Thema Mundan-Astrologie

 

Pluto im Skorpion

(1984-1995)

 

O des großen Weisen, den es nieder­schlug, daß seine Sache der Menge gefiel! Gemeiner Beifall in Fülle gibt dem Ver­ständigen kein Genügen. Dage­gen sind Manche solche Chamäleone der Popula­ri­tät, daß sie ihren Genuß nicht in den sanf­ten An­hauch Apol­los, sondern in den Atem des großen Haufens setzen. (Baltasar Gracian.)[1]

Wie gut, daß die Planeten uns ab und zu ei­nen Themenwechsel aufzwingen, weil wir sonst mit Sicherheit schon lange verrückt geworden wären. Nicht, daß dadurch der Wahnsinn aufhörte, wenn er sich erst ein­mal festgesetzt hat, aber er variiert dann zu­mindest ein anderes Grundthema. Das nun folgende ist uns aller­dings bereits prinzipiell bekannt, denn unser Kreis ist - so­weit es den Pluto betrifft - hiermit geschlossen. Wir erinnern uns, daß der Skorpion offenbar auch etwas mit Sexualität zu tun hat. An­fang Februar des Jahres 1983 war Pluto be­reits bis auf weniger als einen halben Grad an den Skorpion herangetreten, bevor er nochmals rückläufig wurde und erst im De­zember ganz in den Skorpion wechselte, und schon im Juni des gleichen Jahres ver­öffentlichte der Spiegel einen ersten Bericht über eine neue geheimnisvolle Krankheit namens Aids, an der bereits fünf Menschen, wie es hieß, gestorben wa­ren.

Der Skorpion steht aber auch für Vorstel­lungsbezogenheit - neu­tral gesagt, denn diese kann auch fanatische Formen anneh­men. Das gilt sicher auch für zwei der Hauptgestalten dieser neuen Phase, nämlich den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und den iranischen Schiitenführer Khomeini. Natürlich konnte man beide bis­her auch unter dem Waage-Zeichen sehen, doch gab es bei ihnen allmählich eine deut­liche Akzentverlagerung im Sinne des Skor­pions. Reagan hatte sich nämlich auf die Idee ver­steift, die Sowjets totrüsten zu wollen, und aktivierte dafür Rüstungsaus­gaben, die das Maß alles bisher Gewohnten überstie­gen. Merkwürdigerweise konnte er diese Poli­tik bei sei­nen Wählern durchset­zen, und auch in den westeuro­päischen Re­gierungen schien es keine Irritation zu ge­ben, ob­wohl das neue Programm das bis dahin strapazierte sog. Gleichgewicht des Schreckens, mit dem die bisherigen Rü­stungsan­strengungen immer begründet worden waren - und das eine typische Ent­sprechnung der Jungfrau und der Waage gewesen war - ad absur­dum führte. Daß diese Methode bis dahin erfolgreich gewesen war, mag aber auch an der Richtigkeit der Definition Ambrose Bierces hinsichtlich des Begriffes Armee gelegen haben: „Die Armee ist eine Klasse von Nichtproduzenten, welche die Nation verteidigen, indem sie vertilgen, was einen Feind möglicherweise zum Überfall verleiten könnte“.

