Thema Mundan-Astrologie

Neptun in den Zeichen

(1739-1778)

 

 

 

Neptun im Krebs

(1739-1751)

Die mundane Wirkung Neptuns unterscheidet sich von derjenigen Plutos dadurch, daß sie mehr die Kunst- und Moderichtungen betrifft, während Pluto eher für die politisch be­deutsamen Ereignisse steht. Doch wir müssen das mit Vorsicht sehen. Wenn wir dabei etwas allgemeiner als Entsprechungsebene den Begriff Gesellschaftliche Vorgänge wählen, kommen wir wiederum in Konflikt mit der Einflußsphäre des Uranus. Völlige Abgrenzug ist also niemals zu erzielen. Bisweilen sieht es auch so aus, als hinge das nur von der Aufmerksamkeit des Beob­achters ab, denn wer nur das Tagesgesche­hen betrachtet, wird darin ebenso stark Neptun wie Pluto wirken sehen, während im historischen Rückblick eher die Kunst­entsprechungen auffallen. Als Betrachter kann man dabei nicht ganz ausschließen, daß das auch mit dem jeweils persönlichen Blickwinkel und mit der jeweiligen Quellenlage zusam­men­hängt. Ein gewisser Grad von Subjektivität ist dabei nicht auszuschließen. Dieses kann jedoch grundsätzlich kein Vorwurf sein, da alle un­sere Beobachtun­gen Subjektives beinhalten. Es kommt also eher auf die innere Kontrolle an, dieses nicht ausufern zu las­sen. Ein anderer Punkt betrifft die Wirkungs­weise Neptuns, die schwerer zu fassen ist als die aller ande­ren Planeten - insofern als sie die durch sei­nen Zeichenstand gegebe­nen Qualitäten transformiert, d. h. ei­nerseits verstärkt und andererseits vermin­dert oder auflöst. Selbst im letzteren Fall läuft das je­doch niemals auf eine völlige Relativierung hinaus, da auch dann stets das Thema des Zeichens angesprochen wird. Die Verstär­kung oder Verminderung scheint aber vom Selbstbestimmungsfaktor der jeweiligen Gesellschaft abzuhängen: wir werden des­halb von Fall zu Fall auf diese oder jene Wirkungsweise zu sprechen kommen, sel­ten jedoch auf beide gleichzei­tig.

Nachdem wir die Plutodurchgänge be­handelt und ei­nen vollen Rundgang durch die letzten 250 Jahre in der großen politi­schen Linie ab­solviert haben, können wir uns also nun den etwas dahinterliegenden Dingen zuwenden, ohne die aber die Hauptlinie nicht zu ver­stehen wäre. Wir beginnen wieder an der Marke 1740 und finden dort den Nep­tun im Krebs stehen. Der Krebs steht wie gesehen mundan haupt­sächlich für das Volk, aber auch für die Thematik der Frau, hier auch für vege­tative Formen und eine im allge­meinen et­was feminine Geschmacksrich­tung.

In der Tat hatten die Frauen zu dieser Zeit die gesellschaftli­chen Fäden voll in ihrer Hand - zumindest in Frankreich, das zu die­ser Zeit kulturell führend war - weshalb uns die Verhält­nisse in anderen Ländern auch weniger interessieren, da die astrologische Entsprechung immer nur dort voll zum Ausdruck kommt, wo die Dinge bedeutsam sind. Wir werden mitten hineinge­führt in das Rokoko, das vor allem von Frankreich unter Ludwig XV. beherrscht wurde und in seinen stilistischen Ausformungen als aus­gesprochen feminin bezeichnet werden kann. Zu dieser Zeit stand die Institution der von einflußreichen Frauen der Gesell­schaft geleiteten Salons in ihrer höchsten Blüte. Zwar hat es auch nach der Revolu­tion noch vereinzelte Salons gegeben wie etwa denjenigen der Frauen De Stael oder Recamier und dann auch in Deutschland diejenigen einflußreicher Jüdinnen wie Hen­riette Herz oder Rahel Varnhagen, doch die eigentliche Zeit der Salons war die hier zu behandelnde Zeitspanne. Niemals zuvor und auch niemals später hat es so viele da­von gegeben und nie­mals waren sie derartig einflußreich für das kulturelle Gesche­hen. Bekannt waren die Salons der Damen An­ville, Aiguillon, Be­auvau, Broglie, Bussy, Crussol, Choiseul, Cambis, Dupin, Mire­poix, Houdetot, Marcai, Du Deffand, Èpi­nay, Geoffrin, Hel­vètius, De Luxembourg, Necker, La Vallière, De Lespinasse, Forcal­quier, Talmont und noch einiger mehr.

