Thema Mundan-Astrologie

Pluto im Stier

(1854-1885)

Wahr ist es ferner, daß die jetzige europäi­sche Po­litik einen Zug der Rücksichtslo­sig­keit trägt, des rohesten Positivismus, der ei­nen schnei­denden Ge­gensatz bildet zu den schönen Theorien von 1830 und 1848. (Conrad Ferdinand Meyer.)

Den Stier assoziieren wir mit handfesten Dingen. Er wird des­halb fälschlicherweise leicht in eine etwas banale Ecke gescho­ben und mit Volks­kunst, Töpferei oder gar de­ren Trivialisierun­gen wie bay­rischer Schen­kelklopferei oder Rheinischem Karneval verbunden. Doch ist jedes Tierkreiszeichen gleich not­wendig und völlig un­abhängig von dem Niveau, auf dem es sich realisiert. Auch Künst­ler von höchstem Niveau kön­nen daran interessiert sein, ihre ursprüng­lich ja nur ab­strakte Idee zu einer mög­lichst greifbaren Realität werden zu lassen. In der Ma­lerei werden dann erdige Far­ben (Ockertöne) und realisti­sche Motive bevor­zugt wie et­wa von den Franzosen Corot, Courbet und Millet, de­ren Haupt-Schaf­fensperiode unter die Pluto-im-Stier-Zeit fiel und die ihr atmosphärisch sehr entspra­chen. Die eigent­liche Stilrichtung dieser Zeit war der Naturalismus, womit eine Stei­gerung des un­ter die Widder-Periode fal­lenden Realismus gemeint ist. Apropos Karneval: Im Jahre 1855 legte der preußi­sche Kö­nig Friedrich Wilhelm IV. in Köln den Grundstein für die er­ste feste Rhein­brücke, die auf den Tag genau vier Jahre später durch den Prinzregen­ten Wilhelm eröffnet wurde. Der Stier-Ar­chetypus steht ja eben unter anderem für Mate­rie, feste Masse, und inso­fern können wir dieses Er­eig­nis dem neuen Plutostand zu­ordnen. Der Materialismus kennzeichnete auch zunehmend das allgemeine Denken und die wissenschaftlichen Theorien. Schon 1852 hatte der Holländer Jakob Moleschott seine Werke Physiologie des Stoffwechsels in Pflanzen und Tieren sowie Kreislauf des Lebens veröffentlicht, und 1855 erschien die Schrift Kraft und Stoff von Ludwig Büchner, dem Bruder des Dichters Georg Büchner. Das Buch wurde zu einem Bestseller und erreichte im folgenden halben Jahrhundert mehr als zwanzig Auflagen! Im gleichen Jahr 1855 erschien entsprechend auch Gustav Freytags erfolgreichster Roman Soll und Haben. Die Erfolge der Naturwissenschaft bewirkten, daß ihre Methoden überall zur Anwendung kamen, und im gleichen Maß schwand der alte Glauben. Nur noch das faktisch Gegebene behielt Gültigkeit. Der Historiker Johann Gustav Droysen bemerkte im Jahre 1854 dazu: „Das Niveau unseres geistigen Lebens sinkt reißend schnell; es schwindet die Hoheit, die Idealität, die Gedankenmächtigkeit, in der es sich bewegte... Inzwischen wächst die Popularität und die Verbreitung der Realien, es blühen die Anstalten, deren Zöglinge dereinst als Landwirte, Fabrikanten, Techniker usw. den höheren unabhängigen Mittelstand bilden und mit ihrer ganzen Bildungs- und Anschauungsweise in dem Niveau der materiellen Interessen stehen werden.“

