith, noch in seinem Buch ‚Der Wohlstand der Nationen’ die wirtschaftliche Zusammenarbeit aller Völker als allen gemeinsam zuträglich angesehen hatte und darin die Möglichkeit sah, daß alle zusammen ihren gemeinsamen Wohlstand förderten, gestaltete sich die neue Logik der Globalisierung vielmehr zu einem globalen Wirtschaftskrieg aller gegen alle. Das wurde auch als Konsequenz der von Darwin überkommenen Ideologie gesehen und als völlig normales Ausleseprinzip gedeutet. Demnach gab es die Starken und die Schwachen, und die Starken waren eben die Nachfolger der früheren Kolonisatoren, also die führenden Wirtschaftsmächte und innerhalb dieser die Kapitalbesitzer. Diese verstanden es in der Folge, praktisch alles als bloße Funktion des Geldes zu gestalten und dadurch das ausschließliche Gesetz des Handelns und aller Entscheidungen in ihre Hände zu bekommen.

Daß die Wirtschaftslobby praktisch in allen entscheidenden Institutionen hinter der Tür vertreten ist und dort ihre besondere Logik verbindlich zu machen versteht, ist heute allen bewußt. Aber die wenigsten Bürger besitzen eine so selbständige Abstraktionsfähigkeit, daß sie die durchschauen, daß die ihnen so verbindlich gemachte Logik keineswegs naturgesetzlich ist. Das so vermittelte Prinzip des Wettbewerbs und der Wettbewerbsfähigkeit leuchtet offenbar den meisten Menschen ein, und es kommt ihnen nicht in den Sinn, daß Wirtschaften vor allem darin bestehen sollte, daß man sich sinnvoll gegenseitig zuarbeitet. Stattdessen produzieren die einen immer mehr Industrieprodukte und Überschußgüter und exportieren diese sogar in die Dritte Welt, wo sie damit die heimischen Märkte unterlaufen, sodaß den dortigen Ländern nichts anderes übrig bleibt, als ihre billigen Arbeitskräfte in die Industrieländer zu exportieren, wo sie dann gemäß einer perfiden Logik nach dem angeblichen Wettbewerbsprinzip den dortigen Lohnempfängern gegenübergestellt werden, ohne daß dabei das Währungsgefälle berücksichtigt wird, demzufolge die ja ihren Lebensunterhalt viel teurer bezahlen müssen:

Das Evangelium der Wettbewerbsfähigkeit beruht auf einigen einfachen Ideen: Wir befinden uns in einem erbarmungslosen technologischen, industriellen und wirtschaftlichen Weltkrieg. Es kommt darauf an, zu überleben, sich nicht töten zu lassen. Das Mittel dazu ist die Wettbewerbsfähigkeit... Die Hauptaufgabe des Staates, der Schulen, Gewerkschaften, der Kommunen usw. besteht darin, ein möglichst günstiges Klima für die Unternehmen zu schaffen, damit sie in diesem Krieg planetarischen Ausmaßes wettbewerbsfähig werden oder bleiben. Die Wettbewerbsfähigkeit hat ihre Evangelisten, ihre Theologen, ihre Prediger - und, wohlgemerkt, ihre Gläubigen: die öffentliche Meinung, die mit diesem Diskurs bombardiert wird... Diejenigen von ihnen, die am meisten überzeugt sind und am besten überzeugen können, sind die Unternehmensberater.. Die ‚frohe Botschaft‘der in den Rang einer Ideologie erhobenen Wettbewerbsfähigkeit beglückt allerdings nur einen verschwindend kleinen Teil der Weltbevölkerung. Für den Rest sind ihre Folgen verheerend und die Schäden beträchtlich, die sie anrichten... Die Ideologie der Wettbewerbsfähigkeit verstärkt und erweitert den Vorrang der Kriegslogik in den Beziehungen zwischen Unternehmen, ökonomischen Akteuren, Städten und Staaten. Die Vorstellung der Weltwirtschaft, die sie unterbreitet, ist sehr simpel: Die Unternehmen sind nichts als Armeen, die sich bekämpfen, um Märkte zu erobern und errungene Positionen zu verteidigen. Ihre Führer werden wie Generäle und Strategen dargestellt... Die Logik des Krieges erstreckt sich sogar auf die Partnerschaft: Das ist der Sinn der neuen Welle von Allianzen und ‚strategischen‘ Abkommen zwischen europäischen, amerikanischen und japanischen Unternehmen, die die Internationalisierung und Globalisierung von Unternehmen und Volkswirtschaften, die interne Organisation von Unternehmen und die Beziehungen zwischen welt­weiten Unternehmensnetzen und ‚lokalen‘ Staaten völlig umwerfen. Der Druck, der in diesem krie­gerischen Klima auf die Beschäftigten ausgeübt wird, ist enorm. Jeder Angestellte kämpft unter enor­mem Streß um sein Überleben, um dem Druck der Umsatzzahl oder der Profitrate, die das Unternehmen festgesetzt hat, zu entsprechen. Diese Kriegslogik reduziert die Rolle des Staates auf ein System, das der ökonomischen Leistungsfähigkeit des Unternehmens dienen soll. Der Staat ist nicht mehr der politische Ausdruck des kollektiven öffentlichen Interesses. Er wird zu einem Akteur unter anderen, mit der Aufgabe, die günstigsten Bedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu schaffen... (Ricardo Petrella in ‚Le Monde Diplomatique‘,)

