Thema Mundan-Astrologie

Pluto im Krebs

(1914-1938)

Viele Ereignisse der Geschichte können sich die Historiker auch im Rückblick nicht erklären und schreiben sie deshalb etwas verlegen einem Wandel des Zeitgeistes zu. Zu solchen Ereignissrn gehört etwa die Tatsache, daß im August 1914 - also nur drei Monate, nachdem Pluto in den Krebs getreten war - die SPD im deutschen Reichstag ihre bisherige Konfrontationspolitik aufgab und ebenfalls für die Kriegskredite stimmte. Sie reagierte damit offensichtlich auf einen  Stimmungswandel innerhalb der Arbeiterschaft selbst, der durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges ausgelöst worden war. Der Krebs steht mundan vor allem für das Volk. Natürlich geht es dem Volk in Kriegszeiten nicht gut, aber Kriege gibt es auch unter anderen Zeichen. Was uns hier vor allem interessiert, ist das eigentliche Motiv des Krieges, und das können wir vornehm­lich auf einen allgemein über­stei­gerten Nationalismus ganz im Sinne des Krebses zurückführen: alle Völker zogen sich auf ihre eigene Identität zurück. Schon Ende des Jahres 1912 kündigte sich das an, als der Balkan aus diesem Grunde zum Kriegsschau­platz wurde: Bulgarien, Ser­bien, Griechenland und Montenegro erklär­ten der Türkei den Krieg, wodurch zu­nächst nur ein loka­ler Konfliktherd ent­stand, in den aber mehr und mehr die ande­ren Länder hineingezogen wurden, bis es 1914 zum ersten Welt­krieg kam. Schon vor dessen Ausbruch kriselte es auch überall innen- und außenpolitisch. In Deutschland z.B. stiegen die Preise für Lebensmittel, worunter vor allem die kleinen Leute zu leiden hatten. Zugleich rüsteten alle euro­päischen Länder immer mehr auf. Das all­gemeine Gleichgewicht wurde nur noch äu­ßerst mühsam aufrechterhalten, und es be­durfte nur eines gerin­gen Anlasses für den eigentlichen Kriegsausbruch, der dann durch die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz-Ferdinand und seiner Frau gegeben war. Das Attentat war durch eine serbische Untergrundorga­nisation gesteuert worden, die für ein groß­serbisches Reich unter Einschluß von Kroatien und Bosnien kämpfte. Österreich hatte das Risiko einer Straf­maßnahme ge­gen Serbien abzuwägen, die vor allem einen Konflikt mit Rußland bedeutet hätte, das in jedem Fall eine Ausweitung des österreichi­schen Einflusses im Balkan verhindern wollte. Da es unter den gegebenen Um­ständen wohl kaum einen solchen Schritt alleine gewagt hätte, kam dem deutschen Kaiser eine entscheidende Rolle zu: dieser nämlich ermunterte entgegen der ausdrück­lichen Warnung Englands Österreich zu ei­nem Eingreifen gegen Serbien und sicherte seine Rückendeckung zu. Österreich erklär­te daraufhin Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg. Kurz darauf machte auch Rußland mobil, und am 31. Juli wurde in Deutsch­land der allgemeine Kriegszustand ausge­rufen. Später wurde demgemäß Deutsch­land und sein Kaiser für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht, man muß aber berücksichtigen, daß er nur Ausfüh­rungsgehilfe einer allgemeinen Kriegsbereit­schaft war. Die Historiker konnten später nur noch verwundert feststellen, daß in al­len Völkern ein regelrechter Kriegsrausch losbrach.

Im Verlaufe des Krieges wandelte sich in fast allen beteiligten Ländern auch die in­nenpolitische Situation oft äußerst drama­tisch. In Rußland wurde durch die zaristi­sche Regierung weder die öffentliche Ord­nung noch die Lebensmittelversorgung ge­si­chert, weshalb es zu Beginn des Jahres 1917 zu Streiks und be­waffneten Aufstän­den kam. Als diese sich immer mehr aus­weite­ten, ließ der Zar Militär gegen die Be­völkerung einsetzen. Die Soldaten verbün­deten sich jedoch mit der Bevölkerung. Es kam zu einer Krise in der Duma, dem Par­lament, das den Zar um eine nachgiebigere Haltung und mehr Demokratie bat. Als die­ser sich unvermindert hart zeigte, ergriff die Duma selbst die Regie­rungsgewalt, wäh­rend gleichzeitig die Truppen meuterten. Dar­aufhin dankte der Zar zugunsten seines Bruders ab, der jedoch unter den gegebe­nen Umständen auf den Thron verzichtete. Da jetzt die Macht einzig bei der Duma lag, verkündete diese eine allgemeine Amnestie für politische Gefangene, die Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Abschaf­fung aller Standesunter­schiede. Dieses war gleichbedeutend mit einer Revolution - der sog. Februarrevolution, die sich eigentlich wie von selbst und ganz ohne Blutvergie­ßen ergeben hatte.