Ein mögliches Bild, um sich den Unterschied zwi­schen Widder und Stier zu veranschau­lichen, ist das Starten eines Mo­tors. Unter dem Widder kann es geschehen, daß man damit Schwierig­keiten hat und es immer wieder von Neuem versuchen muß. Das ständige Kurbeln wie in der Frühzeit des Automobi­les setzt tat­sächlich Idealis­mus voraus, worauf der Stier gerne ver­zichtet, wenn er auch durch­aus eine Kampfmaschine sein kann und dabei ein Durchhal­te­vermögen besitzt, das dem Widder fehlt. So können wir sagen: wenn der Motor endlich satt läuft, dann ist das Stier, und ein solcher Motor ist natürlich auch zum Ar­beitsein­satz geeig­net. Dieser Vergleich bewährt sich be­son­ders im Hin­blick auf die hier zu erör­ternde Zeitperiode, in der die bishe­rigen Dinge, zu­mal sie keinen Rückweg mehr ge­statteten, natürlich fort­gesetzt wurden - je­doch mit einem sehr vollen Unterton. Man kann auch an einen Ofen denken, der nun endlich bul­lert, nachdem man zuvor oft ge­nug daran zweifelte, daß man ihn je da­hin bringen würde. Wenn Alfred Krupp auch in dem zuvor be­sprochenen Zeitab­schnitt unbestreitbare Er­folge hatte, von denen sein Vater nicht zu träumen gewagt hätte, so müssen uns diese doch immer noch recht mühse­lig erscheinen angesichts der nun folgenden Jahre. Bisher hatte er förmlich nur ge­kleckert, jetzt aber wurde wirklich ge­klotzt (ganz im Sinne des Stieres ist es auch vorteilhaft, sich einer hand­festen Sprache zu bedienen, wenn man abstrakte Ar­chetypen verdeutlichen will). Auf der Londoner Weltausstellung hatte Krupp-Stahl Weltruf er­langt, und auf der Münchner Indu­strieausstellung von 1854 wurde als neuestes Krupp-Er­zeugnis der nahtlose Eisen­bahnreifen gezeigt. Die Ar­beiterschaft des Unternehmens stieg seit der Londoner Welt­ausstellung innerhalb von sechs Jahren von 250 Mann auf das Vierfa­che. Natürlich gab es immer wieder zwi­schenzeit­liche Rückschläge und Krisen, so be­sonders durch die neue Konkurrenz des Bessemerstah­les, der billiger und schnel­ler gewonnen werden konnte als mit den bis­herigen Metho­den. Im Jahre 1857 kam es zu einer allgemeinen Wirt­schaftskrise, der sich Krupp aber dadurch ge­wachsen zeig­te, daß er sich durch Verträ­ge mit Bessemer das Recht auf den Erwerb der deutschen Pa­tente dieses neuen Verfah­rens erwarb. Zudem konnte er sich Aufträge durch die Staatsbah­nen sichern, so daß er gerade in dem Krisenjahr einen Pro­dukti­ons-Höhe­punkt erreichte. Seit 1852 lieferte Krupp Rad­dampfer­achsen für die rheini­sche Dampfschiffahrt und den Triester Lloyd, und der Vize­könig von Ägypten bestellte bei ihm für seine Luxusyacht die erste Schiffsschrauben­welle. Die Goldfunde in Kali­fornien lösten eine allge­meine Konjunk­tur aus, von der auch Krupp profitierte. Das neu aus dem Ausland auf den Markt kom­mende Kapital konnte von den Banken nicht aufge­nommen werden; sie suchten deshalb besonders im Ruhrge­biet nach An­lagemöglich­kei­ten, weil dort Eisenstein ge­funden worden war. Die Grün­dung von Bergwerken und Hüt­ten stand am Beginn einer neuen Gründer­periode. Krupp hatte gute Bankverbindungen. Das Jahr 1857 wurde durch neue Aufträge der Staatsbah­nen zu einem neuen Höhepunkt des Unter­nehmens. Im Jahr 1859 überschritt die Ar­bei­terschaft schon 1.500 Mann. Der größte Konkurrent, der Bochumer Verein, hatte zur gleichen Zeit nur ein Drittel dieser Be­legschaftszahl. Krupp sorgte aber auch für seine Arbeiter. So schuf er eine Pensions­kasse und ließ zwei Arbeiterwohnheime mit angeschlosse­ner Bäckerei bauen.

