Thema Mundan-Astrologie

Pluto in den Fischen

(1799-1823)

Etwas ärgerlich ist es schon, daß uns die Historiker keinen plausibelen Grund dafür angeben können, warum das aufsässige Volk der französischen Revolution sich da­nach plötzlich auf ei­ne einzige überragende Person wie Napoleon einigte und warum diese Neigung zur Wirklichkeitsübersteige­rung nun in ganz Euro­pa so plötzlich ein­setzte, denn auch die Erklärung der Astro­lo­gen, die diese Ereignisse dem Eintritt Plutos in die Fische zu­weisen, muß uns als Zumutung erscheinen. Hätte man im Jahre 1930, als Pluto entdeckt wurde, bereits gewußt, wie klein die­ser Himmelskörper tatsächlich nur ist, so hätte man ihn mögli­cherweise gar nicht den Planeten zugerech­net, und auch die Astrologen hätten ihn vermutlich ignoriert. Schließlich haben aber auch die ersten Uhrenbauer niemals ange­nommen, daß die Zeiger ihrer Uhren tat­sächlich das Vergehen der Zeit bewirkten, und dennoch ihren Glauben an die Nütz­lichkeit ihres Instrumen­tes aufrechterhalten, und das gleiche müßten wir von der kosmi­schen Planetenuhr sagen, wenn sich die Hypothese (und eine em­pirische Wissen­schaft wie die Astrologie verliert ja niemals ihren hypothetischen Charakter) bestätigen sollte, daß der Pla­netendurchgang durch die Zeichen synchron geht mit entsprechen­den Zeitqualitäten auf unserer Erde. Es läßt sich jedenfalls nicht bestreiten, daß die Zeit von 1799 bis 1823 einen bestimm­ten Charakter hat, den wir recht eindeutig dem Fische-Ar­chety­pus zuordnen können.

Wir bezeichnen diesen Zeitabschnitt als die eigentliche Roman­tik - nicht zu verwech­seln mit der Nachromantik unter Neptun in den Fischen (1849-62), die nur noch Zitat war, was allerdings bezogen auf Einzellei­stungen keineswegs wertend gemeint ist. Der hier zu erörternde Abschnitt aber war die Zeit Beethovens, die Zeit der großen Bruderschaften, die Zeit, in der die Brüder Boisserèe für die Idee des Weiterbaues des Kölner Domes als Symbol der deutschen Einheit warben, die Zeit Caspar David Friedrichs, E.T.A. Hoffmanns, Carl Maria von Webers, Schuberts, Byrons und Shel­leys - um nur einige zu nennen. Natürlich fehlt es nicht an Ansätzen zu kausalen Er­klärungen für diese neue Qualität: man könnte etwa folgern, daß die Bil­derstürme­rei der Revolution, unter der in Frankreich viele Dome und Kirchen zer­stört, Klöster säkularisiert und Kunstschätze geraubt und in den allgemeinen Handel gebracht worden waren, nun zu einem plötzlichen Bewußt­seinswandel führen mußte, der den Men­schen den besonderen Wert dieser Dinge nahelegte, aber derartige Er­klärungen müs­sen wir dennoch als kausalistisch ein­stufen, weil sie alles andere als zwingend sind. Woher kam der neue Men­schentypus zu­mindest im Sinne einer kollektiven Idee, den wir als den romantischen bezeichnen - jenen Menschen, der in hö­heren geistigen Welten diesseitsentrückt zu leben scheint und in der realen Welt versagt, ganz so, wie es auch der Bedeu­tung des 12. astrologi­schen Hauses entspricht, das den Fischen zuge­ordnet wird?