Sie alle waren Damen der Pariser Gesell­schaft, und Paris war das kulturelle Zen­trum der ganzen Welt. Das Leben derer, die sich dieser Gesellschaft als zugehörig emp­finden konnten, war im allgemeinen sorg­los, zumal sie sich von jeder Transzendenz befreit glaubten, in der sie höchstens etwas Lästiges gesehen hätten. Was gibt es besse­res zu tun in einer so vollkommen diesseiti­gen Welt als das Leben zu genießen und sich kein Amu­sement entgehen zu lassen? Wenn es deshalb in erster Linie um Kon­versation ging, so wurde diese zur höchsten Kunst erhoben. Die Gesellschaft war geist­reich und charmant, weil diese Eigen­schaf­ten die einzigen Tugenden waren, die noch zählten: es war eine venusische Ge­sell­schaft, in der die Frauen schon deshalb dominierten, weil in ihr ihre eigentlichen Stärken zum Ausdruck kamen, und der die Männer sich dadurch fügten, daß sie um die Gunst der Frauen warben und sich dabei selbst deren Tugenden zu eigen machten. Auf dem Schlachtfeld hätten andere Tu­genden für sie gegolten und sich demgemäß herausgebildet, hier aber ging es um die Verfeinerung der Sitten, ohne die kein Mann mehr Kar­riere machen konnte. Es kam oft vor, daß in dem Salon einer Da­me außer ihr selbst fast ausschließlich Männer verkehrten, un­ter denen die Kunst der Konversation bald auch die geistigen Waf­fen schärfte, womit die Grundlage für die Philosophen der Aufklärung geschaffen wurde, die sich unter Neptun im Löwen zwangsläufig zu einem gewissen Star-Rum­mel fortentwickelte. Selbst wenn die Salons für die Karriere fast obligatorisch wa­ren, so spielten in ihnen unmittelbar Rangstufen üblicherweise keine Rolle. Adelige und Bürger trafen sich hier wie Gleichbe­rech­tigte, und demgemäß wurde auch äußerst freizügig über ge­sellschaftliche und reli­giöse Dinge gesprochen - originelle An­sich­ten hatten bald einen höheren Wert als ob­ligatorische. Die hier verkehrenden Adeli­gen hatten dabei nichts zu verlieren, son­dern konnten sich gegenüber ihren weniger aufgeschlossenen Standesgenossen nur profilieren. Die Revolution schien sich auf diese Weise fast wie von selbst vorzuberei­ten.

