Thema Mundan-Astrologie

 

Pluto im Widder

(1824-1853)

 

Berlioz’ innige Abneigung galt, um nur zwei heute noch bekannte Namen zu nennen, Francois-Adrien Boieldieu, dem Komponisten von La Dame blanche, und vor allem Gioacchino Rossini, dessen Werke seit 1817 im Théâtre-Italien ihren Siegeszug nahmen und der selbst dann seit 1824 als Musikpapst in Paris residierte. An beiden Komponisten verabscheute er ganau das, was das Publikum, wie Berlioz sicher zutreffend urteilt, für ihre Werke eingenommen hat: eine problemlose Eingängigkeit, eine Gefälligkeit, die den Forderungen des dramatischen Ausdrucks ausweicht. Zwischen dem Siegeszug der Opéra comique, dann der Operette und der bürgerlichen Gesellschaft der Restauration und der Juli-Monarchie besteht wahrscheinlich eine nicht bloß chronologische Übereinstimmung. (W. Dömling: Berlioz.)

Ja, das war es, was das große Pariser Publikum wollte: eine einwiegende Musik, selbst für die schrecklichsten Situationen, eine zwar leicht dramatische, aber nicht zu deutliche Musik, farblos, frei von außerordentlichen Harmonien, von ungewöhnlichen Rhythmen, von neuen Formen, von unerwarteten Effekten... Eine liebenswürdige, galante Kunst, mit anliegenden Hosen und Stulpenstiefeln. (Berlioz.)

Wenn die Romantik aus der Sicht der Kunsthistoriker auch noch bis etwa 1830 gerechnet wird[1], so trat sie doch unter Pluto im Widder als bestimmender Zeitfak­tor in den Hintergrund und wurde zu einer bloßen Sache der Künstler und Intellektuel­len - aller­dings nicht der führenden Künstler und Intellektuellen, denn die hatten jetzt die Bühne zu verlassen oder wandten sich von sich aus anderen Dingen zu. Caspar David Friedrich wurde so notgedrungen etwas eli­tär im Sinne von L'art pour l'art. Seine Produktivität ließ ab 1824 sichtlich nach, weil er sich auch keine Illusionen bezüglich einer Breitenwirkung seiner Bilder mehr machte, wie er es noch einige Jahre zuvor getan hatte. Beethoven war zwar noch nicht ganz tot, aber schon seit Jahren stock­taub. Das hatte ihn zwar nicht am Kompo­nieren ge­hindert, doch jetzt machte ihm in Wien die wachsende Konkurrenz Rossinis zu schaffen. Rossini wurde zur Mode, und plötzlich wa­ren weder Beetho­vens Neunte noch Schuberts Rosamunde mehr gefragt. Was Rossinis Erfolg beim Publikum begründete, war seine Gefälligkeit und problemlose Eingängigkeit, die gerade jeder dramatischen Steigerung ausweicht. Auf diesen Siegeszug der Opéra comique folgte dann derjenige der Operette als Ausdruck der bürgerlichen Gesellschaft der Restaurationszeit. Auch Weber konnte nach seiner triumpha­len Erstauffüh­rung des Freischütz im Jahre 1821 abge­sehen von einem verein­zelten Er­folg der Londoner Uraufführung des Oberon nir­gendwo mehr wirklich Fuß fas­sen. Die Brüder Schlegel entfremdeten sich in dieser Zeit gegenseitig, E.T.A. Hoffmann starb 1822, Lord Byron 1824, Alexander von Humboldt hatte sich nach Berlin aus der großen Welt zurückgezogen, und Höl­derlin dämmerte, schon seit langer Zeit wahnsinnig, in seinem Tübinger Turm dahin.