Auch in Deutschland war die Versorgungs­lage der Bevölkerung äu­ßerst kritisch, was auch hier zu Massenstreiks führte. Arbei­ter­räte forderten von der Regierung sofortige Friedensverhand­lungen sowie das freie Wahlrecht. Doch da die Arbeiter bei den Gewerkschaften keine Unterstützung fan­den, brach der Streik bald wieder zusam­men. In Wien mußte 1918 die Brotration um die Hälfte reduziert werden. Im Februar 1921 kam es in Irland zum Bürgerkrieg, der allerdings über den sonstigen Kriegswirren von den euro­päischenn Ländern kaum wahrgenom­men wurde. Gleichzeitig wurde in Persien von einer nationalen Bewegung eine Mili­tärdiktatur errichtet, der es um au­ßenpoliti­sche Unabhängigkeit von den Ein­flüssen anderer Länder ging.

In der neuen Sowjetrepublik besserten sich die Verhältnisse seit der Zarenzeit kaum. Die wirtschaftliche Situation ver­schlechter­te sich sogar erheblich, und im Jahre 1921 stell­ten die Bauern die Bewirtschaftung ih­res Landes fast ganz ein, da ihre Ernte ständig beschlagnahmt wurde. Lenin kün­digte dar­auf­hin eine teilweise Rückkehr zu den kapitalistischen Wirt­schaftsmethoden an. Da eine Mißernte infolge einer Dürreka­ta­strophe außerdem große Teile Rußlands in äußerste Not brachte und zudem auch das Saatgut für eine Vorsorge für das näch­ste Jahr fehlte, richtete er schließlich einen Aufruf an die Arbei­terschaft der Industrie­nationen, Rußland vor einer Hungerkata­strophe zu retten. In Begleitung des Hun­gers kamen Epidemien durch Cholera und Typhus. Obwohl sich in Berlin eine Inter­nationale Arbeiterhilfe bildete, zu der Per­sönlichkeiten wie Käthe Kollwitz und Al­bert Einstein gehörten, lehnte der Völker­bund jede Hilfe für Rußland mit der ideo­logischen Begrün­dung der Selbstver­schul­dung ab.

Zur gleichen Zeit wurde in Sachsen die Rä­terepublik ausgerufen, und in Hamburg be­waffneten sich unter der Führung Ernst Thäl­manns die Arbeiter. Allerdings war der revolutionäre Schwung zu schwach, so daß die Polizei die Situation bald wieder unter ihre Kontrolle bekam. Das Ergebnis waren 145 Tote und die Verhaftung mehrerer tau­send Arbeiter. Der polnische Staatspräsi­dent, der als Kandidat der Linken mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt worden war, wurde im Dezember 1922 wenige Ta­ge nach seiner Wahl ermordet. Im Mai des Jahres 1925 kam es zu blutigen Unruhen in China: das Volk demonstrierte gegen die Anwesenheit von Auslän­dern, doch rea­gierte die immer noch vorhandene Frem­denpolizei äußerst scharf; es gab Tote und Verletzte. Als daraufhin die Unruhen immer mehr um sich griffen, schickten England, Frank­reich und die USA Kriegsschiffe in die Region. In Jugoslawien kam es 1929 wegen der Gründung einer separatistischen Regierung durch die Kroaten zu einer Re­gierungskrise. Der König machte den Par­lamentarismus für die Entwicklung verant­wortlich und ließ alle Parteien auflösen. Auch durch das weitere Wachstum der Städte in den Industrierevieren wie beson­ders an der Ruhr entstanden erhebliche in­nenpolitische und gesellschaftliche Proble­me. Vor allem gab es Proteste gegen die notwendige Neu­gliederung.

Der in der Sowjetunion inzwischen an die Macht gelangte Stalin schaltete derweil seine politischen Gegner rigoros durch sog. Säuberungen aus. Seit 1927 wurden 6500 Parteimitglieder wegen trotzkistischer Ge­sinnung bestraft oder entfernt. Im Oktober 1932 wurden diese Maßnahmen weiter ver­schärft, und im August 1936 konnte es Sta­lin bereits wagen, vor aller Weltöffentlich­keit seine Macht zu demonstrieren: es be­gannen die Schaupro­zesse, in denen er seine früheren Mitkämpfer des Hochverrats anklagen ließ. Er beschuldigte sie jetzt einer weiteren Bezie­hung zu dem im Exil leben­den Trotzki und zu der deutschen Gestapo. Die Angeklagten konnten sich nicht vertei­digen und be­kannten sich allesamt einem obligatorischen Ritus gemäß für schuldig, woraufhin sie zum Tode verurteilt wurden.