Am 9.11.1799, als Pluto gerade in die Fi­sche getreten war, riß Napoleon in Frank­reich die Macht an sich. Er stürzte mit Hilfe des Militärs das Direktorium und bildete ei­ne provisorische Re­gierung, die eine neue Verfassung ausarbeitete. Dieser Staats­streich beendete die französische Revolu­tion und war ein Sieg des neu entstandenen Bürgertums, dessen Besitz er festigte, während die Royalisten und die Republika­ner ausgeschaltet wur­den. Ende des Jahres 1804 krönte sich Napoleon schließlich in einer grandiosen Zeremonie zum erblichen Kaiser, bei der er den zur Anwesenheit ge­zwungenen Papst zu einem bloßen Statisten de­gradierte. Natürlich wird man auch hier sagen können, daß das französische Volk dieses Spiel eines neuen Kaisertums so unmit­telbar auf das überlebte Königtum deshalb duldete, weil Napole­on damit er­klärtermaßen an die Tradition Karls des Großen an­knüpfte und Frankreich dadurch aufwertete, indem er es zur eu­ropäischen Zentralmacht erhob - man wird auch die erwähnte be­sondere Interessenlage der Bourgeoisie anführen können, doch zeigt sich auch, daß diese Zeit zugleich viele Na­poleons her­vorbrachte. So etwa Alexander von Humboldt, ebenfalls im Jahre 1769 ge­boren, den man zwar nicht unbedingt als einen Napoleon des Geistes, wohl aber der Geistesgeschichte (was eben phäno­mena­listisch den Mythos-Charakter beinhaltet) bezeichnen kann. Die Resonanz Humboldts zu seiner Zeit war so außergewöhnlich, daß sogar Napoleon ihn - wie es heißt - mit "eisiger Kälte und voll Haß" empfing, weil Humboldts Auftritt in den dortigen Ge­lehr­tenkreisen die Aufmerksamkeit der Pariser zu sehr von sei­ner eigenen Krönungsfeier ablenkte. Es war die neue Wissen­schafts­idee, die sich hier ihren Helden geschaffen hatte, aber auch Künstler und Dichter wie etwa Lord Byron konnten in dieser Zeit ei­ne derartige Wirkung erreichen.

Am 11.11.1799 - nur zwei Tage nach Na­poleons Usurpation - fand das sog. Ro­mantikertreffen in Jena statt, in dem man allgemein den Höhepunkt und Abschluß der Frühromantik sieht, die nun in die Hochro­mantik überging. An diesem Treffen nah­men Novalis und sein Bruder, die beiden Brüder Schlegel mit ihren Frauen, Tiek und Frau sowie Schelling teil und schließlich noch ein Physiker namens Wilhelm Ritter, der sich mit galvanischen Experimenten be­schäftigte, aus denen man philosophische Erkenntnisse im Sinne einer Suche nach der Weltseele zu gewinnen versuchte. Die übri­gen Haupt-Gesprächsthemen waren Religi­on und Poesie. Eine heute kaum noch nachvollziehbare Euphorie hatte die Gemü­ter der jungen Intellektuellen ergriffen. "Ich fühle es jetzt", schrieb Achim von Arnim wenig später ganz entsprechend der astro­logi­schen Erfahrung, "...daß eine gewaltige Dichtung durch die ganze Natur weht, bald als Geschichte, bald als Naturereignis her­vortritt, die der Dichter nur in einzelnen schwachen Wieder­klängen aufzufassen braucht, um ins tiefste Gemüt mit unendli­cher Klarheit zu dringen." In Napoleon sah er entsprechend wie auch bei Friedrich dem Großen eine Verkör­perung eines höheren Willens, der den einzelnen beruft, Über­menschliches zu leisten. Nicht in seiner per­sönlichen Überle­genheit liege seine "göttliche Übermacht", sondern er personi­fiziere lediglich den Geist der Zeit, meinte Arnim, der deshalb auch nicht nur ein ein­maliges Ereignis in dem Imperator sah. Diesen Geist der Zeit beschreibt sehr gut der folgende Text (1): "

Die Studenten in Halle bildeten einen eigenen 'Staat' und hatten die ganze Stadt, es waren für sie ja nur 'Philister', auf eine famose Weise ter­ori­siert, sodaß selbst die Professoren die Studenten zuerst zu grüßen pfleg­ten. Im täglichen und nächtlichen Treiben der un­ge­bärdigen Musensöhne, voll grotesker al­ter Sitten, lebte sich eine vorabsolutisti­sche, vorbarocke Vi­talität und Ungeniert­heit aus. Sie unterstützten einander viel­fach wirt­schaftlich, sie verachteten oft al­les Berechenbare und Berufsnützliche in ihrem tollen Jugendstaat, dem die meisten angehörten... In bunten Ka­rawa­nen, auf Pferd und Wagen, ziehen sie zum Lauch­städter Som­mertheater hin­über, wo sich Goethe von ihnen feiern läßt. Sie sind, bei aller 'Rohheit', von ungestümem Vereh­rungsdrang ent­flammt. Einmal wandert Ei­chendorff nach Leipzig, um Iffland spielen zu sehen. In den Ferien machen dann die Brüder (Eichendorff) eine große Wande­rung durch den Harz; unvergeßli­che Frei­heits­gefühle, Natur-Beseligungen! Dann geht es weiter bis ans Meer, wobei sie in Wandsbek zu gerne den geliebten Claudius besucht hätten. Sie trauten sich nicht; sie scheinen keine Empfehlung gehabt zu ha­ben."

