Thema Mundan-Astrologie

Pluto in den Zwillingen

(1886-1913)

Die Großstädte brachten nun einen neuen ihnen gemäßen Baustil her­vor. Während in der Stier-Zeit noch die durch betonte und aus der Fassade hervorstehende Quader gekennzeichnete massige Blockbauweise vorherrschte, die eine relative Bodennähe bedingte, erzwangen die immer teurer wer­den Grundstückspreise in den amerikani­schen Metropolen den Bau in die Höhe und damit verbundene andere Konstrukti­onsformen. Zuvor waren etwa in Chicago noch so massige Gebäude entstanden wie das Iron block und das Metropolitan Hotel (beide 1857). Besonders markant betont war die Quaderbauweise, die uns in Europa auch noch durch alte Gerichtsge­bäude be­kannt ist, am Water Tower (1869) und der Second Presbyterian Church (1872). Na­türlich entstanden noch in den Folgejahren weiterhin derartige Ge­bäude, aber sehr deutlich ergab sich nach 1885 eine Zäsur. In diesem Jahr wurde in Chicago einer der ersten sog. Wolkenkrat­zer fertiggestellt: das Home Insurance Building, das uns den Übergang zeigt. Es hatte zwar nur erst zehn Stockwerke, und es hatte auch schon ab 1868 Hoch­häuser in den USA gegeben, doch wurde dieses in einer neuen Kon­struktionsweise errichtet, nämlich im Stahlskelettbau, der aber be­zeichnender­weise noch so verkleidet war, daß der stili­stische Bruch gegenüber frühe­ren Gebäu­den kaschiert wurde. Diese Bau­weise, bei der die Fassaden nicht mehr tra­gend waren, son­dern nur noch die äußere Haut des tra­genden Skelettes, wurde als Chicagoer Schule maßgeblich für die mo­derne Archi­tektur. Es entstanden nun in dieser Stadt Gebäude wie das 13-stöckige Tacoma Building (1889) und das 17-stöckige Mo­nadnock Building (1891), die den Über­gang zu den heutigen noch um ein Mehrfa­ches höheren Wolkenkratzern bil­den. Der Ingenieurbau wurde zum bestim­menden Element der Architektur, und ei­gentlich waren es gar nicht mehr die Archi­tekten, die in dieser Zeit den Ton angaben, sondern die Ingenieure, was sich besonders in der Entstehungsgeschichte des Eiffeltur­mes zeigte, die Eiffel selbst so dokumen­tierte: "Im Jahr 1886 hat Herr Eiffel zu­sammen mit den Herren Nou­guier und Koechlin, Ingenieuren seiner Firma, und Herrn Sou­vestre, Archi­tekt, dem Minister für Handel und General­kommissar der Ausstellung von 1889 (Anm.: der Pariser Welt­ausstel­lung), Herrn Lockroy, ein Vorprojekt eines 300-Meter-Turms unterbreitet und dabei die Verant­wortung für den Bau zu den klar festgelegten Preis- und Terminbe­din­gun­gen übernommen."

Die astrologische Erfahrung ordnet die Zwillinge dem Merkur zu, der vornehmlich für Intellekt und das Informationsprinzip steht. So können wir uns leicht erklären, warum in dieser Zeit die Ingenieurkon­struktionen dominierten und daß es sich dabei zumeist um Skelettbauten handelte, denn wie erörtert sind Git­terstrukturen auch eine Entsprechung des Zwillinge-Ar­chetypus. Gustave Eiffel war also keines­wegs der Architekt des nach ihm benannten Turmes, und selbst die erste Konstruktions­idee stamm­te nicht von ihm selbst, sondern er war nur der Organisator und Bauleiter des Werkes. Die erste Idee des Turmes stammte von den beiden bei ihm angestell­ten Ingenieuren Nouguier und Koechlin, die diese in einer etwas unbeholfenen Skizze zu Papier gebracht hatten. Der freiberuflich mit dem Büro zusammenarbeitende Ar­chi­tekt Souvestre wurde sodann damit beauf­tragt, dem Gebilde eine architektonische Gestalt zu geben. Seine Pläne existieren noch heute und zeigen eine sehr ästhetisch gestaltete Konstruk­tion, deren wichtigstes Element die großen bis zur ersten Plattform reichenden Rundbögen der Bodenkon­st­ruktion sind, auf denen sich der darüber er­rich­tete Turm erhebt. Es ist interes­sant, wie hier die Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieuren stattfand. Diese Konst­ruktion wurde nämlich verworfen, weil sie offen­sichtlich statisch ungünstig war, denn der Turm stand mit seinen vier Beinen etwa ebenso auf den Rundbögen wie man mit gespreizten Beinen auf einer Kugel steht. Das ganze Gewicht hätten so nur die Bol­zenverbindungen zu tragen gehabt. Bei der später ausgeführten Bauweise wurden die Lasten des Turmes über die vier Füße di­rekt in die Fundamente geleitet, während das Bogenmotiv nur noch als ausschmüc­kendes Dekor diente.