Im April 1936 kam es in Spanien zu ähnli­chen Zuständen wie in Deutschland vor Hitlers Machtergreifung. Kommunistische Gewerk­schaften riefen den Generalstreik aus, in dessen Verlauf es zu Übergriffen auf Kirchen und Angehörige der Rechtspartei­en kam. Obwohl über 1000 Personen ver­haftet wurden, ging der Terror auf den Straßen weiter. Im Parlament kam es wenig später zu einer Überlegenheit der Volks­front, weil die Rechten aus Protest erst gar keine Kandidaten aufgestellt hatten. Im Juli brach dann der spanische Bürgerkrieg aus. Am 19.Juli hatte Spanien drei ver­schiedene Regierungschefs, da ein Zwischenkandidat nur wenige Stunden amtierte. Er wollte damit den Forderungen der Aufstän­dischen entsprechen, die sich jedoch nicht beein­drucken ließen und weiterhin gegen die Regierungstruppen kämpften. Sie waren dabei so erfolgreich, daß sie am 23. Juli ei­ne Gegenregierung bilden konnten. Im Verlauf des Bürgerkrieges kam es am 26.04.1937 zu der Zerstörung von Guerni­ca durch die deutsche sog. Legion Kon­dor.

In Italien kam zu dieser Zeit der Dichter Gabriele d’Annunzio zu der Erkenntnis, daß sich die Volksmassen durch bewußten Einsatz theatralischer Mittel aktivieren lassen und wandte diese Erkenntnis in bewußter Demagogik an. Er war ein Vorläufer Mussolinis, der D’Annunzios demagogisches Talent bald in den Dienst seiner eigenen Ziele stellte und ihn von der eigentlichen politischen Bühne verdrängte.

In soweit etwa das internationale Gesche­hen. In dieser Zeit müssen wir aber beson­ders den Blick auf die Ereignisse in Deutschland richten. Die Entwicklung nach dem Krieg war hier durch folgende ent­scheidende Stationen gekennzeichnet: Die Anfang des Jahres 1919 durch Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht gegrün­dete Kommunistische Partei Deutschlands machte es sich zur Aufgabe, die Massen zu mobilisieren und die Gründung einer sozia­listischen Republik durchzusetzen. Als kurz darauf bewaffnete Kräfte der Linken das Zeitungsviertel in Berlin be­setzten und mit Hilfe der dadurch erhaltenen Informati­onsmittel die Arbeiterschaft gegen die in­zwischen amtierende Reichsregie­rung unter Ebert und Scheidemann aufriefen, war die Resonanz nur gering. Auch das Militär war nicht für einen Putsch zu ge­winnen. Gustav Noske als Mitglied des Rates der Volksbe­auftrag­ten konnte diesen sog. Spartakus-aufstand mit Hilfe der Regie­rungstruppen niederwerfen. Ebert richtete einen Appell an das deutsche Volk und nannte den Bol­schewismus den Tod des Frie­dens, der Freiheit und des Sozialismus. Liebknecht und Luxem­burg mußten unter­tauchen, wurden aber in ihrem Berliner Ver­steck bald entdeckt und festgenommen. Während ihres Abtranspor­tes wurden sie unabhängig voneinander von den begleiten­den Sol­daten erschossen. Die allgemeine Lage war so unsicher, daß es die neue Reichsregierung für ratsam hielt, ihren Sitz aus dem unruhi­gen Berlin nach Weimar zu verlegen. Die­ser Wahl lag auch die Überle­gung zugrun­de, daß Berlin ein Symbol des preußischen Militarismus war, während Weimar als Symbol der deutschen Klas­sik gelten konn­te: man wollte also sehr bewußt neue Ak­zente setzen. Ebert wurde zum vorläufigen Reichspräsidenten und gleich­zeitig zum Reichskanzler gewählt.