Der Bessemerstahl war wegen seiner schnellen Gewinnungs­möglich­keit das ge­eignete Ma­terial für den rasant stei­genden Bedarf an Eisenbahn­schienen. Für die Lo­komotiv­räder, Schiffsschrauben und auch Kanonenrohre verwendete man dagegen Tiegelstahl. Vor allem durch die Geschütz-Pro­duktion erzielte die Firma zwischen 1861 und 1865 einen beispiellosen Auf­schwung: die Belegschaft stieg in dieser Zeit von 2.000 auf 8.000 Ar­beiter. Dement­sprechend wurde das Werk werkzeugmäßig ausge­baut. Berühmt wurde der 1861 in Be­trieb genommene sog. Dampfhammer Fritz - ein haus­hohes Riesenmonstrum von 50 t Gewicht, das von den Zeitge­nossen als technisches Welt­wunder bestaunt wurde. Er war wie bereits er­wähnt eine Er­findung des schottischen In­genieurs Nasmyth, die hier eine neue Anwendung fand. Krupp ging aber bald über diese Dimensionen noch weit hinaus und baute eine dampf­hy­draulische Schmiedepresse von 15.000 t (!) Gewicht. Diesen Maschinen ent­sprachen natürlich die Werkstücke. Doch scheint es ein Gesetz zu sein, daß bei so gewaltigen Dimensionen nicht mehr zu un­ter­scheiden ist, ob der Un­ternehmer reich oder arm ist, und daß das prizipiell auch uninteressant ist. Krupp war gezwungen, die fast unbe­grenzt ihm durch die Banken zur Verfü­gung gestellten Kre­dite in Anspruch zu nehmen. Er mußte von den wesentlichen Zulieferern unabhängig werden und erwarb eigene Kohleze­chen, Hüttenwerke und Ei­sen­erzgruben. Den damit verbun­denen ge­walti­gen Investitio­nen entsprachen die Gewinne nur zum Teil. Dement­sprechend empfindlich konnte ihn die neue Wirt­schaftskrise von 1873 treffen, nach der die Eisen- uns Stahlpreise fielen und der Eisen­bahnbau stockte. An der Ruhr kam es des­halb zur Mas­senarbeitslosigkeit. Nur mit Mühe meisterte Krupp auch diese Krise. Er hatte vorübergehend selbst einen Großteil seiner Be­legschaft entlassen müssen, doch im Jahre 1879 ging es wieder aufwärts, vor allem als Folge großer Schienenlieferungen in die USA. In den Jahren 1870/72 baute er übrigens seine berühmte Villa Hügel über dem Essener Baldeneysee.

In den Krisenjahren 1873 und 1882 konnten die Banken große Anteile am Vermögen der Industrie erwerben und dadurch ihren Einfluß dazu geltend machen, die Unternehmen zu einer gemeinsamen Lobby zusammenzuschließen. Ganz im Sinne des Stiers kam es zu einem immer stärkeren Konzentrationsprozeß und zu immer größeren Konzernen, die nur noch unter der Kontrolle weniger Familien standen. Der Wettbewerb konnte dadurch eingeschränkt oder ganz ausgeschaltet werden. Das hatte andererseits den Vorteil, daß die Industrie entsprechend schlagkräftig wurde. Sie wurde aber auch als Lobby zu einem ernstzunehmenden politischen Faktor, zumal ihre Führer familiäre und gesellschaftliche Verbindungen zur politischen Führungsschicht hatten. Damit trat auch der Typus des bezahlten Berufspoltikers in Erscheinung, hinter dem Verbandsfunktionäre der Wirtschaft standen, die somit mehr oder weniger direkt Einfluß auf politische Entscheidungen nahmen.

Zwei Gestalten prägten diese Zeit vor al­lem, die schon rein äu­ßerlich dem Stier-Ty­pus entsprachen: Bismarck und Marx:

  • 1862 wurde Bismarck zum preußischen Ministerpräsi­denten er­nannt.
  • 1867 kam es zur Gründung des Nord­deutschen Bundes, und Bis­marck wur-de Bundes­kanzler.
  • 1870 begann der Krieg mit Frankreich.
  • 1871 wurde das Deutsche Reich in Versailles ge­gründet - ein Vorgang, der wie eine Theaterinszenie­rung anmutet, deren Re­gis­seur Bismarck war. Die Gründung des Deutschen Reiches ist ganz wesent­lich sein persönliches Werk, das übrigens sehr deutlich dem Stier-Prinzip entspricht - im Sinne von Zusam­menfassung und Kon­zentration.
  • 1855 begann Karl Marx als Mitarbeiter der Neuen Oder-Zei­tung.
  • 1859 erschien seine Schrift Zur Kritik der po­litischen Öko­nomie.
  • 1866 fand der 1. Kongreß der Interna­tionale in Genf statt.
  • 1867 erschien der erste Band von Das Kapital.
  • Bis 1869 fanden drei wei­tere Kongresse der Inter­nationale statt.
  • 1878 wurde Bismarcks So­zialistenge­setz in Deutschland verab­schiedet.