Am 28. Januar 1887 wurden die Funda­mentierungsarbeiten begon­nen, und der Baufortschritt wurde stets von einer neu­gierigen Zuschauermenge verfolgt. Die Zwillinge stehen entsprechend dem Infor­mationsprinzip auch für Neugierde: man wollte stets über alles informiert sein, denn man hatte begriffen, daß Wissen Macht war. Dem menschlichen Geist schien nun alles möglich zu sein - sogar ein neuer Turmbau zu Babel. Für das Turmskelett wurden ca. 4.000 Detailpläne angefertigt, auf denen fast 20.000 Teile durchkonstru­iert waren. Die Arbeit war auch in ih­rer ganzen Terminierung so exakt vorbereitet worden, daß der Arbeitsfortschritt bei den Beobachtern den Eindruck erweckte, der Turm wüchse praktisch wie von selbst dem Himmel entgegen. In der Tat waren niemals mehr als 250 Arbeiter gleichzeitig an der Baustelle beschäftigt, die sich an dem gi­gantischen Werk fast verloren, denn die Hauptarbeit wurde in den Konstruktions­bü­ros geleistet, während die exakt vorbereite­ten und millime­tergenau zueinander pas­senden Teile vor Ort nur noch montiert werden mußten. Alles griff derartig inein­ander, daß es während der zweijährigen Bauzeit nur einen einzigen Toten gab. Es war wirklich eine Glanzleistung der Inge­nieurbaukunst. Doch überall wurden nun ähnliche Bauwerke errichtet, vor allem Brückenbauten in Stahlskelettbauweise wie die 1890 erbaute Brücke über den Firth of Forth, aber auch Bahnhofshallen und der­gleichen.

Natürlich handelte es sich nicht um das er­ste Werk Eiffels. Er hatte schon früher ähn­liche Konstruktionen geschaffen, aber die­ses Bauwerk machte ihn berühmt. Erstmals traten damit derar­tige Konstruktionen in das Bewußtsein einer breiten Öffentlich­keit. Man begeisterte sich nun plötzlich allge­mein dafür und sah darin ein neues Symbol der Ingenieurkunst. So konnte im Jahre 1901 auch das Projekt der Wupppertaler Schwebebahn ver­wirklicht werden, die un­ter einem filigranen Skelett hängend und dem Lauf der Wupper folgend über dem Wasser fuhr und damit einen ohnhin zur Verfügung stehenden Freiraum in der Stadt aus­nutzte. Die Bahn hat sich auch technisch bis heute großartig bewährt, und angeblich hat es damit niemals einen ernsthaften Un­fall ge­geben. Das Konzept schien zu­kunftswei­send zu sein und war viel schnel­ler und bil­liger zu verwirklichen als etwa U-Bahnen, doch blieb es in seiner Art einma­lig. Der Grund dafür, daß es in dieser Durchführung nirgendwo eine Nachahmung fand, liegt wohl vor allem darin, daß sich danach der Zeitgeschmack änderte. Man fand derartige Stahlskelette später wieder häßlich: sie ent­sprachen tatsächlich nur der hier zu erör­ternden Zeit.