Wenn auch der König ein Mann war, so muß man diese Zeit dennoch als Matriar­chat bezeichnen, denn nicht nur das ganze gesell­schaftliche Leben, sondern auch die Regierungsgeschäfte selbst wurden von Frauen erledigt - von den wechselnden Mätressen des Königs. Da Europa im Bann des Pariser Lebens stand, hatte das auch Folgen für die gesellschaftlichen Tendenzen in anderen Ländern. Vor allem hatte es Folgen für das ästhetische Empfin­den, für die Mode und die Dinge, mit denen man sich umgab, für die Kunst und das kultu­relle Leben überhaupt. Es wundert des­halb nicht, daß in dieser Zeit ganz allgemein Dingen eine er­höhte Aufmerksamkeit ge­schenkt wurde, die üblicherweise eher von Frauen bevorzugt werden. Die Kunst war vor allem eine Aus­stattungskunst; die klei­nen Dinge, mit denen man die Räume aus­statten konnte, traten in den Vordergrund und wirkten als sol­che auf den sie umge­benden Rahmen zurück. In der Tat stand im Rokoko das Dekor und die Ausstattung des Mobiliars und kleiner Gebrauchsgegenstän­de - vornehmlich solcher, die man keines­wegs unbedingt brauchte - im Mittelpunkt und bestimmte mit den an ihnen herausge­bildeten Formen sämtliche anderen Kunst­gattungen und sogar die Architektur. Ge­staltungswürdig wurden Dinge wie Uhren, Spangen, Dosen, Schnallen (vor­nehm­lich Schuhschnallen), Stockgriffe, Anhänger und Schmuckgegenstände aller Art. Die Formen und Dekors waren im wesentlichen dem Krebs entsprechend vegativ, d.h. Pflanzenformen nachempfunden (es sei hier schon ein vergleichender Blick auf den nächsten Neptunstand im Krebs empfohlen, in dem sich der Jugendstil ergibt: die Paral­lelen sind insofern nicht zu übersehen). Man könnte die Tatsache, daß die Archi­tektur des Rokoko durch einen oft so voll­ständigen Ge­gensatz einer schlichten und großflächigen Außenarchitektur zur mehr als üppigen Innenausstattung gekennzeich­net war (siehe et­wa die Wieskirche), ar­chetypisch zu begründen versuchen: dem Krebs wird das vierte astrologische Haus zugeordnet - das Haus der Selbstbewah­rung also - die archaische Höhle, die immer die Domäne der Frau gewesen ist - die Ge­bärmutter, die nur von in­nen erlebt wird, das weibliche Geschlechtsorgan und Mu­scheln.

Das Barock war noch schwer und mächtig gewesen, das Rokoko da­gegen war trotz vieler übernommener Stilelemente, die eine Ab­grenzung zumal in der Außenarchitektur oft schwierig machen, spielerisch und tän­zelnd - hübsch, lieblich, angenehm, anmu­tig, galant. Das wohl wichtigste Kriterium ist die erwähnte Tatsa­che, daß hier alles von der sich selbst genügenden und auf nichts anderes hinweisenden Dekorations­kunst ausging, der sich alles andere zu fü­gen hatte. Die Bilder wurden oft nur für ei­ne ganz bestimmte Umgebung gemalt, für einen bestimmten Platz in einem bestimm­ten Zimmer, auf den sie in ihrer Farbgebung und Komposition abgestimmt waren. Kon­sequenterweise traten dadurch die Gobelin­kunst und die Kunst der Deckenmalerei in den Vorder­grund. Die Kompositionen Tie­polos z.B. waren frei und improvi­siert, und oft gab der Maler weder sich selbst noch seinen Auf­traggebern Rechenschaft über das auf seinen Bildern Darge­stellte: die Ca­pricci waren vornehmlich Bildserien, in de­nen die Originalität der Einfälle domi­nierte. Man hätte sich ja auch den Hals verrenkt, wenn man sich eingehender mit den Bildern beschäftigt hätte.

Als Technik war im übrigen die Pastellma­lerei sehr beliebt, in der übrigens eine Frau zu besonderem Ruhm gelangte und den Stil der Pariser Maler durch ihre Portraits vor­nehmer Damen stark beeinflußte: die Italie­nerin Rosalba Carriera. Boucher malte zur gleichen Zeit Bilder wie Leda mit dem Schwan oder Diana nach dem Bade, Chardin malte Das Tischgebet, Lancret Die Flötenstunde, Pesne Friedrich der Große als Kronprinz.