Die Gleichgewichtsdoktrin schien nun also keine Gültigkeit mehr zu besitzen, denn im November 1983 wurden in Europa die neuen atomaren US-Mittelstreckenrake­ten stationiert, die wegen ihrer hohen Zielgenauigkeit und der kurzen Vorwarnzeit als Erst­schlagswaf­fen bezeichnet werden mußten. Nicht zuletzt ausgerechnet die Länder der Drit­ten Welt hatten für alle diese Dinge zu zah­len, weil die Rück­zahlung ihrer Schul­den bei den Industriena­tionen an den Dol­lar­kurs gebunden waren, dem aber durch die inflationierende Aufrü­stung ein zuneh­mend geringerer Gegenwert gegenüber­stand. Daß sie diese Devisen un­ter anderem mit der Abholzung der Regenwäl­der finan­zierten, schien zunächst ebenfalls nieman­den zu stö­ren. Zwar folgten ansonsten auch wei­terhin Terrorakte, aber auch sie hatten nun eine andere Ten­denz. So wurden im Dezember durch die Entführer eines Juwe­liers 6 Millionen DM Lösegeld er­preßt. Wie wir sehen werden, hat auch der Skorpion etwas mit Geld zu tun, wenn auch auf an­dere Weise als der Stier. Man kann viel­leicht sagen, daß der Stier entsprechend dem zweiten astro­logischen Haus ein ge­sundes Verhältnis zum Geld hat, während das des Skorpions entsprechend dem ach­ten astrologischen Haus (das sich auch auf dubiose oder ungewöhnliche finanzielle Dinge bezieht) leicht ins Krankhafte abglei­ten kann, wenngleich das auch immer eine Frage des Selbstbestimmungsfaktors ist. Während der Stier das Geld im Zu­sammen­hang mit Dingen thematisiert, zu denen es paßt (also wirtschaftliche Zusammenhänge, Banken, Ak­tiengesell­schaften, mit denen zunächst ungeachtet der späteren Folgen et­was kreati­ves Neues entsteht), bringt der Skorpion das Geld mit solchen in Berüh­rung, bei denen es leicht zu bedenkli­chen Ent­wicklungen führt - wie Sport, Kunst, Konsum, Meinungs­bildung, Sexualität usw. Natürlich sind diese Dinge wie offen­bar al­les in der Welt immer auch eine Funktion des Geldes, die Frage liegt nur in der Beto­nung. Der Skorpion zeigt uns die Kehr­seite. Bald liefen die Fußballer wie die Papageien mit Re­klame vollgepflastert herum, in der Kunstszene gab es nur noch Gale­risten­kunst statt Künstlerkunst (die bürgerlichen Geldanle­ger kauften nur noch den Preis der Bilder), und auch alles son­stige wurde le­diglich als Funktion des Geldes gesehen. Wir müs­sen die archetypische Bedeutung dieser Vorgänge sehen: bekannt­lich ist alles zu etwas gut, und sei es nur als negatives Bei­spiel. Hier dienen diese Dinge gewis­sermaßen zur Dramatisie­rung, damit das Geld eine reale Wertigkeit bekommt - im Sinne des philosophischen Idealismus, demzufolge die Materie le­diglich eine Form der Vorstellung ist.[2]

Hesse sagt in seinem Roman Das Glasper­lenspiel an einer Stelle etwas, was wir be­sonders auf die Funktion das Skorpion-Pluto beziehen können:

Man weiß oder ahnt: wenn das Denken nicht rein und wach und die Ver­ehrung des Geistes nicht mehr gültig ist, dann gehen bald auch die Schiffe und Automobile nicht mehr richtig, dann wackelt für den Re­chenschieber des Ingenieurs wie für den Mathematiker der Bank und Börse alle Gültigkeit und Au­torität, dann kommt das Chaos. Es dauerte immerhin lange genug, bis die Erkenntnis sich Bahn brach, daß auch die Außenseite der Zivili­sation, auch die Technik, die Indu­strie, der Handel und so weiter der gemeinsamen Grundlage ei­ner gei­stigen Moral und Redlichkeit be­dürften.

Aber von dieser Erkenntnis scheint unsere Gesellschaft noch weit entfernt zu sein. In gleicher Weise nämlich, in der der Krebs für das Volk steht, steht der Skorpion für die Masse - besonders seit der Entdeckung des ihm zugeordneten Pluto, für den diese Bedeutung in Horoskopen sehr deutlich ist. Wir müssen insofern unterscheiden zwi­schen den Begriffen Volk (Krebs), Proleta­riat (Wassermann) und Masse (Skorpion): Der Begriff des Volkes bezieht sich auf das Empfinden (Mond-Krebs!) der gemeinsa­men Identität. Streng genommen besteht das Volk insofern gerade nicht aus vielen Einzelnen, die es in ihrer Gesamtheit ge­meinsam darstellen. Demgegenüber ist der Proletarier eine Erscheinung des Industrie­zeitalters und meint vornehmlich die arbei­tende Stadtbevölkerung. Das Proletariat und die Masse haben zwar miteinander ge­mein, daß beide im Gegensatz zum Volk aus vielen Einzelnen bestehen, bei denen man die Zugehörigkeit deutlich feststellen kann, doch muß ein Proletarier nicht unbe­dingt ein Massenmensch sein. Proletarier ist man schicksalbedingt, Massenmensch ist man veranlagungsbedingt: mit letzterem ist nämlich ein un-individuierter (C.G. Jung) Durchschnittstypus gemeint, der sich in al­len Gesellschaftsschichten zeigt und der dadurch gekennzeichnet ist, daß er in sei­nem Empfinden, Denken und Handeln stets mit der Masse geht und durch sie bestimmt ist - ein Kollektivwesen eben, das die Ge­danken der anderen für seine eigenen hält. Während sich die Diktatur des Proletariats inzwischen als bloße Utopie erwiesen hat, ist die Diktatur der Masse aber heute zur erschreckenden Realität geworden:

Am 1. Januar 1984 erfolgte zunächst ein­mal der Start des sog. Kabelfernseh-Pi­lot­projektes in der BRD. Damit wurde die Entwicklung des Pan­toffelkinos zum geisti­gen Konsumterror ein­geleitet. Die bishe­ri­gen Hauptprogramme wurden bald durch die Konkurrenz neu hin­zukommender Pri­vatsen­der im Kampf um die Einschaltquo­ten auf eine Perspektive re­duziert, die sich nur noch an dem orien­tierte, was unmittel­bar ankam und sich da­durch kommerziell behaupten konnte. Ersteres zwang im Laufe der Zeit derartig zur unmittelbaren Niveau­sen­kung, daß noch nicht einmal mehr Spiel­filme durch­schnittlicher Machart in den abend­lichen Hauptsende­zeiten angeboten wurden, son­dern in die Nacht­stunden ver­legt wurden, zweiteres führte überdies zur Steige­rung der Werbesen­dungen, deren Slogans dem Bürger noch in den Ohren klingen, wenn er zufällig gerade nicht fern­sieht, und ihn da­durch unter­bewußt in sei­nen ganzen An­schauungen bestimmen. Die alte gei­stige Hierarchie wurde da­durch auf den Kopf ge­stellt, da jetzt nur noch diejeni­gen das Programm und das gei­stige Klima be­stimm­ten, die schon von ihrer bildungs­mäßigen Voraussetzung da­zu kaum geeig­net waren und es umso weniger wur­den, als sie auf diesem Stand nun vollends ste­hen­blieben oder gar noch absanken. Wenn wir schon diesen Zu­stand als solchen dem Pluto im Skorpion zuordnen können, so noch mehr das, was dann in den entsprechen­den Sen­dungen frei Haus geliefert wurde: Sex (der keiner war, weil auch er jeder Kreativi­tät und Phantasie entbehrte) und Brutalitä­ten je­der Art, höchstens aufgelockert durch Quiz­sendun­gen, dieses aber bis zum Über­druß. Bald brauchte auch niemand mehr ei­nen Radio­apparat, weil er un­frei­willig per­manent durch die Stereoanlagen auf den Straßen vor­beifahrender jugend­licher Ka­briobesitzer (oft samt Führer­schein gleich zum 18. Ge­burtstag vom stolzen Leistungs­bürger-Va­ter ge­schenkt) mit Tee­nie-Quä­kmusik be­schallt wurde. Insge­samt war das die letzte Konsequenz des Materialismus, der den Menschen allein als quan­titative und nicht als qualita­tive Ein­heit be­griff. Alle Men­schen sind demnach gleich und ha­ben folg­lich gleiche Rechte - was immer ih­nen auch darunter zu verste­hen ge­geben ist. Es ist hier nicht der Ort für kulturpes­simi­stische Betrachtungen, es sei nur die Frage gestellt, wohin ei­ne solche Gesellschaft ge­hen kann, wenn sie jeder wahren gei­stigen Hier­archie entbehrt, der doch wohl immer auch eine kon­trollierende Steuerung von oben ent­spricht.