1885 fuhr das erste Motorrad durch Stutt­gart, und 1886 erschie­nen die ersten Bezin­autos mit knatternden Motoren und rasseln­den Fahrwerken auf den noch oft sehr hol­perigen Straßen. Unab­hängig voneinander hatten Carl Benz und Gottlieb Daimler ihre Prototypen gebaut. Das Daimler-Fahrzeug sah allerdings noch ei­ner Pferdekutsche sehr ähnlich, während Benz ein neuartiges leichtes Dreirad verwendete. Natürlich konnte man mit diesen Fahrzeugen noch keine weiten Strecken fahren, und oft ge­nug mußte man die Fahrt wegen techni­scher Defekte vorzeitig abbre­chen: die Zwillinge stehen nicht nur für Diskontinui­tät, sondern auch für kurze Reisen.

Für die Veränderung des Zeitgeistes seit Pluto im Stier stand auch die Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II. im Jahre 1890. Ob im Guten oder Schlechten: kein anderer stand so sehr für die Zwillings-Zeit wie Wilhelm II., den man leicht mit Säbel­rasseln und zackigem Gehabe in Verbin­dung bringt. Auch seine schnar­rende Stim­me und seine entsprechende Ausdruckswei­se standen da­für. 1895 wurden die ersten sog. Lebenden Bilder vorgeführt - die Stummfilmzeit begann. Wenn wir die da­maligen Zeitgenossen in diesen Filmen se­hen, lachen wir über ihre holperige Gang­art. Den Einwand, daß die Menschen da­mals nicht wirklich so gegangen seien, son­dern daß das nur an der unfertigen Film­technik lag, läßt die astrologische Erfah­rung nicht gelten und tut sie als kausalisti­sch ab: alles, was erscheint, ist insofern be­deutsam, besonders dann, wenn es für die Nachwelt zur bleibenden Erinne­rung wird.

Im Jahre 1900 hatte man es in China mit den sog. Boxer(!)-Auf­ständen zu tun. Der Kaiser gab folgende Anordnung an sei­nen Staatssekretär von Bülow: "Nach letz­ten Meldungen aus China kein Zweifel mehr über die Schwere der Katastrophe und durch den Rückzug des Ersatzheeres unter britischem Admiral nach Ti­entsin schwere Blamage der Europäer. Dazu Mel­dungen von Auf­ständen im Jangtsekiangtale und am Westflusse zeigen, daß China im Gan­zen entschlossen ist, Europäer hinaus­zu­werfen. Dazu muß sofort auf Militärak­tion gemeinsamer Natur vorbereitet wer­den. Berufen Sie sofort Botschafter zu­sammen, die ihre Regierungen um Instruk­tionen bitten behufs Einleitung der Aktion. Es müssen starke Kontingente zu gemein­sa­mem Heer hinausgehen. Peking muß re­gel­recht angegriffen und dem Erdbeben gleichgemacht werden."[1] Bekannt wurde auch die sog. Hunnen-Rede des Kaisers in diesem Jahr, in der sich ein bis dahin bei­spielloser kolonialistischer Rassismus ge­genüber den Chinesen ausdrückte.

Im Januar 1904 kam es in Deutsch-Süd­westafrika zu einem Auf­stand der Hereros, laut Graf Bülow ohne sichtbaren Anlaß. Die Früchte des Fleißes und der Ausdauer eines Jahrzehnts seien da­durch vernichtet worden, und ein großer Teil der Siedler ha­be sein Eigentum an Haus, Hof, Land und Vieh verloren. So wurden dann 500 Solda­ten einer Kamelpatrouille mit Maschinen­gewehren und Kanonen in das Gebiet ge­schickt, um das Problem zu lösen.

1901 wurden die ersten Nobelpreise verlie­hen, u.a, an Konrad Röntgen für Physik. Der Stifter des Preises war der 1896 ver­storbene schwedische Chemiker Alfred Nobel, der das Dynamit und andere Sprengstoffe erfunden hatte. Im gleichen Jahr meldete Gillette das erste Patent für einen Rasierapparat an. Das In­teressante daran war weniger die Erfin­dung selbst als die damit verbundene Idee: Gillet­te ging es darum, etwas auf den Markt zu bringen, das nur einmal benutzt werden konnte und deshalb permanent weiterge­kauft werden mußte. Allerdings ließ sich das Geschäft zunächst nur schleppend an, denn in den nächsten zwei Jahren wurden nur fünfzig Apparate und 168 Klingen ver­kauft.