Wir wiederholen hier noch einmal etwas, was wir bereits in unserem Beitrag ‚Die Globalisierungsschimäre’ geschrieben haben:

Wie ist es möglich, daß sich derartig elementare Denkfehler so sehr in einer Gesellschaft etablieren? Was soll der Unsinn, in Portugal oder Tschechien Produkte herzustellen, obwohl sie nicht dort, sondern hier wieder verkauft werden sollen? Der einzelne Unternehmer mag zwar durch die Konkurrenz der anderen dazu gezwungen werden, gleichfalls so zu handeln, aber allen gemeinsam muß doch klar sein, daß sie sich damit ihren zugehörigen Nachfragemarkt zerstören. Deshalb müßten sie ansich in ihrem Eigeninteresse Verträge schließen, die sie alle gemeinsam verpflichten, dort zu produzieren, wo sie auch ihre Güter verkaufen wollen. Denn nur so kann ja ein Markt funktionieren. Produktion und Absatz dürfen nicht entkoppelt werden, sonst folgt auf die Not der Konsumenten unweigerlich auch die Not der Produzenten. Die Industriegesellschaft ist schließlich nur eine Fortentwicklung des mittelalterlichen Marktes, auf dem alle auf Gegenseitigkeit wirtschafteten und sich zuarbeiteten - im Sinne eines gegenseitigen Gebens und Nehmens, Verkaufens und Kaufens. Es ist demnach unmöglich, dieses alte Gesetz plötzlich zu ignorieren, ohne daß das den Markt zerstört. Die neoliberalen Glaubensbrüder haben aber dieses Gesetz nicht nur ignoriert, sondern die entsprechende Ignoranz zu einem ihrer Ziele gemacht: Statt Regulierung setzten sie sogar allen Ernstes auf Deregulierung. Aus der Marktgesellschaft im Sinne aller für alle wurde dadurch eine solche im Sinne aller gegen alle gemacht. Während sich sonst Reibungsverluste des Systems selbst kurieren, führen sie unter dieser Maßgabe zu permanenten Blockaden. Aber solange das noch nicht alle Menschen persönlich betrifft, bleiben immer noch genügend Profiteure des Systems übrig, die sich ihre Argumente zurechtsuchen, es zu rechtfertigen. Und daß sie immer weniger werden, gleichen sie mit dem in ihrer Hand verbliebenen Kapital und den damit gegebenen Machtmitteln ohne weiteres aus. Während unsere Gesellschaft immer noch insgesamt sehr wohlhabend ist, wird so dieser Wohlstand immer ungleicher und ungerechter verteilt, sodaß immer mehr Menschen davon ausgeschlossen werden. Das führt zu der paradoxen Situation, daß die Wirtschaft (vorläufig) immer noch teilweise wächst und die tech­nologische Entwicklung fortschreitet, während gleichzeitig immer mehr Menschen im gleichen System verarmen.