Für die Zeit zwischen 1825 und 1873 verzeichnen die Historiker die „erste Industrialisierungsphase“, in der es in allen Wirtschaftssektoren zu einem merklichen Produktivitätssprung kam. Die neuen Stichworte der Zeit hießen nun vor allem: Pioniergeist, Eisen, Stahl usw., wie es dem Widder ent­spricht. Der Begriff Stahl hat allerdings auch eine deut­liche Steinbock-Kompo­nente, während die gleichzeitig thematisch in den Vordergrund tretende Kohle aus­schließlich dem Stein­bock zu­gerechnet wird. Das führt uns aber nicht in Verlegen­heit, denn gleichzeitig standen jetzt Neptun und Uranus im Stein­bock, was auch zu­gleich das Motiv für die Arbeiterunruhen dieser Zeit liefert, denn das Los des neu entstandenen Proletariats war wirklich hart. Die immer wieder er­staunliche Tatsache der auch sprachlich di­rekten Entsprechung fällt uns hier in dem nun alle Wirklichkeitsberei­che erfassenden und bestimmenden Wort Eisenbahn auf, das ja eigentlich eine et­was merkwürdige Wort­schöpfung ist, denn unter Pluto in den Fischen sprach man be­zeichnenderweise eher von einer Dampfbahn. Wie dem auch sei: die überragende Bedeu­tung dieses Trans­portmittels ergab sich daraus, daß es ein erstrangiger gesell­schaftlicher und wirt­schaftlicher Faktor war. Das Wort Eisen beherrscht aber auch sonst deutlich diese Zeit und taucht immer wieder auf - so etwa in dem Begriff Eiserner Rhein, mit dem in Köln im Jahre 1843 die Fertigstel­lung der Eisenbahnlinie von Köln nach Antwerpen gefeiert wurde.

Die erste Eisenbahnlinie überhaupt für Per­sonenverkehr eröff­nete Robert Stephenson am 27.09.1825 zwischen den englischen Ortschaften Stockton und Darlington. Seine Rocket konnte al­lerdings nur zur Hälfte Personenwagen befördern, da die anderen Anhänger dem Transport der zum Antrieb notwendigen Kohle dien­ten. Die hier bereits benutzte Spurweise der Schie­nen sollte zur Norm des europäischen Schienenetzes der kommenden Jahre wer­den. Wichtig ist der Umstand, daß diese Schienen in der Fol­gezeit als eine Art eiser­ner Straße gegen Gebühr auch anderen Be­nutzern zur Verfügung gestellt wurde. Un­ter anderem fuhren auf ihr auch Postkut­schen und sorgten gleichfalls dafür, daß die räumlichen Distanzen zwischen den Men­schen, die bis dahin durch die Leistung des Pferdes bestimmt waren, immer mehr schrumpften. Ein bedeutender Pionier des Eisenbahnwesens war auch Isambard Kingdom Brunel, dessen Leistung nur unter anderem in der Planung und dem Bau der ersten Eisenbahnlinie von London nach Bri­stol bestand, die mit mehreren Brücken, Tunneln und Bahnhöfen versehen war. Seine größten Leistungen lagen aber im Schiffsbau. Er konstruierte und baute die Great Western, den ersten erfolgreichen Atlantikdampfer, der 1837 als größtes Schiff der Welt vom Stapel lief. Das zweite gewaltige Schiff aus seiner Konstruktion, die Great Britain, war das größte aus Ei­sen gebaute Schiff. James Nasmyth erfand 1839 den Dampf­hammer, mit dessen Hilfe dann die Antriebswelle für die riesi­gen Schaufel­räder der Great Britain ge­schmiedet wur­den. Die­ser Dampfhammer war zu einer er­staunlichen Kraftdifferenzie­rung in der La­ge und konnte auch zu Fein­arbeiten ver­wendet werden. Er war auch der Vorläufer der Ramme und wurde als Prinzip spä­ter für Schiffsmaschinen ver­wendet. Mit der 1843 vom Stapel laufen­den Great Britain setzten sich die Eisen­schiffe auf der Atlan­tik-Route durch, da sie fast unbeschädigt blieb, als sie auf Grund lief, während ein Holzschiff dabei zerbro­chen wäre.

1835 fuhr in Deutschland die erste Eisen­bahn von Nürnberg nach Fürth, 1836 der erste Schraubendampfer auf der Themse. 1851 baute McCormick die erste Mähma­schine - eine Pionierleistung, die ebenfalls geeignet war, die Gesellschaft und ihre exi­sten­tielle Basis zu revolutionieren. 1833 gründete Whithworth in Manchester eine Maschinenwerkstatt, 1835 konstruierte er eine Strickmaschine und 1842 eine Straßen­reinigungsmaschine. Carl Zeiss gründete in Jena ein Unternehmen zum Bau von opti­schen Geräten wie Mikroskopen, zu deren Entwicklung sowohl selbst ei­ne intensive Forschungstätigkeit notwendig war, als sie auch ihrerseits ein notwendiges Werkzeug für Pioniertätigkeiten auf anderen wissen­schaftlichen Gebieten waren. Aspdin ent­wickelte 1824 den Portland-Zement, der für den Stahlbetonbau von ent­scheidender Bedeutung wurde und das architektonische Bild der Städte verändern sollte; Hancock stellte das erste Kunstleder her und A. Shawk die erste Dampffeuerspritze. Usw.