1902 kam der erste Traktor mit Zweizylin­dermotor als mechani­sches Pferd zum Ein­satz, und im Jahre 1903 kam es erstmals zur Serienfertigung von Autos in der schwedischen Ma­schinenfabrik Scania in Malmö. Das Fahrzeug war viersitzig und hatte Platz für zwei Fahrgäste hinter dem Fahrer. Es hatte ebenfalls einen Zweizylin­dermotor, der 8 PS entwickelte. Im dritten Gang konnte es 35 Stundenkilometer errei­chen. Im glei­chen Jahr wurde das erste Au­tomobilrennen durchgeführt. Der Belgier Camille Jenatz­ky gewann das Rennen um den Gordon-Ben­net-Pokal auf einem Mer­cedes. Seine Durchschnittsgeschwindig­keit betrug 80 Stundenki­lometer. Für uns von Interesse ist auch die Tatsache, daß der Preisstifter ein Zeitungsverleger war, denn die Zwillinge ste­hen auch für Kommunika­tion. Dieses Thema wurde jetzt überhaupt ganz groß geschrieben, nachdem mehrere bedeutende Erfindungen insofern die ganze Welt miteinander in Verbindung gebracht hat­ten. Am 10. Juni 1907 fand bereits nach einem Aufruf der Pari­ser Zeitung Le Ma­tin ein Autorennen fast um die ganze Welt statt; die Fahrt ging von Peking nach Paris und faszinierte die Zeitgenossen aller Län­der. Nach zweimonati­ger abenteuerlicher Fahrt auf schlechtesten Straßen und gefähr­lichen Pässen er­reichte von den fünf Teil­nehmern der Italiener Scipione Borghe­se auf einem Itala-Auto als erster das Ziel. Am 12. Februar 1908 starteten dann in New York sechs Fahrer zum ersten Auto­rennen wirklich um die ganze Welt. Tausende von New Yorkern verfolgten den Start. Erst fünf Monate später traf der Sieger, der deutsche Oberleutnant Hans Köppen, in seinem Pro­tos-Wagen in Paris am Ziel ein. Auch Fahrradrennen wurden zu­nehmend zur Mode. Am 1. Juli 1903 hatte die erste Tour de Fran­ce stattge­funden, die später zum populärsten Straßenrennen der Welt wurde. 21 Teilnehmer erreichten auf einer Strecke von 2428 Ki­lometern eine Durch­schnittsgeschwindigkeit von ca. 25 Kilome­tern. Im Juli des nächsten Jahres fand be­reits die zweite Tour de France statt, bei der es allerdings reichlich wild und un­fair zugegangen sein soll.

Es war auch eine Zeit der verrücktesten Ideen, in denen man aber ganz zwillings­gemäß ein gemeinsames Element sehen kann - nämlich die fehlende Beziehung zu einer höheren Perspektive. Auch Turnhallen spielten dabei eine auffallende Rolle, beson­ders hinsichtlich ihrer Menge, denn jedes Dorf mußte nun offen­bar eine solche haben. Dort wurde nicht nur trainiert, sondern auch gefastet und alle möglichen angeblich gesunden Übungen und Techniken propa­giert. Man solle z.B. gründlich kauen, hieß es (auch das ist eine deutliche Zwillings-Entsprechung!). In Ame­rika hatte ein ge­wisser Bernarr Macfadden ein System der Kinesitherapy entwickelt und sprang in ei­ner Turnhalle demon­strativ auf den ge­wölb­ten Leib seiner schwangeren Frau, um da­mit ihre Fitneß dank seiner Therapie zu veranschaulichen. Er hatte auch ein Penis­kop entwickelt - eine mit einem Va­kuum verbundene Glasröhre, mit dessen Hilfe die Männer ihr Zeugungs­organ ver­größern konnten.