Gleichfalls zu Beginn des Jahres 1984 wurde die Öffentlichkeit der BRD durch die merkwürdige Affäre des stellvertretenden Na­to-Oberbefehlshaber Kießling über­rascht, der vom neuen Vertei­digungsmini­ster Wörner aufgrund eines vagen und auf einer unse­riösen Aussage beruhenden Ver­dachtes in den vorzeitigen Ruhe­stand ver­setzt wurde. Zwar wurde Kießling bald re­habilitiert, Wörner dachte jedoch nicht an einen Rücktritt, sondern wurde wenig spä­ter sogar noch zum NATO-Generalsekretär befördert, wo­mit er bezüglich seiner dicken Haut in der politischen Land­schaft mittler­weile keine Ausnahme mehr bildete. Im Fe­bruar startete der Iran eine neue Offensive im Golfkrieg und brachte damit mit seinem Gegner Saddam Hussein eine neue Gestalt auf die in­ternationale Bühne, neben der Reagan und Khomeini wirklich noch wie Heilige erscheinen konnten. Im März wech­selte der Fußball­spieler Rumenigge für nicht weniger als 12 Millionen DM nach Mailand. Im April erfolgte der Start des Kabelfernsehens in München. Im gleichen Monat wurde in Australien das erste Retor­tenbaby geboren. Allerdings demonstrierten gleichzeitig 250.000 Australier gegen das nukleare Wettrüsten, was man auch unter dem Skorpion sehen kann, da dieser nicht sagt, was geschieht, sondern nur gewisse Dinge thematisiert. In den Kinos hatten derweil Filme wie Krieg der Sterne und Die Unendliche Ge­schichte Premiere, die einer neuen Filmmode entsprachen, die mit bis dahin nicht gekanntem Aufwand in techni­schen Kulissen- und Ausstattungs­spielerei­en schwelgten. Diese Filme koste­ten natür­lich sehr viel Geld und mußten demnach mit entsprechendem Werbeauf­wand gestartet werden, wobei wiederum nur die Quantität Mensch ange­sprochen wurde und nicht die Qualität, wenngleich nicht geleug­net wer­den kann, daß damit auch wirklich neuar­tige Effekte er­reicht wurden. Im Mai be­gann der Privatrundfunk in Deutschland, und im Oktober wurde in Indien Indira Gandhi er­schossen.

Anfang des Jahres 1985 begann man zu­nehmend eine gesetzliche Regelung für sog. Leihmütter als notwendig zu erachten. Derweil gab es schwere Eisenbahnunglücke in Bangladesh und Äthiopien mit insgesamt über 700 Toten. In der BRD gab es den er­sten Smogalarm und in Österreich einen offiziellen Empfang für einen ehemaligen Nazi-Kriegsverbrecher. Das bayrische Wackersdorf sollte nun Standort der ersten kommerziellen Wiederaufberei­tungsanlage von Kernbrennstoffen werden, der Ham­burger Boden erwies sich als überaus stark arsenbelastet, im Fernsehen hatte die Serie Das Boot Premiere (U-Boote sind immer dem Skorpion zugeordnet), und bei Mün­chen gab es noch einen verspäteten RAF-Anschlag auf einen Industriellen, während in mehreren anderen deutschen Städten Sprengsätze der Revolutionären Zellen ex­plodierten - eine Methode, die nun zu­neh­mend in Mode kam: der Fortschritt der Menschheit ist auch insofern unverkennbar, denn während man unter dem letzten Plu­to­stand nur vier PS zur Verfü­gung hatte, um andere Menschen auseinanderzureißen, hat man da­zu jetzt viele TNT. Im April wurde auch erstmals ein Gemälde für 21 Millionen DM verstei­gert, und offenbar stieß sich nie­mand an der Tatsache, daß es privaten Bie­tern gestattet war, auf solche Weise den öf­fentli­chen Museen eine Kon­kurrenz zu ma­chen, der diese mit dem Geld des Steuer­zahlers nicht mehr ent­sprechen konnten. Auch die Kunst wurde jetzt nur noch in quan­titativen Dimensionen begrif­fen und zunehmend als Funktion ih­res Han­delswer­tes gesehen; be­rühmte Gemälde ver­schwanden in den Tresoren von Ge­schäf­tema­chern oder gar Mafiosis und wurden leicht von diesen als ihr persönli­ches Eigen­tum gesehen, das sie sogar nach ihrem To­de mit ihrem Leichnam verbrennen lassen konnten, wie es ein Japa­ner allen Ernstes mit einem Van-Gogh vorhatte. Im Mai warf die amerikanische Polizei bei ei­nem Groß­einsatz gegen die Move-Sekte eine Brandbombe in deren Haus, wobei elf Men­schen getötet und sechzig Nachbarhäu­ser durch Brand zerstört wurden. Im glei­chen Monat kam es zu schweren Ausschrei­tun­gen von Fußballfans in Brüssel, wobei 38 Menschen getötet wurden. Im Juni stürzte ein Jumbo-Jet vor Irland ins Meer, im Juli wurde ein Greenpe­ace-Schiff durch den französi­schen Geheimdienst versenkt, und gleichzeitig kam es zu Unruhen in Süd­afrika. Im Oktober starte­te im deut­schen Fernsehen die Schwarzwaldklinik, und im No­vember entschied sich die Bun­des­regie­rung nach der Auswertung eines sog. Großversuches des Technischen Überwa­chungsvereines gegen ein generelles Tem­poli­mit - eine Farce von vornherein, denn was sollen quantitative Untersuchun­gen, wenn die Bewertung des Ergebnisses im­mer rein subjektiv ist? Es ging hier oh­nehin nur um ein Hinhalten, denn das skorpioni­sche Motto Freie Fahrt für freie Bürger war zum Elementar-Credo und Religions­er­satz der BRD-Gesellschaft ge­wor­den. Im November wurde dann die er­ste künstliche Mikrobe herge­stellt, es gab auch 23.000 Opfer bei einer Vulkankata­strophe in Ko­lumbien so­wie noch mehrere Terroran­schläge in Wien und Rom im De­zember.