Besonders auf dem Gebiet der Naturwis­senschaft kam es in dieser Zeit zu einem deutlichen Schub bemerkenswerter Pionier­leistun­gen. F.W. Bessel gelang die Orts­be­stimmung von 32.000 Fixster­nen; Gauß, Lobatschewskij, Bolyai und Riemann be­gründeten alle unabhängig voneinander die nichteuklidische Geometrie, Gauß zu­dem das absolute Maßsystem; Ohm entdeckte das Ohmsche Gesetz, Brown die Brown­sche Bewegung; Faraday das Ben­zol, die elek­tromagnetische Induktion und die Faradayschen Gesetze; Liebig be­gründete den modernen Chemieunterricht, Wöhler gelang die Herstellung des Alumi­niums sowie des Berylliums und des Yttri­ums, Doppler schuf die Grundlage für den nach ihm benannten Ef­fekt, Foucault stellte im Pariser Panthèon sein berühmtes Pen­del vor, mit dem er die Erdrotation nachwies usw.

Diese Entdeckungen hatten verständlicher­weise erhebliche welt­anschauliche Konse­quenzen. Bezeichnenderweise wurde die bishe­rige Grundanschauung der Chemie, der sog. Vitalismus, der von einem Le­bens­prinzip in allem Stofflichen ausging, in der neuen Chemie immer mehr durch eine me­chanistische ersetzt, nach der die grund­le­genden Gesetze gleichermaßen für die or­ganischen wie für die anorganischen Sub­stanzen galten. Hieran war die Entdec­kung F. Wöhlers maßgeblich beteiligt, daß aus einer anorgani­schen Substanz durch Erhitzen Harnstoff, eine organische Sub­stanz, ent­stehen konnte. Liebigs Entdeckung der Be­deutung der Düngesalze für das Wachstum der Pflanzen verdrängte die Idee der Auf­nahme von Lebensstoff aus dem Humus zugunsten einer eher mechanistischen Er­klärung, die zunächst nur vage, durch spä­tere Theoretiker aber immer deutlicher und bedenkenloser formuliert wurde. Als eine der wichtigsten Entdeckungen des 19. Jahrhun­derts gilt das Gesetz von der Erhal­tung der Energie aus dem Jahre 1842 von Mayer und Helmholtz, die besagt, daß bei allen Wechselwirkungen zwischen ver­schiedenen Energieformen niemals Energie verloren geht oder gewonnen wird. Dieses Prinzip wurde zur Grundlage des ganzen physikalischen und technischen Denkens und definiert zugleich deren Gültigkeitsbe­reich. Entscheidend ist bei der Formulie­rung solcher Sätze die theoretische Aus­gangsbasis, die für diese Zeit kennzeich­nend war: der Denkan­satz war so global und universal, wie es zu früheren Zeiten kaum gewagt worden wäre, da hiermit sämtliche Phänomene des Universums in den Bereich des naturwissenschaftlichen Denkens gezogen wurden, was in einem Rückkoppelungsprozeß zugleich die­ses Denken veränderte wie auch dadurch wei­tere Entdeckungen er­möglichte. In diese Zeit fällt übrigens auch die Begründung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik durch R. Clausius, der uns noch im Nach­wort dieses Buches beschäftigen wird.