Genau fünf Jahre nach dem Attentat auf den Thronfolger Franz-Ferdinand mußten die Deutschen den Versailler Ver­trag un­terzeichnen, der von einer deut­schen Al­leinschuld am Ausbruch des Krie­ges aus­ging und entsprechend harte Bedin­gungen dik­tierte. Die deutsche Nationalver­samm­lung akzeptierte schließ­lich die An­nahme des Vertrages, lehnte aber die Aner­kennung der alleinigen deutschen Kriegs­schuld so­wie die Auslieferung von angeblichen Kriegsverbrechern ab. Die weitere inner­deutsche Entwick­lung stand besonders un­ter dem Eindruck der als demütigend emp­fundenen Bedingungen. Ohnehin waren die politischen Fronten aufs Äußerste gespannt. Die rechten Kräfte wurden immer bedroh­li­cher; in nationalistischen und militärischen Kreisen herrschte eine unterschwellige Ge­waltbereitschaft. Im März 1920 rüsteten Freikorps und Reichswehr zum Angriff auf die Republik, indem sie zunächst das Regie­rungsviertel besetzten. Der Beamte Wolf­gang Kapp stellte sich an die Spitze des Putsches und ließ sich zum Reichskanzler ausrufen, während die eigentliche Regie­rung nach Stuttgart floh. Der Putsch war zwar unblutig verlau­fen, doch auch sehr dilettantisch durchgeführt worden, so daß er sehr bald zusammenbrach. Die Regierung konnte also zurückkeh­ren. Doch war die demokratische Mitte praktisch nicht mehr exi­stent, so daß nur noch die radikalen Par­teien das Spiel bestimm­ten. Ende Juni 1920 wurde ein Vertreter des Zentrums Kanzler, der ein Kabinett bildete, in dem es keine Sozialdemokraten mehr gab. Da diese Re­gierung aber keine Mehrheit im Reichstag besaß, war sie auf die Tolerierung der So­zialdemokraten angewiesen.

Am 24.06.1922 wurde der deutsche Au­ßenminister Walther Rathenau ermordet. Es war der 376. politische Mord in Deutsch­land seit 1919! Rathenau wurde vornehm­lich von den Rechtsradikalen unter­stellt, daß er mit dem Bolschewismus sympathi­sierte und daß er ein Jude war. Es waren jedoch in erster Linie seine politischen Fä­higkeiten, die ihn seinen Gegnern verhaßt machten. Vor allem aber wollte man die Republik insgesamt treffen; man wollte ver­hindern, daß er die Republik aus ihrer au­ßenpolitischen Krise herausführte. Arbeiter, Gewerkschaften und linke Parteien pro­te­stierten nach diesem Mord gegen die Be­drohung von rechts, und Reichspräsident Ebert erließ eine Notverordnung mit dem Verbot republikfeindlicher Vereinigungen. Die sächsische Regierung be­schloß den Aufbau einer Arbeiterwehr zum Schutz der republika­nischen Bevölkerung. Die rechts­radikalen Verbände Stahlhelm und All­deut­scher Verband wurden verboten. Die all­gemeine poli­tische Stimmung drückte sich auch in der Tatsache aus, daß eine Theater­aufführung in Berlin von den Zu­schauern zu einem politi­schen Spektakel umfunktio­niert wurde. Der Autor des Stüc­kes Die Maschinenstürmer wurde laut ge­feiert, und in den Pausen zwischen den Ak­ten wurden Volksreden gehalten.

Die Reparationskommission der Sieger­mächte stellte Anfang des Jahres 1923 fest, daß Deutschland neben anderen Lieferun­gen auch mit den vereinbarten Kohleliefe­rungen im Rückstand sei. Frankreich war der Meinung, daß es sich um einen absicht­lichen Verstoß gegen den Versailler Ver­trag handelte, und schickte deshalb eigene Truppen in das Ruhrgebiet, das dadurch zu einem Großteil besetzt wurde. Die Reichs­regierung protestierte gegen diesen Ein­griff, den sie für völkerrechtswidrig hielt, und stellte sofort alle Reparationslieferun­gen ein. Der neue Kanz­ler Wilhelm Cuno rief zum passiven Widerstand auf und ver­bot allen Behörden, Weisungen der Besat­zungsmächte zu befolgen. Die Besatzung drohte allerdings mit der Todesstrafe gegen Eisenbah­ner, die durch passiven Wider­stand den Abtransport der be­schlagnahmten Kohlelieferungen behinderten. In den Krupp-Werken kam es zu einem schweren Zwischenfall, als französische Solda­ten in die Arbeiterschaft schossen. Schlimmer noch waren die wirtschaftlichen Folgen des Ruhrkampfes, denn das besetzte Ge­biet mußte nun von den anderen Gebieten des Reiches aus ver­sorgt werden, die aber ohne das Ruhrgebiet keine Energieversor­gung besaßen. Nur noch ein Siebtel der Staats­ausgaben wurden durch Steuereinnahmen gedeckt, so daß der steigende Bedarf durch ungedecktes Geld ausgeglichen wurde. Ei­ne Inflation war die Folge: die Preise stie­gen immer mehr und ließen die Löhne weit hinter sich. In Sachsen brachen Unruhen aus, weil die Bevölke­rung inzwischen hun­gerte. Im Juni 1923 kostete ein Pfund But­ter bereits 15.000 Mark. Alle diese Um­stände ließen die Gefahr ei­nes Bürgerkrie­ges ansteigen. Es kam zu Streiks, Demon­strationen und Plünderungen, bei denen es Tote und Verletzte gab. Die Frauen der Arbeiter warteten vor den Werkstoren ihrer Männer, um mit deren nun täglich ausge­zahltem Geld sofort einkaufen zu können, da die Preise ständig stiegen. Immer häufi­ger wurden Lebensmitteltransporte ausge­raubt. Unter diesen Umständen war der passive Widerstand gegen die Besatzung nicht mehr durchzu­stehen.