Je mehr die Politik jedoch diese Umverteilung zugunsten der Profiteure betreibt, desto mehr macht sie sich von ihnen abhängig, weil diese das ihnen so zugewachsene Kapital und den damit verbundenen Machtzuwachs auch politisch einsetzen und dadurch zu einer Gegenmacht zum Staate werden. Diese Gegenmacht ist jedoch eine rein oligarchische Macht, die nicht mehr die Interessen der Allgemeinheit vertritt, sondern sich gegen diese richtet. Genau das ist es, was zunehmend die öffentliche Diskussion bestimmt. Das Paradigma wird durch gezielt destruktive Lobbyarbeit immer mehr verändert. So ist es zwar möglich, eine geistig desinformierte Mehrheit der Bevölkerung als Stimmvieh zu indoktrinieren, wie es besonders in Italien geschieht, aber irgendwann wird der sich daraus ergebende Zug der Lemminge an eine naturgegebene Klippe stoßen und sich damit selbst zerstören - einschließlich der Oligarchen, die durch das scheinbare Funktionieren ihres Systems selbst derartig geblendet werden, daß sie nicht erkennen, wie sie letztlich damit auch den eigenen Ast absägen, auf dem sie sitzen. Auch die mittelständischen Unternehmen haben durch ihren Einfluß darauf hingewirkt, daß die Zölle immer weiter abgebaut wurden, und jammern heute über die Zunahme an internationaler Konkurrenz in ihrem eigenen Gebiet. Sie haben ständig die ‚Verschlankung‘ des Staates gefordert und jammern jetzt über die auch für sie nachteiligen Folgen dieser Deregulierung, die sie zwingt, sich ihre Kundschaft auf anderen Märkten zu suchen. Sie haben früher den Kommunismus verteufelt und übernehmen heute ausgerechnet dessen schlimmsten Fehler: nämlich den wirtschaftlichen Zentralismus. Dort, wohin der Neoliberalismus letztlich strebt, nämlich zu einer weltweiten Oligarchie des Kapitals, entsteht eine Macht, die den Einzelunternehmen keine wirtschaftliche Freiheit und auch keine konkurrierende Existenz mehr gewährt. Ist es ein Unterschied, ob die größten Konzerne Sowjetunion und China oder ob sie General Motors, Shell und Deutsche Bank heißen? In ihrem Einflußbereich entsteht der gleiche soziale, umweltpolitische und kulturelle Kahlschlag.

1996 erschien dann das bereits eingangs erwähnte Buch Die Globalisierungsfalle der Autoren Martin / Schumann. Wie sehr es den neuen Zeitgeist traf, ergibt sich aus der Tatsache, daß es mit über 800.000 verkauften Exemplaren zu einem weltweiten Bestseller und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Es war demnach offenbar wirklich ein sehr globales Thema. Die Autoren beschäftigten sich darin mit den inzwischen nicht mehr zu übersehenden Folgen der Globalisierung und stellten die zunehmende soziale Unausgewogenheit vor den Hintergrund einer immer deutlicher werdenden Unfähigkeit des Staates und seiner Vertreter, diese noch sinnvoll ausgleichen zu können. Die Macht ruhte inzwischen ganz offensichtlich nur noch in den Händen der Konzerne und ihrer lobbyistischen Vertretungsorgane, die aber jetzt tatsächlich nur noch global operierten und ihre Steuern immer nur noch da bezahlten, wo sie für sie am günstigsten waren – unter Umständen in irgendwelchen Steueroasen, während sie gleichzeitig mit dem dadurch bei ihnen anwachsenden Kapital etwa als sog. Hedge-Fonds feindliche Übernahmen zuvor ansich gesunder und in ihre jeweilige Volkswirtschaft integrierter Firmen betrieben, die nun entweder völlig aufgelöst oder zu Massenentlassungen und sonstigen sog. Modernisierungsmaßnahmen gezwungen wurden.

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