Der zweite und dritte Band von Das Kapi­tal wurde dann zwischen 1885 und 1894 veröf­fentlicht - unter Pluto in den Zwillin­gen, was natürlich unter anderem Aspekt auch paßt, denn es handelte sich zweifellos um eine sehr ge­waltsame (intellektualisti­sche = Zwil­linge-Prinzip) Philosophie, die allerdings aus den äuße­ren Zeitumständen zu begrei­fen ist. Gerade der Titel Das Kapi­tal paßt aber vor allem zum Stier-Prinzip, und die astrologi­sche Erfah­rung zeigt immer wieder, daß Namen und Be­griffe, de­nen es bestimmt ist, zu einer der­artigen Weltwirksamkeit zu ge­langen, nie­mals zufällig auftauchen. Das Kapital war ganz allge­mein ein elementarer Be­stim­mungsfaktor dieser Zeit, wie wir am Bei­spiel des Auf­stieges der Firma Krupp gese­hen haben. Ohne das Kapital ist die Ent­wicklung von der mittelständischen zur In­du­striege­sellschaft nicht denk­bar. Kapital ist etwas voll­kommen anderes als Geld - nur rein quantitativ ist es nichts anderes als eben viel Geld, qualitativ ist es aber ein neuer Realitätsfaktor, der Dinge hervor­bringt, die das Verständnis und die Mög­lichkei­ten des Einzelnen übersteigen (auch der ver­meintlich Reichen, die fast aus­schließlich nur mit gelie­henem Geld wirt­schaften) und so den Übergang von der Indi­vidualgesellschaft zur Mas­sengesell­schaft ermöglichen. Das Ka­pital wurde da­bei sehr bald zunehmend durch die Grün­dung von Aktiengesell­schaften zusam­mengbracht, die das freie Unterneh­mertum ab­lösten und damit vollends zur Entpersön­lichung der Ge­sell­schaft führten. Parallel dazu kam es zu immer stärkeren Un­ter­nehmens- und Machtkonzen­trationen, de­ren Konkurrenz die mit­telständischen Be­trie­be nicht gewachsen waren, so daß diese ent­weder von den Großen durch Aufkauf ge­schluckt wurden oder die durch Bankrott hier freiwer­denden Arbeitskräfte gezwun­gen wa­ren, bei den Großbe­trieben nach neuen Arbeits­plätzen zu suchen. Im glei­chen Maße wuchsen die Groß­städte in Di­mensionen, die noch kurze Zeit zuvor kaum denkbar gewesen waren. Gleichzeitig ver­änderte sich die Gesellschaft durch die Verkürzung der Wege dank der neuen Verkehrsmittel. Das Ei­senbahnnetz ver­sechsfachte sich in der Zeit, die wir dem Pluto im Stier zurechnen. Dement­spre­chend vergrößerte sich auch der Produkti­onsbe­darf der Indu­strie. Diese Verklum­pung der Strukturen ist eine auch in der Biologie immer wiederkehren­de Erschei­nung und muß archetypisch dem Stier-Prinzip zugerechnet werden.

Marx sah allerdings in dieser neuen Realität auch neue Mög­lich­keiten: "Diese Auflö­sung der Gesellschaft als ein be­sonderer Stand ist das Prole­tariat. Es bildet sich erst mit der herein­brechenden Be­wegung für Deutschland, und zwar nicht durch die natur­wüchsig entstandene, sondern die künstlich produ­zierte Ar­mut... Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiel­len, so findet das Proletariat in der Philo­sophie seine geisti­gen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in die­sen naiven Volksboden eingeschlagen hat, wird sich die Emanzipation der Deut­schen zu Menschen voll­zie­hen... Der Kopf dieser Eman­zipation ist die Philoso­phie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhe­bung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirk­li­chung der Philosophie." Man kann es in der Tat so sehen, daß sich hier zumindest eine all­ge­meine geistige Evolution vollzog bzw. die Vorausset­zungen für eine solche in der Zu­kunft geschaffen wurden, wenn auch die Arbeiterschaft selbst vorerst kaum in den Genuß des Fortschrit­tes kam, denn ihr Los war oft schlim­mer als das der Menschen im Mittelalter. Was zur Erleich­terung des Le­benskampfes ge­dacht gewesen war, machte diesen zunächst nur noch un­erbittlicher. Marx: "...je zi­vilisierter sein Gegenstand, umso barbarischer der Arbei­ter, daß, umso mächtiger die Arbeit, umso ohnmächti­ger der Arbeiter wird, daß, je geist­reicher die Arbeit, umso mehr geistloser und Natur­knecht der Arbeiter wurde... daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem We­sen gehört, daß er sich daher nicht in seiner Ar­beit be­jaht, sondern ver­neint, nicht wohl, sondern un­glücklich fühlt, keine freie physische und geistige Ener­gie entwic­kelt... seine Arbeit ist da­her nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit... Eine unmittelbare Kon­se­quenz davon ist die Entfremdung des Men­schen von dem Menschen... Daß dem Men­schen sein Gat­tungswesen entfremdet ist, heißt, daß ein Mensch dem andren, wie je­der von ihnen dem menschlichen Wesen ent­fremdet ist."