Da der Kanzler Cuno die Dinge nicht mehr bewältigen konnte, trat er zugunsten seines Nachfolgers Gustav Stresemann zurück. Dieser bildete am 13.08.1923 eine Koali­tion zwischen Sozialde­mokraten, Demokra­ten, Zentrum und der DVP, um mit dieser Regie­rung vor allem eine Stabilisierung der Wirtschaft zu erreichen. Dafür mußte er zunächst ein neues Verhältnis zum Ausland gewin­nen. Jedoch widersetzte sich Bayern dem Abbruch des passiven Widerstandes und verkündete den Ausnahmezustand. Ebert rea­gierte daraufhin seinerseits mit der Verkündung des Ausnahmezu­standes über das ganze Reich. Die Lage wurde im Okto­ber des Jahres 1923 äußerst kritisch, denn es kam zu weiteren Konflik­ten mit Sachsen und Thüringen. Die Kommunisten sahen in diesen Vorgängen eine Chance für ihre Par­tei: sie traten in Sachsen und Thüringen in eine Koalition mit der SPD, was die Reichsre­gierung veranlaßte, die Reichswehr in Sachsen einmarschieren zu lassen. Auch in Hamburg kam es zu Straßenschlachten zwischen Kommunisten und der Polizei. Im Rheinland nutzten die Separati­sten diese Lage mit der Unterstützung der Franzosen zur Ausru­fung der Unabhängigen Rheini­schen Republik aus, woraufhin es im ge­samten Reichsgebiet zu Separatistenunru­hen kam. Inzwischen kam es so weit, daß in der Berliner Umgebung die Kartoffeläcker von der Polizei bewacht werden mußten, denn die Stadtbevölke­rung hungerte. Vor den Lebensmittelgeschäften standen lange Menschenschlangen.

Reichspräsident Ebert mußte sich übri­gens permanent gegen persönliche Angriffe ver­teidigen. Ende des Jahres 1924 prozes­sierte er zum 173. mal wegen Beleidigung, mußte jedoch erleben, daß der Richter sei­nen Gegner nur wegen formaler Mängel kriti­sierte, während dieser prinzipiell recht er­hielt. Die rechtsra­dikale Presse bejubelte diesen Richterspruch über das Staats­ober­haupt, während sich führende Persönlich­keiten mit Vertrau­enserklärungen hinter Ebert stellten.

Anfang 1923 kam es zu einem Treffen des sog. Rotkämpferbundes in Berlin, in dem sich, wie es hieß, alle proletarischen Kräfte gegen Militarismus und Faschismus verei­nigen wollten. Doch die rechte Seite war nicht weniger aktiv. Anfang 1926 waren bereits 60 Fememorde aufgedeckt. Die meisten dieser Mörder waren Mit­glieder der Schwarzen Reichswehr, die aber von der Justiz zumeist äußerst milde be­straft wurden. Dagegen wurde gegen die Linken hart vorgegangen, nachdem es bei Maide­monstrationen im Jahre 1929 zu bluti­gen Zusammenstößen gekommen war: Der Po­lizei­präsident hatte Kundgebungen ver­bo­ten, weil die kommunistischen Aufrufe von ihm als Aufruf zur Gewalt verstanden wur­den. An mehreren Stellen der Stadt bil­deten sich dennoch größere Grup­pen kom­muni­stischer Demonstranten, die Barrika­den ge­gen die Po­lizei errichteten. Es wurde bald auf beiden Seiten geschossen, wo­durch es 31 Tote gab. Infolge dieses Berliner Blut­mai ver­bot Preußen den Rotkämpferbund, die Rote Jungfront und die Rote Marine, und auch die übrigen Länder folgten diesem Beispiel.