Im Jahr 1986 griff die Furcht vor der neuen Krankheit Aids um sich, an der bisher be­reits 8.000 Menschen gestorben waren. Der Februar brachte eine neue Großoffensive des Iran gegen den Irak sowie die Geburt des ersten deutschen Retortenbabys und den maschi­nenles­baren Personalausweis in Deutsch­land. Im März startete das Pro­gramm 1+ im Fernsehen. Im April gab es eine Kern­kr­aftwerkka­tastrophe in Tscher-nobyl in der Ukraine sowie US-Luft­angriffe auf lybische Städte. Im Oktober wurde das Kernkraft­werk Tschernobyl be­reits wieder in Betrieb genommen, ebenso wie das in Brokdorf an der Unterelbe und ein noch gigan­tischeres im französischen Cattenom. Gleichzeitig scheiterte die erste Be­gegnung zwischen dem amerikanischen Präsidenten Reagan und dem neuen sowje­tischen Parteichef Gorbatschow im is­ländi­schen Reyk­javik an Reagans SDI-Pro­gramm, und im November wurde der Rhein durch die Baseler Chemie­fabrik Sandoz bei einem Großbrand ver­seucht.

Das Jahr 1987 begann mit dem Spenden­prozeß gegen die ehemaligen FDP-Wirt­schaftsminister Graf Lambsdorf und Frie­derichs. Im März war es nötig geworden, daß das Bundesverfassungsgericht ein Ent­eignungsverfahren nicht etwa für eine Staatsinstitution, sondern für ein Privatun­ternehmen(!!) - es ging um das Gelände für ei­ne Teststrecke der Daimler-Benz-Werke - für unzulässig er­klärte. Nun wurde sogar ein Van-Gogh-Gemälde für 72 Mio DM ver­steigert, während durch einen TV-Staatsvertrag das Nebeneinan­der von öf­fentlich-rechtlichen und privaten Fernseh­programm-An­bietern geregelt wurde. Ab Mai wurden in Bayern Aids-Kranke Zwangstests unterzogen. In Argentinien blieben Generäle für al­le unter der Militär­diktatur begangenen Morde und Folterun­gen straffrei, weil es wohl als selbstver­ständlich angesehen wurde, daß sich das dortige Militär gewissermaßen mehr innen­- als außenpolitisch betätigte, worin es eben mehr Talent besaß. Die natürliche Funktion des Militärs, der es mangels inne­rer und daraus folgender äußerer Stärke nicht ent­sprechen konnte, wurde einfach auf den Kopf ge­stellt und perver­tiert. Im Juli wurde der fünfmilliardste Mensch geboren, wor­über sich niemand so sehr freute wie der Papst Johannes-Paul II, der in der Dritten Welt predigte, Fami­lien­planung sei Sünde. Dieser Papst hatte sich ja den Namen seines nach nur 33 Tagen "verstorbenen" großen Vorgängers zuge­legt, verkehrte aber dessen ausdrückliche Absicht gerade in dieser Hinsicht. Er ist ohnehin ein trauriges Kapitel für sich, doch eben auch eine deutli­che Entsprechung des Skorpion-Themas. Aus übergeordneter Sicht war es aber an­gesichts des Überbe­völ­kerungs-Problemes gerade­zu ein zyni­scher Trost, daß wenig­stens der Golf­krieg eskalierte. Im Okto­ber kam es zu weiteren Terrorakten der Chine­sen gegen die Tibe­ter sowie in Schleswig-Holstein zu der Bar­schel-Affäre. Und im Dezember erfuhr die Öffentlichkeit von il­legalen Atommüll-Transporten der Firma Transnuklear.