Wieder stehen wir vor der Frage, ob es der neue Geist dieser Zeit war, der solche Pio­nierleistungen bewirkte oder ob umge­kehrt diese Leistungen den Geist veränderten. Die Wechselwir­kung steht außer Frage, doch wo liegt der Ursprung? Natürlich wurden alle diese Entdeckungen und Erfin­dungen im Interesse der Menschheit und sowohl zur Erleichterung seiner Arbeit als auch zur Hebung seines Wohlstandes ge­macht, doch bewirkten sie zu­nächst eher das Gegenteil. Die Rationalisierung der landwirt­schaftlichen Arbeit führte dazu, daß viele Landarbeiter und Bauern arbeitslos wurden und somit in den Städten nach einer neuen Existenz suchten, die dadurch plötz­lich alle jahrhunder­telang geltenden Grö­ßenmaßstäbe sprengten und ins Riesenhafte wuchsen. Eine neue Gesellschaftsschicht entstand: das Stadtpro­letariat, das sich sehr deutlich von der früheren Handwerker­schaft unterschied. Da diese Situation völlig neu war, gab es noch keine Gesetze, die rechtliche Ausuferungen regeln konnten, so daß diese Menschen praktisch rechtlos waren. Das zugleich neu entstehende Un­ternehmertum brauchte ihnen nur Hunger­löhne zu zahlen, durch die sie in oft un­glaublichen Wohnverhältnissen gerade am Leben erhalten wurden und für die sie den­noch 14 bis 16 Stunden täglich zu arbeiten hatten. Natürlich verbreiteten sich unter diesen Umständen alle möglichen Krankhei­ten wie die Tuberkulose, und in dem oft nur kurzen Leben war der Griff zur Flasche für viele die einzige Möglichkeit, der traurigen Wirk­lichkeit zu entfliehen. Da aber auch die Rationalisierung der Landwirtschaft noch in den Kinderschuhen steckte, kam es oft zur Überbewirtschaftung des Bodens, so daß dieser den steigenden Bedarf nicht mehr decken konnte und es zu Hungersnöten kam. In dieser Lage versprach gerade wie­derum die Naturwissenschaft ei­nen Ausweg in eine goldene Zukunft: durch weitere Produktions­steigerung erwartete man sich am Ende doch einen Ausweg aus al­len Übeln, was wiederum den Entdeckerelan steigerte. Ein Zurück gab es nicht mehr, und jetzt produzierte man mit dem techni­schen Fortschritt zugleich seine unbedingte Notwendigkeit: man war zum Fortschritt verurteilt.

Ein typisches Wechselwirkungsphänomen ist auch mit dem Eisen­bahnbau verbunden, der wie seinerzeit der Kanalbau in der Früh­phase der industriellen Revolution in England nun einerseits die Entfernungen verkürzte und dadurch den Handel und die Pro­duktion nicht nur erleichterte, sondern auf eine völlig neue Basis stellte, die ganz andersartige Produkte ermöglichte und mit diesen wie gesehen auch deren Notwendig­keit bewirkte, ande­rerseits aber auch einen enormen Bedarf des Schienenmaterials Stahl mit sich brachte. Dieser konnte vor­teilhaft nur dort her­gestellt werden, wo Kohle war, so daß sich an den Orten ihres natürlichen Vorkommens schnell anwach­sende Industriezentren entwickelten. Mit der Kohlegewinnung und Stahlproduktion war zugleich die Notwendigkeit der Fusion der Produktionsmittel verbunden, da hierzu nur gewaltige Anlagen in der Lage waren, die die Dimensionen merkantilistischer Be­triebe sprengten. Auch das bewirkte ei­nen gesellschaftlichen Wandel, und so griff ei­nes in das andere. Der Zauberlehrling wurde die von ihm geru­fe­nen Geister nicht mehr los. Doch wer war dieser Lehrling ge­we­sen - wer hatte diese Geister wirklich ge­rufen?

Die Steinkohlenproduktion erhöhte sich in England bis 1826 auf 21 und bis 1846 auf 44 Millionen Tonnen. 1825 hatte die Eisen­gewinnung noch eine halbe Million Tonnen betragen, bis 1835 stieg sie auf das Doppel­te, 1846 auf das Vierfache und bis zum En­de der Widderperiode auf das Sechsfache. In dieser Periode herrschte auch das größte Arbeiterelend der gesamten frühkapi­talisti­schen Zeit. Noch um 1830 hatte es in ganz Frankreich nur 625 Dampfmaschinen gege­ben, zwanzig Jahre später waren es fast zehnmal so viele. Den größten Entwick­lungssprung aber machte in dieser Zeit Deutschland, das damit Anschluß an die in­dustrielle Revolution fand, die sich bis da­hin im wesentlichen in England vollzogen hatte. Noch 1837 waren in Preußen nur 419 Dampfma­schinen in Betrieb, und auch zehn Jahre später war noch nicht einmal der inländische Markt durch den Maschinenbau erschlossen worden. 1842 waren hier 245 Lokomotiven im Verkehr, wovon die we­nigsten aus deutscher Produktion stamm­ten. Das Streckennetz der Eisenbahn betrug 1840 noch 549 km, 1850 waren es aber schon mehr als das zehnfache. Dementspre­chend wuchs natürlich auch die Zahl der Lokomotiven, die zudem zunehmend aus inländischer Produktion stammten.