Am 14.09.1930 kam es zu einem Rechts­rutsch bei den Wahlen. Alle radikalen Par­teien verzeichneten Stimmengewinne, vor allem aber die Nationalsozialisten. Der neue Reichstag hatte sich danach mit neuen Rea­litäten abzufinden: die Abgeordneten der NSDAP er­schienen geschlossen in ihren Uniformen, obwohl das Tragen von Uni­formen in Preußen verboten war. Doch wa­ren die Träger im Parlament durch ihre Immunität geschützt. Die parlamentarische Arbeit entwickelte sich entsprechend und war gekennzeichnet durch demagogische Anträge zu Gesetzesänderungen von links und rechts, wobei es permanent zu Tumul­ten kam. Unter diesen Um­ständen und nachdem es zu weiteren politischen Atten­taten durch Nationalsozialisten gekommen war, sah sich die Regierung zu ei­ner Not­verordnung gegen den Radikalismus veran­laßt. Dennoch wuchs der Terror auf den Straßen ständig. Ende 1931 kam es zu der Gründung einer Eisernen Front junger So­zialdemokraten gegen die nationalsozia­listi­schen Schlägertrupps.

Überblicken wir noch einmal genauer das Aufkommen des Faschis­mus in dieser Zeit: Am 23. März 1919 gründete Mussolini die Fasci di Combattimento-Bewegung in Ita­lien. Schon Mitte 1922 waren die italie­ni­schen Faschisten so stark, daß sie in Bo­lo­gna die Entlassung eines linksgerichteten Präfekten durchsetzen konnten. Im Oktober des gleichen Jahres kam es zum Marsch auf Rom: Mussolini wollte bereits mit Gewalt die Regierung übernehmen. Immerhin war er mit seinen Schwarzhemden zahlen­mäßig so stark, daß er Rom förmlich belagern konnte. Die Regie­rung wollte sich auf den Belagerungs­zustand einrichten, doch wei­gerte sich der König, das Dekret zu unter­schreiben, wo­durch Mussolini Herr der La­ge wurde. Der König erteilte ihm tatsäch­lich den Auftrag zur Regierungsbildung. Mussolini konnte also kampflos in Rom einmarschieren und wurde von der Bevöl­kerung begeistert empfangen.

Der Faschismus hatte eben in dieser Zeit überall ein leichtes Spiel, wie auch alle möglichen ähnlichen Erscheinungen. In den USA hielt z.B. der fanatisch-rassistische Ku-Klux-Klan im Jahre 1925 seine erste nationale Tagung ab, zu der 200.000 Teil­neh­mer kamen. Dieser Orden hatte seit sei­ner Gründung zehn Jahre zuvor in­zwischen fünf Millionen Mitglieder gewon­nen, vor allem kleinbürgerliche Protestan­ten. Seine Ziele galten dem Kampf ge­gen alle mögli­chen religiösen und rassischen Minderhei­ten wie Katholiken, Juden und vor allem Schwarze, und seine Methoden gingen bis zur Lynchjustiz.

In Deutschland bekam die NSDAP ab 1929 immer mehr Zulauf und vor allem Wähler. Im Dezember 1929 stieg ihr Stimmenanteil bei den Landtagswahlen in Thüringen von 4,6 auf 11,3 Prozent. Bei den Landtags­wahlen in Sachsen im Juni 1930 wurde sie sogar die zweitstärkste Fraktion hinter der SPD. Am 31. Juli 1932  er­zielte sie dann bei den Reichstagswahlen einen eindeutigen Wahlsieg. Mit 37,4 Prozent aller Stimmen wurde sie die stärkste Partei, während die zweitstärkste SPD nur 21,6 Prozent er­reichte. Am 30.01.1933 schließlich war Hitler an der Macht. Reichspräsident Hin­denburg berief ihn zum Reichskanzler und er­teilte ihm den Auftrag zur Regierungsbil­dung. Die weiteren Er­eignisse ließen nicht auf sich warten. Bereits Ende Februar kam es zu einer allgemeinen Verhaftungswelle, wobei der Reichstags­brand als Vorwand diente. Nur einen Monat darauf wurde das Ermächtigungsggesetz er­lassen, mit dem die neue Reichsregierung ermächtigt wur-de, für die Dauer von vier Jahren Re­gierungsgeschäfte ohne das Par­lament durchzuführen. Damit war faktisch eine Diktatur geschaffen worden, die direkt zur Tat schritt. Weitere Verhaftungswellen gal­ten vornehmlich Kommuni­sten. Bald waren die Gefängnisse nicht mehr in der Lage, die Verhafteten noch aufzunehmen; schon am 20. März waren deshalb die er­sten Konzen­trationslager entstanden. So war bald auf al­len Ebenen die Gleichschal­tung der Ge­sellschaft vollzogen wor­den. Mitte 1933 hatten sich alle anderen Parteien aufgelöst oder direkt der NSDAP unter­stellt. Alle Gegner des Regimes wa­ren ent­weder in der Haft oder ins Ausland geflo­hen. Am 12. No­vember 1933 erzielte die NSDAP bei der Reichstagswahl ein Stim­menergebnis von 92,1 Prozent, das aller­dings auch zeig­te, wie weit der allgemeine Gleichschal­tungsprozeß schon fortgeschrit­ten war. Die Reichskulturkammer wurde jetzt in die Deutsche Ar­beitsfront einge­gliedert. Selbst die Freizeit der deutschen Bürger wurde jetzt ideologisch organisiert, so z.B. der Urlaub, der unter dem Pro­gramm Kraft durch Freude gemeinver­bindlich gestaltet wurde. Man ging nun auch an die Errich­tung national­sozialisti­scher Schulungszen­tren, sog. Ordensbur­gen, in denen der "Elitenachwuchs" heran­gezogen werden sollte.