Im Jahre 1988 wurde immer deutlicher, daß die Nordsee Europas größte Müllkippe ist. Im Juni wurde die BRD durch den Besuch des Rockstars Michael Jackson beglückt, im August kam es zu dem Geiseldrama von Gladbeck, mit dem die inzwischen üb­lichen Fernsehprogramme nun auch auf der Straße nachgestellt und dem­entsprechend von den Passanten fachgerecht beurteilt wurden. Ein Zeitungsredakteur setzte sich sogar für eine Zwischen­strecke mit in das Auto der Gang­ster, um sie durch Köln zu lot­sen und dabei zu interviewen. Leider gelang es nicht, die Tö­tung zweier Geiseln life vor die Kamera zu bringen. Der Ein­satz von Giftgas durch Saddam Hussein gegen Kurden brachte im­merhin sehr ge­lungene Farbaufnahmen. Die Olympischen Spiele im September wurden von Doping-Skandalen überschattet. Der Novem­ber brachte einen Rechtsruck in Is­rael und ei­nen Skandal um die Handelskette CO-OP in der BRD.

Anfang 1989 rief der Ayatollah Khomeini zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdies auf, im März kam es zu einer Öl­pest in Alaska und im April zur Verhaftung von Hilfspflegerin­nen in einem Wiener Krankenhaus, die unter dem Verdacht stan­den, über vierzig Patienten getötet zu ha­ben. In den weiteren Monaten gab es 95 Tote im Stadion von Sheffield, in China ein durch das Militär verursachtes Blut­bad un­ter Studen­ten, hysterische Aus­schreitungen im Iran bei der Beerdigung Khomeinis, eine Umweltkatastrophe auf einer Elbe-Reede­rei, ei­nen Feldzug gegen Drogen und die Verhaftung des korrupten bra­silianischen Präsidenten Collor de Mell­ho. In diesem Sommer wurden die Badeur­lauber vor ein völlig neues Problem gestellt: an vielen Stränden wurden bisher unbe­kannte Giftal­gen ange­spült, die stellenweise schon das Meer verseucht und alles Le­ben darin abge­tötet hatten. Für die Homose­xuellen gab es dage­gen in Dänemark die erfreuliche Nachricht, daß sie dort nun ehe­ähnliche Verbindungen eingehen konnten. Im No­vember wurde übrigens die Berliner Mauer wieder geöffnet, was wir aber unter einer anderen Konstellation näher behan­deln werden.