Es liegt auf der Hand, daß diese Realität auch zurück­wirkte auf das Denken der Menschen - auf die allgemeine Weltan­schaung der Zeit, von der wir sagen kön­nen, daß sie wie niemals zuvor rein mate­rialistisch ausgerichtet war. Aus diesem Geiste heraus ist auch ein weiteres bedeu­tendes Werk dieser Zeit zu verste­hen: Darwins The Origin of Spezies (Vom Ur­sprung der Ar­ten), das im Jahre 1859 er­schien. Zwar würden heute nur noch absei­tige Sektierer be­streiten, daß alle Arten und letztlich auch der Homo sa­piens aus ge­meinsamen Wurzeln entstanden sind, doch sollten wir heute in der Lage sein, den ei­gentlichen Evoluti­ons­mechanismus zu hin­terfragen, den die Darwinisten als Bei­gabe der eigentlichen Theorie gleich mitlieferten - d.h. seine Interpreten später, denn Darwin selbst war darin noch sehr zurückhaltend und im eigentlichen Sinn ebenso­wenig ein Darwinist wie Marx ein Marxist war. Eben dieses ist seitdem in der üblichen Interpre­tation der Theorie der Streitpunkt: Die Darwini­sten deuten die­sen auf der Grund­lage der ausschließli­chen Wirksamkeit des Mars-Prinzipes, das damit synchron in die menschliche Gesell­schaft übertragen wird (sog. Sozialdarwinismus). Das wis­sen die Astrologen allerdings besser: nach ihrer Überzeu­gung gibt es auch die anderen durch die übrigen Planeten verkörperten Prinzipien, die gleichermaßen wirksam sind. Es mag sein, daß viele über­zeugte Materia­listen dieser Auffassung auch heute noch widersprechen und ausschließ­lich Mars gel­ten lassen wol­len, aber sie müssen dazu schon psychisch sehr robust sein, um den­noch ein einiger­maßen intaktes Sozialver­hal­ten aufrechtzuer­halten. Die Konsequenz aus einem solchen Denken ist doch die, daß ich von jedem, der mir freundlich begegnet, vermuten muß, daß es ihm in Wirklichkeit nur darum geht, mich zu übervor­tei­len, mit dem Endziel, sein Erbgut zu größerer Ver­brei­tung zu führen. So einfältig und jeder wirklichen Alltags­erfahrung wi­derspre­chend uns diese Auffassung bei näherem Nachdenken er­scheinen muß, so steht es doch einwandfrei fest, daß dieses ei­ner der Glaubensgrundsätze der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhun­derts war, der bis heute noch nicht seine Kraft verloren hat. Dementspre­chend aggres­siv gestaltete sich zunehmend die soziale Wirklichkeit, denn die Philoso­phie, die aus dieser erst ent­standen war, wirkte verstärkend auf diese zurück. Die Frage, ob Darwin oder Marx die nach ihnen be­nannten Theorien auch bereits selbst so verstanden, wie sie später offiziell wurden, mag für ihre Biografen von Inter­esse sein, aus astrologischer Sicht ist sie es nicht. Denn insofern haben wir uns nur zu fragen, was offiziell wird und was nicht. Weshalb es das wird und wer der Ver­ursacher ist, ist nur kausalistisch von Interesse, denn wir sehen alle Menschen nur als Rädchen im Getriebe.