Im August 1936 kam es auch in Griechen­land zu einer Diktatur, und einen Monat darauf wurde Franco in Spanien Staatschef. Aber der Krebs steht nicht nur für das Thema Volk, das somit in dieser Zeit reich­lich angesprochen wurde, sondern auch für das Thema Frauen. In der Tat tritt auch dieses Thema unter diesem Zei­chen deut­lich in den Vordergrund, nachdem aller­dings schon vorher besonders in Eng­land die sog. Suffragetten von sich reden ge­macht hatten. Das werden wir noch unter Neptun in Krebs behandeln. Durch die Kriegsereignisse aber traten Frauen schon deshalb oft in Männerrollen, weil die Män­ner selbst an der Front waren. Besonders bei der Post und im sonstigen öffent­lichen Dienst wurden ab 1916 die Männer zuneh­mend durch Frauen ersetzt, und die Reichs­regierung plante, Frauen auch in sonsti­gen Männerberufen einzusetzen, sofern das möglich erschien. So erreichte die Frauen­arbeit gegen Ende des Krieges 230 Prozent des Vorkriegsstandes. Nach dem Kriege hatten sich dadurch neue Realitäten erge­ben - die Frauen waren selbstbewußter ge­worden. Im Mai 1919 wurde bereits in den Niederlanden das Frauenstimm­recht einge­führt, und Anfang des Jahres 1921 hatte ein Film Premiere, in dem erstmalig eine Frau die Rolle des Hamlet dar­stellte. Dieser Trend setzte sich fort. Am 20.08.1922 fan­den in Paris vor 20.000 Zuschauern die er­sten Weltspiele der Frauen in Leichtathle­tik statt. Das neue Selbstbewußtsein der Frau­en trieb auch merkwürdige Blüten in der Mode, die immer männlicher wurde, was sich besonders im Frühjahr 1925 zeig­te. Die modisch bewußten Frauen trugen plötzlich einen strengen und kurzen Haar­schnitt mit ausrasiertem Hals und dazu Ho­senanzüge, was aller­dings bei den meisten Zeitgenossen auf wenig Verständnis stieß. Im Oktober 1927 fand das erste Pferderen­nen ausschließlich weiblicher Jockeys in England statt, und 1928 flog die erste Frau alleine über den Atlantik. Anfang 1929 wurde die erste Ta­xifahrerin in Berlin regi­striert, und im Juni 1929 wurde zum ersten mal eine Frau Mi­nisterin in England. Am 17.06.1929 fand dann ein Weltkongreß für Frauenarbeit in Berlin statt. Am 08. 09.1930 meldete sich die erste deutsche "Mann"schaft bei den Frauen-Weltspielen. Am 04.01.1931 starte­te Elly Beinhorn zu ei­nem Flug nach Afri­ka. Aber auch in ande­rer Hinsicht emanzi­pier­ten sich die Frauen: am 15.12.1931 fand die erste öffentliche Hinrichtung einer Frau in der Türkei statt. Am 29.06.1935 warf eine Frau den Dis­kusweltrekord. Am 05.09.1936 überflog die er­ste Frau den At­lantik in der Ge­gen­richtung. Und im spani­schen Bürgerkrieg fiel den Beobachtern auf, daß auf republi­kanischer Seite sich un­gewöhnlich viele Frauen aktiv an den Kämpfen be­teiligten. Im Juni 1937 machten gleich drei deutsche Frauen als Segelfliege­rinnen von sich reden, indem sie hierin neue Weltre­korde aufstell­ten. Eine davon war Hanna Reitsch, die im Novem­ber sogar ei­nen Hubschrauber der Öffentlichkeit vor­führte. Im Publikum be­fand sich auch Charles Lindbergh, der sich sehr be­ein­druckt zeigte. Am 21.Mai 1932 stellte die amerikanische Pi­lotin Amelia Earhart-Put­nam zum wiederholten Male ei­nen neuen Weltrekord auf, und im August 1934 wurden wieder Frauen­weltspiele in England abgehalten. Zusammenfassend kann man diese Zeit also auch als eine Zeit der Frauen bezeichnen. Zwar verloren sie das hier ge­wonnene Selbstbewußtsein spä­ter nicht mehr, aber es schien ihnen auch nicht mehr so wichtig zu sein, sich zu pro­filieren, so daß sie insofern thematisch wie­der etwas in den Hintergrund traten. Aller­dings hören wir unter Uranus im Krebs noch von ihnen.