Im Jahre 1990 wurde deutlich, daß die DDR-Wähler die deutsche Einheit wollten. Während unter Pluto im kreativeren Löwen die Menschen wie erinnerlich nach dem Krieg zunächst erst einmal die Ärmel hoch­gekrempelt hatten, gaben sie sich nun unter dem Skorpion lieber zunächst der Vorstel­lung hin, versäumte Konsum­genüsse nach­holen zu müssen. Sehr deutlich war diese Vorstel­lung auch das Motiv ihrer Entschei­dung gewesen. Erst nach der Anschaffung eines Autos begannen viele über dessen Bezahlung nachzudenken (den einfältigen Menschen von 1947 war dagegen die Er­findung des Autos offenbar noch nicht be­kannt gewesen). Im weiteren Jahresverlauf kam es zu zwei Attenta­ten auf die deut­schen Politiker Lafontaine und Schäuble. Im Ju­ni kam ein Herr Hippen­stiel-Imhau­sen in die Schlagzeilen, der Teile für eine Giftgasfabrik nach Lybien geliefert und au­ßerdem über hundert Millionen Steuern un­terschlagen hatte. Ein Staats­an­walt, der ihn deswegen verfolgen wollte, wurde von sei­nem Dienst suspendiert, was erstmals die Ahnung aufkommen ließ, daß vielleicht auch die BRD schon bis in höch­ste Stellen von der Mafia durchdrungen war. Zumin­dest wurde das Mafia-Thema in der Folge­zeit auch hierzulande immer aku­ter. Im Juli kam es zu der von 300.000 Menschen be­suchten Rockveranstaltung The Wall auf dem ehemaligem Todes­streifen (der Skor­pion hat immer eine Af­fi­nität zu Tod und Todeswunsch!) in Berlin. Gleichfalls kam es zu der Wirtschafts- und Währungsunion in Deutschland (Konzentrierung ist ein wei­teres Skorpion-Thema). Im August be­setz­te der Irak das Scheichtum Kuwait. Im wei­teren Verlauf die­ser Affäre fiel es dem ira­kischen Dikta­tor sogar ein, die West­mächte durch Gei­seln über das Fernsehen zu er­pressen. Im August richtete sich das US-Militär am Golf ein. Im Oktober gab es in Israel ein Blutbad am Tempelberg und im November schwere Aus­schreitungen von Fußballfans in Leipzig und Berlin sowie ei­nen Religi­onskrieg in Indien.

Das Jahr 1991 war gekennzeichnet durch Tote bei einer Militäraktion in Wilna, den Golfkrieg um Kuwait mit anschließender Öko-Kata­strophe durch brennende Ölquel­len, die Flucht von Kurden aus dem Irak, das Erscheinen der Boulevard-Zeitung Su­per in der ehemaligen DDR, die Er­mordung des früheren indischen Mini­sterpräsidenten Rajiv Gandhi, den Aus­bruch des Bürger­krieges in Jugoslawien, einen dramatischen Anstieg der Zahl der Rausch­gift-Opfer in den europäischen Län­dern, einen Putsch­versuch ge­gen Gorba­tschow, den Überfall von Neonazis auf vi­etnamesische Händler, dem später diverse Angriffe auf Asylanten­heime folg­ten, der Nachricht, daß die Krankheit Aids nicht nur Risiko­gruppen be­trifft und den Sieg der Islamischen Heils­front in Algerien.

Die höchste Alarmstufe ist aber immer dann gegeben, wenn der allgemeine Ungeist sich selbst des Wahrheitsforums bemächtigt hat. Daß die Kirche als solches schon lange nicht mehr funktioniert, ist nicht neu und hat insofern Tradition, wenngleich man bei diesem gegenwärtigen Papst wohl bis ins Mittelalter oder wenigstens die Renaissance zurückgehen muß, um auf ähnlich schlimme Beispiele zu stoßen. Nur ist es auf andere Weise in der gegenwärtigen Kunst­szene wie gesagt ebenso schlimm. Hier ist nun das eingetreten, was Ortega y Gasset über die politische Landschaft gesagt hatte. Der Bürger hat sein Herz für die Kunst ent­deckt, und das ist immer verdächtig, denn da nicht anzunehmen ist, daß er sich selbst ändert, ändert er notwendigerweise den Sinn dessen, dessen er sich so bemächtigt. Natürlich geht es ihm um nichts anderes als um Dazugehörig­keitsausweise zu einer Szene, die er plötz­lich aus irgendwelchen Gründen als maßgebend empfin­det. Er kann sich nicht leisten, ein Bild um seiner selbst Wil­len zu betrachten, wozu es ihm auch an den Voraussetzungen fehlt, und so orientiert er sich am Namen des Künstlers und am Preis des Bildes. Da eini­ge clevere Galeristen diesen neuen Stand der Dinge bald erkannt hatten (genauer ge­sagt war es ein sich aus sich selbst erzeu­gender Wechselwirkungs-Mecha­nis­mus, dessen Ursache die astrolo­gischen Konstel­lationen sind), blieb es nicht aus, daß sie sich das zunutze machten und den Bürgern das verkauften, was sie haben wollten - Da­zugehörigkeitsausweise eben. Der uralte Alchimistentraum war endlich wahrgewor­den, und weder echtes Gold noch echte Künstler waren nun mehr ge­fragt. Man brauchte nur noch Künstler-Darsteller, die logischerweise "reduzierte" Kunst produ­zierten, die den gleichen Vor­teil hatte wie des Kaisers neue Kleider: sie lebte von der Macht der Definition, die sich hier als die des bürgerlichen Ellenbogens zeigte. Ver­gessen war der Spruch Miche­l­angelos:

Ich möchte behaupten, daß derje­nige kein außergewöhnlicher Mensch ist, welcher der unwissen­den Masse, nicht aber seiner Beru­fung dient, ebensowenig wie jener, der nichts Einzelgängerisches oder Absonder­liches an sich hat, oder wie ihr es sonst zu nennen beliebt. Die gewöhnlichen und alltäglichen Geistesgrößen kann man ohne La­terne auf den Marktplätzen der ganzen Welt finden.

Daß sie nichts Absonderliches an sich hät­ten, wollten sich die neuen Könige dieser Szene allerdings nicht nachsagen lassen, und so kann man heute geradezu DIN-ge­normte Originalitätsausweise bei ihnen se­hen. Sie nehmen es als Selbstverständlich­keit, jetzt auf der Bühne zu stehen und viel Geld zu "verdienen", womit sie dem Geist der Zeit entsprechen, denn heute hält es je­der für sein Recht, Ansprüche ohne Ver­pflichtung zu haben - was man ebenso für die Kundschaft dieser Kunstszene sagen kann, die nach ihrem Verständnis ja auch das Geld "verdient" hat - wenn auch nur auf ganz ähnliche Weise -, das sie nun eben im Sinne ihres Verständnisses wieder los­werden muß. Hier zählen nur noch Quanti­täten statt Qualitäten. Was Ortega 1930 in seinem Essay Der Aufstand der Massen dazu schrieb, stimmt heute umso mehr, da sich das gleiche Prinzip jetzt auf einer höhe­ren Oktave fortsetzt:

Die Masse rückt entschlossen in den Vor­dergrund der Gesellschaft; sie besetzt die Lokale, benutzt die Geräte, genießt die Vergnügungen, die ehedem nur den Weni­gen zu­standen.. Die Masse setzt sich, ohne daß sie aufhört, Masse zu sein, an die Stelle der Eliten... Heute woh­nen wir dem Triumph einer Über­demokratie bei, in der die Masse direkt handelt, ohne Gesetz, und dem Gemeinwesen durch das Mittel des materiellen Drucks ihre Wün­sche und Ge­schmacksrichtungen aufzwingt... Jetzt da­gegen glaubt sie, es sei ihr gutes Recht, ih­re Stammtischweisheiten durchzu­drücken und mit Gesetzeskraft aus­zustatten... Das selbe geschieht auf den übrigen Gebieten, ganz beson­ders auf dem intellektuellen... Die Masse vernich­tet alles, was anders, was ausge­zeichnet, persönlich, eigenbe­gabt und erle­sen ist. Wer nicht "wie alle" ist[3], wer nicht "wie alle" denkt, läuft Gefahr, ausgeschal­tet zu wer­den. Und es ist klar, daß "alle" eben nicht alle sind. "Alle" waren norma­lerweise die komplexe Ein­heit aus Masse und andersdenken­den, besonderen Eliten. Heute sind "alle" nur noch die Masse.

Der französische Philosoph Gustave Le Bon läßt sich ähnlich zitieren: Wenn die Massen sich selbst überlassen werden, erlebt man bald, daß sie, ihrer Zügellosigkeit überdrüssig, instinktiv der Knechtschaft zusteuern... Welche Ideen den Massen auch suggeriert werden mögen, zur Wirkung können sie nur kommen, wenn sie in einfacher Form aufzunehmen sind und sich in ihrem Geist in bildhafter Erscheinung widerspiegeln... Die Urteile, die die Massen annehmen, sind nur aufgedrängte, niemals geprüfte Urteile.


[1]Dieser Spruch wird auch durch den heutigen Neptun im Stein­bock sehr aktuell.
[2]Ansich bedeutet plutos = Reichtum, und der Begriff Plutokratie steht z.B. für eine Herrschaft der Reichen. Eine solche haben wir ja heute wieder unterschwellig und indirekt, solange letztlich das Gesetz des Geldes alle Bereiche der Gesellschaft bestimmt.
[3]Anmerkung: In der heutigen „Kunst“-Szene heißt das „in“ sein.
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