1856 hatte Darwin mit seiner Arbeit an sei­nem Hauptwerk begon­nen. Als das Buch am 24.11.1859 erschien, war es in seiner er­sten Auflage noch am gleichen Tag aus­verkauft; es gehörte zu den meistgele­senen wissenschaftlichen Bü­chern des Jahrhun­derts. Es kam eben genau zur richtigen Zeit heraus, als das Gesamt­bewußt­sein sich die­sen Gedan­ken öffnete. Darwin hatte ei­nen Ausdruck von Herbert Spencer aufgegrif­fen: Das Überleben des Tüchtig­sten, ohne zu erfassen, wie sehr das die Interpretation seiner Ideen später einengen würde. Im Grunde handelt es sich bei die­sem so nach­haltig wirksa­men Gedanken noch nicht ein­mal um eine Trivialität, son­dern noch viel schlimmer ein­fach nur um einen Zirkel­schluß: daß der Tüchtigste überlebt, kön­nen wir schon deshalb nicht bestreiten, weil die Definition des Tüch­tigsten sich gerade an der Frage orientiert, wer über­lebt. Wenn wir se­hen, daß ir­gendetwas sich durchsetzt, ist es immer noch eine offene Frage, wes­halb es das getan hat, und oft werden uns so­mit bloße Unterstellungen als ob­jektive Naturwissenschaft aus­gegeben. Diese aber be­stimmte jetzt fast aus­schließlich den Geist der Zeit, und sogar die Kirche schloß sich oft genug der scheinbaren Evidenz ei­nes Er­klärungssystems an, dessen Beweis­kraft sich auch daraus ergab, daß es sich eben all­gemein durch­setzte.

Es war im Sinne der kapitali­stischen Welt­sicht nur konse­quent, daß die europäischen Nationen ihre neue Stärke auf andere Kon­tinente ausdehnten, um dadurch ihren Wohlstand zu mehren. Etwa um 1870 be­gann der Imperialismus in Großbri­tannien und erfaßte danach zunehmend auch die anderen Länder. Frankreich und Ruß­land, aber auch die USA, das Deutsche Reich, Italien, Bel­gien und selbst Japan sahen so Gelegenheit, ihre Wirt­schaftsbasis durch die Aus­beutung anderer Länder zu stärken. Vor allem wurde so der afrikanische Konti­nent unter europäische Kontrolle ge­bracht: 1870 waren es noch bloße 10% des afrika­nischen Territo­riums, die koloniali­siert worden waren, 1890 schon 90%, und man hätte selbst China so unter sich aufgeteilt, wenn nicht das gegenseitige Mißtrauen die Eroberer an einer allzu for­schen Erobe­rungspolitik ge­hindert hätte. Na­türlich aber ging es nicht nur um wirt­schaftliche Inter­essen, son­dern auch um nationales Pre­stige. Doch selbst dieses wurde jetzt durch die wirt­schaftliche Stärke definiert - durch die Sicherung von Rohstoffen und Absatz­märk­ten. Wiederum verstärkte der Er­folg dieser Politik das kapi­talistische Denken, das sich jetzt auch zunehmend als Na­tiona­lismus und Rassismus ma­nife­stierte. Die Evolutions­theorie stand dabei Pate. Wir se­hen hier sehr deutlich, wie eine Theorie, die in ihrem Kern eben nur ein Zirkel­schluß war, sich dadurch selbst be­wies, daß man sie in die Tat umsetzte. Die nackten Tatsa­chen bewiesen die Rich­tig­keit einer Theo­rie, doch waren diese Tatsachen nur ih­re Folge. Der Zirkelschluß verstärkte sich und gestal­tete die Welt: es kann nicht anders sein in einem sich selbst denkenden Univer­sum.

Doch kann es sich der Einzel­ne nicht lei­sten, an den Rea­litäten zu zweifeln, mit de­nen er sich auseinandersetzen muß. Diese griffen zunehmend auch in die Familien­struktur ein: die frühere Großfamilie wurde immer mehr durch die Kleinfamilie ersetzt, die nur noch aus Eltern und Kindern be­stand. Nur auf dem Land blieben die alten Familien­verbände noch erhalten, doch die neue Schicht der Städter wurde auf der Su­che nach Ar­beit zu immer größerer Mobi­li­tät gezwungen. Neben großer Armut wuchs aber auch der bürgerliche Wohlstand, der sich stolz präsentierte. So kam es zu neu­reicher Protze­rei, die sich sowohl an den Fassaden der Bürgerhäuser als auch in der Inneneinrichtung der Wohnungen zeigte, in de­nen der bürgerliche Plüsch dominierte. Auch die Städte wetteiferten darin, ihren Reichtum zur Schau zu stel­len, was sich vornehmlich an der Architektur der Laden­pas­sagen zeig­te, die jetzt über­all gebaut wurden. Eine neue bürgerliche Wohlstands­schicht definierte ihr Selbstver­ständnis im Erwerb neuer Lu­xuswaren, die vor allem in solchen Passagen und in den immer zahlreicher und größer entstehenden Wa­renhäu­sern zum Kauf angeboten wur­den. Das Kapital war zur al­les bestimmen­den Realität ge­worden.

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