Die Bildhauerei wurde dagegen eher stief­mütterlich behandelt, da große Skulpturen nicht zur Ausstattung der Innenräume ge­eig­net waren. Erst als die Bildhauer sich dem neuen Trend anpaßten - was aber nicht allen gegeben war, so daß neue Namen un­ter ih­nen auftauchten - und sich auf die Ge­staltung von Kleinplasti­ken einrichteten, spielten sie wieder eine gewisse Rolle. Das eigentliche Material war nun für ihre Arbei­ten das Porzellan, das später farbig bemalt wurde - vornehmlich mit hellen Farben, die zu denjenigen der Bilder und Kostüme paß­ten. Diese kleinen Porzellanfiguren ge­ben am besten den Geist des Rokoko wie­der: sie stellen vor allem junge und galante Menschen dar, deren Handlungen stets völ­lig diesseitig sind - man mied jedes Pa­thos, alles Dunkle und Schwere oder gar Schwerfällige. Demgemäß war auch die Musik, die üblicherweise für bestimmte ge­sell­schaftliche Anlässe komponiert wurde: sie war, von wenigen Aus­nahmen abgese­hen, weltlich und epikuréisch.

Wie Ludwig XV. überließ auch Kai­ser Franz (Stephan) I. das Regieren lieber seiner Frau (und "Mitkaiserin") Maria Theresia (ab 1740). Im Jahre 1741 usurpierte zudem Elisabeth Petrowna den russischen Thron, so daß der einzige bedeutsame Mann dieser Epoche nur noch Friedrich II. von Preußen war, der sich zudem gleich in ei­nen Krieg stürzte: wie paßt das zum Krebs? Die Ant­wort verweist auf das Motiv: er wollte für sein Volk das schle­sische Gebiet erobern. Dieses Motiv war in der Tat sehr deut­lich ausgeprägt; er war insofern ein Visionär mit einer großen Staatsidee. Au­ßerdem kann es nicht darum gehen, alle Dinge ei­ner Epoche einer bestimmten Kon­stellation zuzuweisen - es geht immer nur um den Zeitgeist insgesamt, für den al­ler­dings die wichtigen Persönlichkeiten sehr maßgeblich sind. Wir sprechen hier ja auch nicht so sehr von der politischen Linie, sondern mehr vom geistigen und kulturellen Hintergrund, und insofern war der preußi­sche König durchaus ein Kind seiner Zeit, der sich ganz am Geiste Frankreichs orien­tierte, was nicht hieß, daß er von da alles völlig kritiklos übernahm. Seine Ausfälle gegen die Pompadour sind bekannt und ha­ben ihm politisch sehr geschadet. Wir müs­sen auch die andere Bedeutung Nep­tuns im Auge haben, die hier ausnahms­weise (siehe Einleitung) zugleich wirksam zu sein scheint: Neptun löst - unter Um­ständen - das auf, was durch sei­nen Zei­chenstand ge­kennzeichnet ist. In der Tat gab es in die­ser Zeit praktisch gar kein Volk mit einer eige­nen Identität, vielleicht mit Ausnahme von England und Holland. Friedrich II. und Maria Theresia forderten große Opfer von ihrem Volk, und das fran­zösische Volk war offenbar nur dazu da, den schmarotze­ri­schen Adel zu finanzieren, während es zu­gleich geistig auf diesen ori­entiert war. Das ging so weit, daß bürgerli­che Men­schen und Handwerker die abge­tragenen Klei­dungsstücke der Ade­ligen trugen, so daß es manchmal schwer war, Bürger und Adelige in der äußeren Er­scheinung zu unterschei­den. Der Unter­schied lag aber natürlich in der Art und Weise, wie man seinen Tag verbrachte. Aufgelöst wurde auch die Insti­tution der Familie. Wie bereits erwähnt, hatten die Kinder der Begüterten in der Re­gel gar keine Verbindung zu ihren Eltern, und es war nicht selten, daß Eltern ihre Kinder ins Findelhaus brachten - wie etwa im Falle Rousseau.

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