Der enorme Impuls in Deutschland zeigte sich vor allem in dem neu entstehenden Ruhrgebiet und hier vornehmlich in der Ge­schichte der Firma Krupp. Pluto in den Fi­schen scheint keine günstige Zeit für Un­ternehmer gewesen zu sein, wenn man sich an den vergeblichen Bemühungen des Idea­listen Friedrich Krupp ori­entiert, der seinem Sohn Alfred im Jahre 1826 nur eine Firma mit vier Arbeitern und 10.000 Reichstalern Schulden hinterließ. Alfred war zu dieser Zeit gerade erst vierzehn Jahre alt, doch schien er - in seinem persönlichen Horo­skop stark widdergeprägt - von einem un­erschütterlichen Tatendrang besessen, der ihn, bei all seinen anfänglichen Rückschlä­gen, beim Ausbau des Unterneh­mens nicht verzweifeln ließ. Diese Anfänge ließen wirk­lich nicht erahnen, was daraus werden sollte: zu Fuß oder auf einem geliehenen Pferd besuchte Alfred seine Kundschaft auf, um erste Aufträge für kleine Eisenwerk­zeuge zu erhalten. Er war zu die­ser Zeit nichts anderes als ein Hausierer, der seine Waren selbst herstellte. Allerdings waren die Arbeiter, die ihm sein Vater hinterlassen hatte, ausgesuchte Fachkräfte, bei denen er sein Metier von der Pike auf lernen konnte. Alfred Krupp stand also neben seinen Ar­beitern selbst an den Werkbänken und an der Tiegelpresse und erwarb somit nicht nur die notwendigen hand­werklichen Kenntnisse, sondern auch die organisatori­sche Pra­xis, die zur Führung eines Betrie­bes gehörte. Vor allem hatte er unmittelba­ren Kontakt zu seinen Arbeitern. Deren Zahl ver­doppelte sich bereits in den ersten drei Jahren, blieb dann aber zwei Jahre lang konstant. Währenddessen baute Krupp eine Verkaufsorganisation auf. Im Winter 1829/30 herrschte ein sol­cher Frost, daß der Dampfhammer nicht betrieben werden konnte, und so richtete sich Krupp im Obergeschoß seiner Werkstatt eine neue Dreherei und Schleiferei ein, die ihm trotz ihrer Einfach­heit Gelegenheit gab, vom Halbfabrikat zum Fertigfabrikat zu wech­seln und so die ersten geschliffenen und ge­härteten Walzen an eine Bestellerfirma lie­fern zu können. Für diese hochpolier­ten Gußstahlwalzen entdeckte er einen neuen Abnehmerkreis in den süddeutschen Gold­schmieden, die sie zum Auswalzen des Du­ka­tengoldes gebrauchen konnten. Er konn­te nun bereits zum Bau ganzer Walz­ma­schinen übergehen.