Im Jahre 1930 wurde übrigens der Planet Pluto endlich entdeckt, von dessen astro­logischer Wirksamkeit wir uns inzwischen überzeugen konnten. Daß er im großen und ganzen die Bedeutung von Massen hat, in deren Folge die Gewalt einhergeht, zeigt uns, warum er gerade unter seinem Stand im Zeichen Krebs entdeckt wurde, denn auch der Krebs steht mundanastrologisch für die Volksmasse. Diese Interpretation ergibt sich auch aus dem im gleichen Jahr erschie­nenen bedeutenden Werk das spanischen Philosophen Ortega y Gasset: Der Auf­stand der Massen. Wie Astrologen wissen, muß ein Werk, das derartig bedeutsam wird, in jedem Fall den mundanen Konstel­lationen entsprechen, d.h. dem durch diese ange­zeigten Zeitgeist, dem es Ausdruck verleiht. Es ist deshalb keineswegs ein Zu­fall, daß das Werk ausgerechnet im glei­chen Jahr er­schien, in dem der Planet ent­deckt wurde, der so weit für die Gesamt­aussage des Werkes steht, daß er praktisch mit ihr iden­tisch ist. Ortega hat es auf fol­gende einfa­che Formel gebracht: "Es gibt keine Helden mehr, es gibt nur noch den Chor." Ein Dramatiker erkennt sofort die darin liegen­de Gefahr für den Verlauf des Dramas, den wir in unserer heutigen Ge­sellschaft leicht erkennen: er ergibt sich aus der nicht an­ders als erschreckend zu nen­nenden Tatsa­che, daß man es heute kaum noch wagen kann, an der höheren Weisheit des One-man-one-vote-Prinzips Zweifel anzumel­den, so sehr ist die allgemeine Bar­barei zu einer Selbstverständlichkeit ge­worden. Man wird dem entgegenhalten, daß unsere Ge­sellschaft einerseits auf Hel­den verzichten könne und daß sich anderer­seits immer die Frage ergebe, wer denn sich das Recht an­maßen wolle, sich als die große Ausnahme von der Masse zu sehen. Doch ist dem ent­gegenzuhalten, daß jede Gesellschaft, in der es keine geistige Hier­archie gibt, ebenso ist wie ein Organismus ohne Gehirnzellen (wer das für einen Ideal­zustand und für einen Ausdruck von Ge­rechtigkeit hält, sind na­türlich immer nur die subalternen Zellen, die alle anderen un­ter ihr Verständnis zwin­gen wollen) und daß die Elitebildung ein stets lebendiger und freier Prozeß sein muß, der sich ständ­ig aus sich selbst erneuert und sich niemals über die Berechtigung der In­fragestellung stellen darf: nur das führt zu einer stets sich aus sich selbt erneuernden Diskussion, die sich an der Perspektivität aller Dinge orien­tiert. In der Kunst funk­tioniert dieses Prin­zip ja auch, und wir ha­ben da gelernt, was es bedeutet, wenn es außer Kraft gesetzt wird - wie unter dem Faschismus.[1] Da aber seit der französi­schen Revolution der Mas­senmensch zu der entscheidenden politi­schen Kraft geworden ist, drückt er nun in dieser Hinsicht allen Dingen seinen Stempel auf. Es ist ja auf diese Weise nicht gewähr­leistet, daß sich per Mehrheitsentscheid stets die klügste Politik durchsetzt, wie wir zur Genüge er­fahren haben, sondern das, was der in die Masse eingebundene und sich an ihr orien­tierende Mensch für richtig hält, der alle Andersdenkenden schon kraft seiner zah­lenmäßigen Überlegenheit über­stimmt. Was hier geschehen ist, ist nichts anderes, als daß man Qualitäten durch Quantitäten er­setzt hat - eine logische Fol­gerung übrigens auch der szienitistischen Weltsicht und ihr fundamentales Credo, dessen eigentlichen Urgrund wir leicht in der Tatsache sehen können, daß sie eben das Denken von Men­schen kennzeichnet, die ohnehin zu Qualiä­ten keinen Zugang haben.


1 Allerdings muß gesagt werden, daß seitdem Pluto in sein eigenes Zeichen getreten ist, den Skorpion (seit 1984), das Bürgertum doch noch einen Weg gefunden hat, die Freiheit der Kunst im Sinne sei­ner Logik außer Kraft zu setzen. Dazu später.

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