Im Berliner Salon der Rahel Varnhagen trafen sich zu dieser Zeit viele Berliner Berühmtheiten, bei denen aber der Stand kaum eine Rolle spielte. Ludwig Tiek for­mulierte in seinem Auf­satz Die Ewigkeit der Kunst diesen neuen Gesellschaftsgeist so: "Statt nach außen geht hier die Ewig­keit gleichsam nach in­nen... Las­set uns darum unser Leben in ein Kunstwerk ver­wan­deln, und wir dürfen kühn­lich behaup­ten, daß wir dann schon un­sterblich sind."

Viele Jahre später beschrieb Eichendorff die Spaltung der Gei­stesmächte, welche da­mals, zu Beginn des Jahrhunderts, bestan­den hatte, als so furchtbar und zerreißend, daß es begreiflich sei, "wenn mancher wie Hölderlin verblutend auf dem Kampfplatz blieb".

Kommen wir noch einmal zu Alexander von Humboldt: als For­schungsreisendem gelangen ihm auf dem noch von vielen wei­ßen Flecken bedeckten Erdglobus tatsäch­lich einige bedeutende Ent­deckungen, so etwa die Entdec­kung des Casiquiare, eines Verbin­dungsarmes zwischen dem Orino­ko und dem Rio Negro, die durch eine Was­serscheide getrennt sind und zwischen de­nen man keine Verbindung für möglich ge­hal­ten hatte. Man muß sich den Rahmen vor Augen halten, in dem sich seine For­schungsreisen vollzogen. Er schildert selbst ei­nen Empfang, nachdem er vom Orinoko zu­rückkam (er war zu diesem Zeitpunkt noch so jung, daß man ei­gentlich noch nicht allzu viel über ihn wissen konnte):

"In Fontibon wies noch nichts auf die ganz nahe Residenz hin; wir fanden aber glän­zende Aufnahme. Die Vornehmsten Bogo­tas hatten sich hier versam­melt, um uns nach spani­scher Sitte zu bewillkommnen. Da war vom Vizekönig ein As­sessor ent­sendet und vom Erzbischof ein Sekretär; sodann trafen wir den Rektor der Bogotaer Hochschule... Nun hielt man von allen Sei­ten schöne Reden über das Interesse der Menschheit und die Aufopferung für die Wissen­schaft; Kom­plimente erfolgten im Nahmen von Vizekönig und Erzbischof. Alles klang unendlich groß, nur fand man mich selbst sehr klein und jung... Der dann folgende, in Bogota lang erwar­tete Einzug war sonderbar... Ich mit dem geistlichen Rek­tor im ersten sechsspännigen Wagen, Bonpland in dem zwei­ten, ebenfalls sechs­spännigen Gefährte; um uns her ein Schwarm von Reitern, der noch durch die von Bogota Entge­genkommenden sich vermehrte. In der Stadt die Fenster voll Köpfe... Alles versicherte, daß in der toten Stadt seit langen Jahren nicht solch eine Bewegung und solch ein Auf­stand stattge­fun­den habe. Wir sind ja Ausländer und sogar wunderbare Leute, welche die Stadt durchlaufen, um Pflan­zen zu suchen und ihr Heu nur mit dem der alten Mutis ver­gleichen wollen; mußte das nicht die Neu­gierde reizen? Da­zu der Umstand, daß der Vizekönig unsere Ankunft als ei­nen Akt von Wichtigkeit be­trachtet und befohlen hatte, uns auf's Feinste zu behandeln."