Schon 1899 war Ernst Haeckels Werk Das Welträtsel erschienen, gewissermaßen die Bibel des Materialismus, der also jetzt nach den vorangegangenen Stier-Zeit - so können wir es sehen - zwillingsgemäß intellektuell untermauert wurde. Die Zwillinge stehen ja nicht gerade für die große Perspektive, die aber dennoch einzelnen Zeitgenossen erhalten blieb, wenn diese auch nicht mehr den Zeitgeist bestimmten. So meinte der Berliner Philosoph Friedrich Paulsen zu dieser Schrift, es sei schmerzlich, daß „ein solches Buch möglich war... bei einem Volk, das einen Kant, einen Schopenhauer, einen Goethe besitzt.“ Haeckel vertrat in einem 1904 erschienenen weiteren Buch Die 30 Thesen des Monimuis dagegen unbeirrt die Auffassung, daß die Seele nun „als Inbegriff einer Summe von Gehirnfunktionen erkannt worden“ sei und daß Gott in den Bereich der mystischen Dichtung verwiesen werden müsse. Die Frage ist übrigens interessant, aus welchen wissenschaftlichen Beobachtungen man das genau ableiten zu können glaubte: wir erkennen hieran vielmehr den zeitgegebenen „paradig­matischen“ (Kuhn) Faktor in aller wissenschaftlichen Theorienbildung, die indessen auf das Erkannte zurückwirkt, so daß sich die Wissenschaft ebenso als kulturbedingt wie die Kunst erweist.

Eine der wichtigsten Erfindungen im Kommunikationswesen gelang dem Italie­ner Marconi, der im Dezember 1901 eine drahtlose Nachricht über eine Entfernung von 3.600 Kilometern von England bis nach Neufundland sendete. Dieser Erfolg be­ruhte auf einer Erfindung, die er bereits im Jahre 1896 gemacht hatte. Die Nachricht über den gelungenen Versuch fand eine be­geisterte Öf­fentlichkeit, und sogar Kaiser Wilhelm ließ sich die Sache vor­führen. 1904 sprach er dann eine Rede auf eine Edison-Walze. Er sprach so: "Hart sein im Schmerz, nicht wünschen, was uner­reich­bar oder wertlos, zufrieden mit dem Tag, wie er kommt; in allem das Gute suchen und Freude an der Natur und den Men­schen ha­ben, wie sie nun einmal sind; für tausend bittere Stunden sich mit einer ein­zigen trö­sten, welche schön ist, und an Herz und Können immer sein bestes geben, wenn es auch keinen Dank erfährt. Wer das lernt und kann, der ist ein Glücklicher, Frei­er und Stolzer; immer schön wird sein Leben sein."

Am 17.10.1906 gelang dem Münchner Ar­thur Korn sogar die tele­grafische Übermitt­lung eines Bildes; er schuf damit die erste Voraussetzung für die heutigen Bildüber­tragungen im Zeitungswe­sen.

Im Jahre 1900 erschien der erste Zeppelin am Himmel, der aus einem starren Alumini­umgerippe, einzelnen Gaszellen für Wasser­stoffgas und einer Außenhaut bestand. Er legte in 400 Metern Höhe in 17 Minuten eine Strecke von sechs Kilometern zurück. In den folgenden Jahren fanden viele Zep­pelinflüge statt. Am 2. September 1909 flog die LZ 3 von Berlin aus zum Bodensee. Das war bereits die siebente Fahrt des Gra­fen Zeppelin über eine größere Entfernung. Ende des Jahres 1903 fand der erste Flug der Brüder Wright mit einem Doppeldecker statt. Jahrelang hat­ten sie diesen Versuch vorbereitet, schafften jedoch nur einen Flug über die Zeitspanne von 12 Sekunden. Nur neun Monate spä­ter starteten sie jedoch mit einem verbesserten Modell, das stabiler und mit einem stärkeren Motor ausgerüstet und unabhän­gig vom Gegenwind war. So ge­lang es ihnen bis zum Ende des Jah­res 1904, mehrere Schleifen zu fliegen. Am 25. Juli 1909 gelang es dem französischen Flugzeugbauer Bleriot, mit einem Ein­decker den Ärmelkanal zu überfliegen. Er brauchte dazu 27 Minuten und 20 Sekun­den und gewann damit den Preis der Daily Mail in Höhe von 1000 Pfund, der für die erste Kanalüberfliegung ausgesetzt worden war.