Aber vielleicht hätte er noch ewig auf der Stelle getreten, wenn nicht allen solchen Unternehmungen ein äußerer Umstand zu­gute gekommen wäre: die Gründung des deutschen Zollvereins, der am 1.1.1834 in Kraft trat und durch den die innerdeutschen Zollgrenzen abgebaut wurden, die den wirklichen Eintritt Deutschlands ins Indu­striezeitalter bisher verhindert hatten. Nicht die Philosophie also, sondern vor allem die Kleinstaate­rei hatte den Anschluß Deutschlands an die Moderne bis dahin verhindert. Die duch den Zollverein ge­schaffenen neuen Möglich­keiten gaben der gesamten innerdeutschen Wirtschaft eine neue Entfaltungsmöglichkeit, und auch Al­fred Krupp nutzte diese Chance sogleich. Er fand nun so viele neue Geschäftspartner und Kunden in Wüttemberg, Bayern und Sachsen, daß er den damit übernommenen Aufträgen kaum noch nachkommen konnte. Noch im gleichen Jahr wuchs die Zahl sei­ner Arbeiter auf 45, und die Gußstahlpro­duktion stieg um das Dreifache. Nun ge­wann Alfred in seinem Vetter einen Teilha­ber, der sich der Firma als Außenhan­dels­vertreter verpflichtete. Schon 1836 erfolg­ten die ersten Lieferungen nach Übersee, und 1839, nachdem auch zwei von Al­freds Brüdern in die Firma eingestiegen waren, ging diese zum Bau ganzer Walzwerke und Prägemaschinen über und wurde so zum Zu­lieferer anderer Unternehmen, die ihrer­seits vom Handwerks- zum Fabrikbetrieb übergingen. Krupp fand nun für den Guß­stahl neue Verwendungsmöglichkeiten im Bergbau, der sich jetzt immer mehr auswei­tete. Hier wurden Hacken, Steinbohrer und alle mög­lichen Maschinenteile benötigt. Es gab allerdings auch immer wieder Rück­schläge - so eine Wirtschaftskrise im Jahre 1839, in deren Verlauf fast alle seine Kun­den die Abnahme ihrer Bestel­lungen hin­ausschoben oder stornierten, oder im Revo­lutionsjahr 1848, in dem es zu Maschinen­stürmerei kam. Doch überwand er diese Krisen unbeirrt. Zu einem wirklichen ge­waltigen Auf­schwung kam es aber erst ab der Jahrhundertmitte.

Im Jahre 1830 war es in Frankreich zu einer neuen Revolution gekommen, der sog. Ju­lirevolution, durch die der seit 1824 re­gie­rende reaktionäre Karl X. gestürzt wurde. Doch schaffte diese Revolution die Monar­chie nicht wieder ab, denn jetzt wurde der Bürgerkönig Louis Philippe zum neuen König gewählt, der sich vor­nehmlich auf das Großbürgertum stützte. Karl X. hatte das Volk durch die Wieder­einführung alter Zustände wie vor der er­sten Revolution provoziert, das sich dar­aufhin mit dem Bürgertum gegen ihn erhob, doch fehlte dem Proletariat ein eigenes Kon­zept für ei­ne republikanische Regie­rung, so daß das Bürgertum seinen Kandi­daten als Nachfol­ger präsentieren konnte. Diese Re­volution hatte aber Auswirkungen in ganz Europa, wo es viele kleinere Auf­stände gab und sonderlich die Souveräni­täts­bestre­bungen in Deutschland förderte. Wirklich europaweit war dann aber die dritte Revolution im Jahre 1848, die als Re­aktion auf die reak­tionäre Politik in allen europäischen Län­dern der Re­stauration nach dem Wiener Kongreß zu verstehen ist. Auch diese Revo­lution ging wieder von Paris aus, wo sich inzwischen die Herr­schaft des Groß­bürgertums durch Skandale und Korrupti­onsaf­fairen diskreditiert hatte. Die Unzu­friedenheit des Volkes wurde verstärkt durch eine Welthandelskrise im Jahre 1847, die vornehmlich das ländliche und städti­sche Proletariat traf. Die Verhin­derung ei­ner Wahlrechtsreform bot schließ­lich den Anlaß für den Ausbruch dieser sog. Febru­arrevolution. Es kam zu blu­tigen Straßen­schlachten zwischen der Pariser Bevölke­rung und der Armee. Der Vertreter der Bougeoisie, der Ministerpräsident Gui­zot, wurde gestürzt, und König Louis Philippe mußte abdanken und ins Ausland fliehen. Die Nachricht dieses Erfolges ga­ben auch in fast allen anderen europäischen Ländern - lediglich mit Ausnahme Eng­lands, Spani­ens und Rußlands - das Signal zum Auf­stand. In Deutschland galt der Kampf der deutschen Einheit und einer konstitutionel­len Verfassung. Hierin waren sich die sonst einander widerstrebende Gruppen der Bür­ger, Bauern und Arbeiter einig. Man forder­te ein deutsches Parla­ment, übergrei­fende Ge­richte, Pressefreiheit und eine all­gemeine Volksbewaffnung. Al­lerdings flau­ten diese Aufstände überall schnell wieder ab - ein merkwürdiger Um­stand, dem wir uns an späterer Stelle noch­mals widmen werden.