Nicht geringer war die Aufmerksamkeit, die man Humboldt selbst in den Metropolen entgegenbrachte. Er war eigentlich nur auf einer Durchgangsreise durch die Vereinig­ten Staaten gewesen, nicht länger als sechs Wochen, doch ist er nicht nur vom Präsi­denten Jefferson empfangen worden, son­dern es sind später nach ihm acht Orte in Kanada und den USA benannt worden, sowie drei Landkreise. Es gibt einen Hum­boldt-River, ein Humboldt-Reser­voir, einen Humboldt-Park usw. In Südamerika war es ähnlich, denn es gibt dort unter anderem ei­nen Humboldt-Strom (als Mee­resströmung) und viele gleichfalls nach ihm benannte Ort­schaf­ten. Solcher Ruhm erregt auch Wider­spruch, und so kann es nicht wundern, daß manche Kritiker einwenden, Humboldt sei so sehr mit Ruhm überhäuft worden, daß er den Rest seines Lebens damit zu tun hatte, ein diesem entsprechendes Werk nachzulie­fern und auch das vielleicht nie ganz ge­schafft hat. In der Tat sind seine Werke ja heute kaum noch zugänglich, während sein Nach­ruhm ungebrochen ist.

Kritische Geister sind aber entgegen allen gegenwärtigen Trends durchaus in der La­ge, ihre eigene Zeit aus gebührender Di­stanz zu sehen. Nicht wenige lächelten je­denfalls, als sich Byron für seine große Tat, die man als seine eigentliche politische Lei­stung bezeichnen kann, eigens einen golde­nen Helm mit Feder­busch anfertigen ließ, den er trug, als er zum ersten Mal grie­chi­schen Boden betrat. Es war sein persönli­cher Anstoß zur Be­freiung Griechenlands, die er aber nur vollbringen konnte, weil er bereits zum Mythos gewor­den war. Byron, der stets verhin­derte Tatmensch, der sein Leben lang von der "Tat an sich" träumte (was immer er auch darunter verstand) und der deshalb seine Schreiberei nur gering achtete, hatte hier endlich seine große Ge­legenheit zur Selbstinszenierung. Die Men­schen und - was ihm immer besonders wichtig war - zumal die Frauen warfen sich ihm zu Füßen: nur auf seine Person setz­te das griechische Volk, nur er war in dieser Zeit stark genug, ihrer nationalen Idee ge­nügend Kraft zu verleihen, die sie zur Selbstbefreiung von den Osmanen beflügeln konnte. Unter Pluto in den Fischen (und dem gleichzeitigen Durchgang von Uranus und Neptun durch den Schützen) war der Philhellenismus zu einer gesamteuropäi­schen Idee geworden, die sonderlich in den Köpfen der Intellek­tuellen spukte und in diesem Akt gipfelte, der al­lerdings und durchaus konsequenterweise erst 1824 vollzogen wurde, als Pluto in den Widder wechselte. In unzähligen Gedich­ten, Bil­dern und Liedern war diese Idee immer stärker geworden, und vor allem Byron galt als der Verkünder Griechenlands. Er hatte das Be­wußtsein der Gebildeten so sehr in diesem Sinne be­einflußt, daß selbst die Großmächte es nicht mehr wagen konn­ten, gegen das griechische Volk auch nur indi­rekt die Türken zu unterstützen. Byron schien sich immer in seiner Rolle als be­rühmter und skan­dalumwitterter Autor zu gefallen. Seine Kritiker rügten den un­mora­lischen Charakter seiner Werke und sahen in ihm sogar den Führer einer 'satanischen' Schule. Byron selbst äußerte sich später so: "Ich bereue jetzt nicht die wenigen Sünden, die ich begangen habe, sondern die vielen, die ich nicht begangen ha­be." Er wurde als 24-jähriger mit der Veröffentlichung seines Childe Herold prak­tisch über Nacht be­rühmt. Seine Zeitgenos­sen identifizierten sich mit seinem Helden, der das Schicksal gegen sich hatte. Sein Leben lang enga­gierte er sich für solche Menschen, die sich gegen ein übermächtiges Schicksal auflehn­ten - er enga­gierte sich sogar für Kain, der die göttli­che Ordnung in Frage stellte. Er setzte nur auf die Kraft sei­nes eigenen Gei­stes und strebte einzig nach bedingungslo­ser Er­kenntnis, wobei er sich weder Gott noch dem Teufel zu unterwer­fen gedachte. Dabei emp­fand er selbst, daß er sich im Laufe der Jahre immer mehr von seinem ei­gentlichen Ziel entfernte, das er kaum noch fassen konnte. Das war der Grund seines Weltschmer­zes, mit dem er sei­nem Zeit­geist Ausdruck verlieh. Kampf und Schmerz waren seine eigentlichen Wegbe­gleiter, aber gerade sie halfen ihm zu sich selbst, denn sein eigentliches Ziel sah er am Ende doch in die­ser Möglichkeit zur Selbsterfahrung: "...zu spüren, daß wir exi­stie­ren, wenn auch mit Schmerzen." Das, worum es hier geht, ist im Grun­de nichts anderes als der Wunsch nach der Auflösung des Ichs in der Allbeseeltheit der Natur: das ist es, was wir mit den Fi­schen verbinden. Wie sein Freund Shelley besaß Byron übri­gens eine geradezu fanatische Liebe zum Wasser (Fische). Er mietete sich ein Haus hoch über dem Genfer See und besuchte mit Shelley von hier aus gemeinsam in ei­nem Segelboot jene Stätten, an de­nen Rousseaus Roman Die neue He­loise spielte. In diesem Haus entstand auch sein Drama Manfred, der ebenfalls ein typi­scher Byron-Held war - ein Mensch, der durch eine verbotene Liebe große Schuld auf sich geladen hatte und danach nur noch ein Ziel kannte: Vergessen und die Befrei­ung vom eigenen Ich.