Auch Schiffe kann man wegen ihrer filigra­nen Aufbauten, wie sie besonders bei Se­gel- und Kriegsschiffen vorhanden sind, leicht mit dem Zwillings-Prinzip in Verbin­dung bringen: 1898 wurde das erste deut­sche Flottengesetz verabschiedet und ab 1900 einer Lieblingsidee des Kaisers ent­sprechend die Flotte ausgebaut. Das Tir­pitzsche Flottengesetz wurde Ende Januar 1900 veröffent­licht. Es sah bis 1917 eine Verdoppelung der deutschen Hochsee­flotte vor, womit das bisher geltende Verhältnis von zwei bri­tischen zu einem deutschen Schiff ins gegenteilige Übergewicht zugun­sten der Deutschen verändert wurde. Für die deutsche Wirt­schaft war die Aufrüstung der Flotte sehr belebend und dement­spre­chend auch bei den Unternehmern populär. Tirpitz betonte den rein defensiven Charak­ter dieser Aufrüstung. Er begründete sie auch damit, daß Deutschland im kommen­den Jahrhundert schnell von seiner Groß­machtstellung absinken werde, wenn man nicht energisch und sofort die allgemeinen Seeinteressen vor­wärt­streibe. Nicht zuletzt sei zu bedenken, daß durch diese neue na­tionale Aufgabe und dem damit verbunde­nen Wirtschaftsge­winn die allgemeine inne­re Kraft gegenüber der Sozialdemokratie ge­stärkt werde. Im März 1905 debattierte das britische Unterhaus das deutsch-briti­sche Flottenverhältnis. Der britische Lord Ar­thur Lee er­klärte vor dem Unterhaus, man müsse mit Unruhe auf die Nordsee blicken. Deshalb sei die englische Flotte so orga­nisiert, daß man sich mehr auf diese Seite als auf das Mittel­meer gerichtet habe. Denn nicht nur von der immer stärker wer­denden deutschen, sondern auch von der italinieschen Flotte drohte den bisher un­an­gefochtenen Engländern Gefahr: nach dem italienischen Flot­tenprogramm sollte die Flotte innerhalb weni­ger Jahre nach An­zahl der Schiffe und ihrer Stärke verdoppelt werden. Die Aufrü­stung der Flotten war nun aber fast interna­tional. Am 27.05.1905 kam es zu der Seeschlacht von Tsushima, bei der die Japaner die russische Flotte vernichteten. Von den 38 russi­schen Schif­fen wurden 20 versenkt, der Rest ergab sich oder floh in eigene oder neutrale Hä­fen. Mit diesem Sieg erran­gen die Japaner die kriegsentscheidende Seeüberlegenheit über die Russen. Daraufhin kam es zu ver­schiedenen Meutereien der russi­schen See­leute. Am bekanntesten ist die Meuterei auf dem Pan­zerkreuzer Potiemkin.

Diese Zeit war auch eine Zeit der Entdec­kungen. Im Jahre 1909 stritten sich sogar gleich zwei Forscher darüber, wer von ih­nen als erster den Nordpol besucht hatte. Der Amerikaner Albert Cook behauptete, er sei bereits am 21. April 1908 dort gewe­sen, doch glaubte man ihm nicht. Dennoch meldete der amerikanische Generalstaats­anwalt daraufhin Ansprüche seines Landes auf den Nordpol an, sofern dort Boden­schätze zu finden seien. Am 6. April wurde eine Flaschenpost des Amerikaners Peary ange­schwemmt, die die Nachricht enthielt: "Am Nordpol wurde die amerikanische Flagge gehißt." Als Datum gab Peary spä­ter den 6. April 1909 an. Gleichfalls im September dieses Jahres bildete sich ein Ausschuß der Deutschen Arktischen Luft­schiffexpediti­on, zu dem der Graf Zeppelin gehörte. Man machte sich hier die gezielte wissenschaftliche Erforschung des Polar­raumes vor al­lem mit Hilfe des Luftschiffes zur Aufgabe.