Schon 1844 war es zum Aufstand der schlesischen Weber gekommen, deren Schicksal uns durch das Hauptmann-Drama bekannt ist und sympomatisch für die Si­tuation des Proletariats im Frühkapita­lismus ist. Der Aufstand wendete sich gegen die Ausbeutung durch die neuen Textilunter­nehmer, die den Konkurrenzdruck, dem sie selbst ausgesetzt waren, dadurch auszuglei­chen versuchten, daß sie die Löhne der für sie arbeitenden Heimarbeiter ständig herab­setzten. Es gab eben noch keine Gewerk­schaften und ein­schlägigen Gesetze, die diese Willkür verhindern konnten. Der Ein­griff des Staates bestand darin, daß er den Aufstand durch das Militär nieder­schlagen ließ, wobei es zahlreiche Tote gab. Der Ehemann der Rahel Varnhagen, der preußische Diplomat Varnhagen von Ense, notierte zu dieser Zeit in sein Tagebuch: „In Berlin merkt man das noch nicht so, aber in den Handels- und Provinzstädten wächst ein Geschlecht heran, das, alle idealen Bestrebungen vergessend oder gar ihnen feindlich, dreist und roh auf das rohe Wirkliche hinstürmt und bald nichts wird gelten lassen, als was die äußeren Bedürfnisse und Genüsse betrifft.“

Aber auch die Gegenkräfte waren wirksam. Die hier zu erörternde Zeitspanne ist ge­kennzeichnet durch eine permanente Auf­bruchstimmung. Wir können dazu unter anderem fol­gende herausragenden Ereig­nisse vermerken:

  • 1831 kam es zu einer Sklavenrevol­te in den USA.
  • 1832 war das sog. Hambacher Fest in Deutschland.
  • 1842 entstand in den USA das sog. Oregon-Fieber.
  • 1848 war der neue Baubeginn des Kölner Domes.
  • 1849 kam es zum Goldrausch in den USA.
  • 1851 wurde die erste Weltausstel­lung in London eröffnet.

Sicher gibt es zu allen Zeiten Neuerungen und Unruhen, es fällt aber auf, daß diese Ereignisse eine besondere Qualität besit­zen, die den Pioniergeist der Zeit verdeutlichen. Überall gerät die Obrigkeit unter Druck und kann sich oft nur durch Anwendung unangemessener Gewalt helfen. Auch der Sklavenaufstand in den USA wurde blutig niedergeworfen und der schwarze Sklaven­führer, der sich für einen Propheten Gottes hielt, mit 19 anderen Re­bellen hingerichtet.

Das Hambacher Fest war die erste demo­kratisch-republikanische Massenversamm­lung in Deutschland überhaupt, auf der die Teil­nehmer Einheit und Freiheit für das deutsche Volk forderten. Diese Bewegung war die Folge der französischen Julirevol­tion von 1830. Nicht nur deutsche Bürger, Studenten, Handwerker und Bauern, son­dern auch französische Demokraten folgten dem Aufruf zweier Publizisten, den Jahres­tag der bayrischen Verfassung feierlich zu begehen. Auf den bei dieser Gelegenheit gehalte­nen Reden wurde eine föderative deutsche Republik gefordert so­wie der Zu­sammenschluß der internationalen demo­kratischen Bewe­gun­gen gegen die Restau­ration. Doch da die Ziele der einzelnen Gruppen zu sehr voneinander abwichen, gelang es nicht, ein ge­meinsames Pro­gramm zu formulieren, während anderer­seits der Deutsche Bund mit verschärften Maßnahmen reagierte, wie einer stärkeren Zensur, Aufhebung der Rede- und Ver­sammlungsfreiheit, Einschränkung der Rechte der Abgeordneten sowie dem Ver­bot der schwarz-rot-goldenen Symbolfar­ben der liberal-demokratischen Opposition. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen und Überwa­chungsmaßnahmen, die viele der Teilnehmer zu einer Emigration veranlaß­ten. Gerade diese Depression allerdings gab der Frei­heitsidee zusätzliche Kraft; die französische Revolution ließ sich nicht mehr rückgängig machen.