Das erste Viertel des 19. Jahrhunderts war auch die Zeit des deutschen Idealismus und der Naturphilosophie, als deren Ver­treter vor allem Schelling gilt. Diese Philosophie ist immer sehr massiv angegriffen worden, man hat ihr sogar vorgeworfen, daß sie die eigentliche Schuld an dem ver­späteten Ein­tritt Deutschlands in das Industriezeital­ter trage. Schelling hat be­reits zu Lebzeiten sehr an seinem Kon­flikt zu dem neuen Wis­sen­schaftsgeist gelitten, aber auch seine Philoso­phie ganz bewußt im Gegensatz zu diesem entwickelt. Er sah die Natur nicht me­chanisch, sondern - wie er selbst es aus­drückte - dynamisch:

"Könnte man mich nur davon überzeugen, daß sie im bloßen Mechanismus be­steht, so wäre meine Be­kehrung sogleich voll­bracht; dann ist die Natur un­leugbar tot, und jeder andere Philosoph kann recht ha­ben, nur ich nicht... So er­geht es jetzt Herrn Fichte. Er ist in der Physik wie in der Philoso­phie ein bloßer Mechaniker; nie hat eine Ahnung vom dynamischen Le­ben sei­nen Geist er­leuchtet."

Fichte selbst griff Schellings Naturphiloso­phie an: sie münde in Schwärmerei, meinte er, und sei in ihrem Wesenskern unwis­sen­schaftlich, überspringe die Ergebnisse der Erfahrungswissen­schaft und führe zur un­kritischen Ästhetisierung und Vergöttli­chung der Natur. Wir sehen, daß diese Kri­tik sich in der Tradi­tuion Galileis sieht, die auf rigorose Ausschaltung aller qua­litativen Momente der Natur zielte, die als unwis­senschaftlich und subjektiv empfunden wurden. Für Schelling dagegen sind Geist und Natur wesensverwandt, sie stehen sich nicht fremd ge­genüber, sondern durchdrin­gen sich gegenseitig. Es wird dabei leicht verkannt, daß Schelling keineswegs die Er­gebnisse und Erfahrungen der Wissenschaft ignorierte oder geringschätzte, er leugnete nur deren allgemeingültigen Erklärungscha­rakter und kriti­sierte die unkritische Art und Weise, in der die Teiler­gebnisse verall­gemeinert wurden. Schelling zeigte sich in na­turwissen­schaftlicher Hinsicht alles ande­re als inkompetent. Seine Auf­fassung von Licht, Elektrizität und Magnetismus hat so­gar erst das Fundament für die Entdeckun­gen Maxwells und Faradays ge­schaffen, mit denen die Newtonsche Physik zum ersten Mal gründ­lich erschüttert wurde. Beson­ders läßt sich das bei deren Vor­gänger Or­sted nachweisen, der sich ausdrücklich auf Schelling bezog. Schellings Sicht der Natur als eines "Autonomischen, sich selbst Set­zenden und Betätigenden" - insofern ganz im Sinne unseres Postulates -, deren Tradi­tion bis heute unge­bro­chen ist und von Giordano Bruno und Spinoza bis zur heute wie­der sehr aktuellen sog. Selbstorganisati­onsde­batte geht (die sich allerdings noch weitgehend szientistisch sieht, bzw. durch die ihr zugrundeliegende Annäherung an mystisches Denken die szientistische Posi­tion zu retten sucht, indem sie dieses mit einer wissenschaftlichen Terminologie durchsetzt), wurde dabei, wie er selbst es sah, durch die Entdeckun­gen der Experi­mental­physik bestätigt und zum Teil über­troffen.