Die Entfernungen zu Lande, zu Wasser und zur Luft wurden immer kürzer. Damit ver­bunden waren natürlich völlig neue Erfah­run­gen, Abenteuer und Gefahren. 1906 wurde der Hamburger Haupt­bahnhof eröff­net und 1913 der New Yorker Zentral­bahnhof. 1912 kam es zum Untergang der Titanic, des größten Passagierdamp­fers der Welt, weil der Kapitän von dem Ehr­geiz besessen war, das sog. Blaue Band für die schnellste Überquerung des Atlan­tik zu gewinnen und deshalb alle Vorsichts­maß­nahmen ignorierte. 1513 Menschen er­tran­ken im eisigen Wasser, nur 711 konnten ge­rettet werden. Seit 1900 war das das 24. große Schiffsunglück gewesen, bei denen es zumeist jeweils über hundert Tote gege­ben hatte, doch währte die allgemeine Er­nüch­terung nur kurz, denn der Fort­schrittsglau­be war ungebrochen. Genau ein Jahr nach dem Untergang der Titanic lief ein noch größeres Schiff in Hamburg vom Stapel - die Vaterland, die den Re­kord des größten Dampfers der Welt aber nur zwei Wochen lang halten konnte, denn die eben­falls in Ham­burg gebaute Imperator war noch gigantischer. Doch ging es den Großmächten jetzt vor allem um den Bau von Kriegsschiffen: im Juli des Jahres 1913 waren weltweit 133 Kriegs­schiffe und 93 U-Boote im Bau, worin die deutschen U-Boote noch nicht enthal­ten waren, da die deutsche Marine darüber keine Auskunft gab. Der erste Weltkrieg kündigte sich damit an. Zwar hatte Wilhelm II. immer am lautesten mit dem Säbel und flotten Sprü­chen ge­rasselt, aber er ent­sprach auch darin nur dem allgemeinen Geist seiner Zeit.

Nicht zuletzt das Pressewesen ordnen wir ebenfalls den Zwillingen zu. Die Presse er­lebte in dieser Zeit einen noch nie zuvor erlebten Aufschwung und wurde somit zu einem weiteren bestimmenden Zeitfaktor. Auch der allgemeine Literaturbetrieb wei­tete sich aus. All das wirkte übrigens zu­rück auf das Selbstverständnis der Schrift­steller, die nun vom Dichter zum Literaten wurden (viele von ihnen, z.B. Dickens oder Fontane kamen ja aus dem Journalisten-Be­ruf). Dementsprechend änderte sich auch das literarische Darstellungsziel der Auto­ren: es ging nicht mehr um eine weltabge­wandte oder beschauliche Thematik, son­dern die Auto­ren wurden zunehmend politi­scher und sa­hen sich als Mitglieder der Ge­sellschaft, auf deren Wandel sie bewußt Einfluß zu neh­men versuchten. Die Dichter, so kann man kritisch sagen, wurden zu Bürgern, wenn auch zu besonders wortge­wandten. Natür­lich waren damit auch Vor­teile verbunden, wie vornehmlich eine grö­ßere Wirksamkeit und eine wenn auch marktbedingte und -orientierte freiere Aus­drucksmöglichkeit als sie noch unter dem Mäzenatentum möglich gewesen war. All­gemein kam diese Ent­wicklung Deutsch­land zugute, da die immer noch weit stärker als in Frankreich oder England föderalisti­sch strukturierte und durch eine sehr eigen­ständige Provinz­presse gekennzeichnete deutsche Presse­landschaft sehr kommuni­kativ und viel­stimmig war. Deshalb gab es auch in Deutschland zu dieser Zeit einen wahren Boom von Zeitschriften-Gründun­gen. 1885 wurde Die Gesellschaft gegrün­det, 1890 die Freie Bühne, 1887 Der Kunstwart, 1895 Pan, 1896 Jugend, 1898 Der Türmer, 1899 Die Insel und Die Fac­kel, 1904 Charon, 1910 Der Sturm, 1911 Die Aktion usw. Wichtig ist dabei, daß es sich keineswegs um unbeachtete Publika­tionen handelte, wie sie auch früher oder später reichlich vertreten waren, son­dern um bedeutsame Zeitschriften, die selbst dann, wenn sie keine große Auflage er­reichten, doch die sog. Multiplikatoren und über diese das intellektuelle Zeitklima be­einflußten.


[1] Natürlich handelte es sich nur um ein Telegramm der Art, wie sie (zufällig?) erst jetzt in Gebrauch kamen, aber dieser Tele­grammstil schien nun plötzlich als chick zu gelten, denn nicht nur der Kaiser, sondern  auch  etwa die Offiziere in ihren Kasinos spra­chen mit Vorliebe in dieser Weise.

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