Ab 1832 erfolgte die territoriale Vergröße­rung der Vereinigten Staaten von Amerika immer mehr auch zu Lasten der Indianer­stäm­me. Unter Präsident Jackson wurde zugunsten der weißen Siedler die indianer­feindliche Politik verschärft. Durch erpres­serische Verträge wurden Landabtretungen legalistisch verkleidet, und mit dem Indian-Removal-Act wurden den Indianern alle Bürger­rechte und Freiheiten östlich des Mississippi genommen. Da die Indianer sich diesen Maßnahmen nicht immer freiwillig fügten, kam es zu vielen Gemetzeln unter ihnen. Die weißen Siedler drangen immer mehr in das nun freie Gebiet vor. 1842, nachdem die ersten Siedler die Rocky Mountains überwanden und das Ge­biet von Oregon erreichten, brach das sog. Oregon-Fieber aus: tausende von Siedlern brachen nun ihrerseits mit Planwagen-trecks auf, um den Vorreitern zu folgen. Sie mußten dazu über 3.000 Kilometer durch fremdes und unerschlossenes Gebiet zu­rücklegen, wobei sie immer auch mit dem Überfall der India­ner zu rechnen hatten. Diese Ereignisse sind uns aus den unzähligen Wildwestfilmen zur Genüge bekannt, doch werden dabei immer nur die Indianer als oft grausame Übeltäter hingestellt, während diese in Wirklichkeit nur eine Rückzugsschlacht lie­ferten. 1849 ging zudem die Nachricht um, daß am Sacramento-Fluß Gold gefun­den worden sei, was in ganz Amerika den Cali­fornia-Gold-Rush auslöste. Wieder brachen tausende - die Zahl überschritt am En­de sogar die Grenze von 100.000 - von Aben­teurern auf, um auf eigene Faust ihr Glück zu finden. Ein wichtiger Grund dafür war sicher auch die zunehmende Er­schwernis, in der früheren Gesell­schaft eine bürgerli­che Existenz zu finden, denn zu gleicher Zeit gab es einen gewaltigen Ein­wande­rungsschub in die USA als Folge der politi­schen Restriktionsmaßnahmen in Eu­ropa.

Doch zeigte diese Umbruchszeit auch einen unverkennbaren Fort­schritt, wenn man die­sen Begriff nicht allzu kritisch nimmt: es läßt sich nicht bestreiten, daß mit den gro­ßen Wirbeln, die al­les Frühere umwarfen, auch Dinge in die Welt kamen, die schon durch den Zwang, sich mit der neuen Si­tuation auseinanderzuset­zen, einen großen Evolutionsschub bedeuteten.[2] So konnte im Jahre 1851 die erste Weltausstellung in London stattfinden, auf der Aussteller vie­ler Nationen ihre Produkte vorstellten. Es ging dabei neben der Präsentation des technischen Fortschrittes und den wirt­schaftlichen Interessen der einzelnen Län­der auch um eine Gesamtrepräsentation des in­ternationalen Fortschrittes. Es war ein im besten Sinne gemein­samer Stolz aller Län­der auf die Errungenschaften und Möglich­keiten der menschlichen Lei­stungsfähigkeit.

 


[1]Man muß allerdings sehen, daß insofern die Kunstgeschichte zwiespältig ist, denn die sog. Spätromantik setzt man auf die Jah­re 1820 - 1823 fest - also jene Jahre, in denen Friedrich Schle­gel seine Zeitschrift Concordia herausgab und damit die spätro­man­tische Schule begründete. Das letzte Heft dieser Zeitung erschien tatsächlich im Jahre 1823, womit "für's Erste jedenfalls" die eigentliche Romantik insofern beendet war. Wir wissen ja aber andererseits, daß das ganze 19. Jahrhundet einen Hang zur Roman­tik hatte und daß diese immer wieder aufblühte, was zwar die Hi­storiker in gewisse Zuordnungsverlegenheiten bringt, aber aus astrologischer Sicht sehr schön Neptun und Uranus in den Fi­schen zugeordnet werden kann, wie noch gezeigt wird.
[2] Der Esoteriker sieht diese Dinge zwar anders als der Positivist, aber ganz gleich, wie man das Evoluti­onsprinzip begreift - an der Tatsache, daß die Welt entstanden ist und dieser Prozeß sich trotz allem ständig fortsetzt, ist kaum zu zweifeln. Ich möchte sogar be­haupten, daß nur ein Materialist dieses be­zweifeln kann, der Mensch und Natur in Gegensatz denkt, denn darauf liefe es hinaus, wenn man sagte, daß erst mit dem Menschen das Böse in die Welt gekommen sei.
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