Die Denkweise Schellings war aber be­zeichnend für die Romantik, die sich be­wußt in Gegensatz zu dem allzu rigorosen Vernunft­denken der Aufklärer setzte. Man wollte zwar den Intellekt nicht leugnen, setzte aber gleichrangig neben ihn das Ge­fühl, auch das Unbewußte und die Sehn­sucht nach allen jenen Dingen, die den All­tagsgeist überschritten. Für diese Haltung gab es allerdings auch soziologische Grün­de: sie entstand aus einem Gefühl der Ent­fremdung besonders der kritischen Jugend gegen­über der neuen gesellschaftlichen Realität, die zunehmend vom Besitz- und Erwerbsbürgertum bestimmt wurde und je­de Perspek­tive vermissen ließ. So schlossen sich die Romantiker in beson­deren Gruppen zusammen - in Deutschland insbesondere in Berlin und Jena, in denen man den Indivi­dualismus bewußt pflegte und betonte. Die napoleonische Fremdherrschaft hatte die deutsche Kulturnation immer mehr politi­siert und ihr dadurch erst eine klare Idee ihrer eigenen Identität gegeben, die nach Verwirkli­chung verlangte. Als aber nach dem Wiener Kongreß von 1815 die Restau­ration erstarkte, sahen sich die jungen Intel­lektuellen in ihren Erwartungen getäuscht und flüchteten sich in eine ei­gene Welt, da man ihnen im Alltag kaum die Möglichkeit ein­räumte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen. Die all­tägliche Welt wurde ih­nen immer bedrückender, und so flüchteten sie sich entweder in gesellschaftliche Uto­pien oder in die Ge­schichte, vornehmlich in das Mittelalter. Insofern waren die Roman­tiker sowohl progressiv als auch teilweise reaktionär, je­denfalls aber abseitig, ganz im Sinne des Fische-Archetypus. Wenn sich so aber scheinbar die Restauration hatte durchsetzen können, so sagte das nichts über die unterschwelligen Bewegun­gen, in denen sich bereits die Revolution von 1848 vorberei­tete.

Sehr bezeichnend zeigt sich die Zeitstim­mung in Gericaults be­rühmtem Gemälde Das Floß der Medusa, das er übrigens in vie­len verschiedenen Variationen immer wieder malte. Der Maler hatte sich dabei von dem Bericht über ein tatsächliches Er­eig­nis anregen lassen: das Bild zeigt Schiffbrüchige, die auf ei­nem einsamen Floß mitten auf dem Ozean treiben und da­bei mit dem Tode ringen. Er steigerte sich in diese Vorstel­lung hinein und entsprach dabei, wie es immer ist, wenn etwas be­deutsam wird, genau dem ar­chetypischem Ausdruck seiner Zeit, den auch die Be­trach­ter emp­fanden, was wiederum den Erfolg des Gemäldes erklärt. In diesem Bild wird der Fische-Archetypus mehrfach aus­gedrückt - zum ei­nen durch das Element des Wassers, zum an­deren durch die Ver­lassen­heit und das Ausgeliefertsein in einer feindlichen Umge­bung, zum dritten in der Auflösung aller zwi­schenmenschlichen Konven­tionen


1 Paul Stöcklein: Eichendorff, Reinbek 1963, S.56.

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